Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 56 (16.7.1937)
- Date
- 1937-07-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 56. 16. VII. 1937 Jüdische Rundschau Seite 3 Madagaskar / Widerstände und Möglichkeiten Von unserem Berichterstatter (Vgl. ״j. R.״ Nr. 45 und 50) Tananarive, Anfang Juli Die Polnische Kommission ist Mitte Juni von Tamatave in Tananarive cingetroffen, hat einen Besuch bei dem Gouverneur General Leon Cayla abgestattet und ihre Arbeiten begonnen. Ihre Ankunft in Madagaskar hat einen kleinen Sturm in der Lokalpresse hervorgerufen. Schon die bloße Vorstellung, die Juden nach Madagaskar hineinzulassen, hat die Furcht vor Unruhen wachgerufen. Aber um solche Pressestirnmen braucht man sich nicht allzu sehr zu sorgen. Die Kolonialpresse bedeutet im allgemeinen nicht sehr viel, weil ihr meist Unabhängigkeit und Sachlich* keit fehlt. Von Kairo bis Johannesburg hat nur der ״East African Standard‘‘ etwas mehr Bedeutung. Außer vielen Zeitungen im Malgash, dein Dialekt der Howe (Hova), hat Tananarive verschiedene französische Blätter in Französisch. Seit sieben Monaten besteht ״Le Journal de Madagaskar“, das sich schon zweimal über das Kommen der Juden ausgesprochen hat. (Einmal dagegen, einmal dafür.) Die Arbeitszeit in Madagaskar ist durch die kurzen Tage und das Produktionsvermögen sehr gering. Donnerstag ist ein freier Tag für alle Schulen und viele Geschäfte. Am Freitag geht jeder nach der Zuma (Markt), dem allgemeinen Treffpunkt (siehe Bild). Die Howe, der noch am wenigsten ungebildete Teil des Volkes, obwohl weit hinter den Javanern und Sumatranern an Bildung zurückstehend, sind in 40 Jahren fast zu ״Parisern“ geworden. Sie interessieren sich für europäische Kleidung, Parfüms, Fußball, Radio und gar nicht mehr für die Dinge des täglichen Lebens, wie Reis-, Gemüse- und Früchteanbau. Es ist auf Madagaskar wie in allen malayischcn Ländern: Höhere Bildung geht zusammen mit Verringerung der Produktion. Auf Java hat man hinter ein paar Millionen unproduktiven immer noch eine Armee von 30 Millionen produktiven Arbeitern. Auf Madagaskar aber *#■ויי|ל $ .fa*-'*׳״ * . ׳,״f.׳. ׳ «"'׳*•f/y •'fl■*■ Umgebung von Tananarive. Die Landschaft auf dem Plateau gleicht der des Schweizer Jura oder Mitteleuropas waren die Produzenten so gering, daß das Gleichgewicht schon längst gestört ist. Die Lebensmittelproduktjon ist so eingeschränkt, daß die Bevölkerung inmitten einer gewaltigen Pkäche, die produktiv sein könnte, noch ärmlicher lebt als auf dem hundertfach so dicht besiedelten Java. Daß also bei etwas weitersehenden Männern wie dem Direktor der zweimal in der Woche erscheinenden ״La Depeehe“ die Furcht aiifgekommen ist, daß die Armee der Unproduktiven durch jüdische Immigration noch vergrößert werden könnte, ist zu verstehen. Neben den Beamten, die uns unseren Wohlstand rauben, so schreibt ״La Depeehe“, ״haben war die Chinesen, die uns ausplündern und all das erraffte Geld nach China schicken. Wir haben nicht genug Hände, uin unsere Ernte cinzubringen, die Früchte sind in vielen Teilen des Landes aut dem Baume geblieben, und auch der Kaffee kann nicht geerntet werden. Jetzt spricht man davon, uns ein Kontingent jüdischer Arbeitgeber zu schenken, welche den Beamten und Chinesen helfen werden, uns Geld und die Frucht unserer Arbeit fortzunehmen,“ Der Artikel weist auch die Absicht des französischen Kolonialministers zurück, landwirtschaftliche Vcrwaltungsbeamte zu schicken, weil man vor allem selbstarbeitende Kräfte nötig habe.“ Mit der Wendung ״Ni Juifs ni Administrateurs — Colons“!“ (Weder Juden noch Verwalter, sondern Kolonisten!) beginnt und endet der Artikel. Während die meisten Einwände gegen eine jüdische Einwanderung sehr unsachlich sind und nur von Umvissenheit in jüdischen Dingen zeugen, hat ״La Depeehe“ wenigstens den Finger auf eine sehr wunde Stelle der Wirtschaft Madagaskars gelegt. Darum haben wir den Redakteur der Zeitung aufgesucht und ihn darüber aufgeklärt, daß die jüdische Kolonisation Geld ins Land bringen würde; statt ״Aussauger“ zu sein, wie die meisten H'uven, die Beatnten und die Chinesen, werden die Juden die Produktion beträchtlich anregen. Wohl werden die Juden auf die Dauer die Feldarbeit nicht vertragen; aber auch die Südafrikaner überlassen die schwere Arbeit den Eingeborenen. Die Juden werden Madagaskar von einer ökonomisch sehr zurückgebliebenen Kolonie auf die gleiche Produktionshöhe wie Sumatra bringen. Dies ist aber nur möglich mittels Kapital, das von Frankreich nicht erwartet werden darf. Auch dem Hauptschvittlciter des ״Journal de Madagaskar“ habe ich die Vorteile einer jüdischen Kolonisation erklärt. Die Furcht aber, daß die Juden nur kommen wollen, um Madagaskar ״auszusaugen“, ist allgemein. So sprachen wir dieser Tage einen Missionsdirektor, der sich mit landläufigen antisemitischen Argumenten den erwähnten Angriffen gegen das Kommen der Juden anschloß. Er bezeichnete die Juden u. a. als ״Volk von Egoisten“, das der religiösen Beeinflussung bedürfe. Daß wir dem Missionar die Antwort nicht schuldig blieben, braucht wohl nicht betont zu werden. Freitags auf der Zuma (Markt) y *ד*** Wohlbegriffener ״Egoismus“ wird auch die Juden dazu bringen, Madagaskar weiterzubringen. Es geht ihnen ja nicht um Profit, wie den meisten Europäern, sondern sie wollen sich eine neue Existenz und Heimat errichten. Unter den vielen Kennern, die wir um ihre Meinung über Madagaskar als eventuelles jüdisches Immigrationsgebiet fragten, ist auch der Sekretär der ״Academie Malgachc“. Er lebt hier schon 35 Jahre und hat die Insel nach allen Hotel Fumaroli in Tananarive, in dem die Polnische Konimission wohnt Foio!: Hova. r.״»,״»■:«« Richtungen hin erforscht. Er glaubt, daß liier noch große ökonomische Möglichkeiten sind, die von den jetzigen Bewohnern vernachlässigt werden. Natürlich soll eine jüdische Kolonisation hier durch geeignete Ansiedler erfolgen, die auch technisch geschult sind. Eine Probezeit in Palästina wäre beinahe eine unumgängliche Notwendigkeit, es ließe sich viel dafür sagen, daß die Madagaskar-Kolonisation als eine ״Unterabteilung“ der palästinensischen begonnen würde und auch später Bczichungen mit Palästina unterhielte. Aut Holläiidiseli-Neugiiinea hat sich gezeigt, wie recht der französische Kolonicn-Miiiister Moutct hat, daß es sehr schwierig ist, Neuland durch ein Experiment von relativ Kleines statistisches Kolleg Von Dr. Felix A, Theilhaber Vor 60 Jahren Trotz der scheinbar intakten Fassade hatte der innere Auflösungsprozeß der deutschen Judcnheit der äußeren Autlösiing schon längst vorgearbeitet. Als eines der sichtbarsten Symptome erschien der Stand der Geburten. In der Nr. 74 der ״Jüdischen Rundschau" wurde von mir im Jahre 1933 die Zahl der jüdischen Geborenen vorausgeschätzt. Da es sich um eine soziologische Entwicklung handelt, sind die statistischen Ergebnisse nicht rein zufällige. Trotzdem erschien die Annahme von 3000 jüdischen Geburten für das Gebiet des Reiches als eine so pessimistische, daß sie auch in Fachkreisen Ablehnung erfuhr. Es ist richtig, dal! im Jahre 1876, dein Jahre der absolut größten jüdischen ücburtlichkeit, die. jüdischen Geburten 16 UOO betrugen. Und gestern? — Ein Herinnergleiten auf ein so geringes Maß war daher kaum denkbar. Inzwischen sind die amtlichen Ziffern publiziert. Eheliche Gehurten jüdischer Mütter in Preußen gab cs im Jahre 1933: 2100, 1934: 1400, 1935: 1700. Für das übrige Reich liegen die Zahlen nicht vor, ebenso nicht die der imehelich Geborenen; wir können aber amiehmen, daß der jüdische Nachwuchs fiir das ganze Reich im Jahre 1933 etwa 3000, 1934 2000, 1935 2500 betragen hat, im Durchschnitt also 2500. Mit anderen Worten, es wird sicli in etwa zehn Jahren nur darum handeln, pro Jahr diese 2500 jungen Leute, soweit sie nicht schon vorher mit ihren Eltern ausgewandert sind, zur Emigration zu bringen, um allmählich die deutsche Judenheit aut den Nullpunkt zu bringen. Nun ist die Frage, ob dieser Tiefstand der jüdischen Geburten nur ein momentaner ist, der lediglich für eine kürzere Zeit in Erscheinung tritt und sicher oder wahrscheinlich einem Anstieg Platz machen wird. Aber gerade das Umgekehrte dürfte der Fall sein. Die in den Jahren 1933 bis 1935 gezeugten Kinder entstammen Familien, bei denen die Eltern in der Vorkricgszcit zur Weit kamen, also aus numerisch stärker besetzten Jahrgängen hervorgegangen sind. Wie wir aus der Auszähluiig der Bevölkerung wissen, sind die jüngeren Jahrgänge seit 1914 nur noch halb so stark besetzt. Und morgen? Wenn also diese Generation ihre Fruchtbarkeit zu entfalten hat, könnte seihst bei einem gesteigerten ״Willen zum Kinde“ die Geburtenziffer kaum noch diese Höhe halten. Aber diese aus geburtenarmen Zeiten hervorgellenden Jahrgänge sind besonders stark durch die Auswanderung dezimiert. Immer stellen die Jugendlichen das Hauptkontingent der Abwandercr. Wir werden nicht fehlgehcn, wenn wir annehmen, daß in kurzer Zeit die ehefähige Bevölkerung der Juden in Deutschland nur noch ein Viertel der momentanen betragen wird. Daraus müssen sich Ergebnisse ableiten, an die mail zuerst nicht recht glauben will. Ein solch niedriges Maß von Gebürten, wie wir es hier Voraussagen, klingt merkwürdig: Denn wenn jetzt — so folgern wir — im Reich 2000 bis 3000 Geburten jüdischer Mütter Vorkommen, so gäbe cs dann nur noch 500 bis aller huch stens 1000! Und noch weniger? Aber etwa vom Jahre 1945 an haben die Frauen der Vorkriegszcit ihren Kulminationspunkt der Geschlechtsreife überschritten und bei der schon heute errechenbaren mageren Besetzung der jüngeren Altersklassen kann nur mit einem völligen Zerfall der Geburten gerechnet werden. Bei einem durchschnittlichen Nachwuchs von etwa 750 üeburten muß sich die jüdische Bevölkerung Deutschlands, sofern nicht eine weitere Abwanderung erfolgt, auf 50 000 Seelen c i n s t e i 1 e n. Ein-Kind-Systera _ Wir haben ausgeführt, daß wir an ein Aufblühen der jüdischen Fertilität nicht recht glauben, zuniindcstcns nicht m erheblichem Ausmaße. Vorerst vollzieht sich noch eine weitere Abkehr, eine Geburteneinschränkung, die trotz der scheinbaren Zunahme vom Jahre 1934 auf 1935 sich verfolgen Weisung und Verheißung Sieh, gegeben hat ER dein Gott das Land vor didi hin, steig hinan, ererbe, wie ER der Gott deiner Väter zu dir geredet hat, türdite nimmer, zage nimmer! S. B. M. Kap. 1, ZI Zijon wird durch des Recht erlöst, Und seine Wiederkehrer in Gerechtigkeit. Jesaia i, 27 Aus dem Wodienabschnitt und der Haftarah für Schabbat, den 17, füll kleinem Umfang mit einer kleinen Zahl von Menschen zu erschließen. Daß die Besiedlung Palästinas so gelungen ist, ist zum Teil den Massensiedlungen zu verdanken, durch die gegenseitige Hilfe und Absatzmöglichkeiten entstanden, die einer isolierten Gruppe in Madagaskar fehlen würden. Die Form der Kwuzah, die in Palästina immer die schwierigsten Verhältnisse überwunden hat, wird vielleicht auch in Mada gaskar mehr Aussicht haben als L'inzelsicdlungen. Aus der Entsendung der polnischen Kommission auf die Unterstützung einer Massenwanderung durch die französische Regierung zu schließen, wäre eine Illusion. Madagaskar ist finanziell autonom und unterhalt eineu großen Beamfenstab. Obwohl die Einfuhrzölle und die Steuern hoch sind, ist die Staatskasse meist leer. Es ist schon viel versprochen, wem! Frankreich bereit ist, bei irgendwelchen Ansledluiigsexperimeinen in Madagaskar mitzuwirken. Frankreich wird aber schwerlich finanzielle Aufwendungen Ha!ür machen, weil seine eigene Finanzlage zu wünschen übrig läßt. Die Juden werden aber Frankreich schon dafür dankbar sein, wenn es einer Kolonisation in Madagaskar seine nroralische Unterstützung leiht, ja schon, wenn es die Entwanderung ohne Beschränkungen mul Reglementierungen ihren Gang gehen ließe. Von großer Wichtigkeit ist in dieser Frage die Haltung der polnischen Regierung lind der Judcnheit. Dr. W. j. H. א y esse!1 läßt. Die uns vorliegende Auszahlung bringt nämlich die Gehurtenfolge und es zeigt sieh, daß unter allen jüdischen Geborenen die Erstgeborenen von Jahr zu Jahr prozentuell zunelimen, so daß sie zuletzt 53 "״ a.ism .clien, die Zweitgeborenen auf knapp die l iältte, d. in aut 26 °,0 zurückgesunken sind. Mit anderen Worten: in den Ehen, die überhaupt Kinder in die Welt setzten (die Zahl der Kinderlosen werden wir ein andermal schätzen), hat sich das ״Ein- Kind-System“ bereits durch gesetzt, und diese Tendenz scheint Kreise zu ergreifen, die sich ihm bisher verschlossen hatten. Die Juden Deutschlands sind also noch immer in der weiteren Beschränkung ihrer Geburtlichkeit begriffen. Auf die Nachfolgen der seelischen und Wirtschaftliehen Einflüsse brauchen wir wohl nicht näher einzugelten. Wohl aber auf die praktischen Auswirkungen z. B. für das S c 11 u 1 w e r k. Das Schulwerk In sechs Städten: Berlin, Frankfurt, Breslau, Hambürg, Köln, Leipzig wird sich das Sch ul werk noch längere Zeit halten, obwohl es auch hier zu Ein- Schränkungen kommen wird. Alle Gemeinden, die unter 10 000 Juden zählen, werden in wenigen Jahren nur über ganz knapp besetzte Anfängerklassen verfügen. Nach einer Veröffentlichung von Mannheim sclnvaitken jetzt die Geburtenziffern pro Jahr zwischen 8 bis 15. Wenn auch weitere Ausfälle durch Tod oder Abwanderung nicht mehr einsetzen sollten, so reicht diese Zahl nicht mehr zu haben in den guten Fachgeschäften recht für einen Schulhctrieh mit Einzelklasse!! nach Jahrgangen. Dabei hatte Mannheim noch 1925 etwa 7000 Juden. Aehnlich werden sieh die Verhältnisse gestalten in München, Nürnberg, Hannover und Düsseldorf, den Städten, die bis vor kurzem noch über 5000 Juden zählten. In Dresden, Stuttgart, Dortmund, Essen, Karlsruhe, Wiesbaden, Königsberg, Mainz, alles Großstädte mit vordem 2500 bis 5000 Juden, werden höchstens Kmmperschtilen sich unterhalten lassen. Für alle übrigen Gemeinden wird das Problem der Erziehung der jüdischen Kinder sehr schwierig werden. Nur noch Särge Es braucht nicht noch aiisgeführt zu worden, daß die Ueberster blich keit erschreckende Dimensionen annchmen wird. Vielleicht daß die Jugend einen Teil der Aciteren ins Ausland nach sich zieht, sonst wird das Judentum in Deutschland nur noch eine Grelsensehicht repräsentieren; die zahlenmäßig wenigen jungen Menschen werden schon aus der seelischen Vereinsamung immer wieder zur Emigration getrieben werden. Englische Pressestimmen ״Manchester Guardian“ wirft die Frage auf, was geschehen werde, wenn einige Völkerhundsmitglieder nicht der Art zustimmen, wie England durch Einschränkung der jüdischen Einwanderung auf ein Maß, das die Araber nicht ablchuen, sich den Folgen seiner Politik entziehen will. Es sei unmöglich, daß man nicht ein Mittel finden sollte, um einen Teil Jerusalems mit dem neuen jüdischen Staat zu verbinden. Auch ״Daily Telegraph“ setzt sich (ür eine Grenzrevision in dem Sinne ein, daß der N e g e w den Juden zugewiesen werde, die ihn kultivieren könnten, wällrend er unter arabischer Herrschaft sicherlich eine Wüste bleiben werde.