Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 35 (4.5.1937)
- Date
- 1937-05-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JODISCHE RUND SCHAL Nr. 35, 4. V. 1937 Das Genfer Forum Maßnahmen sein kann und damit jene Atmosphäre schifft, in der die Entwicklung des Jüdischen Nationalheims vonstatten gehen kann. Wenn dies nicht geschieht, müssen wir damit rechnen, daß die Initiative vollständig in andere Hände übergeht. Dies ist es, was dse jüdische öffentliche Meinung angesichts der noch bevorstehenden Ereignisse bedenken muß. lieber die Eindrücke an Ort und Stelle bringen wir nachstehend noch einen Bericht unseres palästinensischen Korrespondenten. Die Sitzung des Aktions-Comites Von unserem palästinensischen Korrespondenten gl., Tel-Awiw, 27. April 1937 Die Sitzung des Aktions-Comites in Jerusalem hatte sich als Vorläufer des 20. Zionistenkongresses, mit den aktuellen, brennenden Fragen der Politik, die mit dem erwarteten Peel- Bericht zusammenhängen, /u befassen. Beratungen dieser Art werden seit einiger Zeit in geschlossenem Rahmen abgehalten, das heißt, es nehmen die Delegierten und ihre Stellvertreter teil und außerdem eine beschrankte Anzahl von Mitgliedern der Bewegung, die offiziell keinen Sitz im Aktions- Comite haben, aber dennoch als Zuhörer selbstverständlich «ind, wie Leiter bestimmter Institutionen und einzelne Pressevertrete In dem Ausschluß der Oeffentlichkeit liegt bei diesen Beratungen ein Vorteil. Denn es wird damit vermieden, daß die Redner sich rem auf die Propaganda einstellen, als „Reden zum Fenster hinaus" halten. Die sehr heikle Situation im Lande verlangt ja außerdem gerade heute äußerste Vorgeht und Zunickhaltung, Andererseits hat sich als Folge der „geschlossenen Sitzungen" eine gewisse Distanz mischen Führern und Geführten eingestellt, die Gefahren mit sich bringt. Der Mann aus dem Publikum ist zur Beurteilung der Situation und des Verlaufs der Verhandlungen völlig auf die offiziell redigierten Pressekommuniqucs angewiesen und kann sich nur schwer darüber orientieren, wie der Verlauf der Verhandlungen ausgesehen hat und wie 'die verwickelten Fäden des Für und Wider in des Diskussion laufen. Hei einer Bewegung wie der zionistischen jedoch, die völlig auf die freiwillige Unterstützung ihrer Mitglieder angewiesen ist, liegt bei dieser Abschlieüung eine Gefahr der Abschniirung der Masse von grundlegenden Informationen, Es verlautet, daß nicht alle Mitglieder des Comrtes für den Ausschluß der Oeffentlichkeit waren. So hat anscheinend Ussischkin, sein Präsident, dagegen Front gemacht, jedoch der Exekutive gegenüber seine Meinung nicht durchsetzen können. * Ussischkin beschloß darauf, den Ausschluß der Oeffentlichkeit in schärfster Form durchzuführen — man erhalt den Eindruck, daß er das Prinzip der „geschlossenen Sitzung" ad absurdum fuhren wollte — und so sahen sich diese«! Mal auch alte Besucher der Aktions-Comitd- Sitzungen vor den verschlossenen Türen des Verhandlungssaales. Die Beschlüsse, die einstimmig angenommen wurden, bringen in keinem Punkte etwas Neues — verlangen Durchführung des Mandats, der Balfour-Deklaration, Erleichterung der Ansjcdlung von Juden in Palästina und wenden sich ebenso gegen eventuelle Beschränkung der Einwanderung und des Bodenkaufs wie auch gegen die gerüchtweise übermittelten Pläne der Teilung oder Kantonisierung. Eine Wiederholung des Beschlusses, mit den Arabern „ohne zu herrschen und ohne beherrscht zu werden" zusammenzuleben, vervollständigt das Bild. Eine derartige Beschlußfassung ist uninteressant, weil sie an eine neuartige Situation mit alten Mitteln und Formeln herangeht, und sie ist interessant, weil sie die erste offizielle Aeußerung jüdischer Instanzen nach dem Durchsickern der Teilungspläne darstellt. Es hat sich freilich im Laufe der Debatten gezeigt, daß eine grundlegende Stellungnahme schon deswegen unmöglich ist, weil die nötigen Unterlagen fehlen. Man arbeitet durchweg heute noch mit Annahmen und Mutmaßungen. Politische Vorschläge wie die der Teilung oder Kantonisierung sind jedoch keine Sache fler rein prinzipiellen Einstellung, wo man auf Grund von Ideologien ja oder nein sagt, sondern sie müssen nach ihrer praktischen Brauchbarkeit beurteilt werden. Diese ledoch hangt zu hohem Grade von den Details der Peel- Vorschläge ab, und diese sind unbekannt oder nur in unsicheren Umrissen vorhanden. Die Jerusalemer Diskussion wird also nach Erscheinen des Berichtes von neuem sowohl in engeren Körperschaften wie in der Oeffentlichkeit geführt werden müssen, und damit ist die Jerusalemer Sitzung zu einer Art von Auftakt für die politische Auseinandersetzung geworden. Judentum und christliches Abendland Von unserem Berichterstatter J. R., Wien, 2. Mai Wie bereits berichtet, veranstaltet das unter der Patronanz des Wiener Erzbischofs Kardinal Innitzcr stehende österreichische Missionswerk „P a u 1 u s - W e r k" eine auf vier Abende vorgesehene Vortragsreihe katholischer Gelehrter über die Juden frage. Der erste Abend dieser Reihe fand im überfüllten Musikvereinssaal statt. Der Redner des Abends, der katholische Historiker Universitätsprofessor Dr. Dietrich Hildebrand, behandelte in einer religionsgeschichtlichen Analyse das Thema „Juden und das christliche A b e"n d 1 and". Das christliche Abendland, diese letzte Kultureinheit unserer Epoche, führte der Vortragende aus, gründe sich in dein gleichen Maße auf das Christentum, wie sich diese auf das Judentum gründe, denn die christlich-abendländische Kultur sei ohne Israel undenkbar. Di« Juden seien eine ganz besonders auserwählte Gottesgemeinschaft. Die Tatsache müsse auch von den Christen zur Kenntnis genommen werden, daß in der Mitte der heidnischen Völker des Altertums Gott sein Licht zu allererst über Israel leuchten ließ und daß das Aite Testament von diesem Lichte ganz erfüllt sei. Wahrend und zu einer Zeit, da die anderen Völker m .noch religiöser Finsternis lebten, hatte nur Israel eine wahrhaft heilige Geschichte. Wie ein roter Faden durchziehen Glaube und Messias-Gedanke die Geschichte dieses religiösen Volkes par excellenee. Selbst dort, wo zeitgebundene, nationale Züge sichtbar werden, sei die Beziehung des Juden zur „metaphysischen Situation" stets gewahrt, das Bewußtsein, vor Gott zu stehen, ihm Rechenschaft zu geben, von ihm geprüft zu sein, stets lebendig zu spüren. Israel sei aber für das Christentum auch deshalb von höchster Bedeutung, weil es das einzige Volk, darstelle, in dem sich Gott der Menschheit offenbart hat; und es sei daher auch einleuchtend, daß der Erlöser der Welt gerade aus diesem Volk emporwachsen konnte. Wenn er gekreuzigt wurde, so müsse gesagt werden: ein jedes andere Volk hatte einen Messias von dieser Größe ebenfalls gekreuzigt. Zum Schluß seiner Analyse weist Professor Hiidebrand darauf hin, daß es schon einen eigenen Sinn habe, wenn das englische Volk lange Zeit hindurch sich als die nach England ausgewanderten „Stämme Israel" betrachtete. Palästina - Tagung der Mandatskommission wieder vertagt y. Genf, 30. April Die außerordentliche Tagung der Mandatskommission zur Prüfung des Berichtes der Mandatarmacht über Palästina, die am 31. Mai eröffnet werden sollte, wurde wieder vertagt und ihre Arbeiten werden, im besten Fall, erst Ende Juli beginnen. Die außerordentliche Tagung der Mandatskommission wird demnach zeitlich mit dem für den 3. August einberufenen XX. ZionistenkongreB zusammenfallen. Seit dem Ausbruch der arabischen Terroraktion ist schon über ein Jahr verstrichen. Im Juni 1936, anläßlich ihrer ordentlichen Frühjahrstagung, sollte die Mandatskommission den ihr vorliegenden normalen Jahresbericht der Mandatarmacht in Palästina für 1035 prüfen. Sechs Wochen vor Beginn jener Tagung — am 19. April 1936 — sind die arabischen Unruhen ausgebrochen. Der zur Juni-Tagung gekommene Vertreter der Maudatarmacht antwortete auf alle ihn bestürmenden Fragen der Mitglieder der Mandatskommission durch den Hinweis auf die damals bereits beschlossene Entsendung einer Königlichen Kommission nach Palästina. Weder über die Unruhen des Jahres 1936, die noch voll andauerten, noch über irgendein im Jahresbericht für 1935 berührtes politisches Problem des Palästinamandates kotinte und wollte der Vertreter der Mandatarmacht der Mandatskommission etwas Aufschlußreiches sagen. Die britische Regierung, so wiederholte er immer wieder, sei nicht in der Lage, der Kommission irgendwelche Aufklarungen zu geben, bevor sie nicht selbst die Lage auf Grund des Berichtes der zu entsendenden Königlichen Kommission geprüft haben wird. Die Mandatskommission teilte keineswegs die Auffassung, daß die Entsendung einer Königlichen Kommission die Vertagung jeder Prüfung der Ereignisse seitens des hierzu berufenen Völkerbundorganes nach sich ziehen muß, aber die Mandatarmacht ließ sich nicht erweichen, und die Mandatskommission mußte schließlich alle ihre Versuche aufgeben, auch nur die elementarsten Aufklärungen, sei es über die Unruhen des Jahres 1936, sei es über irgendein im Jahresbericht 1935 berührtes politisches Problem, zu erhalten, und schloß ergebnislos ihre mühsamen Auseinandersetzungen mit dem Vertreter der Mandatarmacht für Palästina. In ihrem Bericht an den Völker- Statistik und Judenfrage in Ungarn Von unserem Berichterstatter Budapest, 2. Mai Unter der Uebcrschrift „Reden wir über die Zahlen!" kommt „Pester Lloyd" nochmals auf die Rede des Ministerpräsidenten zurück, die „keine vagen Oefühisergüsse, sondern endlich konkrete Behauptungen enthielt, die man nachprüfen kann". Redakteur G. Keczkemeti knüpft an den jüngsten Leitartikel des „Uj Magyarsag" an, der die Rede Darä'nyis folgendermaßen kommentierte: Die statistischen Ausweise erteilen seit 1S67 genauen Aufschluß darüber, was in der Zunahme der jüdischen Bevölkerung der eine und was der andere Faktor — nämlich natürlicher Zuwachs und Einwanderung bedeutet hat. Aus diesen Angaben geht hervor, daß, wenn wir früher das Selbstbewußtsein, die Fähigkeit und Kraft besessen hätten, die Grenzen zu schließen, wir heute mit einem zumindest um 30—40 °'o weniger zahlreichen Judentum rechnen müßten. Dieser Satz ist klar, er enthält eine klare Behauptung: daß der große Zuwachs der jüdischen Bevölkerung seit 1867 der Einwanderung zuzuschreiben ist. Die Statistik zeigt dagegen, daß diese Art der Vermehrung eben nur bis 1870 gedauert hat. Vom Anfang des 18. Jahrhunderts bis 1870 wanderten in Ungarn tatsächlich viele Juden aus Ost und West ein: Der Einwanderungsüberschuß macht in anderthalb Jahrhunderten insgesamt 180 000 Seelen aus. (Wir nehmen die Statistikangaben aus dem Werke Dr. Alois Kov,ics über den „Raumgewinn der Juden in Ungarn", das als statistisches Kompendium des Antisemitismus gelten katin.) Dr. Koväcs analysiert die jüdische Bevölkerungsbewegung der vier Jahrzehnte, die zwischen Ausgleich und Weltkrieg verflossen sind (1870—1910) und schreibt wörtlich In allen vier Jahrzehnten ist der tatsächliche Zuwachs der Juden geringer, als er kraft des Geburtenüberschusses erreichen sollte, was so viel bedeutet, daß während dieser Zeit mehr Juden aus Ungarn ausals in das Land eingewandert sind. Dieser Wanderungsausfall beträgt nach Oberst de la Rocque zur Judenfrage Paris, 28. April. (JTA.) Ueber die Stellung der Französischen Sozialpartei zur Judenfrage hat ihr Führer, Oberst de la Rocque, eine Erklärung abgegeben. De la Rocque behauptet einerseits, daß seine Partei nicht antisemitisch sei, hält jedoch andererseits jüdische Einwanderimg nach Frankreich für eine „Einwanderung von Parasiten", die bekämpft werden müsse. Von der Politik des Ministerpräsidenten Blum sagt de la Rocque, daß sie in Frankreich Antisemitismus hervorrufe und anderen Parteien den Anreiz biete, die Judenfrage aufzurollen. Der Führer der Sozialpartei kündigt weiter an, daß er einen Kampf gegen diejenigen in Frankreich lebenden Juden aufnehmen werde, die zwar französische Bürger sind, sich aber nicht vollständig assimiliert haben und sich von der französischen nationalen Gemeinschaft fernhalten. Aus zwei Gründen, sagt Oberst de la Rocque in seiner Erklärung, sind wir nicht Antisemiten: einmal, weil unsere Partei alle Bekenntnisse respektiert und dann auch, weil es in Frankreich keine Rassenfrage geben kann, da die französische Nation eine Rassenmischung darstellt. Es wäre sinnlos, gegen einen Franzosen wegen seiner Abstammung oder Religion feindlich eingestellt zu sein, besonders, wenn er am Krieg teilgenommen hat. Das einzige Kriterium für uns ist Assimilation mit uneingeschränkter Annahme aller französischen Sitten und Gewohnheiten, Gefühle und Gedanken. Alle diejenigen, die zwar französische Pässe besitzen, aber sich unserer Nation gegenüber wie Fremde verhalten, betrachten wir als Ausländer. (Wir haben auf de la Rocque's Stellung zur Judenfrage bereits in Nr. 27 anläßlich der Besprechung seines Buches „Staatsdienst am Volk" hingewiesen. — Red.) _ Der jüdische Friedhof im rumänischen Kurort S f n a i a am Predeal-Paß in den Transsylvanischen Alpen ist von Jugendlichen des vormilitärischen Urbungsdienstes gestürmt und geschändet worden. Zahlreiche Grabdenkmäler wurden zerstört. bundsrat stellte sie diesen Sachverhalt dar und gab der Hoffnung Ausdruck, daß „die Mandatarmacht die Kommission, nach Wiederherstellung des Friedens im Lande, spätestens anläßlich der Herbsttagung, über die Unruhen des Jahres 1936 und ihre unmittelbaren Ursachen wird informieren wollen, und das ohne Rücksicht darauf, ob sie bis zu diesem Zeitpunkt ihre kiinftigc Politik in Palästina auf Grund des Berichtes der Königlichen Kommission schon festgesetzt haoen wird oder nicht." Trotz dieser ziemlich energischen Aufforderung erhielt die Mandatskommission für ihre Herbsttagung, sechs Monate später, keinen Bericht der palästinensischen Mandatarmacht. Bevor sie am 27. Oktober 1036 zu ihrer Herbsttagung zusammentrat, wurde sie bloß verständigt, daß die Unruhen erst Anfang Oktober beendet waren und daß die Königliche Kommission ihre Arbeiten kaum beginnen konnte. Die Mandatskommission mußte diese Verständigung zur Kenntnis nehmen. Nach einer längeren Debatte beschloß sie damals, die Einberufung einer außerordentlichen Palästinat a g u n g, deren Eröffnung „nicht später als in der ersten Woche des Monats April" erfolgen sollte. Mehrere Mitglieder der Mandatskommission wiesen in der Debatte mit Bitterkeit darauf hin, daß im April 1937 ein ganzes Jahr seit dem Ausbruch der Unruhen in Palästina verstrichen sein wird, ohne daß die Mandatskommission und mit ihr der Rat des Völkerbundes auch nur den bescheidensten offiziellen Bericht der Mandatarmacht über diese Ereignisse erhalten hätten. Aber schon auf der Ratstagung Ende Januar 1937 erklärte Herr Eden, daß seine Regierung nicht in der Lage sein wird, ihren Palästinabericht an dem von der Mandatskommission gewünschten Termin vorzulegen. Als ein der britischen Regierung endgültig entsprechendes Datum schlug Herr Eden damals den 31. Mai 1937 vor. Sein Vorschlag wurde natürlich von der Mandatskommission und vom Völkerbundsrat angenommen. Die außerordentliche Tagung sollte demnach unmittelbar vor der — auf den 14. Juni festgesetzten — ordentlichen Frühjahrstagung stattfinden. Nun kommt es aber doch zu einer vierten Vertagung, die hoffentlich die letzte sein wird. Am 31. Mai wird die Mandatskommission ihre ordentliche Tagung eröffnen. Palästina wird hierbei nicht zur Sprache kommen. In der neuesten Zuschrift der englischen Regierung wird mitgeteilt, daß bei'der Sitzung Ende Juli der Kolonienminister Ormsby-Gore persönlich als Vertreter der Mandatarmacht teilnehmen wird. dem hervorragenden Statistiker mehr als 100000 Seelen. Die froße jüdische Einwanderungswelle fällt in die vierziger ahre des 19. Jahrhunderts. Die Nachkommen jener Eingewanderten können heute mit Recht als Alteingesessene gelten. Die Jahre des Liberalismus brachten kein Einwanderungsplus mehr; im Gegenteil. Dagegen hatte das ungarische Judentum damals einen bedeutenden natürlichen Zuwachs. Nach dem Kriege hat dieser Zuwachs aufgehört: Die absolute wie die relative Seelenzahl der jüdischen Bevölkerung geht rapid zurück. Die absolute Verminderung betrug im Jahrzehnt 1920—1930 6,1 <>o. Jetzt machen die Juden etwa 5 o.'o der Gesamtbevölkerung Ungarns aus; in den Jahren 1932—1934 bewegte sich aber die Verhältniszahl jüdischer Kinder unter den Neugeborenen um 2,4—2,5 <>o. Es ist leicht zu ersehen, daß sich hieraus ein noch rapideres Sinken der jüdischen Bevölkerungszahl in nächster Zukunft errechnen läßt. Die Mitglieder des sogenannten „Sturmwinkels" der parlamentarischen Einheitspartei hielten dieser Tage in Bieske eine Volksversammlung ab, bei der Reichstagsabgeordneter Dr. Joset Vdgväry die Juden aufforderte, sie mögen unter Führung eines jüdischen Abgeordneten bis auf einen Rest von 50 000 aus dem Lande ausziehen. Der Begründer des bekannten Ernst-Museums, der Sammler und Kenner ungarischer Kunstschätze, Ludwig Ernst, ist vor einigen Wochen verschwunden und wurde als Leiche aus der Donau gezogen. Ein Teil seiner Sammlungen wurde dem Nationafmuseum als Leihgabe zugeteilt, ein anderer dem Theatermuseum der Korn. Oper, die Selbstbildnisse ungarischer Künstler sind im Museum der bildenden Künste ausgestellt. In Abany-Szäntö, einer Stadt in Oberungarn, wird dieser Tage das Zentenarium des Ablebens R. Elcasar L ö w s, des „Schemen R o k e a c h" unter großer Anteilnahme aus dem In- und Auslande gefeiert. Rebbi Low war eine anerkannte Talmudkapazität, die seinerzeit auch im Hamburger Tempelstreit zur Stellungnahme aufgefordert wurde. Dr. A. F. Der anti-jüdische Boykott in Polen Warschau, 29. April. (JTA.) Beim Handelsminister erschien eine Abordnung jüdischer und nichtjüdischer Vertreter der Bekleidungsindustrie und des Großhandels und übergab ihm eine Denkschrift, in der die schädlichen Auswirkungen des Boykotts gegen die jüdischen Klein- und Einzelhändler auf die Oesamtwirtschaft dargelegt werden. Die jüdischen Händler in den Provinzstädten können den Fabrikanten und Großkaufleuten nur noch sehr kleine Warenmengen abnehmen, andererseits sind die neuen Unternehmungen, die errichtet wurden, um die jüdischen Kleinkaufleute zu verdrängen, wirtschaftlich den an sie gestellten Anforderungen nicht gewachsen. Durch diese Verhältnisse ist der Engros-Handel in eine kritische Lage gebracht worden. Die Abordnung verlangte, daß der Handelsminister Maßnahmen gegen den Boykott treffe. Auch die Vertreter großer Unternehmungen des Gold- und Silberschmiedegewerbes sind vom Handelsniinister empfanfen worden. Auch sie überreichten ihm eine Denkschrift, in er auf die nachteiligen Folgen des neuen Gesetzes hingewiesen wird, durch das es Angehörigen eines bestimmten Bekenntnisses verboten wird, Kultgegenstände für den Bedarf eines anderen Bekenntnisses herzustellen. Während einerseits den Juden verboten worden ist, Gegenstände der christlichreligiösen Andenkenindustrie zu erzeugen, dürfen andererseits christliche Silberschmiede nicht mehr jüdisch-religiöse Kultgeräte, wie Thoraschmuck u. dg!., herstellen. Zahlreiche Unternehmungen seien dadurch schwer geschädigt worden und hätten Arbeiterentlassungen vornehmen müssen. Hauptschriüleiter: Dr. Robert VV c 11 s c h, Berlin - Chatlottcnburg 9 (auch verantwortlich für die Aufnahme von Bildern). Stellvertreter: Kurt Loewenstein, Berlin W 15. Anieigenleiter und verantwortlich für den Inhalt der Anicigen: Hermann Fi na Berlin W 15. Gültig Anicigen Preisliste 5 vom 1. April 1936. Verlag und Anseigenverwaltung! Jüdische Rundschau, Berlin \Y 15, Meineke Jtr. 10. D.A. 1/1937 33 816. — Druck: Siegfried Scholem, Berlin-Schnnrbcre.