Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 37 (11.5.1937)
- Date
- 1937-05-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 37, 11. V. 1937 Spiegel der Ereignisse Aufbau und Wirtschaft Der neue Chefsekrefär der Palästina-Regierung, Batters 11 i 1!, hat in Begleitung des Distriktskommissars für den Suddistrikt, (,'ros hie. die Stadt T e I - A \v i \e besucht. Er wurde von Burgernester Rokacli begrüßt mul hielt mit ihm eine längere Besprechung ab. Der Chefsekretär besichtigte dann den Tel-Awiwer Hafen und begab sich hierauf nach Jaffa. Die Palestine Electric Corporation hat vom Tel-Awiwer Ufer aus eine Holzbriicke über den Jarkon gcspannt, als Vorbereitung zur Inangriffnahme des Baus einer neuen Kraftstation am nördlichen Ufer, die £ 500 000 kosten und nach Lord Rending benannt werden soll. Man hofft, daß dieses neue Unternehmen als Ansporn für die Bautätigkeit im Norden der Stadt dienen wird. Die netigegründete Stadtverwaltung von P e t a c h T i k w a!1 hat ihren erbten Budgetvoransehlag angenommen. Die Ausgaben für das kommende Finanzjahr werden auf £ 30 060, die Einnahmen auf C 33 01)0 geschätzt. Die gegenwärtige schwierige Lage der Zitrusindustrie in Palästina und die Mittel, die angewendet werden müssen, um eine Besserling herbei/ufnhren, sind in Jerusalem in einer Konferenz besprochen worden, an der die Vertreter der jüdischen PlaniageiibtSitzer und Mitglieder der Zionistischen Exekutive teiinaInnen. Mosche Scheriolnienls der Jewis mit dun neuer!: Aus Transj« und Akaba gr tre bei eit sind, .annf, da I );1 /V'CIICV , uut tt Cii knien u i c Heil . 1 ■ r V pt i ■־. ch ■ Mut■, u -a’:He' des Roten gesetzt iuiu in T ran gor: insei stamm Muaass I .So! it 11 Luter des Politischen Departe* hatte am 3. Mai eine Besprechung msekretar, Mr. ßattcrshill. iid geneidet, daß zwischen Maan sehr c e k e n s c h w ä r m e aufge- 1e I :iiidwirtschaftsiiiimstcrium gibt!hingen des internationalen Heu- 1!!1 Sudan und an der Küste c!1; eckeiiM'iiveanne sich in Bewegung u 11 war me sekni auch im Jemen und tietui, wo eine aus der Sinai-Halb- (iimkeiiart bemerkt worden sei. Wiederholte Vorstellungen seitens der Jcwish Agency haben die Re.'.erting nminieiir bewogen, einen zusätzlichen j u d i s c h e n B e / 1 r I; s h e a m t e n fiir den Emek-Bczirk cin/nsteileri. Wie \ ei laut et, soll ein weiterer jüdischer Bezirksbeamtcr für Uiiedera und Umgebung eingestellt werden. I He (tank .A e r 1! b r! h e 1“, der 41 Kooperativgenossenschahm: aime-i ioח ,,•-׳״ >;!nj, j/ibt neue Vorzugsaktien aus, um ihr (1:!1: ׳..s’ijmi a״! iitHibO l’fiiml zu erh?)Iren. Die Hidadri.uli gründete unter dem Namen ,,Even Ltd.“ eine < iiseiUdusi zur Förderung der judisclteu Steinbrache. Das Stamniknpda! betragt CP 10000. Tageschronik Die jüdischen Mitglieder des Jerusalemer Stadtrat es haben testgesteilt, daß der arabische Stadtschrcibcr die Li-to der Straßen, deien Bau vom Stadtrat genehmigt worden ist, eigenmächtig durch Hinzufiigting einer Reihe von Namen erg.ui/t 11,1t. Der Beamte behauptet, daß er dies auf Veranlassung eines der arabischen Ratsherren getan habe. Die Regierung hat eine Untersuchung angeordnet. Die erste Vernehmung der Angeklagten in der Mordaffäre Zwanget erfolgte vor einem britischen Richter in Jaffa. Ein starkes Polizeiaufgebot hielt die Menge vom Gerichtsgebaude zurück. Kuben Schenzvitt, der des Mordes an Zwangcr beschuldigt wird, erklärte, daß er unschuldig sei. L)!e UeridiGverhaiidlung wird fortgesetzt. Die vier Araber, die im Zusammenhang mit der Ermordüng des arabischen Polizei-Superintendenten voll Haifa, Halim Basta, verhaftet worden waren, sind infolge Beweismangels befreit worden. Der frühere Cheibekrttur der Palästina-Regierung, Hathorn Hall, wird am 10. Mai Palästina verlassen. Ein jüdischer Arbeiter aus Petach Tikwah, der in der Nacht Bewässerungsarbeiten in einer Pflanzung bei dem arabischen Dorf Ana durchzuführen hatte, ist von Arabern schwer mißhandelt worden. Die polizeilichen Untersuchungen sind eingekitet. Auf einer in Haifa abgehaltenen Tagung der arabibischen Handelskammern wurden Beschlüsse zu einer Reihe arabischer Wirtschaftsprobleme gefaßt. Es wurde u. a. die Frage der Errichtung einer arabischen Zementfabrik besprochen, ferner die Reorganisation des Zitrusexpertes und die Gründung arabischer Pfianzerkooperativcn, die Lage der Scifenindustri'e von Nablus, die Notwendigkeit der Belebung des arabischen Handels und des Jaffaer Hafens usw. Außerdem befaßt man sieh mit Pliinen zur Gründung einer Streichhölzerfabrik und einer Reismühle. In der Altstadt von Jerusalem ist der 15jährige Jugendliche Jdiosehua C h a i in s o 11 n überfallen una verwundet worden. Die Angreifer sind entkommen. Vermutlich wurde der Ueberfall ausgeführt, weil Chaimsohn Hauptzeuge gegen die arabischen Terroristen ist, die seinerzeit das Mitglied des Jerusalemer Betar, Jehuda Schneurson, in der Nähe der Klagemauer durch Revolverschiisse schwer verwundet haben. Der jemenitische Arbeiter Schlomo M a a 1 i m, der im Emek Chef er beschäftigt war, ist verschwunden; man vermutet, daß er ermordert wurde. In den Pflanzungen der Gesellschaft ,Jachin״ bei Chederah wurden in der Nacht 150 junge Orangenbäume ausgerissen. In Haifa explodierte vor dem Hause des Arabers Abu Nassnr eine Bombe, die bedeutenden Sachschaden anrichtete. Bei Petach Tikwah wurden vier Araber unter der Beschuldigung, einen jüdischen Arbeiter verwundet zu haben, verhaftet. Der Verwundete hat in einem der Verhafteten den Angreifer wiedererkannt. Verschiedenes Der Tel-Awiwer Stadtrat hat beschlossen, eine große Sammlung von Vögeln und Schmetterlingen anzukaufen, die den Grundstock für ein städtisches naturkundliches Museum bildert sollen. Die Tel-Awiwer städtische Kommission, die die Errichtung von Grabdenkmälern für Max Nord au und Meir Dizcngoff vorbereifet, hat ein Preisausschreiben für künstlerische Entwürfe zu diesen Denkmälern veranstaltet. Die Jcschiwa ״Ez Chajim“, die größte Thora-Lehranstatt Palästinas, feiert in den nächsten Tagen ihr lOOjühriges Jubiläum. Die Tel-Awiwer Broka-Works, Fabrik für Lebensmittel- Erzeugnisse, hat ein Rezept buch in hebräischer und deutscher Sprache herausgegeben, das viele Rezepte für die Palästinakiiche enthält. Persönliches. Nathan S c h e f t ei o w i t z, einer der Führer und ältesten Mitglieder des Misrachi in Deutschland, vollendet am 15. Mai in Tel-Awiw sein 60. Lebensjahr. Seheftelowitz, der Jahrzehnte hindurch in Berlin eine Reihe von Ehrenämtern bekleidete, kandidierte erstmalig 1026 zu den Wahlen der Repräsentniitenversamrnlung der Berliner Jüdischen Gemeinde, der er als misrachistischer Vertreter innerhalb der Fraktion des Jüdischen Volksbundes bis zu seiner Anfang Januar 1037 erfolgten Alijah angehörte. Bekannt wurde er hier insbesondere durch sein wahres Interesse an allen Fragen, die das religiöse Leben betrafen. Schcftelowitz gehörte ferner viele Jahre hindurch dem Schul- und Talmud- Thora-Vorstand, der Kaschruth-Komniission sowie dem Verband der Synagogenvereine Berlins an. Ausnahmezustand in Tulkerem Jerusalem, 9. Mai. in Safed ist nach einem Besuch des neuen Chefsekretärs der Palästina-Regierung, B a 11 c r s 11 i 11, ein jüdischer Polizeiinspektor durch einen Schuß verwundet worden. Der Attentäter ist entkommen. Auch in Tulkerem wurden britische Polizisten beschossen, wobei der Polizist Ftillbrook verwundet wurde. Der Verwundete hafte im vergangenen Jahr einen Eisenbahnzug vor Vernichtung bewahrt. Es war ihm gelungen, rechtzeitig einen Dynamitsprengkörper zu entfernen, der in den Bahn- Körper bei Tulkerem eingegraben worden war. lieber das Gebiet von Tulkerem ist der Ausnahmezustand verhängt worden. L)ie Distriktsbehörden und die Kommandanten der Polizei und des Militärs haben in Safed die arabischen Notabel!! zu sieb berufen und schärfste Maßnahmen für den Fall der Fortdauer der Gewalttaten angekündigt. Mehreren Arabern wurde Zwangsaufcnthalt zugewiesen. 111 Tulkerem führen die Araber einen General• streik durch. Größere Menschenmengen, die Kundgebungen zu veranstalten versuchten, wurden von britischer Polizei zerstreut. Starke Poli/eiabteilungcn, die mit Maschinengewehren ausgerüstet sind, haben den Verkehr in die Seitenstraßen abgelenkt. Zu Ruhestörungen in den Straßen ist es nicht gekommen. Empfang für Oberrabbiner Herzog Der neue Oberrabbiner von Palästina, Dr. Isaac Herzog ist am 5. Mai i!1 Jerusalem eingetroffen, um sein Amt anzutreten. Am Abeiiti wurde ihm in der Jeschurun- Synagoge ein Empfang bereitet. Nachdem Gebete zum Andenken der bei den Unruhen gefallenen Juden gesprochen worden svaren, hielt Oberrabbiner Herzog seine Antrittsrede. Tine weitere Ansprache hielt M. M. Ussischkin, der die Wiederbesiedhmg von Hebron und anderer nach den Unruhen von 1929 und späterhin von jüdischen Institutionen und der jüdischen Bevölkerung verlassenen Ortschafteil forderte. Am Jahrestag des Ausbruchs der Unruhen laut jiidischer Zeitrechnung (letzten Mittwoch) wurde in der Jeschumn-Synagoge zu Jerusalem ein S o n d e r g o 11 e s - dienst abgelialten. Oberrabbiner l)r. Herzog, Rabbi Levy, ein scphardischcr Rabbiner sowie Ussischkin hielten Ansprachen. Dr. Herzog appellierte an die Welt, insbesondere an Großbritannien, um Gerechtigkeit für das jüdische Volk und um Wiedergutmachung ries ihm im Laufe der Jahrhunderte angetanen Unrechts. Ussischkin erklärte, daß die unschuldigen jüdischen Opfer, die während der Unruhen gefallen sind, nicht vergeblich ihr leben aufgegeben haben. Der Gedanke an sie müsse als Ansporn zur Inten• sivierung der Aufbautätigkeit dienen. Jüdische Einwanderung und arabischer Lebens - Standard ln der Unterhaussitzung vom 6. Mai wies der Abgeordnete Thomas Williams auf eine in dem Jahresbericht des Emwanderimgsdepartements der Palästinaregierung dnthalfcne Bemerkung hin, daß der Lebensstandard der palästinensischen Bevölkerung sich zumindest nicht verschlechten habe, und fragte den Kolonienniinister, ob er nicht eine Erklärung darüber abgehen wolle, ob die wirtschaftliche Lage der arabischen und der jüdischen Bevölkerung sich während der Zeit der auf Grund des Mandafs erfolgten jüdischen Einwanderung gebessert habe oder nicht. Kolonienminister Ormsby-Gore antwortete, die betreffende Bemerkung werde in den folgenden Ausführungen des Berichtes eingehender behandelt. Der Einwanderungskommissar komme zu dem Schluß, daß die Frage offen sei und offen bleiben müsse, bis Mittel zur Durchführung einer genauen Untersuchung über die Aenderung des Lebens- Standards tmd des Realeinkommens i!1 Palästina zur Verfügtmg stehen. Unter diesen Umständen, sagte der Kolonienminister, könne er in diesem Zeitpunkt keine bestimmte Erkkirung zu dem Gegenstand abgeben. Der Großv ater wandert ein Von Alice־ Hold he im, Tel-Awiw Wo •!er (iioßvater 11!. rl.am, weiß ich nicht. Zur Zeit, als uns( ic 1 .1mili1-׳׳.׳;׳־׳n11cri1!1anfün;t, lehn* er zwar in Ratib ״ r. Ab■.!■!1 war!, r 1l״:t nicht. Ebensowenig wie die (ire'ii1!1!t!er, s ■in-.׳ Kinder, das sind mein Vater und nu-ine Onkel irul 'Lauten. sagten von ihm, der alte Awrohom war ein .naivr“ ju Ic. Lh giaube, daß ihnen das später nur So vorkam. Zu seiner Zeit und in seiner Stadt wird er ein Jude we-• m s- ,11, 01. ht anders als jeder andere Jude auch ha■•- liedit. er ׳;in:; in Sein!!, hielt den Schabbat, las den T d:::ml Und am Jom Kippur blieb er auch nachts in Schul. Und da tm September ״der Anfang Oktober die N. (htc m < >!״. r ׳, lin׳shn' schon kalt seid, gingen die Kinder, mein Vater und die andere!!, und brachten dem Großvater zu Frew Jnu! Kippur 11 ui großen Pelz, Und der Großvater stand in S׳im> 'durch die (׳,iiize Nacht und den ganzen Tag. Und wenn er am M1eml nach Hause kam, so erzählte mein Vater, dam! hi!, htitcii seine Augen, und er setzte sich an den weiß!׳cdi-ekum Lisch an die Spitze seiner vierzehn Kinder und drei Mägde und sagte: ״Das war ein schöne: Jom Tow," Alle seine Kinder habe ich nie anders als in höchster Verehrung von ihm sprechen hören. Der Großvater war kein Geh hner, aber er 'war mehr als das: er war ein weiser Mann Seine Sühne zog er am Ohrläppchen, aber er schlug s!e nie. Und kam eines vo!1 den vierzehn Kindern und sagte: ״Vater, ich habe heute Geburtstag“, dann antwortete er: ״So? Du hast Geburtstag?׳‘ und griff in die Tasche nach einem Dreier für Kandiszucker. Denn er war kein reicher Mann, und vierzehn Kinder etwas Ordentliches lernen zu lassen, war ni•11 ״ f!eicht. ״Und wenn der Großvater Gcburtstag hatte, ab er klein war, — wie war das?“ fragte ich. Ich wollte gern v;!»111, was der Urgroßvater sagte. Aber ailc-s, was uh crfahien konnte, war, daß der Urgroßvater Wasserstiefel trug. Ich lag im wannen Bett, und der Urgroßvatcr tat mir so s•: 11 reck lieh leid, weil er Wasserstiefel tragen und Tag und Nacht im eiskalten Oder-Wasser stehen!mißte. Warum? Vielleicht flößte er Holz. Später lud er Getreide. Ob er Handel trieb, ob er eine Mühle hatte, weiß ich nicht. Auch die Familie der Großmutter hatte irgendwie mit Getreide zu tun. Wo sie lebte, weiß ich nicht. Jedenfalls wird eine Geschichte erzählt von den Gänsen, die nackt aut dem Hot herumlicferi. Und das kam so: Aut dem Hof der Urgroßmutter wurden eines Tages Fässer mit Spiritus abgelad: n Da die Spundlöcher nicht ganz dicht waren, hatte man Näpfe unfcrgestellt, um den Spiritus aufzufangen. Das war morgens. Und als die Urgroßmutter mittags in den Hof kam, da lagen alle ihre Gänse auf der Eide und rührten sich nicht mehr. Das gab ein großes Jammern. Aber die Urgroßmutter war eine resolute Frau. Sie ließ schnell die Gänse rupfen und in einen Verschlag werfen, um sie am nächsten Tage zu verkaufen. In der Nacht aber wachten alle Bewohner plötzlich von einem fürchterlichen Lärm auf. Und als sie in den Hof kamen, da bot sich ihnen ein Anblick, der ihnen das Herz still stehen ließ: Urgroßmuttcrs Gänse liefen spitternackt im Hof herum. Sie hatten sich am Spiritus betrunken, und nachdem sie ihren Rausch ausgeschlafen hatten, waren sie wieder lebendig geworden. Hier schließt die Geschichte. Ob den armen Gänsen die Federn wieder nachgewachsen sind, konnte ich nie erfahren, obwohl ich meinen Vater immer wieder danach fragte. Großimifters Bilder zeigen eine stolze Schönheit mit temperamentvollen dunklen Augen und geschwungener Nase. Sie liebte und sie haßte. Sie hatte eine Lieblingstochter und zog sie so vor, daß das arme Kind von den Geschwisterii dafür fast alle Tage geprügelt wurde. Das war Eva. Der Großvater aber sagte: ״Mir sind alle meine Kinder gleich lieb.“ Und jeden Scnabbat nachmittag ging er mit allen seinen Kindern über den Markt ״Seht, dort kommt Awrohom mit seinen Orgelpfeifen“, hieß es. Oie Großmutter genierte sich und wollte nicht mitgehen. Der Großvater aber war stolz. Ein einziges Mal, wird berichtet, hat er einen seiner Söhne halbtot geschlagen. Das war, als dieser zu Peßach bei Nichtjuden ein Gläschen Wein getrunken hat. Diese Sünde wurde begangen von demjenigen, der später als bahnbrechender Wissenschaftler den Ruhm unserer Familie trug. Wieder schob sich die Familie ein Stück weiter nach Westen vor. Der Großvater blieb in Breslau, der größte Teil seiner Kinder aber ging nach Berlin. Ich habe Großvaters Wohnung noch gesehen, obwohl ich ein sehr später Enkel war. Sie lag im zweiten Stock eines grauen Hauses in einer grauen Straße Breslaus. Kein Balkon, kein Grün. Grauschwarz vom Kohlenstaub der schlesischen Fabriken, und vom schlechten Wetter. Von der Wand irn Nußbaumziminer mit den wackligen geschwungenen Stühlchen sahen mich die Urgroßeltern an. 111 der Küche machte sich die lebendige Taube los, die Großmutter für mich gekauft hatte, und zerschlug eine von den weißen bauchigen Kaffeetassen. Ein Stück mit Goldrand lag auf der Holzdiele. Die Dielen knarrten, die alten Messingklinken gaben so seltsame Gerausche. Ich fing an zu weinen und bekam Heimweh ... Aus dieser Wohnung fuhr der Großvater zwei- oder dreimal In seinem Leben nach Berlin, um seine Kinder zu besuchen. Er wohnte bei Onkel Wilhelm, des koscheren Haushalts wegen. Und er feierte Jubiläum bei Onkel Benno, in einer Wohnung von vierzehn Zimmern, die dieser allein mit einem Diener und einem Fräulein bewohnte. Und er fuhr mit Onkel Adolf und den ״Mädels“ (so hießen sie auch noch mit sechzig Jahren) in einer Droschke erster Güte durch die Stadt. ״Kinaersch, Kir.dersch“, sagte er und schüttelte immer wieder mit dem Kopf. Es war aas Berlin der achtziger Jahre. Das alte Berlin, das Berlin Fontanes und Liebermanns. Der Hof, die ״Linden“ und das Königliche Schloß. Die Oper und die Symphoniekonzerte. Tiergarten, Kroll und die Subskriptionsbälle. Auf der anderen Seife Wintergarten, Ballhaus, Dreßler, Ideal der Junggesellen. Jeder dieser Namen eine ganze Welt aufsteigeu lassend, einmalig gewachsene Form, durchpulst von dem Lebeu jener Zeit, und mit ihr dahingesunken, verwelkt, leere Form geworden. Nur die Erinnerung bringt den alten Duft herauf von Tante Reginas Koffer, den! einmal im Jahr, der Motten wegen, die Fischbeintaille aus braunkariertem Taft entstieg, ganz mit der Hand in Tausende von Kräuseln gezogen. Und Tante Berthas lange weiße Glacehandschuhe mit den vielen Knöpfchen. Ueber diese Knöpfchen hatte sich in einer Nische des Wintergartens einer Tiergartenvilla der junge Doktor Julius gebeugt. Nicht etwa um die Hand zu küssen. Gott behüte, Nur um die Knöpfchen zu zählen. Da war noch mitten in der Nacht der Onkel Wilhelm mit einer Droschke beim Onkel Benno vorgefahren, weil er auf die ״Mädels“ schlecht aufpasse. Und die arme Tante Bertha wagte sich wochenlang kaum aus dem Hause. Der Doktor Julius aber war später ein guter alter Geheimrat, der eine ebenso üppige wie hysterische Frau mit sich schleppte. Denn alles konnte der alte Awrohom seinen Kindern geben, einen kraftvollen Körper, einen unbeugsamen Charakter, klaren Verstand und ein durch alle Glieder der Familie ungebeugtes Judentum — aber keine •Mitgift. Der Großvater hat diesen Teil der Wanderung nicht mehr mitgeniaeht. Während seine Kinder mit begeisterten Herzen den Geist des Westens, den Geist der neuen Zeit aufnahmen, blieb er, wo er wur. Ein Jude über seinen jüdischen Büchern, dem jüdischen Gesetz streng ergeben, indes die Wanderlust in allen Familiengliedern weiter lebendig war. ״Wohin reisen wir dieses Jahr?“ fragte mein Vater im Januar, wenn der Ostivind. eisig _ durch die Straße blies (die großen Ferien be- _ men mit der Asche von Vaters Zigarre, die zehnmal ausging und wieder angezündet werden mußte. Und Mutter schimpfte zwischen Lachen und Ernst. Es gab kein Mitglied der Familie, das nicht fast das gesamte Gebiet der europäischen Touristik gesehen hätte. Spanien, Italien. Frankreich, Norwegen, Sclnveden, Dänemark. Ja sogar Rußland und Konstantinopel. Und, schon im Jahre 1910, Palästina, obwohl eine Reise nach Jerusalem damals etwas mehr bedeutete als heute! Auch der Großvater hat jetzt diese letzte große Reise angetreten und ist endlich eingewandert. In seinem hochgeschlossenen schwarzen Rock, das Käppchen fest über dem weißen Haar, blickt er aus unbestechlich klaren Greisenaugen über Zion, die Heilige Stadt, ist es nicht gleich, ob seine sterblichen Ueberreste zwischen vier dünnen gußeisernen Oittern in Ratibor liegen? Er selber, seine Seele, blickt aus seinem gütigen, hellen, schönen Gesicht von der Wand herab auf seine Enkel und seine Urenkel, auf die zahlreichen heiligen und profanen Bücher, geschrieben im Loschon Kaudesch.Er blickt gen Osten über das Bergland Judäa bis zum Jordan, von dessen Wasser ein Fläschchen jahrzehntelang in seinem Schreibtisch stand. Er blickt und lächelt. (Schluß des Palästinateils)