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Jüdische Rundschau · 1937-05-25 · Heft 41 (25.5.1937) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 41 (25.5.1937)
Date
1937-05-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 41, 25. V. 1937 muß festgcstellt werden, daß die Ereignisse in Brest wahr• scheinüch bedeutend den Prozeß der Polonisierung der bisher so prägnant jüdischen Stadt, welche hart an unserer Ostgrenze liegt, beschleunigen werden. Es ist doch klar, daß, wenn 7. Fi. vor den Ereignissen in Brest zwei polirische und 38 jüdische Bäckereien (welche sämtlich ruiniert worden sind) vorhanden waren, sich jetzt die Lage ändern wird. Viele, vielleicht die Mehrheit der jüdischen Unternehmutigen, werden nicht mehr aufgebaut werden, an ihre Stelle werden polnische Unternehmungen treten. Das wird natürlich starken Liinfluß auf den nationalen Charakter der Stadt haben“ Auch ohne solch offenes Geständnis war für die pol• nisclie judenhdt klar, was Arrangeure und geistige Urheber des Pogroms in Brest bezweckten: die Juden durch solche Gewalt,iktionen?11 zwingen, ihre ökonomischen Positionen aufziigcben. Möglich, daß wenn irgendeine Aussicht auf Aus• Wanderung vorhanden wäre, jetzt ein gewisser Teil der jüdischen Bevölkerung in Brest nach dem Wanderstab gegriffen hätte. Aber unter den gegebenen Umständen wollen die Juden in Brest und die gesamte polnische Juden heit alles daran setzen, um die Judengemeinde in Brest so rasch wie möglich wieder aufztibauen. Die in Warschau und in anderen Städten sofort eingcleitcte Hilfsaktion hat zwar in den ersten Tagen Nahrungsmittel nach Brest gesandt, um die dortigen Juden vor Plunger zu schützen, aber diese Aktion, die in ganz Polen und in Amerika, wo viele aus Brest stammende Juden leben, systematisch durchgeiiihrt werden soll, wird konstruktiven Charakter und die Aufgäbe haben, sämtliche ökonomische Positionen der Juden in Brest rin/uhalten. Die jüdischen Industriellen und Großkauflente in Polen wollen ihren jüdischen Kunden in Brest ein Moratorium /!!billigen und ihnen neue Warenkredite erteilen. Auf die Losung der kollektiven Verantwortung wollen die Juden mit Taten antworten, die eir! Beweis für eine wirklich vorhandene Solidarität mit unschuldigen Opfern licfern sollen. Die Hüls-Aktion Sür Brest * Litowsk W :! r s c h ,111, 2(1, Mai. (JTA.) Zur Durchführung der iiilfs.iktion für die Pogromopfer von Rrest-Litowsk ist ein aus 21 V! rtrcUTit aller jüdischen Gruppen bestehendes Komit e r unter dem Vorsitz des jüdischen Vizebürgermeisters K 1; ־8 ס r t n iv , I, i eingesetzt worden. An den Beratungen des Könnt, es 11,dinien auch Senator ()berrabbiner Prof. S e h o 1 r, die Abgeordneten Dr. S o m m e r s t e i r1 lind G oftlieb und der Sekretär des jüdischen Parlamentsklubs i)r. T r 11 n r 11 11;1 11 in teil. Es wurden Kommissionen zur Er- Jtebmig des Schadens, zur Wahrung der Rechtsansprüche, zur Verteilung t|t.r dringendsten (ieldunterstut/ungen und zur Autlninuuiig v!m Mitteln für die Hilfsaktion eingesetzt. Lieber äno hii! dudm tilge l'amilun haben sich bei dem Komitee bereits ״enu-ldet. Aus den Mitteln des allgemeinen polnischen i lüfsionds sind Betrage für die dringendste erste Hilfe 1sVrwic«e!1 worden. Später soll die Hilfe aus der Stimm, 2!k!i״n tman/irrt werden. Aut Grund des Berichtes, den die in Polen cingetioffenen I)irektor11 ,׳ des Joint Distribution Committee, l)r. Bernhard Kahn und I )avid S c!ו w c i t z e r, der New Yorker Zen- Irak• über die \>m ihnen Ic-lgestellte Lage der durch die Unruhen g;׳se)ud׳gteu indischen Gemeinden, insbesondere der Gemeinde von Brest-Litowsk, erstattet haben, hat der Joint telegraphisch einen außerordentlichen Beitrag von 501!Ott Do)!;!1׳; •׳nnit7bch /י: den schon früher für Polen i ״oi'ligt 1' 11 tgel F׳n: u,;erwiesen. De: pD״;x1u;: Minister״ t ״.! ,et!‘, hat die Durchführung ׳■Pei t■•■• ״!::׳F! ,״; ff t' 1 s a k 11 <׳< r f!<r die Pogromopfer von r•1•.׳-׳׳! ■ v ■ ■ gat;; P de gereknsUgt De ' ate.te J ' 1>.a> F: •ihötskämpfe. irt Stenhania ::pro ws'׳ g';, unter d׳;ut Zar,•!r■ guee mit beson- 2״«« ״ .‘inן •!י ׳ oi r־lf ,oudmekter, tusbe*׳...u. :,־;ur die poli- ■ }׳.״! igvuen, u;Per ihnen vielt׳ Iwutigi polnische Staats- , :1 1׳ r, : ngcireteu!st, 11,1; in:;■.:! Attb ■ r ׳;״W nichtjüdische RvVi.li t-rnig' zur Org uns:: 1, ,:g tir!־.׳ D •diktio׳• für die < ״r f : 2,״־ Yo!f.dle in Brest-Litow»k gerichtet. Sie erklärt, daß sie angesichts dieser Ereignisse von Scham und Schmerz erfüllt sei und den Opfern ihre tiefste Sympathie ausspreche. Starosta von Brest abgesetzt Mittist״• prä-ident Slawoj Skladkowski hat als innennumstc! die Absetzung des Starosta (Stadthauptmann) von Bre-i-l.11«u\-k, Erane\s/ek C z e r n i k, und die Versetzung des!.eite׳- der politischen Abteilung bei der Woiwodschaft von Poe ,■cn, Kasimierz. R o I c w i c /, wegen ungenauer Beticiiter-t.ittung;11! die Vorgesetzten Behörden und Unterlassung uit-ehl1״, ■״er Maßnahmen zur Unterdrückung der Unruhen im Kinne anueordnet. Mimsterpi ,.siden! General Slawoj Skladkowski hat die Abgeordneten |)r. S o m :11 e r stein, Rabbiner R u b i!1 s t e i n und Dr, Göttlich 111 einstündiger Audienz empfangen. Die Abgeordneten schilderten dem Ministerpräsidenten die Lage in Bre-t-l 1tow1»f, und die tragischen Eolgen der Ereignisse 'für die judi-ehe Uevoikerung. die brachten auch die Frage einer s t a;111 .־ e!1 1: 11 F ntschädigung für die Pogromopfer zur S י ן r. 1 -. in״. Weiter wurden judenfeindliche Ausschreitungen besprochen, die in letzter Zeit in anderen Ortschaften stattgetuiidi 11 h;!h11׳. In Bre-t-l.itowsk werden vor dem Schnellgericht timtnierbrocln r Verhandlungen gegen Personen durchgeführt, die beschuldigt sind, an den Ausschreitungen teilgenommen zu haben, ID wird mit großer Beschleunigung gearbeitet. Die als Zeugen vorgeladenen Geschädigten erhalten wenige Stunden vor Beginn des Prozesses ihre Vorladung. Am Freitag wurden drei Plünderer zu zehn Monaten bzw. je einem halben Jahr Gefängnis verurteilt. Einer der Verurteilten, ein 75j;ihriger Mann, erhielt mit Rücksicht aut sein hohes .Alter Strafaufschub. In Warschau ist der Bürgermeister von Brest-Litowsk eingelroffcit. Er hat bei der Regierung finanzielle Hilfe für die" Stadtgemcinde verlangt, da infolge der Unruhen ein Defizit von mindestens 200 000 Zloty zu erwarten sei. Die jüdischen Kaufleute und Hauseigentümer von Brest- Litowsk \s tinlett nicht in der Lage sein, die städtischen Steuern zu bezahlen. Jüdischer Proteststreik Warschau, 23. Mai. (JTA.) Die gesamte Judenhdt Polens bringt ihre Trauer über die Ausschreitungen in Brest* Litowsk und ihren!,rötest gegen die Willkür, der sie ausgesetzt ist, in einem allgemeinen Streik zum Ausdruck, der am 21. Mai, von 12—2 Uhr mittags, durchgeführt wird. Zwei Prozesse Ryppels ״Erlösungsmarsch“ Warschau, 20. Mai. (JTA.) Die Verhandlung gegen Adv. R y p.pe I fand in Warschau statt. Der Angeklagte, der seine Verteidigung selbst führt, weil kein Außenstehender, wie er behauptet, sich in die besondere psychische Situation hineinversetzen könnte, die ihn zu seinem Unternehmen bewogen hat, hielt den Termin und den Ort der Verhandlung vor seinen Anhängern geheim, und so sind nur wenige von ihnen im Zuhörerrautn erschienen. Er wollte, wie er vor Beginn der Vcrhandlung den anwesenden Journalisten mitteilte, verhindern, daß sich seine Anhänger während des Prozesses zu Sympathiekundgehtmgen für ihn hinreißen lassen. Adv. R >• p p c 1 hat sich wegen Beleidigung der Polizei zu verantworten. Er soll am 16. November v. J., als der von ihm geführte mehrere hundert Mann starke Zug drei Stunden weit von Warschau aufgelöst wurde, den Polizisten ״Mörder“ zitgerufen haben. Der Angeklagte gibt dies zu. Er erklärt jedoch, daß er diesen Ausruf getan habe, als er sah, wie die Polizisten seine Leute mit Gewehrkolben bearbeiteten. Als der Ankläger Adv. Rvppel fragte, ob er denn geglaubt habe, wirklich den Marsch nach Palästina durchführen zu können, oder ob es sich nicht bloß um eine Dcmonstration gehandelt habe, antwortete der Angeklagde mit fester Stimme: Ich war durchaus davon überzeugt, daß wir unser Ziel erreichen und vor die Tore Erez Israels gelangen werden. Eine solche Unternchmung ist ebensowenig eine Demonstration wie der heutige Prozeß. Auf weitere Fragen erklärte Ryppcl, cs sei Vorsorge für ausreichende Verpflegung für den ganzen Marsch getroffen worden. Es wurde sodann der Beamte vernommen, der mit der Auflösung des Zuges beauftragt worden war. Rvppel, erklärte er, habe sich geweigert, die Aufforderung, den Zug aufzulösen, zu befolgen. Er habe gesagt, die Polizei möge die Auflösung selbst durchführen, und aus dem Zuge habe man gerufen: Ihr könnt auf uns schießen. Der Zeuge erklärt, es sei schwierig gewesen, den Zug aufzulösen, kartn sich aber nicht erinnern, welche Mittel hierzu angewandt wurden. Der Angeklagte beanfragte, den Kommandanten der Polizeiabteilung hierüber zu vernehmen, lind wiederholte, daß es eben diese Mittel gewesen seien, die ihn zu seiner Aettßerung veranlaßt hätten. Gegen diesen Antrag sprach sich der Vertreter der Polizei mit dem Bemerken ans, der Angeklagte hätte als Rechtsanwalt wissen müssen, daß die Polizei im Notfall mit Gewehrkolben und Bajonett vergehen muß, wenn ihren Anordnungen nicht Folge geleistet wird. Adv. Ryppel ruft aus: Als ich an der Sjaitze verzweifelter jüdischer Jugendlicher marschierte, fühlte ich mich nicht als Advokat, sondern als einfacher unglücklicher Jude wie alle anderen auch. Ich wollte mit aller Kraft die jüdische Jugend fortbringen und es ihr ersparen, Dinge zu erleben wie die, die in Przytyk, in Minsk• Mazawieck und jetzt bei der unerhörten Vernichtung von Brest-Litowsk geschehen sind. Die Verhandlung wurde sodann zwecks Vorladung weiterer Zeugen vertagt. Der Ueberfall auf Myszlenice Der nationaldemokratische Ueberfall auf Myszlenice in der Nacht vom 22. zum 23. Juni 1936 wird vor dem Krakauer Kreisgericht verhandelt. Der Ueberfall wird in der Anklageschrift ausführlich geschildert. Es wird die planmäßige Vorbereitung der Unternehmung gezeigt, die von Doboszynski als dem Kreisleiter der Nationaldemokratischcn״ Partei in der Krakauer Woiwodschaft organisiert worden war. Nach dem Ueberfall, bei dem die Polizeistation, aus der die Waffen- und Munitionsvorräte geraubt worden waren, völlig demoliert wurde, die jüdischen Geschäfte geplündert und die geraubten Waren auf einem auf dem Marktplatz errichteten Scheiterhaufen verbrannt wurden, kam es in der Umgebung von Mvszlenice zu regelrechten Gefechten zwischen den Ab« teiiungen Doboszvnskis und der aus anderen Ortschaften her• angezogenen Polizei. Der größte Teil der Bande konnte entwaffnet werden, Dobos/ynski gelang es, mit neun Mann in die Wälder an der tschechischen Grenze zu fliehen. Erst am 15. Dezember konnte die Bande vollständig aufgelöst werden. Der Krakauer Prozeß dürfte zwei bis drei Wochen dauern. Die jetzigen Verhandlungen sind nur ein Vorspiel zu dem Mauptprozeß, in dem sich Doboszvnski selbst mit elf Hauptangeklagten zu verantworten haben wird. Ein Antrag der Verteidiger, den Prozeß als ein Verfaltren wegen politischer Vergehen vor das Geschworenengericht zu bringen, ist abgelehnt worden. Die Angeklagten erklärten sich als nicht schuldig. Sie behaupteten, an dem Unternehmen Doboszvnskis nicht beteiligt gewesen zu sein, sie hätten nur dem nationaldemokratischen Saalschutz angehört, der die Aufgabe gehabt habe, Parteiveranstaltungen vor Uebcrfällcn von Juden zu schützen. Die Ereignisse in Kamien - Koszyrski Warschau, 20. Mai. (JTA.) An den Ausschreitungen in Kamien-Kos/yrski war eine nach dem Muster der berüchtigten ״Schwarzen Hundert" im zaristischen Rußland organisierte Bande unter der Leitung eines früheren russischen Generals beteiligt. Ehemalige russische Soldaten hatten an diesem Tag in Kamien eine Versammlung abgehalten. Mehrere Juden wurden verletzt; der Hiittdler Jose? Weißmann hat ein Auge verloren, der Händler Ephraim Werbart erlitt eine Schädelzcrtriimmerung. Auf Betreiben judenfeindlicher Kreise war der Letter der Jeschivvah von Lunienic bei Wilna, Rabbi Scholem T a c h, unter der falschen Beschuldigung verhaftet worden, antipolnischc Boykottpropaganda getrieben zu haben. Der Rabbi ist auf. freien Fuß gesetzt worden, nachdem sich die Zionistische Vereinigung für Deutschland Jubiläums - Fesiakt anläßlich ihres vierzigjährigen Bestehens e! m Montag, dam 31. Mai, 20.15 Uhr, im Kulturbund-Theater, Berlin, Kommandantenstr. 57 WERNER SELIG-BASS: ״Feierliches Vorspiel" (preisgekrönt im musikalischen Preisausschreiben des Reichsverbandes der Indischen Kulturbünde) Orchester des Jüdischen Kulturbundes unter Leitung des Komponisten Chöre unter Leitung von Ch. Whtawer REDEN UND ANSPRACHEN, DREI GENERATIONEN ZIONISMUS in DEUTSCHLAND FELIX MENDEL SS OHN-BA RTHOLDIc: Ouvertüre op, 60i Orchester des Jüdischen Kulturbundes, Leitung: Intendant Dr. Kurt Singet Karten zu RM 0.80, t.SO, X־~ ab 2S, Mai im Vorverkauf bei füd. Rundschau, Meinekeatr. 10; Buchhdlg. Maaas, Pestalozzi• Straße iS/ Kond. Schneider, Kleisistr. 13! Drog. Läufer, Trau• tennuatr. Q; Hansa ׳ Konditorei, Flensburger Str.iQ; Apoth■ Solinger, Neue Königstr, 74; Zigarren * Epstein, Jerusalemer Straße 9; Budihdlg. Salles, Grenadierstr. 30 völlige Haltlosigkeit der Beschuldigungen herausgestellt hatte. Tatsächlich hatte er am ersten Scitawuoth-Tage einem Juden Vorhaltungen gemacht, weil er entgegen dem religiösen Gebot an diesem Tag bei einem Bauern Einkäufe gemacht hatte. Eine jüdische Abordnung aus Kamien-Koszyrski ist in Warschau eingetroffen, um die Behörden über die dortigen Vorfälle zu unterrichten. Als Rädelsführer werden zwei bekannte russische Terroristen bezeichnet, die einer Organisation angehört haben, welche schon in früherer Zeit Pogrome veranstaltet hat. Nach den Ausschreitungen in Kamien-Koszyrski kam es auch in dem benachbarten Dorf Jeszorany zu Exzessen. Zwanzig jüdische Landwirte haben erheblichen Schaden erlitten. Weitere Ausschreitungen ereigneten sich in den Dörfern Krem na und G 8 i n a. Der Kreisstaatsanwalt ist zur Untersuchung der Vorfälle in Kamien-Koszyrski eingetroffen. In Nur (Kreis Ostrow-Mazowieck) wurden jüdische Markthändler angegriffen und ihre Waren vernichtet, in Fensno wurden jüdische Passanten überfalle«, einige von ihnen verletzt. Aus Lemberg wird berichtet, daß in P r y s z die Fenster von 33 Häusern, darunter die des Gebäudes der Vereinigung jüdischer Kaufleute, zertrümmert wurden. Die Forderung der Evakuierung Im ״Berliner Tageblatt“ vom 22. 5. veröffentlicht Wladyglaw S t u d n i c k i (Warschau), ein polnischer Publizist, einen Aufsatz über: ״Die Juden in Polen‘1, in dem die Forderung der sogen. Evakuierung vertreten wird. Studnicki, der demnächst auch in deutscher Sprache ein Buch über dieses Thema veröffentliche« wird, weist zunächst auf den Anteil der Juden an der polnischen Bevölkerung hin und sagt, daß das polnische Volk auf wirtschaftlichem Gebiete den Juden gegenüber im Nachteil sei. Im Kriege und in der Nachkriegszeit habe sich das Verhältnis zuungunsten der Niclitjuden verschoben. Als Gegen« bewegung sei der Masse nboykott der jüdischen Geschäfte eingeführt worden, der von den Nationalradikalen, der Endecja und anderen politischen Gruppen unterstützt׳ werde. Auch der Ministerpräsident SI a w 0 j S k 1 a d ■e, kowski und Oberst Koc unterstützen die Parple des Wirtv schaftskampfes gegen die Juden. Daneben bestehe das Problcm der jüdischen Massen, die in den Städten Polens‘ verelendet seien und für den polnischen Staat eine soziale und politische Gefahr darstellen. Die Not habe bei den Juden eine starke Reaktion hervorgerufen und stärke die Strö• mungen des Bolschewismus einerseits und des Zionismus andererseits. Während jener aber für Polen eine Gefahr darstelle, verdiene der Zionismus und auch der jüdische T erritorialismus Unterstützung durch Polen. Studnicki weist sodann auf die Geschichte der jüdischen Auswanderungsbewegung aus Polen bin und meint, daß die Auswan• derung riesige Ausmaße angenommen haben würde, wenn ein entsprechendes Siedlungsgebiet vorhanden wäre. Er vergleicht Palästina, das jetzt im Vordergrund stehe, mit Belgien und sagt, daß es bei ebenso dichter Besiedlung wie diese« Land 6,6 Millionen Seelen aufnehmen könne. Palästina könne das ״asiatische B e I g i c!1“ werden, wobei man z. B. dort eine chemische Industrie errichten könne, die bedeutender wäre als die Belgiens. Der arabische Widerstand habe bei der Regierung Palästinas eine Tendenz zur Beschränkung der jüdischen Einwanderung erzeugt. Wenn diese Behinderung nicht bestehe, könnten die Juden in zehn Jahren mehr als die Hälfte der Bevölkerung Palästinas ausmachen. Die jüdische Palästinakolomsation sei nicht nur für die Juden, sondern auch für Polen, für seine Entjudung eine Lebensfrage. ״Der polnische Staat unterstützt nicht nur die jüdischen Ansprüche auf Palästina, sondern muß sogar ein Mandat über Palästina verlangen.“ Polen könne gegenüber England ein Bürge für die Eisenbahnen und Häfen Palästinas werden und könnte aus den ihrer Dienst• pflicht genügenden Juden eine palästinensische Heeresfor• niation zum Schutze der Juden bilden. England wolle sich jedoch auf diesen Vorschlag nicht einlassen. In dieser Situ ation blicke man nach Südamerika, da die dortige Rohstoffkonjnnktnr eine Zunahme der Einwanderung erhoffen läßt. Doch seien die Juden dort nicht gern gesehen. Studnicki verlangt zum Schluß eine Auswanderung der Juden Polens in Höhe von 11X1000 pro Jahr an Stelle der gegenwärtigen Ziffer von 30 000. Zu dem Artikel ist zu bemerken, daß er in einer be* sonders krassen Form die bekannten Evakuierungsprojekte zusammenfaßt, wobei als eine neue Note binzukommt, daß hier die Forderung eines polnischen Mandates über Palästina erhoben wird. Daß es sich dabei um keinerlei ernst zu nehmendes Projekt handelt, liegt aut der Hand; ebensowenig wie es unter den gegenwärtigen wanderungspolitischen Möglichkeiten überhaupt zu diskutieren ist, die Judenfrage in Polen durch eine Evakuierung der ji'tdi• sehen Massen zu lösen. Die Auswanderung von Juden aus Polen vermag vielmehr nur eine teilreise, wenn auch wichtige Hilfe für die verelendeten jüdischen Massen zu bringen. ITauptschriftleiter: Dr. Robert W c ] t s c 11, Berlin - Charlottenburg 9 (auch verantwortlich für die Aufnahme von Bildern). Stellvertreter: Kurt Loewcnstcin, Berlin W 15. Ameigenleiter und verantwortlieh für den Inhalt der Anzeigen; Hermann Finn, Berlin W 15. Gültig Anzeigen - Preisliste 5 vom 1, April 1938. Verlag und Anzeigenverwaltung: Jüdische Rundschau, Berlin W 15, Meinekestr. 10. D.A. 1/1937 33 816. — Druck: Siegfried Scholem, Berlin-Schöneberg. ZAHLT DEM SCHEKEL WERBT i i lt IHM

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