Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 29 (13.4.1937)
- Date
- 1937-04-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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' Kr. 13. IV. 193/ JÜDISCHE RUNDSCHAU Seife 5 „Verständigung und Freundschaft" Eine Kundgebung zur polnischen Judenfrage in London Die Judenfrage in Ungarn Von unserem Berichterstatter Budapest, 9, April Neben dem „Pester Lloyd", dessen „Judendisputation" wir besprachen, haben einige andere Budapester Tagesblättcr in ihren Ostcrnummern der Jtidenfrage Raum gewahrt. Redakteur Dr. Franz R a j n i s s, ein rechtsradikaler Reichstagsabgeordneter, befaßt sich in seinem „U i M a gy a r s ä g" mit der ungenügenden Anteilnahme des Judentums an der Gegenrevolution, Johann Makkai mit dem „Problem der 500", der diplomierten Jugend, die mit dem Geschäftssinn der Juden nicht Schritt halten durfte, Baron Julius von Wlassics, der jüngst verstorbene frühere Vorsitzende des Oberhauses und des höchsten Vcrwalbingsgerichtshofes, war bekanntlich fast zehn Jahre hindurch Kultusminister jenes „Großen Kabinettes", das 1805 die Rezeption der jüdischen Religion zum Oesetz erhob. Wlassics harte in seiner Jugend die jüdische Volksschule in Nagykanizsa besucht, und erwähnt öfter, der patriotisch ungarische Geist sei ihm in bester Erinnerung gebliehen. Als in seiner Zeit die Unifikationsbestrebungen einsetzten, die dahin zielten, die beiden Parteien des ungarischen Judentums unter einer Autonomie zu einigen, war er nicht dafür zu haben, auf die Orthodoxie einen „sanften Druck" auszuüben. Der Staatssekretär im Kultusministerium Dr. Andreas Nagy-Tasnädi besuchte dieser Tage die kulturellen und humanitären Anstalten der Pester Israelitischen Gemeinde und Chewrah Kadischa-Gymnasicn, Waisen- und Siechcrihäuser, Hospitäler, und äußerte über das Gesehene seine volle Zufriedenheit. Im Alter von 62 Jahren verstarb hier der Redakteur der jüdischen Wochenschrift „Z s i d ö El et", Dr. Wilhelm Kecskcmlti. Der Verstorbene war durch Jahrzehnte im Bereich der jüdischen Presse tätig. Dr. A. F. Die Hilfsbereitschaft der amerikanischen Judenheit Der Leiter der Sammlungen für den United Palestinc Appeal in New York, Harold Jaco b i, der in London an den Beratungen der Führer jüdischer Hilfsverbände teilgenommen hat, begab sich zu einer dreiwöchigen Studienreise aut den europäischen Kontinent, um dann zur Eröffnung des diesjährigen Campaigns nach Amerika zurückzukehren. Vor seiner Abreise erklärte er, die amerikanische Judenheit sei sieh jetzt mehr als jemals der jüdischen Situation in Ost- und Mitteleuropa bewußt und werde dies in diesem fahr durch stärkere Förderung der Hilfs- und wiede r a u f b a u a r b c i t in Palästina u n d i n d c n europäischen Ländern bekunden. Es sei zu erwarten, daß sowohl der United Palestinc Appeal als auch die Sammlungen des Joint Distribution Committee zu einem über das gesteckte Ziel hinausgehenden Erfolg führen werden. Harold Tacobi sprach die Hoffnung aus, daß innerhalb eines Jahres tn den Vereinigten Staaten eine Organisation derjenigen Nichtzionisten geschaffen werden wird, die für die Siedlungsarbcit in Palästina als Beitrag zur Lösung der Judcnfrage in Ost- und Mitteleuropa gewonnen werden können. Gemeindeleben in Holland Von unserem Berichterstatter R.L. Den Haag, 9. April In letzter Zeit ist eine erhebliche Belebung des j ü - dischen Gemcindelebens festzustellen. In Amsterdam ist man bemüht, durch die Arbeit der „Kontaktkonnmission" die Juden aus Deutschland für das Gemeindelcben zu interessieren. Im Haag werden vor allem auf Initiative des Oberrabbiners I. Maarsen in den verschiedenen Stadtbezirken Oemeindcabende organisiert, auf denen Vorträge und künstlerische Veranstaltungen dazu dienen sollen, das Band zwischen Gemeinde und Gemeindemitgliedern enger zu gestalten. Das Bemerkenswerte daran ist, daß hier zum ersten Male in Holland das Bedürfnis gefühlt wird, die Arbeit der Gemeinde auch über das rein Religiöse hinaus zu erstrecken und den jüdischen Aufgabenkreis auf eine breitere Basis zu stellen. Eine neue Synagoge wird im Südosten vom Haag, in den: viele Juden wohnen, gebaut und soll Ende dieses Jahres eingeweiht werden. Eine jüdische Konferenz in London befaßte sich, wie gemeldet wird, mit der Notlage der jüdischen Bevölkerung in Polen. Der ehemalige Ministerpräsident David Lloyd George hatte an die Konferenz eine Zustimmtmgskundgebung gerichtet, in der er auf die von Polen übernommenen internationalen Verpflichtungen hinweist. Am Schluß des Briefes heißt es: „Mit der großen Mehrheit meiner I nndsleutc, die den Judenhaß ablehnen, hege ich die Hoffnung, daß die polnischen Behörden unverzüglich Maßnahmen treffen werden, um ihren jüdischen Bürgern vollen Schutz und die ihnen durch die Friedensverträge garantierte Gleichberechtigung wiederzugeben." An die Konferenz haben auch mehrere Kirchenführer, unter ihnen der Erzhischof von York und der Bischof von Durham, Zustimmun^skundgebungen gerichtet. In der von dem Erzhischof von York, Dr. William Tcmple, an die Konferenz gerichteten Botschaft heißt es: „Mit wachsender Bestürzung habe ich wie viele andere die Ausbreitung einer judcnfeitidliehen Stimmung in manchen Teilen Europas und manche Andeutungen einer solchen sogar in unserem Lande verfolgt. Es wird stets mein Wunsch sein, Verständig u n g und F rcundschaft zwischen Christen und Juden in jeder möglichen Weise zu fördern." Der Bisehof von Durham, Dr. Hcnsley Henson, erklärt, er reihe sich in die Front derjenigen ein, die für die GLAS / PORZELLAN alfred schaeffer M.d.j.G, Berlin, Maunrslr. 68, an der leinziger Str. Gerechtigkeit eintreten. Er könne seinen Abscheu vor der Verfolgung der Juden in Polen nicht scharf genug zum Ausdruck bringen. Das Gewissen der Kulturmenschhcit müsse durch die Lage der Juden in Polen wachgerufen werden. Das Hauptreferat hielt Prof. Dr. Selig B r o d e t s k y. Fr betonte einleitend, daß es nicht der Zweck dieser Konferenz sei, einen Angriff gegen das Volk oder die Regierung Polens zu richten. Vielmehr ergehe ein Aufruf an das polnische Volk und die polnische Regierung, der neun Jahrhunderte währenden Bindungen zwischen dem jüdidischen und dem polnischen Volk eingedenk zu sein. Diese Verbindung sei oftmals mit dem von Juden und Polen für das gemeinsame Vaterland vergossenen Blut besiegelt worden. Kleine Nachrichten König Georg von Griechenland hat die Vorsitzenden der jüdischen Gemeinden in Preveza und Janina mit hohen Orden ausgezeichnet. Der König besuchte vor kurzem diese Orte und fand dort eine sehr herzliche Aufnahme. Die juristische Fakultät der litauischen Universität in Kaunas hat beschlossen, auf Kosten der Fakultät ein Werk des Dekans Prof. Jabulaitis über „Die Parlamente der litauischen Juden im 17. und IS. Jahrhundert" herauszugeben. Dieses Werk behandelt die Geschichte und Jurisdiktion der litauischen Vicrländcr-Synode (Waad Arbaa Arzot). Auf Grund des neuen Gesetzes, das die Wehrhaftmachung aller türkischen Staatsangehörigen beiderlei Geschlechtes im Alter von 16 bis 65 Jahren vorsieht, wird die türkische Judenheit 30 000 Mann zum Dienst steilen. 1300 jüdische Schulmädchcn werden bereits militärisch ausgebildet. In Aschwarden fand lt. „Nordwestdeutscher Zeitung", Bremerhaven, vom 25. März eine außerordentliche Generalversammlung der Pachtlandbeschaffungsgcnossenschaft statt. Es wurde einstimmig beschlossen, dal! diejenigen Genossen, die noch mit Juden Handel treiben, von jetzt an aus der Genossenschaft auszuscheiden haben. Der Präsident des Zentralrats der Juden Rumäniens und der Uniort rumänischer Juden, Dr. Wilhelm Fildern! an, wurde zur Erörterung aktueller Fragen, die die jüdische Bevölkerung betreffen, von dem Kultusminister I a rn a n d i und dem Unterstaatssekretär im Justizministerium, Bentoi Ii, in Audienz empfangen. Der von den vereinigten zionistischen Arbeiterparteien organisierte Gewerkschaften-Campaign hat in New York eine Pcßachfeier veranstaltet, an der 2000 Gäste teilnahmen. Es wurden bei dieser Gelegenheit 25 000 Dollar für die Man möge es nicht zulassen, daß diese Bande jetzt durch eine Politik zerrissen werden, die scheinbar absichtlich die soziale, wirtschaftliche und politische Zurücksetzung herbeizuführen sucht. Die Armut der Juden in Polen könne sich jemand, der sie nicht kenne, überhaupt nicht vorstellen. Selbst diejenigen, die das Land besuchen, werden in der Regel von den krassesten Bildern jüdischer Armut und jüdischen Elends ferngehalten. 31, Millionen Juden, über 'I". der polnischen Bevölkerung, leben unter Verhältnissen, mit denen verglichen die Armut in Ländern des Westens als Reichturn erseheint. Und sogar die erbärmliche Existenz, die Juden in Polen auf diese oder jene Weise führen können, wird systematisch untergraben. Ein Beruf nach dem anderen, ein Erwerbszweig nach dem anderen wird ihnen unzugänglich gemacht. Diese Politik, eine bereits bis zur Unmöglichkeit niedrige Lebenshaltung weiter herabzudrücken, muß aufhören. Der Redner befaßte sich sodann mit den physischen Angriffen auf die Juden. Es sei niederdrückend, Tag für Tag von Pogromen lesen zu müssen. Bei aller Bereitschaft, den Erklärungen der Regierung, daß sie entschlossen sei, alle Bürger ohne Unterschied der Volkszugehörigkeit und des Bekenntnisses zu schützen, vollen Glauben zu schenken, müsse mau feststellen, daß diese Angriffe mit beunruhigender Regelmäßigkeit fortdauern. I >ie Haltung der jüdischen S t u - deuten in Polen werde als eines der schönsten Beispiele jüdischer Würde unserer Generation in tiic Geschichte eingehen. Zu den Versuchen, die zionistische Bewegung mit einer sogenannten „E v a k u i c r u u g s p u 1 i t i k" zu verknüpfen, fühlte Prof. Brodetsky aus: KJn Jude, der in der judciiffindluhcn Presse Polens Beliebtheit erlangt hat, weil er eine I-vakuiertingspolitik befürwortete, sollte dies als Kompliment für sich empfinden, sondern als Beweis dafür, daß er -einen jüdischen Brüdern einen schlechten Dienst erwiesen hat. Unsere Pflicht ist es, an die Pforten des Menschheifsgcwissctis zu pochen und an Volk und Regierung Polens den Appell zu richten, die Verhältnisse wiederherzustellen, wie sie bei der Schaffung des polnischen Staates durch den Friedensvertrag bestanden; den Juden sollen nicht besondere Möglichkeiten oder Vorrechte gewährt werden, wohl aber die'gleiche M ö g I i c h k e i f, an dem Reichtum oder der Armut teilzuhaben. Einrichtungen und Unternehmungen der palästinensischen Arbeiterschaft gezeichnet. In der letzten Nummer der (teilweise auf Judenmission gerichteten) Wiener katholischer, Zeitschrift „Erfüllung", herausgegeben vom Wiener „Pauluswerk", sind eine Reihe von Beiträgen und Erklärungen katholischer Würdenträger abgedruckt/die gegen den Antisemitismus Stellung nehmen. Der Oberrabbiner der Wiener „Adas-lisroel" (Schiffschul), Jesaja Fürst, der erst kürzlich anläßlich seines SO. Geburtstages Gegenstand zahlreicher Ehrungen war, wurde vom österreichischen Bundespräsidenten mit dem Goldenen Verdienstzeichen ausgezeichnet. Franzosen über Palästina. Unser Pariser K.-Berichterstatter schreibt uns: Die Mitglieder der französischen Handelsmission, die kürzlich in Palästina weilte, haben ihre Eindrücke über das Leben im Lande geschildert. Sowohl Tel-Awiw wie die landwirtschaftlichen Kolonien haben tiefen Eindruck auf die Besucher gemacht. Sie werfen aber angesichts des kollektiven Lebens in den Kwuzoth die Frage auf, ob die Mystik des Kwu/ah-I ebens stets anhalten und nicht durch eine Enttäuschung abgelöst werden wird. Die französischen Reisenden haben den wirtschaftlichen _ Aufschwung des Landes bewundert. Sie bedauern die arabischen Unruhen. Sie selbst wurden von den arabischen Handelskammern ebenso wie von den jüdischen mit größter Freundlichkeit und Entgegenkommen aufgenommen und konnten feststellen, daß die' wirtschaftlichen Forderungen beider Bevölkcnmgsgriippen in Palästina durchaus konform gehen, Der französische Export nach Palästina könne gesteigert werden, wenn Frankreich mehr palästinensische Orangen aufnimmt. Nach Beendigung der Unsicherheit im Lande weide Palästina sicherlich einen wirtschaftlichen Aufschwung cifahren. Weltstrategie der Medizin Der amerikanische Mediziner Victor Heiser, der als wissenschaftlicher Vorkämpfer und auch als Diplomat des Rockefeller-Instituts mehrere Jahrzehnte amtierte, hat seine Lebenserinnerungen unter dem Titel „Eines ArztesWeltfahrt" herausgegeben. Eine ausgezeichnete Uebersetzung von Rudolf von Scholtz bringt die Deutsche Verlagsanstalt. Das ist eines der wichtigsten und interessantesten, eines der aufregendsten und zugleich beruhigendsten Bücher, d:: je erschienen sind und die noch an den etwas abgesetzten Begriff der Humanität glauben lassen. Der Lebenslauf dieses Wohltäters der Menschheit fängt dramatisch genug an. Eine Ueberschwemmung vernichtet sein Hcimatsstädtchcn Johnsiown in Pennsylvania. Ein durch die Fluten abgerissenes Hausdach wird dem Halbwüchsigen zur rettenden Arche; aber er hat seine Eltern wie seine Nachbarn und Freunde nicht wieder gesehen. Nach einigen Umwegen durch Handwerkerei und eine kleine Arztpraxis findet er seine Bestimmung: die zuvorkommende Verhütung von Krankheiten. Das Diplom als Marinearzt, das Heiser nach einer fast autodidaktischen Vorbereitung gegen scharfe Konkurrenz gewinnt, befördert ihn zum medizinischen Inspektor bei der Einwanderungsbehörde von New York. Daher seine ersten im großen gesammelten Erfahrungen, die sich, wie er sagt, bald zur Intuition entwickeln. Amerika hatte um 1900 seine Tore noch weit geöffnet, um sie nur gegen Kranke mit offenbar ansteckenden Krankheiten zu verschließen. Aber die Intuition, auf die die jungen Sanitätsoffiziere schon etwas eingebildet waren, konnte allerdings auch täuschen. Einer seiner Mitarbeiter hielt einen »wundervollen Fall" von Knollennase an, der mindestens auf Lupus schließen ließ; sie gehörte dem alten Pierpont Morgan, und Heiser sagt, er hätte nie einen Menschen gesehen, der mit solcher Wut schimpfen konnte und so schwer zu beruhigen war. Die Regierung stellt den schon bewährten jungen Arzt in den Auslandsdienst. Seine erste Station wird Neapel, von wo die italienische Emigration und überhaupt die des Miitelmecrs sich in Bewegung setzt. Die Reedereien finden «ich durch diese Tätigkeit um eine Verantwortung erleichtert, aber es gibt Schwierigkeiten mit vielen auch ziemlich exotischen Regierungen, so daß seine Behörde ihm auch einen Elementarkursus in diesem Umgang vorschreiben muß. Das erinnert an ein hübsches Wort von Emin Pascha, der ja vor seiner Gouvemcurszcit auch als Arzt angefangen harte. Als seine Regierung dem alten Afrikaner aufgab, im offiziellen Verkehr die üblichen Kurialicn zu gebrauchen, antwortete er: ich würde gern Kurialicn gebrauchen, aber ich weiß nicht, was das ist. —- Heiser lernte die Kurialicn; so wurde er nicht nur Stratege der Medizin, sondern auch ein Diplomat, was i hm besonders in orientalischen Verhältnissen zustatten kam. Seine hohe Schule sind nach der amerikanischen Besitzergreifung die Philippinen geworden; er fand dort alles an Seuchen und Volkskrankhciten, was, wenn man so sagen darf, ein Forscherherz erfreuen kann: Pest, Cholera, Tuberkulose, Beriberi. Da ihn außer der amerikanischen Regierung die Rockefcller-Stiftung mit großen Mitteln ausstattete, so faßte er von diesem Hauptquartier den großen Plan, den Orient als Hauptquelle aller Epidemien zu „reinigen". In seiner Rechenschaft, die er über fünftindvierzig Länder ausdehnen konnte, steckt auch viel von allgemeiner Kultur- und Geistesgeschichtc. Pessimisten behaupteten gegen ihn, daß der Orient nicht zu heilen sei und nicht geheilt sein wolle. Die Leute lebten seit einigen Jahrtausenden recht einträchtig mit ihren Krankheiten und Seuchen. Von diesem Gesichtspunkt fand Heiser sogar bei dem englisch gebildeten Rabindranath Tagore zweifelnde Zurückhaltung und bei Ghandi einen entschiedenen Mißerfolg. Der Führer des indischen Nationalismus bestritt ihm als Hindu das Recht, auch nur einen Floh zum Nutzen der Wissenschaft und der Menschheit zu töten. Heisers Blick geht nicht nur über die vielen Länder, die ihm das Grundproblem Ratte — Floh — Mensch aufgaben, sondern auch über die Jahrtausende, die uns von unserer Entwicklung bewußt sind. Als seinen ältesten und wichtigsten Vorgänger preist er Moses, und aus sehr bestimmten Gründen. „Moses, der Führer eines wandernden Volkes, hat als eine' der ersten genaue sanitäre Vorschriften über die Behandlung der menschlichen Ausscheidungen hinterlassen. Seine Gesetze haben jahrtausendelang in der Welt gegolten und gelten heute noch bei allen, die ein Lagerlebcn führen. Alle kriegführenden Armeen haben sein Grubensystem übernommen. Moses wußte nichts von Krankheitserregern, aber er hatte aus Erfahrung gelernt, daß seine Leute krank wurden, wenn er den Boden im Lager nicht rein hielt." Die größte kollegiale Zustimmung hat Heiser auch für die so genau vorgeschriebene Behandlung des Aussatzes im 13. Kapitel des dritten Buches Mose bereit. Unter den späteren Nachkommen geht seine Bewunderung besonders zu Paul Ehrlich; es war einer seiner sichtbarsten Erfolge, als er mit dem neuentdeckten Salvarsan in das noch so abgeschlossene Innere der Philippinen eindringen und mit der Bekämpfung eines der Syphilis ähnlichen Aussatzes sogar noch kannibalische Eingeborene überzeugen konnte. Der berühmte amerikanische Fachmann ist auch einmal am Anfang der Zwanziger Jahre von Sir Herbert Samuel nach Palästina berufen worden: es galt damals, einen Pestherd in Jafia festzustellen und zu isolieren. Aber die Zukunft des Landes hat Heiser unterschätzt. Die meisten Zionisten, die er damals fand, sind alte Romantiker und junge kinderarmc Enthusiasten. Die Malaria schien ihm unausrottbar. Aber die Ron antik und der Enthusiasmus wagen sich heute schon an den Hulcsce, und Heiser wird sich hoffentlich gern widerlegt finden, besonders wenn man auch seine Erfahrungen zu Rate zieht. Es ist merkwürdig, wie selbst in dem kühlen Kopt eines Forschers Sympathien oder Antipathien ihr Wesen treiben. Alle Krankheiten, von der Pest bis zur Cholera, sind ihm sozusagen gleich liehe Kinder; aber die Malaria kann er nicht leiden, weil sich für ihre Entstehung wohl mehrere Gründe, aber nicht ein letzter entscheidender feststellen ließ. Man muß diesem großen Humanus zum Lobredner werden, schon weil er es selbst nicht ist. Von dem für das Werk aufgebrachten Heroismus zeugen nur ein paar Anekdoten. „Es ist ein ungemütliches Gefühl, von einem wahnsinnigen Aussätzigen gekratzt zu werden, der obendrein die Cholera hat." So heißt es nach dem Ringkampf mit einigen Philippinern, die Eleiscr in Quarantäne zu bringen hatte. Auf der Reise von Tokio nach San Franzisko hatte er ein Meerschweinchen zu sezieren und zu infizieren; es war sein letztes gesundes, also eine Kostbarkeit. In der kleinen Schiffskammer hielt sich nur noch ein toter Chinese auf; während er das Seziermesser ansetzte, warf ihm der Sturm alles durcheinander und die Leiche auf den Rücken; er durfte sich von dem merkwürdigen Akrobaten, der ihm mit seinen kalten Gliedern ins Gesicht schlug, nicht unterbrechen lassen. Vor zwei Jahren, nach einer rastlosen Tätigkeit, hinter der alle anderen menschlichen Beziehungen zurückstehen mußten, gab Victor Heiser seinen Auftrag an das Rockefellcr-Instifut zurück; sein Buch von der Weltfahrt ist die Frucht rh'cscr wohlerworbenen Muße. Arthur Eloesser