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Jüdische Rundschau · 1937-06-15 · Heft 47 (15.6.1937) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 47 (15.6.1937)
Date
1937-06-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr, 47, 15. JUNI 1937 Wirtschaft und Aufbau Zur Frage der Zertifikate Was die Woche brachte Von unserem palästinensischen Korrespondenten gl. Tel Aviv, 9. Juni Im Banne der politischen Erwartung Die Produktion von O e r ii c h t e n über die politische Zukunft des Landes im Zusammenhang mit dem Bericht der Königlichen Unteisuchnngskommission ist keineswegs geringer geworden. Fast täglich tauchen neue Versionen der Teilungspläne auf, neue Grenzziehungen, neue Kandidaten für Attentat in Jerusalem Auf den Oencralinspektor der Polizei und der Gefängiiisse Palästinas, Roy 0. S p i c e r, ist am 13. Juni ein Attentat verübt worden. Drei Araber schossen aus einem hinter der Polizeizentrale gelegenen Kaffeehaus auf das Auto des Polizeikomniandanten, das gerade das Zentrum der Stadt passiert hatte. Der Chauffeur wurde durch zwei Schüsse schwer v c r w u n d e t, Spiccr selbst blieb u 11 verletzt. Die Attentäter warfen den Revolver fort und flohen in der Richtung des arabischen Viertels Musraba. Ein englischer Besucher des Kaffeehauses hob den Revolver auf und schoß ccn Angreifern nach, doch konnten diese entkommen. diesen oder jenen neu zu schaffenden Posten. Alle diese Gerüchte, die jetzt fast sämtlich aus dem Ausland importiert werden, verfolgt man nach wie vor mit Aufmerksamkeit. Es ist jedoch zugleich zu spüren, daß das Publikum dieses immer neuen Ratens sehr müde wird und daß alles darauf hindrängt, endlich bei Erscheinen des Berichtes sich mit realen Vorschlägen an Stelle von mehr oder weniger unklaren Nachrichten beschäftigen zu können. Die Ungeduld über die immer wieder verzögerte Publikation des Berichtes wird merklich verstärkt durch die wirtschaftliche Situation, die eng mit der politischer! verknüpft ist und von ihr abhängt. Die Araber haben im Jahre der Unruhen schwer gelitten und können sich von den Schlägen des Streiks nicht erholen, besonders nachdem die Schicht der reichen Pflanze■• durch die schlechte Orangensaison stark in Mitleidenschaft gezogen worden ist. Die Juden leiden ebenfalls schwer unter der wirtschaftlichen Stagnation, die, je länger sie anhält, desto härter sich auswirkt. Bestimmte jetzt geplante Aktionen können wohl eine gewisse Erleichterung bringen, ein echter Aufschwung ist jedoch erst durch neue Investitionen, ImniigraHon und Kapitalimport in größerem Maßstabe möglich,■■ und diese sind erst dann zu erwarten, wenn sich die Nebel, die den politischen Horizont heute verhüllen, verteilt haben, wenn es also nach dem Bericht und der Regierungserklärung sich herausstellcn wird, welche neue Linie die Palastinapolitik verfolgt. Auch abgesehen von den ökonomischen Komplikationen wird der Bericht mit immer größerer Ungeduld erwartet. Unter der — für palästinensische Begriffe — ziemlich ruhigen Oberfläche brodelt es überall. Die Spannung ist nach wie vor groß, jede Kleinigkeit läßt ernstere Störungen befurchton. Ein Beweis für diesen Zustand war die Publizität, die das absolut unbegründete Gerücht, als sei ein Attentat auf den Mufti geplant worden, in der in- und auslandisehen arabischen Presse erfuhr. Ein anderer ist der erneute Hungerstreik im A k k o e r Gefängnis, wo Araber, die aus politischen Gründen inhaftiert sind, mit diesem verzweifelten Mittel um ihre Freilassung kämpfen. Vor kurzem ist die Regierung hei einem gleichen Streik den Forderungen der Araber, die durch den Obersten Rat gestützt wurden, entgegengekommen und hat eine große Anzahl der Arrestierten befreit. Eine weitere Amnestie, dieses Mal für solche, die ihre Urteile abbüßen, ist heute anläßlich des Geburtstages des englischen Königs in 47 Fällen erteilt worden. Eine Erlcichtcrung der herrschenden Spannung ist bisher jedoch nicht zu spüren, die Propaganda in der arabischen Presse ist eher schärfer als schwächer geworden, so daß vor kurzem ein Jaffaer moslemisches Blatt für zwei Monate — eine bisher unbekannt lange Zeitspanne — verboten wurde. Im ״Buslenai“ nimm! M. S m i I a n s k i Stellung zu der Weigerung der Regierung, die Anzahl der Zertifikate auf den jüdischen Schätzungen zu basieren. Es ist seiner Ansicnt nach verfehlt, von einem Verrat der Regierung am Prinzip der ökonomischen Fassungskraft des Landes zu sprechen. Es ist ein offenes Geheimnis, daß jetzt Arbeitslosigkeit herrscht und nicht «in Mangel an Arbeitskräften. Es kann auch schwerlich anders sein angesichts der schweren Lage, in der sich die Orangenvvirtschaft befindet, die einer der wichtigsten Arbeitgeber ist. Freilich kann man trotzdem den Vorwurf erheben, daß Englands Gleichgültigkeit gegenüber dem wirtschaftlichen Zustand Palästinas an der geringen Anzahl der Zertifikate die Schuld trägt, aber man muß diesen Vorwurf in einem ganz anderen Sinne erheben. Wir haben immer nur die eine Seite der Medaille gesehen, die politische Lehensnotwendigkeit, Zertifikate zu erhalten, die andere Seite aber, die wirtschaftliche Basicrung der Ein wänder 11 n g trat dagegen zurück. Es ist auf die Dauer verfehlt anzmiehmen, daß sich die Alijah von sich selbst ernähren kann, sie kann sich vielmehr nur von dem ernähren, was sie produziert. Langer Jahre hat es bedurft, um uns zu zeigen, daß unsere Wirtschaftspolitik in ihren Grundlagen schwankt, daß ein Land, dessen Möglichkeiten, seine Prodtiktion zu vertreiben, verkrüppelt sind, keine gesunde ökonomische Basis hat. Das Mandat hat uns handelspolitisch schutzlos gemacht. Wir müssen uns fragen, w׳as ist für uns wichtiger, die Balfour-Deklaration oder das Mandat, und sind beide wirklich identisch? In der Balfour-Dekla- Der Kampf im arabischen Lager wendet sich nicht nur gegen Juden und Engländer. Es ist auch nach außen hin die scharfe innere Auseinandersetzung zu spüren, die durch die Teilungspläne von neuem angefacht wurde. Als zentrale Figuren dieser Konflikte sind der Mufti einerseits, der Emir Abdullah andererseits zu betrachten. Die Besprcchungen des Emirs in London, seine Empfänge bei Hof anläßlich der Krönungsfeierlichkeiten, seine höfliche Begrüßung durch die englische Presse, sind hier ebenso genau verfolgt worden wie sein folgender Besuch in Ankara bei Attatürk. Zur selben Zeit, wo die Sandschakfrage in Syrien zu ernsten Demonstrationen und Zusammenstößen führt, stattet Abdullah seinen Besuch in der türkisciien Hauptstadt ab und spricht von der Aufnahme der alten Beziehungen zwischen Türken und Arabern. Wohl noch nie seit der Uebernähme der Herrschaft im Lande durch die Engländer hat man in Palästina so stark unter dem Eindruck gelebt, daß politisch gesehen alles sich in einem Schmelztiegel befinde wie jetzt in Erwartung des Peel-Berichtes. Es wird von allen Seiten dringend erhofft, daß sich in London der baldigen Publikation des Berichtes keine neuen Schwierigkeiten entgcgenstcllen. Von allen Gesichtspunkten aus erscheint eine Klärung der schwebenden politischen Fragen so rasch wie möglich notwendig. Kommission für Entschädigungsansprüche Die Regierung hat endlich eine Kommission aus zwei Beamten ernannt, die die Ansprüche auf Ent- Schädigung, die von Opfern der Unruhen 1936 gestellt werden, zu prüfen hat. Es handelt sich ausschließlich um Hinterbliebene von Getöteten und um Verwundete; das ganze große Gebiet der Sachschäden ist vorläufig ausgeschlossen. Noch eine weitere Verengerung der Entschädigungsansprüche ist damit gegeben, daß lediglich die Unfälle geprüft werden, die zwischen dem 19. April und dem 12. Oktober des Jahres 1936 eingetreten sind, also vom Ausbruch der Jaffaer Unruhen bis zur Beendigung des arabischen Streiks. Diejenigen, die dem Terror nach dem 12. Oktober zum Opfer fielen, sind ausgeschaltet, was nicht verständlich ist, da es sich hier um genau dieselben Ursachen und Umstände handelt wie in dem von der Regierung angenommenen Sommerhalbjahr. Die Ansprüche sind zusammen mit den entsprechenden Zeugenaussagen den Distriktsbeamten einzureichen, die sie an die ration hat sich die britische Regierung verpflichtet, uns die Errichtung des Nationalheiins zu erleichtern, das Mandat, das Palästina ״die offene Tür“ brachte, hat die ökonomischen Grundlagen des Nationalheims zerstört. Diese Tatsache wurde nicht gleich erkannt. Die politischen Errungenschaften des neuen Zustands standen im Vordergrund des Interesses. Aber man erzählt sich, daß Cleinenccau, als Sokolow mit ihm über die Balfour-Deklaration sprach, sofort fragte: ״Was für eine Anleihe garantiert euch England?“ Und als Sokolow eingestand, daß von einer Anleihe nicht die Rede sei, meinte Clemenccau: ״Dann hat man euch nichts versprochen“. Es sei dahingestellt, ob diese Geschichte wahr ist. Klar ist aber, daß ohne handelspolitischen Schutz der Aufbau des Nationalheims eine Unmöglichkeit ist. Viele Jahre verdeckte das Fehlen einer großen Einwanderung diese Wahrheit. Es gab keine Massensiedhing, es wurde nichts Beträchtliches produziert, und das wenige, was man hervorbrachte, konnte leicht abgesetzt werden. Der Beginn einer größeren Einwanderung ließ die Produktion anschwellen, und sofort machte sich das Fehlen handelspolitischen Schut/es bemerkbar, und der Ahsatz begann zu stocken. Wir halten versucht, das Nationalheim ohne die Möglichkeit eines Zollscltut/es, ohne Meist- Begünstigung im Bereiche des britischen Imperiums aufzubauen. Dieser Versuch muß mißlingen, und Zertifikate können uns dabei nicht helfen. Statt den Zertifikaten ״aeh/utranern, müßten wir alles daransetzen, tim diesen Zustand /u ändern und eine starke wirtschaftliche Basis für unser Aufbamverk zu schaffen. Kommission weitergeben. Es wird von verschiedenen Seiten der Befürchtung Ausdruck gegeben, daß die von der Regierung zur Einreichung gesetzte Frist (10 Tage) kaum ausreichen wird, da die Anträge einer bestimmten I orm entsprechen und Beweise beigebracht werden inus-en. Die offentliehen jüdischen Instanzen steilen den Geschädigten mit dem notwendigen Rat zur Seite. Noch Immer die Flüchtlingsfrage Eine der schwersten Fragen, vor die der jüdische jischttw durch den Ausbruch der Unruhen des Vorjahres gestellt wurde, war die Fürsorge für die Flüchtlinge aus Jaffa, die damals in aller Eile ihre Wohnungen in Jaffa verlassen mußten, bald zu Tausenden anschwollen, in lei Aviv in Lagern untergebracht wurden und dann der Oeffentlichkeit zur Last fielen. Die Liquidierung der Flüchtlingslager von Tel Aviv wurde unter großen Mühen durrhgefiilirt, man beschloß, einen Teil iri der Stadt selbst unterzubringen, andere in die Kolonien zu überführen, ihnen dort billige Wohnungen zu bauen und sic damit dem Elend zu entreißen, in dem sie bereits vor den Unruhen sich befanden, das sich jedoch durch die Katastrophe von Jaffa unerträglich gesteigert hatte. Man versuchte Geld aufztihringen, es wurden Beschlüsse gefaßt, Pläne gemacht, und in der Oeffentlichkeit׳ hörte man nicht mehr viel über die Flüchtlingsfrage, Aus N .1 c h I a t h J e h 11 d a und Rischon-Le Zion jedoch, wohin ein Teil der Fluchtlinge gebracht worden war, kamen immer wieder böse Nachrichten. Die Pläne wurden angefangen, stockten aber bald. Die Menschen saßen in der Kolonie ohne Wohnungen, ohne genügende Arbeit, die Not stieg. Die große Oeffentlichkeit wurde von neuem auf die. Flüchtlingsfrage aufmerksam gemacht, als ein Teil der in Nachlath J e h 1t d a 11 konzentrierten sich zu FUß auf den Weg nach Tel Aviv machte, um der Stadtverwaltung ihre Lage zu schildern und Hilfe zu erzwingen. Die Bl.me zu ihrer Unterbringung in den Kolonien waren in den Anfängen steckengeblieben, und sie waren in einer unerträglichen Lage. Die Sammlung zur Aufbringung der Kosten (es waren V 22 000 aufgebracht worden, von (feilen ein bestimmter Prozentsatz für Spesen verbraucht wurde) reichte nicht ans, da gegen £ 7000 an Verpflichtungen nicht eingelöst wurden. Während noch in Nachlath Jchudah, Petaeh-Tikwab und Klar Saba Gegensätze der Landschaft Die landschaftlichen Gegensätze in Palästina sind zwischen den verschiedenen Landesteilen außerordentlich groß, aber auch auf engstem Raume finden wir starke Gegensätze, wie die beiden obigen Bilder zeigen. Das Bild gibt eine Partie am Uerzlwald bei Ben Schemen wieder, während das Bild rechts den tropischen Garten im Jugenddorf Ben Schemen dar stellt.

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