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Jüdische Rundschau · 1937-08-10 · Heft 63 (10.8.1937) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 63 (10.8.1937)
Date
1937-08-10
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. Ö3,10. VIII. 1937 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 5 Dr. Arthur Ruppin führt hierauf folgendes aus: Ich bin davon überzeugt, daß alle diejenigen, die mit oder ohne Bedingungen für den Vorschlag der Kommission eintreten, dies nur nach Ueberwindting schwerer Bedenken getan haben. Aber ich weiß nicht, ob es irgend jemanden schwerer war als mir, zu diesem Plan eine positive Stellung einzutichmen. Ich hatte keine Gelegenheit, mit der Königlichen Kommission über diesen Teilungsplan zu sprechen. Hätte man mich gefragt, was ich für das Beste halte, was ich überhaupt von der Teilung und Separierung der beiden Nationalitäten halte, ich hätte gesagt, die Idee der Teilung ist an sich gesund, naturgemäß gibt es weniger Reihungsflächen zwischen zwei Nationalitäten, wenn sie in verschiedenen Teilen des Landes separat leben, als wenn sie überall nebeneinander sitzen. Ich hätte aber weiter gesagt: Muß diese Teilungsoperation gleich eine radikale sein? Wäre es nicht besser, daß man zur Zeit nur den Distrikt zu einem autonomen jüdischen Distrikt erhebt, in dem die Juden bereits nach Zahl und Landbesitz das überwiegende Element darstellen? Ich hätte auch nichts dagegen gehabt, wenn man mir gesagt hätte, das sei nur denkbar, wenn gleichzeitig ein großer Teil Palästinas als autonomer arabischer Distrikt erklärt oder mit Transjordanien vereinigt wird. Ich glaube nicht, daß wir praktisch dadurch viel verloren hätten. Mit allem Respekt vor niessianischen Ueberzeugungen und vor denen, die Sie hier vertreten haben, finde ich doch zwei Eimviinde gegen diejenigen, die behaupten, wir müßten das ganze Palästina haben. Erstens waren die Grenzen Palästinas im Altertum verschieden, in einer oder zwei Perioden gab es ein großes Palästina, in anderen Perioden ein kleines. Ich weiß nicht, welche Grenzen wir jetzt als die ,,geheiligten“ proklamieren sollen. Zweitens aber ist Palästina nach seiner Eignung für Kolonisation durchaus verschieden. Es gibt in Palästina 2 Millionen Dunam Boden, aut denen meines Erachtens ebensoviel, wenn nicht mehr Menschen leben können, als im ganzen übrigen Palästina. Sie wissen, daß von den 26 Millionen Dunam des Landes die Hälfte auf den Negew entfällt. Ich halte dieses Gebiet für ein Kolonisationsobjckt fünfter Ordnung. Wir sollten uns darum bemühen, haben uns bemüht und werden uns bemühen, nachdem wir alle anderen Kolonisationsmöglichkeiten Palästinas ausgeniit/t haben. Es gibt noch ungeheure Möglichkeiten, die bisher nicht ausgenützt wurden. Der Haupttcnor bei meinen und Dr. Hexters Aussagen vor der Royal Commission war, daß in den letzten Jahren Wasserquellen von einer solchen Reichhaltigkeit erschlossen wurden, wie wir es vorher nie geahnt hatten. Es gibt noch 2 Millionen Dunam bewässerbaren Bodens, die noch nicht bewässert sind. 2 Millionen Dunam bewässerbaren Bodens bedeuten die Möglichkeit der Ansiedlung von 100 000 oder 130 000 Familien. Ich meine auch, daß das letzte Wort, wie eine intensive Wirtschaft immer intensiver, zu gestalten sei, noch nicht gesprochen ist. Das alles hätte ich der Kommission gesagt und hinzugefügt: Separierung ist an sich ein guter Gedanke, aber nehmt nicht eine so radikale Operation au! einmal vor! Was mich dazu bewogen hat, zuzustimmen, sind drei Erwägungen: 1. Der jüdische Staat ist nach allem doch ein Wort, das zweiiausendjährige Träume in einem gewissen Sinn zum Abschluß bringt; in einem Judenstaat bekommen erst alle Dinge, nach denen wir uns sehnen und die wir unter einer fremden Regierung nicht durchsetzen können, einen Sinn; 2. wir können unsere jüdische Kultur ganz anders fördern, als es bisher geschah, Sprachen- und Schulfragen, Wirtschaftsproblemc, öffentliche Arbeiten und alles, was dazugehürt; 3. wir haben nicht alle 0 Monate mehr um Zertifikate zu feilschen. Diese Möglichkeiten der Arbeit lösen auch große Möglichkeiten für ihre Durchführung und die A u f b r i n g u n g d e r Mitte! im jüdischen Volke aus. Vom ersten Tage meines Palästina-Aufenthaltes an sah ich in der Araberfrage unser Zentratproblem. Ich wurde heftig angegriffen, als ich vor 12 Jahren 1m ״Brith Sc halonr‘ eine Kooperation auf der Basis eines binationalen Staates anregte. Damals war es noch möglich, die Araber durch ökonomische Vorteile zu gewinnen. Inzwischen hat mir der wachsende Nationalismus der Araber gezeigt, daß auch dieser Weg nicht mehr gangbar ist, und ich mußte mich von meinen Freunden im Brith Schaloin trennen. Der arabische Nationalismus wächst in den Nachbarstaaten und stärkt den Widerstand der palästinensischen Araber. Einer der besten Kenner der Araber Palästinas sagte mir: ״Die Araber werden bereit sein, mit Euch zu verhandeln, wenn sie in Euch eine Macht sehen; dieses Gefühl wird ihnen der jüdische Staat geben.“ Sogar in einem größeren Palästina wird nicht Platz sein für alle Juden, die in den nächsten Jahrzehnten ihre Wohnländer verlassen müssen. Wenn aber zwei Millionen in Palästina wohnen und eine Verständigung mit unseren Arabern herbeigeführt wird, so kann ich mir denken, daß nach der historischen Proportion viele Millionen Juden außerdem in den Ländern des Vorderen Orients eine Zufhichtsstatte finden können. Die weiteren Redner Nach der Rede von Dr. Ruppin wird die Debatte weitergeführt. Die Argumente für und gegen wiederholen sich begreiflicherweise. Wir geben eine stark gekürzte Zusammenfassung des offiziellen Conuni!1m|11es, Del, B. Kaznefson (Arbeiterpartei) weist in seiner einständigen Rede zunächst ausführlich an Hand von Beispielen auf die ״mystische“ Verbundenheit des jüdischen Volkes mit Palästina hin und behandelt dann die Mängel des offiziellen Teihingsvorschlages der Peel-Kommission. Er erklärt, er glaube nicht daran, daß wir unter den gegenwärtigen Verhältnissen bedeutende Veränderungen werden erzielen können. Daher können wir die gegenwärtige Basis (das Mandat) nicht leichtsinnig aufgeben. Wenn es keinen Vorschlag gibt, der uns wirkliche Souveränität und Sicherheit verschafft und wenn die Schwierigkeiten des arabischen Problems weiter bestehen bleiben — welchen konkreten Inhalt hat dam! eigentlich der neue Wirsch lag? Alle englischen Freunde der Araber von Cust bis Philby haben sich mit der Idee der Teilung Palästinas befreundet. Das hat doch bestimmt Gründe. Wenn die Befreiung Eng- Iands von seinen internationalen Verpflichtungen ganz und gar auf unsere Kosten geht, so müssen wir seihst die Kraft und den Mut finden, auf unseren Rechten und Forderungen zu bestellen und uns nicht von dem sogenannten Judenstaat blenden lassen. Und besteht nicht die Gefahr, daß die U e b e r g a n g s p e r i o d c, in der verhandelt werden soll, so lange dauert, bis wir schließlich so schwach sind, daß von unserer Arbeit nichts mehr übrig bleibt? Wir müssen nur eines vor Augen haben: Wie die Zionistische Organisation, das einzige Instrument, das unsere Rechte ■sichern und unsere Arbeit vorwärtsbringen kann, aus der gegenwärtigen Situation die Kraft zur weiteren Arbeit schöpfen wird. (Beifall.) Del. Rev. Gokibloom (London, Weltvereinigung Allg. Zion. Gruppe A) erklärt mit ausführlicher Begründung, daß die Vorschläge des Peel-Berichtes zurückgewiesen werden müßten und daß er daher der Exekutive die verlangte Vollmacht zu Verhandlungen nicht geben könne. Del. Farbstein (Misrachi) und Del. Gluska (Jemenite, Weltverband) sprechen gleichfalls gegen den Teilungsplan und für Aufrechterhaltung des Mandates. Denselben Standpiinkt vertritt — nach einer kurzen Verhandlungspanse — mit etwas anderer Begründung Del. Schragai (Hapoel Ha• misrachi). Besonderes Interesse findet die Rede des Vertreters des Hascliomer liazair, von dem man weiß, daß er eine kompakte Groppe von Neinsagern innerhalb der Arbeiterbewegung darstellt. Seine Ablehnung ist anders begründet als die der meisten anderen Neinsager. Der ״Haschomer liazair“ ist gegen den Tcilungsplan, weil er für eine jüdisch-arabische Kooperation in ganz Palästina auf Grund des Prinzips der Parität beider Völker eintritt. Der Sprecher dieser Gruppe, Del. Chasan, kritisiert zuerst ausführlich den Peel- Plan und erklärt u. a.: Gäbe die Teilung eine Möglichkeit, zum Frieden mit den Arabern zu gelangen, dann müßten wir vom rcalzionistischen Standpunkt aus zustimmen. Ich bezweifle aber, daß wir im Laufe von lll bis 20 Jahren in Erez Israel in Ruhe arbeiten können. Ich hin überzeugt, in einem normalen Staatswesen unter normalen Bedingungen waren wir in der Lage, unsere Beziehungen zu der Minderheit nicht besser und nicht schlechter zu gestalten als andere Völker mit einer ordentlichen politischen Führung. Dieser Staat, der uns vorgcsclilagen wild, soll jedoch nicht aus einer Notwendigkeit heraus entstehen, sondern künstlich geschaffen werden. Und da sollen wir mitten in einem Meer arabischer Gegnerschaft das Zusammenleben mit der Minderheit in! Lande durchsetzen, das seihst große Volker nicht bewirken konnten? Es sind Unruhen und Aufstände zu erwarten, die unsere Aufbauarbeit stören werden. Es ist ein schmerzliches Gefühl, daß wir Arbeiter nicht denselben Weg gehen können, wie Prof. Wei/mann, den wir immer für einer! großen Führer gehalten haben. Aber es scheint uns, daß diesmal Wei/mann in eine ausweglose Sackgasse geraten ist. (Der ״Hascliomer liazair“ bat auch eine eigene Kongreß-Zeitung drucken lassen, in der die negative Stcllungnahinc dieser Gruppe zum 1 eiluugsplaii propagiert wird. •— A. d. Red.) Oekonomische Gesichtspunkte Nunmehr greift die Exekutive neuerlich durch eines ihrer Mitglieder m die Debatte ein. Das Wort erhält das Mitglied der Exekutive Elieser Kaplan: Wenn ich die verschiedenen Eventual!- täten, die vor uns stellen, vom ökonomischen Standpunkt ans betrachten will, so weiß ich wohl, dal) es gefährlich ist, für die Zukunft in Ziffern zu operieren. Dennoch kann uns das ein gewisses Bild und gewisse Richtlinien geben. Sechzig Jahre arbeiten wir nun in Erez Israel und 9(KX> Siedlertamilieii haben wir bisher auf dem Lande — müssen wir da nicht Wege zu einer großen Alijah und einer großen Kolonisation siidien? Ihid nun einiges Zitternmaterial über die Untersuchungen: Von den 5׳ Millionen Dunam des kunftigen Territoriums sind 75 ׳׳׳also etwa D) Millionen Dunam kultivierbar. Davon können nach unseren Erfahrungen lind dem Stande unserer Technik 1 '! Millionen bewässert werden und das Wasser dazu ist vorhanden. Optimisten glauben, daß aut dieser Fläche 150(10() Siedlimg.seiniiuiteu existieren könneu, eine Kommission, 311 der sieh ein amerikanischer Expert mul unser Eieiuid Wiikansky beteiligten, spricht sehr vorsichtig von 110 000 Einheiten. Schätzen wir ebenfalls vorsichtig, daß 45O00 Sicdluiigseinheiten bereits vorhandcu sind, so können wir also mindestens (55 (’()() Einbeiten neu schaffen. Die Palostine Land Development Cie. und der Keren Kajemcth haben versuchsweise eine liebersicht ausgearbeitet, wieviel Land ohne weitgehende Agrarreformen kolonisiert werden kann. So kommen wir auf einen Plan, der in den nächsten Jahren verwirklicht werden kann: Wir haben zunächst die Möglichkeit, 30000 neue Sicdlungseinheiten zu schaffen. Ich wiederhole: ln 60 Jahren haben wir 9000 Siedl erstellen geschaffen — die nächste Möglichkeif, die uns geboten ist, kann 30 000 Siedferstellen schaffen. Die städtische Entwicklung hängt davon ab, wieviel Kapital, Intelligenz und Arbeit wir ins Land bringen können. Zum Schluß eine Bemerkung betreffend den künftigen S t a a t s 1! a us 11 a 11. Auf die Frage, ob sich der kleine Staat wird erhalten können, müssen wir zunächst betrachteil, wie die Sache jetzt liegt. Gegenwärtig bestreiten wir 63 °0 des gesamten Steueraufkommens, dagegen erhalten wir vom Gesundheitsbudget etwa 5 ««, fürs Erziehungsbudget etwa 20 05, öffentliche Arbeiten 18 »'״, Sicherheitsdienst 12 00, Heute haben wir nicht nur die Lasten für unsere eigenen Kongreß im Winkel Zürich, ö. August Nach dem ״Kongreß im Kreis“ — der ״Kongreß im Winkel“! Nicht als ob inzwischen schon die Quadratur jenes Zirkels gefunden wäre, den zuerst die Geschichte und dann die Politik um das jüdische Volk geschlagen haben. Aber immerhin: der Kongreß sucht nun hinter verschlosscnen Türen aus diesem Kreis hcrauszukominen und den Winkel ausfindig zu machen, der dem jüdischen Volk zu seiner Existenz gebührt. Möge er soviel Grade haben, daß er nicht unter seine geschichtliche Größe heruntersinkt...! Aber der Kongreß winkelt“ sich auch gegenständlicher. Die Delegierten haben dicke Köpfe und machen sich dünn. Um so deutlicher tritt das ״K o n g r e ß-V o 1 k“ in die Erscheinung. Es wird — in dieser Stadt und in dieser Landschaft — Staffage, Es hebt sich aus dem Fremdenström, der sich jetzt durch die Gassen und Täler der Schweiz ergießt, i!1 Gruppen heraus. Es steht, sozusagen, am Ufer der Welt uml seiner eigenen Geschichte und tut, was es seit Jahrhunderten zu tun verdammt und gewohnt ist: es Wartet. Vor dem Stadttheater insbesondere ist jetzt ״jüdischer Tag“, während drinnen getagt wird. Man wartet in Geduld, die der Ungeduld aufs Haar ähnlich sieht. Winkel und kleine Zirkel bilden sich hier, wo die Auffahrtsrampe zum Theater die parlamentarischen Couloirs ersetzt. Wieder geht der Peel-Bericht um, nun aber flankiert vom Weizmann-Bericht und vorn Ussischkin-Rcferat. Zwischen diesen drei Dokumentierimgen ist noch viel Raum auszudichten, viel Luft und Leere zu entfernen, so manche Sehnsucht, die aufs Ganze gellt, auszukreisen und einzuwinkeln. Wie schön, daß in dieser gewittrigen Situation der See so nahe ist und die Berge so hoch und geruhig sind. Morgens liegt der Dunst, der den schönen Tag anmeldet, über dem See und schlägt Ferne und Nähe in einen dünn ewebten Mantel, in den dann — am Mittag — das hohe icht (mit sehr hohen Temperatur-Graden) einbricht. Es ist, kurz vor Schahbat, wie an einem jüdischen Feiertag, zu dem Schönwetter traditionell ist. Dieses holt das Kongreß-Volk an den See und in die nahen Berge, aut den Uetliberg, auf den AI bis und auch weiter über das Wasser hinweg. Gehst du etwa auf der Höhe des Albis, so kannst du melancholische jüdische Augen auf den unvergleichlichen Wiesen ruhen sehen oder jüdisches Lachen hören über die auch hier steinigen Wege. Und der hohe dämmrige Wald, in den diese Wege immer wieder münden, erregt in so manchem Wanderer aus Erez Israel elegischen Neid. Aufforstung, Drainage, Vieh- und Euttcrwirtschaft und ahnliehe Worte werden laut und demonstrieren sich am lebenden, zaubrigen Objekt dieser Landschaft, von der die Stadt wie von einem Bett umhegt wird. Ist es nicht schön und wohlverdient, daß die Leute von drübcir hier das Europaische als Idylle erleben — zur Abwechslung auch einmal als Idylle? ... Am See, irgendwo, steht eine Bank. Ein Chawer aus Polen hält sie in der Frühe besetzt, noch ein bißchen schläfrig, noch oder schon wieder verträumt, aus tief liegenden Augen über den See blinzelnd. Langsam gräbt sich ein Lächeln aus seinem Gesicht. Es grüßt den Tag und die Vorübergehenden. Man merkt dem Mann an, daß er sprechen will. Wir fragen also. Er antwortet. Jiddisch nati'irlieh. Man muß genau hinhören. Aber es lohnt sich, Der Jüngling aus Polen, der jetzt mit dem Hemdsärmel über sein Kongreß-Abzeichen fährt, wie um es blank zu machen, — er hat die Nacht auf dieser Bank verbracht. Kein Quartier? Oh ja, aber er hat es nicht gefunden oder vielleicht auch nicht finden wollen. Er ist ja ein ״Luft-Jid“. Er lacht und spricht und lacht: es war eine herrliche Sache für ihn, diese Nacht auf der Bank, diese Nacht am Ree und unter den Bergen. Schon hat er so eine Art Hcimatsgcfiihl auf ״seiner“ Bank, an ״seinem“ See, gegenüber ״seinen“ Bergen. So leicht siedelt ein Jude — es ist wie eine Probe aufs Exempel. Aber nun nehmen wir ihn mit und führen ihn in die Stadt zu der Straße und dem Haus, wohin er feliört. Er ist uns, wie es scheint, nicht einmal besonders ankbar dafür. Er wäre lieber noch auf seiner Bank geblieben. Wir waren die Störenfriede, wir waren seine ״Araber“, wir haben ihm die Luft auf der Bank und um den See herum und unter den Bergen nicht gegönnt. Wir haben ihn aus seinem ״Winkel“ entführt. Ein anderer Winkel: das Hotel Baur au Lac. Lord Melchett steht in der Halle. Wüßte man nicht, daß sein Vater einst Alfred Mond geheißen hat uml daß er, wie dieser, auf den Spuren seiner und unserer Väter einen Weg sucht, so würde man ihn für den ״geborenen“ Angelsachsen halten. Die etwas hochgeworfene Nase, die Schlankheit, die Blondheit, das so geruliig sichere ״G’schau“ — aber wir fahren fort: auch dies ist jüdisch. Nichts Gesuchtes, nur Sucherisehes ist um ihn. Und da in der Nähe ein Freund aus USA. auftaiicht, ein Mann von Welt, dessen Schweigen so wirkt, wie wenn er gerade zu reden aufgehört hätte oder gerade anfangen wollte zu reden, weitet sich hier deT jüdisehe Winkel. Wir haben niemanden nirgend wohin geschickt, aber die Idee des Zionismus hat viele aus vielen Ecken und Winkeln geholt — in den Kreis, in den jüdischen Kreis. Oft und immer wieder begegnet uns der ״Scheich“, der jemenitische Delegierte. Auch jetzt in der Bahnhofstraße, dem Herzen der Stadt, taucht er auf. Ei geht wie ein Kavallerist. Er geht aus den Schultern heraus, die auf- und niederwippen mit dem Schritt, so wie sie es bei Reitern zu tun pflegen, — Die Schulter macht den Fuß sich heben und sich niedersetzen. Die Gangart ist ein Galopp zu Fuß. Der schwarze Bart, von ein paar weißen Fäden durchzogen, umrahmt einen mittelstarken Kopf, dessen kleine Augen die Stadt, die Straße, die Menschen nicht zu sehen scheinen. Der Jemenite ist allein. Der dunkle europäische Anzug, dessen Hose nichts von einer Bügelfalte weiß, scheidet den Träger von der Umgebung ab, in die er Ihn hineinstcllen und einfügen sollte. Aber das Jemenitische ist denn doch stärker als die Kunst des Schneiders... Noch einer aus Palästina: er lehnt an einer Säule und blinzelt lächelnd zu mir herüber. Aber das ist doch einer mitten aus Berlin, den kennt man doch, das ist doch ■— zum Teufel, was tut der liier unter den Zionisten? Ja, wir haben uns gekannt vor Jahren, er hatte für die Autobrauche mit der Presse zu tun, und nun kommt er auf mich zu und fragt: ״Warn! werden wir Sie endlich in Jerusalem sehen?" Er ist dort in der Industrie imfergekommen, einer mitten aus Berlin, ein dereinst ״total Assimilierter“. Es hat sich nichts an ihm gelindert. Und doch — und doch ist für mich etwas um ihn, das mich ergreift, das nach mir greift. Er hat das Ziel ״unserer Klasse“ erreicht, und ich — ich bin ,,sitzen geblieben“. Ich beneide ihn. Wieder zurück zum Stadttheater, zum Ort der Handhing und des Verhamiehis. Wie heiß auch die Sonne auf den Stufen brennt, denn es ist hoher Mittag, sie werden nicht leer. Drinnen soll es, sagt einer, hoch her- und heiß zugehen, *Irinnen soll es brennen und rauchen — mm, so zieht man hier die Konsequenzen und spricht einige kräftige Trine an den Rami des Konzepts, das sich drinnen entwickelt. Die Linken -- die Rechten — die Mitte, was wird über sie nicht alles gemunkclt uml gemutmaßt, und da gerade ein revisionistischer Journal!sl sich als solcher zu erkennen gibt, fehlt es nicht an Zündstoff. Und die Explosionen bleiben nicht aus. Nur kein Zank, mir kein Streit, nur kein l’ilpul unter freiem Himmel! Ein paar Schritte weiter, und man steht vor der Front des ״Esplanade“, wo ein großes Cafe und eine kleine Aus- Stellung unt er ge bracht sind. Diese führt vierzig Jahre Oeschichte des Zionismus auf allerdings sehr kleinem Raum vor. Sie wirkt wie eine Improvisation. Hier ist die Kongreßpost und das Büro der Kongreßzeitung — beides so heutig wie mir denkbar. Und daneben sieht man unter Glas oder an den Wänden die Etappen der zionistischen Bewegung. Hier wächst, an einer graphischen Darstellung, die Hebräische Universität, dort der Boden des N’ationalfonds, hier ackert, im Bild, eine Kwuzah, dort wird geboren, erzogen, geheilt und verwaltet. Das Kostbarste liegt unter Glas: Originalmamiskripfe und von schrcibgewolmtcn Händen verfaßte Briefe, ferner Erstausgaben, frühe Drucksachen und schön im Stil der Jahrhuiulcrtwcnde gedruckte Dokumente — Aufrufe, Vollmachten, Anteilscheine und sogar Briefmarken. 011 du nun auf die Worte ״Verein Uelbaumspende“ blickst oder auf Herzls erste Manuskriptseile: ״Die Judensache. Erstes Ruch. Begonnen Paris um Pfingsten 1805“ oder auf die Erstausgabe der ״Autoemanzipation — Mahnruf an seine Stamincsgciiossen. Von einem russischen Juden“, alles wirkt wie rührende Frühgeschichte, wie das erste Lallen und Laufen eines Kindes, das mm Mann geworden ist, der seine Sorgen hat, von denen sich das Kind noch nichts hat träumen lassen. Es gehört zum Bild dieser fast schüchternen Schaustellung, daß noch an Ihr gehämmert, gebosselt, gestellt und gerückt wird. Sie ist noch nicht ganz fertig, sie soll auch gar nicht so ganz fertig werden. Sie ist ja der Winkel, aus dem heraus es immer noch weiter geht, und das Ende liegt fern — jenseits dieses Kongresses...

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