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Jüdische Rundschau · 1937-07-23 · Heft 58 (23.7.1937) · page 12

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 58 (23.7.1937)
Date
1937-07-23
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 58, 23. VII. 1937 Schneider und Komponist Von H. Ritter (Stockholm). Als ich kürzlich eines Abends bei guten Freunden in Kopenhagen zu Besuch weilte, setzte sich eine junge Dame an das Klavier und spielte und sang jüdische Volkslieder. Sie waren mir unbekannt und lina musikalisch wie textlich ausgezeichnet; ich fragte nach dem Namen des Kornponisten. ,.Kennen Sic nicht unseren Chain! Ritter band, ein Kopennagener jüdisches Original, er ist nämlich Komponist und — Schneidermeister auf Oesteriov!“ (ein Vorort der dänischen Hauptstadt). Diese Angelegenheit erregte meine journalistische Neugierde, und am nächsten Tage suchte ich den Komponisten auf. — Ich traf Ritterband nicht etwa im ״Musikzimmer“ seiner Wohnung an, nein, in einer großen geräumigen Schneiderwerkstatt sitzt er, schneidert, näht, bügelt und — singt! ״Niemals können wir hier arbeiten (er zeigt dabei auf seine 5 Gesellen und ״Mitarbeiter“), ohne zu singen; sehen Sie, Oesang ist mein Leben, und ohne ihn kann ich nicht arbeiten, nur wenn ich meinen Kunden die Anzüge anprobiere, muß ich stille sein — leider!“ 1 Und die Pointe ist: Ritterband kennt keine Noten! Er berichtet mit großem Stolz: ״Ich arbeite mit einem Sekretär, der alles niederschreibt, was ich ihm vorsinge. Manchmal, wenn ich plötzlich einen guten Ein* fall bekomme, telefoniere ich ihm und singe es in den Apparat ״hinein“. So sind viele meiner Lieder, die ich bisher komponiert habe, entstanden, und die Texte schreibe ich natürlich seihst. (Mit großer Freude zeigt mir Ritterband die gute Kritik, die er kürzlich in der ״Jüdischen Rundschau“, deren eifriger Leser er ist, für die letzten gesammelten 45 Lieder bekam.) ״Aber“, ruft er aus, ״Noten kenne ich nicht und werde ich auch nie lernen! — Am besten, glaube ich, sind mir meine Palästina *Li oder gelungen: ״Der Ruf“, ״In Jehuda“, ״Das Land“ und ״Die jiddische Freiheit“ sind meine Lieblingssachen, Unei die große international berühmte dänische Opern-Sämrcrin Fuge! Lund verbreitet sie iri der ganzen Welt und bedankt sich jedesmal bei mir für eine neue Romposition. Seit 6 Jahren ha ne ich mich der Musik gewid* met und möchte noch viel schaffen. Als kleiner Junge (in Polen geboren) hatte mich mein armer Vater eines Tages aut den Jahrmarkt unseres Städtchens gesandt, um — alte Flaschen zu verkaufen. Ich hatte große ״Konkurrenz“ dabei — verkaufte aber am besten, dank meiner Stimme, die die Kauflust des Publikums anlockte. Aber wir hatten zu Hause kein Geld, so daß ich mich erst in einem anderen Fach hcraufarheiten mußte, lind seit 21 Jahren habe ich eine Schneiderei bei Kopenhagen, und ich glaube, meine Kundschaft ist zufrieden mit mir! Und dasselbe erhoffe ich von meinen jüdischen (ilaubcnsbriiik'rn iri der ganzen Welt, denn für sie schaffe ich meine jiddischen Lieder. Sänger und Sängerinnen von Weitruf verbreiten sie in Konzertsälen und Radi«. In Kürze werden wieder neue Lieder im englischen Oxford-Verlag erscheinen. . . .“ Ein Kunde ist 711r Anprobe gekommen, und der liebenswürdige Schneider-Komponist entschuldigt sich plötzlich. Für kurze Zeit muß Chain! Ritterband ins ״Weltliche“ übergehen. Aber bald sitzt er wieder auf seinem Schueidertisch und arbeitet und singt und schafft neue jiddische Volkslieder — ohne Noten! Egon Michael Zweig, dessen 60. Geburtstag in diesen Tagen gefeiert wird, war unter den Akademikern, die sich unmittelbar nach dem Erscheinen von Herzls ״Judenstaat“ Herzl anschlossen. Wie sehr Herzi von der Begabung und Tatkraft Zweigs überzeugt war, ersehen wir aus dem 1904 an ihn erteilten Auftrag, die Ausarbeitung des Kultus* gemeindestatuts in Angriff zu nehmen. Der Kampf um die ״Eroberung der Kultusgemeinden“, der in Wien beginnt, führt dann dort so weit, daß 1912 die Wiener Assiinilanten in der Kultusgemcindc als Bedingung des Kompromisses die Nichtwah! Zweigs in die Kultusgemeinde verlangen. Beim Uganda-Kongreß finden wir Zweig in der Opposition und wird er, trotz Einspruches des Ä.-C, Distriktsohmann für Oesterreich. Als solcher leitet Zweig die zionistische Organisation Wiens auch in Herzls Todesjahr und arrangiert Herzls königliche Leichenfeier und ein Jahr später den (fang zur Grabstätte Herzls auf dem Döblinger Friedhof in Wien. — Nach dem Kriege rief Zweig mit Adolf Böhm und Dr. Emil Stein das Palästina-Amt in Wien ins Lenen (der Name Palästina-Amt stammt von Zweig), das später als offizielle Emigrationsstelle galt. Nach dieser Art entstanden dann Palästina-Aeintcr in Krakau, Lemberg, Warschau usw. 1920 wurde Zweig ins Hauptbüro des KKL nach dem Haag berufen und leitete dann in Jerusalem lt Jahre dessen Versicherungsabteilurig. Zweig, der auch publizistisch tätig ist (die ״J.R.“ brachte öfter Beiträge von ihm), wird zu seinem 60. Geburtstag die Glückwünsche weiter zionistischer Kreise empfangen. Kleine HaeUueUien Dr. Weizmann wird anläßlich des Beginns der Beratungen der Ständigen Mandatskommission (30. Juli) in Genf eintreffen. Durch Königliches Dekret ist der Richter am Appellationsgerichtshof Avram R u s s o zum Mitglied des Obersten Gerichtshofes Jugoslawiens ernannt worden. Es ist das erstemal, daß ein Jude dem Obersten Gerichtshof an* gehört. Der Vorsitzende des Administrative Committee der Zionistisehen Organisation Amerikas, Morris Rotten berg, ist zum Städtischen Richter mit zehnjähriger Amtsdauer ernannt worden. fm Alter von 63 Jahren ist in Porti and Julius L. Meier, der in den Jahren 1931 bis 1935 Gouverneur des Staates Oregon war, gestorben. Julius Meier, der im Dezeinber 1874 in Portland (Oregon) geboren wurde, absolvierte seine Studien an der Universität Oregon und übte in den Jahren 1895 bis 1S99 die Rechtsanwaltspraxis aus. Er betätigte sich in verschiedenen jüdischen Wohlfahrtsgesellschaften und war Vorsitzender der Synagogengemeinde Bet Eloliim. im Alter von 74 Jahren ist der Oberrabbiner von Algier, Samuel Seror, gestorben. Eine ungeheuere Menschenmenge nahm an der Beisetzung teil. In den Straßen Amsterdams wurde mit Erlaubnis der Behörden eine öffentliche Sammlung für die Rudelsheim-Stiftung, die in Hilversum ein Heim für schwachsinnige jüdische Kinder unterhält, veranstaltet. Hunderte von Sammlern waren in den Straßen Amsterdams Unterwegs und verkauften Ansteckblumen, die beim Publikum einen großen Absatz fanden. Der Erfrag der Sammlung soll zur Vergrößerung des Heims benutzt werden. ln Begleitung des Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde von Rom hat Onerrabbiner Professor David Prato die neugegründete jüdische Gemeinde in Perugia hesucht. In Anwesenheit aller Mitglieder der Gemeinde wurde der Oberrabbiner von dem Oemeinderabbiner Dr. Friedman in der Synagoge begrüßt. Die Firma Heinrich Cohen (Seidenstoffe, Posamenten), München, ist in arischen Besitz übergegangen, ebenso die Firma Hermann Cohn in Küstrin. Zu diesem Augenblick Vor diesem Zeitenaugenblld{, o werdet stumm 1 Ungläubig noch erbeben unsre Herren ln diesem ersten Scheine der Erfüllung, Erfleht tm Traum des Unvordenklichen. Seht thr nicht neben uns erbärmliche Gestalten Aus Schattentiefen des Vergangenen Und aus der Schmad! sich heben so erlfist? O Ruhestätten wandernder Geschlechter Und Todesäcker hlngesunkner Opfert Hinab sinkt Rom und Worms und Lodz und Cordoba, Als sei’n sie niemals Je gewesen. Und zwischen uns ln unseren Reihen stehn Der Held Bar Kodiba. der das Ende sah, Und, der den neuen Anfang schuf. Der Welser unsrer Tage, so als lebten ple. Dem Haft entsprang dies Gule wiederum Wie dem Gewittersturm der Regen für die Saaten... So laftt uns würdig sein des einst Gewesenen, Erschauernd vorm Gefühle der Bestimmung Und stark Im Glauben dessen, was nun wfidisi, Beschirmt von unsrer eigenen Kraft, zu leben. Und ob von nun an unsere Herde stehen Meerüber fremdJm Brausen wilder SlSdle, Südwärts gebaut und grünen Wäldern fern! Kein Bilde such! mehr vergebens einen Retter, Kein Herz erschrickt mehr vor dem ntedern Spötter; Das Land, das Land steht wie ein sichrer Stern, Jakob Picard Eine Offenbadi-Biographie S. Krakauer! ״Jacques Offenbach ou Ie secret du Second Empire“. — (Editions Bernard Grasset, Paris 1937.) Der aus Deutschland (Frankfurt a. M.) stammende jü* disclie Schriftsteller Krakauer hat eine bemerkenswerte Üffenbach-Biographie im Verlag Grasset in Paris erscheinen lassen. Die Biographie ist zugleich auch in deutscher Sprache erschienen. Krakauer hat siel! die Aufgabe gestellt, ״eine soziale Biographie“ zu schreiben, die ״mit der Person Offenbachs die Zeit erscheinen läßt, die er anregte und die andererseits ihn anregte... und die Beziehungen zwischen Offenbacli und seiner Zeit zu betonen“. Die Person Offenbachs und sein Werk sind daher für Krakauer im wesentlichen nur die Personifizierung und das Symbol einer Epoche, die in entscheidenden Punkten als das Vorspiel der heutigen politischen und sozialen Erschütterungen atrtztifassen ist Die historische Stellung, die er der ״Offenbachiade“ in dem Drama des zweiten Napoleonischen Kaiserreiches zuweist, wird besonders deutlich in einem späteren Kapitel, in dem sich bereits der Zusammenbruch der Herrschaft Napoleons III. und mit ihn! zugleich die ״Götterdämmerung“ des Offenbachsehen Olymps abzeichnet. Die intensive und klärende^ Durchdringung der historischen Epoche, die die Offenbachiade als dramatischen Hintergrund hat, ist der stärkste Vorzug der Krakauerischen Arbeit. K.s Betonung des sozialen Moments in der Offenbach-Biographie hat aber andererseits auch einen wichtigen Nachteil. Wenn Jacques Offenbach, der französische Jude aus Köln, zum Symbol seiner Zeit avanciert, s<> wjj־d er durch diese ״Symbolisierung“ als Persönlichkeit ausgehohlt. Krakauer ist jener Gefahr nicht ganz entgangen. Seine Personen, vor allem der Held seiner Biographie, werden von dem Milieu erdrückt, entpersönlicht und erscheinen uns mir noch als Zeitsymbole, aber nicht mehr als lebendige Menschen, an deren Schicksal wir Anteil nehmen können. Wenn man die Frage untersucht, warum Jacques Offenbach der Nachwelt nur als der Schöpfer der ״Offenbachiade“ und seiner einzigen Oper ״Hoffmanns Erzählungen“ erhalten bleiben wird, und warum er nicht in die Tiefen der von ihm bewunderten Mozartscheii Kunst vorgestoßen ist, so wird man neben anderen persönlichen und historischen Gründen auch aut eine andere wichtige Komponente Hinweisen müssen, die Krakauer nicht einigend entwickelt hat: die jüdische Abkunft Offenaclis. Gewiß weist K. auf die jüdischen Zusammenhänge Offenbachs hin, auf seine eisten Anregungen durch die synagogale Musik — Offenbachs Vater war Vorbeter der jtidischen Gemeinde in Köln — aber die Atmosphäre des jüdisehen Kleinstadthauses, aus der heraus Offenbach zutn Abgott der Pariser Boulevards heranwuchs, erscheint bei K. nicht als eine der entscheidend wichtigen Charakter- und Bitdungsgriindlagen des genialen Musikers. Und doch _ würde u. F. eine VX'eiferführung der Analyse in dieser Richtung wichtige Beiträge zum Verständnis Offenbachs liefern. Offenbach 'gehörte, wie Heine, Börne usw., jener ersten Welle jüdischer Intelligenzen an, denen sich — als die Tore des Ghettos fielen — die ״große Welf“ erschloß und die dem gesellschaftlichen Erfolg mehr als einmal die letzten Moplichkeiten ihrer künstlerischen Begabung und ihres. menschliehen Gewissens zum Opfer brachten. Auch die in vieler Hinsicht liebenswürdige Erscheinung Offenbachs ist an der letzten künstlerischen und menschlichen Vollendung, deren Möglichkeiten in ihm lagen, vorübergegangen. , 4 E, K. (Paris) Lehman gegen Roosevelt. Wie die Londoner ״Times“ berichtet, hat Herbert Lehman, der Gouverneur des Staates New York, der bisher als eine der Hauptstützen des; Präsidenten Roosevelt galt, sich öffentlich gegen dessen Plan, den Obersten Gerichtshof zu reorganisieren, ausgesprodien. Gouverneur Lehman betont in dem Briefe, daß er mit vollem Herzen das soziale Programm Roosevelts unterstützt, hat, aber den Gesetzentwurf über das Oberste Bundesgericht könne er nicht billigen, denn dieses Gesetz würde einen gefälirlichen Präzedenzfall bilden, der von späteren, weniger wohlgesinnten Regierungen benutzt werden konnte,. um die verfassungsmäßigen Rechte der amerikanischen Bürger zu verkürzen. — Gouverneur Lehman hat sich bekanntlich vor einem Jahre geweigert, bei den Wahlen neuerlich seine Kandidatur als Gouverneur von New York aufzustellen, wurde aber dann durch den persönlichen Wunsch Roosevelts veranlaßt, dies doch zu tun. Damals wurde die Vermutung ausgesprochen, daß Lehman wegen seines J u d e n t um s sich aus der vordersten Reihe des politischen Lebens zurückziehen wolle, 11m eine eventuelle Belastung der Demokratischen Partei zu verhüten. Frühling am Dnjepr Von. Salma n S c h 11 ii u r*) Bei Schklow, am Ufer des Dnjepr, fängt der Frühling mit dem Eisgang an. Eines Abends, nach Ostern, kommt ein ungewöhnlicher Wind auf, in dem die Menschen noch frieren, aber von dem das meterdicke Eis weich und löchrig wird. Der Fährmann, der am Fluß wohnt, auf einem Hügelchen, das ihn vor Hochwasser schützt, erwacht mitten in der Nacht von einem Lärm und Gepolter, als ob eine ganze Rotte von Gefangenen ihre Ketten zerbrochen hätten und .liefen alle auf einmal losgelassen durcheinander mit wilden schreckenerregenden Freiheitsru len. Zupft sich der Fährmann das schwarze runde Bärtchen und sagt zu seiner molligen kleinen Frau: ״Horch, Basche! es geht los!“ Die Fiihrmunnsfrau seufzt unter dem warmen Federbett, halb erleichtert — halb bedauernd. Der schläfrige Seufzer heißt: ״Gott sei Dank, nun kann man bald die Fähre aufs Wasser setzen und ein bißchen verdienen“ und in einet« Herzwinkel tut es ihr leid, weil sie jetzt den Mann nicht mehr so oft neben sieh haben wird. Die WinternSchte sind vorüber. Es ist die höchste Zeit, sich nach ein bißchen Bargeld umzusehen. Das Flicken und Auspechen der Föhre hot eine Menge Geld gekostet, und das Fest hat auch ein großes Loch in den Beutel gerissen. Und man hat doch nur acht Monate im Jahr Verdienst — die übrige Zeit ist der Dnjepr gefroren, und wer will, schlittert hinüber. Und die Pacht an den Gutsherrn muß man für alle zwölf Monate zahlen. Wenn man heim Fährmann früh aufsteht und mit dem Vorhangzipfel über die angeschwitzten Scheiben wischt, sieht man, wie große schwere Eisschollen sich stauen über dem Grau des Wassers, wie die Wolken am Himmel nach einem Sturm. Die Schollen sind schmutzig-weiß von außen und blaugrau in! Bruch, und ihre Gestalt ist verschieden und veränderlich — so wie die zerrissenen Wolken. Sie türmen sich in furchtbarem Gedränge und eine Scholle kriecht über die andere. Sie stellen sich hoch wie gläserne Statuen mit den Füßen gen Himmel. Und plötzlich bleibt die ganze Prozession stehen, mit einem Krach, als wären es hundert glasbdadene Fuhren. Und laue Winde jagen *) Zu seinem 50. Geburtstag; vgl. Nr. 57 der ״J. R.“ hinter ihnen her, pfeifend wie die Polizisten bei einem Unfall: Halt, halt!.., verflucht!.., Krach-tara-rach!.., Hall!... Der Wasserweg ist irgendwie kaputtgegangen. Und oftmals bleiben die Eisschollen wochenlang so stehen, versperren die ganze Oberfläche des Dnjepr, und nur die gelängeren, schwächlichen, hin schwimmenden Eisstücke werden auf das sandige Ufer herausgeschoben... Bis die lauen Winde irgendwie Ordnung machen, alle zögernden, gefrörenen in Bewegung bringen. Der Weg nach Kiew wild wieder frei. Die schweren Fuhren Glas rühren sich und ziehen mit schläfrigem Klang den Strom hinab. Immer hastiger und brausender wird das Geschiebe der Schollen, immer wilder werden ihre Konturen, zerscheuertcr ihre Gestalten. Die Eisstücke laufen beinahe stromauf, laufen wie die Räuber nach einer Plünderung. Denn jede Scholle trägt jetzt; etwas auf dem Buckel. Eine — einen Besen, einen I3aum, eine ein Brett, die ein Stück Planke und die einen zerbrochenen Eimer. Und nun kommt gar eine Eisschölle mit einem lebendigen Hündchen. Es zappelt mit der nusgestrogkten Vorderpfote und winselt so kindiseh-verzweifeit in das Chaos von Eisstücken, die sich rundum drehen. Offenbar hat sich, als es zuletzt über den Weg lief, der Dnjepr unter ihm aufgetan und das Eis unter seinen Füßchen hat es weggetragen... Haff, haffl... wohin?... wohin? ... Das Hochwasser wächst inzwischen an. Man kann es genau sehen. Denn die bläuliche Rauheit des \Vnssers zwisehen den Schollen ist braunrot geworden von herabgeschwemmtem Lehm und schaumig angeschwollen. Die Wellen kochen zwischen den Eisbrocken. Das hügelige sandige Ufer auf der einen und der Lehmberg von der Sareptschier Seite scheinen sich zu senken. Und auch das Haus dos Fährmanns auf seinem Hügel sieht aus, als hätte es sich der Wasserfläche genähert und der Stadt dahinter angcglichen. So rafft sich Anschcl, der Fährmann auf, und läßt das frischgeteerte, umgekehrte flache Boot ins Wasser. Wer weiß, was kommt. Er muß bereit sein. Sein Vuter, auch Fährmann, hat es ihm bei Lebzeiten oft gesagt... mehr als einmal hat der Vater auf einem Kahn in die Stadt hincinflüchten und da# ersoffene Häuschen dem Schicksal überlassen müssen. Das Zeichen für Hochwassergefahr ist immer, wenn der Teich hinter der großen Mühle aas Wehr übersteigt und sich mit dem Dnjepr vereinigt. Anschel selber ist schon einmal vor dem Hochwasser geflüchtet. Basche, sein Weib, war damals noch Braut, er flüchtete mit seinem Kram zu ihrem Vater. Aber cs war blinder Lärm. Das Wasser stieg damals nicht über den Damm aus Eiehenbolilen. Gewöhnlich steigt das Wasser auch diesmal nicht höher auf den Hügel, als bis an das Fundament des Hauses. Ein schmales Streifchen, mit Brettern ausgelegt, bleibt immer noch stehen und verbindet das Führmannshaus mit der Stadt. Zehn Tage mindestens dauert das Hochwasser, wenigstens für gewöhnlich. Die umliegenden Felder und Wiesen werden überschwemmt und die zerkämmten Zweige der nackten Weiden stehen da und dort heraus, wie die Köpfe ertrunkener Riesen, mit dicken Haaren aus Ruten. Von dem russischen Bad am Seeufer drüben schaut nur ein Stück Dach heraus, mit einem verbogenen blechernen Kamin. Ein Teil der Balken für die Eisenbahn schwimmt auch weg, und die Bauern fischen die zerfahrenen, nassen Hölzer mit langen Stangen. So verlassen liegt das Fährmannshaus auf seinen hohen Pfosten auf dem Hügel, wie die Arche Noah auf dem Berge Arrnrat ruhte. Wenigstens finden das die Schuljungen, und sie beneiden ihren Kameraden, den Fährmanussohn, weil dee Glückliche auf dem Berge Arrnrat bei ״Noah“ wohnen darf. Wenn nun noch eine Krähe auffliegt von des Fuhrmanns Dach, oder ein Hahn kräht auf seiner Hütte, dann ist das schon nicht inehr Aehnlichkeit — nein, es ist einfach ein lebendig gewordenes Blatt aus der biblischen Geschichte. Van Tag zu Tag werden die Eisschollen runder und zerbröckelter. Das Wasser wird klar; — reinigt sich von .Schlamm und dreht sich in Wirbelchen. Verfängt sich eine Scholle in ein Wasserkreisel, so dreht sie sich wie ein Karussell auf dem Jahrmarkt, solange bis dia nächste sie herausstößt und ihren Platz einnimmt. Die Flut fällt, wird blau wie Waschblau vor dem überschwemmter! Wehr. Ueber das schlammige, flache Ufer auf der anderen Seite des Sees werden ein paar kurze Balken nebeneinander nusgelegt, und darüber ziehen Bauern, wie auf großen Walkhölzern, zwei geteerte flache Barken, die den Winter über sich nusgeruht haben — umgekehrt auf dem Bauche gelegen und geschlafen, hinter den Gärten. Nachdem man über die Balken gefahren ist, nimmt man die rückwärtigen und legt sie vorn wieder an, und die Boote schaukeln, wahrend die Bauern schreien. ״Rrru-uck! — Ho-rruckü“ rufen sie einander zu, die Bauern... ״Horu־ck!“

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