Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 64 (13.8.1937)
- Date
- 1937-08-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit« 4 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 64. 13. VIII. 1937 Die politische Debatte / Fortsetzung von Seite 3 Schertoks Rede Je melir Juden ins Land kommen, desto mehr Möglichkeiten wird es für den Absatz von lokalen Industrie״ Produkten gehen. Aher wir dürfen den arabischen Markt in Palästina und den Nachbarländern nicht vernachlässigen, hoffen wir doch, in Palästina ein grobes Industriezentrum nicht nur für uns seihst, sondern auch für die Nachbarländer zu schaffen. Wie werden wir das erreichen? Schon jetzt sind wir eine große Konsumkraft, wir beziehen Produkte aus dem Irak, ans Syrien, aus Aegypten. Aller nur, wenn *vir über diese Machtposition selbst verfügen, wenn wir eine U a n d e I s in ö g 1 i c 11 k e i t besitzen und über sic disponieren können, werden sich größere Exportmöglichkeiten in die arabischen Nachbarländer eröffnen. Im weiteren Verlauf seiner Rede polemisiert Scliertok gegen mehrere nebattenreden der Linken, insbesondere des Hasdiomer Ha/air, denen er vorhält, daß sie in der Praxis selbst genötigt waren, eine rindere Haltung anzunehmen, als ihrer Theorie entspricht. Der Redner fährt dann fort: Es wurden hier begeisterte Reden gelullten, von tiefem zionistischein Geluhl durchdrungen, alle mit dein Zweck, nachzuweisen, daß wir, statt diese Idee an/unchmen, unseren früheren Kampf weiterführen und dazu alle Kräfte des jüdischen Volkes mobilisieren müssen. Die Redner scheinen jedoch die großen V c r;1 n d e r;1 11 g c 11 in unserer U m g e b u n g und in der Welt ganz anRer acht zu lassen. Line Tatsache bleibt wohl unverändert, nämlich die Notlage der Juden, die sich sogar immer mehr verschärft. Was können wir jedoch tun, wenn die geschichtliche Entwicklung andere Wege geht, als die Judennot sie erfordert? Gerade die großen Umwälzungen in der Welt, welche die Judennot verschärft haben, tragen gleichzeitig dazu bei, die Möglichkeit für Erleichterungen zu vermindern. Rabbi Wise erwähnte in seiner Rede, wenn Wti/manu vor K) Jahren sein i'aeeusc gegen die britische Regierung ernoben hätte, -o wurde man heute von keinem Teilungsplan sprechen. Nach meiner Kenntnis der Dinge hat IV. Wei/iuann vor der Regierung vor 10 und vor 5 Jahren | a 11 r für Jahr dieseil) e 11 Reden gehalten. Ich habe in den letzten jahreu mit IV. Weizinaun und vorher zwei Jahre mit Cliaim Ariosoroff /usniiunengearbeitd und weiß aus Erfahrung, daß diejenigen Politiker, die auf dieser Tribüne besonnen und ruhig sprechen, den schärfsten Ton anschlagen, wenn sie die Interessen dis jüdischen Volkes nach außen verteidigen. Weint der Plan sclwitcrt, werden wir gezwungen sein, unseren alten Kampf \ve! t er zu fuhren. Aber ein verbesserter Tcilungsplan bietet grolle Möglichkeiten, obwohl er der schwerere Weg ist. l'nsere Erfahrung sagt uns, daß Schwierigkeiten in unserer Arbeit, die zwischen uns und den Möglichkeiten! weheren ['orWcdinttes stellen, immer wieder die notigen Kräfte und Talente hei uns wecken, die geeignet sind, sie zu überwinden. Und ich glaube, wir werden auch diesmal in uns die Kraft und Energie finden, tim die große Chance aus/unützcti, die 1ms gegeben wird, um über alle Schwierigkeiten hinweg für uns eine große Zukunft in Erez. Israel zu schaffen. (Langnnhaltender Beifall.) Nach Shertok kam als letzter Redner in der politischen Debatte, welche in sieben geschlossenen Sitzungen abgeführt wurde, der Vertreter der Jewislt Agency beim Völkerbund Dr, N. Goldmann zu Wort, er legt dar: Fs gibt in der Politik wie im Leben gewisse Enfscheidüngen auf den ersten Blick. ״Meine Reaktion war vom ersten Augenblick, als Dr. Wei/mann mir im Januar den Plan mittcilte, eine positive, trotz der ungeheuren Risiken. Warum? Mandat, Bnlfour-Dcklaratiori, N’ationailieim waren von Anfang an auf eine bestimmte Periode abgestellt, sie waren der politische Rahmen für einen Eebergangsznstand. Könnten wir frei wählen, würden wir heute sicher alle sagen, wir wollen dieses Provisorium noch um zehn Jahre verlängern, um dann stärker in das Defiuitivum zu gelten. Da die f nedcn-konfcreiiz kein Definitivum gesehaffen hat, mußte es klar sein, daß das Provisorium in ein Definitivum nur hatte iiherfulirt weiden können, wenn England zu einer Politik der staikni Hand in Palästina bereit gewesen wäre — England ist nicht bereit, nicht weil es nicht kann, sondern weil es nicht will. Wir hatten das Malheur, eine Mandatannachf zu bekommen, die nicht antisemitisch und nicht anli/ionistiseh, die aber eine europäische Demokratie in der Defensive ist. England macht in Palästina die gleiche Politik wie in der Welt, es weicht so lange zurück, als nicht seine vitalen Interessen berührt werden. End der Judenstaat im ganzen Palästina ist kein vitales englisches Interesse. England hätte wahrscheinlich nichts gegen ihn, wenn es nicht gezwungen wäre, ihn mit starker Hand zu verteidigen. Weder Genf noch wir haben die Macht, dem britischen Imperium in diesem kleinen Bezirk: eine Psvdinlogic zu imputieren, die es in viel vitaleren Fragen nicht hat. Darum Ist die Chance, daß man das Provisorium des .Nationalheims zum Definitivum eines Judenstaates in ganz Palästina verwandelt, nicht vorhanden. So bliebe nur noch die letzte Chance: uns mit dem wachsenden arabischen Nationalismus zu verständigen, das bedeutet den binationalcn Staat, lei! bin kein prinzipieller Gegner des binationalcn Staates, und man müßte sich sehr erntu überlegen, was für uns besser wäre, ein wirklich inationaler Staat in ganz Palästina oder die territoriale Teilung Palästinas. Aber wir brauchen uns in diese Frage gar nicht einzulassen, denn es fehlen bei den Arabern die psychologisch e!1 Voraussetzungen. Es wäre anders, wenn wir noch in der Welt von )017—19 lebten, in der Zeit, als der Völkerbund geschaffen wurde, und wo der (!eist der Toleran/zeit weit stärker war als jetzt. Aber wir leben nicht mehr in dieser Welt, die Araber haben indessen den aggressiven Nationalismus gelernt und heute sind alle Gedanken an eine arabisch-jüdische Verständigung utopisch, es sei denn, wir geben uns mit dem Status einer Minderheit zufrieden. So fällt dann diese Möglichkeit weg. Dann aber sehe ich beim besten Willen nicht, welche andere Möglichkeit einer Lösung dieses Provisoriums denkbar ist, außer diese kühne und riskante Idee der Teilung, die schon lange vor der Königlichen Kommission in zionistisehen Kreiset! — ich nenne nur den Namen Victor Jacobsohn — viel diskutiert worden ist. Wir haben ein paar Freunde in der Welt, und einer dieser Freunde ist England. Sollen wir diesem England ohne weiteres den Kampf ansagen? Die Schaffung eines Jiidenstaates in einem Teil Palästinas bedeutet ein ungeheures Risiko, und ich begreife vollkommen die Psychologie von Zionisten, für die, was wir in Palästina geschaffen haben, der Inhalt des Lebens ist. Für sie ist der gegenwärtige Plan ein Sprung ins Dunkle, sie klammerii sich an die Sicherheit, an das Mandat, an den internationalen Schutz, an den Völkerbund und an Amerika. Aber jeder große historische Prozeß ist ein solches Risiko. Die Alternative ist der Stillstand, und das bedeutet die Zurückdrängung des Zionismus im jüdischen Leben, In jedem Risiko liegen Gefahren, aber auch ungeheure Chancen. Auch in diesem Judenstaat sind ungeheure Chancen. Vor einigen Monaten sprach ich mit dem Minister eines Landes, der kein Antizionist ist, über den Judenstaat. Er fragte, wieviel Menschen wir im Laufe von 20 Jahren nach Palästina zu bringen Vorhaben. Ich sprach von 1 La bis 2 Millionen. Darauf sprang der Mann auf und sagte: ״Wenn die Juden 11 :> Millionen nach Palästina bringen, dann sind sie der stärkste Faktor im Vorderen Orient,“ Das ist die spontane Reaktion eines Menschen, der nicht unser unbedingter Freund ist. Wir dürfen nicht vergessen, daß wir da» jüdische Volk der Welt hinter uns haben. Ist das nicht eine ungeheure Chance? Wir haben keine Wahl, als diesen Sprung zu machen. Wir werden aus dem Zusammenbruch des Mandates und der Katastrophe von 1936 den Ausgangsnunkf einer neuen großen Kraftentfaltung in Palästina machen! (Lebhafter Beifall.) Damit ist die Debatte der ״politischen Kommission“ beendet. 30 Minuten nach Mitternacht wird die 10t Eder drei Montags-Sitzungen geschlossen. Wieder Öffentliche Sitzungen Der Sitzungssaal des Kongresses bietet Dienstag, am 10. August, wieder das seit vier Tagen entbehrte Bild -- die Logen und Galerien sind überfüllt von Zuhörern, denn die Ocffentlichkeit der Sitzungen ist wiederhergestcllt. Um 12 Uhr mittags eröffnet Vorsitzender Dr. Goldmann die Sitzung, teilt jedoch mit, daß dann auf Beschluß des Kongreßpräsidiums die Sitzung bis 10י Uhr unterbrochen wird, um der politischen Resolutionskommission Gelegenheit zu gehen, ihre Arbeit zu beenden, sowie den Fraktionen dringende Besprechungen zu ermöglichen. Die Dienstag-Abend -Sitzung, unter Vorsitz von Dr. Stephen Wise, bringt die Schlußworte von Ussisehkin und Weizmann. Das Hans ist überfüllt. Unter großer Spanming ergreift Ussisehkin das Wort, der hebräisch spricht. Ussischkins Resume Ussisehkin kennzeichnet nochmals den besonderen Ernst der Entscheidung und der Situation. Er meint, die Debatte habe insofern wenig gegeben, als die meisten Delegierten bei ihrer alten Meinung geblieben sind. Er polemisiert mit einigen Rednern und faßt: nochmals die Argumente der Neinsager zusammen. Die Parole, auf die alles ankomme, sei Rückkehr zum Boden. Der vorgeschlagene Judenstaat habe aher zu wenig Boden, und die Araber werden nicht von ihrer Scholle weichen. Für uns sind aber 5 Milfionen Juden, wie in New York, nicht ausreichend, wenn wir nicht genügend Boden haben. Wir werden in unserem Staat 300 000 Araber haben. Ihre wirtschaftliche Lage wird sich verbessern. Aus unseren Steueigeldern, aus den Geldern des Keren Kajemcth, des Keren Hajessod werden wir gezwangen sein, arahische Schulen zu errichten. Ich beneide nicht unseren zukünftigen Unterrichtsminister, in unseren arabischen Schulen wird man von früh bis Abend antijüdische Propaganda machen — die arabischen Kinder werden helehrt werden, daß sie sich in einer jüdischen Galuth befinden und die Freiheit anstreben müssen. Auch in unseren Schulen Weizmann Es tut mir leid, daß Ussisehkin vom Tag seiner ersten Rede bis zur heutigen sein richtiges Terrain, auf dem ich ihn so gern sehe und höre, verlassen hat. Es hat großen moralischen Wert, wenn ein Mann wie er, mit dieser Vergangenheit, diesen Leistungen, von großen Horizonten spricht, wenn er alle diese Imponderabilien wach werden läßt, die für uns Zionisten ein so großes Gewicht haben. Wenn aber Ussisehkin ökonomische, politische, pädagogische Fragen und Dctailprohleme zu erörtern unternimmt, müssen ihm Fehler unterlaufen. Nicht im Inhalt — der Fehler ist ein 10gisch er. Gesetzt, daß alles richtig ist, was er sagt, daß wir mit dem Boden, der Umsiedlung, dem Erziehungswesen Schwierigkeiten haben werden (und ich mache mir keine Illusionen, daß wir große Schwierigkeiten haben werden — wäre die Sache leicht, man hätte sie uns nicht gegeben —, denn man macht keinen Staat aut leichtem Wege, nicht wir Juden, nicht andere Völker, das ist ein schwerer Prozeß!) wenn alles richtig wäre, werden die Schwierigkeiten in einem Judenstaat, wie sich ihn Ussisehkin ausmalt, zehnmal schwerer sein. Er sagt, wir müssen arbeiten, bis wir eine Majorität im Lande sind, dann werden wir herrsehen und es wird eine humane Herrschaft sein. Ich bin überzeugt, daß Ussisehkin es so meint, wie er es sagt. Aber wird die Minorität im zukünftigen Judenstaat eine kleinere, bessere, freundlichere sein? Werden alle auf gezählten Probleme in einem Staat gelöst sein, wo wir d e jure eine Herrschaft über eine oder zwei Millionen Araber innchabcn werden? De facto werden die Araber auf ihrem Boden bleiben, sich nach denselben Gesetzen vermehren, arabisch sprechen, sie werden Schulen brauchen, sie werden sich immer stärker verwurzeln. Dieser Schluß vom Leichteren aufs Schwerere ist nicht logisch. Wenn die Sache bei 225 000 Arabern nicht leicht ist, warum soll sie für eine Million leichter sein? Dr. Weizmann erwähnt dann kurz einige der Kontraredner und hält ihnen folgendes vor: Vor eineinhalb Jahren oder vor einem Jahr, noch bevor alle diese Probleme auf dem Tapet waren, habe ich mich oft mit unseren Experten darüber unterhalten, wie man weiterkommen könne, ich meine da, wie man eine planmäßige Arbeit durchführen könnte, die uns eine nennenswerte Anzahl von Menschen Ins Land brtngen und auf dem Boden ansiedeln können. Denn darin natürlich sind wir mit Ussisehkin und den übrigen einig, daß die Kolonisation das Um und Aut unserer Arbeit ist; alles andere wächst, wem! die Besiedlung des Bodens wächst. Und wir kamen zum Schluß, daß man, um die agrikulturellen Bedürfnisse der jüdischen Bevölkerung zu decken, noch 10000 jüdische Wirtschaften errichten könnte und dazu noch 5000 zusätzliche Hilfswirtschaften (also im ganzen 15000). Um also die Millionen, die für Butter und Brot; Milch und Eier, die man von auswärts oder von den Arabern kauft, ausgegeben werden, im Lande zu behalten, müßte man noch 15 000 jüdische Wirtschaften aufbauen. Dann wäre das System der Wirtschaft dieser 400 000 Mensehen in sich abgeschlossen und nicht auf den Außenmarkt angewiesen. Ferner könnte man für je 40 000 jährliche Einwanderer noch weitere 1000 Wirtschaften und 500 Hilf*- wirtschaften schaffen. Um dies durchzuführen — es wäre natürlich weder ein Judenstaat noch eine ähnliche ambitionöse Sache —, aber immerhin im Verhältnis zu dem wird der Unterricht von radikalen Anschauungen durchsetzt sein müssen. Der arabische Haß gegen uns wird immer stärker werden. Und die Erziehung unserer Jugend wird radikal militaristisch sein müssen; ich bin kein Militarist, aber die Sache ist sehr einfach, wir werden uns auf jedem Schritt und Tritt verteidigen müssen, alle zusammen eine jüdische ״Armee“ bilden. Dieser Zustand wird Jahrzehnte dauern. Vielleicht kann man darin Heldentum und Schönheit sehen, aber praktisch genommen kann ein solcher Staat nicht existieren. Und dann die Industrie und die ganze ökonomische Lage. Wenn wir den Vorschlag der Engländer annehmen, wird dann die ökonomische Lage besser werden? Was wird geschehen? Wir haben keine Landwirtschaft, keinen Boden, unsere Industrie hat keinen Absatzmarkt. Wohl sagte Kaplan, daß die Juden im Lande den Absatzmarkt schaffen werden. Ich zweifle sehr, ob viele Bewohner Tel Aviv* und Natanialis Tozereth Haarcz kaufen werden. Außerdem wird im jüdischen Staate die arahische Konkurrenz vorhanden sein. Ich habe die Wachtposten gegen arabische Arbeit hei Kfar Saba gesehen, und ich frage unseren Minister des Inneren, vielleicht wird es Ben Gurion, ob diese Schutztruppen in der Lage sein werden, die Araber, die Bürger unseres Staates sind, in ihrer Arbeit z.u verhindern. Und wovon wird dieser ״Judenstaat" leben? Woher werden wir die gewaltigen Ausgaben für den Regieru ngsapparat und andere Dinge hernehmen? Auf welchen Grundlagen werden wir unsere Industrie aufbauen, um jährlich 100000 Juden ins Land zu bringen? Vielleicht werden unsere Minisfer durch ihre Begeisterung viele Juden ins Land bringen, aber wie wird eine ökonomische Basis für den kleinen Judenstaat geschaffen? Das ist die Frage. Ihr Ja-Sager, es gibt einige unter Euch, die daran glauben, daß dieser Staat nicht der Anfang einer Erlösung, sondern die Erlösung seihst sei, aber die Mehrheit denkt, wie der ukrainische Bauer: es kann nur schlimmer werden, wenn auch in einer anderen Art und Weise. Das kann man im Einzellchen gelten lassen, aber nicht im Lehen einer Nation und schon gar nicht 1m Leben unserer Nation. Dieser Weg ist falsch. In der Resolution der Exekutive wird von Euch die Exekutive bevollmächtigt, Verhandlungen ״über die Begründung eines Judenstaates“ zu führen. Wenn Ihr aber aufrichtig sein wollt, müßt Ihr noch einige Worte hinzufügen: ״Gründung eines Judenstaatcs auf Grundlage des T eilunggplanes“. Ihr müßt die Verantwortung voll und ganz übernehmen und nicht Versteck spielen. Die Resolution wurde in einer solchen Form abgefaßt, daß diejenigen, die nicht wissen, was hinter den Kulissen vorgeht, sich sagen müssen: diese Resolution kann ich mit ruhigem Gewissen unterschreiben. Auch ich würde eine Resolution unterschreiben ״für die Gründung eines Judenstaates“, nämlich vom Euphrat bis zum Mittelmecr. Wer an die Sache des Teilungsptans glaubt, möge dafür stimmen. Diejenigen jedoch, die die geringsten Zweifel haben über die Folgen dieses gewagten Sprunges, sollen bedenken, was sie tun. Ich kann von ihnen nicht yerlangen, daß sie dagegen stimmen. Wenn sie jedoch Gewisse* und Verantwortungsgefühl haben, müssen sie sich der Abstimmung enthalten. Zum Schluß seiner Rede, die auch zahlreiche Reminlszetizen aus der zionistischen Geschichte enthielt, stellt Ussischkin nochmals mit tiefer Bewegung seine persönliche Haltung dar. Seine Rede findet besonders aut der Rechten des Hauses lebhaften Beifall. antwortet Gang, den wir bisher gegangen sind, eine großartige Angelegenheit, wenn man bedenkt, daß wir 1n diesen 50 Jahren 9000 Familien angcsicdelt haben, ־— um dies durchzuführen, brauchen wir folgendes: 1. eine halbe Million Dunam normalen bewässerbaren Boden; 2. ungefähr 20 Millionen Pfund und 3. und damit komme ich zum springenden Punkt: Um eine An- Siedlung auf diesem Boden zu ermöglichen, müßte man verschiedene Gesetze machen können. Z. B. um die zersplitterten Parzellen zusamincnzulegen, um die Wasser- Wirtschaft zu regeln, die Tarife usw., Kurz, es gehörte dazu eine willige S ta a t s g e w a 11, die jetzige ist leider nicht willig, diese Dinge zu tun. Sehr viele Leute fragen: Ihr, die ihr doch Immer die englische Administration in Schutz genommen habt, die ihr immer gesagt habt, man soll immer weiter arbeiten wie bisher, warum habt ihr euch plötzlich geändert? Aber es ist gar nicht so. Es hat sich langsam entwickelt. Zunächst standen wir in einem experimentellen Stad i u m. Man hätte sich überhaupt prüfen müssen, ob die Juden das leisten können, was zum Aufbau eines Lande» gehört. Man hat in den ersten zehn Jahren nicht experimentiert, Dann kam die Epoche der Chaluziuth, eine Offenbarung, die man theoretisch hätte gar nicht erwarten können. Die Bevölkerung wuchs, und als sie ein Stadium erreichte, daß sie groß genug war, um nach der Meinung der Araber eine Gefahr für sie darzustellen, aber noch zu klein war, um sich auf eigenen Füßen weiterentwickeln zu können, da kam die Krise. Wäre die Krise, wie sie im lahre 1936 zum Ausbruch gekommen ist, in! Jahre 1929 gekommen, so wäre es uns viel schlimmer gegangen. Wir wären heute nicht imstande, die Mängel, welche dieser Judenstaat an sich hat, zu diskutieren. Es ist keine Spontaneität dabei, sondern es ist ein peinlich schwerer Prozeß der Erkenntnis, daß man irgendwie aus der Klemme herauskommen kann, herauskommen muß. Dr, Wise sagte mir: hätte ich die Rede gegen die Administration vor zehn Jahren gehalten, so wäre es vielleicht zum jetzigen Vorschlag nicht gekommen. Es läßt sich nicht darüber streiten, was geseliehen wäre, wenn, vielleicht w'äre es gerade umgekehrt. Wenn Wise viele von seinen Reden nicht gehalten hätte, w׳äre es vielleicht auch besser. Aber ich sage das nicht, um ihn mit gleicher Münze zu bezahlen, ich will etwas anderes sagen und das werden mir alle, auch Wise, nachfiihlen. Ich bin da in der glücklichen Lage, etwas Unproblematisches zu sagen. Es ist fast axiomatisch hei uns, daß, wenn man in den ersten Jahren von 1920 bis etwa 1925/26 die Sache mit einem großen Schwung gemacht hätte, wir heute nicht vor so schweren Problemen gestanden wäre!!. Weizmann erinnert nun an die Jahreskonferenz 1920, wo die Amerikaner zu denen auch Wise gehörte, sich außerstande erklärten, ausreichende materielle Leistungen für Palästina zu vollbringen. Ich sage das nicht als Vorwurf, ich will nur sagen, die Schuld lag nicht immer auf dieser Administration oder auf jener, sondern w ir haben eine gewisse Zeit versäumt, und sie nachzuholen, ist immer sehr schwer. Ich will diese Geschichte nicht weiterspinnen, ich könnte noch andere Beispiele, nicht aus Amerika, sondern aus Paris und London und von überallher, erzählen, wie man Dinge nicht getan hat, und dafür haben wir nun zu büßen. Es ist die Natur der Menschen, daß man versucht, die Schuld auf andere abzuwälzen. Ein englisches Wort sagt; Der Stielei ist nicht