Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 52 (2.7.1937)
- Date
- 1937-07-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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oonv % JODISCHE RUNDSCHAU Nr. 52, 2. VII1937 Christentum und Judenfrage Ein internationaler Kongreß in Wien Von unserem Berichterstatter J. R., Wien, 30. Juni In der Seegasse, einer kleinen Gasse im 9. Wiener Gemeindebezirk, steht ein moderner Bau, der durch eine von den schwedischen Nationalfarben gezierte Tafel an der Eingangsfront auffällt: ״Schwedische Gesellschaft für Israel — Zweigstelle der evangelischen Israels-Mission in Stockholm“. In diesem Hause übt diese Gesellschaft eine offene Missionstätigkeit unter der jüdischen Bevölkerung dieser Stadt aus. Diese Tätigkeit hat aut jüdischer Seite in den letzten Jahren öfter Anlaß zu Beschwerden und Abwehrkundgebungen gegeben. Vorträge über biblische Themen, systematische Kurse und sonstige Veranstaltungen, sowie materielle Unterstützungen, wie Tee- und Ausspeisungsaktionen für Arme, hatten in Wirklichkeit den ausschließlichen Zweck, Juden der Taufe zuzuführen, ln den letzten Jahren hat die Tätigkeit der Gesellschaft, nicht zuletzt durch die wirtschaftliche Bedrängnis weiter Schichten der armen jüdischen Bevölkerung begünstigt, zweifellos eine erhöhte Aktivität erfahren, der man auf jüdischer Seite nicht ohne Besorgnis gegenüberstand. Heute weht die schwedische Fahne von den Giebeln dieses Hauses, Es finden gegenwärtig Sitzungen eines internationalen Kongresses statt, der, vom ״International Committee on the Christians Approach to the Jews“ veranstaltet, nach Wien einberufen wurde und (ünf Tage dauern soll. Dieses Komitee zur ״Annäherung von Christen und Juden“ ist auf zwei vorangegangenen internationalen Tagungen, die vor etwa 10 Jahren in Budapest und Warschau sich mit der Judenflage beschäftigt haben, gebildet worden. Ein amerikanischer Missionär ist der Organisator des gegenwärtigen Kongresses in Wien. Es ist dies der Direktor des Komitees, Dr. Conrad Hoffman n, New York, der im Aufträge seiner Gesellschaft eben eine Reise durch Polen zum Studium der Lage der Juden in diesem Lande machte und darüber auch einen Bericht an die Wiener Tagung erstattete. Näheres über die Tätigkeit des genannten Komitees, sowie die Arbeiten des Kongresses gab itn Rahmen eines Empfanges der Wiener und Auslandspresse Direktor Hoffmann bekannt. Das Komitee betrachtet natürlich die Judenfrage vornehmlich vom religiösen Standpunkte aus. Trotzdem hat es sich als unmittelbares Ziel den Kampt gegen den Antisemitismus gesieekt, da nach Ansicht des Herrn Hoffmann nur so eine Grundlage für die Annäherung von Christen und Juden heibeigeführt und nur aus einer solchen der eigentliche Zweck, nämlich die Mission, erreicht wer* den könne. Das Komitee besteht aus 25 Mitgliedern; 7 stammen aus Großbritannien und Irland, 7 aus detn übrigen Europa, 7 aus Nordamerika und 4 aus anderen Teilen der Welt. Präsident dieses Komitees ist der Kanadier Canon S. Gould, Vizepräsident des Rates ist der schwedische Pastor Birger Pernow, der auch den Vorsitz bei den Wiener Beratungen führt. Obwohl der Kongreß keine öffentliehe Tagung, sondern eine geschlossene Sitzung des Komitees ist, sind 70 hervorragende Vertreter der protestantischen Welt zur Teilnahme nach Wien gekommen. Unter anderen sind hier anwesend: der anglikanische Bischof aus Jerusalem, Rev. Graham Brown, der Erzbischof von T o r o n t o, der Repräsentant der ״Southern Methodist Church of America“ in Europa, sowie zahlreiche Bischöfe aus Amsterdam, Norwegen, Amerika. Als das Hauptthema des Kongresses wird angegeben ״Die Verantwortung des Christentums angesichts der heutigen Lage des Weftjudentums und der wachsende Antisemitismus“; aut der Tages- Ordnung stehen ferner die Themen ״Die Kirche und der Antisctnitismns“, ״Judaismus und christliche Theologie“ und die Erörterung der Frage, wie die Annäherung von Christen und Juden am günstigsten zu fördern wäre. Schließlich wird die Tagung auch Berichte über die Lage der Juden in aller Welt entgegennehmen; spezielle Referate sind u. a. über den Zionismus und Palästina vorgesehen. Mit einer öffentlichen, allgemein zugänglichen Versammlung soll der Kongreß seinen Abschluß finden. möglichst zu vermeiden, England zu einer Option zu zwingen. 11. Die Achsendrehung Englands erfolgte gleich nach der abessinischen Krise. Der Besuch des damaligen Königs bei Kemal Pascha brachte die Bemühungen des klugen britischen Botschafters in Ankara zum Abschluß. Heute gibt es ein englisch-türkisches Bündnis mit weitgehenden Konsequenzen. England dirigiert und finanziert die türkischen Public Works, die ein umfassendes Netz von strategischen Maßnahmen darstellen. England verschaffte der Türkei in Montreux die Dardanellen-Rechte, Englands Vermittlung (und mehr als das) verschaffte ihr Alexandrette. Alexandrette im Besitze eines miliirischen Bundesgenossen bedeutet für England den einzigen Hafen, in dem heute seine Flotte vor Fliegerangriffen im Mittelmeer geschützt ist. Soweit hat man die Dinge zur Kenntnis genommen. Weniger hat man begriffen, daß die türkische Politik — die Politik einer mit militärischer Expansivkraft hochgeladenen Macht — egen Arabien zielt. Dardanellen — Alexandrette: Die nächsten iele heißen: Aleppo und Mossul. England hat also nicht nur eine pro-türkische Politik inauguriert, sondern gleichzeitig eine Politik, die sich gegen alle großarabischen Machtträume richten muß. Es hätte gegen diese Träume nicht optiert lediglich der Juden wegen, aoer es hat gegen sie optieren müssen der Türken wegen״ — und es empfindet dabei die Möglichkeit auch eines jüdischen Bundesgenossen als durchaus ernstzunehmende Zugabe. III. Der Verfasser ist der festen und, wie er glaubt, fundierten Ueberzeugung, daß wir vor einer Periode der völligen Liquidierung des Pan-Arabismus stehen. England selbst, das ihn erfunden hat, beginnt zu verkünden, daß nie einer existiert habe. Derselbe Storrs, der in und nach dem Kriege von Jerusalem aus das Möglichste tat, um die arabische Bewegung groß erscheinen zu lassen, tritt jetzt in die Oeffentlichkeit mit der These, cs gäbe keinen Pan-Arabismus. Das ist nur ein Anfang. Da war die Irak-Regierung mit alten Lawrence- Helden an der Spitze: Nuri Pascha und Djafaar Pascha. Sic regierten mit ersessener Autorität und zugeflogenem Nimbus, Beide waren sie treue England-Diener, betete genossen sie noch die Reste britischer Dankbarkeit. Die pariarabische Bewegung brachte sic aber in eine Verkennung der Situation; genau wie der Mufti in Jerusalem, einstmals ein Adjutant von Feisal in Damaskus und gleich ihm vertriebener Flüchtling aus Damaskus, glaubten sie, auch heute noch mit den englischen Interessen parallel zu gehen, wenn sie ihre Autorität und ihren Nimbus mehr in den Dienst eines expansiven Pan-Arabismus stellten. Sie mischten sich in die Unruhen in Palästina und wurden dabei, bewußt oder unbewußt, führend oder geführt, Mithelfer an einer subversiven Anti-England-Konspiration. Das wurde ihnen zum Schicksal. Sie wurden eliminiert und durch eine Regierung ersetzt, die sich bewußt ist, was eine englische Gegnerschaft bedeuten kann: England braucht keine Truppen zu schicken, es braucht nur nieni zu widersprechen — und ein Kurden-Aufstand, eine türkische Aktion berauben Irak der Mossul-Provinz, Diese Regierung, die nicht zur Herrschaft gelangt wäre, wenn es England nicht gewollt hätte, und die zur Herrschaft kam als Gegenzug gegen antibritische unterirdische Aktionen, ist heute lahmgelegt in der Außen- Politik, weil sie begreift, daß das Land bereits Beuteobjekt der Nachbarn zu werden beginnt: nicht nur die Türken drohen, — auch Persien droht. Die Türken werden heute keine panarabische Politik mehr dulden — und England ebenfalls nicht. Nicht nur den Türken zuliebe, obwohl deren Bundesgenossenschaft heute für England der wichtigste Faktor im Mittelmeer geworden ist, sondern auch weil es weiß, daß jede pnnarabische Politik sich heute nach England feindlichen Bundesgenossen Umsehen muß. Der Verfasser glaubt nicht daran, daß der geplante Pakt: Türkei — Afghanistan — Irak — Persien Zustandekommen kann. Ankara, nicht Bagdad, verschleppt die Unterzeichnung. Inzwischen hat aber Ankara mit Persien allein einen Vertrag abgeschlossen, und ein solcher Vertrag kann keine andere Bedeutung haben als die einer Drohung gegen den Irak. So wird also Bagdad 2u einer klein arabischen Politik zurück-geschraubt und außenpolitisch lahmgelegt. Ibn Saud, nicht minder planmäßig überschätzt wie seinerzeit Feisal, wird neuerdings von der englischen Presse besorgt als kranker Mann geschildert, dessen Tod überdies den Zerfall der Macht seines Reiches nach sich ziehen müsse. Als ״zuverlässiger“ Freund wird jetzt der Emir Abdullah von Transjordanien geboomt, Scheinkönig eines Scheinlandes, man verspricht ihm allerlei Expansion für sein Ländchen und nicht gerade nach der palästinensischen Seite. Daß hinter ihm gewiß keine Macht steht, noch stehen wird oder kann, hat schon Lawrence gewußt, und die Rolle, die Abdullah seit damals gespielt hat, bekräftigt diese Annahme. Der Verfasser nimmt nicht nur an, daß England die panarabische Idee liquidieren wird, er nimmt weiter an, daß die nächste Periode eine Neu- Aufteilung Arabiens bringen wird. Eigentlich sind wir schon mitten drin. Der Libanon ist schon draußen — nun, er ist zwar christlich, aber bleibt immerhin arabisch. Mit Alexandrette hingegen hat man den wichtigsten Hafen, den Groß ara bien überhaupt, den einzigen Hafen, den Syrien hat, den Arabern entrissen und Nicht- Arabern übergeben. Und mit was für einem Echo! Nicht nur Bagdad bleibt ruhig, auch der Mufti in Jerusalem wagte keine Aktion — und Abdullah macht Kemal Pascha einen höflichen Besuch, um sich ein Agrement zu holen und um ihm vermutlich zu versichern, daß er auch im Falle einer Rang-Erhöhung und Machterweiterung nicht beabsichtige, eine panaräbische, d. h. antitürkische Politik weiterzuführen. In Genf hat sich keine Macht zugunsfen der Araber gerührt, und was noch überraschender war: Auch Italien blieb still, ja es ließ zur gleichen Zeit Ciano freundschaftlich mit dem türkischen Außenminister verhandeln und feststellen, daß es zwischen Italien und der Türkei keine Intercssen-Gegensätze gebe. Die ״Partition“-Pläne für Palästina sind ein weiteres Glied in der Aufteilungskettc. Andere sind zu erwarten, aber da der Verfasser zu ungewohnt klingende Voraussagen vermeiden möchte, beschränkt er sich nur auf einen Hinweis: So wie die Türkei in der Sonne des englischen Wohlwollens mit Mossul kokettiert, so dürften sich die Beziehungen zwischen Aegypten und Mekka, dem Sitz des Kalifats, auch recht bald ändern. Ein solcher Hinweis darf deshalb liier nicht unterlassen werden, weil die Welt glaubt, daß England den Pan-Arabismus nicht liquidieren wird aus Furcht vor dem Pan-lslamismus. Das ist längst überholt, auch hier war England der bessere Spieler. Reformiert oder nicht, bleibt die Türkei . .micr noch der stärkste islamische Faktor. Hat England ihn zum Freund und ebenso ein Aegypten, welches gleichzeitig Schutzherr über Mekka geworden ist, braucht es keine pan-islä« mische Drohung mehr nt fürchten. IV. Alle außen- und weltpolitischen Konzeptionen haben es nun einmal an sich, daß jede Art Phantasie oder Phan« ta st er ei unbegrenzten Spielraum hei ihnen findet. Sie kön* nen ebenso leicht falsch wie richtig sein. Da aber hiernach auch die vorstehende zumindest 50 »0 Wahrscheinlichkeit besitzt, die richtige zu sein, dürfte es nützlich sein, daß die Politiker im Zionismus sich mit ihr vertraut machen, darüber nachdenken und Konsequenzen ziehen. Es gibt heute Chancen, wie essie bisher nichtgab. Der Verfasser selbst hat bis vor Jahresfrist die extremst-pessimistischen Auffassungen über Englands Stellung im jiidisch-arahischen Konflikt zum Ausdruck gebracht. Insbesondere die von nächster Nähe beobachteten Unruh eit 1929 und deren Nachwirkungen gaben ihm Veranlassung zu einem Tatsachen-Studium, dessen Ereignis das vorerwähnte pessimistische war. Die Achsen« drehung der englischen Politik hat diesen Pessimismus erstmalig durch einen Optimismus ersetzt. Und was die ״Partition“ anlangt, resmniert er seine Stellungnahme hierzu wie folgt: Würde England die Partition vorgeschlagen haben zu einer Zeit, wo es noch antitiirkisch und panarabisch orientiert war, so würde er darin das letzte Glied jener Politik erblickt haben, die er nur als Politik des Liquidierens des Zionismus bezeichnen zu können glaubte, wenn aber die Gefahr, daß England ein starkes Pan-Arabien wünscht, nicht mehr besteht und wenn damit die Fiktion einer panarabisclien Gefahr überhaupt zerplatzt, so kann die Partition für uns nicht nur ungefährlich sein, sondem eine Chance — Chance für heute, für die nahe Zukunft und für jene, in welcher die Aufteilung des Near East wieder einmal durchgefiihrt werden wird. Der Dieb Einer wahren Begebenheit frei nadherzählt Von Hermann Sintheimer (Schluß) Da geschah das Unerwartete: man kam einem nächtliehen Diebstahl im Magazin der Siedlung auf die Spur, und —- Mahomed ließ sich einige Tage nicht sehen. Daß er und kein anderer der Dieb sein mußte, daran zweifelte niemand. Man zögerte mit der Anzeige. Aber als er nach einer knappen Woche wieder in der Siedlung erschien, strahlender und freundlicher als je, ja, wie manche zu erkennen glaubten, mit einer gewissen erwartungsvollen Dankbarkeit in seinem Wesen, da lief den meisten die Galle über vor soviel Chuzpe, und man erstattete Anzeige. Wieder kam der Polizist, notierte Art und Menge des Gestohlenen und begab sich, diesmal allein, zu Mahomeds Hütte. Und wieder gnh es für ihn keinen schwierigen Kriminalfall zu lösen. Er fand die letzten kümmerlichen Reste der Beute vor und Mahomed durchaus nicht abgeneigt, nach einigem Zögern, da» er wie eine Anstandspause in das kurze Verhör einschaltete, ein Geständnis abzulegen. Er ging auch ohne Widerstreben mit dem Polizisten. Alles andere vollzog sich, wie üblich, nach Gesetz und Recht. Mahomed bezog wieder das Hau« zu Akko. In der Siedlung war er nun ein erledigter Mann. Jetzt sprach es sich auch bis zu den Kindern herum: Mahomed ist ein Dieb! Die Aufregung dieser Kleinen über ihren Freund war viel 'elementarer als die der Erwachsenen. Sie stießen ihn in aller Form aus ihrer Mitte aus. Natürlich galt es auch für die Chawerim als ausgemacht, daß nunmehr das Problem Mahomed gelöst und sein Fall erledigt sei. Man wollte nicht mehr an ihn denken, nicht mehr von ihm sprechen. Er war der Feind der Kwuzah. Sie war endgültig um eine Enttäuschung reicher. Und vielleicht hätte man den Araber wirklich vergessen, wenn der Polizeimann nicht bei seinem nächsten Besuch wieder an ihn erinnert hätte. Während die Chawerim alle ausnahmslos von Bitterkeit über Mahomed Überflossen, sprach der Beamte in versöhnlichem, ja fast zärtlichem Ton von ihm. Seine Führung im Gefängnis, erzählte er, sei vorbildlich, und sei denn nicht auch sein Verhalten ihm, dem Polizisten, gegenüber musterhaft gewesen? Man solle sich doch einmal einen zweiten Dieb suchen, der seine Entdeckung und Ueberführung der vielgeplagten Polizei so leicht mache, der so, wie dicaer Mahomed, ohne Augenzwinkern zn seiner Tat und Strafe stehe. Wenn alle Diebe der Welt, von den anderen Missetätern noch verstockterer Art gar nicht zn reden, nur ein bißchen von Mahomeds Redlichkeit besäßen, dann wäre es eine Lust, für die öffentliche Ordnung und Sicherheit zu sorgen. Wenn man als Psychologe und Kriminalist diesen Mahomed analysiere, so finde man in ihm alle Elemente und Ingredienzien eines kreuzbraven Menschen — mit Ausnahme eben nur der einen Zufälligkeit, daß er gelegentlich stehle ... Man schüttelte über solche Reden des ״Analysomanen“, wie den Polizeiinnnn einer nannte, den Kopf. Aber sie blichen doch nicht ohne Wirkung. Von berufenem Mund die Worte Redlichkeit und kreuzbrav mit dem Manne Mahomed in Verbindung gebracht — das mußte Eindruck machen. Man fing wieder an, über den gewesenen Liebling zu debattieren und eifrig nachzudenken. Er wurde aus einem Problem zu einem Phänomen. Man mußte sich gegen ihn zur Wehr setzen und ihn im Interesse der Kwuzah ausschließen — gewiß, gewiß, denn das Interesse der Siedlung ging allem voran. Aber gab es denn außerhalb der Kwuzah nicht noch eine ganze, große Welt, die ganze, große Menschheit mit ihren gebieterischen Ansprüchen und verwirrenden Widersprüchen? In der Kwuzah war alles geordnet und geebnet — die Arbeit und die Sorgen, das Ziel und die Wege zum Ziel, das Mein und Dein. Aber draußen? Aber die Welt? Aber die Araber? Und die anderen Völker überhaupt? Mahomed, während er es sieh im Haus zu Akko wohl sein ließ, wuchs in der Siedlung fast zu einem Symbol auf, zum Symbol aller ungelösten menschlichen Probleme. Manche murrten zwar über die polizeiwidrigen Sprüche des Polizeimannes. Aber die meisten wurden nachdenklich; sie dachten über ihr eigenes Leben nach, über die Ver- *uchungen, die früher auch an sie herangetreten waren, an die Arbeits- und Ziellosigkeit von ehedem und an vieles andere, das sie. allem Abscheu vor dem Diebstahl zum Trotz, doch wieder in eine Reihe mit Mahomed, dem Dieb, stellte. So kam es, daß er, obwohl abwesend, doch da war. Man erinnerte sich gern seines so freundlichen, fröhlichen, kindlichen Wesens. Das war ein Dieb? Unmöglich, urnnöglieh! Mahomed war ein Problem und ein Phänomen als Dieb. Also kein gewöhnlicher, also ein sehr ungewöhnlicher Dieb. Ein Thema. Ein Schlüssel zu vielen anderen Problemen der Welt und des Lebens. Ein psychologischer Grenzfall. Ein — men denke! — psychoanalytischer Fall. Die Sympathien für ihn schnellten wieder In die Höhe. Gelegentlich wurden Bemerkungen laut oder wenigstens halblaut: ״Der arme Mahomed schmachtet im Gefängnis“ oder sogar; ״Der arme, aber ehrliche Mahomed schmachtet hinter Kerkermauern“. Was tat es, daß der oder jener über solche Sentimentalitäten lächelt«! Die vox populi sättigte sich an einem verklärten Erinnerungsbild und nahm den in seiner Abwesenheit Ausgestoßenen wieder in Gnaden auf, bevor er selbst in körperlicher Person wieder erscheinen konnte, die ja nun einmal ihre paar Monate ,,81>2«8י^»)ו801זז!11ס hatte, und zwar hinter den ״Kerkenrmuern“ von Akko. Und als dann eines Tages die Nachricht einlief, Mahomed sei zu seinen heimischen Penaten und zu seinem ״Mütterchen“ zurück-gekehrt, machten sich zwei entschlossene Chawerim kurzerhand auf, um ihn zu besuchen und mit ihm ״Tachlis“ zu reden. Aber sie kehrten ziemlich kleinlaut zurück. Denn ihren energischen Vorstellungen und Fragen, ob er nun endgültig das Stehlen lassen wolle, da er doch ״in* Grunde“ so ein ehrlicher Mensch sei (auch das Polizeimanns- Wort kreuzbrav warfen sie ihm an den Kopf), hatte Ma* homed nur sein altes Lachen und Strahlen entgegengesetzt. Zwar hatte er alles versprochen, was sie von ihm wollten, aber genau so leicht und genau so ohne alle Umstände, wie er zweimal dem Beamten seine Geständnisse abgelegt hatte. Er war eben die Gutmütigkeit und Schwäche in Person. Es war kein Verlaß auf ihn. Man war unglücklich darüber. Aus dem Liebling war ein richtiges, anscheinend unheilbares Sorgenkind der Siedlung geworden. Man mußte die Nachtwachen verstärken, die Sicherungen noch sicherer machen und überhaupt in jeder Weise auf der Hut vor Mahomed sein. Er war halt ־— einer sprach dies klar aus — ein Kranker! Und so erschien er denn wieder iu der Siedlung. Man kam ihm entgegen, wie man einem vermutlich Kranken entgegenzukominen hat: mit viel Freundlichkeit, einigem Mitleid, aber auch mit einigem Mißtrauen. Den Mahomed focht das nicht weiter an. Die Haft war ihm ganz, gut bekommen. Er sah ausgeruht und nichts weniger als verschmachtet aus. Insbesondere aber trug er niemandem etwas nach und war überhaupt in bester Stimmung. Lachend aß und trank er, was man ihn!, gleichsam zum Willkomm, anbot, und drückte sich dann rasch auf den Spielplatz der Kinder. Hier aber erwartete ihn eine Ueberraschung. Die Kinder empfingen ihn mit großem Ilallo, aber nicht etwa mit freundlichem. Sie wußten ja nichts von Problemen und Phänomenen, nichts von Psychologie und Psychoanalyse, sie wußten nur, daß Mahomed gestohlen hatte. Und 80 sprangen sie ihm entgegen und um ihn herum und schrien: ״Dieb! Der Dieb! Der Dieb Mahomed!“ Es war ein Höllenspektakel, ein elementarer Ausbruch der kochenden Kinderseele. Sechsjährige führten diese Demonstration an, aber sogar Einjährige, die erst lallen konnten, beteiligten sich daran und versuchten ihre noch ungeübte Zunge an dem schweren Wort Dieb. Aus Mahomeds Gesicht verschwand das Lächeln. Seine Augen wurden stumpf Er blieb stehen und sah von einem Kind zum anderen. Alle waren sie ja einmal seine guten Freunde gewesen, jedes einzelne kannte er, aber nun waren