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Jüdische Rundschau · 1937-08-17 · Heft 65 (17.8.1937) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 65 (17.8.1937)
Date
1937-08-17
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 65, 17. VIII. 1937 JÜDISCHE RUNDSCHAU SchNi 3 Ruppins Referats Wirtschaftsfragen Palästinas Ich möchte Sie vor der Täuschung bewahren, daß die Wirtschaft, weil sie in den Debatten des Kongresses einen, kleinen Raum einnimmt, weniger wichtig ist als die Politik. Es gibt keine gesunde zionistische Politik ohne die Grundlage einer gesunden Wirtschaft. Die Politik kann die wirtschaftlichen Arbeiten erleichtern, aber sie kann sie nicht ersetzen. Steht hinter den politischen Führern nicht ein wirtschaftlich gefestigter Jiscluiw in Palästina, so werden unsere besten Politiker nichts erreichen. Als kl auf dem vorigen Kongreß zu Ihnen sprach, Defanden wir uns in Palästina in einer wirtschaftlichen Hochkonjunktur und ich konnte Ihnen deshalb ein rosiges Bild unserer Lage in Palästina zeichnen. Aber ich habe schon damals auf die Möglichkeiten eines Umschlags hingewiesen und die Notwendigkeit betont, unsere Wirtschaft krisenfest zu machen. Schneller als ich es voraussehen konnte, ist dieser Umschlag eingetreten. Er ist eingetreten im Gefolge des italienisch-abessinisehen Krieges und der Unruhen, die im Jahre 1936 ausgebroehen sind. Aber diese Krise ist für uns keine Katastrophe geworden. Wir haben in Palästina keine lebenswichtige Position verloren, im Gegenteil, gerade diese Krise hat uns zu vermehrter Anstrengung veranlaßt. Sie ist der Grund geworden, daß wir den H a f e n von Tel Aviv zu bauen begonnen haben, daß wir unsere landwirtschaftliche Produktion im Interesse der Versorgung des Jischuw mit den notwendigen Lebensmitteln aus jüdischen Quellen ausgebaut haben. Wir haben eine große Zahl neuer jüdischer Siedlungen begründet, wir haben unsere Zahl vom vorigen Kongreß von 350000 auf •120000 gebracht. Foto: Sonnenfeld Der vorige Kongreß hat die Erreichtung eines Instituts für Wirtschaftsforschung beschlossen und mich zum Leiter dieses Instituts berufen. Das Institut begann seine Tätigkeit am 1. Februar des vorigen Jahres. Seine Begründung kam zur rechten Zeit. Denn kauin einige Monate später erfuhren wir bereits, daß eine Königliche Kommission nach Palästina kommen wird, und das Institut hatte sofort die Aufgabe, das Material wirtschaftlicher Art für diese Kommission vorzubereiten. Und Sie können irn Berieht der Kommission lesen, daß die Kommission sich über das Material, das ihr unterbreitet wurde, sehr lobend äußert, lind ich glaube, daß es dadurch eine wichtige Aufgabe erfüllt hat Das Institut hatte sich nicht nur mit dieser einmaligen Aufgabe zu beschäftigen, sondern es hatte systematische Untersuchungen auf vielen Gebieten des Wirtschaftslebens durchzufiihren, z. B. über die Rationalisierung des Wohnungsbaus. Wir geben eine Million jährlich für Wohnungsbati aus und viele glauben, daß dieses Geld ökonomischer und besser ausgegeben werden könnte, w׳enn gewisse Untersuchungen abgeschlossen sind, mit denen wir uns jetzt beschäftigen. Besonders wichtig ist die Koordination von Produktion und Konsum in der Landwirtschaft. Im vorigen Jahre haben Tomaten aus jüdischen Wirtschaften verschiedentlich keinen Markt gefunden und sind z. T. auf den Feldern verfault. Es wurden sogar Stimmen laut, daß der Gemüsebau überhaupt nicht lohnt. Das ist nicht richtig. Es kommt darauf an, die Produktion in der Land- Wirtschaft so zu regeln, daß wir nicht gerade in denselben Monates wie die Araber das Gemüse auf den Markt bringen. Wir müssen uns bemühen, entsprechend einer Statistik des Konsums, die Wirtschaft dazu zu bringen, daß sie nicht nur zur Saison, sondern während des ganzen Jahres Gemüse liefert und ebenso auch andere Produkte. ist Eine der wichtigsten Fragen, die uns beschäftigen wird, die Wasserwirtschaft in Palästina. Die Zentralstelle für Wasserwirtschaft, deren Errichtung ich aut dem vorigen Kongreß als notwendig bezeichn cte, ist noch nicht geschaffen worden, aber wir sind in den letzten Jahren ein gutes Stück weiter gekommen. Als Anfang wurde mit Hilfe der Deutschen Abteilung eine kleine Wassergescllschaft mit einem Kapital von £ 10000 gegründet, die inzwisehen in einer bedeutend größeren Wassergesellschaft der Jewish Agency aufgegangen ist. Diese hat ihre Arbeit im Emek Jesreel aufgenommen und wird in kurzer Zeit imstande sein, 10000 Dtmam zu bewässern. Wir hoffen, bald weiter fortschreiten zu können. Vor dem Eintreffen der Kgl. Kommission hat auf unsere Veranlassung eine Studienkommission aus Geologen, Hydrologen, Chemikern, Agronomen versucht, das gesamte Wasserquantuni Palästinas festzustellen. Das Resultat war sehr ermutigend. Es gibt, ohne den Negew, in Palästina wahrscheinlich 2 090 000 Dunam he wässerbaren Boden und, wenn inan ein System der Verbesserung nicht salzfreien Wassers in Aussicht nimmt, so kann man wahrscheinlich mit 3 000 000 Dunam rechnen. Heute sind nur 12—17 <> 0 des bewässerbaren Bodens bewässert. Es gibt eine Reihe anderer Probleme: die Art, wie wir Wasser an die Oberfläche befördern und es verwenden, scheint technisch nicht auf der Höhe zu sein. Es gibt ferner die Frage, wieviel Wasser bestimmte Pflanzen wirklich benötigen. Eine Untersuchung, die die Regierung durch unsere Versuchsstation vornehmen ließ, zeigte, daß viele Orangengärten zu reichlich bewässert sind, zum Schaden der Orangen und des Budgets der Pflanzer. Regenwasser, das jetzt ungenutzt ins Meer fließt, kann nutzbar gemacht werden. ״Tozereth Haarez“ Die Bewegung zugunsten der Verwendung jüdischer Landesprodukte ist ein wichtiger Aktivposten. Der ״Igud Lcmaan Tozereth Haarez‘‘ hat in den letzten zwei Jahren sehr viel getan, um die Juden mehr und mehr daran zu gewöhnen, an Stelle importierter Waren jüdische Produkte zu kaufen. Es ist auch der Anfang zu einer Kontrolle der Qualitat geschaffen worden. Wenn ein jüdischer Fabrikant schlechte Ware auf den Markt bringt, ist der Konsument enttäuscht, und anderen jüdischen Produkten wird der Zugang zum Markt durch dieses Mißtrauen versperrt. Es ist nötig, unter Leitung der obersten nationalen Inslanzcn eine Kontrollstelle zu schaffen, welche Waren, die als gut und preiswürdig anerkannt werden, eine bestimmte Marke gibt. Eine der wichtigsten Tragen für die Entwicklung der palästinensischen Wirtschaft ist die Marktfrage. Wir haben in früheren Jahren immer geglaubt, das Wichtigste sei die Produktion. Das Produzieren haben wir inzwischen gelernt. Was w׳ir aller noch nicht gelernt haben, ist, wie man die produzierte Ware richtig verkauft. Es ist natürlich klar, daß ein kleines Land wie Palästina, in welchem sowohl Landwirtschaft wie Industrie immer neu geboren werden, sich nicht vergleichen läßt mit der seit Jahrzehnten entwickelten Landwirtschaft europäischer Länder. Aber wir müssen uns klar machen, daß es an der Zeit ist, aus dieser Kindheitsperiode heraus/ukommen, und daß der Irlandmarkt, der zuerst als Stütze unentbehrlich war, uns allein nicht mehr genügt. Wir müssen unsere Produkte exportieren. Nur dann haben wir die Möglichkeit, die Einwohnerzahl von Palästina auf eine respektable Höne zu bringen. Es handelt sich hier darum, vor allem eine Senkung der Produktionskosten zu erzielen. Dies ist möglich; und ich will es hoffen, wenn wir in den nächsten Jahren eine starke Einwanderung haben, daß viele Industrien, welche wegen der geringen Ausdehnung ihres Kundenkreises bisher nicht rentabel arbeiten konnten, dann einen Absatz erreichen, wie ihn eine moderne Fabrik braucht, und daß viele bisher importierte industrielle Produkte dann in Palästina erzeugt werden können. Wir können eine Senkung der Prodnktionskosten auch als Ergebnis gewisser Forschungen erzielen. Die Orangenwirtschaft hatte im letzten Jahre unbefriedigende Resultate. Es herrscht eine gewisse Verzweiflung in den Kreisen der Orangenbauern. Aber was uns dieses Jahr beschert hat, ist nicht typisch für alle Jahre. Es gab Unordnung auf dem englischen Örangenmarkt infolge der ungeregelten Verschiffungen aus Spanien, die Orangen kamen infolge Nässe in schlechtem Zustande »n und vieles mehr. Ich bin auf lange Sicht durchaus nicht pessimistisch für den Absatz unserer Orangen. Das Institut für Wirtschaftsforschung hat gerade jetzt eine Broschüre herausgegeben, aus der hervorgeht, daß die euronäischen Märkte wohl noch große Absatzmöglichkeiten bieten. Natürlich muß man das mit einer gewissen Vorsicht sagen, denn wir hängen von so vielen politischen Bedingungen ab, daß man überhaupt nur etwas unter der Voraussetzung einer Normalisierung in der Welt sagen kann. Wir haben die Hoffnung, in der Landwirtschaft mellt nuf die Orange, sondern auch andere Produkte 711 exportieren. Wir haben T rauben, die zu den bestell der Welt gehören. Wir habe:! in den letzten Jahren ausgezeichnete Obstarten produziert wie Pflaumen, Birnen, wir haben F r ü h g e in ü s e aus dem Jordantal zu einer Zeit, in der es sonst in Mittelmeerl.indern noch nicht vorbanden ist. Es gibt A rzncipflanzen u n d ph a r m a« z e u t i s c 11 c Produkte, die wir exportieren könnten. Alte diese Sachen müssen jetzt mit größerer Energie studiert und die entsprechenden Forschungen zu einem Abschluß gebracht werden. Ich will hier noch ein Wort zu der Frage sagen, die hier so viel besprochen worden ist: Die Aufnahmefähigkeit Palästinas Man hat hier ständig mit dem Begriff der Bevölkerungs« dichte gearbeitet. Man sagt uns, Belgien kann nur 300 Menschen pro Quadratkilometer ernähren, was könnt ihr dann in Palästina erholten? Ich bin der Ansicht, daß der Begriff der Bevölkerungsdichte antiquiert ist. Wir schleppen ihn noch aus dem 13. Jahrhundert mit, als die Verhältnisse noch ganz anders waren. Fs gibt so viele Formen der Landwirtschaft, daß man sagen kann: ein Fand mit einer ganz primitiven Landwirtschaft kann nicht einen Menschen pro Quadratkilometer, ein entwickeltes Land da» gegen die hundertfache Zahl ernähren. Heute ist die Frage der Bevölkerungsmöglielikeif eines Landes nur zum geringen Teil von der Fla du■ abhängig. Wir müssen uns von dem Komplex befreien, als oh auf einer bestimmten Bodenfläche nur eine bestimmte Menge Mensehen leben könne. Die Zahl der Menschen hangt mehr davon ab, wie wir das Land bearbeiten. Die Bewässerung, das Kapital ist vielleicht wichtiger als die Ausdehnung des Landes. Wenn eine Fabrik einen Dunam Boden besitzt, aber einen Exportmarkt hat, so kann sie 1000 Familien ernähren. Ich bin nicht geneigt zu glauben, daß die Frage, wieviel Boden zur Verfügung steht, in diesem Moment entscheidenden Wert hat. Viel wichtiger ist die Frage, welche Kapitalien da sind. Schon in den letzten Jahren bestand bei uns ein unangenehmes Mißverhältnis zwischen dem Nationalfonds und dem Koionisationsfonds, der diesen Boden besiedeln muß. Einwanderung Ich kann nicht verstehen, wie die Kgl. Kommission dazu kommt, uns eine Einwanderung von 1000 ,Menschen im Monat oder 12 000 im Jahr zu bewilligen. Selbst wenn sie der Ansicht wäre, die jetzige Ueberlegenheit der Araber, die uns um 600 000 Menschen voraus sind, müsse gewahrt werden, so dürfte sie uns nicht 12000 Menschen bewilligen, sondern fast das Doppelte. Der Ueberschuß der Gehurten über die Todesfälle beträgt bei den Arabern 28 000, bei den luden nur 7000 jährlich; die Araber sind uns also um 21000 überlegen. Ich finde, daß die Kommission in diesem Falle selbst unter die miniinaleil Grenzen, die sie sich selbst gesetz.t hat, heruntergegangen ist. Am Rand des Kongresses hs. — Ein Kongreß ist kein Fest und keine Schau — vollends dieser Zionistenkongreß nicht, bei dem jede Dele• gierten gruppe und in ihr wiederum fast jeder einzelne Dole• gierte ein besonderes Schicksal in sich trägt und auf die Kongreßgemeinschaft überträgt. Darum ist dieser Kongreß eine moderne und weltliche Art von Konzil, und die Vielfalt und Kompliziertheit seiner Probleme ist daran schuld, daß ihm das restliche fern und fremd bleibt. Auch zwischen den heißen Wortgefechten frieren die Massen, und Lachen, Genuß oder Erholung bleiben privat. Der Kongreß als solcher hat nichts mit ihnen zu tun. Man darf sogar sagen, daß er auf alles Aeußere betont wenig Wert legt. Er tagt zwar in einem Theater, in dem vorwiegend der Oper gewidmeten Stadttheater, aber vom ״genius loci“ ist nichts aut ilin übergegangen, nichts an Tneatralik und nur ein winziges Minimum an Feierlichkeit. Das Pathos des Kongresses wird, sozusagen aus dem Block gemeißelt, aus einem ungefügen Block eines ungeheuren Materials. Die Tatsächlichkeiten stehen über (oder auch unter) der Form, wie oft und wie stark sie auch zu dithyrambischer Aeußemng drängen. Seitdem der Kongreß, nach Annahme der Resolution zum Peel-Bericht, seinen Höhepunkt überschritten hat, ist ihm auch der letzte Rest an dramatischer Wirkung abhanden gekommen. Die ״Referenten“ haben die Stelle der Rhetoren eingenommen. Die Zahlen haben das Wort fast ganz verdrängt, der ״Haushalt“ des Aufbaus läßt, gleich einem dichten Sieb, nur noch wenig Pathos durch, per rechnerische Alltag fordert sein Recht. Parkett, Bühne und Ränge sind nicht mehr so dicht besetzt wie in der ersten Dekade, Das Wetter ist nicht nur über den Bergen und über dem See umgeschlagen. Draußen regnet oder rieselt es seit einigen Tagen, und auch drinnen herrscht die Kühle vor. Die Palästinenser und der ganze Kongreß erleben im voraus die herbstliche Stimmung und die Regenzeit. Das Wetter hat sich geradezu dem Fortgang des Kongresses angepaßt ... Immerhin hat cs in der zweiten Woche zwei Versuche gegeben, dem Kongreß auch etwas Schaubares und Festliebes aufzuprägen oder, richtiger vielleicht, aufzupfropfen. Beide Versuche — eine festliche Vorführung des Films ״La nd der Verheißung“ am Anfang und ein O n e g Schabbat am Ende der Woche — gaben sich so inoffiziell wie nur denkbar. Sie gaben sich noch ziviler als dieser übertrieben zivile Kongreß. Sie standen neben seinem Programm und profitierten nicht von seinem personell und sachlich so weit gesteckten Rahmen. Das muß man bedauern und auch als einen Regiefehler bezeichnen; denn Erez Israel, das äußerlieh und innerlich zu repräsentieren, eine oder gar die Aufgäbe des Kongresses sein müßte, ist an Form und künstlerischem Format bedeutend genug, und seine Spiegelung hätte das zentrale Bild des Kongresses betonen und bereichern können. Schade, daß diese Gelegenheit nur so schiichtern benutzt wurde. Zur ersten Vorführung des Films ״Land der Verheißung“ hatte sich im schönen Korso-Kino trotz eines tropisch heißen Nachmittags ein zahlreiches Publikum eingefunden: Kongreßteilnehmer aus allen Gruppen und Ländern, aber auch anderes schweizerisches und Fremdenpublikutti. Karl Sa 10mon vom Jerusalemer Sender sang, mit Sarah SFiapiroh am Klavier, eine Arie aus Mendelssohns ״Elias“ mit hebräischem Text und später noch, sich selbst begleitend, hebräische Volkslieder. Es war eine Freude, ihm zuzuhören. Nicht weniger eindrucksvoll spielte die Züricher Geigerin Hella Jamm, wiederum mit Sarah Shapiro am Flügel, Ernest Bloehs ״Baal Schern“. Als der Film ein setzte, konnte man sich schon dorthin versetzt fühlen, von wo er ausgegangen ist und worüber er Zeugnis ablegt: ins Land des jüdischen Aufbaus. Der Film ist ja den Juden in Deutschland lange schon bekannt als ein glücklich konzipiertes Dokument der jüdischen Arbeit im Land der Väter, Er stellt eine künstlerische Arbeit dar, die als getreuer Spiegel die Pionierarbeit an Ort und Stelle aufgefangen hat lind sie ohne viel ״Filmerei“ zusammendrängt, gruppiert und akzentuiert. Es wäre zuviel verlangt, von diesem frühen Versuch einer Bild- und Wortreportage schon eine eigene Formsprache, etwas dezidiert ״Palästinensisches“ zu erwarten. Er lehnt sich an berühmte Vorbilder an und ist in der Anlage und im Schnitt euroäisch und amerikanisch, wie er sich ja auch an das Publium dieser beiden Kontinente wendet. Mitten im Ablauf des Films — warum nichf am Anfang oder Ende? — trat der Produktionsleiter Leo Herrmann vor den Vorhang, und sprach — wiederum mit betonter Unfeierlichkeit! — einen Kommentar zu dem Werk. Es wirkte fast wie eine Koketterie, daß auch der so verdienstvolle Sprecher das Werktägliche des Films und seiner Vorführung in den Vordergrund rückte. Fast schien es, als ob er mitten aus der Aufnahrnearbeit auf die Bühne geeilt wäre, um dem Publikum zu sagen, wie sachlich und werkgetreu die Geburt dieses Films vor sich gegangen sei. Das hafte gewiß auch seinen Reiz, aber die örtliche und zeitliche Gelegenheit der Vorführung hätte denn doch ein wenig mehr Feierlichkeit, etwas mehr Pathos der Distanz verlangt. Noch schlimmer war es in diesem Punkt mit dem Oneg Schabbat bestellt, der am Erew Schabbat irn Saal der ״Kaufleute“ vor sich ging. Zuerst verzögerte sich der Beginn um eine volle Stunde, als ob damit die Improvisiertneit der Veranstaltung dick unterstrichen weiden sollte. Auch daß die beiden das Programm bestreitenden Künstler David Vardi und Chawah Joalith sich auf dem Zettel als ״von den Begründern der Habimah“ bezeichneten, wäre vermeidbar gewesen. Warum so erhaben gegenüber Aeußerlichkeiten, die nur solange Bagatellen sind, ais man sie ernst mul genau nimmt! W'ir sind der Meinung, daß ein ans Anlaß des XX. Zionistenkongresses veranstalteter (ln eg Lei 11 e Bagatelle, sondern ein wichtiger Akt der Repräsentation ist! Aber dann tat David Vardi alles, um die vom warten schon etwas abgespannten und unlustigen Zuhörer zu fesseln. Dieser kleine rund liehe quicke Mann ist, was inan einen Vollblufskabarcftisten nennt. Er sprudelt über von echt jiddisehen Lauten und <1 esten und von Einfällen, die nur dieser Sprache und ihrem so vielfältig gebrochenen und jesprenkelten Geist zugänglich sind. Das stärkste Kunst- und Wirkiingsmitjel Vardis ist seine Leis 11 eit. Er ist ein virtuoser Atunnler! Lin virtuoser Kichercr! Ein virtuoser Andeuter. Das öeniaj das er pflegt, ist zwar für europäischen Geschmack e!n Genre von gestern — das nämlich des ״Mimodramas", irre ich mich nicht, so wurde es von ostjüdischen Kimsllern zuerst in Amerika der jiddischen Heimatktmst dienstbar gemacht. Aber Vardi erfüllt es mit einer eigenen, unaufdringlichen und ungemein farbigen Note. Er ist der geborene Monologist und Improvisator und verstellt es, die naive (oder scheinbar naive) Freude, die er selbst an seinen Einfällen hat, auf das Publikum zu übertragen. Natürlich fängt er im ״Städtl“ an, bei der ,,Matnnte“ und beim ״Schammcs". Das alles hat schon eineseiis seinen mvthologischen Rang und anderseits seine kunstgewerbliche Politur, Vardi aber siedelt mit dieser Form aus ihrer und seiner Heimat über nach Erez und ... zum Kongreß. Er realisiert Bilder aus Tel Aviv und Bilder vom Kongreß. Diese letzteren waren für uns Augen- und Ohrenzeugen nachprüfbar, und sie bestanden diese Prüfung als *eisterlcistimp. Man hätte gewünscht, daß die Matadore des Kongresses persönlich anwesend gewesen wären, um sich selbst in dieser wirklich witzigen Spiegelung zu sehen. Aber nur Lipsky ans USA. war da und wird sicher die köstliche Parodie von sich und seinen Mitdelcgicrtcn englisch-amerikanischer Zunge nie vergessen. Wie Vardi Ussischkin, Weizmann und die andern Größen und die Kleinen des Kongresses und überhaupt dessen Stimmung karikaturistisch realisierte, zeigte seine künstlerische Eindringlichkeit nrid Vielseitigkeit. Er repräsentierte damit immerhin die palästinensische Kunst und darüber hinaus die dortige Gesinnug und Spannung gegenüber dein Kongreß, Er machte bestes jüdisches, politisches Kabarett. Den Veranstaltern des Kongresses aber itiitß inan bei dieser Gelegenheit sagen, daß der heutige geistige Zustand des jüdischen Volkes in Palästina soweit gediehen ist, daß er hätte beanspruchen dürfen, zu einer volleren und gewichtigeren Geltung anläßlich des Kongresses gebracht zu werden, Man wird daratif erwidern können, das sei eine Geldfrage, Aber daneben und davor ist es auch eine Frage geistiger Selbstbehauptung. Man sollte ihr auf dem nächsten Kongreß eine größere Verantwortlichkeit widmen.

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