Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 42 (28.5.1937)
- Date
- 1937-05-28
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seife 6 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 42, 28. V. 1937׳ Die Stellung der Juden Rumäniens Bukarest, 25. Mai. (JTA.) Unter dem Vorsitz des Parteinräsidenten, Dr. Theodor Fischer, fand in Bukarest eine Beratung der Exekutive der Jüdischen Reichsf> artet Rumäniens unter Teilnahme von Vertrauenseitten ans allen Provinzen statt. Bei der Erörterung der politischen Lage wurde festgestellt, daß die bürgerliche Re cli t s s t e 11 11 n g d c r J u d e n in Rumänien durch di c v o n der R e g i e r 11 11 g geplanten Wirtschaftliehen M a li n a 11 men und durch die Propaganda der rechtsradikalen Kreise ernst bedroht ist. Mit Rücksicht auf diese Situation wurde beschlossen, einen außerordentlichen Parteikongreß einzitberufen, der am 20. Juni in Bukarest eröffnet werden soll. Starke Beunruhigung hat in jüdischen Kreisen insbeson- Here eine Ministerialvcrordnung zu dem Gesetz über die Regelung der Kartelle hervorgerufen. Es wird darauf tiingewiesen, daß liier im harmlosen Gewände einer Durchführungsvcrordniing, die in dem — wie halboffizicli verlautete, inzwischen fallengelassencn — Gesetzentwurf des 1Ministers Valer Pop vorgesehene Einschränkung der Bctätig»ng von Stuatsangehongen der ethnischen Minderheiten in die Gesetzgebung hineingebracht werden soll. Die Ver- Ordnung macht die Genehmigung zur Gründung von Industrie- Unternehmungen von gewissen Verpflichtungen abhängig. Es heißt in der Verordnung, daß die Industriekommission bei der Prüfung der Genehmiggngsgesucbe auch ,,die Kategorien und die Nationalität des Personals“ in Betracht ziehen wird, zu dessen Verwendung das Unternehmen sich verpflichtet. Diese Bestimmung wird dahin kommentiert, daß offenbar beabsichtigt sei, neuen Unternehmungen die Verpflichtung aufzulegen, nur Personal rumänischer Volks- Zugehörigkeit zu beschäftigen. Es mehren sich in letzter Zeit die Fälle, in denen jüdische Passanten in Bukarest von Cuzisten überfallen und mißhandelt werden. Sehr häufig werden insbesondere in den öffentlichen Gärten Besucher aufgefordort, — die im übrigen verbotenen — Abzeichen radikaljudenfeindlicher Gruppen zu kaufen. Wer dieser Aufforderung nicht Folge leistet, wird, besonders wenn es sich um Personen mit jüdischem Aussehen handelt, verprügelt. Der jüdische Zimmcrmann Adolf Fallen bäum ist in der Nähe des Bukarester Ausstellungsgeiändcs von einer Gruppe Cuzisten überfallen und so schwer mißhandelt worden, daß er ins Krankenhaus gebracht werden mußte. Keine Kaufleute nach Columbien Der Hilfsverein der Juden in Deutschland gibt folgendes bekannt: 1111 Laufe des letzten Jahres hat sich bei den jiidisehen Auswanderern aus Deutschland ein verstärktes Interesse für Columbien gezeigt, und tatsächlich sind die Nachrichten aus diesem Lande verhältnismäßig günstig; die meisten Einwanderer haben schnell Arbeit gefunden. Doch beste! 1t dringender Anl iß, darauf hin/uweisen, daß Kauf- 1 e u t e, insbesondere solche ohne wirklich gründliche Branchekennt niese und ohne Beherrschung des Spanischen, iri C o 111 m b i e n k a 11 m i r g e!1 d welche Aussichten haben und sowohl vom Standpunkt der columhianiscticn Wirtschaft wie von dem der judi-elicn Gesamteimvanderung als 11 11 e r w u 11 seht gelten :missen. Schon jetzt hat der allzu zahlreiche Zuzug von Kaufletiten in Columbien zu gewisse» Mißständen und Gegenströmungen geführt, die leicht zu einer Gefahr für die jüdische Einwanderung im ganzen werde:!! können. Dr. Ignaz Zollschan (Karlsbad), der am 20. Mai seinen 60. Gebiut-tag begeht, steht mitten in der wissenschaftlichen Arhi'it und betrachtet sie noch nicht auf ihrem Höhepunkt angel an gt, geschweige gar ab abgeschlossen. Zollschan gehört zu den alten Vorkämpfern des 7, 1 o n i s m u s und und zu den ersten J »den, die von der Bedeutung der R a sseforschung durchdrungen, schon vor Jahrzehnten daran gingen, sie von jüdischen Gesichtspunkten her zu klaren. Fr hat sich keiner Gruppe verschrieben und in seinem Buch ״Revision des jüdischen Nationalismus“ (1010) sich in der Frage der Diaspora-Politik scharf von der damals herrschenden zionistischen Ideologie, aber auch von den Ansichten Buhers und Klatzkins abgegrenzt. Wenn auch die tatsächliche Ent- Wicklung seinem Rudi die Aktualität gerauht hat, so ist doch seine Lektüre auch heute noch lohnend. Zollschan trat damals auch als einer der Initiatoren der zionistischen Gruppe ,,Binjait Haarez“ "hervor. Zollsehans ״Rassenproblem“ (mit dem Untertitel ״unter besonderer Berücksichtigung der theoretischen Grundlagen der jüdischen Rassenfrage“ — 1. Aufl. 1000, 3. Aufl. 1012) hat das große Verdienst, die Wichtigkeit der Rassenfragen klar erkannt zu haben und mit einem umfangreichen wissenschaftlichen Apparat und ungewohnlicher Beherrschung nicht nur der Fachliteratur in ihre Erörterung eingetreten zu sein. Auf dem letzten Zionistenkongrefi hat Zollschan die Anregung gegeben, es solle eine Aufforderung an ״die Gelehrten der ganzen Welt zur objektiven wissenschaftlichen Untersuchung der Rassenfrage“ ergehen. Wir wünschen dem Jubilar, daß ihm auf wissen- Schaftlichem und jüdischem Gebiet noch manche bedeutende Leistung vergönnt sei. Hans Lamm L PELZHAUS TAUENTZIEN Inh, F n t7 W'r-Mr, F, S F. N . A U S W AH!. El. E G A N T E R P F. L Z M O D E LI. G 11 n O; ״ n P r יז i * - Berlin W 50, Nürnberger Straße 13 :IM ■M ■J Jüdische Dramaturgie Eine Ergänzung In Nr. 36 der ״J. R.“ hat Hermann Sinsheimer die Situation der jüdischen Dramaturgie — und somit der jüdischen Bühne — sehr treffend gekennzeichnet. Sinsheimer sagt: sie sei auf dem Weg! Aber, so möchte ich ergänzend fragen, zu welchem Ziel? Unter den verschiedenen, verschiedenartigen jüdischen Theatern ist heute ein einziges konsolidiert: das jiddische Theater. Seine Dramaturgie, sein Spielplan, sein Stil, seine Sprache entsprechen der Erlcbniswelt desjenigen jüdischen Volkstcils, den wir ״jiddisch“ nennen. Dieses jiddischc Theater wandert mit den jiddisch-gewachsenen, mit den jiddisch-sprechenden Juden des Ostens. Wir finden es nicht nur in Warschau, in Wilna; es existiert innerhalb des jiddischen Kreises in New York, aber auch in Wien (״Jüdischc Künstlerspiele“) und in Berlin (die jiddischen Studios der BZV.). Das von Natur aus zum Theater prädestillierte ostjüdische Publikum hat sich noch immer und auf alle Stationen seiner Wanderung seine jiddische Bühne mitgenommen. Das palästinensische Theater hingegen entwickelt sich — auf hebräischem Kulturboden, in! hebräischen Sprachkreis — zur jüdischen Nationalbühne. Man braucht in diesem Zusammenhang der These Sinsheimers, daß dieses hebräische Theater einmal eines der Resultate der palästinensischen Konsolidierung, daß der ״jüdische Shakespeare“ eine Folge der Volk-Werdung sein werde, nicht zu widersprechen mit der — in kausaler Umkehrung entgegengesetzten — These des Dramaturgen Friedrich Schiller: daß, sei erst die Nationalbühne geschaffen, dann auch die Nation werde. Jedenfalls ist und bleibt das Ziel des heutigen palästinensischen Theaters: seine Vollendung zur Nationalbühne. Man würde jedoch ihre dramaturgische Mission stark reduzieren, wollte man ihr lediglich die Aufgabe zuerkennen, auf ihrer Szene nur das zukünftige hebräische Drama, einen ausschließlich ״jüdischen“ Spielplan zu zeigen. Vielmehr hat dieses hebräische Nationaltheater gewiß auch die eminente kulturelle Verpflichtung, die dramatische Weltliteratur, die Klassiker — etwa den originalen und nicht nur den ,künftigen jüdischen“ Shakespeare — durch Uebersetzung und Uebertragung der jüdischen Kultursphäre Palästinas zu gewinnen. Zu welchem Ziel jedoch ist ״auf dem Weg“ jenes andere — nicht jiddische, nicht hebräische — jüdische Theater im westeuropäischen Raum? Etwa das jüdische Theater in Deutschland? Noch immer, nach vielen Debatten, zeigt sich die Dramaturgie dieses Theaters als ein ungelöstes Problem. Gewiß: selten mag die kulturelle Situation derer, für die diese jüdische Bühne spielen soll, so problematisch, so labil gewesen sein wie heute. Es ist durchaus in der Problematik dieses vieldeutigen Kultur- Standards begründet, daß die Bühne — die doch nur das szenische Abbild dieses Standards sein kann, wenn sie lebendig, lebens-nah, zeit-verb 11 nden wirken, wenn sie nicht ein Museum für Reminiszenzen oder gar für Ressentiments bedeuten soll —, heutzutage keine Realität, ja allenthalben noch nicht mal ein eindeutiger Begriff ist. Herbert Franken stein WirtachaHtberater fi*rlio S&* Paulo Im Herbst wieder ia Berlin Jetzt in Brasilien! S50 Paulo Ciit! Posta! 3489 Verlangen Sie in Ihrer Buchhandlung: BRASILIEN a!« Abnahmeland derffiditehcti Auswanderung aas Deutschland von Herbert Frankensteil) mit 24 Photo» u. Uebersichtskarte RM 2,- JOSEPH JASTROW VERLAG Berlin W15, Kaiseralle« 21 So viel jedoch müßte nunmehr klar sein: daß diese jüdische Bühne ihr eigenes Spezifikum (nicht dasjenige des jiddisehen und nicht das andere des hebräischen Theaters) offenbaren muß, um lebensfähig zu sein, um das Bedürfnis des geistig-wachen Teils im jüdischen Publikum zu erfüllen. Wie aber ist dieses Spezifikum beschaffen? Es ist der Ausdruck unseres heutigen Lebens und Denkens! Also hat man sich einen heutigen Spielplan als aktuelles Repertoire vorzustellen? Jawohl! Ein lebendiges Theater, das obendrein ein modernes Theater ist, wird beispielhaft und gleichnishaft den Inhalt unseres heutigen jüdischen Seins zur szenischen Gestaltung bringen, die heiteren, die dramatisehen und die tragischen Erlebnisse unseres jüdischen Alltags: als Beispiel des 11ns direkt angehenden Ereignisses, als Gleichnis analoger geistiger oder historischer Vorgänge. Da ist zwischen dem abstrakten jüdischen Bekenntnis und der konkreten sozialen Umordnung, zwischen jüdischer Andacht, der jüdischen Feier, dem jüdischen Humor und dem jüdischen Blick zu neuen Ufern eine Fülle der Gedanken, der Geschehnisse, der Probleme, und alle zusammen sind sie das bewegte, das durchblutete Szenarium des heutigen und des morgigen jüdischen Tags. Und die Vorgänge in Palästina, von der Jüdischen Legion bis zu den Araberunruheri: ist hier, im dramatischen Ablauf ganz naher, uns stündlich erregender Prozesse nicht greifbar, nicht schon vorgerückt an unser Hirn und unser Blut der Rohstoff, der breit und bunt hingelagert ein Appell ist an die Dramaturgie eines jüdischen Theaters heute, ihn für diese Bühne zu formen? Kurzum: aus dem jüdischen Erlebnis, aus dem jüdischen Ereignis muß der Spielplan, müsset! die Stücke dieser Bühne herauswachsen; sie müssen aus den Geschehnissen des jüdischen Tags gebaut werden. _ IW. L* Jüdisches Leben in Malmö. Unser schwedischer Berichterstatter schreibt uns: Nahe am Kontinent gelegen, entwickelt sich in den letzten Jahren — besonders seitdem Rabbiner E. Berlinger in Malmö seines Amtes als Seelsorger waltet — in der Metropole Südschwedens ein reges zionistisches Leben, welches hauptsächlich von dem intensiv arbeitend eit Jugendverein ausgeht, dessen zionistische Gruppe regelmäßige Uiskussionsabende über das Thema ״Jugend und Zionismus“ veranstaltet, mit einleitenden Referaten Rabbiner Berlingers, sowie des Vorsitzenden Herrn Malinowitz. Großes Interesse seitens aller Mitglieder erfreuten sich die Studienzirkel über jüdische Geschichte. Die Tendenz, die Arbeit der gesamten schwedischen Jugend (denen außer Malmö die Städte Kristianstad, Helsingborg und Landskrona angehören) zu zeritralisiereu und intensivieren, kam auf der Tagung der jüdischen Skanetage zum Ausdruck. In Kristanstad gründete Rabb. Berlinger vor ein paar Jahren den dortigen Jugendverein und hält regelmäßig zionistische sowie jüdisch-kulturelle Vorträge ab. ln sämtlichen südschwedischen Städten gibt es gut arbeitende Wizogruppen. Hier sprachen Frau Hanna Steiner (Prag) über die Aufgaben der jüdischen Frau sowie Frau Hanna Mendelsohn, die jetzt von .Trondlieim! (Norwegen) nach Palästina mit ihrer Familie übersiedelte, vor einem großen lebhaft interessierten Auditorium über ihre ersten Eindrücke in Erez Israel. H. R. Ein südamerikanischer Schriftsteller. In Südamerika feierte man, wie uns aus Chile berichtet wird, Anfang April die 100. Wiederkehr des Geburtstages von lorje Isaacs (Kolumbien), der einer der größten Schriftsteiler war, die Südamerika hervorgebracht hat. Seine Novelle ״Maria“ ist das meistgelesenste Buch Südamerikas. In Kolumbien hat man Isaacs ein Denkmal gesetzt. (Bereits Isaaes Vater George Henry Isaacs — Engländer — hatte allerdings die Taufe angenommen.) Die südamerikanische Presse hebt hervor, daß er seine jüdische Abstammung nie verleugnete und an allen jüdischen Geschehnissen lebhaft Anteil genommen hätte. Isaacs war 1871/72 kolumbianischer Generalkonsul in Chile. Die Selbstbiographie von Shmarya Levin ״Kindheit 1m Exil“, die seit langem vergriffen ist, erscheint Ende Juli in neuer Ausstattung im Verlag Erwin Löwe, Berlin W50. So verging die Nacht. Um zwölf Uhr pfiffen von unten die Polizisten, wir gingen hinunter und teilten mit ihnen das Essen, das wir in zusammengesetzten Töpfchen mitbekommen hatten. Zu rauchen, Lieht, zu machen, laut zu sprechen war verboten, Nach dem Essen ruhten wir zehn Minuten, stiegen wieder hinauf, die Polizisten, zwei Araber auf Patrouille, ritten da\on, nach Midbaria hinüber. Als um drei Uhr im Osten der erste Stern!!laß wurde, verließen wir den Weingarten, spannten den Wagen ein. Jeder pflückte noch, soviel er mit nehmen konnte, schließlich kamen aus dem Dunkeln die vier anderen Wächter heran, man fuhr nach Hause, müde, schweigsam, immer noch in einer gewissen Gespanntheit, und traf unterwegs das hinunterfahrende, mit Scheinwerfern blendende Auto. Zwölf Nächte vergingen glatt, freilich erlebnismäßig in Bich differenziert. Für die zweite Nrtcht bekam ich einen anderen Begleiter, der jetzt die ganze Zeit blieb, Ilastnroh, ebenfalls ein Alter, der als einer der besten Wächter galt und so schweigsam war wie ein Engländer. Etwa gegen zwei Uhr nachts geschalt es, daß Hastaroh sich plötzlich hinwarf, ich machte automatisch seine Bewegung mit, und mit dem Huf: ״Wer da!“ das Gewehr anlegte und abschoß. Im Schein der auflditzendcn Schrotpatrone sah man eine Geeialt atifspringen und davonrennen. Wir fanden in der Nähe zwei leere, offenbar vorbereitete Säcke, die nuch arabischem Muster den Bindungsanfang an den zwei Ecken hatten, die Zwei »!)geschnürten Zipfel, an denen die Araber anpacken. Nach und nach machte ich die Erfahrung, daß das Geräusch des Windes, die Schritte klappernder Schilfmatten an den Verpack ungshütten, das Aufrauschen geütörier Vögel und die leuchtenden Augen der Leuchtkäfer, auch das schrille Pfiffsignal der Grillen, daß diese Er- •cheimingcn schlimmer waren, mehr die Seele entsetzten als der klare Anblick eines ganzen Regimentes arabischer Diebe. Wie wir in der dreizehnten Nacht nach der Abfertigung des Tnuwa-Autas wieder hinaufsteigen, hören wir plötzlieh ein verdächtiges Geräusch, Knipsen, Zupfen, irreguläres Blätterrascheln, und werfen uns hin. Hastaroh, das Gewehr im Anschlag, und ich mit entsichertem Revolver, so krauchen wir auf dem Boden der Geräuschquelle entgegen, rufen und schießen; erst will Hastaroh schießen, aber sein Gewehr versagt, so gebe ich zwei Schüsse ab in die Luft. Eine Sekunde lang ist es still, dann kommen Schüsse vom Berg, vier Schüsse hintereinander, tak, tak, tak, tak, vier Blitze aus der Finsternis. Schießen oder nicht, frage ich im Flüsterton Hastaroh; der hat inzwischen eine Leuchtkugel eingeschoben, die ganz groß, mit langem blauen Schweif aufsteigt und drüben von Tel Ilomon aus beantwortet wird. Schieß in die Luft, befiehlt Hastaroh. Ich gebe wieder einen Schuß, wieder kommt von den Bergen Gewehrfeuer; sie schießen sich ein, die Kugeln durehzischen bereits in der Nähe das Laub. Inzwischen sind ttnten die vier anderen Wächter herangekommen und schießen von der Landstraße hinauf auf den Berg. Eine ganze Salve, acht oder zehn Schüsse, kommt zurück. Wieder zischt es im Laub, plötzlieh habe ich einen Schmerz im Oberschenkel, achte aber nicht darauf, da ich glaube, es sei irgendein nächtliches Insekt. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, daß mir etwas eschieht. In der nächsten Viertelstunde wird das Feuer auf eiden Seiten eingestellt, hören Hastaroh und ich deutlich, daß die Araber weiterpflücken. Dann aber löst sich der Scheinwerfer des Autos oben aus dem Hof, kreist herunter. Erst jetzt verlassen die Araber den Weingarten. Nachher unten im Lieht der Scheinwerfer sehe ich, daß ich am Schenkel blute. Zacharias verbindet, Ilagescher gratuliert mir, Akiba hält lange meine Hand. A m nächsten Abend war eine Feier wegen meiner Wunde. Sie haben mich in den Speisesaal getragen. Sie haben Hörrah um mich herum getanzt. Meinen Käfig schenke ich dem Kinderhaus. Ich freue mich sehr über die neuen Polen. Es sind gute Arbeiter und nette Kameraden. Sie haben alle Arbeiter- Gesichter, auch die Mädels arbeiten wie die Teufel. Mit einer habe ich neulich zusammen um die Wette Teller gewaschen. Es war den ganzen Tag eine schöne Atmosphäre von Schweigen und Nachinnengekehrtheit. Am Schluß hörte ich, wie sie jemanden fragte, auf mich weisend: Wer ist der Kleine? F.r versteht, zu arbeiten. Sie erfahren es nur ganz langsam, daß ich aus Deutsch'• land bin. Ich spreche mit ihnen Iwrit wie die andern. Auch den Tagesanzeiger lese ich jeden Abend. Ich fühle mich außerordentlich wohl in dieser Sprache. Eines Tages kriegt Hanni heftige Schmerzen und wird nach Afuleh gebracht, ins Krankenhaus. Gestern ist Ester hingeschafft worden, aus demselben Grund. Ich wundere mich, daß man Hanni nichts anmerkte, bi« zum letzten Augenblick, während doch Ester herumlief mit hohem Leib und mütterlich milder Miene. Ich nehme an, daß Hannis Bedürfnis, die Sache geheim zu halten, auch auf die Haltung ihres Leibes gewirkt hat. Hoffentlich schadet das nichts der Geburt. Es schadet nichts. Keraehski gibt mir Geld, um nach' Afuleh zu fahren, da finde ich im Krankenhaus in einem großen Saal Hanni und Ester, sie liegen nebeneinander. Hanni hält mir einen Jungen entgegen und Ester ein M&del. Den Jungen adoptiere ich. Der Vater des Mädels, der bleiche schüchterne Knabe, befindet sich neben Ester am Bett, er ist gar nicht mehr schüchtern, er beobachtet »ein Kind und spielt mit ihm, und der ganze Saal, zwanzig jüdische Mütter, fangen an, zu lachen über dieses Spiel eines Vaters, der selber noch ein Kind ist. Dann stehe ieh auf dem Bahnsteig in Afuleh, mittags, und warte auf den Halbdrei-Anschluß nach Tel Hamon. Ich habe Arbeitskleidung an und will in den Tabatim aussteigen, um auf den! kürzesten Weg zum Orangengarten zu gelangen, zu meinen Kisten, die ich wieder schleppe. Ja, ich bin Lastträger geworden, ich beuge meinen Kopf und halte den Rücken hin und nehme alle eure Schuld auf mich, ich adoptiere eure Schuld, ihr sollt erlöst werden durch mich. Ich muß für drei arbeiten, für Kunitz, Schröder und Karlchen, aber der vierte, für den ich arbeite, das!seid ihr, das Volk in der Golah, mit all euren Sünden und all eurem Irrsinn, dafür bin ich Chaluz. Wie stand ich noch hier vor zehn Monaten, auf dem Bahnsteig in Afuleh, mit dem ganzen Körper schlitzend um mich selbst gerollt. Jetzt bin ich frei, einen großen Sinn hat mein Leben bekommen, Lastträger bin ich geworden, zur Erde drückt es mich nieder, zu meiner geliebten Erde, ieh fahre nicht mehr ins Dunkle hinaus, da der Zug kommt, ins Helle fahre ich, in den neuen großen Tag, gleich wird hinter einer Biegung der Kumihügel auftauchcn mit den weißen Häusern von Tel Hamon. ENDE. Nachbemerkung der Redaktion: Der nun ahgeschlossene Roman hat, während er in der ״J. R.“ ״lief", lebhafte Aeußerungen aus der Leserschaft in Palästina hervorgerufen. Die Kontroverse darüber macht ein Nachwort erforderlich, das wir in der nächsten Nummer bringen werden