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Jüdische Rundschau · 1937-04-13 · Heft 29 (13.4.1937) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 29 (13.4.1937)
Date
1937-04-13
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 JODISCHE RUNDSCHAU Nr. 29, 13, IV. 1937 Das Heueste U* VM&e Unter dem Vorsitz des Lord Mayor von London hat ein Ausschuß der Londoner Stadtvertretung darüber beraten, wir es nach dem Inkrafttreten der neuen Sonntagsruhebestimmungen jüdischen Kauf!euten im East End ermöglicht werden könnte, ihre Geschäfte unter der Voraussetzung, daß diese am Sonnabend geschlossen bleiben, am Sonntag bis 2 Uhr mittags offen zu halten. Der Stadtrat ist ermächtigt, Ausnahmen von den Bestimmungen des Sonntagsruhegeseues zuzugestehen. Der Generalyotivcrneur von Algerien, Le Beau, empfing eine Abordnung des von der algerischen Judenheit eingesetzten Exekutivkomitees für soziale Studien, und gab bekannt, daß ein (.leset/ vorbereitet werde, durch das Meinungsäußerungen gegenüber religiösen Ueberzeugungen und Anschauungen und gegen die nitre und Freiheit des Individuums verboten werden sollen. Der Gouverneur sprach die Hoffnung aus, dal! die Diffamierung von Juden in einem Teil der algerischen Presse aufhötan werde, sobald der neue Entwurf Gesetz geworden sein wird. Im Alter von 75 Jahren ist in London die Witwe des vor 20 Jahren veisto! benen f inanzmaune:; Leopold de Rothschild gestorben. Sie war die Tochter von Archill Perugia und stammte aus! l iest. Im Jahre KsSI heiratete sie Leopold von Rothschild, den (Iriu.-n Sohn des Barons Lionel und Bruder des eisten Lord Rothschild und von Alfred von Rothschild. Die Schwester der Verstorbenen, Luise, heiratete im Jahre 1S73 Arthur Sawmn. Sie hinterläßt zwei Söhne, Lionel und Anfhonv von Rothschild. Als Nachfolger des vor kurzem verstorbenen Vorsitzenden der Prager Jüdischen Kuliusgemeinde, Dr. iMaximilian Reiner, ist mit den Stimmen der Vertreter sämtlicher Dr. Lu-il Kafka /um Vorsitzenden der Geilt worden. aifiihrcr Dr. VX'olfgang von W e i s 1 ist Parteien Adv rneinde gew; Der Revisi» schwer erkrankt. VX'ie wir / h a r d t i; R c i heiß Aufi I-'ritz Mch diesi ia; a ur a N.i Auf ungaa 'tiir r ]. won bricht lern lat jst der tan ehe des Int wor den. /um Oben land wurde lip Fr a n k, Jahre all ist Deutschland dt tatigt. itungsin eklungen entnehmen, bereitet Max der kur/iieli fur \\ erfels „Weg der Verla', n Maiih'ittaii-' >;n-r in New York die Schasiy-.-;!s „ä hiaalor Her/ I" mit e vor. Angesichts der letzten Amerika verläßt, ist freilich (aiareß für Rechtsphilosophie G i o r g i o d e 1 V e c c h i o, aersitat Rom, /um Präsidenten für Rechtsphilosophie gewählt m der Ti! ■ eeh Rei nii /veiieüru: •r! llo'l!' .•lehrlo l'iof sehe (ii ger Rektor ik-r tionalen Inslitu Hol Pia 20 deteri Ressorts Nordain Ned. Isr. Seminar, der i < iieugeii ige Do/eilt I >er Heile ( dierrahbiner, sieb Kol; erst allem in der Jugendarbeit und kommU-ion, die die Juden aus eben naher bringen soll, be- Zur Geschichte dos Judonrechts in Deutschland. Diesem Thema ist das Apialluit 1!M7 der Zeitschrift „Deutsche Rechtswissenschaft" gewidmet. Professor Herbert Meyer, Göttingen, veröffentlicht eine Abhandlung „Das jüdische Hehlern-', ht", l-'rof. Rudolf Ruth, Frankfurt a. M., schreibt über ,,Wucher und Wucherrecht der Juden im Mittelalter". Weiter enthalt ila> Heft Abhandlungen von Prof. Gunther Franz, Jena, iiber „Der Jude im katholischen Kirchenrecht" und von Dr. Hans-Kurt C 1 a u ß t n, Kiel, „Der Judeneid". Zum Schlüsse weist Heinz-Dieter Köhler auf das Ruch des Instituts /um Studium der Judenfrage „Die Juden in Deutschland'' und die Schriftenreihe „Das Judentum in der Rechlswissenschaft" hin. Der Palästina Pavillon auf der Pariser Weltausstellung. Unser Pariser K.-Beiäel)fci>ta!ter schreibt uns: Der Bau des Palästinensische n 1' avillmis auf der Pariser Weltausstellung schreitet schnell fort, so daß er sicherlich am 1. Mai fertiggestellt sein wird. Der endgültige Name des Pavillons ward „Israel in Palästina" lauten. Die Eröffnung des Pavillons wird am *5. Mai stattfinden, und man nimmt an. daß Dr. W c i / in a n n au den Feierlichkeiten teilnehmen wird. Die innere Ausstattung des Pavillons hat die Direktion der I ..cvaiitcin ose übernommen, deren Direktor E v s e r o f t und Archite kt S a p o j n i k o f f bereits in Paris eingetroffen sind. Postschiasse nach Uebersee Vom 13. April bis 20. April Berlin; Postamt C 2j Frankfurt a. M.t Bahr.poitamt 19 oder Flughafen; München: Rahnpostmu 1 oder 2 (Flughafen); Hamburg: Postamt 1; Köln: Rahnpostamt 10. Die Sendungen müssen so eingeworfen werden, dati sie zu den angeführten Zeiten beim Postschluliamt vorliegen oder das Schiff mindestens im letzten europäischen Halen erreichen können. Palästina Tag: Postschluß In: Schill abi Ankunft! 13. Berlin 19.30 15. Brindisi 19. Jaffa 14. München 9.00 15. Brindisi 19. Jaffa 14. Berlin 19.30 mit der Balm 20. Haifa 15. München 9.00 mit der Bahn 20. Iii ifa 18. Berlin 19.30 mit der Bahn 21. Haifa 17. München 9.00 mir der Baiin 21. Haifa 17. Berlin 19.30 20. Piraus 23. Haifa 18. München 9.00 20. Pirnas 23. Haifa IB. Berlin 18.30 mit der Botin 23. 1F ifa 19. München 9.00 mit der Balm 23. Haifa Luftpost 14. Berlin 3.00 via Athen in ca. 2'.'* Tg. 10. Berlin ß.00 via Athen in ca. 2'i Tg. 17. Berlin 3.00 via Athen in ca. 2> i Tg. 17. Berlin 0.00 via Brindisi in ca. 3 Tagen 17. München 18.00 via Brindisi in ca. 3 Tagen 19. Berlin 6.00 via Athen in ca. 2'.4 Tg. Vereinigte Staaten von Amerika 15. Hamburg 6.00 15. Bremen („Deutschland'') 23. New York 15. Berlin a.oo 16. ChcrbourR („Dcutschl.") 23. New York 19. Hamburg 19.00 20. Bremen („Ftiropa") 26. New York 20, Bertin 8.00 21. Cherboiirj; (..lairoii.v') 26. X. \v \ olk 20. Hamburg 17.00 21, Homburg (..Wa-hmgton") 30. New York 21. Berlin 8.00 22. Lc Harre („Washingt.") 30. New York Südamerika 14. Berlin 18.00 16. Cherbourg („ Asturias") 29. 4. Rio 15. Frankfurt 8.00 16. Chcrhourg („Asturias") 3. 5. B. Aire« 20. Berlin 18.00 22. Genua (..Augustus") 4. 5. Rio 21. München 9.00 22. Genua („Augustus") 8. 5. B. Aires Luftpost 14. Berlin 21.00 17. 4. Riü 14. Frankfurt 24.00 18. 4. Ii, Airci 17. Berlin 13.30 via Paris 20. 4. Rio 17. Frankfurt 15.00 via Paris 21. 4. B. Aires Südafrika 14. Berlin 10.00 16, Sniithnmplon („Dunotar"] 3. 5. Kapstadt 14. Kuln 21.00 16. Southampton („Dunotar") 3. 5. Kapstadt 21. Berlin 17.00 23. Marseille (..G.Cesare") 8. 5. Kapstadt 21. Frankfurt 19.00 23. Marseille (,,G. Ccsare") 8. 5. Kapstadt Lullpost 16. Berlin 16. München 20. Berlin 20. München 9.30 11.30 9.30 11.30 via Brindisi via Brindisi via Brindisi via Brindisi ca. 8 Tage ca. 8 Tage ca. 8 Tage ca. 8 Tage Juden und Jüdisches im Rundfunk Dienstag, 13. Aprils Brüssel (484), 13.30: Riehard Tauber singt. — Reimes (238), 21.30: Ester de Carpcntras, Komische Oper, Musik von Darius Milhaucl. Mittwoch, 14. Aprlli Brüssel (322). 12: Kirlinrd Tauber singt. — Brünn 17.40: „Artisten", Hörspiel von Felix Langer. — Poste Paiisien (312), 19: F)ie Einheit der geistigen Kräfie Frarikreiclis, Vorträge von Pater Ferrand, Pastor Monnier, Rabbiner Kaplan. Donnerstag, 15. AprilI Brüssel (484), 12; Richard Tauber singt. — Luxemburg (1304), 13.25: Werke von Rubinstein. — Straßburg 21.30: Werke von AndreMSlorh unter Leitung des Komponisten. Freitag, 16. Aprlli Paris (1648), 12.45: Die Stimme Israels. Zu dem Bericht über die Festatifführung des „Konig Ocxlipus" in Tripolis (Nr. 26) ist nachzutragen, dafi die Tänze von Carla Strauß, Begründerin der Sctiola dell' arte di movimento in Mailand, einstudiert waren. Gouverneur Marschall Balbo ließ der Künstlerin sein Bild mit persönlicher Widmung überreichen. BRIEFE AN DIE REDAKTION Der angebliche Teilungsplan Berlin, den 9. April 1937 Sehr geehrte Redaktion! Der Teiiungsplan. der etwa3 voreilig und frühzeitig und überhaupt w-oli! nur gerüchteweise als Ergebnis der Unter suchung der „Royal Commi-.«ion" aufgetaucht ist, kann gewiß nicht als eine konstruktive Losung im Sinne des orthodoxen Zionismus betrachtet werden. Haben wir aber das moralische und historische Recht, ihn als bloßen ,,\*erz\\elilungsvoi* schlag" abzulehnen, falls er tatsächlich einmal der jüdischen Welt in dieser oder jener Fassung als giei bi e rc.ilpoüti.sche Möglichkeit oder sogar Notwendigkeit bekanntgegeben werden sollte? Hütten wir selbst dann das Reiht, diesen Plan in einem .solchen Fall eindeutig zu verdammen? -Muli nicht mit der KeaÜ-ierung dieses Gedankens, das heißt mit einer Zweiteilung Palästinas — einmal in eine englische doimaion - iihnliche autonome jüdische Einheit, und andererseits mit: dem Aufgehen des übrigen 'Fils Palästinas in eine arabische Einheit, die sogar der transjurd.mischen Oberhohl ii einverleibt werden könnte — geifi hnet werden? Und müßte denn d.cnit no' w eicü^enveiadie Verwi.k ivlrnng der zionistischen Idee zusaminenbreehen? Ich für meinen Teil glaube nicht an diese letzte negative Koiisei|Uenzl Im (legenteil, die Schwankungen der weltpolitischen Lage seit Abschluß des Weltkrieges haben insgesamt nicht dazu beigetragen, die jüdische Situation innerhalb und außerhalb Palästinas zu befestigen, oder auch nur zu klären. Zum ersten Male dürfte seit dein I. Baseler Kongreß durch die oben angedeutete Konzeption die zionistische Idee eine F o t in g e o u n g erfahren, die klargtzeichnete, konkrete Konturen aufweisen würde. Diese neuen Gegebenheiten würden zwar offensichtlich eine Einengung, aber auch eine Kondensicrung und Intensivierung des jüdischen Palästinas mit sieh bringen, gleichzeitig auch <dne Koii-ohf'hcrung der geisligen, .sozialen, wirtschaftlichen und poülisehen Kräfte ermöglichen, die seit Jahren so dringend not tut. Der bisiier vorherrschende, übciicisicte Fxpansionsdrang — der gewiß einer cigengesetzlichen Kräfteäutjerung der Juden in Palästina entspricht und gleichzeitig durch die fortschreitende Vciclendung weiter jüdischer Bcvölkcrungskieise in anderen Ländern verursacht wird —, schafft eine Ruhelosigkeit im Aufhau, damit auch nach jeder Richtung politische und ideologische Dissonanzen in der jüdisch-palästinensischen Umwelt, die den erforderlichen Ausgleich mit der arabischen Bevölkerung immer von neuem stört und selbst das jüdische Dasein und die fundamentale jüdische Lebensethik; suis äußerste gefährdet. Die jüdisch-arabische Harmo« nisiemug führt über die klare Parole einer jüdischen Cooperation mit dem Englischen Imperium. Erst wenn diese Etappe erreicht worden ist, wird wohl der Ucbetgang zu einem wirklich konstruktiven jüdisch-arabischen. Zusammenwirken gefunden wer. den können. Für diesen geistig und politisch produktiven Umweg dürfen auch die so bestimmenden und politisch bedeutsamen Namen wie die Gcrtrude Bell's, Lawrenee's und Philby's Bürgschaft leisten, die unter anderen die Kontinuität der englisch-arabischen Freundschaft auch in Zukunft mehr als symbolisch wahren werden. Vor 30 Jahren waren im übrigen sowohl Bevölkenmgsteile als auch zum Beispiel Manner, die heute noch führend in der Südafi ikani-chen Union wirken, Großbritanniens Erzfeinde. Heute .-ind sie bereits seit Jahren helfende, tragende' Stützen des Englischen, Imperiums. Beinahe bis nach dem Weltkrieg befehdeten sich in unnachgiebiger Weise — itn tiefsten Miß- und Nicbtvcrstehen — zwei so starke und eigenwillige Persönlichkeiten wie General Smiits und Mahatma Gandhi. Vor wenigen Jahren aber konnten sie sieh verstellend und im letzten ohrl'w cht «voll gegenseitig die Hände reichen. Wird damit nicht klar zum Ausdruck gebracht, daß men-chlicher Einsatz und menschliche Duldsamkeit eine trei!>ende Kraft jeder Wandlung einer wirklich sinnvollen historischen Entwicklung bleiben wird? So sollten die Bemühungen nicht vergebens sein, mit den Arabern, und nicht gegen sie, tatsächlich ein unabhängiges jüdisches Mandatsland innerhalb des Britischen Weltreichs heranzubilden und damit progressiv ohne politischen und bürokratischen Zeitverlust eine weitgehend unabhängige jüdische Repräsentation innerhalb eines gewandelten, neu geformten, universellen Völkerbundes zu sichern. Dann wird der Zionismus in F.tcz Israel und überall dort, wo fluten leben, beginnen, einen neuen, tiefgreifenden Einfluß zu gewinnen. Ein gewaltiger Ansatt wird sodann gemacht werden können, jüdisches Wollen und Werden — moralisch gleichberechrigt und planvoll — in Harmonie mit den Interessen aller Völker zu verteidigen, zu entwickeln und zu verkörpern in wahrhafter Verbundenheit mit der heiligen Tradition des Judentums der Prophetie. Ihr W i I £ r i d Israel N.'ulelniek wehrten Alie (auch U<-ljer,si-Uuni;ä-) Rechte vorbehaltet) £tnu> UoHian-kcLbigie ujh CHAZll/VX SCHWARZ Ä^itS (4IB8UZ Wir haben beide miibics um;elani.*en, abends kommt Ben Ezew verh gen zu mir and sagt: Ich habe Qualitätsarbeit geleistet, Faeliarbeit erslen Hanges, für die man in der Mosrhawah (pias aien Kolonie) ein Hund bezahlt. Ich schweige, wage nicht zu lächeln, denisia Wenn du dein Pfund verdient hast, dann kannst du j« nach Hause gehen. Das nennt Ben Ezew: Zigarette rauchen, wenn er Zigarette raucht. Er krönt die Sache noch, indem er stirnrunzelnd meine dreistündige Arbeit betrachtet, die Turinh (Iftu-ke) nimmt, eine Minute herumkratzt, dann ersl befriedigt sieb hinstellt und sagt: So geht es. Sarah Kinski hat einmal behauptet, Ben Ezew sei dumm. Dafür sagt er von ihr: .Solange sie nicht Chawcrah des Meschede (Wirtschaft) werden wolle, sei ihre Arbeit für ihn Luft. Es maü sein, dals ihre Arbeit für ihn Luft ist. Aber daß er dumm ist, das kommt mir jetzt manchmal schon zum Bewußtsein, trotz, der aufyeblnsencn, aristokratischen Form, in der er sieh das Aussehen eines Intellektuellen gibt. * Inzwischen fand die KÜirungsnssefa (Sitzung) mit Medinahi statt. Ich kam spät, das Y'ersummhingszimmer der Chawerim aus Deutschland war platzend voll, man stand an den Wänden, preßte sich bis zur Tür, die den ganzen Tag offen blich. Alles, was eine Holle spielte von den Alten, war erschienen: Medinahi, Kernehski, Bar L'rjun, Korroh, Kaz, Abb« und noch liele andere. Als ich mich der Tür näherte, redete gerade Wippkc: Noch stotternder, noch umständlicher, noch gegenstandsloser, noch länger als sonst. Die Asscfa fand in deutscher Sprache statt. Ich blieb draußen, konnte durch die geöffnete Tür alles hören, hatte Möglichkeit, im Korridor auf- und abzugehen und das Gehörte zu verarbeiten. Ich durchschaute sofort die Taktik, die Medinahi einschlug und die sein diplomatisches Talent bewies: Ohne ein Wort zu sagen, ohne zu antworten, ohne zu unterbrechen, nur die Notizen, die er machte, bewiesen, daß er kämpfte oder sich auf den Kampf vorbereitete, so ließ er bis etwa zwölf Uhr nachts die Chawerirn aus Deutschland reden. Und sie redeten alle, einer nach dem andern, mit sehr viel Förmlichkeit und etwas Angst. Im Gegensatz zu den sonstigen Sitten überschrie keiner den Andern, drängte man sich nicht zum Wort, fanden Pausen, statt zwischen den einzelnen Heden, so daß Medinalü jedesmal dachte, es sei Schluß, bis sich doch wieder einer durchrang und zum Wort meldete. Langsam, wie bei einem Glücksspieluutomaten, zog Medinahi das Reservckapital des Unbehagens aus der Chewrah (Gruppe) aus Deutschland heraus. Sogar Neue wagten sich zum Wort, die Gegenwart Medinohis schützte sie ja, auch Karlchen produzierte sich eine Viertelstunde. Einmal sprang Dr. Zacharias auf und schrie, daß es eine Unverschämtheit sei, zu derartig albernen Veranstaltungen die Maskirut (Leitung der Siedlung) einzuladen, dieses Geseiehe der Redner könne man in drei Sätzen inhaltlich zusammenfassen, statt dessen halte man Leute auf, die wichtigere Dinge zu tun hätten, als sich derartigen Unsinn anzuhören. Es gab Sturm, Medinahi stellte Ruhe her und erklärte, daß er es gerade so wünsche, jeder solle sich ehrlich aussprechen. Bei diesen Worten hatte ich das Gefühl, die Chawerirn aus Deutschland seien in eine Falle gegangen. Als Selzer sprach, spitzte alles die Ohren: Der intellektuelle Urheber der ganzen Panik redete. Er ging auch gleich von sich aus, erklärte, man hätte die Gründe falsch verstanden, deretwegen er den Kibbuz verlasse. Das sei ihm peinlich, das wolle er berichtigen. Er verlasse den Kibbuz, weil er der Meinung sei, daß Junge und Alte auf di« Dauer nicht zusammengehörten und daß die Jungen die Pflicht hätten, zu tun, was die Alten vor fünfzehn Jahren getan hatten: Gemeinsam an einen chaluzischen Punkt zu gehen und gemeinsam von unten mit dem Bau zu beginnen, etwa in Hule, dem neu erworbenen großen Sumpfgebiet. Es war zweifellos der beste Redner des Abends. Er charakterisierte mit Humor und verstecktem Angriff das Verhältnis zwischen Alten und Jungen, machte Witze, verursachte das erste Gelächter an diesem melancholischen Abend. Mit ihm schien das Repertoire der Redner erschöpft. Es war zwölf Uhr, Medinahi sah auf die Uhr, schien mit der großen, zusammenfassenden Antwortrede beginnen zu wollen. Da stehe ich plötzlich Im Türrahmen und schreie. Nachts habe ich verdachtige EmporkBrnmlingstraume, es ist eine zweite, stark nach außen drängende Natur in mir. Allzu lange habe ich mich vor der Außenwelt verkrochen, allzu lange habe ich meine wahren Gedanken zurückgehalten. Ich stehe im Türrahmen und schreie. Kerachski und Kaz springen auf, fürchten Gewalttätigkeit, verbotene Agitation. Alle Köpfe sind mir zugewandt, alle Augen treffen mich. Es sind vorbereitete Dinge, die ich sage, offen gestanden. Es sind nicht Gedankengange, sondern Gedankenresultate, wie auf einer Schnur aneinander gereiht. Ich warne vor Verherrlichung der Jugend, weil diese Verherrlichung bedeutet: Stehen bleiben. Ich sage, es gibt etwas Höheres als Forderungen, das ist die Unmöglichkeit, sie zu erfüllen. Die Welt und der Mensch, ganz weit hole ich aus, sind bestimmt durch das Zusammenwirken von Antrieb und Hemmung, nur Antrieb, nur Forderung, nur Emotion: Dieser unökonomische Heroismus wird sich nicht noch ein zweites Mal in Palästina austoben, auch nicht in Hule. Damals wußte ich noch nicht, daß die Entsumpfung Hules von einer englischen naturwissenschaftlichen Gesellschaft übernommen wurde, die sich modernster Maschinen bedient und zugleich Forschungen anstellt, über die gesamten biologischen Verhältnisse des Sumpfes. Meine Erregung teilt sich der Versammlung mit, Selzer schreit: Mit. deiner Hemmung kannst du nicht Palästina aufbauen. Und ich schreie sofort zurück, zeige ihm haßerfüllt die Zähne. Du wirst auch in Hule die Vatikim (alte Mitglieder) brauchen, auch in Hule die Hemmung. Wir wollen lernen, endete ich. Gebt uns Unterricht, Die Jugend muß überwunden werden. Natürlich hatte ich nicht sagen können: Schluß mit der geistigen Auffassung von der Chewrah, dazu war dieser Gedanke noch nicht genügend vorbereitet in den Gehirnen. Aber auch so, praktisch gesehen, bestand im Augenblick nach dieser Formulierung kein Bedarf, auch die in Panikstimmung Befindlichen sagten nicht: Wir werden mit der geistigen Auffassung nicht fertig, die geistige Auffassung ist unser Unglück, sondern sie sagten: Mangel an menschlicher Beziehung zu den Alten, daher Vernachlässigung und Zurückstellung materieller Wünsche wie Urlaub, Urlaubsgeld, Geld für die Unterstützung Verwandter und schließlich auch jener Anordnung an einem festen Arbeitsplatz. So geistig, verwirklichtes Ideal, hatten sie sich eben die Chewrah vorgestellt. Darauf mußte die materielle Aulfassung, ohne sich selbst beim Namen zu nennen, antworten: Forderungen stellen, verwirklichte Ideale fordern, das ist keine Kunst. Vielmehr kommt es darauf an, die Wirklichkeit zu verstehen und ihren nichtidealen, ihren materiellen Charakter. Kein Antrieb ohne Hemmung.

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