Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 52 (2.7.1937)
- Date
- 1937-07-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÖDISCHE RUNDSCHAU Nr. 52, 2. VII. I?37 Türken und Araber Die Umgebung des künftigen ״Judenstaats“ Die meisten Juden haben in dieser Zeit sehr viel mit sich selbst und ihren persönlichen Existenzsorgen zu tun und die abgekämpften Nerven sind nicht fähig, dem Ansturm immer neuer Sensationsgerüchte standzuhalten. Und doch ist die Frage, die uns alle jetzt bewegt, von größter Tragweite. Wird ein ״J u d e n st a a t“ geboren? Wie wird er aussehen? Ist er eine Farce, wie manche sagen? Ist er für die Juden ein Danaer• geschenk oder eine Chance? Was würde die Schaffung eines solchen ״Staates“, von dem die Zeitungen in allen Zungen munkeln, für Folgen haben, für das Volk und für den einzelnen Juden, für die Stellung der Juden in der Welt? Alle diese Fragen schweben auf den Lippen und würden gewiß bereits jetzt leidenschaftlich erörtert werden, wenn — ja, wenn man wüßte, was eigentlich geplant ist. Es ist eine eigentümliche Situation für ein Volk zu wissen, daß irgendwo im Geheimkabinett etwas über einen selbst beschlossen worden ist und man nichts tun kann als warten und kombinieren. Und doch fühlen wohl alle, daß Palästina jetzt zum zentralen Problem für die Juden geworden ist, wie immer man dieses oder jenes mutmaßliche Ergebnis bewerten mag. Wir haben schwere Sorgen auch um die Zukunft der jungen jiidisehen Siedlung, die eine neue jüdische Epoche einleiten sollte. Die scharfe Opposition, die alle Teilungspläne bei den offiziellen jüdischen Sprechern finden, zeigt, \vdeher Art die primären Besorgnisse sind. Die bevorstehende Veröffentlichung der englischen Palästina-Erklärung wird neue Verhältnisse im Orient schaffen, vielleicht auch neue Grenzen, territoriale und politische Veränderungen. Die Leidenschäften werden aufflammen — wenn auch, so hoffen wir, nur im politischen Kampf. Um so wichtiger ist gerade in einem solchen Augenblick die richtige Beurteilung der Machtfaktoren und der Entwicklungen, die sich in nächster U m g e b u n g vollziehen. Wäre nicht im Augenblick durch die Vorgänge in Spanien, d. h. also im westlichen Mittelmeer, die politische Welt in Spannung gehalten, so würde wahrscheinlich den für das östliche Mittelmeer so wichtigen Vorgängen im Nahen Osten auch weit mehr Interesse geschenkt werden. Die Tatsache, daß die neue Türkei — aller Vermutung nach im Einverständnis mit England — zu einer führenden diplomatischen Tätigkeit übergegangen ist, kann alle politischen Verhältnisse des Nahen Ostens auf eine neue Basis stellen. Die Frage, die in diesem Zusammenhang auftaucht, ist vor allem die: Wird die ״Erbfeindschaft“ zwischen Türken und Arabern sich erneuern, bestehen zwischen beiden Völkern unlösliche Gegensätze, oder wird eine friedliche Kooperation erreicht werden? Manche Beobachter bauen jetzt schon ganze politische Konstruktionen auf der Annahme auf, daß durch die Aspirationen der Türkei die panarabischen Hoffnungen endgültig zerstört sind. Heinrich Margulies, in einem heute von uns veröffentlichten Artikel, sieht dank dem türkischen Aufstieg eine günstige Chance für den Zionismus, der jetzt in viel höherem Maße die Unterstützung Englands finden würde; er nennt diese Gedanken selbst vorsichtigerweise ״Phantasien“, aber wie dem auch sei, es wäre verfehlt, sich durch solche Kombinationen von einer sorgfältigen Beobachtung der Realitäten abhalten zu lassen. Daß Gegensätze zwischen Türken und Arabern vorhanden sind, zeigte sich deutlich in dem Konflikt von Alexaudrette. Ob es sich hier um eine lokale Frage handelt, die bereits mehr oder weniger bereinigt ist, oder um den Beginn eines weiter zielenden türkischen Vorstoßes, läßt sich noch keineswegs entscheiden, und hängt auch von sehr vielen Imponderabilien ab, mit denen die Türkei und andere zu rechnen haben. Vorläufig sehen wir eine überaus rege Diplomatie an der Arbeit, und viele Zeitungen glauben eine arabisch-türkische Einigung feststellen zu können, Der türkische Außenminister hatte in Bagdad einen sehr freundlichen Empfang, obwohl gerade am Tag seiner Ankunft vier Minister im Irak stürzten, weil sie, wie es heißt, eine militärische Expedition zur Niederwerfung revoltierender Stämme am Euphrat mißbilligten. Der türkische und der irakische Außenminister fuhren dann nach Teheran, und die iranische (persische) Gesandtschait in London beeilt sich, die Annahme, der türkische Ministerpräsident sollte in den Grenzstreitigkeiten zwisehen Irak und Iran (Persien) vermitteln, zu dementieren: diese Differenzen seien ohne Hilfe bereits ausgeglichen. Wieder ist viel von einer bevorstehenden Unterzeichnung des seit Oktober 1935 diskutierten Viererpaktes zwischen der Türkei, Irak, Iran und Afghanistan die Rede. Inzwischen war der syrische (arabische) Ministerprisident mit dem französischen Hochkommissar zusammen in Ankara, und es wurden Freundschaftserklärungen ausgetauscht. Die Neugestaltung Palästinas bringt anscheinend auch manches andere in Fluß. Der Mufti von Jerusalem ist in Damaskus, sein Gegner Abdullah streckt gleichfalls seine Fühler nach dieser Stadt aus, die zweifellos das legitime Zentrum des nördlichen (seßhaften) Arabertums (im Gegensatz zu den südlichen, mehr beduinischen Bewohnern der arabischen Halbinsel) ist. Auch darüber, welche Absichten die Großmächte verfolgen, besteht nicht durchaus Klarheit. Die Londotier ״T i m e s“ begleitet die Reise des türkischen Außenministers mit sehr freundlichen Glossen, wobei sie unterstreicht, daß der Viermächtepakt keine ״panislamische“ Note habe, denn der Panislamismus sei keine wirkende Macht mehr — eine wichtige Feststellung von dieser Seite. Die moderne Türkei ist ein Nationalstaat und sie hat, wie die ״Times‘‘ sagt, ״zu viele Beweise ihrer politischen Reife und ihres Realismus gegeben, als daß man sie beschuldigen könnte, Rh an tonten nachzujagen, welche die Regierungszeit Abdul Hamids oder der Jungtürken charakterisierem Die Türkei hütet sich heute vor den Fallen ottomanisclier Diplomatie und sie hat auch nicht vergessen, daß in der Vergangenheit in Asien die Rivalität zw(■ sehen England und Rußland vor allem durch bei- 1 der Wunsch, die schwachen Staaten zu beeinflussen, erzeugt war. Sobald diese Länder stark und unabhängig sind, werde Palästina und Empire Strategie Von unserem Berichterstatter J. K. London, den 30. Juni Admiral Sir Herbert R i c 1t m o n d, Rektor des Downing College in Cambridge und früherer Präsident der Marineschule in Greenwich veröffentlicht im ״Jewish Chronicle“ einen Artikel über die Bedeutung Palästinas für das Empire, dem infolge des Rufes des Autors als einer der größten Autoritäten auf dem Gebiete der F1 o 11 e n s t r a t e g i e besondere Beachtung zukommt. Im Falle eines Krieges sei die Bedeutung Palästinas offensichtlich, die Sicherheit englischer Truppen sei aufs äußerste gefährdet, wenn Palästina in feindliehe Hände käme, während Palästina in britischen Händen eine gute Basis für Gegenangriffe biete. Weiterhin sei Haifa für die Versorgung der Flotte mit Oel besonders wichtig. In diesem Zusammenhang müsse man dafür sorgen, daß die Oclleitung von den Quellen an das Meer selbst sicher sei und keine weiteren Streitkräfte zur Bewachung beanspruche. Deshalb ist, nach Meinung des Verfassers, eine Lösung des Falästinaproblenis, die die Wünsche der Völker, durch deren Gebiet die Oelleltung fließt (d. 11. der Araber — A. d. R,), berücksichtigt, von eminenter strategischer Wichtigkeit, Man könne nicht, ,ohne Gefahr übersehen, was die Geschichte unzufriedener Völker im Falle eines Krieges gelehrt habe. Syrisch-türkische Verhandlungen Unser Pariser K.-Beriehterstatter schreibt: Im engen Einvernehmen mit der englischen Regierung, die in dieser Riehtung ihren Einfluß in Ankara geltend macht, bemüht sich die französische Diplomatie, eine Entspannung der durch die Alexandrette-Affäre gestörten türkisch-syrischen Beziehungen herbcizuftiliren. Es ist Frankreich gelungen, den syrischen Ministerpräsidenten Djemil Merilam Bey trotz der Widerstände der syrischen Extremisten zu einer Reise nach Ankara zu veranlassen, auf der er von dem französischen Oberkommissar in den Levantestaaten de Märtel begleitet wird. Die Besprechungen, die dort mit den türkischen Ministern geführt wurden, erstreckten sich naturgemäß in erster Linie auf die Sandschak-Frage, doch wurde auch der Gesamtkomplex der syrisch-türkischen Beziehungen einer ausfiihrlichcn Klärung unterzogen. Die Türket hat bei dieser Gelegenheit unterstrichen, daß sie ebenso wie Frankreich bereit ist, sich strikt an die in Genf getroffenen Abtnachungen zu halten. Zwischen Frankreich und der Türkei bestehen über die Sandschakfrage keine Differenzen mehr und beide Staaten bemühen sich, auch Syrien zur Annahme des Kompromisses zu veranlassen. Der türkische stellvertretende Außenminister (Dr. Aras ist bekanntlich auf Reisen) hat in Erklärungen an die türkische Telegrafenagentur seine freundschaftlichcn Gefühle gegenüber dem syrischen Volke unterstrichen. Zum Abschluß der syrisch-türkisch-französischen Unterhandlungen fjmd ein Bankett statt, an dem auch der Präsident der türkischen Republik, K e m a I A t a t ü r k, teilnahm. Der türkische Außenminister Rüstü Aras hat vor seiner Reise nach dem Irak Syrien besucht. Er hat in einer Erklärung betont, ״daß die Türkei zwar grundsätzlich für eine enge Kooperation zwischen Syrien und dem Irak unter englischfranzösischer Kontrolle sei, daß aber die Türkei unter allen Umständen in diesen Freundschaftspakt eingeschlossen sein will. Das Sandschak-Abkommen, das in Genf abgeschlossen worden ist, hat diese Frage für die Türkei endgültig gerefeit, doch müßten die Verträge ohne Vorbehalt von allen eilen ratifiziert werden. Die Türkei, erklärte Rüstü Aras, hat keineswegs die Absicht, in Syrien elnzudringen und seine Unabhängigkeit zu beeinträchtigen. Wenn an der syrischen Grenze zur Zeit militärische Operationen stattfinden, so dienen sie ausschließlich der Beruhigung der Grenzregionen.“ Hauptsrhriftleiler: Dr. Robert Welt sch, Berlin - Charlottenburg 9 (auch verantwortlich für die Aufnahme von Bildern). Stellvertreter: Kurt Loewenjteln, Berlin W 15. Anzeigenleiter und verantwortlieh für den Inhalt der Anzeigern Hermann F I n n, Berlin VV 18. Gültig Anzeigen. Preisliste 6 vom 1. April 1939. Verlag und An. *elgenverwaltung: Jüdische Rundschau, Berlin W 18, Meinekeatr. 10. D.A t'1937 33 818. — Druckt Siegfried Schalem, Berltn-Schöneberg. diese Rivalität nicht nur endgültig verschwinden, sondern man meine in Ankara, daß der asiatische Pakt so erweitert werden kann, daß auch die beiden großen asiatischen Mächte einander näher gebracht werden und auf diese Weise der Aufrechterhaltung des Weltfriedens ein Dienst geleistet wird. Soweit die ״Times“. י Der asiatische Pakt würde wahrscheinlich auch ln anderer Beziehung eine neue Epoche einleiten. Eine neue Generation wächst heran und eine Tendenz zur Trennung von Religion und Staat, die in der Türkei schon vollzogen ist, macht sich in allen Ländern geltend. Manche meinen, daß eine Art moslemische ״Reformation“ bevorstehe. Dies sind Entwicklungen, deren Auswirkung für die ganze Welt, auch für Europa, noch unabsehbar sind. Riesige Länderkomplexe und Völker, die Jahrhunderte schliefen, geraten in Bewegung. Ob freilich gewisse Teile des Arabertums (man denke nur an Saudien) den Weg der konsequenten Vervveltlichung gehen werden, und ob nicht gerade hierdurch neue Gegensätze und Konflikte innerhalb der arabischen Welt entstellen, bleibt noch abzuwarten. Die Dinge liegen noch im Dunkeln, und die Kraft des einmal geweckten arabischen Nationalismus darf nicht unterschätzt werden. Das eine steht fest: in den noch unentwickelten und dünn bevölkerten Gebieten des Vorderen Orients könnte Raum für alle geschaffen werden, wenn erst durch Arbeit und Kapital eine dichtere Bevölkerung möglich gemacht wird. Hieran mitzuarbeiten wäre eine großartige zivilisatorische Friedensmission des jüdischen Volkes, zugleich auch für die Juden selbst der Beginn eines neuen Abschnittes ihrer Geschichte. Ein Untersuchungsbericht über Ecuador (J. K.) Eine englisch-jüdische Kommission, die sich längere Zeit in Ecuador aufhielt, veröffentlichte kürzlich einen Bericht in Buchform über die Ergebnisse ihrer Reise. (Zu beziehen von 4 Campdcn Hill Square, London W. 8.) Die Verfasser A. Golodetz und C. Q. Henriques sind nach zweimonatiger Studienreise zu dem Ergebnis gekommen, daß das Land ״für jüdische Masseneinwänderung eminent geeignet“ sei. In der Landwirtschaft sei Platz für Tausende von Familien, aber die Möglichkeiten in der Industrie seien beschränkt. Henriques erklärt jedoch, daß er unter keinen Umständen zur Ansicdiung aut dem Lande raten werde, solange nicht die Verkehrsverhältn i s 8 e verbessert seien. Die ersten Siedler müßten Menschen seien, die Einsamkeit ertragen und sich für längere Zeit auf schwere Verhältnisse gefaßt machen können. Amerikanische Zionisten .. naph London berufen New York, 28. Juni. (JTA.) Der Präsident der Jewish Agency und der Zionistischen Organisation, Dr. Chaim Weizmann, und der Vorsitzende der Exekutive der Jewish Agency, David Ren Gurion, haben au die Jahreskonferenz der amerikanischen Zionisten ein Telegramm gerichtet, in dem sie den Vorsitzenden der Zionistischen Organisation Amerikas, Dr. Stephen S. Wise, und die anderen führenden Männer der zionistischen Bewegung in Amerika dringend auffordern, unmittelbar nach Ende der Konferenz nach London zu kommen, um die dortige zionistische Führung bei ihren gegenwärtigen schwierigen politischen Aufgaben durch Rat und Tat zu unterstützen. In dem Telegramm wird darauf hingewiesen, daß die Hilfe der amerikanischen Juden im Colonial Office von entscheidender Bedeutung sein konnte. Wie Dr. Wise der JTA. mitteilt, ist cs ihm nicht mög* * lieh, sofort nach London zu kommen. Zionisten und Revisionisten Eine Round Table - Konferenz London, 29. Juni, (JTA.) Den Bemühungen von Dr. S. E. Soskiu, der sich an die Führer der Zionistischen und der Neuzionistischen Organisation mit der Aufforderung׳ gewandt hatte, eine Round Tablc-Konferenz abzuhalten, bei der die Möglichkeit einer Wiedervereinigung der beiden Verbände besprochen werden soll, ist es gelungen, die Zustimmung der beiden Partner zu diesem Plan zu erlangen. Die Round Table - Konferenz ist für den 9. Juli festgesetzt worden. Einzel• fragen, wie die Wahl eines unparteiischen neutralen Vorsitzenden, Ort und Zusammensetzung der Konferenz, sind noch zu erledigen. (Vor kurzem hat über diese Frage auch ein Briefwechsel in Südafrika, das Jabotinsky kürzlich besuchte, Stattgefunden, aber die dabei formulierten ״Bedingungen" Jabotinskys, die u. a. auf die Liquidierung der gegenwärtigen Jewish Agency hinauslaufen, waren nicht vielversprechend.) Irländische Sympathien. Unser Londoner J. K.-Korrespon• dent berichtet: In Anwesenheit des Oberbürger• meisters von Dublin (Irland) wurde in Dublin der Bazar des Jüdischen Nationalfonds eröffnet. Der Oberblirgcrmeister, eine der beliebtesten und einflußreichsten Persönlichkeiten des irländischen öffentlichen Lebens, hat schon bei wiederholten Gelegenheiten seine Anerkennung für die Leistungen der Dubiiner Juden zum Ausdruck gebracht. Am zweiten Tage der Ausstellung, an dem der Oberbürgermeister wiederum anwesend war, sprach der Abgeordnete Robert Briscoe, ein Mitglied der De Valera-Partei. Er kritisierte die Haltung der englischen Regierung gegenüber dem jüdisehen Nationalheim. Wenn die Regierung dem Jüdischen Volk nicht helfe, so sollte sie wenigstens die Juden in ihren Anstrengungen nicht hindern. Ausrüstung für Palästina and Ubersee Stbrlttlldie Anfragen an die Übersee-Abteilung / Telefonls<fae Verabredungen unter 52 0011 delUtistte Hüldstkt&kke ««IMl Petroleum-Kochherd« Vtrkauf im 2. Stotk יי.ל,יי.י. 7WT-TT W♦'#’ ♦V״ ,AV'.־.•, V ♦ V» . . / B E R II N C 2 SPANDAUIR KÖNIGS TR. KW