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Jüdische Rundschau · 1937-06-18 · Heft 48 (18.6.1937) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 48 (18.6.1937)
Date
1937-06-18
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 48,18. VI. 1937 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seife 5 Vorläufer der ZVfD Als in Bingen die ״Nationaljüdische Vereinigung für Deutschland“ begründet wurde, konnte ich nicht teilnehmen. Ich wohnte in Jaffa und kam dann erst als Abgesandter von Erez Israel zum Baseler Kongreß. Immerhin war ich nicht unbeteiligt An der vorhergehenden Arbeit in Deutschland hatte ich jahrelang teilgenommen. Denn die Gründung der ״Nationaljüdischen Vereinigung“ war nichts Plötzliches. Sie hatte Vorläufer, Vorläufer in Berlin und an anderen Orten. Der wichtigste Vorgänger war der ״Russisch Jüdisch« Wissenschaftliche Verein“, der in Berlin von Studenten im Jahre 1890 gegründet wurde, Er hatte nur e i n deutschjüdisches Mitglied. Hier wur« den die theoretischen Grundlagen des Nationaliudentums diskutiert und in tiefem Sinne verankert. Zwei Jahre später wurde unter den Juden Deutschlands der ״Jüdisch-Nationale Verein Jung-Israel“ begründet, an dem außer einigen Mitgliedern des Russischen Vereins, dreien aus Galizien und zweien aus Jerusalem, zuerst wirklieh in Deutschland geborene Juden teilnahmen, ״Jung-lsrael“ setzte die Tätigkeit des Russischen Vereins, an dessen Spitze Motzkin stand, in erweitertem Sinne fort. Beide Vereine bestanden einige Jahre freundschaftlich nebeneinander. Von ״Jung-Israel“ aus wurde eine ganze Reihe von Vereinen gegründet, die später in die zionistische Bewegung einmündeten oder in ihrem Sinn* beeinflußt wurden. Auen der Stammverein des KJV., die ״Vereinigung Jüdischer Studierender“, hatte hier ihren Ursprung. Der in Berlin gegründete Verein zur Unterstützung der jüdisehen Kolonisation in Palästina und Syrien ״Esra“, der seit 1884 bestand, wurde versucht zu aktivieren. Aber er blieb seinem Ursprung aus der Philanthropie treu. Hatte er doch ursprünglieh ״Sammelbüchse“ geheißen. Es gab auch journalistische Vorläufer der Nationaljüdischen Vereinigung. Da war vor allem die Wiener ״Selbst- Emanzipation“ des Dr. Nathan Birnbaum. Während der mehrjährigen Unterbrechung ihres Erscheinens war in Berlin der ״Serubabel“ erschienen, der zwar auch ״philanthropisch“ war, aber doch schon zuweilen seine Fühler nach wirklichem Nationaljudentum ausstreckte. Die ״Selbst- Emanzipation“ nannte sich im Untertitel ״Organ der Jüdisch-Nationalen“. Als Birnbaum dafür ״Organ der Zionisten“ im Jahre 1892 einsetzte, betrachtete er das als eine schwer empfundene Konzession an die ״Philanthropie“. Die Zeitschrift ging im Jahre 1893 ein und wurde in Berlin zuerst als ״Jüdische Volkszeitung“ fortgesetzt. Als auch diese nicht zu existieren vermochte, erschien an ihrer Stelle eine ernstere Monatsschrift ״Zion“, die seit Beginn des Jahres 1897 auch eine kleine hebräische und eine französische wenig größere Ausgabe hatte. Eine ganz besondere Vorbereitung umfassender ziouistischer Propaganda-Arbeit war die Ausstellung des Jahres 1896. Aut der Berliner Gewerbe-Ausstellung in Treptow bei Berlin gab es auch eine orientalische Stadt ״Kairo hei Berlin“. Als wir im Jahre 1895 bei unserm Aufenthalt in Kairo davon hörten, trafen wir sofort die notwendigen Abmachungen, innerhalb dieser orientalischen Stadt eine jüdische Palästina-Ausstellung zu veranstalten und bei unserem weiteren Aufenthalt in Erez Israel bereiteten wir sie vor. Diese Ausstellung war eine überaus gelungene. Sie wurde von meinem Freunde Mosche David Schoub, dem Gründer von Rosch-Pinah, und mir gemeinsam geleitet. Die Hunderttausende, die diese Ausstellung besuchten oder dort ein Glas Palästinawein tranken, erfuhren von den jüdischen Kolonien und ihren nationaljüdischen Absichten. Aehnliches, wenn auch in geringcrem Maße, war der Fall im Jahre 1897, wo wir von Erez Israel aus eine ähnliche Veranstaltung auf der internationalen Gartenbau-Ausstellung in Hamburg machten. Beim Erscheinen von Dr. Herzls ״Judenstaat“ wurde in nicht sehr großen Kreisen stürmische Begeisterung erweckt, ln weitesten Kreisen wurde aufs schärfste dagegen Front gemacht. Aber diese Feindschaft wurde ebenfalls ein Teil von jener Kraft, die das Werk stören oder zerstören wollte, in Wahrheit aber doch dazu bestimmt war, es fast noch mehr zu fördern, als die Anhänger fordern konnten. Und damit iu haben in den guten Fachgeschäften IWP 1 I THSsbekleitiunq VienaiHrgemässe hing das Verlangen nach dem Kongreß und seine Einberufung zusammen. Die Proteste, die ihn von München nach Basel wegdenunzierten, wurden mächtige Antriebe im entgegengesetzten Sinne, als die Protestler wollten. Die Binger Tagung war für die Zionisten Deutschlands der Abschluß einer längeren Entwicklung und gleichzeitig die starke Wurzel, aus der der mächtige Baum der ״Zionistischen Vereinigung für Deutschland“ emporwuchs. Sie war auch für uns, die wir wegen der örtlichen Entfernung an ihr nicht teilnehmen konnten, ein Ereignis von allergrößter Bedeutung, und es war uns, den Freunden in Jaffa, als wären wir auf ihr zugegen. Tel Aviv, Siwan 5697. Heinrich Loewe In Heidelberg vor 55 Jahren Von Dr. med. et phil. Arnold Sack, Heidelberg Der erste nationaljüdische Verein in Deutschland wurde in Heidelberg von Prof. Hermann Schapira, dem Vater der Nationalfonds-Idee, gegründet. Aus dieser Zeit seien einige Erinnerungen hier wiedergegeben. Ich kam im Oktober 1882 als Student im 3. Semester nach Heidelberg, wo ich bald den Mathematiker Dr. Hermann Schapira kennenlernte. Hermann (Hirsch, Zvvi) Schapira war in Litauen in Erswilken bei Tauroggen 1840 geboren. Der kleine Zvvi sollte, nachdem er Glieder, Jeschiwa und Bcth Hamidrasch besucht hatte, Rabbiner werden. Von der Aufklärungs- und Emanzipationswclle bald erfaßt, entsagte er diesem Beruf freiwillig und ging nach vielen Schicksals- Schlägen, die seine Energien und seinen mit hervorragender Begabung für Mathematik gepaarten Wissensdrang nicht zu brechen vermochten, nach dem Süden Rußlands, wo er sich als Angestellter eines Handelshauses niederließ und die Ehe mit Katharina Blank einging. Es gelang ihm, sich ein kleines Vermögen zusammenzusparen. Nun sah sich der nach wissenschaftlichen Erfolgen dürstende Mann in der Lage, dem Traum seines Lebens nachzugehen und sich nach Deutschland zu begeben, wo er dem ernsten Mathematikstudiuin obliegen konnte, ln Berlin und später in Heidelberg brachte er es in seinem Studium soweit, daß er 1880 (als Vierzigjähriger!) hei dem Heidelberger Ordinarius für Mathematik, Geheimrat Fuchs, promovieren konnte. Fuchs erkannte in ihm eine mathematische Begabung ersten Ranges. Schon 1883 wird er im Dozentenverzeichnis als Privatdozent geführt. Bei ihm hörte auch ich damals Differential- und Integralrechnung. 1887 wurde Schapira außerordentlicher Professor. Damals bestand in Heidelberg ein kleiner Kreis von jüdischen Studierenden aus Rußland, die ihre Bücke in die Zukunft richteten. Schapira hörte nicht auf, diese Jugend aut ihr Judentum und auf ihre Verpflichtungen diesem gegenüber mit aller Schärfe und Leidenschaft hinzuweisen und von ihnen Besinnung auf den ihm heiligen Zionsge danken zu fordern. Er predigte ihnen unablässig die Pflicht eines national-kulturellen Zusammenschlusses auf dem Boden der Zionsidee und stellte ihnen die Notwendigkeit vor Augen, aktiv für die Kolonisation Palästinas zu werben. Es kam Schapira damals, 15 Jahre vor Herzls Judenstaat, weniger auf die unmittelbare Verwirklichung seines Programms, als auf die Aufrüttelung des jüdischen Gewissens im Sinne der Belebung der hebräischen Sprache und des neuhebräischen Schrifttums — ein Gebiet, auf dem er selbst ein Meister war — und der Schaffung eines kolonisatorischen und kulturellen Zentrums in Palästina mittels eines von den Juden der Welt zu gründenden unantastbaren Nationalfonds an. Es läßt sich dariiber streiten, ob dieser Versuch mit geeigneten Mitteln unternommen wurde. Mancher wird vielleicht lächeln, wenn ich erzähle, daß Schapira, als er sich mit einer kleinen, kaum zehnköpfigen Schar junger Studenten umgab, den Glauben hatte, daß es nur eines Zündfunkens bedurfte, um das jüdische Gewissen zu wecken und die Flamme der Begeisterung für die Zionsidee zu entzünden. Und diesen Zündfunken wollte er mit seinem von ihm gegründeten Verein ״Zion“ schaffen. Wenn auch der Funke bald darauf zu erlöschen drohte und der Verein nach kurzer Zeit verschwand, so loderte der Funke 15 Jahre später zu einer großartigen Flamme auf, als Schapira auf dem ersten Zionistenkongreß in Base! 1897 seinen Nationalfondsvorschlag, den er vor 15 Jahren in den Satzungen seines Vereins niedergelegt hatte, zur Diskussion stellte und den Kongreß zur Annahme bestimmte. Dieser Erfolg gab ihm nach vielen Enttäuschungen eine glänzende Rechtfertigung. Von den acht Mitgründern des Vereins ״Zion“ hin ich der einzige Ueberlebendc. Schapira starb schon 1808. Auch die übrigen Milgründer des Vereins deckt schon der Rasen. Welche Ziele hat Schapira dieser großen Vercinsorg.tnisation setzen wollen? Darüber belehrt die Satzung. Fs waren vier Paragraphen: 1. Die Verbreitung der Kenntnis der hehräischen Sprache und Literatur unter den Juden. 2. Die Her- Stellung einer Einigkeit unter allen Beireimern des Judentums ohne Unterschied zum Zwecke der gemeinsamen Vorbesserung des Loses der Juden. 3. Die Verwirklichung der Idee der Kolonisation Palästinas durch Juden. 4. Die Schaffung eines einheitlichen Mittelpunktes für alle auf geistige Ausbildung gerichteten Bestrebungen in den zu gründenden palästinensischen Kolonien. Derselbe soll gewonnen werden durch die Herstellung einer Hochschule fiir die Erwerbung aller religiösen, wissenschaftlichen und praktischen Kenntnisse: a) theologische, b) theoretische, c) technisch-agronomische Abteilung. Ferner enthielten die Satzungen Vorschlage zur Gründung eines jüdischen Nationalfonds. Da einige von uns die Heidelberger Universität verließen und ein Zuzug nicht zu erwarten war, trat sehr bald in dem kleinen Kreise eine Ernüchterung ein. Man fragte sich, oh man sich nicht auf dem toten Geleise befand und zog sich langsam vom Verein zurück. Ich habe noch am längsten ausgeharrt, habe aber zuletzt, da ich auf andere Universitäten ging, die Fühlung mit Schapira, der über das Scheitern seiner Pläne tief unglücklich war, etwas gelockert. Der Verein Zion hat, wie schmerzlich es für uns auch war, so gut wie aufgehört zu existieren. Das Geld lagerte nach wie vor auf der Bank und das Archiv und die Druckschriften wurden Prof. Lefmaun als Treuhänder zur Aufbewahrung übergeben. Erst nach Schapiras plötzlichem Tode (er erlag einer Lungenentzündung 1898 in Köln, wo er gelegentlich einer Besprechung mit den Mitgliedern des damaligen zionistisehen Aktions-Comites, David VV o 1 f f s o 11 n und Max Bodenheimer, weilte) wurde von mir das ganze Archiv des Vereins mitsamt seinem Vermögen (etwas über 2000 RM.) der Kölner Zionistischen Vereinigung übereignet mit dem Ersuchen, über alles nach Möglichkeit im Sinne des Verstorbenen zu verfügen. Foto : Archiv Die Entstehung einer Ortsgruppe Von Dr. Ahron Eliasberg, Jerusalem Während des ersten Kongresses ging ich täglich ins Cafd Central, um die neuesten Kongreßberichte in der ״Frankfurter Zeitung“ zu lesen — der einzigen Tageszeitung Deutschlands, die solche brachte. In Leipzig gab es damals unter meinen Bekannten keinen, mit dem ich von dem großen Ereignis sprechen konnte. So blieb es, bis ich kurz nach Beginn meines ersten Semesters Martin B u b e r kennenlernte, der zwei Semester älter war. Bubers damalige Einstellung würde man heutzutage als die eines ״Non-Zionist“ bezeichnen. Er wolle, sagte er einmal, alle Pflichten des Zionisten tragen, verzichte aber auf dessen Rechte. Immerhin war er von seiner Wiener Studienzeit her einigermaßen informiert, auch las er bei mir öfter das von Herzl begründete und herausgegebene zionistische Zentralorgan ״Die Welt“. In den großen Ferien des Sommers 1898 schrieb mir Buber nach Leipzig, zwei Bücher, die er kürzlich gelesen, hätten ihn zum Zionismus bekehrt: Mathias Achcrs ״Jüdische Moderne“ und ״Die Juden von Zirndorf“ von Jakob Wassermann. Er wolle, wenn er zum Wintersemester nach Leipzig zurückkomme, zionistisch arbeiten und rechne auf meine Mitwirkung. Buber hatte zuerst daran gedacht, der zionistischen Aufklärungsarbeit einen gesellschaftlichen Anstrich zu geben. Durch Vermittlung des ihm befreundeten Gemeinderabbiners Dr. Porges stellten wir einen Antrag beim ״Verein für jüdische Geschichte und Literatur“, den mitunterzeichncten Martin Buber zu einem Gastvortrag über Zionismus zuzulassen. Aber der Vorstand verlangte alle möglichen Kautelen, z. B., daß jeder von uns nicht mehr als drei Gäste einladen durfte. Wir sahen bald ein, daß auf diesem Wege kein Weiterkommen war und beschlossen, eine öffentliche Ver- Sammlung zu veranstalten. Die ZVfD. in Köln, von der wir Instruktionen erbaten, empfahl uns, uns mit Dr. Heinrich Löwe aus Magdeburg in Verbindung zu setzen, der zu den eifrigsten Propagandisten der jungen Bewegung gehörte. Löwe kam schon am nächsten Sonntag nach Leipzig. Wir verabredeten, daß wir die Einladungen zur Versammlung, deren Text er verfaßte, vervielfältigen und ihm nach Magdeburg schicken, damit er sie als verantwortlicher Einberufer unterschreibe. Dies geschah. Als aber fünf Tage vor dem angesetzten Termin der Versammlung wir weder die Formulare noch einen Bescheid erhalten hatten, begab ich mich nach Magdeburg. Aber Löwe war nicht da. Das unaufgemachte Paket wurde mir von seinen Eltern ausgehändigt. Auf Grund der Auskünfte nahm ich an, er würde in Berlin sein. Ich fuhr also nach Berlin. Auch diese Hoffnung trog. Aber ich stieß auf zwei junge Mediziner, Isaak Zwirn und Arthur Pelz, die schon von Lissa her mit Organisationsarbeiten vertraut waren. Zuerst veräppelten sie mich wegen unserer Naivität, dann setzten sie sich hin und unterschrieben die 700 Einladungen mit dem Namenszug Dr. Heinrich Löwe, indessen ich die Formulare abtrocknete und zusammenlegte. So wurden wir gerade fertig und ich konnte den letzten Abendzug nach Leipzig erreichen. Am Bayerischen Bahnhof empfingen mich Buber und Tebrich, die ich telegraphisch benachrichtigt hatte, wie einen Sieger. Völlig erschöpft — alle Fahrten vierter Klasse! — durfte ich nach Hause gehen. Buber aber und Tebrich blieben die Nacht auf, um die Einladungen versandfertig zu machen und sic so rechtzeitig aufzuliefern, daß sie mit der Sonntagspost ausgetragen wurden. Diese Eile war geboten, weil am Nachmittag des Sonntag eine Chanukkahfcier der Jüdischen Gemeinde stattfand und wir die Gelegenheit nutzen mußten, um die Kunde von der ersten zionistischen Volksversammlung in aller Leute Mund zu bringen, Die Bombe schlug ein. Bei der Feier gab es viel entriisjetes Gerede... * Wie gingen wir in unsere erste Schlacht? In den änderthalb Jahren meines Leipziger Aufenthaltes hatte der Zionismus Hoch gewisse Eroberungen gemacht. In der Person des Studenten Asarch aus Riga halte sich uns ein richtiggehender russischer Zionist allgeschlossen. Sympathie und sogar Begeisterung hatte zuerst ein Musikprofessor gezeigt, der aber infolge eines Winkes von Seiten des Gemeindevorstandes den Verkehr mit uns abbrach. Zu erwähnen ist auch Herr Max Kallmann, Inhaber der bekannten Leipziger Buchhandlung M. W. Kaufmann, der auf unsere Veranlassung ״Rom und Jerusalem“ von Moses Heß neu auflegte; ferner Herr Kahn, Mitarbeiter Gustav Dalmanns und hebräischer Lektor, später Professor an der Leipziger Universität, den die zionistische Sache zutiefst ergriff. Das Gros der Armee besiand aber aus anderthalb Dutzend Handelsschülern im Sekunda- und Primaalter, die, meist aus wohlhabenden russischen Häusern stammend, unsere Kasse ein wenig finanzierten. Sonst lebte unsere Aktion von unserem Kredit bei Verwandten, mit denen sich dann die Väter auseinanderatsetzen hatten. Eines Tages fanden wir auf meiner Bude einen Zettel vor, des Inhalts, daß der Unterzeichnete Paul Tebrich, sich freuen würde, seine Gesinnungsgenossen kennenzulernen. Wir begaben uns sofort zu ihm. Es stellte sich heraus, daß er meine Adresse auf dem Postzeitungsamt erfahren hatte, wo er sich nach Abonnenten der ״Welt“ erkundigt hatte. Ich war der einzige. Tcbrichs Hilfe war uns von großem Wert, weil er, gleichfalls ein Lissacr, die zionistischen Dinge kannte. Den größten Nutzen hatten wir von einem Beamten der Jüdischen Gemeinde, einem mit Gott, der Welt und dem Gemeindevorstand entzweiten Mann, der im Zionismus, wenn nicht gerade den Frieden fand, so doch die Möglichkeit, seine Enttäuschung abzureagieren. Ihm verdanken wir das unschätzbare Adressenmaterial und zahlreiche Auskünfte. Er wagte es sogar an unseren vorbereitenden Versammlungen tcilzunehmen. Sehr viel Energie verbrauchten wir, um aus der Mitte der einheimischen Juden Beisitzer für den Versammlungs- Vorstand zu gewännen. Wir besuchten sämtliche Akademiker in bürgerlichen Positionen und erfuhren lauter Absagen. Ein Schulmann, im Besitz einer, fiir einen Juden wenigstens, angesehenen Stellung machte unseren Bekohrungsversuch dadurch zunichte, daß er noch mitten in seiner Rede, eigentlich unbewußt, zur Tür ging und sie weit aufmadite... Endlich gewannen wir wenigstens den aus Frankfurt stammenden jungen Arzt, Dr. Max Feuchfwanger, einen Orthodoxen, der an einem Leipziger Krankenhaus sein praktisches Jahr absolvierte. Er verließ später aus Gevvissensbedenken die Zionistische Organisation. * Am Tage der Versammlung, dem 14. Dezember 1S98, bekamen wir ein Telegramm: ״Aiikommeri Mittags/ug Bayerischer Bahnhof, Erkennungszeichen Nummer der Welt. Klee, Goetz“. Beide Namen waren uns unbekannt. In begreiflicher Erregung waren wir viel zu früh am Bahnhof erschienen und ingen, die Nummer der Zeitschrift in der Hand, vor der perre auf und ab. ״Die Welt, in der man sich langweilt“, meinte gutmütig der Schaffner. Dr. Alfred Klee, was wir zu beiderseitiger Beschämung erfuhren, war eine der Säulen des Zionismus in Deutschland. Fritz Goetz — er zog sich später von der aktiven Arbeit im Zionismus zurück — war ein Mitarbeiter des Ullstein-Verlages. Die Rollen wurden nun einigermaßen verteilt. Referent: Buber, Vorsitzender und erster Sdiltißredner: Heinrich Löwe, erster Diskussionsredner: Klee; Goetz und Feuehtwanger: Beisitzer am Vorstandstiseh. Ich übernahm die Saalaufsicht. Zur Versammlung kamen ungefähr 300 Leute. Bubers Vortrag war jugendlich schwungvoll, begeistert und begeisternd, die Angriffe der Gegner von geringem Kaliber, unseren geschulten Debatten! leichte Triumphe ermögbehend. Die Resolution erklärte die Ortsgruppe der Zionisti• sehen Vereinigung für Deutschland für begründet und fand einige Dutzend Unterschriften. Eine Nebenwirkung dieser Gründung war die durch die drei alten Herren des VJSt. Berlin — Löwe, Klee, Goetz — verkündete ״Eröffnung“ eines Leipziger Vereins Jüdischer Studenten. Achtzehn Studenten schlossen sich an, unter ihnen Abraham KaOdinnski, der nachmalige Econotnical Adviser der Exekutive, 1937 in Palästina verstorben, und der bekannte Warschauer Zionistenführer Leon Levite. Zum Vorsitzenden beider Organisationen wurde Buber gewählt. Schon in den Weihiiachfsferien entsandte der Leipziger VJSt. eine aus Buber, Tebrich und mir bestehende Delegation, um der Muttcranstalt, dem Berliner VJSt., den Besuch zu erwidern und unseren Dank auszusprechen. Dort kamen wir mit den Trägern der zionistischen Arbeit in Deutschland zusammen. Außer den obengenannten lernten wir Hantke, Friedemann, Zlocisti, Albert Goldberg kennen, auch Bodenheimer, der zufällig in Berlin war. Von diesem Besuch datiert unsere engere und dauernde Verbindung mit der ZVfD. Vielleicht wird ein anderer die fernere Geschichte der Leip* ziger Ortsgruppe und des VJSt. erzählen. Unsere Beziehungen hörten bald auf, denn mit dem Semesterschluß verließen wir Leipzig. Buber konnte der Ortsgruppe noch einen letzten Dienst leisten, indem er Leipzig auf dem Delegiertcntag der ZVfD. vertrat, der in den Osterferien in Köln stattfand. fr

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