Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 55 (13.7.1937)
- Date
- 1937-07-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. SS, 13 VII 1937 innisrMF pitKjnscHAH Seile 7 V erständnis und Bewunderung Für uns Juden in Deutschland ist die Unterhaltung über das Wesen der Judenfrage und die Auswirkungen, deren Konsequenzen von uns zu ziehen sind, heute fast akademischer Natur geworden. Früher war es in manchen Kreisen anders. Man unterhielt sich, um eine sachliche und würdige Auseinandersetzung als Gespräch zu bezeichnen, über ״ viele gegensätzliche Fragen, sowohl religiöser wie innerjüdisch-politischer Natur mit mehr oder minder großer Leidenschaft. Hat sich diese Leidenschaft auf eine gedankliehe Auseinandersetzung gestützt, so war ihr bestimmt das edle Feuer nicht abzusprechen. Diejenigen Kreise aber, die man gemeinhin als breite Masse bezeichnen kann und die sich durch diese Bezeichnung nicht beleidigt fühlen, nahmen weder in religiösen noch in jüdisch - politischen Fragen irgendwelche Stellung ein. Es mußte immer ein Lager für die Indifferenten herhalten, fn religiöser Hinsicht waren es die Liberalen, denen man, ob mit oder ohne Zustimmung war egal, das große Heer der Indifferenten in die Schuhe schob; auf jüdisch-politischem Gebiet waren es, um uns negativ ansztidriieken, jedenfalls nicht die Zionisten, die als Erben der Indifferenten anzusehen waren, da man sie viel eher dort einreihen konnte, wo schon der Schein und nicht eine mitunter unbequeme lieberlegung für die Wahrscheinlichkeit der Anteilnahme Sprach. Diese Dinge haben sich geändert. Man ist mitten hineingestellt worden in die Entwicklung. Aber trotzdem kommt man um eine gedankliche Entscheidung immer noch gut herum. Dominierend ist das Faktische. Die Tatsache, daß die gegenwärtige Situation zum Bekenntnis zwingt, das weitgehend durch die Abstammung vorgeschrieben ist, hat die breite Masse der Juden in Deutschland lange nicht so bewegt als die Tatsache, daß wir mit oder ohne Bewußhveraen zum Handeln, zur Liquidation und zum Wandem gezwungen werden. Aber das ist ein faktischer Ausweg, eine Tatfrage, keine Gesinnungsfrage. Eine Gesinnung*• frage ist noch nicht einmal das 'notgedrungene Auswandern nach Palästina, Gesinnungsfragc ist erst das als Jude Wandern, das Wissende und Bewußte an unserer Haltung, das uns nicht von äußeren Faktoren aufgenötigt werden kann, sondern das von innen heraus wachsen muß, das durch die Erziehung fühlbar und verstandesmäßig vertretbar gestaltet werden muß: das Bekenntnis zum jüdischen Schicksal als Konsequenz eines Bekenntnisses zum jüdischen Volkstum, das uns — wenn cs oft auch nur als ,,magischer Rapport“ verspürt wird — noch mit anderen Kräften festhält als mit den religiösen, die jedoch unerläßlich sind. Die Frage, oh Israel ein Volk ist wie alle Völker und leben soll und kann wie sie oder nicht, ist erst eine zweite Frage, die davon abhängt, daß Israel ein Volk ist. Diese Notwendigkeit der Erkenntnis wird hierzulande wohl allgemein anerkannt. Natürlich gibt es Menschen, für die alle Problematik aiifzuhöreii scheint, wenn sie irgendwo anders ohne Beschränkungen leben. Sie leben dann vielleicht für den Moment unbeschwerter als cs ein erfüllter Jude überhaupt kann, aber sie leben ohne jeden historischen Zusammenhang, ohne Verständnis des innerjüdischen Volksgedankens, dessen Bestätigung von außen jünger ist als sein Bewußtwerden von innen. Wir fühlen uns mitten in diese hier nur schwach klingertdc Auseinandersetzung hin eingestellt, wenn wir eine Meldüng über eine Diskussion lesen, die sich vor kurzem ereignete. Sie lautet: ״Einer der führenden ticliechbrhcn Politiker, der Abgeordnete Macek, erörterte in einem Vortrag die Frage, ob das fudenproblem *‘,״,ein nationales, religiöses oder polliisehcs sei. Er kam zu dem Ergebnis, daß die Abneigung gegen die Juden eine irrationale Basis habe und ebenso unevklnrlieh sei wie die der Weißen in den südlichen Staaten Noidanierikas gegen die Neger. Seiner Ansieht nach sollten die Juden dem Antisemitismus ihren natioaalen Stolz entgegensetzen 111k! den Völkern zeigen, was sie für die Kultur geleistet haben uni noch immer leisten. Die nationale Rcnais-imcc. wie sie von den Zioni-ten angesireht werde, sei die richtigste Reaktion der Juden auf den Antisemitismus, In der Aussprache legte der jiidbrhe Abgeordnete des tsrhochoslowakischcti Parlaments, Dr. Angclo Coldstein, dem \01tragenden die Frage vor, oh er den Zionismus oder die Assimihtion als den Weg zur Linutg der Ttidenfrage ansehe. T)r. Macek antwortete: Ich erkenne die Assimila'iort als Tatsache an: es gibt Juden, die ich vollkommen als Bestandteil des tschechischen Volkes empfinde und anerkenne. Meine Svmpathicn gehören aber Her zionistisehen Bewegung. Die Assimilation verstehe ich, den Zionisten aber gehört meine Be w ti n - Hern n g, w eil sie es unternommen 11 a ben, ihr V o 1 k n e 11 a u f 7.11 Ir a u e n.“ Wir sagen uns: Der Mann bat recht. Tatsächlich gibt es überall luden, die ״assimiliert“ sind. Zu Unrecht hat man diesem Begriff einen abfälligen Beigeschmack gegeben, statt liervorzuheben, daß es eine Stufe der Assimilation gibt, die fruchtbar wirkt. Beispielsweise in Sprache ttnd Kleidung sind die Juden des westlichen Kontinents und vieler anderen Erdteile von der Umwelt kaum zu unterscheiden. Eine Art der Assimilation, die wir gutheißen und teils auch jetzt noch von den Juden, die aus anderen Ländern zu uns kommen, verlangen. Niemand wollte je, daß sich die Juden gegen fremde Kulturen absclilicßen sollen. Selbst die Orthouoxie, die ursprünglich gegen die deutschsprachige Predigt und die Amtstracht im jüdischen Gottesdienst die energischsten Anstrengungen machte, ist dieser selbstverständlichen Assimilation mit der Zeit verfallen, ohne daß sich hierbei jemand, der die Kämpfe vor hundert Jahren nicht kennt, irgend etwas denkt. Wir wollen nicht die alte Philologie untersuchen, wer sich wen oder wem assimiliert, wir wollen pur festhalten, daß es unmöglich ist, an einer Um• weltkultur vor bc i z u 1 e ben. Diese Ucbcrlcgung aber beeinträchtigt den jüdischen Volksgedanken nicht im gelängsten. Das Volk als solches besteht und ist anzu■ erkennen. Die Konsequenz daraus ziehen, heißt dem Volk wieder eine Heimstätte zu schaffen. Wir fühlen in uns die Verpflichtung, uns selbst und unser geistiges Erbe zu pflegen und großzuziehen, den Maßstab der Werte an uns selbst anzulegen, uns selbst kritisch und achtungsvoll gegentiberzutreten. Daraus nur kann die Kraft resultieren, die aus einer zerstreuten Herde wieder ein Volk macht. Das in Palästina zu schaffende jüdische Kulturzentrum wird auf dem alten geheiligten nationalen Boden eine zugleich starke und freie, wahrhaft jüdische Kultur erzeugen. Rabb. LotharRothsehild (Saarbrücken) Zionistisches Leben in England. Aus London wird uns geschrieben: Der Nordwcst-Londoner Misrachi veranstaltete vor einiger Zeit einen Diskussionsabend» auf dem Vertreter des Misrachi, der Poale Zion und der Allgemeinen Zionisten ihr Programm darlegten. Der Zweck aes Abends war, die gegenseitigen Abgrenzungen zu klären und dadurch die Basis zu gemeinsamer Arbeit zu schaffen. Der Abend war im ganzen auf gutem Niveau, die einzelnen Referate logische, in sich geschlossene Ausführungen. Erfreulich war, daß die meisten Misrachisten sich zum progressiven, auf Zusammenarbeit mit allen Zionisten eingestellten Flügel bekannten. S. Ellern Amerikanisches Allerlei Von unserem Korrespondenten New York, 22. Juni Juden auf amerikanischen Universitäten Das traditionelle Streben der Juden zu höherer Bildung besteht unvermindert auch in den Vereinigten Staaten, wie sich aus Statistiken ergibt, die jetzt gerade zusamincngcstellt worden _sind. Diese zeigen, daß der Anteil der Juden auf den Universitäten größer ist, als ihrem Prozentsatz innerhalb der amerikanischen Bevölkerung entspricht. Fs gibt 105 000 jüdische Studenten auf den amerikanischen Colleges und Universitäten. wobei 1310 Institutionen (01 ״:> der in den Vereinigten Staaten und in dem benachbarten Kanada existierenden) berücksichtigt sind. Die Ziffern zeigen, daß in diesen Institutionen ein Student auf je 110 Menschen in Amerika kommt. Bei den jüdischen Studenten kommt einer aut je 42 Juden in den Vereinigten Staaten. Die Juden bilden 9,1 ״> der Gesamistudenicnschaft in Amerika, obgleich der jüdische BevSIkerungsanteil nur 3,5 beträgt. Da die jüdische Bevölkerung hauptsächlich in den städti• sehen Gebieten konzentriert ist, spiegelt sich diese Tatsache vor allem in den Universitäten der großen Städte wider. Die Untersuchung erweist, daß die Juden 14 "0 aller Studenten in den großen Universitäten darstellen. In den rivaten akademischen Berufsschulen bilden sie 13,5 "0 aller tudenten. Es gibt große Teile des Landes, wo wenig Juden leben. So gibt es unter den 1319 Universitäten -177, aut denen cs überhaupt keinen einzigen jüdischen Studenten gibt. Tatsächlich konzentrieren sieh 90 "<> der gesamten jüdischen Studentenschaft in 113 amerikanischen Hochschulen. Dr. Lee 1. L e v i n g c r, der diese Untersuchung durchgeführt hat, fügt dieser Tatsache folgende Erklärung hinzu: ״Lerneifer und der Wille zu akademischen Berufen zeichnen unsere jüdische Jugend im ganzen Lande aus. Es stellte sich sehr zu unserer IJebcrraschung heraus, daß dieser Zug unter den Männern weit größer ist als unter den!Tauen. Die ji'idisehen Mädchen bilden nur 1':1 der jüdischen Studenten, während die Frauen im allgemeinen fast die Hälfte der Studentenschaft iin Laude bilden. Die jüdischen Frauen sind noch betrachtlieh über dern Bevölkerungs-Prozentsatz, aber nicht annähernd so stark vertreten wie die Männer. Offensichtlich sind die jüdischen Studenten vor allem junge Leide, die sich für akademische Berufe vorbereiten, viele von ihnen gegen große Widerstände und unter außerordentlichen Opfern von ihnen und ihren Familien.“ Um Einwanderer aus Deutschland Die Einwanderung von Juden aus Deutschland nach den Vereinigten Staaten ist relativ gering, so daß sich hier noch nicht das Bestreiten nach einer speziellen Gesetzgebung heransgestellt hat, wie man sic in den letzten Jahren anderwärts beobachten konnte. Aber daß die Bewegung, ״Fremde“ aus dem Wirtschaftsleben fernzuhalten, im Wachsen ist, zeigte sich kürzlich im Staate M i s s 0 11 r i, im Mittleren Westen Amerikas, der keine große jüdische Bevölkerung hat. Der Staats-üesundheiiskommissar Harry G. Parker führte nämlich eine Maßnahme ein, wonach alle Aerzte, die in dem Staate praktizieren, amerikanische Staatsbürger sein müßten. Der _ Kommissar gab zu, daß diese Maßnahme aus Furcht vor einein starken Hereiiiströmen jüdischer Emigrantenärzte erlassen worden sei. Es gebe etwa 6900 eingewanderte jiidischo Aerzte in den Vereinigten Staaten, behauptete Parker vor dem Senat des Staates Missouri, der ein Verhör über dieses Gesetz abhielt. Als die Absicht dieses Gesetzes klar wurde, wurde es von den Mitgliedern des Senats niedergestimmt. Das Prob'cm der Sorge für Juden aus Deutschland wird für die amerikanischen jüd's.'hen!nsüfuFoneii immer schwerer, vor allem das Kcmhee für Auswanderer aus Deutschland, dessen Präsident Dr. Jacob B i I I i k ק ס f ist, ein Verwandter von Dr. Magncs und des verstorbenen Louis Marshall. Dr. Bültköpf, der seit vielen Jahren einer de: hervorragendsten Sozialarbeiter Amerikas ist, hat die dopp.-l.c Aufgabe, Gelder für seine spezielle Arbeit zu sammeln und auch den Männern und Frauen, die seine Organisation um Rat und Hilfe angehen, den Weg in die Wirtschaft zu ermöglichen. Die Hauptschwierigkeit, aut die er bei diesen Bemühungen zu stoßen scheint, ist die der Sprache, Viele derjenigen, die nach den Vereinigten Staate» kommen und sogar mit technischen oder sonstigen beruflichen Fähigkeiten gut ausgerüstet sind, haben keine genügende Kenntn i s der englischen Sprache, um sich möglichst rasch in eine ihrer früheren Tätigkeit entsprechende Stellung hineinzufinden. Infolgedessen sind die Möglichkeiten der Arbeits- Beschaffung beschränkt. Allerdings ist eine deutliche Verbcsserung der allgemeinen Arbeitslage fest/.ustdlen, wodurch die Spannung, die vor 2—3 Jahren bestand, vermindert wird, Zug zur Kleinstadt Seit vielen Jahrzehnten war es der Wunsch der Absolventen des von Dr. Isaac M. Wise gründeten llebrew Union College in Cincinnati, eine Kanzel in einer grollen Stadt zu erhalten. Der höchste Traum jedes Rabbiners war eine Berttfllttg an den Tempel rnnnanu-□ in New York. Jetzt scheint es, daß viele der Absolventen dieses hauptsächlichsten jüdisch-theologischen Re tonn Seminars Amerikas den Wunsch haben, in eine kleine Stadt zu kommen, oder ״zur tick zum Boden", wie man es audi ausdrückt. Diese junget! Rabbiner, die von einem lebhaften sozialen Interesse erfüllt sind, wissen, dal! sie dort viei mehr erreichen können und auch eine bessere <ielegenheit zur Wirkling in einer kleinen Gemeinde haben. Bi-dier war es schwierig, die jungen oder alten Rahhbier zu überreden, in Städte zit gehen, in denen 2) oder sogar 103 indische Familien leben. Die Wirtschaftsdepression war ein wichtiger Faktor bei diesem Umschwung. Die Rcforinrabbiiier pflcgutt bisher hohe Gehälter zu erhalten, mir wenige verdienten weniger als 5000 Dollar pro Jahr. Aber die Gemeinden waren durch die Wirtschaftskrise lieimgcsucht. Viele von ihnen sind heute nicht einmal in der Lage, die Hypotheken ihrer Gebäude zu tragen. Viele andere könnet] nicht die Gehälter ihrer Rabbiner regelmäßig auszahlen. Dies trifft besonders;ml die großen Städte zu. Notwendigerweise brach sieh die Erkenntnis Bahn, daß die größere Kanzel auch große finanzielle Probleme für den Rabbiner mit sich bringt, da von ihm gewöhnlich erwartet wird, daß er der Gemeinde hilft, ihr Billiget in Ordnung zu halten. Spricht man von den Rcformrahhincrn, die vor allem dem wohlhabendsten Sektor der jüdischen Bevölkerung itt Amerika dienen, so ist es interessant, die Palästina-Resolu* tion zu erwähnen, die bei der letzten Zentralkonferenz der amerikanischen Rabbiner angenommen wurde. Es ist nicht mehr von Palästina als einer ״philanthropisclien“ Sache die Rede. Seine geistigen und sozialen Folgerungen hat matt jetzt erkannt. Man kann mit Sicherheit sagen, daß wenigstens 80 "'0' der Reformrabbiner Amerikas entweder Zionisten' oder sehr warme Pro-Zionisten sind. Allerdings darf man wohl auch hinzufügen, daß im Falle eitles Streites /wischen Zionisten und Niclitzionisten ein großer Teil von ihnen nicht aut der Seite der Zionisten stehen würde. Die Wahlen zum XX. Zionisftenkongreß Auf Grund vorläufiger, nichtoffizieller Zahlen wird Palast in a beim Kongreß durch 124 Delegierte vertreten sein. Dieselben verteilen sieh wie folgt: 89 Arbeiterpartei, 4 Misrachi,! Jüdische Staatspartei, 7 Union allgemeiner Zionisten (Gruppe B), 13 Poale Misrachi, 4 Weltvereinigung allgemeiner Zionisten (Gruppe A) lind 5 Fortschrittliche Gruppe ״Kidtna“. In der Schweiz wurde gewählt der Listenführer der Allgemeinen Zionisten Gruppe A und der Liga für das Arbeitende Palästina Dr. Julius Becker mit 592 Stimmen gegen den Vorsitzenden der Schweizerischen Zionistischen Vereinigung Dr. Marcus Colin, der von dem Misrachi. und den mit ihm verbündeten Allgemeinen Zionisten Gruppe B aufgestellt worden war (174 Stimmen), Bei den Wahlen in O s t f r a n Ic r e i c 11 (Elsnß-Lothringen) wurden Mahre Seligmann (Strasbourg) zum Delegierten, Madame Eugene Braunberger und Maitrc Leopold Metzger zu Ersatzdelegierten gewählt. Von den 2228 Stimmen, die in Holl and bei den Wahlen zum XX. Zionistenkongreß abgegeben wurden, erhielten die Allgemeinen Zionisten 1068, der Arbeiterflügel 702 und der Misrachi 405 Stimmen. Gewählt wurde der Vorsitzende der Holländischen Zionistischen Vereinigung, Dr. A. J. Herzberg, und die Vertreterin der Arbeitergruppen, Mirjam de Leeuw- Gerzon. Beschlüsse der liberalen Weltkonferenz Von unserem Berichterstatter RL. D cit H a a g, 8. Juli Die Amsterdamer Weitkonferenz für ״Fortschrittliches Judentum“, über deren Verlauf wir in der vorigen Nummer berichteten, wurde mit einer Reihe von Beschlüssen beendet. Eine der angenommenen Resolutionen lautet: ״Der Weltverband für freisinniges Judentum, zu dessen Aufgaben die Verstärkung des auf den Glauben a!1 den einzigen Gott gegründeten religiösen Bewußtseins des Individuums gehört, lehnt mit Nachdruck jede Bewegung ab, die die Vernichtung des Gottesglaubens und der religiösen und moralischen Grundlagen der Kultur zum Ziele hat.“ Bezüglich des Zionismus heißt cs in einer Resolution: ״Der Weltverhand steht seit seiner Errichtung dem Zionismus neutral gegenüber. Fr hat es dadurch Zionisten und Niclitzionisten, die mit dem religiös-liberalen Judentum sympathisieren, möglich gemacht, an seiner Arbeit teilzunehmen, wir erkennen dankbar den Wert des Aufbau- Werks an, das in Palästina verrichtet ist und auch weiterhin verrichtet werden wird. Wir sprechen die Hoffnung aus, daß es gelingen möge, dort ein Heim für eine möglichst große Zahl Juden zu errichten, die gezwungen sind, infolge unerträglicher politischer oder wirtschaftlicher Umstände ihr Vaterland zu verlassen,“ Das ungarische Judentum für die Hebräische Universität Von unserem Korrespondenten B u d;1 p c s t, 9. Juli Budapest beherbergte in dieser Woche zwei Abgesandte der Jerusalemer Universität. Mit dem Ihessecnipfang Ari ihn S a 11 a v s, des Sekretärs der Universität, befaßten sich sämtliche Tagesblätter, indem sie nicht nur den Anteil der ungarischen ticlehrtrnwelt an der Entwicklung der l’niversität erwähnten, sondern auch deren große völkerverbindende Bedeutuiu: ivuriiigten. Ihm.-Prof, l)r. Ludwig Tnrök sprach vom Aufbau Palästinas als dem einzigen l'ositietmt des Welt- Krieges und von der Universität als der cin/igen positiven Leistung des jüdischen Wehgelehrtentiinis. 111! Hause des Direktors des Keren Hajessod, Dr. Bein S / e t! <">, trafen sich' die Leiter der prozionistisclH׳n Kreise. I her begrüßte der greise Präsident der t biiversitöts-KominNsion. Univ.-Prof. Julins Donath, den jungen Forscher, der die Lage und Aufgaben der Hochschule eingehend schilderte. Auf den Antrag Dr. Patais wurde beschlossen, einen ״Kreis der Freunde der H c b r, Universität" ins 1.1 ben zu rufen. Am nächsten Tag besuchte Prof. Sukenik von der Hehr. Universität die archäologischen Sammlungen und Ausgrabitngen der Hauptstadt. Vor auserlesenem Publikum, unter dem auch Vertreter des Kultusministeriums und des National• muscunts zu sehen waren, begrüßte Direktor Adolf Wertheimer den Vortragenden, der in einem anregenden, mit Bildern reich illustrierten Vortrag über die von ihm seit 1919 geleiteten Ausgrabungen in der alten israelitischen Königsstadt Samaria sprach und auf deren große Bedeutung für die Kenntnis des Alten und Neuen Testaments, sowie für die Kulturgeschichte der Menschheit hinwies. A. F, Die peinliche jüdische Mutter. Unser Budapester 1. F.-Berichterstatter schreibt: Der Schiußredner der letzten Judendebatte im ungarischen Oberhaus war der Vertreter der königl. Nofariatskammcrn, Dr. Johann Galänffy. Aut Grund statistischer Daten, von denen er seihst zitgab, daß sie nicht ganz stichhaltig seien, erklärte er, daß das Judenproblem nur vom rassenhiologischcn Standpunkte atts zu lösen sei. ״Durch strenge Maßregeln und Sanktionen müsse verhindert werden, daß bedauernswerte Zwittergeschöpfe zur Welt kommen und sich vermehren, in denen zwei einander artfremde Blutgruppen kämpfen, die mangels körperlichen und seelischen Gleichgewichtes in dieser Welt herumlungern als freie Beute aller umstürzknschen Tender,- zen, sich selbst ebenso zur Last, wie der Gesellschaft.“ — Nun bringt ״Egyenlöseg“ die Feststellung, daß der kg!. Notar Galänffy aus Debrecen selber von einer jüdischen Mutter, geborenen Emma K a n d e 1 - Ny i r y, abstamme, deren Bruder, der gewesene Kriegsminister Wilhelm Nviry, von seiner jüdischen Herkunft nie ein Geheimnis gemacht habe,