Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 66 (20.8.1937)
- Date
- 1937-08-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 66, 20. VII!. 193T JÜDISCHE RUNDSCHAU Seife 3 Weizmanns Entgegnung O C9 Nachdem noch mehrere andere Redner gesprochen haben, ergreift in später Nachtstunde Dr. Weizmann das Wort zu seiner Entgegnung. Er!egt zunächst dar, daß eine Verständigung mit den Arabern, die von den Juden immer erstrebt worden ist, deswegen unmöglich ist, weil die Araber sich das Recht Vorbehalten wollen, über die jüdische Einwanderung nach Palästina zu bestimmen. Das aber können die Juden niemals zugeben. Denn für die Zionisten ist Palästina ein Land sui gencris, nicht ein Land wie andere Einwanderungsländer, bei denen die Ein- Wanderungsquote von den Regierungen vorgeschrieben wird, sondern ein Land, bei dem die Juden selbst das Recht haben müssen, soviel Menschen hineinzubringen, wie überhaupt möglich ist. Wenn die Araber das nicht zugeben, dann kann es keine Verhandlangen geben. Weizmann spielte im weiteren Verlauf seiner Rede darauf an, daß von Felix Warburg ein Mann nach Genf geschickt worden ist, um mit den Arabern zu verhandeln. Weizmann sagte, wenn ein Mann, der die ganze Vergangenheit nicht kennt, nach Genf kommt und von den Arabern einige freundliche Worte bekommt, dann ist es für ihn leicht zu berichten, die Araber seien bereit, mit den Juden zu verhandeln. Wir haben diese Arbeit viele Jahre hindurch versucht, und es war für uns schwer. Ihm aber war es leicht, weil er einen anderen Weg zu gehen bereit ist; wir aber mi ssen unseren Weg gehen. Felix Warburg hat daran erinnert, daß, als die Agencv gegründet wurde, keine Rede von einem Judenstaat war. Das ist richtig, aber es war die Rede von einem National heim. Welcher prinzipielle Unterschied besteht zwischen den beiden Dingen? Ein Staat ist nur eine juristische Form, die die Engländer offen gelassen haben. Aber auch ein Nationalheim ist etwas wesentlieh anderes, als es in irgendeinem anderen Einwanderungslande gibt. Der Judenstaat ist auch nicht unser Vorschlag, sondern er ist durch den Druck der Verhältnisse aufs Tapet gekommen. Weizmann wandte sich dann gegen die anderen Redner dieser Debatte, die den Vorschlag bekämpft haben, insbesondere gegen Ussischkin, und führte aus, es komme aut die Frage an, wie kommt man vom Fleck, ich glaube, der Vorschlag gibt uns eine Möglichkeit, weiter zu kommen. Wenn erst eine Million Juden da sind, dann sind wir eine große Kraft. Weizmann wandte sich gegen Magnes’ Erinncrung an Sabbatai Zwi. Niemand von uns, so betonte er, behauptet, daß wir die materielle Judennot lösen können, auch nicht durch eine große Immigration nach Palästina. Wir glauben aber, daß wir einen Beitrag zu dieser Lös u 11 g schaffen können. Ich glaube im Gegensatz zu Magnes, daß eine Verständigung mit den Arabern Zustandekommen wird, und zwar auch mit den AraWfcrn in den Nachbar- Staaten, wenn wir diesen Staat auf hauen; denn die Araber wissen, daß sic noch große Aufgaben in ihren eigenen Ländern zu erfüllen haben, und daß gerade wir ihnen dabei helfen können. Felix Warburg sagte mit Recht, daß die Entscheidung über diese Frage in der Jewisli Agency fallen muII. Aber es ist ein Widerspruch, wenn er gleichzeitig sagt: wenn ihr meine Formel nicht akzeptiert, dann werde ich Weggehen. Eniweder oder. Man kann eine Entscheidung unter Drohung der Absplitterung nicht vornehmen (lebhafter Beifall). Fs würde für mich ein Schinerzenstag sein, wenn die Agencv auscinauderbricht. Wir werden alles tun, um das zu vermeiden. Ich wollte hier nicht auf die Sache selbst eingehen, sondern nur diesen Widerspruch in der!•Jede von Felix Warburg aufzeigen. Ich wußte, daß uns vieles trennt, und ich wußte darüber hinaus das Einigende zu finden. Ich bin bereit, für meinen Teil so weit entgegen/ukommen wie möglich, aber ich will wissen, wohin das fuhrt, wohin wir gemeinsam gehen. Das ist eine Gewissensfrage für 1ms. Ich bin einverstanden, daß man der Exekutive einen strikten Auftrag gibt, weitere Versuche zu machen, auch zusammen mit den Herren der Jewish Agency. L/ie Exekutive selbst umfaßt bereits Zionisten und Nichtzionisten. Es soll alles versucht werden, um einen Weg ausfindig zu machen. Vielleicht wird cs wirklich eine Acnderung in der Mentalität der Araber geben. Ich habe schon der Königlichen Kommission vorgcschlagcn, sie solle eine Vermittlerrolle auf sich nehmen. Aber die Araber sind nicht gekommen. Vielleicht hat sich das, wie die Herren meinen, jetzt alles geändert. Es ist nicht eine Frage von Feindschaft oder Freundschaft. W'ir haben diese Idee eines Judenstaats, wie er uns heute vorliegt, nicht gefunden, sondern die Sache ist gekommen als Erfolg einer Reihe von Erscheinungen. Wir suchen jetzt den Vorschlag zu verbessern, aber es ist meines Erachtens ein Weg, der die Möglichkeiten gibt zu einer grollen Weiterarbeit, und deswegen empfehle ich dem Council, auf diesen Weg zu gehen. Foto: L1*ar Dünner Elieser Kaplans Kongreßreferat: Die Wirtschafts- Wir veröffentlichen nachstehend Auszüge aas einigen beim vorigen Ausgabe einen Auszug aus dem Wirtschaftsreferat Würde ich diesen Bericht in einer ruhigen Zeit erstatten, so könnte ich mit einer gewissen Berechtigung sagen: wir haben bemerkenswerte Fortschritte gemacht Der XIX. Zionistenkongreß hat uns aufgefordert, die Eingänge der Nationaien Fonds zu vergrößern und auf eine Million Pfund für jeden Fonds zu bringen. Und ich kann Ihnen mitteilen, daß die Brutto-Eingängc des Keren Kajcmcth in der Berichtszeit 5696—5697 sich auf wehr als £P 8 0 0 0 1)0 beliefen und die Einnahmen des Keren Flajessod netto, ohne die Spesen der ein- /einen Länder, von £P 500 000 seit dem letzten Kongreß auf LP 7 5 0000 bis zu diesem Kongreß gestiegen sind. Wenn ich jedoch über diesen Erfolg spreche, meine ich damit nicht, daß wir alles erreicht haben, was wir woliteil. Ein großer Teil unserer Einnahmen verteilt sich auf eine kleine Gruppe von Ländem. Wir haben uns bemüht, unserc bestellenden Finanzinstitutionen zu verstärken, ich habe in Luzern berichtet, daß das Kapital der Anglo Palestine Bank kurz vor dem XIX. Kongreß von £ 300 000 auf £ 550 000 vergrößert wurde. Ich freue mich heute, mitteilen zu kün.icn, daß im Laufe der letzten zwei Jahre das Eigenkapita: d lank wenn wir das Aktienkapital und die Reserven in Betracht ziehen — verdoppelt wurde und heute £ 1 100 000 beträgt. Sie ist nunmehr eine der führenden Großbanken des Landes. In der Berichts- Periode haben wir aucli der Institution ihre Ehre wiedergegeben, auf die Hcrzl solche Hoffnungen gesetzt hat ■— der Jüdischen Kolonialbank. Noch sind die Wege ihrer zukünftigen Arbeit nicht festgesetzt, aber das Kapital ist intakt und das Vertrauen, das die Juden der verschiedenen Länder einmal in die Zionistische Organisation gesetzt haben, wird mellt enttäuscht werden. Von den alten Institutionen will ich noch die Palestine Land Development Co. erwähnen, die ihr Kapital von £ 100000 auf Je 300 000 erhöht hat. Wir haben uns auch bemüht, eine ganze Reihe neuer Institutionen zu schaffen. Der Beschluß vieler Kongresse über die Errichtung einer Kolonisationsgesellschaft wurde durchgeführt. Es wurde die Palestine Agricuituray Co. gegründet, deren Aktienkapital bis Ende des lahres etwa £ 9 5 000 erreichen wird. Sie hat ihre ersten Schritte auf dem Wege der Mobilisierung von zusätzlichen Mitteln für die Kolonisation auf dem privaten Geldmarkt getan und hat bisiicr Obligationen für etwa £ 80000 abgesetzt. Wir haben auch die Jüdische L a n d w i r t s c h a f t s - bank geschaffen mit einem Grundkapital von £ 130000 aus Mitteln der Anglo Palestine Co. und des Keren Hajessod, und w׳ir wollen nunmehr das Kapital dieser Gesellschaft verdoppeln, welche den jüdischen Bauern, der jüdische Arbeiter beschäftigt, stützen soll. Und schließlich ist noch ein alter Wunsch vieler Kongresse verwirklicht worden: Das Kapital der Industriebank ist mit Hilfe der Anglo Palestine Co. von £ 12 500 auf £ 25 000 erhöht worden. Nun habe ich von dem schweren Kampf zu berichten, der in den letzten zwei Jahren stattgefunden, und über die Art, wie er wirtschaftlich sich ausgewirkt hat. Wir sind kaum vom letzten Kongreß weggefahren, als die Panik im ganzen Orient infolge des italienisch-abessinischcn Krieges ausbrach. Wir mußten alle unsere Kräfte anstrengen, um die Krisis zu vermeiden, weiche infolge dieser Panik drohte. Das war die erste Prüfung auch für die Anglo Palestine Bank als eine führende Bank in Palästina. Als wir der Panik Herr geworden und Finanzlage Kongreß gehaltenen Referaten, nachdem wir bereits in der von Dr. Ruppin gebracht haben. Red. waren, standen wir vor der Aufgabe, die Wirtschaft im Lande wieder an/ukurbeln. Fs war uns fast gelungen, und zwar mit Hilfe der großen Aktion der Histadruth, die als eine Kampagne unter dem Namen ״A r b e i t s e r I ö s" zugunsten des Arbeilslosenfonds durchgeführt wurde, und mit Hilfe der Gesellschaff ״Bizzur“, einer Gesellschaft für mittelfristige Darleben, für öffentliche und Bauarbeitern, die von uns zusammen mit der Arbeiterorganisation und der Anglo Palestine Bank geschaffen worden ist. Die Zahl der Arbeitslosen war gesunken, und es hatte sich im Lande wieder eine Atmosphäre des Aufstieges bemerkbar gemacht. Plötzlich brachen aber die Unruhen des J a 11 r e s 1 936 aus. Ich hatte in der letzten Sitzung des Aktions-Coniites Gelegenheit, ausführlich darüber zu berichten. Den Arabern ist cs gelungen, die lokale Administration ab/uschrecken, es ist ihnen aber nicht gelungen, die Arbeit des Jischuw aucli mir einen Tag zu unterbrechen. Wir haben durch die Unruhen nicht eine wirtschaftliche!סיsition verlassen, im Gegenteil, während wir uns auf dem Gebiet der Politik und der Sicherheit nur mit Verteidigung Jedwede Waffe, wider dich geformt, Dringt nimmer durch, Und Jede Zunge, Die um mit dir zu rechten sich erhebt, Setzt du ins Unrecht: Das ist das Erbe für des Ewigen Knechle, Ihr Recht vor mir her. Ist des Ewgen Spruch. Am der Haltarah für Sdiabbat, 21. August Jesaia Kap. S4.17. lieben, v. Harry Torczyner begnügt haben, sind wir auf dem Gebiet der Wirtschaft in die Offensive übergegangen und haben eine ganze Reihe neuer Positionen erobert. Mit der Beendigung der Unruhen war die Zeit der Prüfungen nicht zu Ende. Monatelang hat die Royal Commission gearbeitet, und das Land hat gewartet, was sie bringen wird. Bis jetzt herrscht noch im Lande ein Gefühl der Unsicherheit doppelter Art: U n s i c h e r h e i t über die nächste Zukunft und Unsicherheit über den morgigen Tag. Acußerlich herrscht verhältnismäßige Ruhe im Lande, aber man darf sieh darüber nicht täuschen, die Ruhe ist nur oberflächlich. Unter der Oberfläche glüht das Feuer weiter. Wir dürfen mit Stolz sagen, daß trotz den Fehlern in unserer ökonomischen Struklur der wirtschaftliche Bau in Palästina dem Ansturm all dieser Piufimgen staiiühiclt. Es wäre verfehlt, wenn ich nicht offenherzig dem Kongrell erklärt hätte, daß jetzt in Palästina eine schwere ö k 0 ת o m i s e h e De p r e s s i o n her! seht.! 'ml cs hängt von uns, von der ganzen zionistischen Bewegung ah, wie sich die Lage weiter entwickeln wird, ob wir dieser Depression Herr weiden oder ob sie sieh ui eine Krise verwandelt. Unsere Antwort auf die Absicht, uns von der großen Welt ab/usehlielSen, war: Der Beginn eines Hafens in Tel Aviv. Am Ul. Mal!,MP haben wir unsere Arbeit im Hafen von Tel Aviv begonnen durch den Versuch, (׳ine Hol/hrueke ins Meer zu legen, auf der die ersten Zeniontsäckc entladen wurden. Wir haben von der indischen Bevölkerung in Palästina allein mit einer verhältnismäßig geringen Beteiligung der nationalen Institutionen ohne jede Hilfe der Juden in der׳ Diaspora eine Summe von etwa l. I 3 0000 aufgebracht und werden im Tel Avivcr Haien bis zur nachsten Saison eine Sun!me von über L 200 00.) investieren. Ich will mich nicht in die Einzelheiten des Problems der Verteidigung einlassen. Ich will aber bemerken, daß dieses Gebiet von uns und vom gesamten indischen Jischuw ungeheure plnsiscbe und materielle ()pfer verlangt hat. Wir haben aber einen solchen Zustand erreicht, daß die Regierung uns erlaubt hat, eine offizielle Schutz truppe von über 3000 Hilfspolizisten zu schaffen, die von ■׳englischen Offizieren kommandiert werden und deren Hauptaufgabe es ist, unser Hab und Gut und unsere Ehre zu verteidigen. So wurden wir sowohl auf dem Gebiete der Kornmunikaticm als auch auf dem Gebiet der Verteidigung vor neue Aufgaben gestellt, wie sie nur eine Regierung erfüllen kann; an diese Aufgaben hat niemand von uns beim vorigen Kongreß gedacht. Auch auf dem Gebiet der Versorgu n g wurden in den letzten Jahren und besonders im letzten Jahre große Fortschritte erzielt. Wir haben unsere Produktion auf verschiedeneu Gebieten der Landwirtschaft vergrößert. Wir haben die Fläche für Gemüse, die sich in jüdischen l lündeii befindet, verdreifacht. Doch auch jetzt befriedigen wir nur einen Teil der Bedürfnisse des Jischuw. Wenn ich über die Errungenschaften der letzten zwei Jahre spreche, halte ich cs für meine [׳flicht, die bedeutende kolonisatorische Besitznahme von Boden in den letzten Monaten zu erwähnen, die von einem wichtigen Pioniergeist getragen wurde. Wir haben f ü n f z e h n neue Siedlungspunkte errichtet. Dies legt uns eine ungeheure Verantwortung auf und ich will jetzt den Kongreß und die gesamte Bewegung an dieser Verantwortung tcilhaben hissen. Es genügt nicht, daß wir die jungen ,Menschen auf den Boden bringen, wir müssen sie s e li h a f t machen, wir müssen ihre weitere Existenz sichern. Wir müssen richtige Siedlungen schaffen, die derzeit noch nicht bestellen. Schlußsitzung des Kongresses Während It eizmanns Schlußrede war Tribüne überfüllt. Links gedrängt die Presse-Korrespondenten Foto: I׳a«*r Dünner