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Jüdische Rundschau · 1937-05-04 · Heft 35 (4.5.1937) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 35 (4.5.1937)
Date
1937-05-04
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JODISCHE RUNDSCHAU Nr. 35, 4. V. 1937 „Auszug aus Palästina" Von unserem gl.-Korrespondenten Der Sommer hat noch nicht recht im Lande eingesetzt — wir hatten bis jet/r erst einen ,,Chait)Sin", der »einen Namen verdiente, es ist noch angenehm kühl im Lande, aber das Gespräch des Tages unter Reichen und auch unter den Massen ist die k u in m e n d e Som merrcis e. Nach letzten Schätzungen ist damit /u rechnen, daß in den nächsten Monaten zehntausend Juden aus Palästina die Fahrt nacli Europa antreten werden, um wieder einmal andere Luft zu atmen. Wir haben in jedem Jahre in den heißen Monaten die große Abwanderung nach Westen, die bei Eintritt der kühleren Zeit wieder zurückflutet. Alle zwei Jahre wird die Flut besonders hoch, weil dann der ZionistenkongrcR Delegierte, Beamte und eine Menge von Zuschauern anzieht. In diesem Jahre beginnt dieser magische Zauber auch wieder zu virken, und er teilt seine Anziehungskraft mit der Weltausstellung in Paris, die viel Interessantes und billige Ucbcrfahrt verspricht. Es mag in dieser Saison noch mitspielen, daß man im vorigen Jahre relativ wenig ins Ausland gefahren ist. Die Unruhen hielten die Menschen in Palästina fest, jeder wollte lieber an Ort und Stelle sein, wenn nötig zur Verfügung stehen, als die Dinge über das Mittelmeer hinweg verfolgen. Und so hofft man, in diesem Jahre ..Versäumtes" nachzuholen. Es gibt seit etlichen Jahren im Lande einen Kampf gegen diesen jährlichen oder zweijährlichen Auszug aus Palästina. Briefe an die Redaktionen und Zeitungsartikel wettern geijen die>e Tendenz zu den Europafahrtcii. Man weist darauf hin, wieviel lield im Auslande ausgegeben wird, das man Palästina entzieht, und daß wir eher die Touristik in anderen Ländern als in unserem eigenen entwickeln. In diesem Jahre hat man in diesem Zusammenhang ein neues Schlagwort der „inneren Touristik" geprägt und will damit saiyen, da IS man sich heute, unter den viel komfortabler gewordenen Bedingungen, auch sehr gut in Palästina erholen kann, daß die "vielfältige Landschaft Möglichkeiten nun Genuli und zur Abwechslung bietet. Diese Argumentation verbindet sich mit der Propaganda für jüdische Inlandsprodukte und man versucht die „Auswanderer'^ zu bewegen, sich wenigstens hier völlig für die Reise auszustatten und nicht alles draußen zu kaufen. In dieser Kampagne steckt ohne Frage ein richtiger Kern. Es wird in diesen Sommerreisen sicher eine Masse Geld aus Palastina herausgezogen, ohne daß es auf anderem Wege wieder hineinkommt. Und die Hotels, die in den letzten zwei Jahren, wo die Touristik im Lande mager war, kein leichtes Leben gehabt haben, müssen versuchen, Palästinenser mehr als früher als Besucher heranzuziehen. Auch die Industrie und der Transport sind natürlich an der Konsumtion, die im Lande gehalten werden kann, interessiert. Jedoch zeigt die Erfahrung, daß diese Propaganda die Europafahrten kaum zu verringern imstande ist. Und das ist leicht zu \erstc!icn. Jedtn Palästinenser verbinden mannigfache Bande der i rctftillschaft und Verwandtschaft mit europäischen Zentren. Viele finden eine echte Erholung erst jenseits der Landesgrcii/vn, sei es aus klimatischen Gründen, sei es aus dem Gefühl heraus, daß sie sich nur so von der täglichen Umgehung, von täglichen Verpflichtungen und Verantwortungen befeirn können, was gerade in einem so kleinen Lande wie Palastina besonders wichtig ist. Und wieder andere brauchen zur Auffüllung ihrer Reservekräfte europäische Umgebungen und Möglichkeiten, wie sie in Palästina auch heute, nach der starken 'Entwicklung der letzten Jahre,' nicht bestehen. Und so wird 'wohl trotz der Kampagne für '„innere Touristik" sich auch diesen Sommer ein starker palästinensischer Strom nach Europa ergießen, und so mancher Palästinenser wird unerwartet auf den Straßen einer europäischen Hauptstadt einen anderen Palästinenser treffen und ihn fragen, wie es komme, daß auch er diesen Sommer nicht zu Hause geblieben ist ... _ Lady Reading spricht in London In einem Vortrag vor dem Anglo-Palestinian Club über die gegenwärtige läge in Palästina beschäftigte sich Lady P e a d i n 'g auch mit den Sicherhcitsverhaltnisscn. Die Polizei sei überanstrengt und überarbeitet, und die Geduld der jungen J-idcn gehe zu Ende. Angesichts des Versagens von Regierung und Militär sei es verständlieh, wenn der Gedanke an Selbsthilfe aufkommt. In der englischen Oeffentliclikn! vi anscheinend die Meinung verbreitet, daß man Palästina nach dem Bericht der Kgl. Kommission sich selbst überlassen solle. Dies dürfte jedoch nicht möglich sein. «^PolO-Stlllci cilE Palestlne at the Cross Roads: By Ernest Main. — Verlag: Allen and Unwin, London 7,6. In der letzten Zeit erscheinen in England viele Bücher über Palästina. Unter ihnen findet besondere Aufmerksamkeit (auch in der Presse) das Buch von Ernest Main, dem Korrespondenten des „Daily Telegraph", „Palestine at the Cross Roads" (Palästina am Scheidewege), da» mit großer Freimütigkeit die politischen Zusammenhänge aufdeckt. Main spricht aus eigener Erfahrung. Er hat jahrelang in Palästina und im Orient gelebt, mit einer großen Zahl von Menschen an Ort und Stelle gesprochen, auch von Arabern authentische Informationen erhalten und vermochte sich ein Urteil zu bilden. Er kommt zu einem Ergebnis, das die Feststellungen und Forderungen des Zionismus weitgehend bestätigt. Da dies der Fall ist, ffifilt sieh der Autor bemüßigt, sich in dem Vorwort als „unverdächtiger Zeuge" auszuweisen. Aus rein arischer Familie im nördlichen Schottland aufgewachsen, habe er bis zu seinem 18. oder IQ. Lebensjahr nicht gewußt, was ein Jude Ist. In diesem Vorwort schon bekennt er sich zu der Ansicht, daß die Juden in zehn Jahren mehr für Palästina getan haben ais die Araber in einem Jahrhundert. Das Palästina-Problem reiche weit über Palästina hinaus, und es mag sein, dafl lieh eine „logische" Lösung dafür nicht finden läßt. Lord Allenby, so stellt der Verfasser fest, war der erste und einzige führende Engländer, der Juden und Araber zusammenzubringen versuchte. Er war es, der die Begegnung zwischen Fcisal und Weizmann im Jahre 1918 zustandcbrachfe; damals wurde der merkwürdige Vertrag zwischen den beiden Vofksführern geschlossen, der erst im Vorjahre von Weizmann veröffentlicht worden ist. Seit jener Zeit jedoch scheint die britische Politik angenommen zu haben, daß Juden und Araber „sich so verhalten wie Oel und Wasser", und diese britische Auffassung sei verantwortlich für das, was in Palästina geschehen ist. Der Autor untersucht die Position der Juden und die der Araber. Die Araber erklären, sie brauchen 30 bis 40 Morgen Landes für eine Siedlerfamilie, die Juden aber haben zum Beispiel in der von Dr. Soskin geleiteten Kolonie N a h a r i a nördlich Haifa bewiesen, daß eine Familie mit l'ä Morgen auskommen kann. Die Argumente der Araber bezüglich der Aufnahmeunfähigkeit des Landes sind falsch; die Araber müssen ökonomisch von der jüdischen Einwanderung gewaltigen Nutzen haben, so wie sie ihn in der Vergangenheit auch schon hatten. Wenn es trotzdem zu den schweren Unruhen kam, so sind diese auf die Furcht der Araber vor einer künftigen jüdischen Herrs-.l-.aft zurückzuführen. Das interessanteste Kapitel des Buches ist jenes, das den britischen Interessen an Palästina gewidmet ist. Hier finden wir naheliegende Auslassungen über den Schutz des Suezkanals und die Uebernahme der strategischen Rolle Aegyptens für das Empire durch Polästina. Der Atitor meint, daß der britische Einfluß in den arabischen Ländern überall im Schwinden ist; dazu kommen die verwickelten weltpolitischen Verhältnisse, die die Aufmerksamkeit der Araber auf andere Mächte lenken. Die Araber wären niemals imstande, Palästina zu einem selbständigen Lande zu machen. Nichts könnte die Türkei oder Persien verhindern, in Irak einzumarschieren außer der Anwesenheit Englands; ebenso steht es mit Palästina, das im Falte» einer Räumung durer» die ■ Engländer sofort das Ziel anderer Mächte wurde. Palästina ist aber heute, wie der Autor ausführlich nachweist, unentbehrlich für England, und zwar nur ein starkes Palästina, nicht ein schwaches. Ein arabisches Palästina wäre aber sehr schwach. Aut der anderen Seite müsse England die Frage untersuchen, ob ein zionistischer Staat ein zuverlässiger Bundesgenosse im östlichen Mittelmeer wäre. Der Autor glaubt diese Frage bejahen zu können. Er sieht die Hauptaufgabe darin, die Araber zu einer Zusammenarbeit mit Juden zu bewegen. Diese Zusammenarbeit könnte gesichert werden, „wenn Englands Politik stärker, mutiger und weitsichtiger wäre". — Solange die Araber sowie viele andere Völker meinen, daß Großbritannien im Niedergang ist, werde keine Lösung möglich sein. Der Verfasser untersucht auch die Frage der Kantonisierung und kommt zu dem Ergebnis, daß die Argumente zugunsten einer solchen Lösung sehr stark sind, aber die Gegenargumente noch stärker. Die jüdischen Kantone wären unvergleichlich reicher als die arabischen, und England stünde vor der Aufgabe, die arabischen Kantone zu subventionieren, was die englische Oeffentlichkeit ablehnen würde. Auch den Vorschlag, Palästina in «ine Krönkolonie zu verwandeln, hält Main für undurchführbar; so- Scheidewege" lange England die Hauptstütze des Völkerbundes ist, könne es nicht ein Mandatsland einfach dem Empire einverleiben. Main gibt in seinem Buche eine Schilderung der Geschichte Palästinas, der ökonomischen Entwicklung und der politischen Standpunkte. Die zionistische Haltung wird dargestellt an der Hand der Acußerungen Dr. Weitmanns, wobei hauptsächlich die Kongreßrede weizmanns von 1931 (vor seinem Sturz) sowie Reden des Jahres 193n herangezogen werden und dann ausführlich Weizmanns Aussage vor der Peel-Kommission zitiert wird. Es kann kein Zweifel bestehen, daß der Verfasser des Buches der Darstellung Weizmanns die größte Sympathie entgegenbringt und seine Argumente für durchschlagend hält. Auch in vielen Einzelheiten kommt der Verfasser zu einer Verteidigung des jüdischen Standpunktes gegenüber manchen gerade in England sehr populären kritischen Einwänden, so z. B. in der Frage der jüdischen Arbeit in der jüdischen Wirtschaft. Es ist interessant, daß z.B. die „Times" in ihrer Besprechung gerade diesen Absatz des Buches sehr ausführlich wiedergegeben hat. Im ganzen großen glauben wir, daS dieses Buch sehr geeignet ist, dem durchschnittlichen englischen Leser ein Bild der Palästina-Probleme und der Eigenart der in Palästina wirkenden Faktoren zu geben. Eine solche Aufklärung ist aber gerade im jetzigen Augenblick überaus erwünscht, da nach dem Bericht der Peel-Kommission eine große öffentliche Auseinandersetzung über Palästina in England zu erwarten ist. r. Britische Reichsinteressen in Palästina Der britische Publizist Herbert S i d e b o t h a m, der seit Jahren ein aktives Interesse am Zionismus nimmt, hat der Peel-Kommission ein Memorandum „Britische Reichsintercssen an Palästina" überreicht. Dieses Memorandum liegt nunmehr auch im Druck vor. (Herausgegeben vom British Paieatine Committec, The Garden City Press Ltd., Letchworth, England). Sidebotham hat die gan^e Entwicklung des englischen Palästina-Interesses seit 1016 miterlebt und gibt eine Darstellung der Oedankengänge, die damals in den maßgebenden englischen Kreisen geherrscht haben. Er weist nach, daß 191b durchaus an die Errichtung eines jüdischen Staates gedacht wurde, denn die palästinensischen Araber wurden damals nicht als aktiver Faktor in Rechnung gestellt. Herbert Samuel sei ein zu formalistischer Liberaler gewesen und brachte einen anti-imperialistischen Oeist mit für eine Aufgabe, die im wesentlichen imperialistisch war. Von da an habe die englische Politik dauernd Irrtümer begangen. Während die Arbeit der Juden den Fortschritt förderte, habe »ich die englische Verwaltung als Protektor der rückständigen Elemente empfunden. Der Verfasser meint, daß die Freundschaft Englands für die Araber die Oefahr eines Krieges mit der Türkei heraufbeschwöre. Zum Schluß macht Sidebotham eine Reihe von praktischen Vorschlägen an die Kommission. Diese gipfeln darin, alle Beziehungen mit den jetzigen arabischen Führern abzubrechen und von der Regierung aus eine gemäßigte Arabische Partei zu bilden, die mit den luden zusammenarbeitet. — Das Memorandum von Sidebotham vertritt einen Standpunkt, der in der öffentlichen Meinung Englands verhältnismäßig wenige Anhänger hat und der bisherigen Linie der britischen Auffassungen in manchen Punkten scharf zuwiderläuft. Durch sein Memorandum wird der Kommission Gelegenheit gegeben, auch diesen Standpunkt kennenzulernen. - Museumskonzert in Tel-Awiw. Die Serie der Kammermusikabende im Museum Tel-Awiw wurde für diese Saison mit dem sechsten Quartettabend abgeschlossen, an dem Michael Taube (Klavier), Rudolf Bergmann (Geige), Harry Blumberg (Bratsche) und Jakob Bernstein (Cello) Mozart, Beethoven und ßrahms spielten. Die Museums Veranstaltungen, die durch die künstlerische Umgebung, die Intimität des Raumes und die hohe Qualität des Dargebotenen eine besondere Atmosphäre ausströmen, haben einen solchen Anklang gefunden, daß sie zu einem gesellschaftlichen Ereignis besonderer Prägung geworden sind. Der Andrang ist so groß, daß das letzte Konzert bei ausverkauftem Hause wiederholt werden mußte. Nach den beiden ersten Abenden (über die hier bereits berichtet wurde) spielten im Museum B-en-Arai (Frankenburger), Glikson-Herz und Prof. Son; Frau Boroschek sang Arien. Das 4. Konzert war eki Cembalo- Abend von Frank Pollak mit den Bläsern Marx, Marcus und Toeplitz. Dann folgte das G a I i m i r-Qu a rtett und zum Abschluß die oben erwähnte Veranstaltung. Der Tod im Kusse Von M. D i z e n g o f f Dieser am 12. Juli /'>'?<> erschienene Aufsalt des verewigten Bürgermeisters ro/i Til-Awiw wurde aus dem Hebräischen übersetzt von Dr. .11. Czcrtwhowski, Jerusalem, Ich wünsche, da.ll mein Tod im Kusse tintreten möge. Denn es steht geschrieben, daß ein jeder Jude sein kann, wie unser Lehrer Moses. Wenn er im Kuß Gottes verschied, warum sollte nicht auch ich danach streben, eines solchen Kusses zu sterben? Als ich ein Kind war, stellte ich mir die Sache sehr real und einfach vor: Ais Moses mit denen, die auszogen aus Aegypten, an den Berg Nebo herankam, stieg der Allmächtige in eigenster Person vom Himmel auf den Berg, rief Moses zu sich und küßte ihn. In diesem Augenblick verhauchte seine Seele. In einer späteren Epoche, als meine frommen Lehrer mich unterwiesen, daß Gott unkörperlich sei und auch kein körperliches Bild habe, stellte ich mir den Tod im Kusse in anderer Weise vor: Auf dem Gipfel des Berges Nebo, von dem aus man Jerusalem erschaut, das Tote Meer und das Jordanland, offenbarte sich Gott dem Moses und sprach zu ihm: Genug, mein Knecht Moses, Großes hast du vollbracht, du hast die Kinder Israels aus Aegypten herausgeführt, du führtest sie durch die Wüste, du gabst ihnen die Thora und brachtest sie an die Schwelle des auserwählten Landes, das ich versprochen hatte, ihnen und ihren Nachkommen als ewiges Erbe zu geben. Siehe das Land, das herrliche Land, das sich ausbreitet vor dir, schau dahin von diesem Berge, denn deine Aufgabe aut Erder, ist erfüllt. Och hinauf! Und so starb Moses, und niemand kennt den Ort seines Grabes bis auf den heutigen Tag. Das war ein Tod im Kusse, denn Gott nahm ihn zu sich. Es gibt in dieser Hinsicht gar manchen Tod, den man „Tod im Kusse" nennen kann. So die letzten Augenblicke im Leben des verewigten Rabbi Kuk, und die Art seines Todes. Als er in den letzten Zügen lag und sich seinem Ende näherte, versammelten sich um sein Bett alle seine Rabbinerfreunde, mid sie beteten gemeinsam, indem sie ohne aufzuhören das höchste Bekenntnis jedes gläubigen Juden sprachen: „Höre, Israel, der Ewige, unser Gott, der Ewige ist Einzig!" Der dahinscheidende Rabbi antwortete mit schwiclier Stimme, bis seine Seele entschwand. Das war ein Tod im Kusse, denn Rabbi Kuk starb ruhigen Geistes in vollster Zufriedenheit, wie einer, der alle seine Aufgaben auf Erden erfüllt hat. Und im letzten Augenblick drückte er mit einem einzigen Wort seinen ganzen Lebenszweck aus. An diesem Beispiel kann man sagen: Ein Gerechter wird in seinem Glauben leben, und in seinem Glauben wird er sterben. Und ebenso erzählte mir meine selige Mutter über den Tod ihres Vaters, der Rabbiner in einem kleinen Städtchen Rußlands war, der auch den Tod im Kusse empfing. Als sein letzter Tag herangekommen war — er starb mit 95 Jahren —, bat er seine Angehörigen, ihn zu waschen, dann hüllte er sich in seinen Gebetmantel und begann, das Bekenntnis zu sprechen und das Sündengebet. Danach schloß er seine Augen und betete im Flüstertöne weiter bis zum Mittag. Plötzlich raffte er sich auf, blickte auf seine Angehörigen und die Vornehmen der Stadt, die sein Bett umstanden, und sprach: „Ich bitte euch alle um Verzeihung, wenn ich euch gekränkt haben sollte, und ich vergebe allen, die vielleicht die Thora angetastet haben. Und du sollst sinnen darüber bei Tag und bei Nacht — Ich glaube mit vollster Ueberzettgung , und bei diesen Worten verhauchte seine Seele. Ein solcher Tod ist nicht erzwungen, „denn nicht durch Zwang sollst du sterben, sondern aus freiem Willen". Der Ueoergang aus einem Zustand in den anderen, von einer Welt in die andere — und einen solchen Tod nenne ich den „Tod im Kusse". Und wenn ich an meinen Tod denke, so erregt dieser Gedanke nicht mein Inneres, kein Gefühl des Kummers, von Schmerz oder Trauer, denn dieser ganze Prozeß des Ablegens einer Form im Leben und das Anlegen einer anderen, ist natürlich und normal. Herangekommen ist die Stunde für alle Abrechnungen mit meinem Leben und Schaffen auf Erden, und so stehe ich an der Schwelle einer neuen Epoche und einer neuen Welt, die mir unbegreiflich ist, weil jenseits unseres Erkennen«. Die Aufgaben, die ich erfüllte in den Tagen meines Erdendaseins, geben mir volle seelische Befriedigung, denn nicht umsonst vergeudete ich meine Tage. Mein Schaffen in der Oeffentlichkeit geschah zugunsten meiner Bruder, der Söhne meines Volkes, und zum Besten unseres geliebten Landes. Ich stelle mir meinen letzten Tag so vor: Hinter meiner Bahre gehen alle Kinder von Tel-Awiw, diese lieblichen Engel und Cherubim, die ich mein Leben!a*i^ so liebte. In Reih und Glied, hoch erhobenen Hauptes, setzen die Kinder ihre Reihen hinter meinem Sarge fort. Und ich höre den Mund dieser Kinder flüstern, all riefen sie: „Verlasse uns nicht, lieber Großvater, wir lieben dich «o sehr." Hinter den Kindern schreitet in voller Kraft die Jugend, der unbeschränkte Möglichkeiten offenstehen zum Werke der Befreiung und Erlösung, die stets in ihren Träumen und ihrem idealen Streben lebt. Stets habe ich mich als ein Oefährte dieses Jugendgeschlechts betrachtet, denn stets war zwischen uns die Nähe des Geistes und der Seele. Wen« man mich nach meinem Alter fragte, sagte ich: „Ich weiß nicht genau die Zahl der Jahre, die an mir vorüberzogen, doch fühle ich mich fähig zu allen Torheiten und tollen Einfällen, besonders, wenn uns dies zum Endziel bringt." Diese Jugend wird unseren Platz erben auf der Böhne der öffentlichen Arbeit, sie wird kämpfen unseren Kampf, der sie führen wird zur Verwirklichung unsere« nationalen Strebens. Daher soll es mich nicht wundern, wenn sie mich geleitet zu meiner letzten Ruhe, und ich mich in meinem Grabe freue, daß auch jenseits des Erkennens die Bindung bestehen bleibt zwischen mir und allen tapferen Vorkämpfern. Dann kommt die große Gemeinde der Frauen, die teilnehmen an meinem Begräbnis: Dies sind die Mütter, die uns das Jugendgeschlecht gebaren und die wachen auf der Kette der Tradition von Vätern auf Söhne. Diese Mütter übertragen mit ihrer Muttermilch und ihren Wiegenliedern, die sie ihren Säuglingen singen, das ganze adlige und erhabene Out. das sie ererbten von ihren Müttern, auf dafi gewahrt bleibt der Schatz der Nation in Treue, im Hoffen und im Wollen zur Wiederbelebung und Fortführung unserer Geschichte. Und fernerhin: rings um den Trauerzug — Menschenmengen. Männer, Frauen und Kinder, aus allen Schichten und allen Kreisen, die geleiten zu seiner letzten Ruhestätte den Majnn, den sie 50 Jahre lang gewöhnt waren zu sehen als Arbeiter und Wirker an verschiedenen Kampffronten in der Bewegung mr Erlösung und Besiedlung des Landes. Und wenn man meinen Körper in das Kalte, feuchte Grab hinabsenkt, und meinen Sarg bedeckt mit den Schichten Sandes — scheint es mir, daß mitten aus dem großen Schauspiel meines Leichenzuges Lichtstrahlen hervorbrechen und hineindringen in die Erdschollen über mir, um mir den neuen Weg zu erleuchten, den ich gehen muß, und um mir zu sa'""\ d-q l-b ":"'<t starb durch ein Mull, sondern im Kuß. (Schluß des PaW-fnafefls)

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