Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 47 (15.6.1937)
- Date
- 1937-06-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 47, 15. VI. 1937 gegen 210 Familien saßen, für die (las Flüchlingswerk verantwortlich war, hatte die Leitung bereits gegen 1' 3000 Defizit und die Pläne, insbesondere der Bau der Häuser, der die Leute mit anständigen Wohnungen und wahrend der Bauzeit auch mit Arbeit versorgen sollte, gingen nicht vorwarts. Von neuem wurden die Dinge beraten, von neuem wurde die Oeffentlichkeit auf die ungelöste fiüchtlingsfrage aufmerksam, von neuem wurde dieses und jenes versucht und — von neu ein wurde es still. Vielleicht wird es dieses Mal endgültig gelingen, mit dieser bösen Frage fertig zu werden. Aber die allgemeine Lage ist schwer, die Institutionen überlastet, die Möglichkeit, diesen schwer geschädigten und sozial unsicheren Menschen einen neuen und guten Start für ihre eigene Unabhängigkeit zu geben, gering. Als vor einem Jahre das Flüchtlingsproblem in Tel Aviv auftauchte und die Stadt mit erstauntem Entsetzen vor diesem Elend stand, das sich in den Lagern zusammendrängte und von dessen Existenz man in weiten Kreisen kaum gewußt hatte, weil es überall an der Peripherie zerstreut war und somit nicht stark in die Augen fiel, verlangten die Einsichtigen ein Doppeltes: soforti gc Hilfe in der besonderen Not der Unruhen, die die Jaffaer Quartiere für Juden unbewohnbar machte, zugleich aber eine gründliche Aktion, die diesen sozial schwachen, in der Wirtschaftssfruktur kaum verankerten Eiementen eine ßasis ihrer Existenz schafft. Wäre das gelungen, so hätten die Jaffaer Unruhen die segensreiche Folge gehabt, daß :sie den Anstoß zu einer sozialen Reinigung und Bes/crung des Tel-Aviver Gemeinwesens bildeten. Anscheinend haben (die Kräfte nicht ausgereicht, das Flüchtlingsproblem hat sich wie eine schleichende Krankheit fortgeschleppt, die Von Zeit zu Zeit immer wieder akut wurde und dann die verschiedenen verantwortlichen Organe in eine fieberhafte Tätigkeit versetzte, die jedoch anscheinend niemals so lange anhielt, daß man genügend Mittel in die Hand bekam, um die Leute für die Datier in gute V£ ohnverhältnisse und Arbeit zu bringen Hier wird einmal gründlich Wandel geschaffen werden mii'-sui. Nm-t werden sich an verschiedenen Stellen der Kolonien und in der Stadt neue Elendsviertel bilden, Schlupf- Winkel der Not um! der Krankheiten. Das ■gilt es unter allen Umstanden zu vermeiden. Einweihung der Ludwig-Tietz-Schuie int festlich geschmückten Hofe der neuen Handwerkerschule bei Jagur versammelten sich (vgl. den Bildbericht in Nr. •1(1) Hunderte von ()ästen, (he aus dem ganzen Land /ns:miuiengekonimcn waren, um die Einweihung der Schule zu feiern. Neben Freunden des Unternehmens aus Stailten und Dörfern waren die Vertreter der fahrenden Instanzen der palästinensischer! Judcnhcit und der Palästinaregieren g erschienen. Nach der Eröffnungsfeier fand eine Besichtigung der Werkstätten und des Internats statt. Die ausgezeichnete Ausstattung der Arbeitsräume und die praktische Einrichtung des Internats interessierte in allen Details. Der Bau des Internats — Baumeister der Schuh: ist Erich Mendelsohn — ist eine Neuerung im baulichen Stil derartiger Institute, die in der Regel in allen Kwuzoth nach der gleichen Art gebaut worden sind. Die beiden Häuser des Internats sind durch eine große Terrasse verbundeit und zugleich voneinander geschieden. Diese gibt dem Bau eine besondere architektonische Note und liefert einen freien guten Aufenthaltsraum für die Jugendlichen. Die Ludwig-Tietz-Schule bei Jagur ist noch nicht vollendet. Es sind jetzt die Fundamente gelegt, um die Schule für 150 Jugendliche aufnahmefähig zu machen. Es ist zu hoffen, daß dieses mit Umsicht und guter Planung begonnene Werk irt seinem vollen Umfang und in der entsprechenden Qualität fertiggestellt werden kann. Palästina hat mit der Eröffnung der Schule ein neues wichtiges Ausbilcitmgsinstitn( erhalten. In den letzten Jahren, als der Lebensstandard im Lande sich hob und inan sielt nicht mehr mit durchsebnittlieber oder ttnicrdtnchscltnittlichcr Arbeitsleistung begnügen wollte und konnte, ist immer wieder darüber geklagt worden, daß gerade auf handwerklichem Gebiet uns gut ausgebildete Arbeiter mangeln, die ihre Sache von Grund aus gelernt haben und sic nicht nur irgendwie zustande bringen, sondern es in der Qualität mit allen Konkurrenten aufneltmen können. Nicht nur für die geleisteten Arbeiten, sondern auch für die Arbeiter seihst Bt eine entsprechende Ausbildung von entscheidender Wichtigkeit, denn nur sie gibt die Sicherheit bei der Ausführung von Arbeiten und gibt dem Handwerker Rückgrat und Verantwortungsgefühl. Wenn es der Ludwig- Tictz.-Scliule gelingt, nach 11ml nach einen I!;!ndwerkerstaium berarmizk’hen, der wirklich Qualitätsarbeit zu leisten vermag und eine Beziehung zu seinen Aufgaben hat, so hat sie eine wichtige Aufgabe erfüllt. Für die Diaspora In der Zeitschrift ,,,Mosnajirn“ tritt S. Rawidowicz (der in seinem Aufsatz ״Ich und nicht der Schaiiach“ in unserer letzten Peßach-Ausgabe dieses Thema gleichfalls behandelte — Red.) der Vernachlässigung der Diaspora und den Plänen zu ihrer Liquidierung entgegen. Er führt in Polemik gegen Rabbi Benjamin aus, daß auch H e r z I kein prinzipieller Verneiner der Diaspora war. Die Judenfrage war ittm wichtiger als die Palästinafrage, der Judenstaat wichtiger als Palästina. So nur kann Herzls Haltung in der Ugandafrage verstanden werden. Dies muß gegenüber der Erscheinung betont werden, daß die extremsten Verneiner der Golah sich immer wieder auf Herzl berufen. Rawidowicz wendet sich auch gegen die politischen Spekulationen Rabbi Benjamins, der vorschlägt, die Juden im Nahen Osten in den Nachbarländern Palästinas zu konzentrieren. In Wirklich• keit aber hat Warschau oder Wilna für die Judenhejt eine größere Bedeutung als Damaskus oder Alexandrien. Nicht die Nähe zu Palästina entscheidet. Palästina ist in den Herzen der Juden Polens und Litauens lebendiger als bei den Juden seiner Nachbarländer. Andererseits darf die Tatsache nicht aus dem Auge gelassen werden, daß sich heute Üb <V0 der Juden in der Diaspora befinden. Selbst wenn man dazu gelangen könnte, daß nur 70 0״ von ihnen noch in ihren ehemaligen Wohnsitzen blieben, so bliebe doch die Notwendigkeit, das politische, soziale, kulturelle und Öko• nomische Problem der Diaspora konstruktiv zu behandeln. Natürlich ist ein Zustand ohne politische und wirtschaftliche!'׳,Ibständigkcit kein idealer, aber das berechtigt die Zionisten nicht, sich seinen Problemen zu entziehen. Gerade sie sind ,.־. erster Reihe dazu verpflichtet, solange ihre Vision von der Liquidierung der Diaspora noch nicht zur Wirklichkeit geworden ist. Die historische Rolle des Zionismus ver• pfnehtet ihn der ganzen Judenhcit unserer Gegenwart, und wir dürfen einen Zustand nicht bestehen lassen, daß er seine kulturelle Arbeit dem Großteil des jüdischen Volkes vorenthält. Das kann nicht durch Mange! an Kräften oder Mitteln entschuldigt werden. Der arabische Nationalismus Gegen Illusionen Aus Tel Aviv wird uns geschrieben: Im ״Dawar“ wendet sich Abraham Scharon (Schwadron) gegen das Klisehee der Darstellung der Ereignisse der letzten Jahre in der hebräischen Presse. Fr führt unter anderem aus: Immer wieder wird behauptet, daß die arabische Nationalbewegung sielt auf bestimmte, ganz dünne Schichten des arabischen Volkes heschränke, ja man spricht sogar von einer ״Handvoll" Mensehen. Das Kulturdepartement des Waad Leumi hat einmal die arabische Nationalbewegung als ״Verbrechertum, das sich scheinheilig eines verfälschten Nationalismus bedient“ charakterisiert. Der Soziologe H. J, Laski sieht die Wurzel des Uebels im Widerstand des arabischen Feudalismus gegen die modernen Organisationsformen der Wirtschaft. Solche Behauptungen sind durch die Ereignisse erschüttert worden, denn wären sie wahr, so hätten in ihrem Verlaufe doch gewisse Versuche gemacht werden müssen, das loch der Effendis abzuschiitteln. Aber die Geduld der arabischen Massen war trotz der wirtschaftlichen Zusammenbri'tche, die die Ereignisse mit sich brachten, unübertrefflich, und dabei konnten ihnen ihre Führer bei Erreichung des Ziels keinen wirtschaftlichen Aufstieg versprechen, sondern nur die Abwendung politischer Gefahren. Was dieser Streik bedeutet, wird uns klar, wenn wir ihn auf unsere Verhältnisse transponieren. Hätten unsere nationalen Körperschaften einen solchen Streik beschlossen, er hätte sicher nicht sechs Monate, schwerlich sechs Wochen dauern können. Selbst wenn unter uns Terroristen erstanden wären, sie hätten sich schwerlich gegenüber der allgemeinen Angst vor dem Verlust der rnaterieilen Existenz durchsetzen können. Vor jedem Laden hätte ein Polizist gestanden, wir hätten nicht nachgegeben! Eine Analyse der Taten der Gegner lehrt uns, daß es nicht unserem eigenen Nationalgefühl widerspricht, die Opferkraft für den nationalen Gedanken im Feinde zu ehren. Es ist klv> daß das Wissen u tn die Stärke der Gefühle, die uns entgegenstehen, unseren eigenen zionistischen Willen nicht schwächen "kann. Wir können daraus nicht den Schluß ziehen nachzugeben, sondern nur den, uns stärker für den schweren Kampf zu wappnen, der uns bevorsteht. Wir müssen uns von dem ganzen verkleinernden Schema wie: Hetzer, egoistische Effendis, Aemterjagd, Volksbetrug usw. befreien. Sicher gibt es solche Erscheinungen im Lager unserer Gegner. Aber außerdem gibt cs in den arabischen Massen ein starkes Nationalgefühl, eine große O pferbercitschaft, und diesen Dingen müssen wir seelische Kräfte entgegenstellen, um zu siegen. Und so steht es auch um unsere Stellung zu den Banden. Einerseits waren wir bereit, alles auf ihre Rechnung zu setzen, als ob die arabischen Massen als solche zu keinerlei Attentaten auf unser Leben und unsern Besitz fähig wären; andererseits waren zwar in den Banden räuberische Elemente’, waren unter ihnen auch sicher Fellachen, die man zur Teilnähme gezwungen hatte, und es gab unter ihnen auch wegen Mordes oder Totschlags vorbestraft oder gesuchte Verbrecher. Aber bei all dem läßt sich nicht leugnen, daß viele aus Patriotismus und Idealismus sieh ihnen angeschlossen haben. Wir aber nennen sie mit Abscheu ״Banditen" trotz der Proteste tler arabischen Presse. Dabei ist unser Bemühen, der Welt diese unsere Einschätzung, daß es sich um Verbrecher handelt, probabel zu machen, vergebens. Die Welt sieht in ihnen A u fständische, und wir betrügen nur uns selbst. Und in diesem Illusionismus liegt für uns selbst eine schwere Gefahr. Wir müssen uns mit dem Gedanken vertraut machen, daß es unter ilmen ausgezeichnete und anständige Menschen wie unter uns selbst gibt, und daß es sich lohnt, unseren eigenen nationalcn Eiter an ihrem zu messen. Immer wieder, wenn wir ihre Antwort hören: ״Diu Freiheit ist uns teurer als der Uebcrfluß, der die Gefahr der Verknechtung in sich birgt. Wir wollen lieber in Armut und Unwissenheit sterben als im Ueber• fluß unter zionistischer Herrschaft leben.“ Sicher denken nicht alle Araber so, aber ■״r:s wäre wohl, wenn ähnliche Gefühle in unseren Massen so lebendig wären. Jeder, der glaubt, daß unser Gelingen in erster Linie von uns selbst und von unserer Opferbereitschaft abhängt, muß auch die Stärke und Schwäche unserer Gegner richtig einschätzen. Das Geheimnis des Sieges liegt im Wissen um die Kraft des Feindes und die Anforderurtgen, die seine Stärke an unsere eigene seelische An- Spannung stellt. Diskussion über das Palästina-Orchester Im ״Ohel-Scliem“ fand eine öffentliche Diskussion über Probleme des Palästina-Orchesters statt. Am Vorstandstisch bemerkte man Prof. S c h o r r, Schau! Ts ehernichowski, sowie die Komponisten Vardia Schl ons ki und Brandmann. Richter Harcavi gab in seinen Eröffnungsworten zur Kenntnis, daß man diesmal nicht die Form eines ״Gerichts“ gewählt habe, sondern die der Debatte. Dr. I). L e v i n betonte, es gäbe weder ״Ankläger“ noch ״Angeklagte“, und es gehe nicht darum, das wunderbare Werk des Orchesters anzugreifen, vielmehr sollten Anregungen zu — wie es scheine, notwendigen — Verbesserungen gegeben werden. Er beanstandet die Fülle von Import-(־־ ualuth-)Musik, die zur Aufführung gebracht worden sei und vermißt den spezifisch jüdisch-palästinensischen Charakter des Orchesters. Schon der Name der Vereinigung sage nichts darüber aus, daß es sich um ein jüdisches, nicht etwa arabisches oder englisches Werk handle. Besonders bedauert wurde diese Tatsache anläßlich der Radio-Uebertragung des Toscanini-Konzertes nach Amerika. Vor allem aber müsse das Schaffen jüdischer Komponisten gefördert und das Publikum durch er/ieherisch-werbende Tätigkeit für dieses Spezialgebiet gewonnen werden. Dr. Stein itz erwidert, daß diese Werbearbeit, soweit es sich um Vortrage o. ä. handle, Sache anderer Organisationett sei, etwa der Kultur-Abteilung der Histadnith, die mit den Arbeiterkonzerten einen Hauptteil der Besucher stellt. Diese Institutionen hätten ihre Aufgabe erfüllt. Was die ״Jüdische Musik“ anlange, so sei der Begriff ungeklärt. Es genüge wohl kaum, daß die Komponisten der Rasse nach Juden seien (Mendelssohn und Mahler gelangten zur Aufführung), sondern es handle sich vor allem wohl um den jüdischen Charakter der Schöpfungen. In der Literatur sei jedoch nur ein Werk zu finden, das diesen Anspruch erfülle u n d gleichzeitig für ein großes philharmonisches Orehester geeignet sei: Wepriks ״Ghettolieder und -tanze“, weiches auch aufgeführt wurde. Wichtigste Aufgabe wäre es, dem Publikum geistiges Gemeinschaftscrlebnis zu vermitteln. Dr. Bcn-Jehuda erinnert an die Jahre vor Konstituierung des Orchesters und sieht in der Gründung Hubermans eine erlösende Tat. Das Orchester habe in Kürzester Zeit das mögliche Maximum geleistet, eint■ Atmosphäre begeisterten Musikinteresses geschaffen und durch Schülerkonzerte besonders in den Kreisen der Jugend revolutionierend gewirkt. Wenn es wirklich einiger Verbesserungen bedürfte, so werde man gewiß dazu gelangen. Die ungeheure Arbeit, sei zu bewundern, die unter schwierigsten verhältnnsen in einer Zeit der Unruhen geleistet wurde. Man brauche nur daran zu erinnern, daß man in 150 Tagen 6t Konzerte gab, daß die Orchester-Mitglieder aus allen Ländern der Welt stammten und erst hier zu einer Einheit herangebildet wurden. Der Journalist Uri Kissari berichtet über den starken Eindruck, den jedes der Konzerte auf den Hörer ausgeübt hätte und ist der Ansicht, daß Musik in erster Reihe sich an das allgemein menschliche Gefühl wende, während das ״Nationale“ eine sekundäre Frage sei. Der Musikkritiker Menasche Rabinovits geht zunächst auf die verständliche Erscheinung ein, daß von den nichtjüdischen Dirigenten Werke ihres Volkes, also von Toscanini auch italienische, von Dr. Sergant auch englische Musik, zur Aufführung gebracht wurden. Ebenso sei es aber unsere Aufgabe, die jüdische Musik zu fördern, die im Gegen• satz zu den Angaben eines der Vorredner, nicht so arm an geeignetem Material sei. Ein Katalog jüdischer Kompositionen gäbe darüber deutlich Aufschluß. Er nennt Orchester• Werke von Achron, Eisenbcrg, Bloch, Weinberg, Gnessin, Milhaud, Rosowski, Brandroann, Chajes u. a. Das Motto eines wesentlichen Teils dieser Schöpfungen ist ein jüdisches. Die Beschlußfassung des Vorstand-Kollegiums wird von Herrn Harcavi zur Verlesung gebracht. Sie betraf den Wert des Orchesters und wünscht weitere Arbeit im Sinne nationaler Erziehung. Vornehmste Aufgabe wäre es, der jüdischen Musik von Qualität den Weg zu bahnen. M. G. Die Namen der Siedlungen. Wir haben vor einiger Zeit einen Aufsatz über die neuen Namen der Siedlungen in Erez Israel von Jakob A. Arik ha veröffentlicht. Es wird unsere Leser interessieren, daß das I lauptbüro des Keren Kajemeth in Palästina eine Broschüre in hebräischer Sprache herausgegeben hat, in der derselbe Verfasser ein vollständiges Verzeichnis sämtlicher neuer Ortsnamen ver• öffentlicht nebst Motivierung der Namengebung. Diese Ver• öffentlichting ist nicht nur für die Kenntnis der Topographie des modernen Palästina unentbehrlich, sondern sie schlägt auch die Brücke von der Gegenwart zur Vergangenheit und wird vielen Freunden der hebräischen Sprache manches Interessante bringen. Tel Avlver Kunstbericht Tel Aviv, Anfang Juni Das Palästina-Orchester eröffnete die Tel Aviver Sommer- Saison mit einem Konzert slawischer Musik im ״Oan-Rena“, einem Freilicht-Kino im Zentrum der Stadt. Die Bemühungen um Verbesserungen der Akustik — die fortgesetzt werden — waren im allgemeinen erfolgreich. Nur im Cello-Solo von Boleslaw Ginsberg (Tschaikowsky: Variationen über ein Rococo-Thema) drang der Ton nicht immer durch. Die tnusikalische Leitung des Abends lag in Händen des Orchester- Mitglieds Bronislaw Schulz, früher Dirigent der Warschauer Philharmonie. Das Programm begann mit der Ouvertüre zu der Oper ״Halka“ von Monittszko und setzte sieh mit Smetanas ״Moldau“ fort. Den Abschluß bildete Tschaikowskvs Vierte Symphonie. Das Publikum zeigte sich äußerst dankbar. Vor etwa 31 . Jahren gab die junge Tänzerin Deborah Bertonoff in Tel Aviv ihren ersten eigenen Abend und erwies sich als kraftvolles, eigenwilliges Talent, dessen weiterer Entwicklung man günstigste Prognosen stellen konnte, inzwischen hat sie ihre Studien in der Tanzschule von Kurt Joqss (dem Schöpfer des berühmten Balletts ״Der grüne Tisch“) fortgesetzt, holte sich auf dem Pariser Tänzerkongreß des Vorjahres den ersten Preis für mimischen Tanz, trat wiederholt im Ausland vor das Publikum und kehrte jetzt zu uns zurück. Wir wiesen bereits bei ihrem ersten Auftreten auf die roße mimische und groteske Ausdrucksfähigkeit der Tänzerin in, ein Eindruck, der bestätigt wird. Aber wenn der Gebrauch dieser Mittel früher als ein natürlicher, fast ungewoliter erschien, so kann man sich diesmal des Eindrucks nicht erwehren, als ״kultiviere“ ihn die Tänzerin zwar nicht zuungunsten des Technischen, das noch weit vollkommene! geworden ist, wohl aber zuungunsten des seelischen, schöpferischen Erlebens. Der ״Bettlertanz aus dem Dybuk“ etwa ist nicht mehr mit dramatischer Wucht und Tragik geladen wie vor Jahren, als man ihn in Berlin von der Anfängerin und damaligen Schülerin der Gruppe Trintipy-Skoronell sah, sondern wird zu einer routinierten Parodie der Habimah-Schau- Spieler. Auch in einem Teil der anderen Tänze, etwa in der .,Mesinkc“, wird heute die Neigung zu übertreiben, zum kabarettistischen Ulk, deutlich. ״Emek“ ist eine klare — ein wenig zu lange ■— Introduktion, in der viel technisches Können gezeigt wird. Der Tanz ״Arbeitsloser“ hat einige, nicht vorteilhafte, Abänderungen gegen früher erfahren sowie die unmotivierte Abänderung des Titels in ״Hunger“. Ganz verfehlt scheint uns die ״Schabbat-Suite". Es geht nicht an, die ״Menschwerdung“ der während der Woche zum ״Arbeits-Tier" verzauberten Geschöpfe, die Erlösung durch den Geist des Schabbat, der ein göttlicher ist, so äußerlich, so ungeistig und gelegentlich parodistisclt zu gestalten. ״Abschied der Mutter vom in den Krieg ziehenden Sohn“ hingegen ist eine ernste eindrucksvolle Komposition. Die abgerundetste Leistung aber war zweifellos ״Der erste Rail“, in dem die Bertonoff Leichtigkeit und Charme mit technischem Können vereint. Mit einigen jüdischen Tänzen, die bereits früher besprochen wurden, holt sie sich gleichfalls starken Erfolg. Für die überaus gelungenen Kostüm-Entwürfe zeichnet Gertia Berger. Chaja N u r 0 k interpretierte am Klavier die Kompositionen von Engel, Lavri, Martin und Salomon. Zum Tode von Jakob Avital Der Habimah-Schauspieler Jakob Avital ist, wie bereits ln Wilna geboren, kam er nach Absolvierung des hebräischen Gymnasiums mit der 3. Alijah ins Land. Zunächst arbeitete er in einem Steinbruch, trat jedoch kurz nach Gründüng des ״Ohel-Theaters“ diesem Ensemble bei. Im Jahre 1931 ging er zur ״Habimah“ über, wo er fast in jeder Neueinstudierung mit wesentlichen Aufgaben betraut wurde. Avital war von den jüngeren Schauspielern der Habimah wohl die stärkste Begabung. Mit Jeder neuen Rolle wurde spürbar, wie sehr er an seiner Entwicklung arbeitete, wie er sich bemühte, mit seinen Figuren eins zu werden, wie abhold er dem übertriebenen Pathos war, um an dessen Stelle seelisches Erlebnis und Intensität zu setzen, ln ״Revolte der Toten“, einer Vision, in der die Gefallenen an die Lebenden appellieren, den Krieg zu beenden, stellte er einen Soldaten dar, der sich seltsam hingezogen fühlt zu den toten Kameraden, mit denen er einst Schulter ,>.n Schulter kämpfte, Es war seine letzte Rolfe, und das Schicksal griff nach ihm, wenige Stunden nachdem er in diesem Stück auf der Bühne gestanden hatte. Tausende gaben ihm zu seiner Ruhestätte, die sich in unmittelbarer Nähe der Gräber jener Pioniere befindet, die wäh• rend der Unruhen fielen, das Geleit. Sein Hinscheiden be• deutet für das Habimah-Kollektiv einen fast unersetzlichen Verlust. Sein Andenken wird in den Kreisen all derer fortleben, die das Hebräische Theater Heben. Manfred Geis