Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 66 (20.8.1937)
- Date
- 1937-08-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 4 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 66, 20. VIII1937 Wir haben im letzten Jalir für diese neuen Punkie ungefähr 1; 70 f)Oü ausgegeben. Davon hat die Jewish Agency aus den Mitteln des Keren Hajessod, der Deutschen Abteilung und der Wassergesellschaften £ 40 000 beigesteilt. Wir haben vom Keren Kajcmeth verlangt, daß er sich an der großen Arbeit, die seinen Boden sichert, beteilige, und er hat über £ ISO!)() zu dieser Arbeit zugeschoesen. Aber die insgesamt £ 70 000 sind nur ein Anfang. Wir haben die große Verantwortung, diese Pioniere nicht im Stich zu lassen, und wir benötigen im nächsten Jahr für diese Punkte wieder eine Summe von £ 80 000. Wer das Glück hatte, mehrere Jahre in Erez Israel zu leben und das Land aus persönlicher Erfahrung gut kennt, wird .zugeben, daß es im Vergleich mit der Lage im Jahre 1926 jetzt einen gewaltigen Unterschied gibt. Wir haben nicht nur an Zahl *!!genommen, sondern sind reicher geworden, haben liefere Wurzeln im Lande geschlagen und unsere Selbstsieherheit ist gestiegen. Ls herrscht in Erez Israel keine Panik. Es gibt fast keine Abwanderung von K a - pital und Menschen. Die Depositen in den Banken werden auch jetzt noch, auf die ungeheure Summe von ungefähr 17 M i Ilion en Pfund geschätzt. Nach der Regierungsstatistik ist die 7311! der Menschen, die Palästina in den letzten fünf Monaten für immer oder für längere Zeit verlassen haben, eine sehr geringe, etwa 400. Die Moral des Jischuw kann als ungebrochen bezeichnet werden. Auch während der Berichtsperiode ist eine Reihe von neuen Privatunfernehnmngen entstanden. Aber trotzdem übt das Privatkapital starke Zurück- Haltung, die Millionen liegen in den Banken still und der Kapitalzustrom ist bedeutend geringer geworden. Obvvohl es keine Beschränkung der Einwanderung für die Kapitalistenkategorie gibt, ist ihr Zustrom geringer geworden — in den letzten sieben Monaten beträgt er ungefahr 100 pro Monat, gegenüber 500 pro Monat im Jahre 1935. Es ׳ gibt eine gewisse Arbeitslosigkeit unter den Arbeitern, aber vielleicht noch ernster ist die Existenzlosigkeit mancher anderen Kreise. Hauptsächlich betroffen ist die Lage des Mittel- Standes, der bei seiner Existenz vorwiegend auf gute Arbeitslöhne der Arbeiter und auf die Einwanderung angewiesen war. Der allgemeine Lebensstandard ist gesunken, die Kaufkraft ist vermindert und darunter leidet der Händler, der Kaffeehausbesit/er und der Industrielle. W'ir haben außer dem regulären Budget sozusagen einen ״Kriegsetat“' verlangt. W'ir haben den Mifal Bizzaron proklamiert und haben uns an die Bewegung mit der Forderung gewandt, £ IKK)(XX) für diesen Zweck aufzubringen. Erez Israel hat für seinen Fonds ״F.sra u׳ Bizzaron“ £ 50000 aufgebracht. Ich muH mit Bedauern sagen, daß alle übrigen Länder uns für diesen Zweck bis heute nur £ 110000 gegeben haben. Gewisse Gelder befinden «ich aber noch in den Llindern und auch in Amerika wird die Arbeit noch fortgesetzt. Wir nehmen an, daß der Mifal Bizzaron uns im ganzen einen Betrag von £ 180 (K)0 bis 2(X)000 bringen wird. Die neu geschaffenen Mittel haben uns in die Lage versetzt, einen Teil der Forcierungen zu erfüllen, die an uns gestellt wurden. Wir haben bisher £ 125 000 aus diesen Mitteln verwendet. Mit Hilfe dieser Gelder haben wir auch Ciarantie-Fonds für die Industrie und den Handel geschaffen, die es der Anglo Palestine Bank ermöglicht haben, mittelfristige Kredite zu leichteren Bedingungen in einem Gesamtbetrag von Zehntausenden von Pfunden zu geben. Dies« Mittel haben uns auch instand gesetzt, den Kolonisten, die jüdische Arbeiter beschäftigen, zu Hilfe zu kommen. Zusammen mit dern Arbeitslosen-Fonds der Arbeiter- Organisation haben wir einen Garantie-Fonds geschaffen, der es der Anglo Palestine Rank und der Arheiterbank ermöglichte, solchen Kolonisten Kredite in der Hölre von £ 30 00() zu gewähren. Fm Jahre 1936 hat sich die Zahl der jüdischen Arbeiter in Palästina um ungefähr 20 000 erhöht Vor uns stand die Frage, diese neuen Arbeiter zu beschältigen und die Tausende von Arbeitern, die im Bauwesen und in der Industrie frei wurden, in andere Zweige der Wirtschaft überztiführen. Der größte Teil dieser Arbeiter wurde in verschiedenartigen Ernhenmgspositioncn untergebracht. Wir haben alte Positionen, die uns verloren gegangen waren, wiedererobert,;!her auch eine ganze Reihe von Positionen neu erobert. Wir haben einen Teil dieser Menschen in der Verteidigung, einen anderen Teil in den öffentlichen und Regierungsarbi-iten und einen sehr großen Teil in der Landwirtschaft untergebracht. Ich halte cs für meine Pfliciit, zu betonen, daß der!)rangen bau uns in diesem Jahre geholten hat, dnrcii/uhalieri und die Arbeitslosigkeit zu ver- 1n,eiden. Ms hat Tage gegeben, wo die Zahl der in den Kolonien beschäftigten jüdischen Arbeiter 15 (XX) betrug. Fs gab Zeiten, wo alte Kolonien, in denen früher die Frage Kongreß-Beschlüsse Der Kongreß nahm u. a. folgende Beschlüsse an: Schabbatruhe Der XX. Kongreß verpflichtet die neue Exekutive, dafür Sorge zu tragen, daß der Luzerner Beschluß betreffend Schabbatruhe mit allen geistigen und gesetzlichen Mitteln und in Uebereinstimmung mit der Verfassung der Zionistischen Organisation»zur Ausführung gebracht werde. Passives Wahlrecht In Ausführung des Beschlusses des XIX. Zionistenkongresses, wonach bei Wahlen zum Zionistenkongreß und in alle zionistischen Körperschaften das passive Wahlrecht aller Kandidaten an den Nachweis der Erfüllung der KH- und KKL-Pflicht gebunden ist, beschließt der XX. Zionistenkongreß, daß das Kongreßgericht Vorkehrungen zu treffen hat, auf Grund welcher Einsprüche gegen die erfolgte Wahl von Zionisten wegen Verletzung der genannten Pflichten geprüft und die betreffenden Wahlen im Falle der Verurteilung als ungültig erklärt werden können. Zahl der Kongrefldeie gierten Der Kongreß beschloß auf Antrag der Organisation«- Kommission, die Höchstzahl der Kongreßdelegierten mit 300 festzusetzen (bisher betrug die Höchstzahl 400). (Den Bericht über die weiteren Kongreßbeschlüsse veröffentlichen wir in der nächsten Nummer. Red.) der jüdischen Arbeit sehr oft eine brennende war und zu vielen Konflikten führte, in diesem Jahre tast 100 «,0 jüdische Arbeit hatten. Wie gesagt — wir haben Tausende von Arbeitern in die öffentlichen Arbeiten und Regierungsarbeiten hineingebracht, wie auch in die Hafenarbeit. Es sind jetzt ungefähr 1000 jüdische Arbeiter in den Hafenarbeiten beschäftigt. Dadurch haben wir eine neue Arbeitsquelle eröffnet und ich glaube, daß sich die Arbeitsmöglichkeiten am Meer noch sehr erweitern ließen. Ruppin hat hier gesagt, daß große Leistungen nur durch Optimismus geschaffen werden können. Ich kann hinzufügen, daß die Erfahrungen der letzten zwei Jahre, die wir gemacht haben, unseren Optimismus auf dem wirtschaftlichen Gebiet nur gestärkt haben. Eine Gruppe, die unter Leitung Dr. R11 p p i n s steht, hatte die Aufgabe auf sieh genommen, auf Grund der gesammelten Erfahrungen einen Plan auszuarbeiten, wie man in den nächsten zwei bis drei Jahren 200 000 Juden nach Palästina bringen und dort wirtschaftlich verwurzeln kann. Und es zeigte sich, daß es sehr viele ökonomische Möglichkeiten gibt. Sie haben einen Zweig der Wirtschaft nach dem anderen durchforscht und dann mit dem Bleistift in der Hand eine Rechnung gemacht, wieviel Geld wir dazu brauchen werden. Es wurde berechnet, daß ein Kapital von 35 000 000 Pfund notwendig ist. In den vier Jahren von 1932 bis 1935 haben Juden in Palästina über £ 80 000 000 investiert und 150 000 Juden hereingebracht. Der Plan wurde hauptsächlich darauf aufgebaut, einen großen Teil des Imports des jischuw (ungefähr die Hälfte) durch eigene Produktion zu ersetzen. Es wurden nur die Produktionszweige in Betracht gezogen, deren Lehensfähigkeit in Erez Israel durch die Erfahrung bewiesen wurde. Es wurde dabei auch in Befracht gezogen, daß gewisse Uniernehmungen nur dann in Erez Israel existieren können, wenn für sie im Lande selbst ein bestimmtes Minimum von Absatz, möglich ist. Denn nur auf Grund eines gesicherten Minimums auf dem Inlandmarkte kann man in einem breiteren Ausmaß den Export entwickeln, zu dem bisher nur geringe Ansätze gemacht wurden. Das hat auch die Erfahrung in allen anderen Ländern gelehrt, in denen die Regierring den Inlandmarkt für die Industrie- und Landwirt- Schaftsproduktion in Schutz nimmt. Auch der Frage des Exports werden wir mehr Aufmerksamkeit widmen müssen. Kurz vor meiner Abreise habe ich zusammen mit der Vereinigung der Industriellen und der Anglo Palestine Bank eine Gesellschaft zur Förderung des Exportes geschaffen. Diese Fragen wurden auch sehr eingehend zwischen uns und der Konsumgenossenschaff ״Tnuwali״ im Hinblick auf die landwirtschaftlichen Produkte besprochen. Ich möchte nur wenige Ziffern anführen, um einen Be* griff zu geben, welche Möglichkeiten sich der Landwirt- Schaft eröffnen, wenn der Inlandsmarkt geschützt und rieh״ tig organisiert wird. Laut verschiedenen Berechnungen gibt der jüdische Jischuw ungefähr zwischen £P 4 500000 bis 5 000 000 für landwirtschaftliche Produkte aus. Hiervon produzieren wir selbst bis heute nicht mehr als 20 «/#; ungefähr 20 °,ö produziert die lokale arabische Bevölkerung und 60 ‘1o importieren wir. Wenn ich nun die Importpreise (nicht die Detailpreise) ansetze, so bedeutet das einen Import von £P 3'Millionen an landwirtschaftlichen Produkten. Und von diesem Import verbrauchen die Juden ungefähr 70 ®/o. Die Tnuwah, die den überwiegendsten Teil des jüdischen Marktes mit!andwirtschaftlichen Produkten versorgt, hat ihren Umsatz in den letzten vier bis fünf Jahren verdreifacht, aber auch in diesem Jahre hat ihr Umsatz den Betrag von ungefähr £P WO 000 nicht überstiegen. Ich sprach vorhin über die Möglichkeiten, die mit der Meer Wirtschaft verbunden sind. Wenn es uns gelingen würde, in dieser Wirtschaft £P 800 000 bis 1000 000 zu investieren, so könnten wir etwa 1600 neuen jüdisehen Familien sichere Existenz verschaffen. Erlauben Sie mir noch eine Bemerkung im Zusammenhang mit diesem Plan: Die Ziffer von £P 35000 000, über die ich vorhin gesprochen habe, teilt sich in drei Teile: £P 15000 000 reines Privatkapital, ungefähr £P 15 0 00 000 geschäftliches Kapital, wie etwa Hypothekenkapital, das aber ebenfalls auf rein kommerzieller Basis ausgegeben wird, und ungefähr 5 000 000 natio* nales Kapital, das uns ermöglichen soll, die Wirtschaft zu regulieren und aufzubauen. Ich habe absichtlich diesen Plan hier skizziert, der manehern ein wenig phantastisch erscheinen wird, um aut die ökonomischen Möglichkeiten in Erez Israel und unseren Glauben an die Zukunft hinzuweisen, wenn cs uns gelingt, das jüdische Volk für Erez Israel zu organisieren. Leider befinden wir uns jetzt nicht in einem Stadium von Vorbereitungsplänen für die nächsten Jahre, sondern haben schwere Sorgen um die nächsten Tage. Ich habe über unsere Arbeit und unseren Kampf in den letzten zwei Jahren erzählt. Das nächste Jahr, bis sich der politische Horizont etwas klärt, bis der Zustand der Unsicherheit und Unbestimmtheit, der so sehr das ökonomische Leben in Erez Israel bedrückt, vorüber sein wird, — das nächste Jahr kann an uns noch größere und schwerere Anforderungen stellen. Ich muß gestehen, daß ich, wenn nicht die sofortige Mobilisierung aller unserer Kräfte erfolgt, keine Möglichkeit sehe, wie wir imstande sein werden, den Forderungen der nächsten Wochen nachzukommen. Mir obliegt es, ein Budget vorzuschlagen. Ich gebe offen zu, daß ich nicht weiß, wie ich es autbauen soll, damit die minimalen Forderungen befriedigt werden. Wir haben in den letzten zwei Jahren über £P 400000 in der Landwirtschaft investiert außer den Mitteln, die von der Deutschen Abteilung zugeflossen sind. Um uns eine normale Arbeit auf dem Gebiet der Kolonisation zu ermöglichen, wobei wir unsere Verpflichtungen gegenüber dem vom letzten Kongreß bestätrgten Plan der Kolonisierung von 2300 Familien in Betracht ziehen, und gegenüber den Familien, die in den fünfzehn neuen Siedlungspunkten untergebracht wurden, ist eine Minimalsuni me von ungefähr 330000 Pfund erforderlich. Wenn ich nun die normalen Eingänge des Keren Hajessod in Betracht ziehe, sehe ich für diesen Zweck ein knappes Drittel. Ich erinnere auch an die politische Arbeit und an die Aufgaben der Sicherheit, für die ich im Rahmen des regulären Budgets kaum irgendwelche Beträge sehe. Die Industrie verlangt, daß wir sie starken, daß wir die Garanticfouds vergrößern und einen neuen Fonds für Konsolidierungskredite ermöglichen. Wir haben unsere Hilfe für die Industrie in den letzten Monaten erweitert Wir haben uns nicht mit Gewährung von Krediten begnügt. In mehreren Fällen haben wir durch Experten eine weitgehende Untersuchung von verschiedenen Unternehmungen vornehmen lassen, die Kredite verlangt hatten. Wir haben eine Ständige Kommission für die Industrie geschaffen, an der sich der Vertreter der Anglo Palestine Bank, der Vereinigung der Industriellen und unsere Vertreter beteiligten. Diese Kommission hat sich an uns mit der Forderung gewendet, im nächsten Budget für Hilfe an verschiedene Arten von Industrien eine Summe von EP 30—35 000 sicherzustellen; wir sind aber nur imstande, einen Bruchteil dieser Summe_ in das Budget einzusetzen. Ich könnte die Reihe der Beispiele noch fortsetzen. Ich wende mich an den Kongreß und durch den Kongreß an die Bewegung, eine außerordentliche Anstrengung zu machen, um uns die notwendigen zusätzlichen Summen zu verschaffen. Ausklang des Kongresses hs. — Der Kongreß Ist vorüber, es regnet. Länger als eine Woche hat er, selbst oft genug sich überhitzend, in hochsommerlicher Hitze getagt, dann sind, aus den Bergen hervor, die Wolken über den See gezogen und haben sich über die Stadt Zürich ergossen. Eine Regenzeit beginnt, fast schon herbstlicheT LHmst macht die Luft zu einer Schwester des Wassers und kühlt die Stadt aus. Die Hitze ist nur noch eine Erinnerung. Der letzte Tag des Kongresses, der Montag, wirkt wie ein turbulenter Eilmarsch am dem Sommer in den Herbst, aus der Uebersteigerung der Gemüter in die Selbstbesinnung, aus der Ueberreiztheit in die Beruhigung. Noch einmal ist das Stadttheater von der Bühne übers Parkett bis zur Galerie brechend voll. Auch die Tageskarten sind amverkauft. Viele Nichtjuden haben sich Plätze gesichert, um das Schauspiel des letzten Kongreßaktes zu erleben. Sie kommen auf ihre Kosten. Denn noch einmal sammelt sich die ganze Leiden- Schaft des Kongresses um die Wahlen und seine ganze Würde um die Schlußreden. Der Kongreß schließt mit einem Höhepunkt. Ussischkin sitzt wieder auf dem Präsidentenstuhl, der junge Alte. Grossmann von der Judenstaatspartei will zu einer großen Philippika gegen die Mehrheit ausholen. Er schleudert ein paar Sätze wie Bomben in den Saal. Aber Ussischkin fällt ihm in den Arm und in die Rede. Das Fähnlein um Grossmann reagiert darauf mit übertriebener Stärke der Stirnmen und der Stimmung. Es ist wie ein krachendes Gewitter von ein paar Minuten. Dann geht der Wahl- und Abstimmungsprozeß weiter. Stillschweigend einigt man sich im lhäsidium und unter den Delegierten auf das Eiltempo. Und dann steigt eine Schlußrede nach der andern. & ist in der Tat ein Anstieg. Der amerikanische Rhetor Stephen Wise greift von allen nach den höchsten Tönen. Dieser in der Erscheinung so ruhige Mann zittert und bebt vom Pathos für Erez Israel. Seine ״westliche“ Gelassen lieft übertrumpft nun alles Oestliche. Er spricht für die ״Neinsager“. Er sagt ia und immer wieder ja zu der gemeinsamen jüdischen Zu- Ktinft. Et reißt viele mit — auch die, die nicht jedes Wort seiner englischen Rede verstehen. Der Geist der Einigkeit steht am Schluß des Kongresses wie ein Wegweiser in die Zukunft. Unter atemloser Stille tritt W e i z m a n n ans Pult. Er ist ein Meister der leisen Rede. Auch ein Meister der kurzen Rede. Er versteht es, mit skeptischen Worten Vertrauen zu säen. Verbeugungen zu machen und Schmeicheleien zu sagen, ist nicht seine Art. In wenigen Worten spricht er Dank und Anerkennung nach allen Seiten aus, aber er verweilt nicht dabei. Sein Blick und sein Wort geht in die Zukunft, in die, wie er zu betonen nicht müde wird, schwere Zukunft. Er verbirgt seine Unruhe nicht, er braucht sie nicht zu verbergen, denn alle wissen und vertrauen darauf, daß es eine schöpferische Unruhe, die Unruhe der Arbeit und des Vorwärtsstrebens ist. Das Schlußwort hat der Präsident Ussischkin. Er hat den Präsidenten-Hammer beiseite gelegt. Er ist nun ganz der Patriarch, der Wortführer der alten Garde, und auch er ruft zur Einigkeit, zur Treue und zum Opfer für die Idee auf. Als die Tausende die Hatikwah anstimmen, scheint ihr Rhythmus getragen zu sein vom Geist eines einigen, zukunftssicheren Volkes. Der XX. Kongreß ist zu Ende. Die Teilnehmer zerstreuen sich in ihre Quartiere und In die Lokale der Stadt. Wohin man kommt, trifft man auf debattierende Gruppen. Es ist, als oh der Kongreß noch einmal beginnen sollte. Es finden Fraktionssitzungen, Bespiechungen von Ausschüssen und Komitees statt. Wie es Weizmann sagte und verlangte: der Kongreß ist zu Ende, die Arbeit beginnt. Schon sieht man einzelne nichtzionistische Mitglieder det Jewish Agency auftauchen — Rat und Tat kennt keine Pause. Der Regen rauscht durch die Nacht und den folgenden Tag. Zürich ist auch im Regen schön. Auch im Regen bieten Stadt, See und Berge einen bewegten und bewegenden Anblick. Man trennt sich schwer davon. Und in der Tat scheint der erste kongreßlose Tag nicht den Abschied zu bringen, sondern Anlässe zu neuer Sammlung und Gruppierung. Einer davon ist die vormittägliche Vorführung von palästinensischen Wochenschauen aus den letzten zwei Jahren, von Bildberichten aus der Zeit vom XIX. bis zum XX. Kongreß, Das ist «ine höchst spannende und ebenso belehrende Zusammenstellung aus dem friedlichen und kriegerischen Leben de* jüdischen Landes. Wir hören den großen Bürgermeister von Tel Aviv reden, wir selten, wie er zu Grabe getragen wird, und wir nehmen Notiz von seinem Werk und Vermächtnis. Die Unrast der Arbeit und des Aufbaues wie die der Rebellion und der Zerstörung zieht an uns vorüber. Das Land Palästina zeigt sein Inneres und Wesent- Iiches, der Hafen von Tel Aviv entsteht, Jugend arbeitet, singt und trainiert, Bäume werden gepfianzt, Steine zertrümmert, Humus aufgeschüttet. Motore rattern, Traktoren ziehen neue Spuren. Immer wieder: Schönheit des Landes, Arbeit der Menschen, Neubeginn des Volkes. Ein herrliches, herrlich ermutigendes Dokument ist dieser Bildbericht aus zwei Jahrcn. Denn Land und Volk atmen, untrennbar, ln ihm. Besonders gelungen — eine filmtechnische Delikatesse — sind ein paar Aufnahmen vorn Spiel des Theaters ״Matatfi“״ Wie da, in je einer Szene, die Zeit der Unruhen und die Begeisterung für Toscanini spielgerecht ansgedeutet werden, wie witzig, überzeugend und plastisch, ist m der Idee und in der Ausführung gleich ausgezeichnet. Das ist wirklich schon, wonach wir alle so großes Verlangen haben, ein guter Versuch zu jüdischer Kunst. Ebenso eindrucksvoll sind auch die Ausschnitte und Bildwerke, die aus dem Tel- Aviver Museum gezeigt werden — hervorragende Büsten von Weizmann und Drzengoff und einige Landschaftsbilder. Auch ein paar in Europa wenig bekannte Bauten werden sichtbar, die sich sehen lassen können. Es zeigen sich vielfältige Ansätze zur Form, Ansätze zu neuen Lebens- und Kunstformen. Von Form und Bild führt der Blick und Gedanke immer wieder zurück zum Menschen, der der wahre Mittelpunkt dieses Kongresses war, zu dem jüdischen Repräsenianten des Landes am Jordan, zu den Männern und Frauen, die das neue Judentum durch die Tat in sich verwirklicht haben und heute schon nicht bloß die Gruppe des Volke», sondern dieses selbst darstellen. Sie haben, inmitten so vieler Juden aus allen Herren Ländern, die Physiognomie des Kongresses bestimmt. Denn sie sind die ״Inländer“, sie repräsen- Tieren die Heimat, den Stamm, den Kern, und die anderen, wir anderen sind, ob wir wollen oder nicht, die Juden des Auslandes, der Peripherie, der Zerstreuung. Sie sind die kompakte Minorität, und wie lange sie es auch noch bleiben mögen, so sind sie und werden immer sein: die Menschen des jüdischen Blick- und Zielpunktes. Die schönste Erinnerung aber, die man vom Kongreß mitninimt, besteht darin, daß er sie erneut und betont in den Mittelpunkt von uns allen, von allen Juden der Welt gestellt hat — als ... Assimilierte der Heimat, ihres Bodens, ihrer Luft und ihres Geistes: ״Hebräervolk!“