Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 41 (25.5.1937)
- Date
- 1937-05-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 41, 25. MAI 193? Ein Jahr Tel-Awiwer Hafen Zwei öffentliche Gärten eingeweiht Von unserem palästinensischen Korrespondenten / Dazu 2 Bilder Die Stadt feiert gl. Tcl-A wiw, 19. Mai 1937 Die Illumination, die zum Krönungstage in Tel- Awiw vorbereitet war, glühte gestern abend noch einmal auf, aber dieses Mal nicht zur Feier Georgs VI., sondern der Anlegest eile von T 11 - A \v i w. Es ist ein Jahr her, daß an der Mündung des Jarkon die ersten fieberhaften Vorhereitungen zum Ausladen von Waren gemacht wurden, als der Jaffaer Hafen ini Zeichen der Unruhen streikte und Tel- Awiw, mit einem Schlage von der Zufuhr vom Meere abgeschnitten, zur Selbsthilfe schritt, bei der Regierung eine Konzession durchkämpfte und ohne viele Vorbereitungen an die Gründung eines Hafens ging. Die Lichtornamente, die auf den Kreuzungsplätzen der Stadt errichtet waren, zogen statt der englischen die blauweißen Farben an. Die Krone auf dem Gebäude der Stadtverwaltung von Tei-Awiw war durch ein in elektrischen Birnen gezeichnetes Segelschiff ersetzt worden. Im großen Konzertsaal auf dem Ausstellungsgeiände, das an den neuen Haien anschließt, hatten sich auf Einladung der Meeresliga Tausende versammelt, um die au dem Werke Beteiligten über die Errungenschaften des letzten Jahres und die Aufgaben der Zukunft sprechen zu hören. Heute findet auf dem Hafengelände ein Sportfest statt. Die ״Marine Trust Ltd.־‘, die für den Bau des Hafens verantwortliche Gesellschaft, hat eine Erhöhung ihres Kapitals von 100 0(» Pfund auf 250(XX) Pfund angekündigt. Hinaus auls Meer! ״Hinaus aufs Meer“, so lautete die Losung, die vor dem 19. Mai 1936 nur in kleinen Kreisen erklang und mit dem überraschenden Versuch zur Entwicklung der Anlegestelle in Tel- Awiw allgemein wurde, ln unzähligen Reden und Artikeln ist seitdem dieser Ruf immer wieder erhoben worden. Eine Meercsliga entstand, die sich die Propaganda der Schiffahrt, die Befestigung der erworbenen Positionen, die Schaffung von neuen Unternehmungen, die mit Seefahrt Zusammenhängen, die Ausbildung der Jugend für Seefahrt und für Wassersport zur Aufgabe machte. Man tat alles, um dem neuen Untcrnehmen, das ohne viel Vorbereitung und so gut wie ohne Pianung begonnen wurde, die größte Popularität zu verleihen, und das Publikum, das in den schweren ersten Monaten der Unruhen die Gründung der Anlegestelle als einen Sieg und eine Erlösung empfand, kam diesen Bemühungen willig entgegen. Um den Landungssteg, der draußen an der Jarkonmündung Meter um Meter vorgetrieben wurde, entstand ein Glanz des Pioniertums, vergleichbar der Gloriole der frühen Siedler in den Sümpfen. Der erste Sack Zement, der in Tel- Awiw ausgeladen wurde, wanderte im Triumphzug ins Museum der Stadt. Der erste Leichter, der das Ausladen bediente, wurde Gegenstand des Stolzes, und eine ganze Literatur von Meer- und Schifferliedern entstand nach und nach. Die Pliantasie des Volkes und auch die von vielen seiner Führer sah schon einen großen ausgebauten Hafen vor sich, eine Reiiie von jüdischen Handelsschiffen, sie sali die großen Kais und Warenschuppen am Strande von Tel-Awiw, und Passagierdampfer, die in der ersten jüdischen Stadt anlegten. Die Kinder in den Straßen wollten plötzlich alle Seeleute werden, und wer nur irgendetwas mit dem Hafen draußen am Jarkon zu tun hatte, schien mit einem Schlage etwas von einem Helden an sich zu haben. dungssteg, der Leichterhafen und eine Reihe von Magazinen und primitiven Büros entstanden, man hat Motorboote und Leichter beschafft und die Anzahl der Ladungstonnen, die täglich bewältigt werden konnten, ist dauernd gestiegen. Die größte Errungenschaft des Jahres ist jedoch vermutlich die Heranbildung einer H a f e n b e 1 e g s c h a f t, die bereits viele Hunderte von Arbeitern umfaßt. Die jüdischen Hafenarbeiter aus Saloniki haben hier ein Arbeitsfeld gefunden und der ״Kibbuz Mcuchad“, der Kollcktivvcrband, der seine Gruppen in den Siedlungen und Städten hält, hat sich bemüh», eine Gruppe für die Hafenarbeiten auszubilden. Auch an den Bau von Boot en bat man sich hcrangcmacht, und es gibt heute wohl kaum ein Gebiet, das mit der Hafenarbeit Zusammenhang(, an das sich die ehrgeizige* Phantasie nicht heranwagt. In allen Reden, die bei der Jahresfeier gehalten wurden, hat man diese Errungenschaften betont, zugleich auch auf die ungeheure Arbeit, die in Zukunft noch zu leisten ist, hingewiesen. Die Lokalpatrioten sind völlig davon überzeugt, daß diese zukünfti• gen Arbeiten unbedingt an dem Orte der heutigen Anlegstelle liegen müssen. So sehr man jedoch auch die Leistung des letzten Jahres anerkennen muß, darf nicht verkannt werden, daß heute ebenso wie vor einem Jahre die Frage besteht, ob die gewählte Stelle wirklich die beste für einen großen Hafen ist, ob nicht ein gemeinsamer großer Hafen für Jaffa und Tel-Awiw eine vernünftigere Lösung darstcllcn würde als zwei mittelmäßig ausgeballte Häfen in den Nachbarstädten, die notwendig zu dauernder Konkurrenz führen müssen. Fine ökonomisch begründete und sachliche Diskussion dieser sehr wichtigen Frage läßt sich jedocli bei der gegenwärtigen unklaren politischen Lage, hesonders seit die Teilungspläne in der Luft hängen, nur schwer führen. Hierin liegt eine große Gefahr, denn unterdessen wurden und werden i!1 der Anlegestelle in Tel-Awiw große Euergien und Kapitalien investiert, ohne daß es genügend klar ist, was das eigentliche Ziel dieser Unternehmungen ist und inwieweit sie gerade an diesem Platze sich ausführen lassen. Einer der englischen Experten, die man im Laufe dieses Jahres /!!gezogen hat, sprach sich vom technischen Standpunkt für einen gemeinsamen Hafen von Tei-Awiw und Jaffa aus, während am Jarkon ein Leichterhafen und ein Abladeplatz für bestimmte Warengattungen bleiben solle. Man wird noch viel Material Zusammentragen müssen, ehe man — auch abgesehen von allen wirtschaftspolitischen und politischen Erwägütigen — hier Klarheit schaffen kann. In Klar Shmaryahu und In Nathanla ln Gegenwart des High C o 111 m i s s i o!1 e r s wurde ein öffentlicher Park auf den Namen S!1111 a r y a L c v i n s in Kfar Shmaryahu eingeweiht. Der Be/irkskommissar Crosbie, Mosche Schertok, Dr. Ruppin, Volcani, sowie der Sohn, die Tochter und der Enkel Lcvins befanden sielt unter den Anwesenden. Dr. Landsberg hielt eine Ansprache namens der Rassco-Geseliscliaft (Gründerin der Siedlung), in der er auf die Verbundenheit Shinarva Levins mit den Juden Deutschlands hinwies. I )er H i g 11 C o 111111 i s s i o!1 e r drückte seine Befriedigung darüber aus, daß er an der Einweihung des Parkes, welcher zum Andenken an seinen alten Freund gestiftet wurde, teilnelunen könne; er schilderte die hervorragende Persönlichkeit des Verstorbenen und äußerte den Wunsch, daß die iicugegnmdete Siedlung vorn Geiste Levins durchdrungen sein möge. Sir Arthur Wauchope überreichte den Siedlern ein großes Bildnis Shmarya Levins, das eine hebräische Inschrift tragt, und pflanzte einen Baum, der aus dem Garteil der Residenz in Jerusalem stammt. (Bekanntlich hat Wauchope seihst 1()')() Pfund als Spende zu den Kosten dieses Gartens beigefragen.) Von Kfar Shmaryahu fuhr der High Commissioner nach Maabaroth und crijffnete dort eine neue Brücke über den Alexanderfluß. Er begab sich sodann nach N a f 11 a 11 i a, um an der Eröffnung des neuen King George VI.- Parkes teilzunelimeii. Der Vorsitzende des Siedliingsrates verlas die Huldigungsadresse an den König, die er dann zur Weiter- Icitimg an ihn dem lligh Commissioner übergab. Ehe Adresse ist auf Pergament geschrieben und in Silber gebunden; die Silberhülle wurde in der Be/ulelAWik-i itte angi fertigt. Schertok hielt die Ansprache an den lligh Com uns. s i o n e r; dieser erwähnte in seiner Antwort, daß der Köllig sieh besonders über diese (iahe freuen \w!n!e, da er!rersönlich ein Förderer der öffentlichen Parks -ei. Sir Arthur Wauchope pflanzte daraufhin einen Otiveiibaiim und besuchte später eine jüdische HatishaUartikel־! nbtik. Heroismus und Dilettantismus Die Errungenschaften des letzten Jahres Bis heute ist es nicht ganz klar, inwieweit der Plan der Tel-Awiwer Anlegestelle den technischen Anforderungen, die man an sie stellen muß, entspricht mul wie weit der gewählte Ort sich für den Ausbau eines Hafens eignet. Was die zuständigen Steilen gerade zur Wahl der Jarkon 111 ii n d u n g bewog, war einerseits das Ausstellungsgeiände, das in seinen Pavillons Raum für eventuelle Magazine usw. und in seinen Wegen ein Minimum von Zufahrtsstraßen hot, andererseits der Jarkon, von dem mail hoffte, daß er sicli für Leichter und Segelschiffe als Hafen würde gebrauchen lassen. Unterdessen hat man nicht den Jarkon vertieft und ausgebaut, sondem einen Lcichterhafen in der Nähe des Landungssteges ausgebaggert, und es geht bis heute noch eine lebhafte Diskussion darüber, ob der Jarkon oder dieser künstliche Hafen zweckmäßiger sei. Man hat verschiedene Experten zugezogen, aber die scheinen sich auch nicht ganz einig über die Frage zu sein. Unterdessen ist ungeachtet all dieser Diskussionen der Lan- Zum Jahrestag der Hafengründung haben die hebräischen Zeitungen große Beilagen hcrausgebracht, die diesem Ereignis gewidmet waren. Sie bilden eine ungewöhnlich inter* essanle Lektüre. An ökonomischen Begründungen dieses Unternehmens wird mail in den Beiträgen nur relativ wenig finden, Line nochmalige Zusammenstellung dessen, was unterdes gebaut worden ist, eine Liste der Schiffe, die in diesem Jahre an der Anlegestelle landeten und die Ladung, die sie löschten und ,uifnalunen, ein paar skizzenhafte technische Pläne, das ist alles. Dafür aber findet man eine Fülle von propagandistischem Material, Lieder über den Hafen und über die Schiffahrt, begeisterte Beschreibungen von der Ankunft des ersten Schiffes, von dem Löschen der ersten Ladung, von den ersten Booten unter palästinensischer Flagge mit jüdischer Mannschaft und ähnliches. Die großen Schwierigkeiten der Arbeiter, sich an die schweren Lasten und ihre Handhabung zu gewöhne״, spielen eine Rolle, der Bau des zuerst hölzernen und dann eisernen Steges wird zu einem Epos. In den begeisterten Auf- Sätzen laufen ein paar Geschmacklosigkeiten unter, wenn zum Beispiel die Gründung des Tel-Awiwer Hafens und das Verlassen des Jaffaer mit dem Auszug aus Aegypten vergleichen wird und noch einiges dieser Art. In diesen Beilagen spiegelt sich die Mentalität, die ein solches Unternehmen wie diese neue Anlegestelle und viele anderen neuen Werke in Palästina trägt. Es liegt ein echter Heroismus darin, wie Arbeiter, die niemals mit solchen Sachen zu tun gehabt haben, mit Säcken auf dem Rücken ins Wasser waten und die schweren Zeinentsäeke aufs Trockene und in die Magazine schleppen, es liegt «ine Fülle von jugendmut in der Begeisterung, in der man ohne Zögern vom spielerischen Wassersport in die ernste Arbeit: übergeht, in der man Sportschiffe zu Ladeleichtcrn timarbeitet und mit der die ausgeladenen Tonnen als Maßstab der Leistungsfähigkeit und Zähigkeit betrachtet werden. Zugleich äußert sich in dieser Mental1t.1t der erstaunliche Dilct« t a!11 i s 111 11 s, mit dem man bei uns an große u 11isrhnftlichtechnische Aufgaben herangelif. Es leiden ja nicht nur die ausgebildeten Seeleute und Hafenarbeiter, es fehlen am 11 die erfüllreuen Planer und Ingenieure, es fehlen die ausreichenden Voruntersuchiingcii — es ist wirklich alles mul jedes aus dem Nichts zu schaffen. Kenntnisse und Uetnmg werden unter diesen Umständen durch krampfhafte Energie und Anspannung ersetzt, und weil eben so ungewöhnlich viel Kraft in alle diese — an anderen Stellen selbstverständlichen f)inge — hineingesteckt wird, verstärkt der Dilettantismus den Heroismus und umgekehrt. Unter den herrschenden Umstanden ist diese Mentalität wohl eine natürliche Erscheinung. Mit derselben krampfhaften Energie hat Palästina die ersten jüdischen Landarheiter, die ersten jüdischen Bauarbeiter geschaffen. Auch bei ihnen mischte sich der Heroismus aufs engste mit dem Dilettantentum. Heute wie vor dreißig und vierzig Jahren wurden Arbeiter, die bei normalen Völkern selbstverständlich' waren, zu einem romantischen Ereignis, zu einer heldenhaften Eroberung. Und so wie der Pflüger in Galiläa sieli wieder in die Landschaft der Bibel zurückversetzt fühlte, so geht die Generation, die heute den Hafen baut, in die Lriiii/eit zurück, sucht nach den Vorbildern der alten jüdischen Seefahrer und zeichnet die Bilder der alten Schiffe ab. Vei!111111 ich ist dieser heroische Dilettantismus für Palästina gerade in seinen Außenposten das naturliehe. Der Plan, die Berechnung, die rein vernunftmäßige Projektinung kommt später mul mit ihr eine Geistcslialtimg der Praxis und der basierten sicheren Methode und Zielsetzung. Ein Araber erschossen Jerusalem, 21. Mai. (JTA.) Am I iniuiersfag!labet in der Altstadt von Jerusalem große a r a b i s c 1! c K 11!1 d g e b 11 11 g e n stattgefundvn. Arabische Jugendliche und Kill der zogen massenhaft mit dem Rufe: ״'lud dem liigi Commissioner! Tod den Juden!“ durch die Steißen. 111 Bezalel-Viertel sind auf einen arabischen Arbeiter z w e S c h ii s s e a b g e g e h c 11 worden. I )er Arbeiter e r I a g bah darauf im Krankenhaus den erlittenen Verletzungen. An der palästinensischen Grenze, insbesondere an der Nordgrenze, sollen zwanzig neue P o I i z e i s t a t i o n e n errichtet werden. Der Generalinspektor der PaHstinapolizei, R. G. S p i c e r, hat Vorkehrungen getrogen, um die mög• liehst baldige Eröffnung der neuen Pobzeisiationen zu sichern. Im Zusammenhänge mit dem Attentat auf Paul II o v a r d. der gefährliche Verletzungen davontrug, sind vier Arabe! verhaftet worden. mm »«sifi r#*S :'ff! j ** , v * >• fPS־ iflj •m *s." in der Nacht vom 18. zum 19. Mai 1936 war der erste improvisierte Landungssteg an der Küste von Tel-Awiw gebaut worden. Wenige Tage später wurde er. von den Wellen fortgespült. ÄrfcäißGsä!» Im Laufe eines Jahres ist ein Hafen entstanden, der in der Orangen - Saison Hochbetrieb hatte. Das Bild zeigt das Leichterbassin am Schabbat, während die Arbeit ruht. Fotos: R, Weiüemtpm, Tel •Awin *am 11