Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 36 (7.5.1937)
- Date
- 1937-05-07
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 36, 7. V. 1937 i—MAGISTER KIRSCH Jüdische Dramaturgie Ein Versuch Von Hermann S i n s h e i m e r Ein jüdisches Drama gibt es nicht. Es gibt Ansätze dazu in Palästina aus dem Hebräischen heraus, es gibt eine ostjüdische dramatische, richtiger: buiniciigcinatie Literatur — und endlich gibt es in aller Welt und Allerwelts-Bibeldramen. Bibel-Dramen Von diesen Ist, taktischerweise, zuerst zu sprechen. Es gibt in Europa wahrscheinlich soviel Bibelwie Griechen- und Römerdramen. Stoffe, die ihr jahrtausendealter Weg zum Dichterischen und Symbolischen schlechthin geklärt und gereinigt hat, reizen Künstler und Dilettanten zu neuen dichterischen Versuchen mit ihnen. Sie haben, auch wenn sie von Juden verfallt sind, mit dem Judentum wenig oder gar nichts mehr zu tun. Die ahtestainentarischen Stoffe befinden sich .seit dem Mittelalter, das mit ihnen die ersten dramatischen Gehversuche gemacht hat, im Zustand der Assimilation. Sie unterstehen (und erliegen) der europäischen Sicht. In diesem Genre hat Hebbel mit seiner „Judith" an Kraft der Einfühlum Höchste erreicht. I Tischen Empfindung^ zugespitzten und zu „Judith" biblisch au- Drama, unbeschadet mehr behaupten kan i-t; - und der Gestaltung das bis heute >ie Spannweite zc. isc.ieii seiner bauetärke und seinen) antithetisch (hegelisch) spitzenden Intellektualismus ist in der gefüllt, was man von seinem Merodesder kaust Otto der -ehlielllich gfvve't und Auff aSMing cheit GrölSe, schon nicht Ludwigs Versuch einer Makkahesem ewigen Versucher und . n 1 reindhcit der Thematik geaalt zwischen der aft tiachgeborencii ':i!i/en Äbsmtsität den /. in er v. Hl bell MI! Stoff Erde, 1 S\ uthe. bäer - Tragodi Sucher versch scheitert. Wil judisch-btbli-e und nachhink erkennen, so braucht mau nur ui: p i.ir K..-!"r<>bi n au* wort-, verse- und gc-.ui <> ii.chen Sani-, luvid- und Den drarr.cn Kückens zu genieben, der treiheii auch noch Gegenteil eines Dratn.iH.ci-» :;cwi--i:i : t. Schließlich hat doch d is eurup.a», iie Judentum der letzten Generation den ein/ig v, esuiikdu n Betrag /tun jüdischen Bibeldranu ecuelc;!: in dun D.iv.ü-/.'. I.h Beer-Hof mann». Hier is! die 11 ir t. >r: c ihr Bund glekhnishaftcn Bedeutung \n-i,m> in eine m\ tbi-a gesldlt, die, auf de.n S.!•■. itelnuukl /wi-clu-ii 1' Vorschau, judäi-che« BeD m-!<:i. mit in.l klang halt, d. Ii. duvo!Mi..i-,M he Idee Himmel herau-lautert und noch in läutert. Hier hat ein jüdischer Meu.-ci seiner Vision entrissen. Iber siml daher einer jüdischen Diam.mny.i'- aui'iiw.iitr Das Gottmcnschlicl Entfettung wie gegen die Yergomm.r ist vom Samuelisiheu her und zum ,\U jüdische Held — in iler Mitte zwischen Er gib: der Idee des jüdischen Dramas schlechthin den i! gemäßen Körper und Geist. Es ist nicht zu verkennen, daß in den erbaulichen Mvsterien- oder Mirakelspielen des Mittelalters, tun nochmals auf den Anfang der europaischen Bibeldrantatik zurückzukommen, manchmal echt und geweiht Alttesiamentari» sches zutage tritt. In diesen wenn auch noch so lehrhaften und wenn auch noch so beflissen aufs Neue Testament rückbezogenen Szenen — etwa die Opferung Isaaks, den Verkauf Josephs oder die Mission eines Propheten betreffend — wirkt ein Zustand seelisch-gläubiger Simplizität, der sich noch in l.'ehercinslinimung mit <'■•': leidlichen 1 Es gibt darin noch kiine Ch.irakti.re oder sondern „nur" die Me den nhs- Uas vornan < ichariL; ihrer Schau ■,- und in Einlauft und die Menschen >tcu Elemente zu ergründen, ier gegen die es Menschen'. David -dinisehen hin „der" Diener und Prophet. ihr -Mit Dieses „Nur" ist der lieuti worden. Gelegentlich wirkt siel: suchende, sondern gefunden h des französischen Dramatikers in seinem jüdisch-christlichen re < mit. n Dra phäre befindet, gar Probleme, natik unerrciehbar gei die un-ebrocheite, nicht mehr nhende Er'annoakeit im Werk Paul Claudel aus, insbesondere Sinei „Das harte Brot". Ans der osfjüdisdiei» Welt Die o s t j ü d i s c h c Dramatik ui der Sprach- und Denkform des Jiddischen (jede h, sondere Sprvhf.-rm hat eine besendere Denkform snv.'rhl zur Vor.tus.-tizsmg wie auch zur Folge) i-t als iitarareadie Gattung der einzige europäische Ausgangspunkt für eine jüdische Dramaturgie. Denn sie ist aus einer volksähnlichen Gemeinschaft mit jüdischgeschichtlichem Bewußtsein entstanden. Dramaturgie aber ist ja nichts anderes als auf die Kunstform des Dramas angewandte und auch aus ihr gewonnene Soziologie. In der Lehre vom Drama spiegelt sich die Lehre vom Volk. Dafür ist das ostjüdische Drama sogar ein guter, unmitttlba. einleuchtender Beweis. Sein fast unumgänglicher Inhalt und Konfliktstoff Ist der Oegensatz zwischen Drinnen und Draußen (Stübl und Natur, Städtl und Welt, Geschieht«- losigkeit und Geschichte) und dem Unten und Oben, sei es w eltlich-politischer oder religiös-traditioneller Art. In diesen Antithesen lebt in der Tat der ganze Inhalt des ostjüdischen Daseins auf. lieber und unter allen daraus erfließenden Konflikten setzt sieh eine Zuständlichkeit, eine folkloristisch betonte Note durch, die zutiefst undramatisch ist. Das ostjüdische Drama macht, wo es sich nicht gerade mythischer Stoffe bemächtigt, den denkbar kleinsten Schritt vom Volk zu dessen bildnerischer Erhöhung auf der Bühne. Es ist ein Schritt nicht über die Realität des Volksdaseins hinaus, sondern eher einer von ihr zurück m ihren Bestandteilen. Das Drama ist daher in seinem Wesentlichen naturalistische Studie und Skizze, Spiegelung fast ohne Distanz. Eine ganze Reihe dieser Bühnenstücke ist aus Erzählungen oder Anekdoten entstanden, die schon vor ihrer dialogischen Gestaltung populär waren. Auch wenn dies nicht der Fall ist, bleibt ihre Haltung oft erzählerisch — dies wiederum in echter Uebercinstimmting mit dem Geist des jüdischen Volkes, dem der Drang zur dramatischen Auseinandersetzung von Urbeginn an nicht eingeboren ist. Erst aus der Verweltiichung religiöser Vorgänge, Zustände und Anschauungen oder, umgekehrt, aus der Vcrgeistlichung des Kampfes ums Dasein entbrennt im jiddischen Bühnenstück der dramatische Funke. In der ostjudischen Bühnenliteratur begegnet man einem sehr seltsamen Genre: der „Tragödie mit Gesang und Tanz". Das ist nicht etwa, mit einem Vergleich aus der Musik, Beethoven mit Ottenbach, sondern es ist fast ein chassidischer Odenbach, entstanden aus einer (oft virtuosen) Gefühlsequilibristik, die auf der Flucht ins Leben Tragik und Komik wie überbunte üewandfetzen hinter sich hcrscnleift. Mit Singen nun Tanzen wird die natttr- oder gottgegebene Schwere des Lebens uberw unden. Die Purimspiele haben dabei Gevatter gestanden. Dieses Genre ist der barste und seligste Mummenschanz., echter Volksmimus, der überlaut und überbeweglich sich gebärdet, um die Stille und Starrheit des Schicksals, das auf dem Volk lastet, zu verbergen, zu verzaubern. Vom Grund her schwingt denn auch fast in allen ostiüdischen Bühnenstücken, in den Lustspielen sogar deutlicher als in den ernsten Werken, e i n elementares Gefühl mit, das, wenn es uns auch bei Ibsen und Strindberg bisweilen begegnet ist, dem dramatischen Sinn (wie dem Sinn des Volkes überhaupt) aufs schärfste widerstreitet: das Gefühl der A u s w e g 1 o s i g k e i t im Irdischen. Es macht aus Heimat Heimatlosigkeit, aus Freiheit Zwang, aus Jubel Trauer. Hier rechtfertigt sich die „Tragödie mit Gesang und Tanz." Im Tiefsten und im Rührendsten des ostjüdischen Daseins. Hier erklärt sich auch der so vielen ostjüdischen Stücken eigentümliche Trieb zum hintergründig Mystischen oder aber zum grellen Aufschrei, zur Tuschzeichr.ung oder aber zum Plakat. Wo der Ausweg fehlt, da stellen sich Ausflüchte ein. Das Ergebnis ist eher Liturgie als Dramaturgie. Dramatik des Weges Oerade!n diesem Punkt, von ihm aus, kann vielleicht ein erstes, zeitgerechtes Titelchen jüdischer Dramaturgie gezeigt werden. Die Dramatik, die dem Judentum von heute gemäß ist, richtiger: dem Judentum, die das von gestern mit dem von morgen verbindet, d. h. zu deren Entwicklung und Entgegennahme es den geschichtlichen Auftrag hat, müßte eine Dramatik des Weges, der Wege, der jüdischen W c g e sein. Das Drama als Kunstform und Ausdruck einer bestürmten Gemeinschaftshaltung ist ein historisches Dokument — dazu bestimmt, nicht nur Geschichte zu gestalten, sondern auch Geschichte zu machen. Es wirft Vision von der Vergangenheit in die Gegenwart, um sie der Zukunft zu erschließen. Wir sehen hier ins Innerste allen Bühnenwesens: Bühne und Drama sind Weg schlechthin, Weg aus den und Weg in die Zeiten, also auch und erst recht überzeitlicher mit Uro/Sunung und. Sehniirah, auf.Vrdein kommt hinzu, daß die arabischen Diebe aus Dm |<uiin in diesem dalir Arbeit in Beth Sthan haben, in Z.tt-.uiüneiiluütg, mit dar arabischen Ernte, die ebenfalls an! is* und zu deren ilow a! t igung diu arabischen Bauern jücisuic Traktoren und Mähmaschinen gernietet haben. fiines d'nses riebe ich zu Basct/ki, dem Chef der Sehniirah (\\ acht), dem ich Bartels l\e% oh er übergeben habe, und bitte ihn, wenn die «>*ni*e Ba/är (Weinernte) und (Ii« große Schmira!: losgehen, als Bahamer (Wächter) aufgestellt zu werden. Er mustert mich kritisch, prebl die Backenknochen heraus und sagt schließlich: Die Zeit wird kommen, die Zeit wird kommen. Ben Ezew erführt davon, daß ich mich gemeldet hnbe, und sagt unten im Pardcss (Orangengnrteii) zu mir: Bist du müde? Und Bar Konrh grinst: Er will zittern lernen. Ich sage, die Sehniirah gehöre zum Begriff des Kibbuz, und ich will alle» mitmachen. Du wärst eovvieso angesetzt worden, grinst Bar Koach wieder. Ja, vielleicht zur Lngerschmirnh. Aber dazu hätte ich keine Lust, die ganze Nacht zu »ebbten, da ginge ich lieber in den Pnrdess, "Feiler hacken. Sowelow mit seinen literarischen Begriffen von Heldentum hat blitzende Augen, nickt mir ermunternd zu. Darki warnt, ich soll keine Komantik suchen in der Sehtnirnh. Freilich, er sucht sie bei seinem Professor für Philosophie. Der einzige, der sich direkt, dagegenstellt, ist Bahlew. Fr sagt, er könne in nächster Zeit niemanden aus dem Pardess entbehren. * Kaum verbreitete sich die Nachricht, daß im F.mck die Bazir begann, da strömten aus den Städten Seharen von Besuchern herbei. Man sah plötzlieh gezierte, dultende, aufreizend gekleidete Frauen im Hof. Aus eleganten I.uxusautos, die neben dem Chadar Ochel (EBsaal) hielten, stiegen geschniegelt« Globetrotter mit zackig cinsatz.ßeschmückten .limmischuhen. Sic kamen in der Gemütsverfassung Amüsicrfreudiger, die alles mit dem Kibbuz Zusammenhangende mitleidsvoll, aber heifnilsvviilig betrachteten, wie man ein uns der Art geschlagenes, von Professoren gefördertes Kind mitleidsvoll, aber heifallswiUig betrachtet, ohne das Kind oder die Professoren zu verstehen. Bei der Bazir erinnerten sich die größten Gegner des Kibbuz an den nationalen Charakter dieser Institution. Eines Tages bekomme ich einen Brief von meinem Großonkel aus Tel-Awiw, der mir seinen und seiner Tochter Besuch ankündigt. Ich habe zu diesen Leuten nie eine Beziehung gehabt. Bevor ich nach Tel Hamon ging, sozusagen zwischen Hafen und Kibbuz, habe ich zehn Tage bei ihnen gewohnt. Wir sind uns damals keinen Sehritt näher gekommen, ich war für sie. von vornherein der Chaluz, der aufs Land gebt und nichts mit ihrer Welt zu tun hat. Plötzlich erinnern sie sich an mich'. Sie kamen, schnauften herauf, biederten sich' durch bis zu meinem Zimmer. Der Onkel war einer' jener Getreidegroßhilndler, die man gezwungen holte, Weizen von Tel Hamon zu kaufen. Donnerwetter, das hatte ihm imponiert, daraufhin mußte er sich dieses Tel Hamon mal aus der Nähe ansehen, und da seine Tochter erfahren hatte, daß dort Weinernte sei, beschloß er, den weitläufig verwandten Neffen zu besuchen, ohne im entferntesten irgendwelche wcltanschuulichen Auseinandersetzungen mit ihm zu planen. Tel Hamon war der Wirt, man bezahlte Gegessenes und Getrunkenes mit einem Tag kibbuzisehcr Gesinnung, Schleusner und seine Tochter sogar mit drei Tagen, da sie drei Tage aßen und tranken. Schicu&ner war ein kleiner dicker Mann mit einein roten fleischige« Gesicht. Er trug ein Bürtchen auf der Oberlippe, spuckte sich manchmal in die Hände, um die Ilaare glatt anzulegen. Wie alle Großkaufleute hatte er einen barschen, fluchhumorigen Ton, als sei das das Minimum, das er von nllen Menschen fordere: Strotzende Gesundheit und einen Stand der Sorgen, der Heiterkeit gestattete. Er schlug seine schwere Pranke auf meine Schulter und rief: Na, mein Junge? Braun gebrannt? Bauer geworden? Seine Tochter paßte zu ihm wie eine Glasbläserei auf eine schwere, eichene Kommode: so zerbrechlich war sie, so schlank, so durchscheinend. Sie hatte ihre Augenbrauen fort rasiert und zwei Zentimeter höher durch einen schmalen, bis fast zu den Ohren ausschwingenden Schwalbenslrich ersetzt, Ihr Mund war knallrot, ihre Wimpern behängen mit Tropfen einer schwarzen Spezialtusche, so daß die Augen in tiefem Schatten lagen. Ich weiß von diesem Mädchen, daß sie nicht mehr ganz jung ist, aus irgendwelchen Gründen keinen Mann findet. Sie hat eine auf Unausgeglichenheit deutende Art zu sprechen, zischt zu »ehr die Zischlaute, rollt zu sehr mit der Zunge das „R", bildet sich ein, seelenvolle Feinheiten sagen zu müssen und zu sagen. Sie warf sieh sofort auf die Kibbuzluth, weil sie sieb auf mich werfen wollte. Sie kam aus der Miklachatli (Waschraum) in kurzen Hosen heraus, legte ihre Ohrringe ab, wischte ihre Lippen, seifte ihre Wimpern, verlegte ihre Augenbrauen diskret an den richtigen Platz zurück und sah nun plötz- P«r gute Likör Magister-Llk8rf«brtk, München VII. In Barlin «u bazlah. durch dla WalngroBhtndlunj Bernhard Brauer, BurgstraB* 3 / Ruf: 5143 40 Weg. Man spricht so oft vom Drama oder von der Tragödie des jüdischen Volkes. Diese Metapher, sofern sie überhaupt eine ist, stimmt genauestens. Es ist kein Zufall, daß ein so inMinktvolIer Dichter wie Franz Werfet seinen aus dein Biblischen ins Mittelalterliche vor- oder vielmehr aus dem Mittelalter ins Biblische zurückgreifenden dramatischen Tableau „W e g der Verheißung" genannt hat. Er hat damit und mit der inneren Anlage seiner Dichtung sozusagen ins ITerz der jüdischen Dramaturgie getroffen, Drama der jüdischen Wege und somit des jüdischen Weges — es klingt wie ein billiges Schlagwort oder Rezept, aber es ist mehr! Denn es hat Wesen des Dramas und Wesen des Judentums in sich. Am Anfang des Dramas stellt der Stoff. Dem Volk der vielen schicksalsbelasteten Wege entspricht „Weg" als Stoff. Darin besteht der gelungene, zukunftsvolle Wurf in Wcrfels Dichtung, die ein Geheimnis der jüdischen Dramaturgie erfaßt und verwirk« licht hat. Vortasten in Palästina Es wäre nun noch vom palästinensischen Drama zu sprechen, vom hebräischen. Es befindet sich natürlich noch im allerersten Zustand des Experimentierens, des Vortastens aus der von Europa niitgebracnten Konvention ins Neuland, ins Land einer eigenen Form. Es befindet sich, wie man sagen möchte, im vorshakespeareschen Zustand. Es wird und kann erst wachsen mit dem neuen Wachstum der altert Sprache einerseits und anderseits mit dem Fortschreiten des kolonisatorischen Geistes 7tim wahrhaften Volksgeist. Bei den Griechen ist das Epos, die Lyrik und die vorsokratische Philosophie in den Kolonialgebieten gewachsen, an der kleinasiatischen Küste. Die Tragödie, das Drama ist nirgends anders als auf dem Baien des Mutterlandes gediehen, in der Polis. So auch wird ein echtes jüdisches Drama in Erez Israel erst sich bilden können, wenn aus der heutigen jungen Kolonie eine gesicherte Heimstätte des Judentums geworden ist, mit anderen Worten: wenn der heute wirkende Pioniergeist seiner Macht, seiner inneren Eigetimacht zur Volksgemeinschaft inne und sicher geworden ist. < Dann ist der Weg für einen____ jüdischen Shakespeare frei. Das ist nicht so niessianisch gemeint, wie es den Anschein hat. Denn wir werden uns ja mit einem ganz kleinen Shakespeare begnügen,.,. Jüdische Kunst In Frankreich. Unser Pariser ^-Berichterstatter schreibt: Eine komische Oper von Darius Milhaud ..Esther de Carpentras", die der Komponist vor etwa zehn Jahren verfaßt hat, wurde kürzlich von einem französischen Provinzsender zum erstenmal im Radio aufgeführt. Der Stoff der Oper ist der jüdisch-französischen Volkslegende entnommen und schildert das Leben der mittelalterlichen Juden und ihre Auseinandersetzungen mit der katholischen Geistlichkeit, deren Oberlierr, der Papst, damals In Avignon regierte. Die Musik zeigt Milhaud im Vollbesitz seiner musikalischen Mittel. Die Oper fand in dem Ensemble des Senders von Rennes würdige Interpreten. — In Paris fand in diesen Tagen der große Salon der Jndepcndants statt, an dem sich nicht weniger als 71 jüdische Künstler beteiligten. Unter den jüdischen Ausstellern sind u. a. die Werke von Paul-Emlle" Pissaro, des Sohnes 4es großen französisch-jüdischen Impressionisten, und seines Bruders Ludovic-Rodo hervorzuheben. Der letztere läßt zur Zeit einen kompletten Katalog der Werke seines Vaters erscheinen. Die Enkelin Max Nordaus, Suzanne Catati, ist mit einigen Landschaften vertreten. Bernard Smol schildert in verschiedenen Studien das jüdische Leben des Ghettos von Mellah. ManC-Katz bringt Juden aus Palästina. Von anderen jüdischen Malern sind Dreyfus-Stern, Jane Levy, David Olere, Luc Mirtil usw. zu nennen, unter den Plastikern Serge Zelikson und Helene Gnvronsky. — Auch an der Ausstellung von 25 weiblichen Malern, die in der Galerie Bonaparte " vereinigt sind, sind eine Anzahl jüdischer Künstlerinnen beteiligt. Diese Ausstellung wurde von der Unterstaafssekretärin Brunschwig eröffnet. Unter den jüdischen Ausstellern sind die Palästina» landschaften von Edith Auerbach hervorzuheben. Olga Sakaroff stellt sehr charakteristische Porträts aus. Von Mika Mikottn werden einige farbige Skulpturen ausgestellt. lieh etwas langweilig aus wie eine kleine, dumme, farblose Angestellte. Ich brockte sie in einem Zelt unter, das gerade frei war, während ich für Schleusner eine zufällig freie Veranda fand. Schleusner verlor nicht einmal den guten Humor. Er nahm alles mit Humor, den ganzen Kibbuz. In den alten Steinhäusern war noch kein elektrisches Lieht gelegt? Er sollte beim Schimmer einer Petroleumlampe schlafen gehen? Das freute ihn. Er suchte ja romantisch spartanische Momente, mit denen er zu Hause in Tel-Awiw prahlen konnte. Beim Essen im Chadar Ochel stellte sich etwas Sonderbares heraus. Das neue Kapital in Palästina und sein klassischer Repräsentant Schleusner waren durch keinerlei Traditionen belastet, es waren Goldgräber, Barbaren amerikanischer Prägung, die beim Essen dieselbe brutale Gier entwickelten wie an der Börse. Sie hatten ständig die Augen auf den Tellern der anderen, waren aufgeregt, verglichen, stellten laufe, deutschsprachige Fragen, sprangen auf, liefen herum, besorgten neue Portionen, besseres Brot, heißeres Wasser, nahmen von anderen Tischen die volle Mostrichbüchse fort, ohne sie nach Benutzung wieder zurückzustellen. Alte Tel-Hamoner wagten nicht, sich so zu Hause zu fühlen, wie sich Schleusner im Chadar Ochel von Tel Hamon zu Hause fühlte. Dabei hielten sie mär dauernd Vortrage, ebenfalls laut und deutschsprachig: Ich soll nicht blöde sein, ich soll mir nehmen, wenn man gibt, muß man nehmen, ich bekomme ja sowieso kein Geld für meine Arbeit, und so weiter. Die Alten, die alle deutsch konnten und jedes Wort verstanden, sahen ernst auf mich und meine Gaste. Ich atmete auf, als ich endlich das Chadar Ochel verlassen konnte. Es ist dunkel, der Onkel geht schlafen. Nur Dora will noch ein wenig spazieren gehen. Sie erkundigt sich gründlich Ober mein Verhältnis zu Hanni, über die lledeutung der Tatsache, daß ich mit Hunni zusammenwohnc. Sie bleibt an einer bestimmten Stelle des Sportplatzes stehen, weil sie Lichtzeichen bemerkt bat, die aus dem Fenster der Schule kommen. Ich erkläre ihr, es seien Uebungcn, die man von den Tabatim aus beantworte. Sie wendet sieh um, will die Antwort der Tabatim sehen. Richtig, von drüben wird zurückgefunkt, Irgend etwas überkommt sie plötzlieh, vielleicht ein Gefühl von der Andcrsnrligkeit unseres Lebens, weshalb sie zurücktritt, sich an mich schmiegt mit dem Rücken und sagt, immer noch die Antworlzcichen der Tabatim beobachtend: Wie gern würde ich hierbleiben und mit euch leben. Ich habe manchmal so genug von dem Leben in Tel-Awiw. Ich erschrecke, wegen dieser Berührung, aber ich wage nicht, mich zn wehren. Ich' habe plötzlich Mitleid mit ihr und streichele ihr das Haar, (Fortsetzung folgt)