Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 57 (20.7.1937)
- Date
- 1937-07-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 57, 20. VII. 1937 Mosche Schmilanski zur Lage ״Entweder gemeinsames Land oder Teilung“ Der geistige Führer der palästinensischen Pflanzer, M. Smilansfci, schreibt in der Zeitschrift ״Bustenai“: Alle empfanden die Bekanntmachung der Regierung als einen Schlag. Einzelheiten müssen uns wie Hohn vorkommen, wir dürfen im arabischen Gebiet keinen Boden kaufen wie die Araber nicht im jüdischen. Nun sind wir aber auf Kauf angewiesen, die Araber hingegen sind mit Boden übersättigt, für sie ist der Verkauf ein Bedürfnis. Verletzend wirkt auch, daß augenscheinlich die Jewish Agency nicht vorher von den Einzelheiten des Plans unterrichtet gewesen zu sein scheint. Sie scheint sich in dem Glauben befunden zu haben, daß man uns in Transjordanien das Recht einräumen würde, 10 0/0 des Bodens zu erwerben und bis zur Anzahl von 30 ״> der Oesamtbevölkerung einzriwandern. Auch scheint man dort falsche Vor- Stellungen vom Status des Negew und von den Grenzen des judenstaates gehabt zu haben, die besonders im Osten strategisch schwierig sind. Es ist jetzt nicht an der Zeit, Salz auf unsere Wunden zu streuen, aber man muß feststellen, daß die Ursachen des negativen Ergebnisses in erster Linie in zwei Dingen liegen: in der Wirtschaftskrise, die wir glaubten verbergen zu können, und in unserem Unvermögen, mit den Arabern zu einem Ausgleich zu kommen. Wir waren nie bereit, unsern Status als Mandatsland in Frage zu stellen, der unsere Wirtschaft ruinierte, und ebenso scheiterte jeder Plan, sich mit den Arabern auf Grund gegenseitigen Verzichts zu einigen an unserem Nein. ״Es gibt für uns keine Araber, nur Engländer.“ Es ist interessant, daß gerade diejenigen, die früher jeden Vorschlag zur Einigung vo-11 vornherein zurückwiesen, jetzt am lautesten gegen die Teilung zetern. Gibt es denn ein Drittes? Entweder ein gemeinsames Land oder die Tei- 111 n g. Jetzt sind drei Wege vor uns, die beiden, die uns die Kommission zur Wahl gestellt hat, und der eine, allem ein Nein entgegenzusetzen. Dieser dritte Weg aber ist praktisch ungangbar, ebenso aber die Fortsetzung des Mandats unter den veränderten Bedingungen. Freilien wird eine handelspolitische Reform vorgescnlagen, aber sie wird zur Aufrechterlialtung unserer Wirtschaft nicht genügen, wenn es keine Einwanderung mehr gibt und der Bodenkauf uns praktisch unmöglich gemacht ist. Aber auch der Teilungsvorschlag wie er ist, scheint unannehmbar. Er hat zwar einen gesunden Kern, den Gedanken, der Teilung selbst. Wenn die überwiegende Mehrheit beider Völker für ein Zusammenleben nicht zu gewinnen ist, dann gibt es keinen anderen Weg als die Teilung. Aber der uns vorgelegte Plan ist unmöglich: Der Umfang des Landes ist bei weitem zu klein. Das Gebiet umfaßt 5 Millionen Dunam, von denen l'/4 Millionen in jüdischem Besitz sind. Falls alles Gemeindeland, aller mohammedanischer Kirchenbesitz und alles Regierungsland an den Judenstaat fallen würde, würde sich der jüdische Besitz auf 2 Millionen Dunam erhöhen. 3 Mil- Honen Dunam, 60 0׳״ des Bodens, blieben arabischer Privatbesitz. Wir aber müßten, wenn wir eine Einwanderung von 2 Millionen Menschen haben wollten, mindestens eine halbe Million auf dem Lande ansiedeln, denn wir können doch nicht all unsere Einwanderer zu städtischem Proletariat und zu Limonadenverkäufern machen. Woher aber sollen wir für sie und für unsern Geburtenüberschuß den Boden nehmen ohne das fruchtbare Ostjordanland und ohne die Bodenreserven des Negew? Es bleibt uns eben nur die Reserve in unseren eigenen Grenzen, die 3 Millionen Dunam, die im Besitz von einer Viertelmiltion Fellachen sind. Die Verengerung unserer Grenzen wird 1ms im Laufe der Zeit zwingen, dies Land zu enteignen, da die Besitzer es freiwillig kaum attfgeben werden. Das wird den Juden selbst an sich unerwünscht sein und auch außenpolitisch einen unerwünschten Eindruck machen. Uni den Vorschlag annehmbar zu machen, müßte das Land bis Gasa (l'/t Million Dunam) einbezogeu sein, und eine Möglichkeit gegeben werden, das dünnbesicdelte Gebiet des Negew zu erschließen. Dann könnten die Araber und Beduinen in dem Gebiet des Judenstaats leben, ohne daß es zu der Notwendigkeit werden würde, sie zu verdrängen. Sie würden eine Minderheit mit vollen nationalen und religiösen Rechten sein. Die Gegensätze zwischen Juden und Arabern wären dann nicht von vornherein unlösbar und nur durch Gewaltmaßnahmen zu entscheiden. Unannehmbar ist auch die Ausschließung Jerusalems aus dem jüdischen Gebiet. Es könnte durch den Korridor mit ihm verbunden bleiben. Von der Woche Die Palästina-Regierung hat die Abhaltung der für Sonnabend, den 17. Juli, von dem Obersten Arabischen Komitee einberufeneu Konferenz aller arabischen Lokalkomitees Palästinas ve r boten. Das Arabische Oberste Komitee hat den Emir Shakib Arslan aufgefordert, die arabische Delegation nach Genf .anzuführen. Der Emir, der seit 1925 aus Syrien verbannt war und seinen Wohnsitz in Genf hatte, ist erst im Juni nach Syrien zurückgekehrt. Freitag wurde im Büro des Obersten Arabischen Komitees eine Polizeirazzia durchgeführt. Es wurden mehrere arabische Agitatoren, die sich dort aufhielten, verhaftet. Vor dem Verlassen des Büros wurde von der Polizei die Telefonleitung unterbrochen. A e g > p fische Regierungskreise lassen durchblicken, daß keine Wahrscheinlichkeit einer Erklärung seitens Aegyptens zum Teilungsplan besteht. Zum erstenmal seit Gründung des Tcl-Aviver Hafens wurde letzten Freitag dort die Post aus Europa ausgeladen. Bisher pflegte die Post immer in Jaffa ausgeladen zu werden. ״Palestine Gazette“ bringt eine Verordnung des High Commission er, wonach die Eröffnung eines neuen Laudungspunktes in ״Kfar Witkin“ (im Emek Chefer) gestattet wird. In dem neuen ״Hafen“ werden Segelschiffe, die Düngemittel bringen, anlegcn können. Der Keren Kajemeth hat in der Nähe von ״Giwat Schaul“ im Westen von Jerusalem eine Fläche von 110000 qm erworben. Die Eigentumsvorgänger sind die Erben des sephardischen Juden Aron Walera. F!cr Keren Kajemeth plant dort die Errichtung eines neuen Stadtviertels, das den Namen ״Sehechurut Aron‘׳ tragen und Jerusalem mit dem alten Moza verbinden soll. Laut Ankündigung im Amtsblatt ist der Palestine Land Development Company das ausschließliche Recht auf Fischfang irr» M ule-G e b i e t verliehen worden. 9. Aw in Jerusalem Jerusalem, 19. Juli. (JTA.) Die Judenlieit Palästinas hat anläßlich Tischa b’aw eine Kundgebung gegen die Abtrenmmg Jerusalems vom geplanten Judensta.1t veranstaltet. Am Sonnabend zog nach dein Kinnot eine 20 OÖO Menschen umfassend« Prozession zur Klagemauer. Der Vorbeimarsch wickelte sich in v o 11er Ruhe ab. Am Sonntag waren ebenso wie am Vorabend alle Synagogen des Landes überfüllt. Viele Tausende, die keinen Platz finden konnten, waren am Sonnabend in den Straßen von Jerusalem, Tel Aviv und in allen Lamlcsteilen versammelt, um die Kinnot zu hören, die durch den Jeru- Salem er Sender verbreitet wurden. Die Polizei verhaftete in Jerusalem sechs Revisionisten, die Plakate mit Protesten gegen den Bericht der Kommission angeschlagen hatten. Ein Revisionist wurde sofort zu 50 Pfund Geldstrafe verurteilt, die übrigen unter Polizeiaufsicht gestellt. Die Plakate wurden von der Polizei entfernt. Die arabische Agitation Jerusalem, 16. Juli. (Palcor.) Der Mufti hat durch seine Anhänger eine scharfe Agitation in Syrien einleiten lassen. Es werden Gerüchte verbreitet, denen zufolge die Lage in Palästina sehr gespannt sei, Flugzeuge und Panzerwagen das Land ununterbrochen abpatrouillieren, während die Chausseen von Militär und Polizei wimmeln. Dieselben unwahren Schilderungen der Lage werden auch in Bagdad verbreitet, wo Auni Abdul Hadi bereits eingetroflen ist. Laut Meldungen aus Damaskus werden im Irak Kundgebungen stattfinden, während in den Moscheen Predigten über das Thema Palästina-Teilung gehalten werden sollen. Auni Abdul Hadi wird in einer Massenversammlung in Bagdad sprechen. (Vgl. auch S. 1.) Verwaltungsbezirk Galiläa Die Palästina-Regierung hat die Schaffung eines neuen Verwaltungsbezirkes bekanntgegebeii, der die Gebiete von Akka, Safed, Tiberias, Nazareth und Ileisan umfaßt. Sitz der Verwaltungsbehörde des neuen Bezirkes ist Nazareth. In der Bekanntmachung der Regierung wird betont, daß ausschließlich verwalt u n g s n; ä IS i g e, nicht aber politische Gesichtspunkte für die Schaffung des neuen Bezirkes maßgebend gewesen seien. Der Bezirk wird unter der Leitung des Dislnkisbearnten Andrews als Vertreter des Distriktskommissnrs stehen. Der bisherige Norddistrikt bildet künftig einen Kreis, der die Gebiete von Haifa, Dachenin, Nablus und Tulkereni als Subdistrikte umfaßt. An der Spitze des Kreises verbleibt der bisherige Distriktskommissar Keith Roach. Neue höhere Schule in Tel Aviv geplant. Uns wird geschrieben: Obwohl die Anzahl der höheren Schulen im Lande und besonders in Tel Aviv sehr groß ist, hat sich eine Gruppe von Lehrern entschlossen, eine neue höhere Schule zu gründen. Viele der begabten Schüler würden gerne ihre Studien in einer höheren Schule beendigen, die eine Fortsetzung der Volksschule bedeutet. Die Neue höhere Schule will diesem Streben Rechnung tragen. Sie ist ein humanistisches Gyrnnasium. Im Mittelpunkt des Unterrichts stehen die jüdisch- und die allgemeinen humanistischen l ädier, ohne daß deshalb die Realfächer vernachlässigt werden. Jedoch das Ziel der neuen Schule ist nicht nur, Kenntnisse zu vermitteln, sondern im Laufe der Zeit eine Jugendgemeinschaft heranzubilden, die auf innere Disziplin und Verantwortung gegründet ist. ln die unterste Klasse (d. i. in die 5. Klasse des Gymnasiums oder die 9. Klasse der Volksschule) werden Schüler, die die Volksschule absolviert haben, aufgenommen. Schüler, die in die höheren Klassen (6. und 7. des Gymnasiums) cintrcten wollen, müssen entsprechende Zeugnisse vorweisen. Die humanistischen Unterrichtsfächer umfassen: Judaica, allgemeine Literatur und Geschichte, Kunstgeschichte, Soziologie und Wirtschaftsgeographie. A!1 Fremdsprachen werden Englisch und Arabisch gelehrt, ln den Realfächern werden die zur Abiturientenprüfung geforderten Kenntnisse vermittelt. Aller Unterricht ist auf der Selbstarbeit der Schüler (Prinzip der Arbeitsschule) aufgebaut. 211 dem Lehrerkollegium gehören: A. Avny, Dr. Efrath, Dr. Bloch, Dr. Bermami, Toni Halle, Batia Jewin-Stcrn 11. a. Die Eintragungen für die Neue höhere Schule finden jeden Nachmittag von 4—6 (außer am Schabbat) in dem provisorischen Büro der Schule statt: Konservatorium Schulairüth, im Gebäude des Jascha-Chefetz-Saal. Eingang linke Seite. Kunst in Haifa Nach ״Emil und die Detektive“ brachte Sew B e r - linski in seinem Haifaer Kindertheater, wie bereits angekündigt, Lea Goldbergs hebräisches Original-Kinderstück ״Beth-Flasscfer B’schitafon“ (Die Schule in Ucbcrschwemmung) im Orali-Theater zur Aufführung. Berlinskis Versuche, für die Kinder Palästinas ein ihnen entsprechendes Theater zu schaffen, sind prinzipiell zu begrüßen. Die Schwierigkeiten, die zu überwinden sind, sind sicher nicht klein, und wenn die erzieherische Tendenz des Stoffes: Tierliebe, ausgedrückt durch die Verbindung einer Schulklasse mit einem kleinen Hund, und Verschmelzung der uden Palästinas, ausgedrückt durch Zusammenschluß des leinen orientalischen Juden mit der Tochter von Ein- Wanderern aus Deutschland — wenn diese Tendenzen nicht so klar hervortraten, wie geplant, und die Einstudierung bei den mit viel Begeisterung mitspielenden Kindern nicht letzte Wirkungen erreichte, so ist die Aufführung doch als Anfang auf einem guten Wege anzuerkennen. Das Stück ist etwas knapp und in der Aufteilung nicht ganz: ausbalanciert. Baß' Bühnenbilder gaben den richtigen Rahmen. Ein Versuch anderer Art ■war die Freilichtaufführung der Dramatisierung des ״Ruches Ruth", die gleichzeitig die erste künstlerische Veranstaltung größeren Stils in Achusah auf dem Karmel war. Die durch organisatorische Schwierigkeiten und die Uebertragung der Darstellung ausschließlieh an Achtisaer Dilettanten erklärlichen Mängel der Vor- Stellung fanden ein Gegengewicht in der nicht zu übertreffenden Auswahl des Platzes für die Freilichtaufführung. I)as Publikum saß in einem einmal für einen Bau in den Fels gesprengtem Parkett, während das Spiel auf dem natürlichen Hang darüber vor sich ging, aus dessen Weite der jeweils benötigte Spielsektor vom Scheinwerfer aus der Dunkelheit gehoben wurde. Auf dem Dache eines nahestehenden Hauses stand der Sprecher, von unten vom Scheinwerfer angestrahlt, in seinem weißen, im Winde flatternden Gewand grell vor dem tiefschwarzen Hintergrund des nächtlichen Himmels. Das Haifaer Orchester unter seinen! Dirigenten Behrendt spielte die eigens für diesen Zweck von Chaim La den dort sehr ansprechend komponierte Musik, malerisch mit flackernden Kerzen auf den Notenpulten in einer Felsecke placiert. Die Regie taff in den Händen des jungen Elieser Weglein. Die stilgemäß arrangierten Tänze wurden von Flora Rattper und ihrer Gruppe ausgeführt. — Diese Aufführung soll der Ausgangspunkt weiterer künstlerischer Tätigkeit in Achusah sein. Eine Neueinführung sind die Volkskonzerte 1m Gan- Benjamin, die von nun an den Sommer über jeden Schabbat abend tim 7,30 und 9.15 Uhr stattfinden. Die ersten Konzerte dieser Serie fanden am 3. Juli statt und wurden durch Ansnrachen Aleinikows für die jüdische Oeffentlichkeit Frau Du nies vom Haifaer Konservatorium und Friedmsnn-Lwow für die Haifaer Kiinstlervereinigung, eingeleitet, die auf die Verdienste S. Kleins und K. Sußmanns um die *Organisation dieser Konzerte hinwiesen. Am ersten Abend wirkten der Juval-Chor und ein Streichorchester unter Leitung K. Sußmanns mit. Alfred Markus, Haifa Eröffnung des Amphitheaters!n Pardess-Hanna. In Pardess-Hanna wurde am 21. Juni das erste Baustadium des Amphitheaters beendet und das Theater eröffnet. Der Bau ist erst zur Hälfte fertiggestellt, läßt aber bereits die großzügige Planung (Architekt Harry Roscnthal, Haifa) erkennen: Ein offenes Amphitheater klassischer Art mit einem großen, gedeckten und schließbaren Bühnensaal, der seinerseits — mit einer zweiten Bühne verbunden —• als Zuschauerraum eines intimen Theaters verwendbar ist. Dieses faßt etwa 300 Sitzplätze, während das offene Auditorium 1600 Plätze enthalten wird. Die Eröffnung wurde durch den Waad und die Vertreter der Nachbarorte vorgenommen, ernste und heitere Gesang- und Tanzvorführungen schlossen sich an. A. b. J. Kurse palästinensischer Wertpapiere. Am 8. Juli hatten die wichtigsten palästinensischen Wertpapiere in Tel Aviv folgende Kurse: Allgemeine Hypothekenbank 5״'&ige Pfandbriete 38/55 988/4, 6 °bige Pfandbriefe 34/54 102, 6 »V,ige kum. Vorzugsaktien 1125/s, gewöhnliche Inhaberaktien 117’/״ P. L. D. C. gewöhnliche Inhaberaktien 90'4, 6 ״bige kam. Vorzugsaktien 93' ״־ Keren Kajemeth Lejisrael 21/2 ״Zeige Pfandbriefe 673/4, Bizur Ltd. 6 ״/oige Pfandbriefe 99. Grundfragen der jüdisch-orientalischen Musik Im Rahmen des Jerusalemer Konservatoriums hielt kürzlieh Dr. Robert Lach mann, zur Zeit Leiter des Jenisalemer Universitätsarchivs für orientalische Musik, einen Zyklus von vier Vorträgen über Grundlagen und Tradition der jiidischen _ Musik. Besonders aufschlußreich und anschaulich waren die musikalischen Beispiele innerhalb der Vorträge, die von echten Vertretern der Samaritaner, sowie einzelner jüdischer Volksgruppen aus Ycmen, Bagdad, Kurdestan, Marokko, von Scpnarden wie Aschkennsen dargeboten wurden. Der einleitende Vortrag berührte die Frage nach dem Wesen der jüdischen Musik. Was das große Publikum gern als solche bezeichnet oder in den Werken europäisch-nidischer Musiker als ״jüdischen“ Ton zu erkennen glaubt, dafür gibt es von wissenschaftlicher Basis aus noch keine Rechtfertigung. Um dem Kernproblem näherzukommen, gilt es vor allem, sich mit den orientalisch-jüdischen Traditionen zu befassen, die zum grollten Teil den Anspruch erheben dürfen, ihr musikalisches Gut durch die Jahrtausende hindurch in kaum veränderter Form bewahrt zu haben. Zu den interessantesten yertretern dieser Art zählen die Samaritaner, welche mit der jüdischen Kantiilation sowohl durch volksmäßige Verwandt- Schaft wie durch den gemeinsamen Gebrauch der Thora verbunden sind. Das hohe Alter ihrer musikalischen Liturgie offenbart sich in einer besonderen Vortragsweise, die mit Hilfe verstellter Stimme, gewisser Nasallaute, Glissandos und überseharfer Akzente auf magische Wirkung gestellt ist. Der Priester deutet zugleich noch symbolhaft die Gestalt des besessenen Zauberers und Dämonenbeschwörers an. Fn der jüdischen Bibelrezitation finden sich von dieser uralten Singweisc nur noch spärliche Reste. Ihr ursprünglich einheitlicher Charakter ist im Laufe der Jahrhunderte in zahlreiche Sonderstile zerfallen, von denen die wichtigsten an einem gleichtcxtigen Beispiel vorgeführt wurden: der aschkenasisclie Stil mit seinem europäisch-rationalisierenden Einschlag, der orientalisch-sephardische mit dem Einfluß der arabischen Stadtmusik und der kurdische sowie jemenitische — beide ziemlich rein erhalten, jedoch unter sielt je nach Lebensweise des Stammes (Hirten, Handwerker) verschieden. — Auch verschiedene weltliche Musikarten wurden einer Analyse unterzogen, u. a. die jemenitische an Flani einer Hoclizeitszcrcmo!)ie, die den größten Teil der traditio-!!eilen Liedformen in sich vereinigt, darunter noch Frauenlieder von uraltem Gepräge in Frage- und Antwortspiel, mit Begleitung von Rahinentrommeln, wie schon in der Bibel erwähnt. Der Schlußvortrag beschäftigte sich mit den musikalischen Strömungen im heutigen Orient. Eine eindeutige Erkenntnis vom Wesen jüdischer Musik kann erst möglich werden, wenn man von den verschiedener! Ausformungen des Galuth mehr und mehr zur bodenständigen Musikübimg zurückkehrt. Wichtig für die Bildung einer zukünftigen Kunstmusik ist vor allem die Bewahrung der orientalisch-jüdischen Liturgie, ebenso unerläßlich aber aiich das langsame Entstehen eines palästinensischen Volksliedes — voraussichtlich mit mancherlei fremden Einflüssen —, das die Hauptquelle einer bodenständigen Musik werden könnte. Ansätze dazu sind bereits zu beobachten, wie auch andererseits die Bestrebungen zu bewußt jüdischer Motivik in der Knnstmusik außerhalb Palästinas, wofür die Werke Erncst Blocks oder etwa die Bialiklieder des großen Bagdadcr Lautenvirtuosen Ezra Aharon beredtes Zeugnis ablegen. Ol! und in welcher Form sich einmal europäische und orientalische Elemente verschmelzen werden, dies zu beantworten bleibt den kommenden Generationen vorbehalten. Es gehört zu den vornehmsten Aufgaben des Universitätsarehivs für orientalische Musik, hier von wissenschaftlicher Seite aus mithelfend cinzugreifcn. Die wertvollen Phonogrammsainmlimgen aus allen Teilen des Vorderen Orients wollen nicht nur absterbendes musikalisches Gut in möglichster Vollständigkeit aufbewahren, sondern auch richtung* gebend am musikalischen Neuaufbau mitarbeiten. Dr. Edith Gerson-Kiwl Jerusalemer Professoren auf internationalen Tagungen. Zu unserer Notiz in Nr. 53 erfahren wir ergänzend, daß der Psychologe Dr. St. Krauß Vorträge auf dem Iniernationalen Psychologenkongreß und auf dem Internationalen Kongreß für Kinderpsychiatrie in Paris halten wird. (Schluß des Palästinateils)