Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 44 (4.6.1937)
- Date
- 1937-06-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seife 2 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 44, 4. VI. 193? Legitimation haben als selbsternannte Führer. Man muß auch bedenken, dal! der Earl Winterton, der stets eine Hauptstütze solcher Delegationen war, seit einer Woche in der Regierung sitzt, und daß auch mehrere führende Mitglieder der Pcel-Kommission aus dem Indien-Dienst kommen. Die Araber schöpfen auch aus der Fortdauer der englisch-italienischen Spannung Hoffnungen. Sie meinen, es könne den Engländern nicht gleichgültig sein, wenn die Sympathien der arabischen Welt sich den Lockrufen, die von Italien ausgehen, geneigt zeigen. Die Hauptschwierigkeit freilich liegt in der rigorosen Unnacligiebigkeit der arabischen Politik. Sie gehen ja auf keine englischen Vorschläge ein, sondern fordern unentwegt vollständige Aufhebung der Politik des Nationalheims, —■ ein Weg, den England auch nach der Meinung der enragierten englischen Araberfreunde nicht gehen kann. Daß Eng-!and auch mit anderen Arabern verhandelt und vor allem die kornpromißbereiten Elemente sucht, ist bekannt. Der Emir Abdullah steht da im Vordergrund. Eine besondere Pikanterie, die zugleich die oft angestaunte Unkenntnis des Durehschnittsenglanders in palästinensischen Angelegenheiten beleuchtet, ist die kürzlich von uns mitgeteilte Tatsache, daß ein englischer Rundfunkansager der Wochenschau den Emir Abdullah bei den Krönungsfeierlichkeiten als den ״künftigen König von Palästina“ bezeichnete. Eine Halb-Wahrheit —? Man könnte eimvenden, die Peel-Kommission werde sich nur von objektiven Momenten leiten lassen und solche Einflüsse von außen fielen ins Leere. Aber die Entscheidung der Kommission ist keine richterliche, sondern eine politische, und die Gegebenheiten des politischen Kraftfeldes gehören ebenso zum Tatbestand wie die Einzelheiten der palästinensisehen Statistik. England versteht, daß die Palästina- Sache einen überaus starken Widerhall weit über Palästina hinaus hat und daß die Palästina-Entscheidung überall Rück- Wirkungen haben kann. Alle Beurteiler der internationalen Lage stimmen darin überein, dal! die wichtigste Erwägung für Englands Außenpolitik seine B e z i e I! u 11 g z u d c 11 V c rei!1 i g teil St;1 a t e n von Amerika ist. Darum ist die Haltung der amerikanischen Regierung zur Palästinafrage so wichtig, und die Andeutung unseres Ncw-Yorker Korrespondenten, daß die kürzlich zu verschiedenen Anlässen von Präsident Roosevelt nach London entsandten hochgestellten Sonderdelegierten auch Informationen über die amerikanische Anschauung zur Palästina frage mit sich trugen, gewinnt unter diesem Gesichtspunkt holies Interesse, Wir haben wiederholt berichtet, daß die amerikanischen Zionisten eine Einberufung des Zionisten- Kongresses nach Washington verlangen, und in der letzten Zeit haben sich auch, Gruppen außerhalb Amerikas für diesen Gedanken eingesetzt, aus der Uebcr/eugting, daß eine polifische Demon-,tration dieser Art heute weit wichtiger ist als alles andere, was der Kongreß leisten könnte. Der Umstand, daß die Exekutive anscheinend einem solchen Schritt ablehnend gegenübersteh!, ist wohl auch politisch zu werten; der Ziorismus wird auch in Zukunft vor allem mit England zu tun haben und daher meinen manche, daß es nicht richtig wäre, den Eindruck eines Appellicren.s an andere Mächte zu erzeugen. Die Exekutive hat!nitgeteilt, daß es bei der Abhaltung des Kongresses am 3. August in Zürich bleibt. Das jüdische Volk erwartet, daß England den Juden Fai r- Hess beweisen wird. Der Engländer, wie immer er die politische Lage beurteilen mag, hat ein Gefühl dafür, daß es unfair wäre, vielen Tausenden von Menschen, ja einem ganzen Volke, das im Vertrauen auf England und seine politischen Institutioiien ein Werk begonnen, kolossale Kräfte und Mittel investiert hat, plötzlich kaltblütig den Rücken zu drehen. Das wird nicht geschehen. Wir bilden uns nicht ein, daß die Entscheidung hundertprozentig dem jüdischen Standpunkt entsprechen wird oder entsprechen kann, und wir sind auch nicht daran interessiert, daß ein neuer arabischer Aufstand entfesselt wird. Wir würden wünschen, daß die Mandatarmacht noch in letzter Stunde (.inen großen Versuch zur Herbciführtitig eines Anspiele 11 s macht, der die Teilung des Landes verhüt e n würde. Wir sind der Meinung, daß alle jüdischen verantwortlichen Instanzen mit aller Macht auf eine solche Wendung der Dinge hinwirken sollen, daß aller Scliarfsinn und aller gute Wille hierfür aufgeboten werden. Wir " ürderi es für falsch halten, sieh von dem bloßen Schlagwort ״Juden- Staat“ blenden zu lassen, ohne die furchtbaren Schwierigkeiten und Risiken voraus/useheii, die ein solches verkleinertes Gebilde mit sich brädite. Nur wenn ein solcher Ausgleich sich endgültig als unmöglich erweist, muß man andere Lösungen wählen. Und dabei ist auch für England der gewichtigste Faktor die Lage 11 e s jüdischen Volkes, die ein fortgesetztes Drangen nach Palästina unvermeidlich macht. Eine ganze Anzahl von Regierungen in Europa wünscht die Auswanderung der Juden, und die Einsicht, daß es hierzu eines A u f n a h m e - Re s e r v o i r s bedarf, ist uach dem Herumexperimentieren der letzten Zeit (die jüngsten Bemühungen Polens in Paris gehören dazu) allgemein geworden. Diese Tat- Sache ist für uns Juden von einer unabsehbaren Tragik. Sie muß aber auch für die Ueberlegungeu anderer ins Gewicht fallen. Die letzten zwei Wochen des Wartens spannen die Nerven fast ins Unerträgliche. Man muß wünschen, daß das jüdische Volk ruhiges Blut bewahrt, eine feste, würdevolle Haltung, zielbewußtes, klardurchdachtes Handeln und vor allem den unerschütterlichen G 1 a u b e n. Mohammedaner Indiens für arabische Forderungen Bombay, 1. Juni. (JTA.) Am letzten Freitag hat sich eine Abordnung der Mohammedaner Indiens nach London begehen, um zu versuchen, die britische Regierung von der Notwendigkeit einer Revision ihrer gegenw ä r t i g e n Palästinapolitik zu überzeugen. Die Moha mm eil an er Indiens wollen von der englischen Regierung verlangen, daß sie den Forderungen der arabischen Bevölkerung Palästinas mehr entgegenkomme als bisher. Die Abordnung wurde von der indischen Palästinakonteren/, gewählt und beauftragt, der britischen Regierang die Einstellung der indischen Mohammedaner zum Pa- Iästinaproblem zu verdolmetschen. Sie besteht aus den Mitgliedern der gesetzgebenden Körperschaften der Vereinigten Provinzen und ßengaliens, Nawab Mohammed Ismail Khan und Abdul Rehman S i d d i g u e. Die Abgesandten der indischen Mohammedaner werden sich kurze Zeit auch in Jerusalem aufhalten, um mit den arabischen Führern und mit dem High Commissioner Fühlung zu nettmen. (lieber die Stellungnahme der indischen Mohatnmedancr zur Palästinafrage haben wir in Nr. 38/39 in einem Artikel einer in Indien lebenden Jüdin ausführlich bcrichtet. - Red. ״I, R,“) Um die Einigkeit In einer überaus bewegten und aufgewühlten Zeit, ln der jedes Herz von schwerer Sorge erfüllt ist und mit leidcnschaftlicher Anteilnahme die Vorgänge des Weltgeschehens verfolgt, ist auch die Existenz der Juden in viel höherem Maße als je aus dem Strombett ruhiger und allmählicher Entwicklung auf das bewegte Meer krisenhafter Entscheidungen geraten. Die beherrschende Tatsache unserer jüdischen Gegenwart, die W a n d e r b c w e g u n g, ist von einer großen Reihe von Faktoren abhängig, die mit dem Weltgeschehen verbunden sind und über die wir selbst keine Kontrolle haben. Obwohl die Judenwanderung in den dreißig Jahren vor dem Weltkriege größer war als heute, ist sie uns stärker zum Bewußtsein gekommen als unseren Vätern, weil die Hemmnisse, die ihr überall entgegenstehen, das Problem fühlbarer gemacht haben, so wie ein krankes Organ des Körpers sich schmerzhafter anmeldet als ein normal funktionierendes. Was mit dieser Frage zusammenhängt, berührt alle Teile des jüdischen Volkes in stärkstem Maße. Darum hat auch ein Ereignis wie die letzte Sch cd ule für Palästina alle Juden tief erregt. Und die angekündigte neue Politik für Palästina, deren Gesfalt noch niemand kennt, berührt weit mehr als bloß die Wanderungsinteressen. Die Juden heit D e u t s ch 1 a n d s, die von allen diesen Vorgängen besonders empfindlich getroffen wird, versucht durch die Institutionen, die sie sich selbst geschaffen hat, den ungewöhnlichen Aufgaben gerecht zu werden. Die stärkere Macht der Tatsachen hat das jüdische Schicksal in Deutschiand einheitlich gemacht, und so ist über alle Ideologien hinweg eine Zusammenarbeit aller Teile der Juden Deutsch- Lands möglich und notwendig geworden. Diese konnte nur im Zeichen des jüdischen Volksgedankens und im Bewußtsein der Bedeutung Palästinas für alle praktischen und moralischen Seiten der Judenfrage geschehen. Daher war in der Bewegung, die seit 1925 auf eine Zusammenarbeit aller Juden für Palästina abzielte, eine natürliche Vorbereitung für eine viel weiter ausgreifende Zusammenarbeit gegeben. Es ist nicht zu verwundern, daß bei der Bildüng der Reichsvertretung der Juden in Deutschland, die 1933 durch eine Uebereinkunft aller Gruppen und großen Organisationen nebst den jüdischen Gemeinden geschaffen worden ist, Persönlichkeiten der umfassenden Palästina-Bewegung, der Jewish Agency, im Vordergrund standen. Bei der Neigung der Juden zu Parteistreit und überspitzten Meinungskämpfen mußte das Zustandekommen der Reichsvertretung besonders hoch eingeschätzt werden. In der Tat hat das Bestehen dieser Instanz, in der auch einige weit bekannte jüdische Persönlichkeiten aktiv mitarbeiten, in der gesamten Judenheit ihren Eindruck nicht verfehlt. Als die ausländischen Juden sich ansehickten, in einer großzügigen Hilfsaktion bei der Auswanderung und Berufsumschichtung der Juden in Deutschland sowie bei ihrer Wiedereingliederung in anderen Ländern (vor allem Palästina) zu helfen, wurde diese Aktion durch das Bestehen der Reichsvertretung, die das Vertrauen der Juden des Inlands und der Hilfsinstanzen im Ausland genießt, außerordentlich erleichtert. Es ist ohne weiteres klar, daß dieses Vertrauen zu den in der Reichsvertretung führenden Personlichkeiten eine der Grundvoraussetzungen der Hilfsaktion und der (auf den im Ausland gesammelten Mitteln beruhenden) Zusammenarbeit ist. Darüber hinaus haben wir Juden Deutschlands mit großer Genugtuung festgcstellt, daß in anderen Ländern, z. B. Osteuropas, in denen leider die Parteizerrissenheit und die inneren Gegensätze bisher die Schaffung einer jüdischen Einheitsfront auch in dieser Zeit der schweren Not nicht möglich gemacht haben, das Überparteiliehe Zusammenwirken der Juden in Deutschland als ein gewaltiges moralisches Aktiva m empfunden wurde. Der durchschnittliche Jude, der sich nicht allzu viel um öffentliche Angelegenheiten kümmern kann, ist sich nicht immer im klaren darüber, von welcher Tragweite diese Form der Organisation der deutschen Juden praktisch gewesen ist. Wir haben oft Gelegenheit gehabt, an dieser Stelle die Erfordernisse der jüdischen Gegenwart scharf zu formulieren und sind keineswegs der Meinung, daß die jüdische Energie und Entschlossenheit im Laufe dieser vier Jahre immer ausgereiclit hat, im entscheidenden Moment das Richtige zu tun. Auf der anderen Seite wird jeder, der die Schwierigkeiten kennt, berücksichtigen müssen, daß oft harte objektive Umstände es unmöglich gemacht haben, alles zu erreichen, was wir an jüdischer Arbeit in dieser Zeit gewünscht hätten. Jedenfalls dürfen wir die Augen nicht vor der Tatsache verschließen, daß das Bestehen der R e i c h s v e r t r e t u n g einer der wenigen positiv zu wertenden Faktoren im jüdischen Leben Deutschlands ist. Es ist unverständlich, wenn es von Juden angetastet wird. Dies muß mit allem Nachdruck betont werden, weil in letzter Zeit von verschiedenen Seiten der Versuch gemacht wird, den Frieden im Judentum D e u t s c h 1 a n d s durch eine völlig unmotivierte Organisatio 11 sdebatte zu gefährden. Am seltsamsten ist es, wenn diese Störung der Einigkeit durch die Notwendigkeit der Einigkeit begründet wird. Die Sachlage ist völlig eindeutig. Die jüdischen Gemeinden, deren Wichtigkeit als öffentlich-rechtliche jüdische Organisationen niemand verkennt, waren bei der Gründung der Reichsvertretung beteiligt und haben an dem einstimmigen Beschluß, durch den die Schaffung erfolgte, mitgewirkt, ln! vergangenen Herbst sind dann auf Veranlassung der Gemein׳ den wesentliche organisatorische Umbildungen erfolgt, indem der Rat der Reichsvertretung, dem auch die Prüfung des Etats unterliegt, neu besetzt und dabei den Gemeinden ent• scheidender Einfluß eingeräumt wurde. Die Reichsvertretung ist aber weit mehr als ein Organ der Gemeinden. Das Judentum Deutschlands, das dauernden Strukturwandlungen unterliegt, bedarf einer Zentralinstanz, die das Ganze überschaut. Weder die Gemeinden im Reich, noch die Landesverbände, insbesondere nicht der auf bestimmte Son• derprobleme spezialisierte Preußische Landesverband sind dazu in der Lage. Die Berliner Gemeinde mag ein großer Verwal• tungsapparat sein, aber sie hat naturgemäß auch den ״Egoismus“ einer solchen Grofiverwaltung; sie hat reichlich unerfüllte Aufgaben in ihrem eigenen Bereich, und die Vorstei• lung, daß z. B. die Berliner Gemeinde zentrale Aufgaben erfüllen könnte, scheint uns ganz fehlzugehen. Dabei wollen wir, da w׳ir auf Friedensstörungen nicht mit Gleichem ant׳ Worten wollen, nicht näher untersuchen, w׳ie weit die Legitimation der heute herrschenden Gruppe der Berliner Ge• ineinde reicht. Wir als Zionisten müssen jedenfalls gegen einen Teil der Gemeindeverwaltung ein erhebliches Mißtrauen haben, und wenn auch um des über alles wichtigen inneren Friedens willen, der jeder Gruppe Opfer und Reserve auferlegt, vieles, was wir auf dem Herzen haben, zunächst unausgesprochen bleibt, so muß doch angesichts mancher Vorgänge und Aeufierungen der letzten Zeit gesagt werden, daß wir die Tatsachen nicht vergessen haben. Wo gar von ״unnatürlicher Kooperation“ die Rede ist, ließe sich bezüglich der Berliner Gemeinde manches zur Beleuchtung eines solchen Verhältnisses sagen, wenn man erst auf dieses Niveau hinabsteigen will. Wir glauben, daß die Juden Deutschlands eine solche Diskussion nicht wünschen. Die maßgebenden Kreise der Reichsvertretung haben, wie schon erwähnt, lange vor 1933 die Notwendigkeit einer echten Zusammenarbeit eingesehen und gerade in der wichtigsten Frage, die nach 1933 für die ganze Judenheit Deutschlands in weit höherem Maße als Vordergrund stand als früher, nämlich in der Palästina-Arbeit, in der überparteilichen Vereinigung der Jewish Agency zusammengewirkt. Wir sind überzeugt, im Sinne der ganzen jüdischen Oeffentlichkeit zu sprechen, wenn wir sagen, daß jeder, der in diesem Moment die Einheit und das Funktionieren der Instanzen der Juden Deutschlands stört, sich mit der schwersten Vera ntwortung belastet. Ohnedies wird infolge der ständigen Abnahme und Verarmung der Juden in Deutschland eine Verwaltungsreform in den einzelnen jüdischen Körperschäften notwendig sein, deren Grundzüge in der ״Jüdischen Rundschau“ vom 5. Januar von Dr. Franz Meyer angedeutet worden sind. Es muß dafür Sorge getragen werden, daß die Verwaltung der öffentlichen Mittel mit der größten Sorgfalt und Sparsamkeit erfolgt und der Apparat möglichst leistungsfähig bleibt. Durch Entfesselung unzeitgemäßer Machtkämpfe kann aber keinerlei sachliches Ziel gefördert werden. Die Zionistische Vereinigung für Deutschland ist sich darüber klar, daß die Interessen des Volkes über den Interessen von Parteien und Einzelnen stehen, Das Reifezeugnis für eine vor schweren Aufgaben stehende Gemeinschaft ist ihre Fähigkeit, einig den Gesamtinteressen zu dienen. Dieser Weg darf nicht verlassen werden. Notizen aus Frankreich Von unserem Berichterstatter K. Paris, Ende Mai In Paris wurde ein ״Antijüdisches Komitee für Frankreich“ gebildet, dessen Vorsitz der Gründer des ״Nationalklubs“, der Pariser Abgeordnete und Stadtrat Darquier de Pellcpoix, übernommen hat. Pellepoix hat im vergangenen Jahr durch seine persönlichen Angriffe gegen Leon Blum im Parlament Aufsehen erregt. Dem Ausschuß des Komitees gehören der Verfasser einer Reihe judenfeindlicher Abhandlungen Henry Robert Petit, der Vertreter der antifreimaurerischen Vereinigung Poirso und der Herausgeber der judenfeindlichen Monatsschrift ״Reveil du Peuple“, Jean Boi s s e I, an. Der jüdische Soziologe M(nes hat eine Schätzung der Juden in Frankreich durchgeführt. Diese Aufgabe ist schwierig, da bei den französischen Volkszählungen die Religionszuge- Hörigkeit nicht berücksichtigt wird. Mönös kommt zu dem Ergebnis, daß die Zahl der in Frankreich lebenden Juden auf 260 000—280 000 anzunehmen ist. Von diesen leben 170 000—190 000 in Paris und Umgebung, davon stammen 90 000—100 000 aus Osteuropa und 15 (WO aus Zentraleuropa. Auf dem übrigen französischen Territorium leben nur 80000 bis 90000 Julien. Das Pariser Conslstoire, die führende Kultusemeinde Frankreichs, hat unter dem Vorsitz von Baron obert de Rothschild ihre Jahresversammlung abgehalten. Der Hauptteil der Debatte war der schwierigen finanziellen Lage des Consistoires gewidmet. Das Jahr 1936 hat erneut mit einem Fehlbetrag von 381000 Francs abgeschlossen, wodurch der gesamte Fehlbetrag auf fast 1 Million Francs steigt. Als Grund dieser anhaltenden Defizite wurde die Wirtschaftliehe Krise, gleichzeitig aber auch die schmale Basis des Consistoires in der jüdischen Bevölkerung von Paris bezeichnet. In der Tat tragen bei einer Bevölkerung von ca. 200 000 Juden in Paris nur 6500 zur Erhaltung des Consistoires bei. Es wurden daher Pläne erwogen, um die in Paris lebenden ausländischen Juden in stärkerem Maße als bisher zur Mitarbeit und finanziellen Stützung des Consistoires heranzuziehen. Es erscheint aber zweifelhaft, ob dieser Plan ohne eine grund• legende organisatorische Umgestaltung der Pariser Kultusgemeinde aus einer Notabilitätenversammlung in eine Volksgemeinde gelingen wird. ln der Versammlung des Consistoires wurde auch bekannt• gegeben, daß Rabbiner Eisenstadt seinen Rücktritt nehmen wird. Rabbiner Eiseustadt, der früher Rabbiner in Moskau war und nach der russischen Revolution flüchten mußte, hat sich um die Zusammenfassung der Ostjuden in Frankreich große Verdienste erworben. Er hat auch an der Hilfsarbeit für die jüdischen Einwanderer aus Deutschland aktiven Anteil genommen. Sein Rücktritt ruft daher allgemeines Bedauern hervor. * Der jüdisch-französische Dichter Edmond F1 e g hat seine Bearbeitung von Goethes ״Faust“ für die französische Bühne beendet, die jetzt von dem führenden französischen Regisseur Gaston Baiy aufgeführt worden ist. Die französische Kritik spricht sich lobend über die Bearbeitung des Werkes aus, die es ermöglicht hat, den ״Faust“ auf einer großen französischen Bühne zur Aufführung zu bringen. Man weist u. a. auch darauf hin, daß sich Fleg mit Eiirfurcht vor dem Geist und dem Wort Goethes bemüht hat, die philosophische Tiefe des Faustproblems auch in der französischen Bearbeitung hervortreten zu lassen, während allerdings die Aufführung des Werkes durch Gaston Baty oft die Poesie des Werkes der Modernität geopfert habe. An der Pariser Großen Oper kommt zur Zeit ein Ballett ״David Triomphant“ zur Aufführung, das der Leiter der Tanzgruppe der Pariser Oper, Serge L i f a r, auf der Geschichte des biblischen Buches der Könige aufgebaut hat. Hauptschriftleiter: Dr. Robert Welt sch, Berlin - Charlottenburg 8 (auch verantwortlich, für die Aufnahme von Bildern). Stellvertreter! Kurt Loewenatein, Berlin W IS. Anzeigenleitcr und verantwortlieh für den Inhalt der Anzeigen: Hermann F i n n, Berlin W 15. Gültig Anzeigen-Preisliste 5 vom 1. April 1936. Verlag und An•!eigenverwaltung: Jüdische Rundschau, Berlin W15. Meinekestr. 10, D.A. 1/1937 33 810. — Druck: Siegfried Scholem, Beriin-SchSneberg.