Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 35 (4.5.1937)
- Date
- 1937-05-04
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 35, 4. V. 1937 JODISCHE RUNDSCHAU Seite 5 Das musikalische Das Ergebnis Der Reichsverband der Jüdischen Kulturbünde in Deutschland teilt mit: Am 28. April fand unter Vorsitz von Herrn Intendant Dr. Singer und in Anwesenheit von Herrn Justizrat Dr. Schlesinger und Herrn Justizrat Dr. Rosenberger eine abschließende Besprechung statt, in der die Preisträger ermittelt wurden: 12 Herren und Damen der Jury haben nach einem Punktsystem die preisgekrönten Werke ermittelt. Die Preisträger selbst wurden an Hand der Kennworte, mit denen die preisgekrönten Werke versehen waren, festgestellt: Gruppe 1, Feierliches Vorspiel: Werner Seclig- Baß, Berlin (35 Punkte); Gruppe 2, Chorwerk mit Orchesterbegleitung: Dr. Richard Fuchs, Karlsruhe (40 Punkte); Gruppe 4a, ä cappella-Chöre: Hugo Adler, Mannheim (35 Punkte); „Zur Aufführung empföhle n" wurden Werke von: Walter Hirschberg, Berlin, Julius Chajes, Wien, Dr. Max Kowalski, Frankfurt a. M., Dr. Erich Katz, Freiburg i. Br.; Es erhielten „Lobende Er vv ä Ii n u n g e n": Dr. Oskar Guttmann, Berlin, Arno Nadel, Berlin, Herbert Fromm, Bingen am Rhein, Julius Chajes, Wien. Der Reichsverband der Jüdischen Kulturbünde hat sich entschlossen, bei den „Zur Aufführung empfohlenen" Werken das Material auf eigene Kosten herstellen zu lassen und den ihm angeschlossenen Kulturbünden für Aufführungen zur Verfügung zu stellen. 'Auch die „lobend erwähnten" Werke sollen in Rundschreiben an jüdische Organisationen und Kulturbünde empfohlen werden. Ein Wort über die Preisträger Von Kurt Singer, Vorsitzender des Reiclisverbandes jüdischer Kulturbünde Das Preisaus Hh.eiben des Reichsverbandes der jüdischen Kulturbünde sollte einen praktischen mit einem ideellen Zweck verbinden. Wir wollten die jüdischen schaftenden Musiker anspornen zu Werken, die aus der jüdischen Gegenwart und ihren seelischen Bedingtheiten heraus geschaffen sind, und die gleichzeitig unsere Programme in den Kulturbünden künstlerisch bereichern. Das Massciangcbot von 122 eingereichten Werken machte für die Preisrichte;' die Arbeit zugleich schwer und leicht. Leicht deswegen, weil in einer solchen Vielfältigkeit das Beste nur gut genug sein durfte. Unter diesem Grundsatz mußten ohne weiteres nach Sichtung des Materials 60 Nummern als dilettantisch oder ungeeignet oder nicht den Zwecken des Preissusschrc:bens entsprechend abgelehnt we.dcn. Die übrigbleibenden Werke konnten nach zwei Gesichtspunkten hm gewertet werden. Entweder man studierte, las, spielte die Partituren im Hinblick auf den höchsten Maßstab, der- Uns musikalische Meisterwerke geben; dann konnte ein Preis überhaupt nicht verteilt werden. Oder man bildete, sich im_ Gedanken an bekannte Werke ein Urteil über hochwertige Gebrauchsmusik und verglich, bis zu welctltff Grenze die vorliegenden Werke einem Idealtypus dieser Ge- Icger.lteitsmusik entsprach, respektive bis zu welchem Grade ein eingereichtes Werk diesen Typ überbot oder unterbot. So war also ein Maßstab gegeben, und das Urteil mußte im besonders starken Maße relativ bleiben, je nach der Güte der Einsendungen. Wo viele Urteile sind, sind auch viele verschiedene Beurteilungen. Wir haben das reichlich erfahren und konnten, da eine Mindestpunktzahl für die Bewertung der Preise maßgebend war, einige Werke nicht rühmend hervorheben, wenn ein oder zwei Gutachter aus ihrer Gesamteinstellung zur Musik ein von anderen hoch bewertetes Werk ablehnten. Preisausschreiben Die Höchstzahl der erreichbaren Punkte (das hieß bei fünf Gutachtern 5 X 10 50) hat kein einziges Werk erhalten. Es war auch nicht zu erwarten, daß auf äußeren Anlaß hin gleich Genieblitze aus dem Himmel der jüdischen Musikwelt zündeten. Eine Einigkeit konnte aber doch bei den drei preisgekrönten Werken erzielt werden, von denen das eine 40, die beiden anderen 35 Punkte in der Bewertung durch je iiinf Preisrichter fanden. In die Beurteilung der Orchesterwerke teilten sich die Juroren P r ü w e r, Schildberer, Sinsheim er, Schwarz, Singer, nachdem die laupfarbeit der Sichtung h gewisscnha'tes'er Vorarbc't von Karl Wiener geleistet war. Das Urteil zie te gleichmäßig aut dasselbe feierliche Orchestervorspiel, dessen Verfasser in dem mit Kennwort versehenen B iefümschla'j se'nen Namen n cht verriet. Statt dessen war eine Telephonnummer angegeben fürther ßergbräu überall beliebt und ein Name, bei dem wir in dem Falle, daß ein Preis dem Werk zuteil würde, den Namen des Autors erfahren winden. Unsere Ucberraschnng war riesengroß, unsere Freude nicht geringer, als wir auf diesem Umweg erfuhren, daß es sich um unseren früheren Berliner Kulturbund-Kapellmeister, den bekannten Dirigenten und Pianisten Werner S e e 1 i g - B a ß handelte. Sein Orchestervorspiel hat das beste Format, ist glänzend instrumentiert, steigert ein der jüdischen Musik angelehntes Thema zu einem brillant ausladenden Fugato. Diesem Werk zunächst kam das sinfonische Vorspiel von Walter Hirschberg, dem seit Jahren in Berlin tätigen Musikkritiker und bekannten Liederkomponisten. Es ist ein Hymnus von besonders festlicher und einprägsamer Haltung, harmonisch interessiert, sicher gebaut. Wenn dieses Hirschbcrgsche Werk auch nicht preisgekrönt wurde, so werden wir es doch sicher bald in Konzerten Berlins und außerhalb zu hören bekommen. In die Jury für die Chorwerke mit Orchester teilten sich die Herren Jospe, Kopf, Sander, Winawer, Singer. Hier wurde die absolut höchste Punktzahl erreicht und einhellig der Preis zuerkannt einem Werke, das den Titel „Vom jüdischen Schicksal" trägt, und den Leiter des Karlsruher Kulturbundes, Dr. ing. Richard Fuchs zum Verfasser hat. Fuchs ist in den letzten Jahren scwohi mit aparten Liedern wie mit Kammermusik an die Öffentlichkeit getreten und hat zwei Sinfonien für großes Orchester geschrieben. Dieses Chorwerk auf Texte von Wolfskehl und Süßkind von Trimberg ist ein heroisches Werk von Wucht und Kraft, zuweilen ins Monumentale vorstoßend, ein Werk zudem, das Form und Gehalt in eine stilistische Einheit bannt. Zur Autführung empfohlen wurde ein Werk, das den Wiener Komponisten Julius Chajes zum Verfasser hat. Dieses Werk hätte wahrscheinlich auch einen Preis erhalten, wen'- die genau formulierten Bedingungen über die Dauer des Werkes innegehalten worden wären. Zweifellos werden sich auch nach diesem Werk die Chordirigenten reißen, denn es zeigt eindrucksvollen" und prägnante«! «Chorsatz, Sicherheit der Arbeit und Schönheit zugleich. Das .Gleiche gilt von einem Busgezeichneten Chorwerk Oskar Outtmairns. Wir brauchen Oskar Guttmann nicht erst vorzustellen. Das vorliegende Werk ist groß angelegt, eindrucksvoll, sehr ebenmäßig in der stilistischen Halfung, von ernster, tiefer Stimmung. Merkwürdig schwach sind die Chorwerke für die Jugendbünde gewesen. Um so erfreulicher ist es, daß die Mehrzahl der Stimmen auf ein Werk des seit Jahrzehnten um die jüdische Musik hochverdienten Arno Nadel gefallen ist. Seine Chorstücke zeigen den einfallsreichen und geschickten, zugleich dem besonderen Zweck gerecht werdenden jüdischen Künstler. Auch hier werden Aufführungen zeigen, daß das Urteil gerecht ist. Aus der Masse der Liederzyklen ragt Max Kowalskis Liederreihe hervor; es zeigt die Vorzüge des bekannten Komponisten von Pierrot Lunaire in neuer Beleuchtung. Dicht daneben steht der Liederzyklus von Herbert Fromm, der. wir in den letzten drei Jahren vielfach auf dem Pro- Pramm unserer Liedersänger und -Sängerinnen gesehen haben, ür diese Liederzyklen sind die Damen Anneliese Landau und Paula S a 1 o m o n, sowie die Herren L e v i n g e r und S i ngcr Gutachter gewesen. Für Einzcllicder konnten weder Preise it.cikannt noch lobende Erwägungen ausgesprochen werden. Dagegen traf die Chorjury ziemlich einhellig das Urteil über die a cappella-Chöre von II ugo Adler, dessen „Balak und Bilam" erst vor wenigen Monaten in Stuttgart mit großem Erfolg geführt wurde (hebräische Texte). Daneben konnten ittr Aufführung empfohlen werden die Chöre von Erich Kstz und lobend erwähnt werden die Chöre von Julius Chajes. Man darf der Jury danken für ihre Arbeit, die tatsächlich einige der , prominentesten jüdischen Komponisten Deutschlands mit Lob, Anerkennung und Preis versehen hat, ohne von etwas anderem als von dem Bild der Partitur eine Ahnurg zu haben. Ich glaube, daß auch die preisgekrönten, zur Aufführung empfohlenen und lobend erwähnten mit der Beurteilung zufrieden und vielleicht auch ein wenig stolz sein können. Alle drei Sparten der Beurteilung stoßen dicht aneinander, und in jedem Falle ist der Beweis für hohe Qualität in der Arbeit der genannten Komponisten gewährleistet. Denen, die nicht genannt sind unter den laut gerühmten, soll im ganzen für ihre Mitarbeit gedankt werden. Es ist unter den abgelehnten Werken eins, das zweifellos belobt worden wäre, wenn es nicht vor einiger Zeit bereits aufgeführt worden wäre; es sind mindestens vier Werke (ein Orchester-Vorspiel, ein Chorwerk mit Orchester und zwei a cappella-Chorwerke), die in idealer Konkurrenz mit einigen der schließlich siegenden Werke gestände;] haben, und die \iellcicht nur dem Zufall einer speziellen Punktbewertung zum Opfer gefallen sind. Wir werden dafür sorgen, daß auch diese Werke, deren Autoren wir aus Tnkt;iumien in diesem Augenblick nicht nennen können, in Berlin oder auswärts zur Autführung gelangen. Zusammenfassend hat uns cl.is Preisausschreiben des Rtichsverbandes gelehrt, daß wir genügend viele und reiche Begabungen unter den jüdischen Komponisten haben, die imstande sind, allmählich unsere konzertanten Programme mit einem neuen Atem zu erfüllen. Wir werden im nächsten. Jahre das Preisausschreiben erneuern und auf die Kammermusik- Literatur ausdehnen. Zum Tode von Geheimrat Dr. Oskar Rosenthal. Am 27. April starb der weit über die Grenzen seiner Vaterstadt Berlin und Deutschlands bekannte und bedeutende Dermatologe Oskar Rosenthal im t>5. Lebensjahre. Mitten in bester Gesundheit und in seltener körperlicher und geistiger Frische entriß ihn ein sanfter Tod seiner Familie und seinen zahlreichen Schülern, denen er ein gütiger Lehrer und ein väterlicher Freund gewesen ist. Gcheimrat Rosenthal hat die „Berliner Dermatologische t Gesellschaft" mitbegründet, ist viele Jahre ihr erster Vorsitzeuder gewesen, der die Sitzungen, dank seiner hervorragenden Rednergabe, seiner Sprachkenntnisse und seines großen Wissens in vorbildlicher Weise geleitet und durch seine Beiträge befruchtet hat. Die an dieser Stelle geleistete Arbeit fand Anerkennung durch die Ernennung zum „Ehrenpräsidenten auf Lebenszeit", die keinem anderen vor ihm und nach ihm zuteil geworden ist. Rosenthal gehörte ferner zu den Mitbegründern der „Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten". Sein schon vorher international bekannter Name als Dermatologe bekam besondere Bedeutung durch seine mühevolle Arbeit als Generalsekretär des 5. internationalen Dermatologen-Kongresses in Berlin im Jahre 1904, der durch seine Organisation und Mitarbeit einen besonders glanzvollen Verlauf nahm. Rosenthal war stets ein aufrechter Jude, ein gütiger Mensch und ein hervorragender Arzt. Unzählige wissenschaftliche Arbeiten zeugen von seiner nie erlahmenden Arbeitskraft und seiner Freude am ärztlichen Beruf. Oskar Rosenthal wii^l von seiner großen Klientel, sdinen zahlreichen Schülern und all denen, die das Glück hatten, mit ihm in nähere Berührung zu kommen, nicht vergessen werden. Dr. Georg Seegall f Nachdruck verboten D(rT<iUgu UIDOII7 ziuiUtrTätl: nlDDV*i 18. Fortsetzung Als Delikt stellte er Vernachlässigung des Hebräischen fest, den Gebrauch des Deutschen innerhalb und außerhalb des Hauses. Als Strafe beantragte er die Entziehung oder Ilinnusschiebung der Chawerschaft bis zum Zeitpunkt eines gewissen Maßes von hebräischer Sprachkundigkeit. Die Rede enthielt Pathos und sittlichen Ernst, zeigte den großen Ikwi in großer Form. Ich selbst wußte nicht, wie ich mich stellen sollte. Ich fühlte mich verbunden mit Ikwi, durch den Pardess (Orangengarten), durch die Art, in der er mich bevorzugte und oftmals an mich herantrat. Einmal, als ich vom der Arbeit kam, stand er neben dem Pferdestall, hielt ein Pferd an der Trünke, dabei lächelte er so demonstrativ zu mir herüber, daß ich zu ihm hinging und ihn, meinerseits, lächelnd, fragte, warum er sich über mich belustige. Da benutzte er ein hebräisches Wort, das ich erst nicht verstand und später mit fremder Hilfe übersetzte: Er erquicke sich an mir. Ich war damals braun und sehnig geworden wie er und hatte ein festes Gesicht bekommen. Auch unten im Pardess sagt mir neulich ein Traktorist, es ist derselbe, der damals mit Bar Koach die Auseinandersetzung hatte: Ich soll bei dem Mischpat (Gericht) als Zeuge gegen die aus Deutschland Gekommenen auftreten. Aber plötzlich waren andere Gefühle da bei mir, gegen lkwi, gegen dieses ganze Mischpat. Freilich hatten wir di« Aufgabe zu lernen, und nicht alle unterzogen sich dieser Aufgabe mit Bereitwilligkeit. Aber war es denn leicht zu lernen, herunterzusteigen von der geistigen Auffassung, die materielle zu finden, sich zu verbinden mit der Materie? Denn das war das Lernen, alles Lernen verlief so, von oben nach unten, von dem Allgemeinen zum Besonderen, von dem Geistigen zum Materiellen. Aber wie soll man die Materie lieben, wenn eine ganze Welt sie haßt? Ich persönlich war zufällig in der persönlichen Lage, daß ich die Welt und ihre Wertung nicht achtete, ich hatte auf gerade einfache Weise mit meinem Gehirn entdecken können, daß das materielle Tel Hamon wichtiger war als das Geistige. Meine positive Stellung zu Tel Hamon war ein Zufall, wenn T*l Hamon Interesse daran hatte, bei anderen diese positive Stellung zu wecken, dann mußte es die idealistisch vernebelten W'irrköpfc überrumpeln durch Liebe, das war der notwendige Bcstcchungsakt, mit dem die Neuen verleitet werden konnten, die Wirklichkeit zu sehen. Und nur im Zeichen dieser Ueberrumpelung gab es ein I^ernen. Das waren meine Gedanken. Man konnte normalerweise von keinem Menschen diese Gehirnübung verlangen, daß er sich zu seinen Tyrannen und Schulmeistern positiv stellte, nur, weil sie ihm mit ihrem besonderen Charakter die Richtigkeit seiner materiellen Auffassungen bestätigten. Das Leben war keine Frage von Auffassungen, es war eine Frage von Realitäten. Ich zufällig, weil ich ein Intellektueller war, hatte fast ohne Materie die materielle Lösung gefunden. Das konnte man von niemandem verlangen. So kam es, daß ich bei diesen Mischpatim, die sich eine Weile hinzogen, nicht als Zeuge aufgestellt wurde. Ich erinnere mich, wie ich beim Verlassen des Chndar Ochels (Speisesaals) zu Bahlew sagte: Es wird aus dem Ganzen nichts herauskommen, und wie Bahlew antwortete: So ist doch wenigstens herausgekommen, daß du mal eine Asscfa Klalit (allgemeine Versammlung) besucht hast. Nachher sprach mich Ikwi an, unten im Dunkeln, er sagte, er hätte mich gesucht, er hätte mich als seinen Zeugen aufstellen wollen. Dabei legte er mir brüderlich den Arm um die Schulter, der Fünfzigjährige dem Fünfundzwanzigjährigen, ich habe ihn immer geliebt, diesen großen, unbornierten, unverschlossenen Ikwi, Er war enttäuscht, als ich' anfing, ihm meine Gedanken auseinanderzusetzen, so wie Bahlew enttäuscht war, daß ich diese ganze Veranstaltung nicht herrlich gefunden hatte. Ich wußte, es war nötig, sich zu wandeln, zu lernen. Aber genau so wußte ich, daß es für diesen Ucbergang nur eine fruchtbare Atmosphäre gab: Nicht die Atmosphäre von Gerichtssitzungen, sondern die Atmosphäre von täglich entgegengebrachter Liebe. Damals schrieb ich den Aufsatz, den Bar Urjan von mir wollte. Bar Urjan übersetzte ihn ins Hebräische, der Aufsatz erschien. Nach einer Einleitung, in der ich mich bemühte, die Atmosphäre des Nachkriegsdeutschland darzustellen, kennzeichnete ich im Ilauptteil die Lage des Chaluz aus Deutsehland. Dieser Hauptteil lautete zusammen mit dem Schluß des Aufsatzes folgendermaßen: Wir fuhren nicht nach Palästina, weil wir Zionisten waren,' wir gingen nicht in den Kibbuz, weil wir Chaluzim waren, sondern die Ereignisse trieben und stießen uns mächtig, wir waren bewußtlose Gegenstände des zionistischen und kibbuzischen Transportwesens, als wir erwachten, befanden wir uns schon auf palästinensischem Boden. Wir sollten plötzlich, Kinder einer Epoche wissenschaftlichen und kritischen Historismus, desillusionicrt durch die Seelenanalyse Freuds, an die letzten Worte des einarmigen Generals Trumpeldor glauben, es. sei gut, für das Vaterland zu sterben? Wir sollten plötzlich Respekt bekommen vor den großen steinernen Denkmalern, die sich eine heroische Kolonisationsepoche gesetzt hatte und bei denen doch durch Fensler und Türen Wasser eindrang, wenn der palästinensische Winter in vollem Gange war? Wir hatten immer gesagt, daß Subventionspolitik demoralisiert, aber die Subventionspolitik des Nationalfonds sollten wir plötzlich bejahen, obgleich dieses Institut nicht einmal wi« andere Fiskussc von gcstalfcltcr Steuererhebung lebte, sondern von gelegentlichen Spenden? Kannten wir nicht die Lehre vom Wert der Arbeitskraft? Und jetzt sollten wir plötzlich aus Liebe zur Arbeit arbeiten, aus Liebe zu dem nebelhaften Ivef-riff des jüdischen Volkes3 Und wer wird die .Judenfrage lösen'.-' Wir dreihunderttausend Juden auf der Striclibalauce, die man Besiedlung Palästinas nennt? Und was wird mit den Arabern sein? Wir haben gelernt zu fragen, wir sind aufgewachsen im Zeichen der Frage. Andere AHjoth (Einwandcrerwellen) mußten nicht überzeugt werden. Uns muß man überzeugen. Andere AHjoth kamen mit Glauben. Wir kommen mit Zweifel. Aber es gibt eine Sache, die uns wandeln kann, und diese Sache suchen wir, sie allein wird uns mit Palästina verbinden: Liebe, aber vorläufig nur die, die man uns entgegenbringt. Denn so entwaffnest du den Zweifler: mit Liebe. Und der Zweifler ist liebenswerter als der stumpf Gläubige: Wegen des größeren Unsichtbaren zerstört er das kleinere Sichtbare, wegen der Zukunft rüttelt er an der Gegenwart, weil er sich dem Yorwärtstrciben verpflichtet fühlt, deshalb kämpft er gegen das Besiehende. Aber im tiefsten Winkel seiner Seele schwebt ihm ein großes positives Bild vor von Männern, die im Sturm Flöße binden und zusammen einer neuen Welt entgegenfahren. Das war der Aufsatz. Die meisten Leute wußten nicht, woher das rote Tuch stammte, das ihnen vor den Augen flatterte, sie wußten nicht, daß sie es selbst hielten, sowie der Reiter in jener Filmkomödic seinem Esel ein Bündel Heu vor die Nase hielt, um ihn zu heftigerem Lauf zu veranlassen. Sie veranlaßten sich selbst zu heftigerem Lauf, zu heftigerer Kritik, durch die geistige Auffassung von den Dingen, mit der sie nicht fertig wurden und die sie sich doch immer wieder vor die Nase hielten. Bei uns in Tel Hamon, in unserem besonderen Fall, war der Hauptpunkt dieser Kritik der Vatik (alter Siedler), der nicht dem Bild entsprach, das unsere Phantasie sicli von ihm entworfen hatte. Aber darüber konnte man noch nicht so offen reden, geschweige denn schreiben. So hatte ich allgemeinere Punkte allgemeinerer Palästinareisenden aufgestellt, es war eine Parodie auf die Kritik, die Sarah Kinski zum Beispiel an Palästina übte und die nichts zu tun hatt« mit meiner eigenen Stellung. Daß man mit Liebe Sarah Kinski nach und nach für Palästina gewinnen konnte, das habe ich erst später erfahren. Ich selbst war bereits gewonnen, zum Teil durch die Liebe der andern, zum Teil durch meinen eigenen Verstand. Der Aufsatz war eigentlich mehr eine Stilübung als ein subjektiver Ausbruch. (Fortsetzung folgt)