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Jüdische Rundschau · 1937-07-06 · Heft 53 (6.7.1937) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 53 (6.7.1937)
Date
1937-07-06
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 53, 6. VII. 1937 Mit Ausweisung bedroht Schicksale von Juden aus Deutschland Von unserem südafrikanischen Korrespondenten Johannesburg, Ende Juni Südafrikas neues f. in Wanderungsgesetz ist nun beinahe 5 Monate in Kraft, und es ist daher möglich, einen vorläufigen Ueberblick über seine Handhabung in der Praxis wenigstens insoweit zu gewinnen, als von der Neuregelung Einwanderer betroffen wurden, die sich auf dem Wege nach der südafrikanischen Union befanden, als das Gesetz in Kraft trat, fn diesen und ähnlichen Fällen scheint das bisherige Ergebnis der verschärften Einwande* rungsregehing, jedenfalls soweit es sich um Juden aus Deutschland handelt, leider alle Befürchtungen noch z.u über■ treffen. Man hatte den zur Zeit des Inkrafttretens des neuen Gesetzes unterwegs Befindlichen gestattet, die südafrikanische Union mit befristeter Aufenthaltsgenehmigung (teniporary permit) zu betreten und ihnen das Recht zugebilligt, ihre Anträge auf Daueraufenthalt von Südafrika aus einzureichen, während das Gesetz grundsätzlich vorsieht, daß solche Anträge vor der Auswanderung von dem Wohnsitz des Antragstellcrs aus cinzureichen sind. Die betreffenden Einwanderer und die mit ihnen Sympathisierenden hatten gehofft, daß solche Anträge mit besonderer Milde behandelt werden würden, da die Antragsteller ja unverschuldet von der Neurcgelung betroffen wurden. Audi das hiesige Hilfskomitee hatte offenbar derartige Hoffnungen gehegt und ausdrücklieh darum gebeten, daß f reuiule und Verwandte in Uebersee zunächst davon absehen sollten, für sich Anträge auf Ein- Wanderung m stellen, bis die Anträge der liier Befindlichen zunächst einmal erledigt seien. Leider haben die bisherigen Bescheide auf solche Anträge von jüdischen Einwanderern aus Deutschland alle derartigen Hoffnungen enttäuscht. Es sind bisher nur Ablehnungen bekannt geworden, und zwar selbst in Fällen mit denkbar günstigsten Vorbedingütigen, so daß bei unveränderter Praxis der zuständigen Beborde nicht damit gerechnet werden kann, daß auch nur ein Bruchteil der betroffenen die Daueraufenthaltseriaubnis erhalten wird. Fine Ausnahme bilden nur Frauen und Kinder oder eventuell Eltern von bereits rechtmäßig dauernd in Südafrika ansässigen Einwanderern, deren Anträge auf dauernde Zulassung in dieses Land, gleichviel ob die Antragsteiler bereits liier sind oder erst nachkommcn wollen, im allgemeinen günstig beschicden werden dürften. Die geradezu unerbittliche Handhabung des Gesetzes durch die autonome Kommission, gegen deren Ent- Scheidung es keine Berufung gibt, kann am besten durch eine Schilderung einiger besonders drastischer Fälle gekennzeichnet werden. Am meisten Aufsehen — nicht nur in Ein- Wanderer-, sondern auch in südafrikanischen nichtjüdisehen Kreisen — hat der Fall eines Zahnarztes erregt, der auf Anraten eines südafrikanischen Konsuls und mit speziellen Empfehlungen von diesem, sowie anscheinend auch mit hinreichendem Kapital nach Südafrika kam und sofort Studien an einer südafrikanischen Universität begann, um das für die Niederlassung als Zahnarzt hier notwendige Examen zu machen. Ungeachtet bester Zeugnisse und Empfehlungen, sowie günstiger Aetißerungen der Universitäts-Fakultät und der hiesigen zahnärztlichen Standesvercinigung, wurde sein Antrag abgclehnt. Fine Begründung für die Ablehnung wurde nicht erteilt — sie kann nach dem Gesetz nicht verlangt werden — und ihm anheimgestellt, nach Ablaut der Mindestfrist von einem Jahr seinen Antrag zu wiederholen. Abgclehnt wurden die Anträge zweier Landwirte, die über hinreichende Sachkenntnis und Kapital verfügen und die bereits vorbehaltlich der Daueraufenthaltsgcnehmigung eine Rinderfarm gekauft hatten. Abgclehnt wurde der Antrag eines Autoschlossers, der vor dem Inkrafttreten des Gesetzes in Südafrika ankam und auch das zur Einreise erforderliche Kapital besaß, aber nicht in bar, sondern nur in Form einer Ueberveisung an die hiesige Staatsbank, und dem der Einwanderungsbcamtc daher nur eine zeitlich beschränkte Aufenthaltsgenehmigung erteilte. Abgelehnt wurden die Anträge von Handwerkern aller Art, wie Metallarbeiter, Stubenmaler, Bauhandwerker usw. Und abgelehnt wurden selbstverständlich die Anträge aller anderen mit weniger günstigen Berufen, Kaiifleute, Akademiker usw. Nach dieser bisher in Bausch und Bogen erfolgten Zurück- Weisung von Juden aus Deutschland, gleichviel welcher Berufe, kann kaum noch ein Zweifel daran bestehen, daß ungeachtet der früheren Versicherung der Regierung, die Neuregclung der Einwanderung sei nicht speziell gegen jüdische Einwanderer gerichtet, die Handhabung des Gesetzes in der Praxis durch die zuständige Behörde in antisemitischem Sinne erfolgt. Dieser Eindruck wird verstärkt durch die vor wenigen Tagen von dem südafrikanischen Ministerpräsidenten, General flertzog, in London getane Aeußerung, daß Südafrika noch gute Chancen für Handwerker und L andwirte a u s Holland biete. Mit Recht empfinden es die hier befindlichen, von dem neuen Gesetz betroffenen, jüdischen Handwerker und Landwirte aus Deutschland als besonders hart, daß sie das Land wieder verlassen müssen, obwohl die ■Möglichkeit bestünde, sie ohne Schaden für ihre einheimischen Bertifsgcnosscn in das südafrikanische Wirtschaftsiebeil einztiglietiern. Als Härte müssen die bei Ablauf der befristeten Aufenthaltsgcnehriiigung zu erwartenden Ausweisungen gerade von den Juden aus Deutschland auch deswegen empfunden werden, weil die Zahl der Betroffenen verhältnismäßig geringfiigig ist. Genaue Angaben über die Zahl der schon im Lande befindlichen Einwanderer, die von dem neuen Gesetz betroffen werden, sind nicht zu erhalten. Man hat ihre Gesamtzahl — wohl zu hoch — aut etwa 2000 geschätzt. Diese Zahl schließt aber auch eine bedeutende Anzahl anderer Einwanderer, hauptsächlich osteuropäischer Juden, aber auch nichtjiülischcr Einwanderer aus europäischen Ländern ein. Unter ihnen befinden sicli z. B. zahlreiche osterrcichische, tschechische und schweizer Handwerker. Jüdische Einwanderer aus Deutschland bilden nur einen geringen Bruchteil der Gesamtziffer — es dürfte sich alles in allem um nicht mehr als 150 bis 200 handeln. Während aber die Einwanderer aus anderen Ländern — auch die jüdischen — schlimmstenfalls wieder nach ihren Ausgangsländern zurückkehren können, ist dieser Weg für das kleine Häuflein der in Betracht kommenden Juden aus Deutschland schon aus wirtschaftlichen Gründen nicht gangbar. In Anbetracht dieser Sachlage haben schon im Lande ansässige Einwanderer aus Deutschland große Anstrengungen gemacht, um das Schicksal der Ausweisung von ihren Kameraden abzuwenden. Ein Appell seitens einer von Aus- Wanderern aus Deutschland in Johannesburg gegründeten Vereinigung an den Flüchtlingskommissar des Völkerbundes in London hat dazu geführt, daß der Hohe Kommissar, wie auch von der ״Jüdischen Rundschau“ berichtet, die südafrikanische Regierung gebeten hat, gegenüber Auswanderern aus Deutschland die größte Milde walten zu lassen. Weiter sind Schritte unternommen worden, um einllußreiche Parlamentarier zur Intervention zu bewegen, die auch in mehreren Fällen prompt erfolgt ist. Die Aussichten auf Erfolg sind aber bei all diesen Maßnahmen praktisch sehr gering. Einige der Betroffenen haben sich einstweilen damit geholten, daß sie in die an das Gebiet Südafrikas angrenzenden bzw. Enklaven bildenden Negerreservate Basutoland und Swaziland gegangen sind, in der Hoffnung, von diesen Territorien aus später Genehmigung zum Aufenthalt in Südafrika zu erhalten. Diese Möglichkeit besteht seit kurzem aber nicht mehr, da die englische Verwaltung dieser Territorien dem südafrikanischen Aliens Act nachgcbildete Einwanderungsgesetze erlassen hat. Außerdem handelte es sich auch so nur um eine provisorische Lösung, da sich in den genannten Gebieten, zumal für Leute ohne größeres Kapital, fast gar keine wirtschaftlichen Betätigungsmöglichkeiten bieten. Die Lage der mit Ausweisung bedrohten jüdischen Ein- Wanderer aus Deutschland ist recht kritisch, da fast gar keine Klarheit darüber besteht, in welche anderen Länder sie sich wenden können. Die angrenzenden Gebiete von Nord- und Süd-Rhodesien lassen im allgemeinen nur Ein- Wanderer zu, die Arbeitskontrakte von mindestens sechsmonatigcr Dauer vorweisen können. Aehnliches gilt auch von dem wirtschaftlich sonst ganz gute Aussichten bietenden Gebiete des belgischen Kongo, wo außer einem Arbeitsvertrag auch noch die Deponierung eines Geldbetrages verlangt wird. Die Einwanderung nach Portugiesisch-Ostatr ika bedarf der Genehmigung des Gouverneurs, die nicht leicht zu erlangen ist. Gewisse Aussichten scheinen in Britisch Ostafrika (Kenya, Uganda, Tanganyika) zu bestehen, wo nach der bisherigen Praxis längere Aufenthaltsgenehmigung gegen Erlegung eitles Betrages von £ 50 erlangt werden kann, aber abgesehen von klimatischen Schwierigkeiten ist die Frage der wirtschaftlichen Betätigungsmöglicnkeit dort noch recht ungeklärt. Audi das im Rahmen des South Afriean Fund for German Jewry arbeitende Hilfskomi- Urteil in Czenstochau Warschau, 1. Juli. (JTA.) Das Kreisgerkht in Czenstochau hat am 1. Juli den 36jährigen Fleischergehilfen Josef Bendrak, der den Eisenbahngepäckträger Stefan Baran erschossen hat, zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt. Die Tat Bendraks, die er nach einem Wort- Wechsel mit Baran, der von ihm Geld forderte, um sich Branntwein zu kaufen, verübte, hat bekanntlich zu den schweren judenfeindlichen Ausschreitungen m Czenstochau geführt. - Der Angeklagte erklärte, er fühle sich nicht schuldig. Er habe bloß in Notwehr gehandelt und geschossen, um Bendrak, der ihn mit Steinen beworfen habe, zu schrecken. Die Zeugenaussagen lauteten für den Angeklagten sehr günstig. Nur zwei von den Zeugen waren Juden. Einer der polnischen Zeugen erklärte sogar, daß Bendrak ״der anständigste Mann der Welt“ sei. Auch der polizeiliche Leuniund Bendraks war günstig. Der Staatsanwalt hatte für Bendrak die Todesstrafe verlangt. In seiner Anklagerede versuchte er, dem Mord ״politische“ Motive unterzuschieben, konnte jedoch das Gericht hiervon nicht überzeuge®. Terror in polnischen Kleinstädten Während des Markttages in Radomsk ist es zu antijüdischen Ausschreitungen gekommen, Mehrere Juden wurden erheblich verletzt und zahlreiche Marktstände jüdischer Händler zerstört. Unter der jüdischen Bevölkerung der Stadt brach eine Panik aus; sämtliche jüdischen Läden wurden sofort geschlossen. Erst spät abends konnte die Ruhe wiederhergcstcilt werden. In mehreren umliegenden Dörfern, so in Koniecpol, Kleszczow, Przerdbosz u. a. kam es ebenfalls zu antijiklischen Exzessen. In einer Reihe von Dörfern in der Gegend von Myszkow wurden jüdische Läden demoliert und zahlreiche Fensterscheiben jüdischer Hauser zertrümmert. Der jüdischen Bevölkerung der ganzen Umgegend hat sich eine Panik bemächtigt. In Kozielowy, Kreis Zawiercie, kam es während des Markttages zu judenfeindlichen Ausschreitungen. Zahlreiche Marktstände wurden demoliert und die Fenster der Synagoge und vieler jüdischer Häuser eingeschlagen. Neun Personen wurden verhaftet. In dem bekannten polnischen Kurort Zakopane sind in den letzten Tagen zwei Bomben gegen jüdische Geschäfte geworfen worden. Hand in Hand damit geht eine heftige antijüdische Boykott-Agitation. Die Polizei hat umfassende Erhebungen cingcleitet. Der 20jährige Jacob Kaltmann, dem während des Pogroms in Br es t - L i t o w s k die Beine gebrochen wurden, mußte sich im Warschauer Krankenhaus einer Amputation beider Beine unterziehen. Der Zustand Kalttnanns ist hoffnungslos. _ Jüdisches Leben in Frankreich. Unser K.־Beriehtersfafter schreibt aus Paris: In Paris fand die zweite Konferenz der Allgemeinen Zionisten in Frankreich statt. Die Konferenz wurde von I. Naiditsch präsidiert, während der Spitzen- Kandidat der Kongreßwahlliste dieser Partei in Frankreich, Dr. Goldman n, das politische Referat hielt. Zu Kongreß- Kandidaten wurden außer Dr. Goldmann der Vorsitzende des französischen Keren Kajemcth, Mirtil, und Dr. Rywkind ernannt. Die Konferenz hat ein neues Zentralkomitee der Allgemeinen Zionisten Frankreichs gewählt, das sich aus zwölf Persönlichkeiten zusanunensetzt: Präsident: Naiditsch, Vize- Eresidenten: Madame Baß und Eliachev, Generalsekretär: »r. Rywkind. — Die französische ״Wizo“ hält zum Abschluß ilirer Sommerarbeit eine Festsitzung in dem Palästina-Pavillon der Weltausstellung ab. Der frühere Minister und jetzige Abgeordnete Pomaret, sowie Marcel Mirtil, der Präsident des KKL, hielten Ansprachen. — Die ״Vereinigung der Freunde Alexander Mamoreks“ veranstaltet am 11. juli ihre jährliche Pilgerfahrt zum Grabe Mamoreks, dessen Todestag nunmehr 14 Jahre zurückliegt. — Am 27. Juni wurde das neugeschaffene jüdischen Jugendzentrum in ״Schloß Maule“ eingeweiht. An der Feierlichkeit nahmen zahlreiche Zionisten teil. Das perrnanente jüdische Jugendlager wurde von dem Präsidenten des französischen Makkabi, Lefschitz, eröffnet. — Auf der freien Sprechtribüne des ״Club du Faubourg“ h Paris fand eine Diskussion über die Judenfrage in Frankreich statt. Als Vertreter der jüdischen Sache sprachen Edmond FI e g, L e v i n und der katholische Schriftsteller Ode Ferenzy. Ihnen antworteten von antisemitischer Seite Ditte und ein Vertreter der ״Action Fran^aise“. In der lebhaften und teilweise stürmischen Diskussion sprach u, a. der französische Zionist, L60nce Bernheim. tee vermag in bezug auf eine wahrscheinlich notwendig werdende Wiederauswanderung keine Ratschläge zu geben. Inzwischen hofft man, einen vorläufigen Ausweg dadurch zu finden, daß die mit Ausweisung Bedrohten eine kurzfristige Verlängerung ihrer Aufeuthaltserlaubnis beantragen, für die nicht die im Aliens Act bestimmte Kommission, sondern die allgemeinen, dein Innenminister unterstehenden Einwanderungsbeamten bzw. Behörden zuständig sind. In der Zwischenzeit wird cs hoffentlich möglich sein, die Opfer des neuen Gesetzes sachgemäßer zu beraten, als es bisher geschehen ist. Als letzter Ausweg würde eventuell in Betracht kommen, daß das Londoner Komitee die Betreffenden auf andere Länder verteilt. Einen gewissen Einblick in die Struktur der Ein- Wanderung nach Südafrika im vergangenen Jahr bieten soeben veröffentlichte amtliche Ziffern. Von einer Gesamtzahl von 10 840 Einwanderern, die sich dauernd in der Union niederlassen wollten, stellten Einwanderer deutscher Staatsangehörigkeit mit 3431 das größte Kontingent. Ihre Zahl war taeinahe 3V2 mal so groß wie in jedem der beiden vorhergehenden fahre und mehr als sechsmal so groß wie im Jahre 1933. wieviel von diesen Einwanderern Juden waren, sagt die Statistik nicht, aber man greift wohl nicht fehl, wenn man den jüdischen Anteil auf etwa 3/4 bis 4/5 schätzt. Eine Berufsgliederung ist nur für männliche Einwanderer im letzten Jahr, nach den Ländern, aus denen die Einwanderung erfolgte, durchgeführt. Danach waren von 1717 Einwanderern aus Deutschland 709 Kaufleute, 546 Angehörige industrieller Berufe (Handwerker, Arbeiter usw.), 144 Angehörige freier Berufe und 30 Landwirte, während sich der Rest aut verschiedene Berufsgruppen verteilte. Diese Ziffern bestätigen die früher ausgesprochene Vermutung, daß sich die jüdische Auswanderung aus Deutschland nach Südafrika zu einem weit größeren Teil aus h a n d - w e r k 1 i c h Geschulten zusammengesetzt hat als allgemein, auch von den hiesigen Behörden, angenommen wurde. Auf der anderen Seite sind die kaufmännischen Berufe bei den Einwanderern aus Deutschland mit über 40 ״/o aller ausgewiesenen Berufe weit stärker vertreten als im Gesamtdurchschnitt aller Länder, der noch nicht ein Viertel der ausgewiesenen Berufe erreicht, Hingegen bleibt der Anteil der freien Berufe bei den Einwanderern aus Deutschland interessanterweise etwas hinter dem Durchschnittsanteil der freien Berufe an den Berufen der Einwanderer aller Länder zurück. Dr. Fritz Petzall Die Juden im Elsaß von 1784 bis 1934 ״Le judaisme alsacien se meurt“ (Das elsässische Judentum stirbt aus.). Dieser Satz enthält das Ergebnis einer Untersuchung des Straßburger Anwalts Dr. J. Schnurmann: ״La Population Juive en Alsace“. (Librairie du Recueil Sirey. Paris 1936.) Der Verfasser gibt eine Darstellung der Bevölkerungs- und Berufsstatistik der Juden im Elsaß und seiner wichtigsten Gemeinden vom 18. Jahrhundert bis in die neueste Zeit. Zahlreiche Vergleiche mit der jüdischen Bevölkerung anderer Länder machen die für die elsässischen Juden ermittelten Besonderheiten deutlich Die jüdische Bevölkerung des Elsaß hatte sich von 3300 Seelen im Jahre 1707 bis 1784 auf 19 624 vergrößert. Die höchste jüdische Bevölkerungsziffer wurde 1866 ausgewiesen. Damals gab es im Elsaß 35 814 Juden. Seitdem ist unter der deutschen wje unter der französischen Herrschaft die Zahl der Juden stetig gesunken. 1931 wurden nur noch 20 202 Juden im Elsäß gezählt, die 1,5 <y0 der Gesamtbevölkenitig darstellten. Die Bevölkerungsverringerung beruht vor allem auf Abwanderung und Sterbeüberschuß. Wanderungsziele boten zunächst die sich damals den Juden öffnenden schweizerischen Städte, besonders Basel und Zürich, dann Frankreich und die Vereinigten Staaten. Die natürliche Bevölkerungsverringerumg hat eine Ursache in der starken Landflucht der elsässischen Juden von den dörflichen Gemeinden in die Stadt Straßburg. Dort gab es 1789 nur 68 Juden, 1885 3767 und 1931 7310. Einen Binnenwanderungsgewinn hat im übrigen nur noch Metz. Alle anderen Gemeinden befinden sich in ständiger Rückwärtsentwicklung. Für diesen Prozeß der Großstadtkonzentration gibt Schnurmann in einer Uebersicht parallele Beispiele aus anderen Ländern. Nicht zu billigen ist, wenn er 1n diesem Zusammenhang das Wachstum der Judenbevölkerung in den drei großen palästinensischen Städten zeigt, wo die Zunahme nicht durch Landflucht, sondern durch Zuwanderung von außen erfolgt. Bevölkerungsverluste durch Taufen fallen im Gegensatz zu den Nachbarländern bei den elsässischen Juden nicht ins Gewicht. Bevölkerungsgewinne durch Zuwanderung ausländischer Juden konnten einen Ausgleich nicht erwirken. Immerhin ist bemerkenswert, daß im Jahre 1931 ein Fünftel der Straßburger Juden (1636) polnische Staatsangehörige waren. Die regressive Tendenz, der Bevölkerungsbewegung wird aber vor allem durch die Tatsache gekennzeichnet, daß 1934 auf 1000 luden nur noch 6,20/0 rein jüdische Eheschließungen kamen. Die Zahl der Mischehen, die seit 1900 immer mehr an Bedeutung gewinnt, war etwa genau so hoch. Recht häufig sind unter den elsässischen Juden Verwandtenehen. Der Verfasser bringt den hohen jüdischen Anteil an der Zahl der Taubshimmen, Blinden usw. hiermit im Zusammenhang. Ziffernmäßig keine Rolle spielen Scheidungen. Bei der Geburtenstatistik fällt im Vergleich zur jüdischen Bevölkerung anderer Länder die erhebliche Menge der unehelichen Kinder auf. Hierbei handelt es sich jedoch zum guten Teil um Kinder aus Ehen, die nur vor den Rabbinern, nicht aber vor den Zivilstandesämtera geschlossen sind. Die Geburtenbeschränkung kennzeichnet der Verfasser als eine Vernachlässigung der religiösen Tradition. Erwähnung verdient, daß bei Selbstmorden und Kriminalität die Juden weniger beteiligt waren als ihrem Anteil an der Gesamtbevälkerung entsprach. Die Berufsstatistik, die der Verfasser zugrunde legt, ist von 1907, also bereits überaltert. Für die tiefere Ursache des Unterganges des elsässischen Judentums sieht Schnurmann die Vernachlässigung der von den Voreltern überlieferten Werte an. Er glaubt, daß die jüdische Bevölkerung, die schon jetzt nur noch soviel Seelen zählt wie vor 150 fahren, immer weiter zurückgehen wird, wenn nicht das elsässische Judentum wieder von einem neuen Geiste beseelt wird. A1 b e t t J. Phiebig Selbstanzeige: ״Variations sur une Berceuse Juive“ (Alice Jacob-Loewenson). Editions Salabert, Paris. Einer Miniatur-Variatkmenform ist ein jiddisches Volkslied als Thema unterlegt. Die erste Variation ist ein Präludium, die zweite ein Scherzo, die dritte ein Intermezzo, die vierte ein Rondo. Wer keine Freude an radikalen modernen Klang* Wirkungen hat, sei vor dem Werk gewarnt. Die Harmonik ist fast ausschließlich dem Tonmaterial der Melodie entnommen. A. J.-L,

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