Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 64 (13.8.1937)
- Date
- 1937-08-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 64, 13. VH. 1937 JÜDISCHE RUNDSCHAU SeFte 3 Ebenso ist es mit unserer Lage in Erez Israel nach dem Jahre 1936. Aber nicht nur diese Ereignisse sind maßgebend — die Stimmungen, die schon früher geherrscht haben, und die Angst, die man in Regierungskreisen vor Dingen, wie sie sich im Jahre 193(1 abgespielt hatten, haben den Gang der Geschichte beeinflußt. Die auf dem letzten Kongreß neu gewählte Exckutive hat es, gerade weil die internationale Lage drohender, die jüdische Weltlage tragischer geworden ist — als ihre Hauptaufgabe betrachtet, alles zu tun, um von der Regierung die Möglichkeit zu erhalten, unsere Arbeit zu beschleunigen. Wir machten den Versuch einer politischen Offensive, standen jedoch weit vor der Notwendigkeit, einen bitteren hartnackigen Defensivkampf zu führen, um die Verteidigung der alten Positionen. Der Druck der ßeschränkungspolitik wurde immer ärger, und auch ohne die Unruhen vom Jahre 1936 wären wir wahrscheinlich an einen Wendepunkt gelangt. Die Wahl, vor der wir jetzt stehen, ist nicht eine Wahl zwischen zwei guten Dingen, sondern zwischen zwei Formen der Einschränkung. Beide sind schlecht, beide schmerzhaft, doch wir stehen eben vor dieser Wahl. Unsere Wahl kann keine passive sein. Es geht nicht nur darum, daß unsere Stellung zu den verschiedenen Möglichkeiten uns klar wird, die Frage ist, was wir wollen und, daß wir für das, was wir wollen, kämpfen müssen. Es ist wahr — für unser historisches Bewußtsein ist die Teilung Palästinas eine erschütternde Tatsache. Die Kommission selbst spricht von einer ״chirurgischen Opera- Verstimmung in England? RW, Zürich, Donnerstag Nachmittag (telephonisch) Die Lokalpresse in Zürich veröffentlicht eine Havas-Mcldüng, wonach die Haltung des Zionisten-Kongrcsses gegenüber dem britischen Angebot in Londoner politischen Kreisen ein gewisses Befremden hervorgerufen habe.. Es wird ein Artikel des ״E v e n i n g Standard“ zitiert, worin es heißt, daß England den Antisemitismus nicht kennt und daß die englischen Juden gut daran täten, ihren in Zürich versammelten Glaubensgenossen in Erinnerung zu rufen, daß sie durch die Schaffung einer englandfeiudlichen Stimmung dem Judentum einen schlechten Dienst erweisen. Das Blatt anerkennt jedoch auch, daß die zionistische Kritik an der englischen Politik in Palästina zum T eil berechtigt sei. tion". Es ist nicht nur eine schmerzliche, sondern eine grausame Operation, und unsere Kinder in Erez Israel haben am Morgen des 8. Juli geweint, als sic die Teilungskarte des Landes sahen. Aber mit Tränen und Erschütterung kann man die Zukunft nicht sichern. Wir müssen uns eine klare liebersich^über die alternativen Möglichkeiten schaffen. Ich verstehe diejenigen, die sich mit IJssischkin identifizieren und ein absolutes Nein sagen. Ich teile ihre Meinung nicht, ich bin überzeugt, daß sie in einem historischen Irrtum befangen sind. Aber denen, die denken, einen guten Teilungsplan annchmen zu können, sage ich: Wie werden wir dazu kommen, ein Maximum an Möglichkeiten zu realisieren, wenn wir nicht darum kämpfen? Es ist ganz klar, daß die Stellung des Judenstaates — um nur ein Beispiel zu gehen — ohne daß die vier Städte mit dem Rest des Staates eine Zolleinheit bilden, unmöglich wäre. Aber dafür muß man kämpfe n. Ber! Ka/nclsort hat die zwei Namen Modiin und Massadah erwähnt und darauf hingewiesen, daß es einmal eine schöne Tradition war, wenn die Jugend am Channukkah nach Modiin ging. Ich bin einer von den Schülern des Gymnasiums Tel Aviv׳, die von ihren Lehrern alljährlich nach Modiin geführt wurden. Warum geht man jetzt nicht? Weil der Weg nach Modiin nicht sicher ist. Es handelt sich dabei nicht nur um die physische Sicherheit. Wenn jetzt mehrere Schüler zu mir kommen und fragen, oh sie einen Ausflug in irgendeine arabische Gegend machen wollen, so muß ich. alle Verwicklungen in Erwägung ziehen, die das Erscheinen jüdischer Gruppen in einem entfernten Winkel des Landes auf die Stimmung der Araber hervorrufen kann, weichen Widerhall die Sache in der arabischen Presse finden, welche politischen Schwierigkeiten sie uns verursachen, vielleicht auch wieviel Blut sie kosten kann. All das muß ich in Betracht ziehen, bevor ich antworte — und es gibt viele Fälle, wo ich sagen muß: Es geht nicht. Man kann also in einem ungeteilten Palästina Modiin und Massadah behalten und doch zu diesen beiden Orten keinen Zutritt haben. Was gibt uns der Plan? Da die Frage hier schon eirtgehend erörtert wurde, werde ich kein ausführliches Referat darüber halten, sondern nur eine Reihe kurzer Bemerkungen machen. Wir haben in dem Vorschlag eine Reihe <! u a I i t a - tiver Faktoren: Wasser fast im ganzen Gebiet, Nachbarschaff der Küste, kompakte Sicdlungsmöglichkeit, entwickeltes Verkehrswesen, Aussichten für Industrie. Wenn man über die Bodenfläche redet und den Wert des vorgeschlagenen Gebietes bagatellisiert, so kann man das ebenso von jedem anderen Teile von Erez Israel tun, Venn man beweist, daß der Cialil, der Emek und die Kiistencbene keine Möglichkeiten für Einwanderung und Industrie!iahen, wieviel mehr gilt das für das Gebirge, für den Negew, für den südlichen Teil des Jordantalcs! Wenn man Schätzungen über den einen oder anderen Teil des Landes anstellt, darf man nicht übersehen, zu welcher Totalschätzung man gelangen muß. Davor soll man sich hüten. Was hätten wir in den nächsten Jahren getan, wenn es keine Teilung und keinen Judenstaat gäbe? Wir hätten nicht nur mit denselben Schwierigkeiten gekämpft wie bisher, sondern mit viel größeren Hindernissen, die die Zukunft brächte. Ich will von diesen neuen Schwierigkeiten, die uns drohen, nicht reden, sie sind dem Kongreß gut bekannt. Im Laufe vieler Jahre gab es einen Kampf gegen den administrativen Obstruktionisimis in Erez Israel. Dieser ,,Stelhmgskrieg“ erforderte eine ungeheure Vergeudung nationaler Energie und individueller Kräfte. Es ist nicht richtig, daß wir müde, daß wir der Bekämpfung der täglichen Schwierigkeiten überdrüssig geworden sind. Wir sind nicht müde, denn es genügt, hundert jüdische Arbeiter als Träger im Haifaer Hafen zu sehen, um die Kraft zu haben, zwei Jahre weiter zu arbeiten, um noch einige hundert Arbeiter dort unterzubringen. Aber wir dürfen unsere Augen nicht vor der Wirklichkcit verschließen, wir müssen aus der Erfahrung die Lehren ziehen und erwägen, um wieviel schneller unser Fortschritt gegangen wäre, um wieviel fester unsere Positionen geworden wären, hätten wir die Möglichkeit gehabt, bei der Schaffung neuer Tatsachen in Erez Israel unseren Willen zu freiem Ausdruck zu bringen. Ein paar Worte über die wirtschaftliche Seite des Problems: Bis zu den Unruhen des Jahres 1936 hat die jüdische Industrie in Palästina zu 85—90 »,0 den jüdischen Markt belegt und zu 10—15 ״,<> den arabischen. Im letzten Jahre ist die /:weite Ziffer auf 5 ׳•״« gesunken, (Fortsetzung auf Seite 4) Die politische Resolution Mittwoch Mittag wurde in namentlicher Abstimmung mit 300 Stimmen die nachstehende politische Resolution angenommen, (Der Gegenvorschlag der ״R einsag er“ erhielt löS Stimmen. 1. Der XX. Zionistenkongreß wiederholt aufs neue feierlich die Historische Verknüpfung des jüdischen Volkes mit Palästina und sein unabänderliches Recht auf sein Heimatland. 2. Der Kongreß nimmt Kenntnis von den Feststellungen der Kgl. Kommission ln bezug auf folgende fundamentale Grundsätze: erstens, daß der Hauptzweck des Mandates, wie er in seiner Präambel und seinen Artikeln ausgedriiekt ist. darin besteht, die Errichtung eines jüdischen nationalen Heimes zu fördern: zweitens, daß zur Zeit der Bai four-Dcklaration unter dem Gebiet, auf welchem das jüdische .Nationulheim errichtet werden sollte, das ganze historische Palästina einschließlich Transjordaniens verstanden wurde; drittens, daß die Kalfour-Deklaration die Möglichkeit der Entwicklung Palästinas zu einem Judenstaat beinhaltet: viertens, daß die jüdische Kolonisation in Palästina der arabischen Bevölkerung wesentliche Vorteile gebracht und sich zum wirtschaftlichen Nutzen des ganzen arabischen Vol• kes ausgewirkt hat. 3. Der Kongreß weist die Behauptung der Kgl. Kommission, das Mandat habe sich :11s undurchführbar erwiesen, zurück und verlangt seine völlige Durchführung. Der Kongreß beauftragt die Exekutive, sich jeder Verletzung der Rechte des jüdischen Volkes, die durch die llalfour-Deklaration und das Mandat international garantiert sind, zu vvidcrsctz.cn. 4. Der Kongreß erklärt, daß für die Schlußfolgerung der Kgl. Kommission, daß die nationalen Bestrebungen des jüdischen Volkes und der Araber in Palästina nicht zu vereinigen seien, keinerlei Grundlage vorhandem ist. F.ines der Hindernisse für die Zusammenarbeit und die Erreichung eines L’ebereinknmmens zwischen den beiden Völkern war die im Bericht der Royal Commission festgestellte Unsicherheit hinsichtlich der endgültigen Absichten der Manrlatsrcgicrung und die zögernde Haltung des politischen Systems Palästinas, die zu mangelndem Vertrauen in die Kraft und den Willen der Regierung, das Mandat zu verwirklichen, geführt hat. Der Kongreß bestätigt bei dieser Gelegenheit die Erklärungen der früheren Kongresse über die Bereitschaft des jüdischen Volkes, mit der arabischen Bevölkerung Palästinas zu einer friedlichen Verständigung auf der Grundlage gegenseitigen Verständnisses für ihre Hechte und die Freiheit der Entwicklung beider Völker zu gelangen. 5. Der Kongreß verwirft die von der Kgl. Kommission vorgeschlagenen P :1 11 i a ( i v m i t l e I zur Durchfübrung des Mandates, und zwar: Einschränkung der Alijah, Festsetzung eines politischen!Maximums für die Mijali an Stelle der wirtschaftlichen Aufnahmefähigkeit, Verschließung verschicdener Gebiete des 1.;indes vor jüdischer Kolonisation, Beschränkung des Bodenkaufs usw. Diese Vorschläge sind ein Holm auf das Mandat und eine V erletzung internationaler Verpflichtungen und würden sich auf die Zukunft des Nationalheims vernichtend auswirken. fi. Der Kongreß legt seinen schärfsten Protest ein gegen den Beschluß der Britischen Regierung, ein politl• sches Maximum für die jüdische Einwanderung aller Kategorien für die nächsten acht Monate fcst/.usctzen. wodurch das Prinzip der wirtschaftlichen Aufnahmefähigkeit gebrochen würde, unter Verletzung der jüdischen Rechte und der wiedcrholt in diesem Sinne von der Britischen Regierung und vom Völkerbund bestätigten Verpflichtungen. 7. Der Kongreß erklärt den von der Königl. Kommission eingebraehten Teilungsplan für unannehmbar. 8. Der Kongreß bevollmächtigt die Exekutive, in Verhandlungen einzutreten, um die genauen Bedingungen der Britischen Regierung für die vorgcsehlagcne Errichtung des Judenstaates fcstzustellen. 9. In diesen Verhandlungen darf die Exekutive weder sieh selbst noch die Zionistische Organisation binden, sondern muß, falls sieh ein endgültiger I’lan für die Errichtung eines Judenstaates ergeben sollte, diesen Plan einem n e u g e w ä 1111 e n Kongreß zur Beratung und Entscheidung vorlegcn. ... Schnappschüsse vom Kongreß Ussischkin im Gespräch. (Ganz links) Dr. Ullmann com Kon■ Joseph Daratz, Daganiah (links) im Gespräch mit Elieser, greßbüro, rechts (mit Hui) Rabbi Meir Merlin Kaplan Mosche Shcrtok, Ur. IVeizniann und Den Gurion während der Kongreßdebatte Foto•; Ltivr Düaatr Dr. Kahn, der Leiter des Kongreßbäroa (links) im Gespräch mit Dr. Schallt, dem Leiter des Düros des i, Kongresse^