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Jüdische Rundschau · 1937-06-18 · Heft 48 (18.6.1937) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 48 (18.6.1937)
Date
1937-06-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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JODISCHE RUNDSCHAU Seife 3 / Nr. 48 18. VI 1937 Vierzig Jahre ZViD Das vierzigjährige Jubiläum des Bestehens der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, das bereits durch einen Festakt in Berlin gefeiert wurde, wird in diesen Tagen von den Zionisten im ganzen Reiche begangen. Auch der bevorstehende Zionistenkongreß, der einen entscheidenden Wendepunkt der zionistischen Geschichte markieren dürfte, wird im Zeichen des vierzigjährigen Jubiläums der Zionistischen Organisation stehen. Was das bedeutet, haben wir in der ״Jüdischen Rundschau“ am 28. Mai in einem Artikel ״Drei Generationen“ bereits ausgeführt. Vor zwei Jahren, im April 1935, habe wir dem vierzigjährigen Bestehen der ״Jüdischen Rundschau“ eine 64 Seiten starke Festnummer gewidmet, in der gleichfalls die Entwicklung der letzten vierzig Jahre im Judentum Deutschlands, in Palästina und in der Gesamtsituation des jüdischen Volkes gewürdigt wurde. In der Vergangenheit der Bewegung ist ein großes moralisches und seelisches Material aufbewahrt, das der jüngeren Generation in immer weitere Ferne entschwindet; es ist auch für die heute Jungen wichtig, die Anfänge zu kennen. Adolf Böhm hat uns in seinem Buche ״Die Zionistische Bewegung“ eine Darstellung geschenkt, die das sachliche ebenso wie das ideenmäßige Material in erstaunlichem Maße lebendig macht; darüber hinaus aber gibt es den großen Fonds des Anekdotischen, des Chronistischen, des persönlichen Erlebnisses derer, die dabei waren. Wir haben uns an eine Reihe von Persönlichkeiten mit der Bitte gewandt, von ihren Erlebnissen und von ihrer Zeit zionistischer Aktivität in Deutschland kurz zu berichten. Die eingelangten Antworten, die selbstverständlich auch nur einen kleinen Ausschnitt darstellen können, geben wir nachstehend wieder. — Red. Kurzer Rückblick Eröffnungsansprache beim Festakt am 31. Mai 1937 Von Benno Cohn Vierzig Jahre sind gewiß kein Anlaß zu lautem Feiern. Nicht Selbstgefälligkeit und nicht Selbstzufriedenheit bewegen uns, die Vollendung des vierten Jahrzehnts zum Anlaß eines Festaktes zu erheben. Wohl aber glauben wir, daß wir in einer Zeit, in der die jüdische Welt an allen Ecken und Enden zu brennen scheint und wir in Erez Israel im Kampf um unser Recht auf die Heimat stehen, daß wir in einer solchen Zeit aus der Betrachtung des Vergangenen lernen können. Denn das Bewußtsein unserer Geschichte hat uns noch immer Kraft für unser Leben gegeben. Und in der Tat: wir dürfen sagen, daß die ZVfD. auf eine Geschichte zuriiekbiieken kann. Entwicklungen und Tendenzen, Persönlichkeiten und Ereignisse, Kämpfe mit Gegnern und Auseinandersetzungen im Innern haben diese Jahrzehnte erfüllt und ihnen ihr Gesicht gegeben. Unsere Anfänge liegen eigentlich noch vor der Zeit, deren Ablauf wir heute festlich begehen. Schon im Jahre 1889 hörte ein junger Referendar in Köln, der heute 70jährige Max Boden he im er, den immer stärker werdenden Ruf des ästliehen Judentums nach einem eigenen Lande. Diesen Ruf nahm er auf. Die Stimme des Jungen und Unbekannten wurde kaum gehört, aber einzelne Menschen fanden sich, und als David Wolffsohn, der die natürliche Zionsliebe seines ostjüdischen Elternhauses auch im Westen bewahrt hatte, hinzutrat, entstand der Kölner Chowewe-Zion-Verein, der der Vorläufer unserer ZVfD. wurde. Unabhängig davon nahmen in Berlin der Israelitische Humanitätsverein und der Verein ״Jung Israel“ die national jüdischen Gedankengänge auf, die ostjüdische Studenten vertraten. Zu diesem Kreise gehörte bereits Adolf F r i e de in a n n, der spätere Mitarbeiter und Biograph Herzls. Heinrich Loewe war der Mittler zwischen West und Ost. Der mächtige Strom, der alle kleinen Zuflüsse in allen Ländern sammelte und zu einer mitreißenden Bewegung einte, war die von Herzl geschaffene Bewegung des Zionismus, die damals die jüdische Welt als eine Rebellion ohnegleichen empfand. lin August 1897 fand der erste Zionistenkongreß in Basel statt. Kurz vorher war auf Initiative Bodenheimers der 1. Delegiertentag der ,.National jüdischen Vereinigun g für Deutschland“ nisammengetreten. Er begründete unsere Vereinigung. Das Gefühl historischer Dankesschuld beseelt uns, wenn wir der kleinen Anwaltskanzlei in Bingen a. Rh. gedenken, von der aus die Pioniere der jiidisehen Wiedergeburt ihren Weg antraten. Kurz nach dem I. Zionistenkongreß ersetzte diese Ver- Einigung in ihrem Namen das allgemeine Wort ״nationaljüdisch“ durch das bestimmte ״zionistisch“ und nahm die Verkündung des Baseler Programms an allen Orten auf, wo Juden wohnten. Die Armen und die Jungen haben das neue Wort zuerst aufgenommen und mit ihrer Begeisterung andere entflammt. Unter der jüdischen Studentenschaft fand das neue und hochgesteckte Ziel die meisten Anhänger lind die mutigsten Vertreter. Theodor Z1 ocisti und Erich Rosenkranz im Bund jüdischer Corporationen (B. J. C.), Egon Rosenberg im Kartell Zionistischer Verbindungen (K.Z.V.) schufen der Bewegung die ersten Gruppen aufopfernder Mitarbeiter. Die zionistische Propaganda setzte mächtig ein. In ein erstarrtes Judentum, das auf der Flucht vor sich selbst war, trug damals Alfred Klee den zündenden Funken jüdischen Zukunftswillens. Seine Schöpfung und die seines Kreises war später der Neue Jüdische Gemeindeverein in Berlin, der Vorläufer der späteren Jüdischen Volkspartei. Zu ihnen gehörte auch Aron Sandler und der kürzlich verstorbene Max K o 11 e n s c 11 e r. Als die ersten jungen Rabbiner sich offen zu uns hekannten — in Berlin vor allem Emil Cohn und Warschauer — da kämpfte der Zionismus mit aller Leiden- Schaft von den Kanzeln der Synagogen herab für das Recht, dem Gebet um Rückkehr nach Zion die innere Wahrheit Wiederzugeben. Nach Herzls Tode ging die Führung der Weltorganisation an Wolffsohn über. Köln, dann Berlin wurde der Sitz des Eegeren Aktionscomitds, und Bodenheimers Nachfolger im Präsidium der ZVfD., Arthur H a n t k e, stellte seine Arbeitskraft und große organisatorische Begabung in den Dienst der Bewegung. Der ״synthetische Zionismus“, der die politische Arbeit Herzls mit praktischer Palästina- Arbeit verband, fand in der ZVfD. eine starke Stütze. Aus dieser kamen ja Otto Warburg— der Nachfolger Wolffsohns auf dem Präsidentenstuhle — und Arthur R u p p i n, der bald der Kolonisator der Zionistischen Organisation wurde, neben ihnen Davis Trictsch und Treidel, die die Kolonisationsarbeit vorbereiteten und aufnahmen. Nahum Sokolow und Schmarjahu Lev in, angefüllt mit den Schätzen des jüdischen Ostens, vermittelten den Zionisten in Deutschland die erste Ahnung von den Möglichkeiten einer hebräischen Renaissance. Schon vorher hatte Martin Bub er den Blick der nationalen Bewegung nach innen gelenkt und die Verwirklichung der zionistischen Idee im Menschen gefordert. Und schließlich drang in der ZVfD. eine neue Generat io n durch. Ihr Lehrer wurde Kurt Blumenfeld, der das Gesicht der Organisation neu prägte. Ihm und seinen Freunden, zu denen vor allem Felix Rosen bl üth — später Vorsitzender der ZVfD. — gehörte, stellte sich der Zionismus als eine Erneuerungsbewegtmg dar, die getragen wurde von den großen geistigen Strömungen Europas. In Richard Lichtheim fanden die auf Staatlichkeit gerichteten Ideen ihren fähigen Repräsentanten. Die Errichtung der Nationalen Heimstätte in Palästina mitten im Weltkrieg hob den Zionismus aus dem Bereich Ein Brief Dr. Weizm&nns London, 13. Juni 1937 An den Geschäfts führenden Ausschuß der Zionistischen Vereinigung für Deutschland Berlin W 15 Sehr geehrte Herren Gesinnungsgenossen! Die Zionistische Vereinigung für Deutschland feiert in diesen Tagen das Jubiläum ihres 40iährigen Bestehens, das gleiche Jubiläum, das wir alle in wenigen Wochen begehen werden, wenn wir uns — 40 Jahre nach dem ersten Zionistenkongreß — zum XX. Kongreß versammeln. Niemand von uns kann ein Gefühl tiefer Bewegung unterdrücken, wenn er sich vergegenwärtigt, welche Wandlung unsere Bewegung seil jenen Tagen des ersten Höffens durchgemacht hat. Der Weg, den wir durchmessen haben und der uns von der ersten ahnungsvollen Erkenntnis des jüdischen Volkstums zum realen, mit allen Schwierigkeiten der Realität und des wirklichen Lebens verbundenen Aufhau unseres Nationalheims geführt hat, war kein leichter. Jede Gruppe unserer Bewegung hat dazu beigetragen, die Aufgabe, die uns gestellt ist, zu erfüllen. Sie wissen, daß ich den Zionismus in Deutschland besonders hochschäfzc. Er ist das Werk einer Generation von Männern, die aus ganz anderen Verhältnissen herkamen als die ostjüdischen Träger der Bewegung. Sie mußten daher auch einen weiteren und schwereren lUeg zurüchlegcn, und sie sind vor keinem Problem zurückgeschreckt. Der Zionismus in Deutschland war zum großen Teil eine Erziehung zum jüdischen Volkstum und zum jüdischen Bewußtsein, und diese Erziehungsfunktion, die ihren Niederschlag in einer reichen Literatur ״nd Publizistik gefunden hat, wurde von der Gesamtbewegung immer mit großem Respekt gewürdigt. Die Zionisten in Deutschland haben das Gefühl dafür bewahrt, daß das Wieder erwachen unseres Volkes ein organischer Prozeß ist, der innerlich reifen muß, der manchmal etwas langsamer gehl, um dann wieder schneilere Schritte machen zu könnnen. Ich glaube auch beobachtet zu haben, daß die Fragen unserer Palästina- Politik von unseren Freunden in Deutschland besonders sachlich und realpolitisch betrachtet wurden, und daß man dort der wirklichen Leistung von jeher mehr Gewicht beilegte als der bloßen Phrase. Es liegt mir selbstverständlich fern, in diesem kurzen Brief, den ich mit allen meinen guten Wünschen an Sie richte, eine Würdigung des Zionismus in Deutschland zu geben. Ich will aber betonen, daß besonders die letzten vier oder fünf Jahre einen gewaltigen Beitrag der Zionisten Deutschlands zum Aufbau unseres Nationalheims gebracht haben, wenn wir auch gewünscht hätten, daß das engere Verhältnis zu Palästina, das die Juden in Deutschland heute gefunden haben, nicht durch äußere Geschehnisse, sondern durch eine echte innere Entwicklung herbeigeführt worden wäre. Es gereicht der zionistischen Gesamtbewegung zur Genugtuung, daß sie in Zusammenarbeit mit der. Zionistischen Vereinigung für Deutschland in den letzten Jahren so viel für die Aufnahme und An sied• lung von Juden aus Deutschland in Palästina tun konnte, und wir alle bringen der ZVfD. und darüber hinaus den verantwortlichen Instanzen der Juden in Deutschland angesichts der schweren Aufgaben, die sie heute zu bewältigen haben, aufrichtige Gefühle unserer Sympathie und Verbundenheit entgegen. Wir stehen heute, wie Sie wissen, unmittelbar vor einer großen Entscheidung. lU/e immer sic ausfallen möge, der in der tiefen historischen Notwendigkeit verwurzelte zionistische Wille wird nicht wanken. Zurück« blickend auf diese vierzig Jahre werden wir neuen Mut schöpfen zu der vielleicht noch schwereren Arbeit, die noch vor uns liegt. Wenn wir alle uns vorbehaltlos für die Sache unseres Volkes cinsctzen, kann das. Ziel nicht verfehlt werden. In diesem Sinne sende ich Ihnen meine Glückwünsche und Grüße. Ihr treuer Chüim Weizmann IltlllllllllllllllllillllllllllillllillllllllllllillllllDMIIIllllllllltlimllHIHMfllinMWIllllUIUIIIMtMMItHlllll lllllMlIlUllilllllllllllllllllllllllfllllMINIilllillllllllllllllllllUlllillllillllllllllllHlMlilllllllllSlIlIflintlllllllllliMlIUlllllllIlllllllilMimiilinllllimillilllMlllilllllMim von Wünschen und Hoffnungen unmittelbar auf die Ebene der Verwirklichung. Schon vorher waren einzelne Zionisten aus Deutschland nach Palästina übcrgesiedelt, und cs war eine wirkliche Pioniertat, als Elias Auerbach und Wilheim Brünn sich in Haifa und Jerusalem als Aerzte niedergelassen hatten. Nun aber drängten aus der jüdischen Jugendbewegung starke Kräfte nach Palästina, um dort ein Leben der Arbeit und Gemeinschaft zu führen. Der Gold- und Silberschmiede 9cse/bJ$1 ץ־- AUCH ANKAUF BERLIN W8, Unter den Linden 65 (Hotel Bristol) G.B. 11/28242 J Wanderbund ״Bl au-Weiß“ erfaßte Tausende junger Mensehen, die die Mitwirkung am Aufbauwerk als ihre persönliehe Aufgabe ansahen. Hunderte verließen schon damals Elternhaus und städtischen Beruf, um sich landwirtschaftlich für Erez Israel vorzubereiten. Ein Hochgefühl des Anbruches ,einer größeren und schöneren jüdischen Zukunft erfüllte ihr Lehen, und der historische Moment fand eine Bereitschaft, die jedes Hindernis zu überwinden entschlossen war. Hier haben sich späterhin Schranken mannigfacher Art als zu mächtig erwiesen. Schon Jahre vorher hatte der Makkabi die jüdischen Sportler und Turner unter der blau-weißen Flagge vereinigt und die physische Renaissance des jüdischen Volkes als nationale Forderung durch gesetzt. Nach dem Kriege stellte die neue Periode der Verwirklichung praktische Aufgaben von großem Ausmaß. Der neue Fonds, Keren Hajessod, verlangte die persönliche Opferbereitschaft jedes einzelnen Zionisten, seine Mitarbeit bei der Aufbringung der notwendigen Mittel. Die ZVfD. hat damals das Maasscr-Prinzip in ihren eigenen Reihen durchgesetzt und dadurch die moralische Kraft gewonnen, die Mitwirkung der jüdischen Allgemeinheit zu fördern. Um die Festigung der Organisation erwarb sich damals Alfred Landsberg als Vorsitzender bleibende Verdienste. Der Ernst und die Dringlichkeit der zionistischen Aufgabe In Palästina zog auch Fcrnerstclicnde in den Bann; die Begründüng der erweiterten j e w i s 11 Agency im Jahre 1929 zeigte, auch in Deutschland, daß die jüdische Welt die Kraft der Zionistischen Bewegung respektiert und bereit ist, das Palästinawerk als gemeinsame Verpflichtung auf sich zu nehmen. , Die Tendenzen in der Jugend, die zur Hachscharah und Alijali Iiindrängten, nahmen zu: J 11 n g j ü d i s c 11 e r Wander bund und Hcchaluz wiesen den Weg zur Produktivierung, und auch innerhalb des religiös-gesetzestreuen Zionistnus, der im deutschen Misrachi seine kraftvolle Aus* Prägung fand, entstanden ähnliche Verbände: Zcire Mis« raclii und Brith C 11 a I 11 z i 111 Datiiin. Die ZVfD. war bestrebt, die Erkenntnis der Judenfrage zu fördern und die jüdische Gemeinschaft iri Deutschland auf die großen, noch unerschlossencn wirtschaftlichen Möglichkeiten Palästinas hinzuweisen. Dieser Hinweis traf auf wachsende Bereitschaft, Die wirkliche Erschütterung aber trat erst als R e s u 1 - tat massiver Notwendigkeiten ein, deren uniiberhörbares Geheiß, wie so oft im geschichtlichen Leben der Völker, zur bewegenden Kraft wurde. Was wir seit jenem Jahre getan haben, bedarf keiner weiteren Darstellung. Wir beschränkten uns nicht darauf, die Leitung und Gestaltung der Palästinawanderung zu übernehmen, die bisher nahezu 40 000 Juden aus Deutschland nach Erez Israel führte. Darüber hinaus übernahmen wir mehr und mehr die Führung in dem allmählichen Prozeß der Neuorientierung und Nationalisierung der Juden in Deutschland. Wir waren und wir bleiben bemüht, die Palästina- Orientierung der Juden heit Deutschlands moralisch und geistig zu vertiefen und zu adeln. Die Not des Tages verlangt ihren Ausweg; aber Erez Israel wird nur dann zur Geburts« statte eines neuen jüdischen Lebens werden, wenn diese Erneuerung auch wahrhaft gewollt wird. Sinn und Be• deutung des Zionismus als der jüdischen Shmarya levin's berühmtes Buch ״Kindheit im Exil“, ■eit Jahren völlig vergriffen, erscheint in neuer Auflage Ende Juli« Ganzleinen RM 4,80• Verlag Erwin Lffwe, Berlin W 50

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