Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 53 (6.7.1937)
- Date
- 1937-07-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 53. 6. VII. 193/ JÜDISCHE RUNDSCHAU Seife 3 Die ״ Pro vinz juden “ Zum Strukturwandel der Juden in Deutschland Wer noch vor einiger Zeit mit offenen Augen durch die kleineren und mittleren jüdischen Gemeinden in Deutschland gekommen ist, der war — auch wenn seine Anwesenheit an dem gleichen Platz nach gar nicht allzu langer Zwischenzeit wieder erfolgte — immer neu frappiert von der Schnelligkeit der Veränderungen, die einem wachen Auge nicht entgehen konnten. Ganz gleich, ob es sich um den religiösen oder um den gesellschaftlichen Lebensstil handelte, die Dinge waren in Bewegung. Und der unsichtbare Dirigent, der hinter all dem stand, war die großstädtische Judenheit. Seine Tochter nach einer Grollstadt zu verheiraten, war ebenso erstrebt wie ein Doktorhut für den Sohn. Wer nicht selbst in der Lage war, sich in Berlin oder Frankfurt a. M. zu etablieren, der paßte wenigstens seinen äußeren und inneren Lebensstil den dort herrschenden Normen an. Wie ist das heute? Weithin herrscht die Meinung, daß die Zusammenballung der Juden in wenigen Großgemeinden weitergehen wird bis zum völligen Ve r - schwinden der P r o v i n z j u d e n 11 e i t. Aber wer die wirklichen Verhältnisse beobachtet, erkennt, daß sich in der Mehrzahl der mittleren Gemeinden eine traurige neue Stabilität ankündigt: Man beginnt bereits zu zählen, wie viele nicht mehr fort können und bleiben müssen, weil sie krank oder alt sind, weil sie nicht genügend eigene Mittel oder auch keine Angehörigen besitzen, durch die sie fortkommen könnten. So müssen sie bleiben bei einer Existenzbasis, die schmäler und schmäler wird. Nach der Großstadt sind bald nur noch Nachzügler unterwegs; denn wer leicht dorthin ziehen konnte, hat es meistens schon getan. Und bereits jetzt herrscht schon eine Immobilität, die einen erheblichen Teil der Menschen gegen ihren Willen zwingt, zu bleiben. Mit diesem zwangsläufig ausharrenden Teil der Provinzjudenheit wird man in nicht allzu ferner Zeit mehr rechnen als noch im Augenblick: denn die Auswanderung, zu der die Klein- und Mittelgemeinde bisher ein beträchtliches Kontingent gestellt hat, wird durch jene Immobilität dprt gebremst. Die Wandcrungsbcwegung wird jetzt in überwiegendem Maße an dem Bestand der Großgemeinden zu zehren beginnen; denn die wirtschaftliche Basis der großstädtischen Juden ist (zwar langsamer, aber dennoch) schmäler geworden, und es gelingt nicht mehr, den Jungen hier eine Existenz zu schaffen. Dabei wird der Nachschub aus der Provinz durch jene Immobilität und durch das besonders für Berlin bedeutsame Zuzugsvcrbot für Arbeitnehmer immer geringer. Je größere Lücken so in den Großgemeinden entstehen werden, desto erheblicher muß die in der ״Provinz.“ zurückgebliebene Judenheit wieder ins Gewicht fallen. Nicht nur hinsichtlich ihrer Zahl, auch ihre ganze Lebensform unterliegt bereits einer eigenen Gesetzlichkeit. Man muß sich mit dem Gedanken vertraut machen, daß die Gesetze, die das Leben der Juden in der Provinz belierrsehen, auch einmal das Gesicht der jetzigen Großgemeinden weitgehend bestimmen werden, so daß sich gegen die bisherigen Erfahrungen die merkwürdige Lage ergibt, daß die sogenannte Provinz und nicht mehr die Großstadt die Ent- Wicklung vorweggenommeti und für das Neue typisch geworden ist. Aber soweit sind wir heute noch nicht. Immerhin ist es wichtig genug festzustcllcn, wie sehr schon heute die Großgemeinde ihre Prägungskraft für die Provinz verloren hat. Ob man die Generationenfrage, die Rückkehr zum Judentum oder das jüdische Kollektivbewußtsein betrachtet, nirgends verbirgt es sich. Gerade die Generationenfrage, jene dynamische Auseinandersetzung zwischen dem Lebensstil der jungen und der älteren Generation, war besonders typisch für die formende Kraft, die die großstädtische Judenheit früher auf die Provinz aussfrahltc. Die Ideen von Gemeinschafts- und Naturverbundenheit, die das Wollen der Jungen charaktcrisierten, waren in der Großstadt als Protest gegen die Mcchanisierung des Lebens und gegen die Entfremdung von der Natur entstanden. Der Großstädter verstand diese Gedanken der Jungen. In der Provinz war das anders. Während in all den übrigen Dingen, ob es sich um die Abschaffung der Kaschruth oder um die Einführung von Bridge handelte, das Vorbild der Großstadt galt, hier kostete cs barte Kämpfe, bis die Jungen nach dem von großstädtischer Jugend herangebrachten Stil leben durften. Aber da es gerade immer die beste Schicht der Jugend war, die diesen Kampf geführt hat, so setzte sich — und das ist das Bezeichnende! — sogar hier, wo es Widerstände gab, das Großstädtische, Neue damals immer wieder durch. Wie ist das heute? Die Frage ist nicht schwer zu beantworten. Man darf sagen, daß in der Großstadt die Generationenfrage beute weitgehend für die Jugend entschieden ist. Ja, ihre Wertmaßstäbe und Lebensziele sind so sehr gültig geworden, daß viele Aelteren, denen die eigene Welt zusammengebrochen ist, sich selber an der jungen Generation neu zu orientieren suchen. Wie ganz anders liegen die Dinge in der Provinz! Vergeblich sucht man bei der Jugend, die dort noch zurückgeblieben ist, nach einem cigenen Generationsgepräge. Diese Jungen haben meist kein eigenes Gesicht; denn sie haben kein klares Ziel, das sie prägen könnte. Ihr Leben ist ziellos und trüb geworden und weil sie kein Vorwärts wissen, leben sie aus dem Rück- Wärts. Aus innerer Schwäche lehnen sie sich an die Aelteren und kopieren ihren Lebensstil. Sie ringen nicht Nächte hindurch um die Fragen des neuen Lebens, die die Jungen in der Großstadt immer mehr bewegen, — sie spielen Skat! Gegen diese Entwicklung kommen dort auch die Bünde nicht mehr auf. Durch den Mangel an führenden jungen Menschen fehlt ihnen die autonome Kraft und sie tragen schon deshalb immer mehr den Charakter der Jugendpflege, weil nur noch Lehrer und ein paar ältere Menschen da sind., die sie führen können. Ob mit oder gegen ihren Willen, festzustellen ist, die Jugend, die in der Broviriz noch zurückgeblieben ist, übernimmt — entgegen den Verhältnissen in den Großgemcinden — den Lebensstil der älteren Generation. Aber wie wird es in den Großgemeinden aussehen, wenn die Auswanderung der Jungen noch ein paar Jahre weiter gegangen ist und die Ueberaltcrung dann dort ein ähnliches Ausmaß wie heute in der Provinz bekommt? Das erstreckt sich auch auf die Rückkehr zum Juden tum, die sich heute in völlig divergierender Weise vollzieht. Die großstädtische Judenheit sucht einen intellcktuellen Zugang zu jüdisch-politischen Ideen, soziologischem Wissen und Werken der jüdischen Kultur. Der Eifer, mit dem sogar die Alten sich um diese Welt mühen, ist rührend. Aber man soll das nicht mit ״religiöser Erneuerung“ verwechseln. Mit Leidenschaft wird zwar über Religion göredet und werden politische und Kulturprogramme verfoehten, aber es fehlt das wirkliche religiöse Ergriffensein. Währenddessen ist es in der Provinz still geworden. Man hält nicht sehr viel von den politischen, soziologischen unc! Kulturkonstruktionen, mit denen die Gemeinden in allzu vielen Vorträgen überschwemmt worden sind. Man hört sich die Dinge an und schweigt. Es schweigen niciit nur solche, die etwa nichts zu sagen hätten. Auch wer früher dort Gewichtiges zu sagen wußte, schweigt heute. Warum? Diese Menschen haben ein Mißtrauen gegen die vielen Worte bekommen. Sie leben ja im jüdischen Schicksal, ihnen braucht man es nicht mehr zu erzählen, sie haben nicht mehr nötig, sich seiner ideologisch und intellektuell zu vergewissem. Die Wirklichkeit selbst packt sie an. Viele von denen, die mit der Religion Schluß gemacht haben, bekommen ein schlechtes Gewissen. ״Eigentlich sollte man..so denken sie heute. Sie haben so sehr Judenschicksal erfahren, daß im Grunde ihrer Seele eine Bewegung zum Rcligiösen begonnen hat, wenngleich cs sich noch nicht deutlieh manifestiert. Durch das dort überwältigende jüdische Schicksalserlebnis kehrt in der Provinz der ״einfache Jude“ zur Synagoge zurück, während in der Großgcmeinde die Mehrzahl über den Intellekt zu einem politischen oder soziologischen Judentumsbegriff kommt. Aber wie wird es, Marc Chagall 50 Jahre Der Jude hat zum künstlerischen Erlebnis seine eigene Einstellung, deren Ursache und Wirkung von grundlegender Bedeutung ist. Künstlerische Ausdrucks f o r m wird zumeist durch äußere Erscheinungen bewirkt, künstlerisches Erleben durch Faktoren, die schicksalhaft in uns wirken. Dieses Schicksal des Individuums resultiert aus seiner Gemeinschaft. Es wird mit uns geboren, ist Erbteil, nicht nur von Vater und Mutter her. Der Mensch ist ein Gemeinschaftswesen, dessen ganzes Ichsein von der Atmosphäre stammt, die ihn umgibt und aus der sich ihm Sprache und Gewohnheiten, körperliche und seelische Affekte formen. In der Kunst findet das mannigfaltigen Ausdruck, und es ist kein Zufall, daß stets die bodenständigsten ihres Volkes auch die stärksten ihrer Kunst sind. Rafael, Michelangeio, Velazquez und Goya, Reinbrandt und Franz Hals, Daumier und Manet sind Beispiele hierfür. Der Jude ist ein Mensch ohne Land, es fehlen also bei ihm die Voraussetzungen, die sonst überall gelten. Um aber ais Mensch wirken und schaffen zu können, muß er einen Ersatz für seine Heimatlosigkeit suchen, und er findet sie im Geistigen. Er sucht seine Welt nicht im Erlebnis, sondern in der Sehnsucht. Daher kommt es, daß der Jude als Künstler zunächst die Ausdrucks f o r m zu gestalten versucht, denn für sie findet er Anhaltspunkte in seiner Umgebung. Er kann sich an anderen heranbilden, und er besitzt sogar sehr viel Geschick dazu. Die relativ kurze Zeit, in der sich der Jude der bildenden Kunst zugewandt hat. liefert Beweise genug hierfür. Der Meister, dem wir die tiefste und wahrste Erkenntnis über jüdische Kunst verdanken, ist Marc Chagall, der am 7. Juli 50 Jahre wird, in ihm nämlich tritt’ das Wesen des Juden am sinnfälligsten in Erscheinung. Er wurzelt zu tiefst in seinem Judentum, seiner Gemeinschaft, seinem Kreis und in seiner Familie. Und er verstellt es als Künstler Gedanken-, Ideen- und Formenkreis in eins zu verschmelzen und seine jüdische Welt zu erleben: die imaginäre W u n s c h w e 11, diese Welt ohne Land, die ganz in Erinnerung und Sehnsucht wurzelt. Chagalls Kunst öffnet Einblicke in die verborgensten, sonst unvorstellbaren seelischen Vorgänge. Er erlaubt• sich die kühnsten künstlerischen Freiheiten, indem er sich eine Schicksal einer jüdischen Generation in England Naomi Jacob ist eine der meistgelesenen jüngeren englischen Erzählerinnen; man rühmte ihren Romanen stets Klugheit der Beobachtung und den gewissen Blick für die Tragödien der Wirklichkeit nach, der den Erzähler ausmacht. Wenn die weitverbreitete Hutchinsonsche Taschcn-Bibliothek heute ihren Roman ״Props“ (Stützen) atifgenommen hat und zu erstaunlich billigem Preise auf den Markt bringt, so wußte sie wohl, was sie tat. Aber auch wir Juden haben allen Grund, uns mit diesem frisch gesehenen und spannenden Romane zu befassen. Hier wird uns die Lebensgeschichte eines jungen Juden aus Dresden erzählt, der in den Neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts aus seiner Geburtsstadt nach London verpflanzt wurde, wo er als Kautmann an der Seite einer englischen Frau ein geschäftlich erfolgrciches, menschlich immer einsameres Leben führt. Wie der zarte, etwas schwächliche junge Mensch durch alle die Kreise, die sich um ihn schlingen, immer weitergestoßen wird — sie alle sind nur ״Props“ (Stützen), die ihn nicht zum Stehen auf eigenen Füßen kommen lassen — das ist mit frischer, etwas derber Kunst geschildert; und es gibt uns einen Einblick in das Schicksal einer jüdischen Generation, die wir . . . vergessen hatten und gern vergaßen. Sein Vaterhaus in Dresden: in der Atmosphäre der Stadt zwischen Musik und Meißener Porzellan —- aber langsam sich vom angestammten Glauben entfernend, nicht mehr ״Froom“(!) aber auch noch nicht ganz ״Link“, wie Miss Jacob es nennt. Schon sind eine christliche Engländerin und ein katholischer Italiener unter den Familienmitgliedern; und Hermann Frank, der dem Beispiel seiner Verwandten folgt und die Tochter seines Chefs wenn die Intellektuellen immer weniger und das jüdische Schicksal auch in der Großgcmeinde immer deutlicher spürbar werden sollte? Tendenz und Gestalt dieser jetzt noch als Diffcrcnzie* rungsprozeß erscheinenden Entwicklung werden vielleicht am besten im Gepräge des jüdischen K 0 11 e k t i v b e w u ß t - seins deutlich. Eine seelische Grundersdieinung bestimmt das Kollektivbewußtsein der Juden außerhalb der Großgemeinde: Das Gefühl der Nähe zueinander, das allerdings auch zur Distanzlosigkeit Umschlagen kann. Hier gibt es nicht mehr die Masse und auch nicht mehr die Anonymität jüdischer Existenz. Der Einzelne ist auf einen engen Kreis angewiesen. Die Auswahl an Menschen ist klein und man muß zueinander finden, wenn man nicht allein sein will. In der Großgcmeinde ist das noch anders: Es gibt noch Masse, in der die Einzelnen fern voneinander leben. Es gibt noch Anonymität in dieser Masse. Mari kann sich der Gemeinschaft noch entziehen, wenn man will. In Berlin z. B. steht doch nur eine relativ kleine Schicht im ״jüdisehen Leben“, Die meisten sind ihm nach wie vor fern. Hier ist noch Aktivität nötig, um die Juden zum Judentum zu bringen. Es muß noch geworben werden; denn die Genieinscliaftsfreudigkcit in der Großgcmeinde ist noch sehr klein. Das ist auch oft der Grund für den ״Retrieb“, der an Stelle natürlicher Gemeinschaft herrscht. Aber wie wird es wohl, wenn der Mensdienkreis immer mehr abnimmt, die Anonymität kleiner wird und das Schicksal die Juden auch dort immer unausweichlicher erfaßt? Hier wird die Tendenz deutlich, in der hei fortschreitender Abnahme der Grollstadtgemeinden siel! auch das Kollektivbewußtsein der Juden dort entwickeln muß. Aber, wie gesagt, es ist noch nicht soweit. Hier ging es nur darum, den heutigen Zustand aufzu/eigen, der sich einmal selbst atiflieben muß und der das Gesicht der Juden in Deutschland ändert im Sinne einer denden/, die nicht mehr die Großstadt, sondern die Provinz eingebildete Welt .schafft, in der er in und hinter die Dinge leuchtet, seine Gestalten zu cpheinäreu Wesen auflöst, sie in Form und Farbe frei gestaltet und oft durch übersteigernde Gebärden schreckhafte Ekstasen hervorruft. 1:1־ ist der jitdische Visionär und Träum er, geladen mit all der Mystik, die er in seiner chassidisclien Umgebung aufgenommen hat und von der doch in jedem Juden etwas schlummert. Der Hang zum Absonderlichen und Außerordentlichen drückt sich in bizarren Schilderungen aus, die oftmals voller Zynisnius und Ironie und dadurch desto rätselhafter sind. Dabei ist er durchaus sentimental, mag er auch temperamentvoll und sogar revolutionär erscheinen. In seiner Gedanken- und Gefühlswelt spielt die E a in i I i c eine bestimmende Rolle. Auch dies ein betont jüdischer Zug. Von hier aus, von der Verbundenheit mit den Seinen, sieht er die Welt. Chagall lebt seit vielen Jahren in P a r i s, doch Paris hat ihn nicht gewandelt. Zuerst kam er 1010 dorthin und lernte dort den Kubismus kennen. Diese neue Form war für ihn eigentlich nicht neu, sie wurde ihm nur als Theorie bewußt. Denn im Grunde schlummerten in ihm bereits von Anfang an diese Probleme. Es weitet sich nur das Allgemeinbild seines Darstellungskreises. Daheim hatte er zunächst nur die tiefe Resignation empfunden. Aber ob er nun seine wundervoll farbensprühenden Blumenstücke malt, Illustrationen zu Lafontaines Fabeln schafft oder wild bewegte Zirkusszenen komponiert, — seine Sprache bleibt die gleiche, und aus jedem Pinsel- und Federstrich zittert das elementare Erlebnis, dieses Suchen nach Erfüllung und Fragen nach dem Wie. Diese Blumen sind nicht gewachsen, sondern sie leuchten ihm nur in_ ihren Farben. Sie erscheinen so schemenhaft wie die Figuren in seinen Bildern, die in einer Phantasiewelt schweben und keinen Boden unter den Füßen haben. Es ist bezeichnend für den Juden Chagall, daß er keine Realität kennt, daß sie ihn gar nicht interessiert und daß er nirgends eine Bindang an Form und Gestalt fühlt. Er kommt ganz aus dem Geistigen, ohne dabei jedoch irgendwie literarisch zu sein. Und hier liegt seine Bestimmung als Künstler, Bildner und Maler. Chagall dichtet in Rhythmen und Farben. Seine Sehnsucht löst sich in Farben,׳tkkordcii, die so ttnwirklieh und unmöglich sind wie seine Träume. Sie sind wie das Lied eines ekstatischen Cltassid, wie der wilde Tanz des Gläubigen und das Laßen wortloser Scuf/er und Gebete. Und da es Visionen sind, die nur er so erschaut, ist seine Kunst auch nicht naclmialmien. Wer so malen wollte wie er, wäre unwahr und manieriert. Viele schütteln ungläubig den Kopf vor seinen Werken, da sie ihn nicht verstehen können. Sie sehen nur das Bild, den äußeren Vorgang, die Form. Alle die, die ihrem Judentum entfremdet sind, die es nicht erlebt haben, werden, ja müssen ihn ablehnen. In seiner Heimat aber, dort, wo er im Kreise der Seinen gewachsen ist, und dort, wo heute ein neues jüdisches Empfinden und Verstehen erwächst, in Palästina, wirkt diese Kunst als tiefes und erschütterndes Erkennen gleicher Seelen. Dr. Karl Schwarz heiratet, muß erst in langen Kämpfen erfahren, was die Verfasserin einmal in die Worte zusammenfaßt: ״... Vielleicht brauchen wir Juden den moralischen Halt unserer Stammesgenossen; vielleicht durften wir deshalb niemals Menschen ans anderin Stamme heiraten. Es ist mit uns wie mit gutem Brandy: allein haben wir Farbe, Geschmack tit.-d Kraft; mische uns mit Wasser — gleich werden wir schwach und duftlos und verwischt in der Farbe..Erst am Ende seines Lebens, nachdem der Weltkrieg dem schwachen Helden des Buches seine Einsamkeit gezeigt hat, ringt er sich zu einem Leben aut eigenen Füßen durch, das wir ihm nicht ganz glauben. _ B. B. St. Aus der Feder von Dr. Samuel Grünberg, dem Dozenten am Berliner Rabbinersemitiar, liegen uns zwei Broschüren vor, die in den letzten Jahren erschienen sind. In der einen, der G edächtnisrede a u f Meier Hildes h e i in e r (Verlag H. Lew in, Berlin 1935), entwirft der Verfasser ein eingehendes und liebevolles Bild des 1934 verstorbenen Gelehrten und schildert eingehend die Verbundenheit Hildesheimers mit Erez Israel, an dessen Entwicklung mitzuarheiten ihm leider nicht mehr vergönnt war. — In der zweiten Arbeit über ,,Biblische Eigennamen als Quelle jüdischer Kulturgeschichte und Bibclcxegesc“ (Verlag ״Zion“, Berlin 1936) wird an zahlreichen Beispielen der Nachweis zu führen gesucht, daß die biblischen Namen eine tiefere Bedentung hatten, als man gemeinhin annimmt, und daß sich mancherlei kulturelle Folgerungen aus der alt jüdischen Namensgebung ziehen lassen. Der Aufsatz schließt mit der Genugtuung darüber, daß im heutigen Palästina ״der jüdisehe Genius auch auf dem Gebiete der Namenbildung seine Schaffenskraft wiedererlangt'* hat, —na. b e s t i in m t. R e i n 11 o 1 d H c r z Foto: Archiv