Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 43 (1.6.1937)
- Date
- 1937-06-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 43, 1.VI. 1937 Roman und Wirklichkeit Alfred Adler Der Schöpfer der ״Individualpsycliologle“ Von unserem Wiener Berichterstatter J.R. Wien, 30. Mai Nach einer Reuter-Meldung aus London ist der bekannte Wiener Psychologe Alfred Adler, der sich gerade auf einer Vortragsreihe durch England befand, in Aberdeen plötzlieh gestorben. Der Name Adlers, der in Wien geboren und hier als Nervenarzt seine medizinische Laufbahn begann, ist für immer mit dem großen Werk der Erschließung des menschlichen Seelenlebens verknüpft. Ursprünglich den! Kreise Siegnmnd F r e 11 d s angehörend, trat Adler, der ein Alter von kaum CS Jahren erreicht hat, vor drei Jahrzehnten mit einer originellen Studie über ״Minderwertigkeit von Organen" hervor und spielte bald darauf in der Bcwegimg der Psychoanalyse eine bedeutende Rolle. Später wandte sich Alfred Adler von der Freudschcn Lehre, deren Oedankenflug ihn schöpferisch inspirierte, ab und ging eigene Wege. Fr schuf die n d i v i d u a 1 p s y c h o I o g i e“, deren Grundprinzip im Gegensatz zur Freudschcn Libido den ״Geltungstrieb‘• des Menschen als treibende Motivation seiner Handlungen setzte. Adler zimmerte ein eigenes Lehrgebäude, das von großer Bedeutung nicht nur für die Behandlung und Heilung seelischer Störungen geworden ist, sondern vor allem neue Wege auf dem Gebiete des Erzichungswesens wies. So entstand neben der Freudschcn Psychoanalyse die Schule Alfred Adlers, die nicht zuletzt wegen ihrer offenkundigen praktischen Verwendbarkeit in Oesterreich, sowie in anderen Landern Europas, besonders in der Schweiz lind in England zahlreiche Anhänger gewann. In einem ganz!»׳Sonde!en Maße tiaf dies auf die Vereinigten Staaten von Amerika zu. In Amerika, wo Adler seit dem Jahre 1932 als Professor im Long Island Medical College in N e w York war. 11 1t seine lehre großen Anklang gefunden. Insbesomie! e aut dem Gebiete (Ser Kindererzichung fielen dort seine A1!ffn—.!1ngc11 und Methoden auf fruchtbarsten Boden, so d dl dm zahlreichen Vorträge Alfred Adlers in Ameiika sich zu Triumph/iigcn der Individualpstchologie gestalt( im. Ann t iloi mit seinem für praktische Nul/anwendüng von neuen Lehrmethoden aufgeschlossenen Sinn gab Alfred Adler eroß/imme I n(;al!!111gsmnt.d1dike1U11־. Hier errichti te er ,auch i 1! d i v i <111 a I p s y c 11 o 1 o g i s c 11 e A m - b 11 I :1 f o r! e■ 11. V .!•- d ile -iwdct's Ch.uakUristische in der Adierschen Schule u!r an der-11 [isvcliologisclieii Schulen ausmacht, i.-t Wohl vom. hnibcli dir Cmstainl, daß Adler trotz der bereits umfangr! ichett im!1\»Ina!psychologischen Literatur me bloß Theoretiker mul 1 obrer geblieben ist. Seme Lehre greift Immer in das praku-elie Leben des Menschen ein und Weiht nie Methodik, sondern will vor allem Praxis sein. So kam es, daß die liulividiialpsychologie, mehr noch als die Psvchni'ii.ilv-e, mit der sie den Mut!crbo׳.lrt1 der Psychotberapie gemeinsam 11 1t. auch Grundlage einer neuen Pada g o g i k u ״ d L r / i e 1111!1 g s in e t!1 o d e werden konnte. In Wien, der ur-pninghclicn Wirkungsstätte Adlers, 11:1t er neben seiner Vortragstätigkeit am Pädagogischen Institut der Gemeinde Wien die ersten Erziehungsbera• 11! n g s s t e 11 e n errichtet. Von hier aus fanden auch seine Lehren den Weg in weite!!!!;reise und erfreuten sich großer Popularität Adlers Individ 1־״!psvchologie zählt heute außer seinen engeren Fachkollegen, den Psychologen und Medizinern, ganz besonders die Pädagogen, Lehrer und Erzieher, ferner auch Richter, Staatsanwälte, Kriminologen und Seelsorger zu Anhängern. Seme Gedanken hat Alfred Adler in einer beträchtliehen Zahl von Schriftin festgelegt, von denen hier nur einige angeführt seien: ״Menschenkenntnis“, ״Individualpsycho'ogie und Wissenschaft“, ״Die Ehe als Aufgabe“, ״Neurose und Lüg!“, ״Die Kunst, das Schulkind zu verstehen“, ״Die Erziehung zum Mut“, ״Die imlividuaipsvcho logische Traunuietiiüug". Adlers .,Praxis und Theorie der!ndividualpsychologie" hat bereits fiint Auflagen erlebt. Für die Intensivierung wirkt der internationale Verein für Indiviüualpsyehologie. Die Parlaments-Wahlen in Holland A m s t e r d a in. 27. Mai. (JTA.) Bei den Wahlen zur zweiten Kamm!.!־ d! s holländischen Parlaments sind die j ti (i i s r 11 v 11 S t! m!11 e n zum großen Ted der Antircvoiu- 11 o 11;1 re 11 Partei de- M!11is!erpr,!s׳dcnU11׳ Colijn zu gefallen. Die iiilmng!her jmii-ehen W.ihh-rschaft ist besonders hemerkensw! rt am'! siehfs der Tatsaclie, daß andere Parteien vielfach j!1 ii! -!׳ I! e K a!1 d i d a t e 11 aufge-tellt hatten, von (!!׳.11 ,11!:! 11 ׳!!׳,.I ,־v .0־ Iran Bukker, Irl. de John und die Iler, en Cohen, Prof, v in Geldern, Slokvis, Vos und Wijnkoop, zu Ali,.;! ordneten gewählt worden sind. Insgesamt z.11:11!he z\v!1׳te Kainim'r i'1'1 Abgeordnete, Zum erst en in :11 zieh! :1 ,!;ich vier Mitglieder der Mus-ert-Partei, die zwar in truhercr Zerr een judeiiteindliches Programm wiederholt gründe,,t/li! 11 a'rgelehnt, spater aber in ihrer Propa riinJa häufig mit j 11 d e 11 g e g n e r i s e ii c 11 K e 11 IS e - T u n g e!1 '0! rvorgetr! Sen i-t, in das holländische Parlament ein.!1110• Shm!mo!/ab! ist alur gegenüber den vor einiger Zeit (lurcigouulirtt 11 < iemeindewalilen erheblich zuruckgegangen. Die hridni anderen ptdenfemdüchen Parteien, die sich an!lein Wahlkampf beteiligten, konnten kein Mandat erringen. 111 die cr-tr Kammer sind drei Juden, die Senatoren van!Ln Bergig Prot, van L in 11 u e 11 und D e I a b e i 1 a, gewählt worden. Aus dem Wiener Kunstleben Amüsantes Theater bietet jetzt die ״Scala“ des Professor Dr,. Rudolf Beer, der sieh dem Komiker Szöke Szakall für ein witziges Lustspiel ״Der V i z e k ü n 1 g“ von der Leinwand auf die Tbeaterbuhne lieruntcrholte. Linen durchschlagenden Erfolg errang bei seinem Wiener Konzert der!)linde Pianist Im re U!1 g a r, ein Jude, der beka n nt! ich bei dem Warschauer Chopin-Wettbewerb im Jahre 1933 den ersten Preis erhielt. 111 der Wiener Staatsoper gelangte die mit großer Spannung erwartete, von Bruno Walter ncueinstucliertc und geleitete ()per ,.Oberon“ von Weber zu einer glanzvollen Aufführung. Max Hansen, der im ״Theater an der Wien“ den ganzen Winter hindurch stürmisch gefeierte ״Axel an der H i m m e I s t ü r“, entzündet jetzt allabendlich im ״Deutschen Volk-theater" ״Bei Kerzenlicht“ (musikalische Komödie von Robert Kätscher) die Herzen des Wiener Theaterpublikums._ Im Rundfunk von Saloniki ist zum erstenmal ein jiidisches Thema behandelt worden. Der Geschichtsschreiber Isaac Cabile hielt einen Vortrag über ״Griechen und Juden im Lauf der Geschichte“. Die Amerikanische Vereinigung für Geschichte der Medizin hat den Wiener Universitätsprofcssor Dr, Max Neub u r g e r zum Ehrenmitglied ernannt. Der jüdisch-amerikanische Filmdarsteller Paul Muni, der im Jahre 193(1 als bester Darsteller preisgekrönt wurde, hat beschlossen, sich vom Film zuriickzuzichen. Um das Leben im Kibbuz Anläßlich der Veröffentlichung des Romans j,Volk Israel lebt“ sind uns in den letzten Wochen mehrere Zuschriften aus Palästina zugegangen, in denen sich Angehörige von Kibbuzim gegen die Darstellung wenden, die das Leben im Kibbuz in dem Roman gefunden hat. Wir haben im Leitartikel der ״Jüdischen Rundschau“ Nr. 36 bereits auf die Mißverständnisse hingewiesen, die solchen Einwendungen zugrunde liegen. Nach unserer Meinung ist im heutigen Stadium der Entwicklung des jiidisehen Aufbauwerkes in Palästina eine so übermäßig apologetische Empfindlichkeit nicht am Platze. Ein Roman, der die innere Entwicklung eines Menschen, seine Konflikte und Erlebnisse darstellt, darf nicht mit Maßstäben gemessen werden, die man an politische Streitschriften anzulegen pflegt. Hier interessiert nicht die Frage, ob die Dinge wirklich so sind, wie die zentrale Figur sie sieht, sondern die Tatsache, daß er sie so sieht Trotz dieser rundsätzlichen Verschiedenheit der Betrachtungsweise aber emühen wir uns, die Einsender zu verstehen und so ihrem Wunsch nach Aeußerung Rechnung zu tragen. Abgesehen von den Zuschriften mehrerer Einzelpersonen hat auch die für Einwanderer aus Deutschland gebildete Abteilung des Sekretariats des ״Kibbuz Hamene h a d“ in E j n Charod uns eine von F. Lichtenstein und Raffi Meis eis unterschriebene Zuschrift gesandt, in der gegen den Abdruck dieses Romans in der ״Jüdischen Rundschau“ Einspruch erhoben wird, ln diesem Briefe heißt es: ״Diu Ui!eiI!.׳ von Chawerim in allen Teilen des Lande-, in mehr ab 20 Plätzen des Ivißlmz, stimmen in ihrer Grundhaltung iilierein: grußes befremden über den Abdruck dieses Romanes, DER SCHEKEL Ist das selbstbewußte und stolze!, J a " auf die Frage ״Bist Du ein Jude?" Er ist das Bekenntnis zum jüdischen Volk und zu dem neuen Palästina Der Schekel stärkt die jüdische Position im Ringen um die Erfüllung der Balfour» Deklaration und des Mandats, denn er bestimmt die Größe der Delegation zum Zionistenkongreß, der für die Zukunft der jüdischen Gemeinschaft in Deutsch« land von entscheidender Bedeutung ist DER SCHEKEL ist gleichsam die Kopfsteuer des jüdischen Volkes,׳ er bahnt den Weg zur nationalen Freiheit und hilft bei der Gestaltung einer selbständigen Zukunft —- darum Zahlt «len Schekel lVcrbt fiii* ihn in dum jeder zionLti ״.,h-er/iuhuri-che Wurf vermißt wird, der den :.11 -lürlmhu!! (öuimlitiiliL'i'un und Ri-liiijMKiyen, dein Wt.-en un.-ercs Lcßuiis und S äuiää'iia muht im ent!urnre-ten gerecht wird und in einer Form, .»U;i»u!1 111-t und unter .סי |>er»ön!iuhe11 Gesichtspiiiiklcn als Maß;,:ab der Oeiferuhchheit zeiyt, (laß sie' siel) kein ״Gl km!׳-, sondern ein völlig schiefe-, verllilschtes liild machen muh. Nicht daß an manchen Dingen im Kibbuz Kritik geübt wird i.-t e׳.', »n., die Chuweiim aul'lningt und empört — die Kritik, die wir selbst üben, ist \ve.-e!1;lieh .-!'härter und konstruktiver —, sondern der Unernst, der darin liegt, daß Erscheinungen nicht a!:i!!ne Ur!a־'׳he!1 und auf ihre Grundlagen hin untersucht werden, .-״;-!!;!) leichtfertig und ob, rllaehlich als Ausdruck des Lebens ״■-'iißdiri werden. FinzeÜH in■;) der Umstellung, die ein langer mal ernster Prozeß ist, werden aus ihren organischen Zusammenhangin grabt, subjektiv gevhiidert — und um objektiv zu sein, bedait es langer Enahning —, werden so zum scheinbar anerkannten Lebens-i ii. Nicht wenige Chawerim bringen ihre Enttäuschung zum Au-diuck, daß die Redaktion der Jüdischen Rundschau‘ einen Roman zum Abdruck gewählt hat, der keine zionistisch-erzieherische Wirkung hat, der vielmehr auf da. Neue und Sensationelle spekuliert. Wir versprechen uns nichts davon, in eine schriftliche Polemik über Ihre Haliung zur kibbuzi,chen Bewegung und zu dem Teil in ihr einzutreten, der die große Wirtschaft und die große Gesellschuft als seinen Weg sieht und dessen objektives Wirken und dessen erzieherische Rückwirkung aut den Jischuw im Land und auf die Bewegung in der Golah im Roman selbst auch gar nicht berührt wird. Es käme auch nicht an den Kern der Sache, wurde jemand versuchen, alle Verzerrungen lichtigzustellen, die der Roman bringt. Der Chawer, der im Kibbuz lebt — der ihn nicht als Sprungbrett für eine andere Zukunft betrachtet, ein Hotel, eine Unterkunft, die man ausniitzt, solange man neu im Land ist und sich nicht in der ,Fremde‘ auf eigenen Füßen sicher fühlt —, kennt sehr gut den Unter״ liied zwi-rlum der Wirklichkeit und dieser Schilderung. Iäer I.1- .׳ r, der vom Kibbuz nichts weiß, unii!1er Zioni-t, der ihn näht verstanden hat, würden durch Richtigstellung auch keine lebenswahre VoT-lelhing vom Kibbuz finden können. D.is Leben i-t nicht mit Monieiuatiüi.ihmen einztifangen, und das Wesen und das Streben einer Bewegung nicht aus ihnen lernbar. Wir trüben keine obrifhirhiiehe Propaganda, und wenig ist an inner wohlwollenden Beurteilung un-erer Lebensform und unseres Schallen» von außen gelegen. Ics gibt genug Menschen, die nicht im Kibbuz leben, deren Zionismus und deren Jude-Sein sie aller zu einer ganz anderen Haltung dem Kibbuz gegenüber verpflichtet, als sie im Roman zum Au-diuck kommt.“ Wir haben dieser Gegenäußerung einer Gruppe, die sich —־ wie wir glauben, zu unrecht — beeinträchtigt fühlf, Raum gegeben, weil es uns fern liegt, Kritik zu vertuschen. Wir fühlen uns gerade den Kreisen, für die die Einsender zu sprechen glauben, in ihrem schweren, den Einsatz des ganzen Menschen fordernden Kampfe um die Einordnung im Lande viel zu nahe, als daß wir nicht tief bedauern würden, wenn Mißverständnisse zwischen uns entstünden. Trotz der Einwände, die wir hier wiedergegeben haben, glauben wir nicht, daß die einzige Form, in der von dem Leben dieser Menschen (und zwar nicht ihrer poiitischen Wortführer, sondern des anonymen Einzel• n e n) Notiz genommen werden kann, eine uneingeschränkte Heroisierung ist, wie sie der Propagandastil mit sich bringt, sondern daß ihrem Prestige gar kein Abbruch geschieht, wenn ein Autor die Erlebnisse eines Romanhclden in diesem Kreis realistisch schildert, mit allen Menschlichkeiten, die, jenseits von programmatischen Einstellungen, das Leben und die Umstellung auf so neue Verhältnisse mit sich bringen. Wir haben den Autor des Romans gebeten, sich nunmehr zu der an ihm geübten Kritik selbst zu äußern. Wir geben abschließend seiner Antwort hier Raum. Der Autor antwortet Rarnat Gan, im Mai Die besondere Lage meines Falles wird bestimmt durch die merkwürdige Furcht vor literarischer Fixierung, die nicht nur in der kibbuzischcn Bewegung Palästinas, sondern überhaupt in vielen Gruppen der palästinensischen Gesellschaft zu Hause ist. Das Schlagwort für diesen Zustand entstammt denselben Gedunkensphärcn wie die Stellung des überwiegenden Teiles der öffentlichen jüdischen Meinung zu der Teilung Palästinas: Wir sind in einer dynamischen Epoche, nicht in einer statischen, wir lassen uns nicht fixieren, es ist alles bei uns im Fluß. Dieser Gedanke, im politischen Bereich am rechten Platze, wird oftmals da, wo es sich um kulturelle Angelegenheiten handelt, zu einem Anspruch auf Beachtung einer mystischen Immunität, hinter dem sich nichts verbirgt, als das Bedürfnis nach bequemer und lebenslänglicher Absolution von allen Sünden. Und doch kennt die Mathematik eine Methode, um Bewegungen zu fixieren und in starren Formeln zu erfassen: nämlich an dem unendlich kleinen Punkt, den die Bewegung durchläuft. An diesem kleinen Punkt findet das mit einem Mikroskop bewaffnete Auge des Mathematikers mitten in der Dynamik das statische Moment. Eine Bewegung ist eine Summe aneinandergereihter Stationen. Wenn der Autor eines Zeitro inanes eine solche winzige Station zum Betrachtungsgegenstand macht, dann fängt die Bewegung an, zu schreien: Wo sind die anderen Stationen, sind wir nicht eine Bewegung? Und trotzdem kann der Autor dieses Zeitromans etwas ausgesagt haben über die Bewegung, über das Dynamische, vom statischen Punkt aus. Alle Bewegungen fangen einmal an zu stehen, beginnen rückwärtszulaufen. Das ist Weltgeschichte. Freilich, die Beweger der Bewegung üben an sich selbst eine andere Kritik, die sogenannte ״konstruktive“ Kritik. Aber diese ,,konstruktive“ Kritik ist nur wichtig für die Bewegung, nicht für den Historiker. Kennzeichnend für die Nervosität, von der die Bewegung ergriffen wird, wenn einer sie in ihren kleinen statischen Punkten zu betrachten versucht, ist in meinem Fall das überreizte Mißverstehen dieser Arbeit. Gestalten wie Bartel, die aufgestellt sind in einer rein persiflatorischen Absicht, um den kibbuzisch nicht geeigneten Typ des neuen Ein- Wanderers zu dem kibbuzisch geeigneten in Kontrast zu bringen, werden ernst genommen, als Versuch einer herab* setzenden Kritisierung des Clinhrz aus Deutschland überhaupt. Die in Monolog und Betrachtungsart zum Ausdruck kommende negative Stellung des Helden zum Kibbuz wird sofort von Kibbuz zu Kibbuz, sozusagen mit fliegendem Atem, weiter signalisiert, als antikibbuzischcr Konspirationsakt. Aber meine sehr verehrten Freunde, wie könnt Ihr das dynamische Gebilde eines Romans an den kleinen statischen Stationen erfassen wollen, uie der Held in seiner Entwicklung durchläuft? Ihr sprecht von dem schweren Ringen der ersten Jahre. Aber was ist denn die Negation meines Helden anderes als dieses schwere Ringen, was heißt überhaupt: schweres Ringen, heißt das nicht, gegen die Negation in der eigenen Brust ankämpfcit, auf diese oder jene Weise, jeder, so gut wie er kann? Ihr sprecht von dem zionistischen erzieherischen Wert des kibbuzischcn Lebens. Aber ein Roman ist keine Propagandabroschüre, er darf nicht direkt aussagen, er muß indirekt aussngen, durch die Vorgänge, Entwicklungen, er hat die Aufgabe, auf seine Weise dynamisch zu sein. Nocli kennt Ihr nicht die letzten Kapitel meines Buches, habt noch keinen Ueberblick über die Absicht der Gesamtsaciie. Ihr tut dasselbe mit mir, was ich angeblich mit Euch getan habe. C h a j i in Schwarz ״Jüdische Dramaturgie“ Eine Sdilußbcmerkung Mit dieser Aeußerung schließen wir die Diskussion über das angeschnittene Thema, das u. E. durch Diskussionen nicht mehr zu fördern ist. (Red.) Ich darf die ״Ergänzung“ des Herrn M. L. (in Nr. 42 der ״Jüdischen Rundschau“) zu meinem Artikel obigen Titels (in Nr. 36) nicht unerwidert und unergänzt lassen. Aus zwei Gründen. Erstens: Herr M. L. sagt, ich hätte von der jüdischen Dramaturgie geschrieben: sie sei auf dem Wege. In Wirklichkeit habe ich natürlich diese Plattheit nicht verzapft, sondern von einer ״Dramaturgie des und der jüdischen Wege“ gesprochen — im Anschluß an Werfels Drama ״Der Weg der Verheißung“. Zweitens: die hitzige Verfechtung des ״zeitnahen“ jii1dischen Problemstückes durch Herrn M. L. stößt bei mir auf das denkbar größte Mißtrauen. Herr M. L. nimmt da eine Parole der Nachkriegsdramatik auf, mit der das Nachkriegstheater die alierschlechtesten Erfahrungen gemacht hat. Man sollte meinen, daß die seit damals feststehende üble Beleumundtnig des sogenannten Zeitstückes davon abhalten müßte, jenen Versuch der politisch-sozialen Konfektionieriing des Dramas neuerdings zu propagieren. Ich bin der Meinung, daß in der Regel die Aufrufe zum Zeitstück sich imposanter ausnehmen als dieses seihst, weil man ja den Dramatikern nicht Stoffe und Probleme liefern kann, sondern weil man sich damit von ihnen beschenken lassen muß. Dramaturgie nämlich gibt es nicht vor dem Drama, sondern erst nach ihm. was vorher, so wie es Herr M. L. versucht, propagiert, dekretiert und provoziert wird, führt zur Künstlichkeit und nicht zur Kunst; zur Schablone und nicht zur Form. Es führt nicht zu einem Ziel, wie Herr M. L. meint, sondern ab vom Wege. Hermann Sinsheim er *