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Jüdische Rundschau · 1937-05-07 · Heft 36 (7.5.1937) · page 15

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 36 (7.5.1937)
Date
1937-05-07
Page
– (sequence 15)
Language
German
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JODISCHE RUNDSCHAU | ßrmrn rumor JL iA samt *Za Nr. 36, 7. MAI 1937 Nachklang zum Maimonides-Jahr Erinnerungen eines „Mannes aus Jerusalem" Abraham Heschel: MaTmonide. Traduit de l'allemand nar Abraham Heschel: MaTmonide. Traduit de l'allemand par Ocrmaine Bernard; preface de Bernard Chapira; Payot, Paris (267 p.). Die Tatsache, daß die im Jahre 1935 erschienene Maimonides-Biographie von ür. Abraham Heschel (Verlag Erich Reiß, Berlin) jetzt in französischer Uebersetz.ung vorliegt, ist in zwiefachem Sinne bemerkenswert und erfreulich. Sie beweist, daß Interesse für das Leben und Wirken des größten jüdischen Theologen und Philosophen des Mittelalters über die jüdischen Kreise hinaus besteht. Sie dient auch als Beweis dafür, daß das (auch bei deutschsprechenden Juden noch zu wenig bekannte) Buch von Heschel in der reichen Literatur, die das 800. Geburtsjahr des Maimonides hervorbrachte, eine besondere Stellung einnimmt: es ist weder eine Cielegenheiteschrift im üblichen Sinne noch eine populäre Kompilation, noch eine ,,akademisch"-wissenschaftliche Untersuchung. Es ist nicht einem Problem der Maimonides-Erkenntnis gewidmet, sondern geht auf das Problem Maimonides, auf das des Menschen in der Ganzheit seines Lebens und Wirkens aus. Es ist dem Verfasser gelungen, die Aufgabe, die er sich in dieser Arbeit gestellt hat, in glücklicher Weise z« lösen; nämlich: die Persönlichkeit des Denkers und Gesetzeslehrers auch dem heutigen „modernen" Juden wesensverstäiidlich und lebensnah zu inachen. Das Verdienst des Verfassers geht aber darüber hinaus, eine — im besten Sinne des Wortes — gemeinverständliche, jedem gebildeten Laien ansprechende Maimonides-Biographie geschaffen zu haben: die liebevolle Vertiefung in die Persönlichkeit seines Helden hat Heschel ermöglicht, manche von den früheren Biographen nicht gesehene Seiten in der von ihm neu erlebten geistigen Gestalt zu erblicken. So gewinnt in seiner Darstellung der tragische Tod des einzigen Bruders von Maimonides, David, den er „auf seinen Knien erzogen hatte", eine zentrale, schicksalhafte Bedeutung in der geistigen Entwicklung des Philosophen: die Trauer um den früh heinigegangenen Bruder, Schüler und Ernährer bewirkt eine tiefe innere Wandlung in Maimonides und in seiner Weltanschauung. Die Stellung des Menschen im Kosmos und der Sinn der Kreatur erscheinen ihm in einem neuen Lichte. Sicher hat der Biograph hier ein sehr wesentliches Moment entdeckt, das vielleicht noch stärker betont werden sollte. Ist der Tod des Bruders zeitlich ein Wendepunkt in der seelischen Entwicklung des Maimonides, so bildet das Problem der intellektuellen und prophetischen Gotteserkenntnis deren immerwährende zentrale Triebkraft. Philosophie und Prophetie sind für Maimonides verschiedene Stufen auf dem Wege zur höchsten menschlichen, geistig-sittlichen Vollkommenheit. Daher „ist die Liebe zum Denken das Grundmotiv seines Lebens", „jeder Denkakt ist für ihn der Empfang einer Offenbarung", und „das Mysterium des Denkens sein eindringlichstes Erlebnis". Der klassische Philosoph des Judentums ist sich aber dabei der Grenze der menschlichen Vernunft und der Vormacht des Prophetischen über das Philosophische deutlich bewußt. Es war daher seine größte und tiefste Sehnsucht und seine innerste und verborgenste Hoffnung, selbst die Stufe der prophetischen, unmittelbaren Gotteserkenntnis zu erreichen. Den Gedanken, daß Maimonides hoffte, selbst der prophetischen Offenbarung gewürdigt zu werden, sucht der Autor durch verschiedene, in den Schriften und im Briefwechsel des Maimonides enthaltene Andeutungen plausibel zu machen. Trotzdem bleibt u. E. diese Annahme eine noch unbewiesene, wenn auch anregende und heuristisch bedeutsame Hypothese. Sicher ist aber jedenfalls, daß Maimonides, der „immer wieder seine Ratio einsetzte, um die Grenzen vjy Reinseidene Hemden rm 8,90 J Reinseidene Damenblasen.........., 5,90 Kaufhaus am SavignyplatZ, Berlln-Charlottenharjf, Grolman«*raßo27 der Vernunft abzustecken", keineswegs der Rationalist und Verstandesmensch par excellcnce war, als der er in den meisten Darstellungen (so u. a. in dem bekannten Aufsatz von Achad Haam) uns erscheint. Die Liebcrscfzerin hat ihre schwierige Aufgabe im großen und ganzen in sehr befriedigender und anerkennenswerter Weise gemeistert. Es sei hier jedoch auf einige Eehler und Ungenauigkciten hingewiesen: auf Seite 67 wird R. Akiba anstatt R. Abba (S. 50 des deutschen Originals) genannt; auf Seite 78 heißt es: „Chanina" (Name mehrerer Gesetzcslehrcr) anstatt „Chanina bei! Dossa" (S. 71 des deutschen Originals); auf Seite S5 Anmerkung 2: „contre (!) Maimonides" anstatt „v. (*= von) Maimonidc"; in der Vorbemerkung zu Kapitel XV (S. 175) ist der Sinn des zweiten Satzes falsch wiedergegeben: irreführend scheint uns die Wiedergabe des Wortes „Wandlung" durch „evolution" (S.!4'2, Uebersclirift zum Kapitel XIII); an anderer Stelle, (S. 263) benutzt die Uebersetzerin selbst das Wort „transformation". _Dr. Joseph Heller Die jüdisdie Seele Adolf Altmann s „Die jüdische Volksseele". — Berthold Levy Verlag, Berlin 1937. Der Oberrabbiner in Trier, Dr. Adolf Alt mann, versucht hier eine Umschreibung des Begriffs der Volksseele und kommt zu dem Ergebnis, daß die jüdische Volksseele durch die Bibel geprägt sei, ja, daß beide identisch seien. Er sieht es daher als die wesentliche Aufgabe an, daß die Juden wieder die zentrale Bedeutung der Bibel verstehen lernen. Die Bibel ist nicht bloße „Literatur", sondern ein Seinselement für das jüdische Volk. Eine besonders dringliche Aufgabe ist darum die Einfügung der Bibel in den Aufbau Palästinas: sie muß, wie Altmann sagt, das „prüfende und forschende Volksgewissen sein, um alle Handlungen und Unternehmungen an ihr zu erwägen und zu ermessen". Altmann schlägt die Gründung einer jüdischen Bibelgesellschaft vor mit dem Sitz in Jerusalem und mit dem Ziel, alle Teile des jüdischen Volkes in der Welt wieder in den große» geistigen Zusammenhang hineinzustellen, der verloren ging, ohne den aber keine Wiedergeburt möglich ist. _ Dr. N. Die Schriften von Menachem Mibaschan sind gesammelt vom Verlage „Dwir", Tel - Awiw, herausgegeben worden. Der Verfasser, einer der Bannerträger der Haskalah in Rumänien, stellt darin eine Reihe von älteren Aufsätzen zusammen, die vom Jahre 1887 bis zur Gegenwart reichen. Der erste Band enthält eine Darstellung des Judentums in Rumänien, und es folgen dann einige Monographien über einzelne hervorragende rumänische Juden sowie über führende Persönlichkeiten der jüdischen Wissenschaft. Der zweite Band enthält bibelwissenschaftliche Arbeiten und erbauliche Betrachtungen des Verfassers. Die beiden Bände sind eine beachtliche Ernte einer vielfältigen und regen geistigen Arbeit über ein halbes Jahrhundert. Als Ephraim Cohn-Reiß die ersten Abschnitte seiner Lebenserinnerungen in den „Reschumoth", die Bialik damals herausgab, veröffentlicht hatte, gab ihnen Bialik den oben erwähnten Titel. Als der Verfasser nach den Gründen dieser Wahl fragte, da antwortete er: „So muß es sein: Du bist der Mann aus Jerusalem." Jetzt hat dieser hochbetagte und arbeitsfrohe Mann, der frühere Leiter der Schulen des Hilfsvereins und einer Fülle von anderen Institutionen in Jerusalem, den zweiten Teil seiner Lebenserinnerungen herausgegeben. Und erst jetzt vielleicht versteht man ganz, wie sehr die Worte des Dichters ins Schwarze trafen. Dieser Mann ist nichts mehr und nichts weniger als eine lebendige Chronik aller Menschen und Ereignisse, die in den letzten zwei Menschenaltern (mindestens) über Jerusalem hingezogen sind. Man glaubt es ihm kaum: da ist Einer, der erinnert sich noch daran, wie er als Kind Sir Moses Montefiore und den Professor Grätz in Jerusalem begrüßt hat — wie viele große Männer hat er später durch seine Schüler und Freunde am selben Ort bewillkommnen lassen! — Lebendig steigt aus diesen beiden Büchern die Kindheit eines Cheder-Jungen in der Altstadt von Jerusalem vor mehr als 70 Jahren auf. Seine Ausbildung erhält der Junge in Europa, zuerst in Deutschland, dann besonders in London, wo er im Hause Michael Fried- 1 anders Aufnahme findet. Dieser Studienzeit verdanken wir in seinem Lebensbuche die hübschesten Momentaufnahmen von der jüdisch-wissenschaftlichen Welt, die sich damals in London zusammenfand: von Friedländer selbst, dem „Manne mit der schönen Seele", den seine Schüler mit Hille! und mit Sokrates verglichen; und von seinem Gegenbild, dem unbändigen Naturmenschen aus Rumänien, Salomon S e h e c h t e r, den später die Entdeckung der Genizah von Kairo berühmt machte, und der damals in Friedländcrs Haus in einer jungen Breslauerin die Lebensgefährtin fand. Dort fand der junge Ephraim Cohn den Mann, der die Richtung seiner Laufbahn halb wider Willen lenkte; das war Herz, her g, der Verfasser des einst viel gelesenen und mit Recht geschätzten Buches „jüdische Familienpapiere". Zu dieser Zeit war Herzberg der Leiter der Waisenhaus-Schule in Jerusalem; er vereinbarte mit dem jungen Jerusalemer, daß beide zusammen nach Jerusalem zurückgingen und sich in die Leitung der Lämel-Schule, einer Gründung des österreichischen Dichters M. A. Frank!, und der Waisenhaus-Schule teilen wollten. Gerne erzählt Cohn, daß beim Beginn seiner Lehrtätigkeit ihm 28 Schüler übertragen wurden; schließlich hatte er aber etwa ebensoviel ... Schulen zu leiten. Denn an die vereinigte Waisenhaus- und Lämel-Schule schloß sich später, durch den Hilfsverein gefördert, die Gründung des Lehrerseminars, der Kindergärten, die eine harte Notwendigkeit in dieser Zeit darstellten, wie die Schilderung der Kleinkinder von Safed in ihrem Gemisch von geistiger Kultur und körperlicher Rückständigkeit beweist: dort bekamen die Kinder bis in ihr drittes Jahr die Mütterbrust, und es war nicht selten, daß solch ein kleiner Junge mit der einen Hand nach der Brust der Mutter griff und mit der anderen nach seinem Käppcbcn, um erst die Berachah „Schchakol nihjch bidwara" zu sagen, ehe er trank. — Zu den Kindergärten kamen in rascher Folge die Schulen der Kindergärtnerinnen, die Handelsschule und das Mädehenheim, das Ii. Cohn-Reil! zusammen mit seiner Gattin, die ebenfalls aus Jerusalem stammte, gründete. — Mitten hinein in dies Nebeneinander von alt und neu, das noch heute einen der I l,uiptrci/e dieser unvergeßlichen Stadt ausmacht, stellt der Er/ahU-r nun seine Erlebnisse mit allen den Gestalten, die bald zum alten Jerusalem gehörten, bald als Gäste aus der Ferne kamen, um „sich mit dem Staub der heiligen Stätten zu bestäuben". Da ist in alter Zeit der „Priester der Westmauei", Rabbi Jisroel-Chajim aus Wilna, der Glanz und Ehre in seiner Heimat aufgab, tun täglich aufs neue an der Westmauer iks Tempels dui Priestcrscgen zu sprechen; oder „Schalom der Tlulluu-Nageiam Wochentag ein Schneider, und keiner von den schlechten; aber wenn der Schabbat kommt, sammelt er wie durch ein Zauberwort alle Kinder der Umgebung um sieh, um um ihnen zwischen Miuchah und Maariw die Psalmen zu <agen ... laut schwebt seine Inbrunst über den hellen Kiiider-tunmcu ... Kein Wunder, daß der Verfasser in spateren Jahren an den Rattenfänger von Hameln denken mnlite. Nun'kommen die Gäste aus aller Welt: gekrönte Häupter wie Kaiser kränz Joseph und Kaiser Friedrieh; es kionmei! die großen „Wohltäter" aus der Alten und der Neuen Welt; und es kommen die Männer des jüdischen «.ickt. > auaib-n Ligtru des jüdischen Volkes. Paul Nathan kommt in Bc-diitung des < Vientalisten Eugen .Mittwoch; ihm gilt mit U%-U die besondere Liebe des Mannes, der ja sein halbe- I cm:; lau.; unter seinen Augen in den Schulen des Hdisverehis wirkte. Die Schilderung von Hcrzls Bezieh in Pala-tma und seinm /ii-ammctitreffen mit Wilhelm Kaiser bringt ni bt> we*. :;*.i>ch Neues, seit wir die Tagebücher Her/'s kenneu. ■■- A c u a d I I a a ui besucht wiederholt die Schulen de- I Idi-verein- und freut sich des hebräischen Geistes, der mit jedem Jahre stäiker gew orden ist im Lande. S h in a r \ a I. e v i n will - so schreibt Cohn -- im Jahre!'>:)7 genu ui-am uut A.had Ihaui und Ephraim Colin die L'niversit it in leru-aben gründen. Vor allem berühren den Le-cr die Begegnungen,' die der Schulmann mit Bialik und Rawnitzkv harte. Erst die Besuche Bialiks und Rawnitzkxs in den Schulen von Jerusalem. <«>t im Verein mit dem Archäologen B c;> / i u g e r, d---.cn Much sie ins Hebräische übersetzen wollten; dann ihr Wiedersehen nach fast 23 Jahren in Bad Homburg. Seit m der letzten Phase des Weltkrieges die englischen Okkup.itionsbch'.p.len seine Schulen übernähmen, bin Ephraim Colin in Deut-Jiinnd im Kreise seiner Familie, deren hebi .tische und arabische Sprachkenntnisse Bialik einmal freundlich bewunderte. Bert ha B adt-Strauss Neue Lyrik Werner Kraft: Wort aus der Leere. Ausgewählte Gedichte. Manfred Rothschild Verlag, Jerusalem 1937. Werner Kraft, der sich mit interpretierenden und mofivgeschichtlichen Untersuchungen zur Dichtung anderer schon vielfach Dank verdient hat, tritt hier zum ersten Male mit eigenen Dichtungen hervor. Die fünfunddreißig Gedichte, die er für diesen Band ausgewählt hat, repräsentieren ein seit langem in der Stille gereiftes, in seiner höchst besonderen Art vollendetes lyrisches Werk. Kraft ist der Dichter, der nein sagt um eines unsprechbaren Ja willen. Weil ihm aufgetragen ist, alles Leben am Maße unbedingter Wahrheit und Echtheit zu messen, muß er es verwerfen, denn vor diesem Maße hält unser bedingtes Leben nicht stand. Aber das wäre die öde Konsequenz aus einem abstrakten Prinzip, wenn nicht große Liebe zum Leben und zur Welt das Verwerfen zum Leiden machten und ll!llllli:illllf|lilllll!lll!:|ll[lll[|l!llllil!lll!linillllllllll!l^ Ewige Reise Von Arthur Silbergleit Wie Schollen Treibeis Nacht um Nacht Gehorsam dumpfen Geisterstimmen Auswandern und Ins Dunkel schwimmen. Bis sie die Reise müde macht. So lösen wir uns bangend los Und fahren auf dem Meer der Träume Und suchen einer Küste Sfiume, An die wir, aller Sorgen bloft. In sufser Sicherheit uns lehnen. Geborgen wie in Gottes Hand. Wir segeln stets mit unserm Sehnen Und finden nimmer Jenen Strand. iiiiiiiittiiiitiiiritiiftiiiiüiitii im iTttMtttimirnif tntiii miitttiiiiii m i im iiiiittiitit initimti triitifiiiiti(tiiitiiii)itiitiitiiiiifi(iiif i d«i es durch Leiden weihten und rechtfertigten. Nur ein gläubiger Mensch kann so die Ferne Gottes beklagen und über die Ferne hinweg Anruf und Anklage wagen. Wie das imsprechbare Ja als Ziel einer stummen Sehnsucht am Horizont dieser Dichtung schweigt, so läßt ihre Redlichkeit das bedingte Ja, das aus der triebhaften Freude am Schönen, aus dem triebhaften Angewiesensein aufs Lebendige, aus dem triebhaften Vertrauen auf Schöpfer und Schöptung kommt, immer wieder sich aussprechen und immer wieder verneint werden. Das Schöne lebt in Krafts Dichtung und muß in ihr sterben. Angst vor Leben und Tod klopft in ihren Pulsen, und vor dieser Angst, in dieser Angst hält er stand mit dem Mute des unbestechlich Schauenden und nüchtern Aussagenden. Apokalyptische Landschaft breiten die Gedichte aus, unter dem bleiernen Gewitterhimmel eines ständigen Weltuntergangs, wo alles Erstellende, plötzlich vom grellen Strahl befeuchtet, auch schon todgezeichnet erscheint. Das Leiden einer Zeit, der keine sichere und verbindliche Offenbarung gegönnt ist, wirkt hier nur als Steigerung des geschöpflichen Leidens überhaupt, des Leidens der uncrlöstcn Welt. Gerade bei der fast monotonen Einheitlichkeit des Grundtons in Krafts Gedichten überrascht die Fülle ihrer Formen, der mit Meisterschaft verwalteten überlieferten Formen wie der mit großer Sicherheit neu gewagten. Welche Fülle lyrischer Möglichkeiten deutet sich an, die doch, unter dem Gesetz, das hier hart und klar waltetj nicht anders als in der Gebrocheiilii.it durch das eindringende verzweifelte Schweigen realisiert, werden kann. Die Klage des Diciiters, daß ihm die Laute „nur webe, scharfe Töne" tönt, möchte auch der Leser erheben, wenn er sieh nicht vor der Notwendigkeit dieses dichterischen Schicksals beugtn müßte wie der Dichter selbst. Wir brauchen wohl die JasagciiJen, die mitten in Schein und Not Vertrauenden, aber wir brauchen auch den, der Schein und Not, als wären sie das ein/ige uns Anvertraute, uuablenkbareu Blickes anschaut und aussagt und so in ihrer ganzen Schwere gestaltend bewältigt. Mit seinem Wagnis sühnt er das Wagnis der anderen, mit seiner Untröstlichkeit ihr Annehmen des Trostes. Erst er und sie zusammen umspannen mit ihrem Wort das Ganze der uns zugewiesenen Welt. Ludwig S t r a u ß, Joknam (Palästina) Heinz Politzer: Fenster vor dem Firmament. Gedichte. — Verlag Jtik Kittls Nachf., M.-( »strau Ki7. Wir haben es lauge gewußt, daß Heinz Politzer eine der grollten Hoffnungen der judi-chen Lyrik deutscher Zunge ist. Und nun gab er uns dies schmale Bändelten, das als Erfüllung dieser 1 lotfnung angesgrochen w erden darf. Ein echter Dichter: Iber gibt es keine ger-imt« n Programme und verifizierten Resolutionen mehr, sondern (ichalt und Gestalt halien sn-h /u tinlösbarer Einheit verdichte«. Bei Politzer fragen wir nicht mehr: wo komm* er (U'eruri-ch) her- Er i-t ein so eigener, wcmiglceh er d:c t: .nhtunK llcn Formen der Evrik nicht mit Neuheit um Holen Pias zu sprengen sucht, daß mau nur nach dem Wohin seines Weges fragt. Und wenn ihm dieser Band tun Wegweiser bleibt —- und wir hoffen es! - dann muß die Antwort lan'eu: Hein/. Politzer ist auf dem Wege a!h r eckten I Hellt; r, dt r ein „VC c,i nach innen" ist. Hein/ Politzer i-t ein jüdischer Dichter. Nicht, daß die Mehrzahl seiner Gedichte thcmati-üi an jüdisches gebunden wäre, aber der GrumlUm seiner bieder klingt echt und rein im vielstimmigen l.icde Israels. I Vr Duft von Mvrrlie, Od und Wein hegt über du-tu \'o-iit, die sich oft wie von ungefähr zuruckvei bereu u Rt Bibel Sch a i o in B e n - C Ii o; JUlriisdic 1 .vrik? Jechief Lerer: Schotil un Dowid. — Verlag Gitlin, Warschau 1031. —■ Schtilkajt in Schturm. -- Verlag Turin, W arschau 1032. — Brunems in Feld. — Druckerei Kle/kin, Wilna 1033. Die drei Gedichtbände von Jechiel Lerer bedeuten nicht gerade eine Bereicherung der jiddischen Poesie. Nicht nur, daß diese Verlautbarungen bar jeder Originalität sind, daß sie himmelweit entfernt sind von der formalen Glatte eines Erug oder Reisen — sie lassen auch jede Ursptünglichkeit im Gedanklichen vermissen. Das lyrische Epos, „Schoul un Dowid", in Strophen von sechs ungereimten, viertaktigen Versen, folgt getreu der biblischen Erzählung von Schouls siegreicher Schlacht gegen Amalek bis zu seinem bitteren Ende bei Gilhoa, und beschränkt sich darauf, das Erzählte durch einige karge l.amfschät'tsschildenmgen aufzuhellen. Die handelnden Personen, Schoul seihst und Dowid, Schmucl, Jonatan, Awner, bleiben blasse Schemen, und der auf 100 Seiten ausgewalzte Bericht ist bleiern langweilig. — Auch „Schtilkajt in Schturm" erhebt sich qualitativ nur wenig über das Epos. Diese lyrischen Herzensergüsse enthüllen ein gottgläubiges, gottsuchendes, nattirnahes Gemüt, durchaus sympathisch in seiner Geradheit, aber — das alles ist poetisch so belanglos, und in der selbstgefälligen Ausführlichkeit fällt die Armut an Bildern, das Imnterwiederkehren einiger abgebrauchter Metaphern um so peinlicher auf. Da möchte man schon dem dritten Bändelten „Brunems in Feld'' Lob erteilen, einzig nur dafür, daß hier wenigstens versucht wird, mangels eigenen Gefälles nach berühmten Mustern zu dichten. Dr. R a b i n o w i t z

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