Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 40 (21.5.1937)
- Date
- 1937-05-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 40, 21. V. 1937 Die Tagung der Forschungeableilung Judenfrage Die ungarische JudenJrage Von unserem Berichterstatter Budapest, 18. Mai Der Kultusetat, der im ungarischen Abgeordnetenhaus nach den Pfiugstfdertagen zur Verhandlung stand, gab sogleich in der ersten Sitzung mehrfach Gelegenheit, wieder das Problem der indischen Jugend aufs Tapet m bringen. Der Turul-Ftihrer Dr. Josef Vegviry nannte den Numerus clausus einen Sclbstvertcidigung-kampl des Ungartums, der aber noch nicht zu Ende gekämpft sei. In Pecs gebe cs an der medizinischen Fakultät noch immer 21 "» Juden, an der volkswirtschaftlichen in der Hauptstadt 17 0״, Für die von den Bank- und Industrievereinigungen ausgeschriebenen 500 Stellen sollen sich angeblich zu wenig Bewerber gemeldet oder aber nicht entsprochen haben,— mehlen die liberalen Blätter. Demgegenüber habe er gehört, sie wären von Herren geprüft worden, die weniger Qualifikation besessen hätten, als die —MAGISTER KIRSCH—י Der gute Likör Maglster-Likörfabrlk, Manchen VII. In B*1-llnrui>erl«h. durch di• W4lngroßhandlung Barnhard ßrsutr, Burgatraße 3 / Rufi 8143 40 Prüflinge, und diejenigen Jünglinge, die einer Studenten- Verbindung angehört hatten, waren abgewiesen worden. Abeordneter Heia Fabian protestierte sofort gegen derartige ehauptungcii, die der Redner mit keinerlei Tatsachen beweisen könne. Warum die christliche Jugend die kaufmännische Laufbahn nicht einschlage, darüber habe sich eben diese Woche ein führender ein i-tiirher Kaufmann in sehr lehrreicher Weise geäußert. Zum öchluii der Debatte ergriff auch Kultusminister Valentin von Human das Wort und führte unter anderem aus, warum in Ungarn die praktischen und wirtschaftlichen Berufe als zweiten Ranges betrachtet werden. Die Universitätsjugend werde auch durch den Numerus clausus irritiert, der in seiner lüiSer Form keine konfessionellen Unterschiede mehr kennt und nur eine berufliche Selektion;instrebt, wodurch automatisch das Bevölkeningsvcrhältnis zur Geltung gelangt. Unter den erstjährigen ilörern der Universitäten gibt es 7,4 °,0 Juden, wenn wir aber die Handels- und Cicwcrbcbochschuien dazunehmen, so sinkt deren Zahl auf 6.2 0״, die militärischen Anstalten mitcingcreclmct auf 5,i ״.>, was dem Landesmittel der Judenschaft entspricht. Die Studentenschaft lebe heute ebenfalls in einem Zeitalter der seelischen Wandlungen und Weltanschauung«kämpfe, und dies werde von Agitatoren zu ihren eigenen politischen Zwecken mißbraucht. Die Universitätsjugend müsse aber einsehen, daß das Studium ein edler Beruf sei, der mit Schulpflichten verbunden sei, nicht aber Gelegenheit zum Politisieren und Demonstrieren. Sollte sie trotzdem nicht diesen Weg betreten, werde er mit strengsten Maßregeln ciiigreifett müssen. In Szeged haben die Pfeilkreu/.ler an die Stadtvcrwaltung einen Antrag emgereicht, zwei Gassen der Stadt, die nach dem bekannten Kanzelredner und Gelehrten Leopold Löw, sowie nach dem verdienstvollen Mitschöpfer der Szcgeder Industrie, Philipp Wimmer, benannt wurden, um* zutaufen und nach den seiner/eitigen Judengegnern Istöczy und Verhovay zu benennen. Es mehren sich wohl die Stimmen, die eine aktive Gegen• Propaganda für nötig und nützlich erachten. Bei der General- Versammlung der Pester Chcwra Kadi sc 11a, die das 150. Tätigkeitsjahr dieser Körperschaft cinleitete, bemerkte ihr greiser Präsident, Oberregierungsrat Max Kramer, aber unter dem Beifall der Anwesenden: ״Wir kennen nur eine Judenfrage: mehr Juden zu helfen, ihre Existenz zu sichern.“ Der von Generalsekretär Dr. S. Endrei gezeichnete Jahresausweis zeigt einen Betrag von 1 600 000 Uengö für Armen• Unterstützung, Siechenhaus, Krankenhaus und Altersheim. * Die unteren vier Klassen des Jüdischen Knabengvmnasiums, unter denen sich, wie ״Egyenlösog“ diese Woche meldet, auch ein Patetikind der Exkönigin Zita namens Otto Karl Hava s befindet, haben dieser Tage zum zweit! nmul den I)r. Ke!ersehen Wandet'- preis für Hauch-, Rucken- und Stafdtcnscliwimmen, um den sich sämtliche Mittelschulen des Landes bewarben, ge- Wonnen. Sollte dies midistes Jahr 71!m drittenmal gelingen, dann bleibt der silberne Pokal endgültig im Besitz des jüdisehen Gymnasiums. __ Dr. A. L. Die K a t z Textil ־ Aktiengesellschaft in Bielefeld ging lt. .,Daftelner Anzeiger“ vom 11. 5. vor einigen Wochen in arischen Besitz über, Ucber die Tagung der Forschungsabteilung Judenfrage des Rciehsinstituts für Geschichte des neuen Deutschland in München berichtet der ״Völkische Beob• achter“ u. a. folgendes: ״Der Präsident der Physikalisch-technischen Reichsanstalt, Professor Dr. Johannes Stark (Berlin), sprach über ,Der jüdische Geist in der Naturwissenschaft‘. Der Redner wies darauf hin, daß die Naturwissenschaft eine Schöpfung des germanischen Geistes ist. Anders der jüdische Geist. Er erstrebt die Durchsetzung seiner Lchrmeinung und Theorien durch willkürliche Definition, er verbindet damit sein Streben nach persönlichem Vorteil und Herrschaft. Zur Erreichung seiner Ziele schweigt er tot oder diffamiert seine wissenschaftlichen Gegner, bedient sich dabei der infernafionalcn Zusammenarbeit von Juden und Judengenossen und seines Einflusses ln den wissenschaftlichen Organisationen und in den Ministerien. Den stärksten Einfluß auf die Naturwissenschaft hat der jüdische Geist in Deutschland während der zwei letzten Jahrzehnte in der Physik ausciibt durch die Entwicklung der Relativitätstheorien und er Quantentheorien. Der Vortrag von Professor Dr. Otmar Frhr. v. V e r sch u er (Frankfurt a. M.) behandelte das Thema ,Was kann der Historiker, der Genealoge und der Statistiker zur Erforschung des biologisehen Problems der Judenfrage beitragen?‘ Rassenpflege will Erhaltung von Volk und Staat, so führte der Redner aus, und fordert deshalb Bewahrung der hier gegebenen biologischen Voraussetzungen. Drei Gefahren bedrohen den deutschen VolkskBrpcr: Durchsetzung mit krankhaften Erbanlagen, falsch gerichtete Auslese in der Fort- Pflanzung, rassische Ueberfremditng. Bezüglich der letzteren Gefahr steht für uns Deutsche die Judenfrage im Vordergrund. Der Historiker leistet umfangreiche Arbeit zur Lösung des Problems, indem er die Wege des Judentums durch die Jahrhunderte und die Rolle, die es irri Leben der Völker spielt, aufzeigt. Dem Genealogen kommt die Aufgabe zu, klarzustellen, in welchem Umtang die Juden mit ihren Wirtsvölkern in blutsmäOige Verbindung getreten sind. Professor Max Wundt (Tübingen) sprach über ,Das Judentum in der Philosophie‘. Die Stellung des Juden in der Philosophie der letzten 100 Jahre zeigt, daß die Juden darin, wie in der Wissenschaft überhaupt, eine nicht unbeträchtliche Rolle gespielt haben. Die Fragwürdigkeit dieser Rolle ersieht man daran, daß das Judentum, als es noch unter sich war, aus sich allein weder Philosophie noch wirkliche Wissenschaft hervorgebracht hat. Die Philosophie ist im Judentum etwas Künstliches, ein Ergebnis der Anpassung und zeigt die Züge, die das Judentum in der Zerstreuung annahm. So entstand ein kennzeichnender Zug des modernen Juden: die Schauspielerei im geistigen Leben seiner Wirtsvölker. Das Mittel der Anpassung an dieses innerlich fremde Leben ist der Verstand. Mit dessen Hilfe vermag sich der Jude in einer ihm verschlossenen Welt zurechtzufinden. Der Verstand löst den Gegenstand vom Selbst ab und betrachtet ihn als einen fremden und darum wertfrei. Diese Haltung preist der Jude dann als Sachlichkeit und sucht seinen Ruhm darin, was anderen heilig ist, seines Wertes zu entkleiden. Aber solche Sachlichkeit ohne Beziehung zur Wert- Ordnung des Lebens kebrt das richtige Verhältnis um, indem sie den Verstand statt zum Diener zum Herren macht. Professor Dr. Hans Alfred Grunsky (München) sprach über Baruch Spinoza. Der Redner ging von der Frage aus, ob hinter jenem Baruch Spinoza, der die Mahnung zur Vorsicht als Wahlspruch erkor, der sich immer mehrfach sicherte, und nie etwas für seine Lehre wagte, wirklich der Revolutionär stand, den er in sich zu sehen glaubte. Wenn man seine politischen Schriften betrachtet, so spiegelt siel! zunächst nur der Gedankenkreis des Staatsmannes de Wärt, dessen Schutz und Freundschaft er nach einem bewußten Plan zu erwerben verstanden hatte. Die naturalistischen Stellen scheinen ganz auf Hobbcs zurückzugehen. Aber gerade der Unterschied zu Hobbes ist entscheidend. Er zeigt, daß Spinoza auch die Revolution des Untermenschentums theoretisch rechtfertigt. ,Der wirkliche Erbe Spinozas ist nur das moderne Proletariat‘, sagte der jüdische Bolschewist, geboren in Moskau. Spinozas Gedankengebäude — das zeigte der Redner ln einer bis in alle Einzelheiten gehenden Wissenschaftliehen Beweisfiihrung —ist vielmehr das eines ausgesprochen talimidischcn Denkens. Dabei ist dieses talmudische Netz so beschaffen, daß es unmcrklicli über das Gedankengut der arischen Philosophen geworfen werden kann.“ Am zweiten Tag der Tagung sprach Dr. Karl Georg Kuhn, Tübingen, Über ״W c 11 j u!1 c n t u m in der Ant i k c“. Er hob den Unterschied zwischen dem Judentum Paläsiinas und dem der hellenistisch-römischen Diaspora hervor und wies darauf hin, dal) die Diasporajuden eifrig bestrebt waren, sich ihrer hellenistischen Umwelt möglichst restlos anzugliedern und als altes Kulturvolk im Sinne des Hellenisnuis zu gelten. Hand irt Hand damit sei das Streben nach politischer Gleichberechtigung gegangen. Prof. Gerhard Kittel, Freibtirg, behandelte in einem Vortrag das ״Konnubium mit Niehtjtlcien im an-j tiken Judentum“. Er schloß aus den geschichtlichen‘ Tatbeständen, daß in dem Jahrtausend zwischen dem babylo-i nischcn Exil und dein Eintritt des Judentums in die Geschichte des christlichen Abendlandes ein Volks- und rassenmäßiger Umschichtungs- und Vermischungsprözcß grundlegender Art! stattgefunden haben müsse. | Prob Hans Bogner, Freiburg, sprach über ״Phflon! von Alexandrien als Historiker“. Er wies nach, daß diesen ״größten jüdischen Hellenisten“ von der griechisehen und damit überhaupt von der europäischer) und_ in unserem Sinne wirklichen Geschichtsschreibung eine nicht zu überbrückende Kluft trennt. Sein Hellenismus erweise sich nur als eine lose aufliegende Tünche, von der die Ursprungliehe Geistesart und das ihr gemäße Weltbild nicht berührt! werde. j Ucber ״Goethe und das Judentum“ sprach Prof,! Franz Koch, Berlin, der zeigte, daß Goethe ein ausgesproebener Gegner der Judenemanzipation gewesen sei und sie als eine Gefahr für die Deutschen betrachtet habe. Goethe haba diese Emanzipation als ״Hunianitätssaibadcrci“ bezeichnet. Oberst a. D. Nicolai schilderte, wie die große solda«; tische Leistung des Weltkrieges den Endsieg nicht habe er-l reichen können, weil ihr die Ergänzung durch ein ganz und gar von der politischen Idee durchdrungenes Volk gefehlt! nabe. Die interessanten Ausführungen des Redners klangen1 aus in die Hoffnung, daß die politische Führung aus den Reihen der deutschen Wissenschaft ein Offizierskorps des Friedens gewinnen möge. Gauleiter Julius Streicher richtete in einer mehrstfin• digen Rede an die deutsche Wissenschaft die Aufforderung zum aktiven Einsatz für die deutsche Nation. ״Lassen Sie ihr Wissen nicht in der Gelehrtenstube. Der Ackerboden der Wissenschaft ist das Volk. Dieses Volk haben wir Ihnen ebracht. Möge die Wissenschaft sich von der unnatürlichen rzichung der Vergangenheit befreien und eine bahnbrechende Bedeutung der Nürnberger Gesetze der ganzen Welt verstündlich machen.“ Nach den mit stürmischen Beifall aufgenommenen Au*- führttngen des Gauleiters Julius Streicher ergriff Reichsstattkalter Mutsch mann, der der ganzen Tagung vom ersten bis zum letzten Tage beigewohnt hatte, das Wort, um die Bedeutung der wissenschaftlichen Arbeit der Forschungsabte-ilung Judenfrage zu unterstreichen und ihr seine tatkräftige Forderung zuzusagen. Dann machte der Präsident des Reichsinstituts für Oe* schichte des neuen Deutschland, Professor Walter Frank, wichtige Ausführungen über das Verhältnis der Wissenschaftliehen Forschung zum politischen Kampf. ״Die Wissenschaft bedürfe der wissenschaftlichen und die Politik der politischer»‘ Methode, auch in der Judenfrage. Das Ziel sei dasselbe: die Befreiung von acr jüdischen Weltmacht. Die Forschungs-1 abteilung des Rciehsinstituts müsse einst die Erforschungs- Stätte der Judenfrage von internationaler Bedeutung werden.“ Lehrlinge!n jüdischen Anwaltskanzleien, ln einem ln den ״Mitteilungen der Reichs-Rcchfsanwaltskammer“ vom 1. Mai veröffentlichten Rundschreiben vom 15. April 1937 wird zur Beseitigung von Zweifeln über die Tragweite der Bekanntmachung vom 23. Februar 1937 (vgl. ״Jüd. Rdsch.“ Nr. 24'25) bemerkt, daß als jüdische Kanzleien nur die Kanzleien solcher Rechtsanwälte an/usehen sind, die Juden im Sinne des Reichsbürgergesetzes und seiner Durchfiibrungsbestimmungen sind. Die Anordnung, wonach Lehrlinge, die in jüdischen Kanzleien ausgebildet sind, zu den Gehilf enprüf unperi nicht zugelassen werden können, bezieht sich also mir auf jüdische Rechtsanwälte im Sinne der Nümberger Gesetze. Nachdruck verboten Alle (auch Ueberifttunj׳״*■) Recht• Vorbehalten J20t+1<zttbriL+Jgie von CHATJIAA SCHWARZ KIBBUZ »J&4 22. Fortsetzung So habo ich mir das Bild der Vorgänge rekonstruiert, nach;jenem Abend, an dem Dora mit aller Deutlichkeit ihr Heiratsangcbot aussprach. Bis zu diesem Abend hatte ich mich geschämt, wenn ich an den dummen Gedanken dachte, der mir damals gekommen war. Plötzlich •war der dumme Gedanke eine Realität. Ich konnte Revisionist werden, Tel Hamons Weizen ablehnen, meine Kinder uniformieren und in einer Villa am Meer wohnen. Ich bat um Bedenkzeit, ohne mich bedenken zu müssen. Ich wollte den Urlaub zu Ende auskosten. Der letzte Tag sollte der Entscheidungstag »ein: Entweder würde ich fahren oder bleiben. Und der letzte Tag kam. Man «aß beim Frühstück zusammen und lobte Tel-Awiw, den Badestrand, da« Meer. Ich schwieg. Man »aß beim Mittagessen zusammen und lobte Tel-Aw!w, die europäische Kultur, die Bequemlichkeiten. Ich schwieg. Man saß nachmittags beim Kaffee zusammen und lobte Tel-Awiw, seine großzügigen Menschen, seine freiheitliehe Atmosphäre. Ich schwieg. Man saß abends beim Abendessen zusammen und tadelte Tel Itamon, «eine provinzielle und schwere Lebensart, seine Gesinnung. Da bin ich aufgesprungen und habe mich vergessen und habe mit der Faust auf den Tisch geschlagen, daß die Teller und Gläser nur so hüpften. Ich pfeife auf euer Meer und auf eitern Badestrand, die habt ihr ja nicht gemacht, die sind ia nicht euer Verdienst. Vielen Dank für die zehn Tage. Ich pfeife auf euch. Dann bin ich aus dem Zimmer gestürzt. Wieder kamen täglich Karawanen herangezogen, aus allen Gegenden, von Haifa und von Transjordanien, von Süden und von Norden, und führten in riesigen Säcken getrockneten Schafmist mit sich. Man sah sie von weitem über die Landstraßen des Emek ziehen, zehn und zwanzig Kamele, langsamen Schrittes, eins hinter dem andern, eins mit dem andern, verkettet, vor und hinter dem Zug ritten Araber auf Eseln und lenkten den kostbaren Transport. Das letzte, was ich in Tel-Awiw wahrgenommen hatte, war das schrille sonderbare Messiasgeflöte eines alten Bettlers gewesen, eines frommen Chassid mit weißem wallendem Bart und schwarzer Gebetskappe. Von diesen Rhythmen gab es keine Erlösung. Das Kommen des Messias war nicht von dieser Weit. Der Zug der Wolken, der Atem der Landschaft, das Brausen des unendlichen Raumes: Sie waren ewiger als die Häuser in Tel-Awiw, die heute schon Mauerrisse hatten. Als Ich' zurückkelirte, empfing man mich' mit der Mitteilung, ich sei Chawer geworden. Dachs und Bartel hatten von Kerachski die Papiere bekommen, waren Hirsch gefolgt ins Spurlose. Kunitz und Schröder waren nach Kfar Saba gegangen, in die Moschawah (Kolonie), Karlehen nach Mikweh Jisrael Eine neue Alijah von vierzig Jungen und Müdchen aus Poleu wimmelte in der Zellgegend und zum Teil auch in der Barackengegend. Itanni und ich gingen plötzlich in einer Lichtung, waren allein zurückgeblieben von der Alijah des vorigen Herbstes. Ich bewundere heute noch' Hanni, wenn ich bedenke, wie sie trotz beginnender Schmerzen fortsetzte, zu arbeiten und die schweren Kessel aufzuheben und zu scheuern. Da ich mittags ankam, lohnte es eich' nicht, noch' am gleichen Tag mit aer Arbeit zu beginnen. Ich spazierte in den Pardess (Orangengarten) und langte zu einer Zeit an, wo der Wecker in der Eisenhütte klirrt und die l,eute von der Schilfmattenstellage heruntersteigen, um Tee zu trinken und zu der Arbeit zu gehen. Sie begrüßten mich, wie Arbiter sich begrüßen, und schon «aßen wir zusammen, als sei ich gar nicht fortgewesen. Ich erinnere mich, wie es mich freute, daß Darki und Iener Schlosser, der damals beim Brand in Tel Hamon den Irandmeister gespielt hatte, meinen Bericht über die Lage in der Stadt ernsthaft hinnahmen und ihrerseits ergänzten, oh, wie waren wir ein Herz und eine Seele, und sagten: Noch wollt ihr nicht aufs Land kommen, aber eines Tages werdet ihr uns auf den Knien bitten, daß wir euch aufnehmen und das Brot mit euch teilen. Ben Ezcw war etwas kühl. Er sagte, er habe geglaubt, ich würde nicht wiederkommen, wie ja alle aus Deutschland stammenden Arbeiter gegangen sind. Dabei halte er eine Art, sich sofort don jungen Polen, die gekommen waren, zuzuwenden und mit ihnen die Arbeit zu besprechen, als wollo er mir zeigen, wie wenig cs auf uns aus Deutschland Gekommene ankäine. Ich sah mir diese Jungen genauer an. Sie hatten proletarische Gesichter, waren knochig, trugen Arbeitermützen und sprachen hebräisch. Ich fühlte mich sofort zu ihnen hingezogen. Drüben im alten Pardess fand ich Bahlew, bei einer ersten, für England bestimmten Auswahlernte. Was Ben Ezew kühl gewesen war, war Bahlew herzlich. Ich war der einzige, der ihm geblieben war von der vorigen Alijah, all« andern hatten Tel Ilamon verlassen. Er arbeitete durchw eg mit neuen. Gerade auf die Ausbildung meiner Generation, auf die Ausbildung von Karlchen, Kunitz und Schröder, hatte Bahlew große Sorgfalt verwandt, ich weiß eigentlich' nicht, warum, oftmals war er mit uns durch die Pflan• zungen gegangen und hatte uns theoretische Hinweise gegeben, auf Farbe und Haltung der Blätter, auf die Verhiiltnisso der Veredelung und so weiter. Ich fühlte sofort, daß ich die Aufgabe hatte, zu arbeiten und interessiert zu sein und Sympathien zu erwerben iür drei. So kam Bahlew auf mich zu, ganz von weitem, mitten in der Arbeit, und streckte mir die Hand entgegen und strahlle׳ Er nahm mich sofort wie einen alten Freund und führte mich durch die Kalif (Orangenernte). Damals im Frühjahr, hei den Sprengungen, hatte er schon gesprochen von einer Katii'eisenbahn, die es ermöglichen sollte, die mit Frucht gefüllten Kisten auf Schienen hinauszufahren. Diese Eisenbahn war inzwischen nach seinen Angaben gebaut worden. Sie war eingleisig und ziveirflderig und gestattete, acht gefüllte Kisten auf einmal abzutransportieren, bei weiterer technischer Aus• büdung würde sie wahrscheinlich zwölf Kisten halten, als Bedienungspersonal genügten zwei Lastträger. Bahlew aeigte mir mit Stolz die Bahn und deren Bedienung, morgen würde ich Kondukteur sein, und der 'eine Pole würde in aie Tisch1״ lerel zurückkehren.