Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 59 (27.7.1937)
- Date
- 1937-07-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 59, 27. VII. 1937 Erinnerungen an den I. Kongreß steh ende 11 Gefahr neuer arabischer Ausbrüche, dann aber noch ganz anderen Maßstabes wie im Jahre 1936. Die letzte Möglichkeit, die zu betrachten bleibt, Ist die Kantonisierung, evtl, mit Einbeziehung von Transjordanien. Die Kantonisierung hat gegenüber der Teilung den einen Vorzug, daß sie die Einheitlichkeit des Landes erhält, daß sie den Kantonen die Entscheidung über Einwanderung und Bodenkauf überläßt, was die Juden im positiven, die Amber im negativen Sinne benutzen würden; sie bringt ein größeres Maß von Selbstverwaltung, aber sie schafft weder den Interessenkonflikt zwischen arabischen und jüdischen Kantonen aus der Welt, noch befriedigt sie die arabischen Aspirationen auf nationale Selbständigkeit, Es ist daher zu erwarten, daß auch die Kantonisiernng nicht den Frieden zwischen beider! Völkern bringen wird. Die Kommission hat daher wahrscheinlich recht, wenn sie auch die Kantonisierung als unzulängliches Mittel betrachtet, wenngleich diese dem Gedanken des bi-nationalen Staates näher kommt als alle anderen Lösungen. Mau kommt daher notgedrungen zum Schluß, daß die Teilung die einzige Lösung 7.u sein scheint, die eine gewisse Erfolgschance in sich enthält. Die Vorteile und Nachteile der Teilung — und sic enthält ebenfalls sehr grolle Gefahren — hier 2u zeigen, erübrigt sich, wenn man sie für den einzigen Ausweg hält; denn es ist leider zu spät, irgendeinen anderen Weg zu gehen in der Hoffnung, dan die Zeit eine Lösung bringen werde. Ist dies aber der Fall, ist wirklich die Türkischß M ZIGARETTE ^f* -! Teilung der einzige Ausweg, so haben wir die Aufgabe, ״to make the best of it“; d. h. wir hallen Bedingungen anzustreben, die dem jüdischen Staat das Leben ermöglichen und ihm den Frieden mit seinen Nachbarn sichern. Wenn es gelingt, mit den arabischen Nachbarstaaten zu einem normalen Verhältnis zu kommen (und das ist keineswegs ausgeschlossen, denn ein jüdischer *st a a t ist ein Verhandlungspartner, die bisherige jüdische Minorität in Palästina ist es nicht!}, so eröffnen sich im Laufe der Zeit im Vorderen Orient (Libanon, Transjordanien, Negew, Irak) vielleicht weit größere kolonisatorische Möglichkeiten, als wir uns heute träumen lassen! — Neben Hartnäckigkeit brauchen wir Phantasie, neben nüchternem Denken auch Glauben, und es scheint mir, als ob wir uns zu sehr auf einen Weg festgelegt haben, ohne zu bedenken, daß ״viele Wege nach Rom", und vielleicht manche nach Zion fuhren! I)r. Ernst Lewy (Tel Aviv). Zur Frage des Negew Jeder, der sich nach reiflicher Ueberlegung zu dem Standpimkt durchgerungen hat, daß Teilung unvermeidlich ist, daß er aber dieser Teilung nicht zustimmen könne, sondern nur einer Teilung unter einer wenigstens gewissen Berücksichtigung unseres Anspruchs auf Jerusalem und unter Einschluß von Dcganiah, Tel-Or, der Kaliwerke am Toten Meer und insbesondere des Negew, sollte sich im gleichen Augenblick sagen, daß realpolitisch betrachtet, keine Möglichkeit zur Durchsetzung dieses Wunschtraumes besteht. Nachdem nun einmal nach dem Kommissionsbericht der Negew arabisch werden soll, erscheint es unmöglich, ihn jetzt dem Judenstaat zuzuschlagen, ohne daß sofort die heftigsten Kämpfe ausgelöst werden würden. Dabei ist es ganz unerheblich, daß der Negew wahrscheinlich für den arabischen Staat keinen realen wert besitzen wird. Die arabischen Agitatoren würden beim ersten Versuch, den Negew dem jüdischen Staate zuzuschiagen, sofort behaupten, daß die Juden den Arabern nun auch noch diesen wertvollen, ihnen schon /!!gesprochenen Teil Palästinas stehlen wollen und werden das arabische Volk nun einmütigen, vielleicht sogar bewaffneten Widerstand zur Wahrung seiner heiligsten Rechte aufrufen. Die Lösung, die mir zur Lösung des Negew-Problems vorschwebt, ist weit radikaler. Da der Negew nun einmal zum gefährlichen Zankapfel zu werden droht, sollte die Zionistische Organisation als ihren konstruktiven Beitrag zur Lösung dieses schwierigen Problems der englischen Regierung vorschlageil, daß sie im Negew, der unbewohnt und ohne Wasser ist, und von Arabern kaum kolonisiert werden kann, das Mandat in seiner alten Form fortsetze 11 solle. Nicht mir die Zionistische Organisation, sondern auch die gesamte Weltjudenheit stände dann vor der R i e s e n a u f g a b e , i 111 Negew schnellstens Fakten schaffen zu müssen, durch die die jüdisehen Aspirationen schließlich zu ihrem Recht kommen würden. Durch die Anstrengung uer Juiienheit wurde dieses Mandat, das im übrigen in geeigneter Form mit dem permanenten Mandat Jerusalems verbunden werden könnte, für Großbritannien eine erwünschte, sich rentierende Enklave werden. Die endgültige Gestaltung dieses Mandats könnte in Ruhr, einer ferncren Zukunft überlassen werden. Nur die Mandatarmacht ist stark genug, um die brennende Frage des Negew zu lösen. Wenn es uns gelingt, ihr klarzurnaelien, daß sie in diesem Punkt ihre Interessen mit den jüdischen decken und daß wir in diesem Falle unsere Zustimmung zur Teilung geben würden, könnte dies einen Weg aus der Sackgasse bedeuten. Der Judcnstaat und das Mandat des Völkerbundes im Negew warden uns für Jahrzehnte vor Aufgaben stellen, deren Lösung leichzeitig auch die Lösung der Judenfrage um manchen chritt ihrem Ziele näher bringen könnte. Fritz Glaser. Brodetsky gegen Samuel In einer Versammlung in London «ahm Brodetsky sehr scharf gegen die Vorschläge Stellung, die Lord Samuel in der Oberhausdebatte gemacht hat, insbesondere sprach er sich gegen die Idee aus, daß Palästina zu einem arabischen Staatenbundc gehören sollte, denn die Juden wären in einem solchen Staate der Gnade der Araber ausgeliefert. Den Teilungsvorschlag der Peel-Kommission lehnte Brodetsky zwar ab, erklärte jedoch mit Entschiedenheit, daß der Alternativvorschlag Lord Samuels von den Juden zurückgewiesen w׳ird. Keine Einzelperson hatte das Recht, im Namen der Juden zu sprechen, sondern lediglieh der Zionistenkongreß. Minderheitenkongreß in London Der 13. Kongreß der europäischen Minderheiten, an dem 43 Delegierte von 13 Nationalitäten teiinahmen, fand am 15. und 16. Juli in London statt. Den Vorsitz führte der Ukrainer Zaloziecky, Mitglied des rumänischen Senats. Der Kongreß appellierte an England, es solle energischer intervenieren, wenn Minderheitenfragen in Genf behandelt würden. Die Minderheiten ohne Ausnahme betrachteten England als den Staat, der mehr als alle anderen verschiedenen Sprachen und Kulturen Freiheit gewähre und eine verstärkte Anwendung britischen Einflusses würde viel zur Wahrung des europäischen Friedens und der Erhaltung der Gerechtig- Reit beitragen, Wie man sich erinnert, fanden die Kongresse der europlischen Nationalitätengruppen früher regelmäßig in Genf unter Vorsitz von Josip W i 1 r a n statt. Als Vertreter der jüdischen Minderheitsgruppen gehörte Leo Motzkin dem Präsidium der Kongresse viele Jahre hindurch an. Die jüdische Gruppe hat sich vor einigen Jahren von der Teilnahme m den Kongressen zurückziehen müssen. Herzl und der jüdische Staatsgedanke Von Fabius Schach. Um Herzls innere Einstellung zur Idee des Judenstaates historisch und psychologisch zu entwickeln, genügt es nicht, Herzls erste Schrift oder eine seiner Reden zu lesen, man muß ihn aus seinem ganzen Werden und Wirken als Zionistenführer erkennen. Auch große Menschen sind nicht frei von Widersprüchen, weil sie nicht im leeren Raume leben, und wenn sich aus ihrem Leben eine Harmonie emporringt, so ist es eine Harmonie aus Dissonanzen. Greift ihr Wirken in das Rad der Geschichte ein, darin wird man vielleicht eine Einheit des Gedankens, aber keine des Wirkens finden. Der Staatsmann, der mit realen Faktoren rechnen muH, kann und darf nicht Ideologe sein, und es ist ungemein schwer, seine Handlungen unter einen Generalnenner zu bringen, denn der Generalnenner ist hier das wandelbare Leben. Als Herd mit seiner ersten Schrift hervortrat, war ihm kaum das äußere, sicherlich aber nicht das innere Leben des jüdischen Volkes bekannt. Er glaubte, eine gänzlich neue Idee zu schaffen, er ahnte nicht, daß er der alten jüdischen Idee nur ein neues Gesicht zu geben vermochte. Er wußte nicht, daß in der Welt 10—12 Millionen lebten, die nichts anderes als Nationaljuden waren und deren glühende Sehnsucht, ja deren einziger Trost die jüdische Erlösung war. Er kannte weder die Namen Leo Pinsker, Rülf und Birnbaum, noch die Literatur des Ostens. Er war erstaunt, als nach Erscheinen seiner Schrift Vertreter zionistischer Organisationen aus Wien, Berlin und Köln zu ihm kamen. Es entstand ein lebhafter Brief- Wechsel aus nah und fern und er sah zu seiner Freude, daß ' das Ziel feststeht, daß er ihm nur einen neuen Weg zu bahnen hat. Das erscheint einem begreiflich, ja natürlich, wenn man das präzionistische Leben Herzls kennt. Herzl kam aus einer fremden, oder wenigstens seelisch entfremdeten Welt zur lebendigen Judenheit. Er hatte keine jüdische Erziehung genossen, — nicht einmal in religiöser Gestalt. Was er vor sich sah, war der Typus der Wiener ״Kai-Juden“, der ihn anwiderte und über den er gern geistreiche Witze machte. Er reifte heran im nichtjüdischen Milieu und auch seine schriftstellerische Entwicklung lag fernab von allem Jüdischen, Die Eleganz im Leben und Schreiben, die sein Wesen ausmachte, vertrug sieh nicht mit der Psychologie des Parvenütums, die er vor sich sah. Er war innerlich und äußerlich davon disfanziert. In Paris, wo er der ungesaibte König der Auslandspresse war, sali er viele schreibende, dichtende, politisierende Juden ohne jüdische Seele, oder, was noch schlimmer ist, mit vergifteter jüdischer Seele. Auch in Wien, im Kreise der ״Neuen Freien Presse“ sah er nur verstecktes, halb oder ganz verschleiertes, verblaßtes, gequältes und verkrüppeltes Judentum» also Assimilation in allen Schattierungen. Durch den erlebten Judenhaß, der ihm als feingestiinmten Menschen besonders weh tat, wurde er aufgerüttelt, und •etwas jüdisches wurde in ihm wach, aber noch lag es am Rande, und man könnte ihn eher als Judenfreund, nicht als Juden bezeichnen. Als er seine erste Schrift schrieb, war sein Verhältnis zum jüdischen Volke etwa wie das Lord Byrons zu Griechenland. Er wollte eine einmalige Tat für die Judenheit: tun und sich dann zurückziehen, ln seinen Briefen wiederholte sich oft die Wendung, er sehne sich, nach vollbrachte!■ Tat zu seinem Schreibtisch zuriiekzukehren. Erst die große nationale Leidenschaft, die gewaltige Seelenkraft der Ostjuden, die er beim ersten Kongreß kennengelernt hat, führte ihn dem inneren Judentum näher. Aber dieser Prozeß ging langsam vor sich, und es dauerte eine gewisse Zeit, bis der vorn Volke getragene Führer zur in sich geschlossenen zionistischen Ideenwelt gelangen konnte. Der Weg ging umgekehrt als bei vielen, vom Kopfe zum Herzen. Am interessantesten und aufschlußreichsten ist darin die ,Entstehung des zionistischen Programms in Basel und Herzls Anteil daran, ich darf wohl verraten, daß der Ursprung des Programms am unteren und nicht am oberen Rhein zu suchen ist. Wir hatten in Köln als Richtlinien zionistischen Wirkens ״Thesen“ verfaßt. Eine davon lautete: ״Die Emanzipation hat nicht genügt, die Juden frei zu machen. Zur wahren Lösung der Judenfrage kann nur die Gründung eines jüdischen Staates auf dem geschichtlich geweihten Boden Palästinas führen.“ Die jüdische Religion im heutigen Rußland Rellgioastreue trotz Verfolgung®!» Wie uns aus Tel Aviv berichtet wird, schreibt in der dortigen Tageszeitung ״Dawar“ ein Einwanderer, dem es erst kürzlich gelungen ist, aus Rußland nach Palästina zu gelangen: Nach der Errichtung der bolschewistischen Herr- Schaft spürten die Juden anfangs keine Bedrückung in Sachen der Religion. Die Freigeister unter ihnen konnten ungehindert leben, aber auch der Ueberzeugung der Orthodoxen wurde kein Zwang angetan. Offiziell waren die jüdischer! Religionsschulen freilich verboten, aber insgeheim hielt sich Cheder und Talmud Thora, ohne daß man sie störte. Synagogen, jcschiwoth, rituelle Tauchbäder und das Schächten wurden ganz offiziell aufrecht erhalten, Aber die Regierungspropaganda fegen die Religion setzte schon ein. Zuerst abonnierten die uden die Regierungszeitungen in jiddischer Sprache einfach nicht, später aber wurden sie dazu gezwungen. Die Propaganda erschütterte vielfach die Gläubigkeit, aber die Öewohnheit der religiösen Lebensführung und des Synagogenbesuchs erwies sich doch als stärker als sie. Die Talmudhochschulen hielten sich bis ins Jahr 1932 und standen zum Teil auf einem beachtlichen Niveau. Dann hörten sie freilieh ganz auf. Auch die Tauchbäder bestanden damals noch. Die Juden aber begannen mehr und mehr zu fürchten, sich durch Festhalten an ihren religiösen Einrichtungen zu geflhrdcn. Sie begannen auch gegen Mischehen, die sich damals auszubreiten begannen, duldsamer zu werden. Auch auf die Beschneidung begann man in immer weiteren Kreisen zu verzichten. Im Jahre 1929 wurden Schächten und Beschneidüng verboten. Damals gelang es schon nicht mehr in einer Stadt mit jüdischer Mehrheit wie Minsk mehr als 200 Unterschritten für eine Petition um Aufhebung dieses Verbots zu bekommen. Die Regierung bediente sich wiederum dieser Tatsache und sagte den Petenten, es bestünde augenscheinlieh keinerlei Bedürfnis für diese Einrichtungen. Auch Rabbiner ließen sich einschüchtern und veröffentlichten In der Presse Erklärungen, in denen sie ihre früheren rellgiösen Anschauungen abschworen. Auch zwischen sich und die verfolgten Zionisten bemühten sich die Rabbiner einen Trennungsstrich zu ziehen. Und dies alles, obgleich die eigentliehe Verfolgung der Rabbiner noch gar nicht begonnen hatte. Erst später wurden viele von ihnen gefangen genommen und blieben auch in Gefangenschaft Die größte Widerstands- Diese Fassung wollte ich und mit mir gar viele auch als Progamm. Die Verfassungskommission des ersten Kongresses unter Leitung Herzls hatte vorgeschlagen: ״Der Zionismus erstrebt die Gründung einer rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk.“ Darüber entstand ein Sturm in den Reihen des Ostens und der Jugend. Wir wollten auf den ״Judenstaat“ nicht verzichten und wir machten geltend, daß ״rechtlich gesichert“ schließlich die Juden in den meisten Ländern Europas und Amerikas sind. Die Aufregung war groß und der Kongreß drohte, sich in zwei Teile zu spalten. Herzl kam auf mich zu und suchte, mich durch seine bezaubernde Liebenswürdigkeit zu besänftigen und mir zu beweisen, daß die Rücksicht aur die türkische Regierung Vorsicht gebietet. Um die Diskussion abzukürzen, wurden zwei Oeneralredner gewählt, und da ich als zu heftig gefürchtet war, wählten wir Leo Motzkin als Vertreter der ״Extremisten", und er entledigte sich seiner Auf- ״Oeffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte“ vor, und viele von uns nahmen diesen Vorschlag an, ohne innerlich befriedigt zu sein. Herzl war, gerade weil er sich bis dahin mit politischen Dingen wenig befaßt hat, politisch sehr zaghaft und er blieb nicht unangerührt von der Mentalität der alten diplomatischen Schule, daß die Form alles bedeutet. Daher war man auch in Wien bedacht, nach außen alles zu vermeiden, was politisch falsch gedeutet werden könnte. Ja, einige Zeit nach dem ersten Kongreß erschieii als Motto am Kopfe der ״Welt“, des von Herd geleiteten Organs der Bewegung: ״Der Zionismus erstrebt eine öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte für solche Juden, die sich nicht assimilieren können und wollen“, und erst als wir von Köln aus energisch dagegen protestierten, kam der wahre Wortlaut des Programms. Es lag gewiß keine Absicht der ״Fälschung“ vor, sondern der Wunsch, mehr Freunde aus den Reihen der Assimilation und der nichtjüdischen Kreise zu gewinnen. Aus derselben Quelle ist auch zu verstehen, daß Herzl sich f" ... ' ' " — '־ , brief von der türkischen Regierung auf Massenkolonisation mit Selbstverwaltung zu erlangen. An einen Judenstaat konnte und wollte er gar nicht denken, und er hätte frohen Herzens ein Palästina mit bescheidenen Konzessionen, etwa als jüdische Provinz unter türkischer Hoheit, akzeptiert. Was ihm als erstes Ziel vorschwebte, war die Sicherung der Existenz von einigen Millionen Juden für die Dauer, una man weiß, daß er eine Zeit bereit war, das Nahe für das Ferne einzutauschen und die nationale Hoffnung nach anderen Ländern zu verlegen. Vielleicht erkannte er schon damals, daß wir mehrere jüdische Heimstätten brauchen, um die schreiende Judennot zu meistern. Jedenfalls ist es falsch, Herzl zum fanatischen Vertreter des Judenstaatsgedankens zu stempeln. Er war zu sehr Westeuropäer, um nicht den Schutz einer europäischen Großmacht phantastischen Spielereien vorzuziehen. Er war zu »ehr Wirklicnkeitsmensch, um nicht zu wissen, daß die Politik die Kunst des Möglichen ist. Demagogische Manieren lagen seinem Wesen gänzlich fern. Herzl war ein begeisterter Anhänger Englands. Er sah im Engländer den vornehmsten Typus aes Gentleman und in der englischen Staatskunst die an» höchsten ausgebildete Klugheit, gepaart mit Gerechtigkeit und Vornehmheit. Es wäre das höchste Glück seines Lebens, wenn er'ds erlebt hatte, Palästina und den Zionismus unter englischem Schutze zu sehen. Lebte er in der Nachkriegszeit, er könnte keinen anderen Weg gehen als den Weizmanns, d. h. den Weg des Realpolitikers, der wohl weiß, daß zwischen Ideal und Wirklichkeit eine große Distanz ist und daß es gilt zu retten, was gerettet werden kann. Auf den Tisch zu klopfen, ohne eine wirkliche Macht hinter sich zu haben, ist weder staatsmännisch klug noch jüdisch-würdig, und kleine Taten sind immer noch mehr wert als große Worte, Jeder, der jüdisch fühlt, ersehnt warmen Herzens ein großes, freies Palästina für das jüdische Volk. Jeder, den das jüdische Leid erschüttert, möchte im Lande unserer Väter viele Millionen Juden sehen. Aber die Größe des zionistischen Gedankens hängt schließlich nicht von der Größe des Landes ab, und noch ist kein großes Volksideal restlos verwirklicht worden. Auch im Gedulden und Harren kann Größe und Würde liegen und über die endgültige Lösung der Volkerschicksale hat die Zukunft noch ein Wort mitzusprechen. kraft bewiesen die Chassidim. Sie stärkten ihre moralische Position geradezu während der bolschewistischen Herrschaft. Ihre Organisation bewahrte Disziplin und Mut. Sie sandten ihre Getreuen in alle Städte, seneuten keinen Kampf und setzten überall, auch an Orten, wo berühmte Rabbiner amtierten, ihren eigener! Rabbiner und Sch och et ein. Es gelang ihnen, in heftigen Kämpfen beim Freiwerden des Rabbinerpostens in mehreren wichtigen Gemeinden, ihre Kandidaten durchzusetzen. Die Emigration als psychologisches Problem. Der Psycholöge Erich Stern hat auf Grund von Untersuchungen, die er hauptsächlich mit jüdischen Emigranten verschiedenster Herkunft in Paris angestellt hat, eine interessante Studie über die psychologischen Probleme der Emigration (im Selbstverlag, Paris) herausgegeben. Der Verfasser versucht, die Problematik sachlich zu untersuchen ״und eine affekt* bedingte Stellungnahme fernzuhalten“. Emigranten sind für Stern Menschen, die nicht freiwillig ihre Heimat verlassen haben, sondern in irgendeiner Weise dazu getrieben wurden. Er legt die verschiedenen Motive politischer, wirtschaftlicher und religiöser Art dar, die zu einer Massena.11«Wanderung führen können. Die Problematik der Emigration liegt vor allem darin, daß die Emigranten ihre alte Heimat trotz ihrer Auswanderung nicht ganz aufgeben können, daß sie durch hundert Fäden geistiger und m,Verteiler Art mit ihr verknüpft bleiben, daß es ihnen aber auf der anderen Seite nur selten geling!, sich in der neuen Heimat einzuwurzeln. Diese zwiespältige Stellung und das materielle Eiend führen bei den Emigranten zu schweren psychischen Komplexen und formen vielfach Menschen, die geistig und materiell jeden Boden unter den Füßen verloren haben. Stern schildert dam! die verschiedenen Formen, die die Emigrationsneurosen bei den Vertriebenen annehmen können. Iin Schlußwort weist Stern darauf hin, daß auch die bcstgemeimte private Initiative und das wohlwollende Verhalten einzelner Länder gegenüber den Emigranten deren Problematik wohl mildern, aber nicht völlig lösen kann. Dem Zionismus steht Stern positiv gegenüber, unterstreicht aber, daß die Palästina- Siedlung allein keine Lösung des jüdischen Emigration!- Problems bringen kann. In formaler Hinsicht möchte man dem Verfasser nahelegen, die zahlreichen Druckfehler, die sich störend bemerkbar machen, zu beseitigen. K. (Paris)