Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 64 (13.8.1937)
- Date
- 1937-08-13
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seife 6 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 64, 13. VII!. 1937 Die Basler Gedenk-Feier Tn Basel fand am Sonntag, dem 8. August, die Erin• nerungsieier an die Eröffnung des I. Zionisten-Kongresses vor 40 Jahren statt. Wir berichteten bereits in unserer vorigen Ausgabe kurz über den Verlauf dieser Feier. Ueber 1500 Menschen füllten das Stadtkasino, das reich ausgeschmückt war. Ein Orgelvortrag des ״Halleiujah“ von Sulzcr, gespielt von Max Lampl, Tel Aviv, leitete die Feier ein, die von Dr. S c h a 1 i t, dem Sekretär des 1. Kongresses, mit drei Hammerschlägen eröffnet wurde. Sodann erschienen, geleitet von Dr. Ullmann, Ussischkin, Wei/mann und die Teilnehmer des F. Kongresses und nahmen auf der Estrade Platz. Nach einem Gesangsvortrag des Züricher Gesangvereins ״Haso• mir‘׳ unter Leitung von Alexander Schaichit eröffnete Ussischkin die Festversammlung mit einer hebräischen Ansprache. Er führte u. a. folgendes aus: Ussischkins Ansprache Wir feiern heute ein großes Fest. Heute am ersten Tag des Monats Elul sind vierzig Jahre verflossen, seit in diesem Gebäude, wenn auch nicht in demselben Saale, dem jüdischen Volke der ״grolle Adler“ erschienen ist, der das gewaltige Wort der Schaffung der Zionistischen Organisation verkündete. Seit jenem Tage haben wir bis heute in verschiedenen Formen die Aufgabe fortgesetzt, die wir vom ersten Kongreß übernommen haben. Herz! brachte dem ersten Kongreß die Losung ״Juderisfaat“. Der erste Kongreß hat diese Losung eingeschränkt und schuf die Forme!: ״Oeffentlich-rechtiich gesicherte Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina“. Nach einiger Zeit wurde diese Losung noch weiter eingeschränkt und verwandelte sieh in einen ״Charter•‘. Im weiteren Verlauf der Lntwicklung begann sieh diese Losung zu erweitern und wurde zu einem ״Nationalheim“ (National Home). Und nun taucht auf dem XX. Ziouintenkongrcß wieder wie vor vierzig Jahren die alte Lo-mig ״Judenstaat“ auf. Auf unserem Wege haben wir alle diese Etappen durchgemacht, Momente eines großen Aufstiegs und Momente eines groben Niedergangs, Atomente der Freude und Begeisterung und jederzeit bis auf den heutigen lag blieben wir treu unserem Glauben und unserem Schwur, das Problem, das wir von unseren Vorgängern übernommen batten, der Erlösung entgegen/uführen. Wenn wir uns heute an die erhabene Gestalt Herzls erinnern, wollen wir auch gleichzeitig die Namen eines Max X o r d a 11, eines Wolfsohn und auch die Namen derjenigen, die noch heute in unserer /Mitte weilen, wie F a r b s t e i!1, Ehrenpreis und andere erwähnen. Vor vierzig Jahren begannen sich die ersten Ansätze lind die ersten Voraussetzungen für eine politische Tätigkeit in der großen Welt zu zeigen. Und heute, nach vierzig Jahren, steht das Problem der Schaffung eines Juden- Staates in Palästina für das jüdische Volk im Mittelpunkt der Verhandlungen. Vor vierzig Jahren besaßen wir einige schwache Stützunkte in Palästina und auch diese konnten nur durch leine, armselige Spenden des ganzen jüdischen Volkes und durch die große Beihilfe eines der besten Söhne Israels, dessen Nainen wir heute in Dankbarkeit erwähnen, des Barons Benjamin Rothschilds, aufrechterhalten wer* den. Heute besitzen wir im Lande ein Siedlungsgebiet, das von 450 000 Menschen bewohnt ist, und dieses Siedlungsgehiet, sowohl Kolonien als Städte, erhält sich aus eigener Kraft, leih sein eigenes Leben und hat sich von Beiträgen und Spenden unabhängig gemacht. Vor vierzig Jahren, als am ersten Kongreß einer der Delegierten, Mordechei Ben Hillel Hakohcn, als einziger eine hebräische Rede hielt, war diese Rede eine große Ueberraschung, sozusagen ein exotisches Ereignis für die Mitglieder des Kongresses. Heute ist die hebräisc h e Sprache die Umgangssprache von Tausenden und Zehntausenden unserer Bruder, eines großen Teiles der paiästinensischen jüdischen Bevölkerung und bedeutender Teilt der jüdischen Jugend in der Welt. Auf dem Skopusberg in Je- TUsalem befindet sich heute das erste Kulturinstitut unseres Volkes, das den Traum, den einzelne von uns vor vierzig Jahren geträumt, verwirklicht hat. Trotzdem müssen wir feststellen: gerade heute, am Tage des vierzigjährigen Jubiläums, sind unsere Forderungen, die wir an das jüdische Volk und an die Zionistische Orgaiiisation, sowie an jeden einzelnen von uns stellen, unver« gleichlich größer und weitgehender. Wenn wir auch fast die Hälfte unserer Forderungen erreicht haben, dürfen wir uns nicht darauf beschränken, denn wir müssen dafür Sorge trafen, was uns die nächste Zukunft bringt und in welchem empo wir auf dem Wege zur endgültigen Erlösung iortzuschreiten haben Doch haben wir keinen Grund zu übertriebener Sorge. Wir stehen vor der großen Aufgabe, unsere Arbeit in dem Ausmaß fortzuset/en, wie es das jjidische Voik und das wirkliche Leben vom jüdischen Volk fordert. Es herrschen unter uns prinzipielle Aleiiiuiigsverschiedenketten, nicht über den Inhalt, sondern üher den Weg. Da der Inhalt gefunden wird, werden wir auch den Weg finden. Es gibt eine Auffassung, nach der es heißt: Wenn du zu viel verlangst, erreichst du nichts, Ls gibt auch eine aridere Auf- Fassung und diese heißt: Kein Ding in der Welt kann bestehen vor dem festen Willen. Wir werden unseren Weg Finden und ich lade alle, die hier in diesem Saal versammelt sind, und besonders die Teilnehmer des Ersten Kongrosses ein, mit ans zusammenzuarbeiten, und ich hoffe, das Fünfzigste Jubiläum des ersten Kongresses irn großen Saale des jüdischen Parlaments in unserer Hauptstadt Jerusalem Feiern zu dürfen. Es folgte eine Ansprache von Dr. Weizm&nn der unter begeistertem Jubel das Wort ergriff: Eigentlich gehöre ich nicht hierher. Ich war nicht auf dem I. Kongreß, ich habe meine Kongreillaufbahn erst auf dem II. Kongreß begonnen. Ich glaube, es ist ein gewisser Grund zur Zufriedenheit da, zumindest zur Ermutigung und zur Hoffnung, daß wir vielleicht nach weiteren vierzig Jahren dort anlangen werden, wovon Herzl geträumt hat. Ein Wort über Herzl. Er kam zu uns aus einer frem* den Welt, aus einer Welt, die mit unseren Schmerzen, mit unseren Träumen, mit unseren Hoffnungen wenig gemeinsam hat. Er ist auf einem Umweg zu uns gekommen. Denn er glaubte zuerst, er wolle f ü r uns arbeiten und er dachte nicht daran, m i t 1111s zu arbeiten. Und er ging zu jenen, die immer für die Judeu etwas tun wollten und auch taten. Er ging zu Baron Hirsch, zu Baron Edmond Rothschild und ich weiß nicht an welche andere Türen er geklopft hat. Er hat die Türen verschlossen gefunden. Dann aber scharte sich um ihn, der enttäuscht darüber war, daß die Großjuden auf seinen Ruf nicht antworteten, eine Gruppe von Mensehen, welche im Vergleiche mit diesen Großen schwach und ohnmächtig war. Aber sie antworteten ihm. Sie anhvorteten in Wien und Berlin und in Warschau und in den klcinen Städten und Städtchen der großen russischen Gallith — alle diese Menschen, denen man erst erklären mußte, was ein Kongreß und was ein Delegierter ist. Wer an diese Zeit denkt, der fühlt, daß in Herzl selbst das Judentum zu sprechen begonnen hat. Wer die Worte liest, die Herzl nach dem 1. Kongreß geschrieben hat, sieht, daß cs auch für Herzl eine Offenbarung war. Hier waren Menschen gekommen aus den fernsten Gassen und Winkeln des Judentums und begannen zu sprechen wie freie Männer, furchtlos und* erfüllt von der Sehnsucht des ganzen Volkes. Und er lernte und wir lernten. Er gab uns zum Teil Inhalf, zum größter! Teil Form. Wir, die keine Formen hatten, gossen in die Formen, die er geschaffen, einen neuen, nie verwelkenden Inhalt. So entstand eine Art gegenseitiger geistiger Austausch zwischen denen, die aus dem Osten kamen und immer mehr dem Westen sich näherten, und denen, die aus dem Westen kamen und sich dem Osten näherten. So entstand die Zionistische Organisation, die Trägerin all dessen, was wir geschaffen haben. Ich will ein paar Worte über unseren jetzigen Kon• greß sagen. Trotz den schweren Problemen, die dort erörtert werden, ist er durch einen Zug hervorragend charakterisiert: Er ist vollständig frei von persönlichen Kämpfen und Schärfen — cs ist, wenn man so sagen darf, ein entgifteter Kongreß. Es gibt keine Parteien, welche andere Parteien besiegen wollen. Das zeigt uns die ungeheure Reife und das große Verantwortungsgefühl, das wir erlangt haben. Und es gibt uns eine Garantie, daß wir uns auch aus diesen Schwierigkeiten glücklich befreien werden und unseren weiteren Weg als einige Organisation machen werden, wohin auch immer er führen möge. Vielleicht darf ich auf eine Etappe dieses Weges aufmerksam machen, auf jene Etappe, die mit meiner Tätigkeit in der Leitung der Zionistischen Organisation beginnt. Das ist die viel diskutierte ßalfour-Deklaration. Man soll einen Umstand nicht vergessen: die Bedingungen, welche die ßalfour-Deklaration überhaupt ermöglichten, haben gleichzeitig die Ausnützung der ßalfour-Deklaration für unser Werk ungeheuer erschwert. Eine Welt ging damals in Trümmer und gerade die Schichten, welche Herzl und seine Bewegung in erster Reihe getragen hatten, wurden vernichtet. Das mssisehe Judentum ist verschwunden, das polnische Judentum liegt in tiefer Depression. Die Hoffnung konzentrierte sich auf den fernen Westen, auf Amerika, wo jedoch die Juden sich kaum noch organisiert hatten. Wir haben versucht, die Last zu tragen, aber das verschwundene Judentum konnten wir nicht ersetzen. Wäre das russische Judentum nicht vom Kriege so erschüttert worden, wir hätten vielleicht in den ersten zehn Jahren so viel erreicht, daß heute die Diskussion über die Grenzen und die übrigen Fragen sich erübrigte. Aber was nützt es, darüber zu klagen? Die Geschichte geht ihren Gang in ewigem Auf und Ab; und doch hat sie eine bestimmte Richtung. Wir sind von einer heiligen Ungeduld gejagt und darum erscheint uns alles Erreichte unzulänglich und immer ist ein ungeheurer Abgrund zwischen dem, was man will, und dem, was man kann. Diesen Abgriind aiiszufiillen ist unsere Aufgabe, die Rolle derjenigen, welche hauen, kämpfen und sorgen. Bevor ich meine Worte beende, möchte ich unseren fieutigen Vorsitzenden, der heute seinen 74. Geburtstag feiert, im Namen der Organisation und in meinem eigenen Namen beglückwünschen und dem Wunsch Ausdruck geben, er möge mit derselben Frische und Kraft, mit demselben Stolze und der gleichen inneren Ueherzcugung wie bisher noch an vielen Kongressen bei uns sein, mit uns arbeiten, uns beraten, uns bekämpfen und mit uns kämpfen. Es ist mir eine große Freude, ihn heute zu begrüßen, eine doppelte in dieser Stadt und eine dreifache in diesem Saal, Diese 74 Jahre sind nicht umsonst gelebt worden. Möge er in den Jahren, die noch kommen werden — und es mögen noch viele Jahre kommen! — genau so schaffensfretidig sein wie in den bisherigen. Das wünsche ich ihm aus der Tiefe meines Herzens. (Ussisclikin werden von der Versammlung herzliche Ovationen bereitet, ein Strauß Rosen wird ihm überreicht.) Und nun möchte ich noch folgende Worte sprechen: Ich glaube, der ganze Saal wird mit mir übereinstimmen, wenn ich den Behörden dieser Stadt, in der wir unseren ersten Schritt getan haben, unseren tiefsten Dank ausspreche. Das ist keine gewöhnliche Formel, es fließt mir aus der Tiefe meines Herzens. Ich erinnere mich einer Episode beim II. Kongreß: Da wurde hier der St.-Jakobstag gefeiert und da sah ich als junger Mensch, wie eine Gruppe von Schweizern, die mit ihrer Fahne am Kasino vorbeizogen, ihre Fahne vor der Judenfahne senkten. Das reiche Schweizer Volk verneigte sich vor der Fahne des ärmsten Volkes. Das werden wir dein Schweizer Volk nie vergessen. (Stürmischer Beifall.) Die Fahne des ersten Kongresses In diesem Moment wurde im Hintergründe des Saales eine blau-weiße Fahne mit dem Davidstern entfaltet. Es ist die historische Fahne des I. Zionisten-Kongresses. Eine Gruppe Jugendlicher trägt sie zum Präsidium und übergibt sie dem Präsidenten Ussischkin. Ussischkin erhebt sich und übergibt die Fahne mit einer kurzen Ansprache Dr. Wcizinann, wobei er die Hoffnung aiisspricht, daß diese Fahne bald dem jüdischen Pariament in Jerusalem überreicht werden kann. BegrSBnngsredea Hierauf spricht: der Vertreter des Regierungsrates Basel, Dr. E b i. In seiner Ansprache gibt er der Freude Ausdruck, daß der Kongreß nach Basel gekommen ist, um nicht nur der Stadt, der Begründung der Bewegung zu gedenken, sondern auch ihres Begründers selbst, Theodor Herzls. — Ussischkin erwidert und sagt, in zehn Jahren werde das fünfzigste Jubiläum des Zionistenkongresses in Erez Israel gefeiert, in unserer Hauptstadt Jerusalem. Er lädt den Redner ein, als Vertreter der Stadt Basel dort an dieser Feier teilzunehmen. Es folgt nun die Begrüßungsansprache des Vertreters der Basler jüdischen Gemeinde, Alfred Bloch, der u. a. miiteilt, daß der Vorstand der Kultusgemeinde Basel einstimmig beschlossen hat, den XX. Zionistenkongrcß ins Goldene Buch des Keren Kajemeth einzutragen. -- Ussischkin dankt in kurzen herzlichen Worten. 1111 Namen der Zionistischen Organisation der Schweiz spricht Dr. Markus Cohn und begrüßt die Versammlung. Der Vorsitzende teilt mit, daß Begrüßungsschreiben von verschiedenen Delegierten des I. Zionistenkongresa», die verhindert waren, nach Basel zu kommen und auch von einigen Gästen, die am I. Kongreß teiinahmen, eingelangt sind, und nennt die Namen der Absender, Es folgen Ansprachen von Teilnehmern am I. Zio• nistenkongreß. Okerrabbiner Dr. M. Ehrenpreis (Stockholm) schildert das Erlebnis des Basler Kongresses. Wir jungen Leute ohne Macht waren Träumer und Schwärmer und hatten nur die Kraft des reinen Glaubens. Nicht aus körperlicher Not kamen wir hierher. Wir fühlten uns als Volk mit verirrtetn Heizen. Nicht vor Verzweiflung, sondern von Schnsucht waren wir getrieben. Und wir waren Menschen eines Sinnes ־— es gab keine Fraktionen und Fraktiönchcn. Das zweite große Erlebnis war Theodor Herz I. Er kam zu uns als ein neuer Jude von einem Format, das wir vor ihm nicht gekannt hatten. Obwohl er ein Fremder war und uns geistig ein Fremder blieb, fühlten wir doch, daß der Instinkt der jüdischen Geschichte aus seinem Munde sprach. Der Schrei Herzls hat zum ersten Male das Herz der Welt durchschnitten. Er hat zum ersten Male für die Juden zur Welt zu sprechen gewußt F#to: Archiv un(j |)a(■ es jn voj1er Oeffentlichkeit getan. Es war meine Aufgabe, bei den ersten Zionistcnkongresseit die geistigen Inhalte der zionistischen Wiedergeburtsbewegung klarzulegen. Es war eine undankbare Aufgäbe und ist cs geblieben. Was an kultureller Arbeit geleistet wurde, geschah nicht durch den Kongreß, sondern neben dem Kongreß. (Hebräisch fortfahrend): Herzls Losung, der Zionisinus sei eine Rückkehr zum Judentum vor der Rückkehr ins Judenland, hat sich nicht erfüllt. Was wir bis jetzt während der Setzten 40 Jahre getan haben, war eine Rückkehr ins Land vor der Rückkehr zum Judentum. Bis zum heutigen Tage nach 40jähriger Arbeit bedienen wir uns noch teilweise fremder Sprachen. Wir stehen vor den Problemen von heute und morgen, und ich bin überzeugt, daß kein einziger von uns ein Erez Israel ohne Zion und Jerusalem billigen wird. Aber was ist denn der wesentliche Unterschied zwischen Jerusalem, Haifa und Tel Aviv? Was ist uns Zion ohne die Zionslehre? Und was bedeutet uns Jerusalem ohne Gottes Wort aus Jerusalem? Daher vernachlässiget nicht die Ausbildung des Geistes und haltet hoch die Kraft der jüdischen Lehre. Dr. David'Rarbstein (Zürich) gedenkt zuerst des Russisch-jüdischen wissenschaftlichen Vereins in Berlin, der vor 40 Jahren einen großen Einfluß auf die damalige studierende jüdische Jugend hatte; er gedenkt weiter Dr. Bernstcin-Rolians. Ich hatte — führte er weiter aus — am 1. Kongreß die Aufgabe, die wirtschaftliche Grundlage der zionistischen Bewegung zu behandeln, jetzt, nach 40 Jahren, habe ich meine Meinung darüber noch nicht geändert. Nach jüdischen Begriffen ist ein Gedenktag nicht nur ein Feiertag, sondern auch ein Tag der Rechenschaft. Und so müssen auch wir immer wieder fragen: Haben diejenigen, welche gegen die Einwanderung der juden Einspruch erheben, nach den Grundsätzen von Recht und Billigkcit, die Möglichkeit zu diesein Einspruch? Wir können diese Frage verneinen. Was das historische Recht betrifft, so kann man wohl sagen, daß die Nachkommen von Jesaia und Ainos ein größeres historisches Recht haben als alle anderen. Völkerrechtlich betrachtet besitzen die Juden die ganz konkreten Rechte, welche aus der Balfour-Deklaration und dem Mandat hervorgehen. Das wichtigste Recht aber ist jenes, das aus der Arbeit liervorgeht. Wer das Land bebaut und bearbeitet, der hat das Recht auf Einwanderung und auf den Besitz des Landes. Prof. Heinrich Löwe (Tel Aviv) Mir ist die Eine, hier zu sprechen, deshalb zuteil geworden, weil ich auf dem ersten Kongreß Vertreter der Palästinenser war. Ich war als westeuropäischer Jude aus der russisch-jüdischen Studentenbewegung hervorgegangen und habe in Berlin den Verein Jung-Israel gegründet, der zuerst die Bewegung außerhalb Rußlands vorwärts getragen hat. Als der Kongreß einberufen wurde, gab es nicht nur Proteste seitens der Protestrabbiner; es kamen sogar Briefe an die Bewohner von Erez. Israel, an die Kolonisten, weiche von ihnen verlangten, sie mögen gegen die Abhaltung des Kongresses protestieren. Es mußte eine große Propaganda entfaltet werden, und so kam es zur Entsendung eines Delegierten der palästinensischen Kolonisten zum Kongreß. Es ist die fdee des Juden- Staates mit hebräischer Sprache und mit jüdischer Kultur, die wir in Basel vertraten. Es war wie ein großes Wiedersehen in Basel, ein Wiedersehen nach 2000 Jahren. Plötzlich waren wir wieder ein Volk, ein Herz und eine Begeisterung. Und wir erlebten Theodor Herzl. Das größte, was er uns gegeben, war seine Persönlichkeit. Je ferner er uns rückt, desto größer erscheint sie uns. Es besteht ein interessanter Unterschied zwischen geistigen und materiellen Dingen. Je weiter wir uns von den materiellen Gegenständen entfernen, desto kleiner erscheinen sie uns; je weiter wir 11ns aber von den großen Geistern entfernen, desto größer erscheinen sie uns. Das erleben wir an Theodor Herzl. Ich vertrat auf dem Kongreß zwölf kleine jüdische Dörfer von 2000 Personen. Wie sah damals Palästina aus? Es war eine Wüste in kultureller und wirtschaftlicher Beziehung, von der man sich kaum ein Bild machen kann. Das jetzige Palästina haben wir geschaffen. (Hebräisch fortfahrend): Heute gedenken wir unserer Jugendtage, als wir uns auf dem Wege Foto: Archiv Foto; Archiv