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Jüdische Rundschau · 1937-05-25 · Heft 41 (25.5.1937) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 41 (25.5.1937)
Date
1937-05-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
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28 5.1937 Kr.41ן ✓ Jahrgang 42 Prel« 23 Rpf« JÜDISCHE RUNDSCHAU ffdirlftlcltaog,Verlag a. Anxcigtoverwaltiugi BarllaW 1$, M»!nekeatr.lO Faniraf919031 ו, Telegramm-Adr•■■« 1 Orghlp. - Bezugspreis emschließhVJi Bestelfgeld je Monat RM 2,—, je Vierteljahr RM 5,75, bei Abholung RM 1,88 bxw. RM 5,39. — Postscheck Konten der Vertriebs * Abteilung: Berlin 71573 (für Grofi Berlin), Berlin 17392 (für das übrige Reich V ln Fallen höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Erstattung etwa schon gezahlter Bezugsgebühren. — Erscheint Jeden Diensteg and Freitag. Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schäftung einer öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. (Baseler Programm) BERLIN פ״ו כיון תרצ״ז DIENSTAG, 25. MAI 1937 GttlHgt AnzelgenpreHliste Nr. 5• Die 12 gespaltene mm - Zeile 20 Rpf., f3 Familien * Nachrichten 15 Rpf. Für die Aufnahme von Anzeigen in bestimmten Ausgaben oder an bestimmten Platzen wird keine Gewähr geleistet Gelegenheit*- anzeigen nur gegen Vorauszahlung auf Postscheck - Konto Berlin 71618 oder bar Montag bis F r e i t f 9—18 Uhr. Annahmeschluß für di« Dienstag - Ausgabe Montag 10 Uhr, für die F reitag - Ausgabe Mittwoch 13 Uhr. (Für Familien ־ Anzeigen am Tag vor Erscheinen 13 Uhr) Wandlungen unseres Denkens Auch wenn nicht jeder allen Einzelheiten der nachstehenden Betrachtung zustimmen dürfte, scheint uns ein Versuch, die veränderten Grundlagen unseres Denken objektiv zu überprüfen, immer wichtig, (Red.) Noch nie haben wir so viel über uns selbst nachgedacht, wie heute. \X’ir tun das nicht aus Lust am Grübeln, sondern um die Orientierung nicht zu verlieren; denn die Landschaft unseres Lebens hat ein völlig neues Bild bekommen. In dieser ״Geographie“ müssen wir uns erst auskennen lernen. Wir haben nicht nur die veränderte Welt, u 111 u n s zu begreifen. Wir müssen auch erkennen, was sich in uns gewandclt hat. Erst dann wissen wir, wo wir sind. Voran drangt sich mit unabweisbarer Dringlichkeit unser Gesichtsfeld völlig beherrschend die Sorge um unsere wirt- Schaft liehe Existenz und damit der Auswanderung«- gedanke. Nicht um einen Aufstieg oder um einen Ausbau geht es mehr, sondern einfach um Behauptung im Leben. Diese wirtschaftliche Existenzfrage überschattet alles. Sie bestimmt mit einer unerbittlichen Vehemenz unsere Bildungswelt. Allein eine berufliche und sprachliche Ausbildüng, die zur Wanderung und zum Existenzkampf befähigt, wird als wichtig erachtet, alles andere weit zuriiekgedrängt. Der Begriff der ״Bild u 11 g“ wandelt sich bei uns zu dem der ״Ausbildung“. Gegen diese von der wirtschaftlichen Existenzfrage diktierte Verengung und Verarmung unserer kulturellen Welt kommt das Lehrhaus mit seinem Versuch, das Geistige jüdisch zu vertiefen und auszuweiten, ebensowenig auf, wie jene Schichten, die die kulturellen Werte aus der Zeit der Emanzipation mit Wehmut pflegen und zu vererben suchen. Wer die Zwangsläufigkeit dieser Entwicklung durch den Hinweis auf die grölierc Bildungsweit des voremanzipatorisehen Juden zu widerlegen sucht, übersieht die unerhörte Komplizierung des Existenz- Kampfes in unserer Zeit und für Menschen, die mit so harten Lebensbedingungen erst wieder vertraut werden fttüssen. Es mag sein, daß wieder geistige Energien frei werden, wenn wir mit diesem Leben vertraut geworden sind. Aber 80 weit sind wir heute noch nicht. Der harte Existenzkampf überschattet heute auch die übrigen Lebensbereiche, und andere Fragen treten weit hinter die Existenzfrage zurück. Dinge, die uns ehemals bewegten ■— Freizeit, Wohnung, Mode, Badereise — sind unter ihrer Wucht lächerlich und unendlich klein geworden. Wir können gar nicht mehr verstehen, daß das einmal ״Probleme“ gewesen sind. Wir sind bescheidener geworden. Wir haben die alten Ideale zurückgeschraubt. Wir sagen nicht mehr: ״Die Jungen sollen es einmal besser haben als wir!“ Heute sind wir froh, wenn sie überhaupt ihr Auskommen finden. Durch die Unmöglichkeit der beruflichen Sicherung ist unter vielen so etwas wie eine ״proletarische“ Berufsgesinnung entstanden: Ein Leben von Hand zu Mund, wenn es nur noch dazu langt, dann ist man schon zufrieden. Was morgen kommt, soweit ist nicht mehr vorzusorgen. Das ist das Neue! Der fatalistische Verzicht auf die Vorsorge (oft seihst auf den Versuch dazu) Und das Sichabfinden mit diesem labilen Zustand als unserem Schicksal. Gegen diesen Fatalismus wehren sich alle, die wandern wollen. Sie verzichten nicht auf Sicherung wie jene. Aber sie erstreben sie mit neuen Mitteln. Als dieses Mittel wird die H a n d a r b e i t erachtet. Die zu ihr befähigende Umstellungskraft ist weiterhin zum Maßsiah geworden, Menschen zu werten. Aber nur eine kleine Schicht meint es ernst und e!1dgültig mit dem neuen Berufsweg. Es sind die, denen die einfache Arbeit durch eine höhere Idee verklärt wird: Das Bewußtsein, durch diese Arbeit dein jüdischen Volk wieder seinen Boden friedlich zu erobern und selbst mit Träger des Aufbatts zu sein im Heiligen Lande. Jenes Bewußtsein von einer holten Funktion und die Gemeinschaft Gleichgesinnter bewahrt sie davor, sich als ״deklassiert“ zu empfinden. Weitaus den meisten aber erscheint die Verrichtung einfacher Arbeiten nicht in solchem Glanz. Sie haben sich notgedrungen auf diesen Weg begeben, weil er ihnen gegenwärtig als der einzig mögliche erscheint, aber sie wünsehen ihn nicht als Dauerzustand. Sie fassen ihn vielmehr als ein Zwischenstadium bis zu jenem Zeitpunkt auf, wo sie aufs neue zu einem Aufstieg gelangen können. Charakteristisch ist für sie, daß ihre Einstellung zum Besitz unverändert ist, während jene nicht von dem Streben nach eigenem Vermögen, sondern gerade von einem Verzicht darauf zugunsten ihrer Siedlungsgemeinschaft eine Sicherung ihres Lebens erhoffen. Sie heben ihren persönlichen Teil in einem Ganzen auf, dessen Kraft sie so stärken. Darauf vertrauen sie. Während also in der Einstellung zum Besitz und zur Handarbeit nur cm Teil unserer Menschen Wandlungen ihres Denkens erkennen lassen, zeigt sich in der Entwicklung des politischen Sinnes und in der Einstellung zur Familie ein völlig gewandeltes Bild. Es wird am besten deutlich, wenn man den Blick zunächst rückwärts wendet: Kennzeichnend für den modernen Typus unserer Menschen war in der vergangenen Epoche ein starker Sinn für das öffentliche Leben, politisches Interesse und aktive Anteilnahme an öffentlichen Aufgaben. Die Familie war gegenüber der Zeit unserer Großeitern schon stark in den Hintergrund getreten. Verwandt- Schaft und Familie war häufig bereits zu einer sentimentalen Gelegenheitserinnerung bei Familienfesten und Beerdigungen geworden, es war kaum mehr ein Begriff für eine fest in sich ruhende Lebensordnung. Auch unsere Menschen traten als Linzeine, nicht als Familienverband der Welt gegenüber und empfanden sich als tief beteiligt an öffentlichen Anliegen. Diesen politischen Sinn können viele von uns heute nicht auf die jüdische Gemeinschaft übertragen. Sie begreifen sielt aus einer erdrückend statischen Betrachtungsweise heraus nur noch passiv als Objekte unseres gemeinsamen Schicksals. Sie stehen verständnislos und nur skeptisch jedem Versuch einer jüdischen Gciiuiiischaftstütigkcit gegenüber. Ihnen ist ganz jener politische Sinn für das Dynamische, für die Entwicklung einer öffentlichen Aktivität abhanden gekommen. Sie haben das Vertrauen zu dem ״politischen Mittel“ verloren. Sie haben sich mit dieser Haltung zu einem voremanzipatorisehen Typus zuriickentwickelt. (Ihre Sympathie für Palästina entspringt keinem Sinn für jüdische Politik, sondern Seritiments und der Hoffnung, daß man im Notfall dort Zuflucht findet.) Aber gleichzeitig mit dem Verlust des politischen Sinnes ist die F a nt i I i e für sie wieder zu einer neuen Größe geworden. Die Familie wandelt sich in ihrer Vorsteilungsweit wieder zu einer praktischen Kooperationsgemein- Schaft. Familiäre Zusammenarbeit ist die Basis, auf der sie ihre Aktivität entwickeln und auf der sie die Existenzfrage zu bewältigen hoffen. W arschau, 21. Mai Der Pogrom in Brest hält unaufhörlich die polnische Judenheit in Spannung. Vertreter des jüdischen Parlaments- Klubs, der jüdischen wirtschaftlichen Organisationen und der jüdischen Presse besuchten den Schauplatz, der traurigen Ereignisse vom LJ. Mai, sammelten ausführliches Material über den Verlauf des Pogroms und den Umfang des den Juden ziigefugten Schadens und organisierten an Ort und Steile im Einverständnis mit den Repräsentanten der jüdischer! Bevölkerung in Brest die erste Hilfsaktion. In Ergänzung der ersten Berichte über den Verlauf des Pogroms sei festgestellt, daß sich an der Plünderung und den Raubüberfällen meistens das polnische Kleinbürgerliehe Element beteiligt hat. Man sah aber auch viel Schuljugend und sogar Angehörige der polnischen Intelligenz- Schicht. Dagegen haben polnische Bauern aus der Ihngegend, die in Brest weilten, die Stadt schleunigst verlassen, ohne am Pogrom Anteil zu nehmen. Die lokalen Polizeibehörden haben die jüdische Bevölkerung nicht in Schutz genommen und suchen sich jetzt damit zu rechtfertigen, daß die Polizei, verhältnismäßig wenig an Zahl, gegenüber den gleichzeitig in verschiedenen Teilen der Stadt plündernden Massen ohnmächtig war. Erst die am nächsten Morgen von Warschau aus gesandte Polizeiabteihmg schaffte in der Stadt :buhe. Ls sind Lalle bekanntgeworden, wo Christen ihre jüdischen Mitbürger vor den Ueberfallen verteidigten. Der jüdischen sog. ״Warburg-Kolonie“, einem hinter der Stadt nach Ende des Krieges mit Hilfe des ״Joint" in Brest erbautem Barackenlager, in welchcm jetzt noch arme Juden hausen, ist es gelungen, Dank energischen Eingreifens der Polizei, Angriffe ahzuwehren. Der in den ersten Berichten auf eine Million Zloty geschätzte Schaden, den die jüdische Bevölkerung in Brest erlitten hat, scheint leider viel größer zu sein. Etwa achthundert jüdische Familien sind ruiniert worden. Die von Demgegenüber empfindet die andere, weif kleinere Gruppe unser Gemeinschuftsschicksal in gerade entgegengesetzter Weise dynamisch, als eine Aufgabe, die nur gemeinschaftlich in umfassender jüdischer Aktion zu bewältigen ist. Sie hat den Sinn für das ״Politische“, jenes Erbe der Emanzipation, nicht aufgegeben, aber sie hat ihn ganz auf den jüdi« scheu Bereich überfragen. Aus ihrem jüdisch-politischen Sinn zieht sic die Konsequenz. Ls bleibt nicht nur beim wohldistanzierteii Interesse und Ucber/eugtscin von jüdischpolitischen Maximen, sondern die persönliche Existenz, wird ganz ihren Forderungen unterstellt. Bei dieser konsequenten Haltung tritt die Familie weit zurück, weil sie mir eitle kleine soziologische Funktion besitzt. Es ist ein Versuch nationaler Bewältigung un-crer Existenzfrage, den entgegengesetzt dem neuen i amiiicnver-uch deapolitischen Juden heute gleichzeitig der Typus des politischen Juden unternimmt. So verschieden diese beiden Versuche unter sich sind, eines ist ihnen gemeinsam: Die kollektive Basis, auf der unsere Menschen den Lebenskampf zu bewältigen versuchen.!11 diesem kollektiven Bewältigimgsvcrsuch unserer Sihia• tion, in der Zeiitralstellung der 1:xisteii/frage, iri der Verengung unseres Pulduiig-liegriiis werden Wandlungen unseres Denkens erkennbar. All dies nicht klar zu sehen, sieh vor der gewandelten Wirklichkeit zu verschließen, wäre irrig. Wir miissen wissen, wo wir stellen. den Zentralbehörden nach Brest entsandte, aus drei Staatsanwälten bestellende Untersuchiingskommission, arbeitet in Permanenz. Leber zweihundert Personen sind verhaftet worden. Gegen zwei!־rauen, bei denen man geraubte Gegenstände vorgefunden hat, wurden bereits in Brest vor deqi dortigen Gericht Prozesse dnge'Ttet. Eine dieser Frauen sag^c aus, man habe ihr“• auf‘der f<A’~ ■ydn gedrucktes Flughlatt mit der Aufschrift ״Schlage Juden nehme ihnen ihre ganze Habe ׳ wcij“ gegt׳ , ^laraiifJmi halbe sie. mit dem Rauben begonnen. Beide I r,״",• : ״{Jen mitw'cchs Monaten Gefängnis bestraft. Weitere Prozesse sollet! «dein« nächst folgen, W,ährend die in Brest weilende Unfersucluingskommis■ si011 seihst offen erklärt, man habe sieh in Warschau nach den ersten Mehlungen gar nicht vorgestellt, daß in Brest ein solches Vernicimmgswcrk ausgefuhrt wurde, ist es charakteristixeh, daß die Zentralregienmg es bisher unterlassen hat, zu den Ereignissen in Brest Stellung zu nehmen. Die heute in der ersten Sitzung der außerordentlichen Parlamentssession von den jüdischen Abgeordneten eingchraeliie ausführliche Interpellation wurde einstweilen vom Seimvor-.it/endet1 inhibiert und konnte imolgedesseii nicht verotlentliäit werden. Ls schweigen weiterhin die gemäßigten polnischen Presse- Organe, dagegen finden wir in den judenfemdiiclicii Blattern aller Schattier■ungut Aufsätze mul Berichte, die umnmvtmden den Pogrom in Bre.-t rechtfertigen. B r e s t w a r e 1 n V e r - 11 e h, d a s P r o g r a 11t m d 0 r ״N a t i o n a 1 i s i e r u n g d e r p o 111 i s c 11 e n W Iris e 11 a f t“ m i t a n d e r e n als bis 11 e r g c 11 b t e 11 M ethml 1■ n / u realisieren. Im offiziellen Presseorgan der Nationaldemokraten lesen wir darüber ausdrücklich: ״Man kann vielleicht persönliches Mitgefühl für viele Juden 111 Brest haben, welche in einem Augenblick verarmten und welche ein hartes Schick« sal erwartet.' Aber von unserem nationalen Standpunkte aus Aus dem Johannesburger Krönungszuge ״Jüdischer Aufbau‘11 Die nebenstehende Auf» nähme, die uns ein Leser aus Südafrika gesandt hat, stellt den Wagen des Jugendlmndcs ״Hahonim'• und der Jüdischen Gemeinde Johannesburg(Südafrika) int Umzuge anläßlich der Krö* nung Georgs VI, dar. Die Gruppe symbolisiert die jüdischen Bestrebungen in Palästina im Rahmen des British Empire und wurde von den Zuschauern mit großem Beifall begrüßt, Foto: Nußbtum-Roaenitein, Johanneiburg Rein hold Herl Nach dem Pogrom in Brest Von unserem Berichterstatter t u \

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