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Jüdische Rundschau · 1937-04-06 · Heft 27 (6.4.1937) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 27 (6.4.1937)
Date
1937-04-06
Page
– (sequence 9)
Language
German
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JODISCHE RUNDSCHAU ALÄS TINA-BLATT Nr. 27, 6. APRIL 1937 Joseph Aronowicz G. L. Tel-Awiw, 31. März Das letzte Jahr hat uns daran gewöhnt, Nachrufe zu lesen, Nachrufe zu schreiben. Der bittere Tod war bei uns ein ständiger Gast, er fand uns auf den Wegen und bei der Arbeit, er begleitete uns am Tage und in der Nacht, er überschattete die kurzen Stunden des Aufatmens und erfüllte die langen Stunden der Spannung. Wenn es ein Prüfstein für eine Bewegung ist, ob ihre Menschen bereit sind, für sie zu sterben, so haben wir in diesem Jahre diesen Beweis vielfältig erbracht. Und manchmal fragen wir uns, ob es nicht noch schwerer ist, für die Bewegung zu leben als für sie zu sterben. Joseph Aronowicz, den wir gestern begraben haben, hat uns dieses Schwerste, das Leben für eine Bewegung, vorgemacht. Für uns enthielt dieser Name schon in der Galuth alles, was wir an Vorbildlichem mit Palästina verbanden: Persönliche Verwirklichung der hei vielen nur ideologischen Forderungen, umfassende und tiefe Kenntnis des Hebräischen und der jüdischen Geschichte, Leben in der Arbeit, für die Arbeiter, Erkenntnis der Realitäten, ohne sich deshalb mit den Realitäten abzufinden. Als wir dann nach Palastina kamen, nahm das in der Galuth entstandene Bild eine plastische und scharfe Form an. A. D. Gordon kannten nur die wenigsten von uns noch näher. Sie hüten als ihre besonderen Schätze die wenigen Begegnungen und Gespräche mit ihm. Im Lager derer, die von seinem Geist angerührt waren, hing man eng zusammen, arbeitete in täglichem Kontakt, und es erwuchs eine Verbundenheit, wie sie vielleicht nur damals möglich war, als wir wenige waren und für etwas kämpften, was in unbewachten Augenblicken noch wie eine Utopie erschien. Wie eng dieser Kreis zusammenhing, spürte man wieder gestern, als sich die überall im Lande zerstreuten Menschen jenes frühen Kreises um den Sarg zusammenfanden. Wir „Jungen", die wir mit der „dritten Alijah" ins Land kamen, also zwischen 1921 bis 1925, kamen in eine harte Schule, und so ziemlich der härteste Lehrmeister von allen war Aronowicz. Wir konnten uns freilich keineswegs darüber beklagen, daß man uns unfreundlich oder ungeduldig aufgenommen hätte. Im Gegenteil, es kamen damals ja noch keine Massen, und so wurden die „Neuen", besonders wenn sie schon vorher in der Bewegung im Auslande tätig gewesen waren, mit Freude empfangen. Aber man nahm uns nicht sehr ernst und man ließ uns ohne jede Umschweife wissen, daß unsere erste Aufgabe sei, zu lernen und — zu schweigen. Gerade Aronowicz, dessen wöchentliche Artikel im „Hapoe! Hazair" schon im Auslande für uns große Bedeutung gehabt hatten, ließ sich selten etwas dreinreden und von jemandem, der nicht durch lange Jahre bewiesen hatte, daß er in Palästina etwas leisten konnte, schon gar nicht. Wir rebellierten gelegentlich gegen diese etwas despotische Atmosphäre, aber wir sagten uns mitten in der Empörung immer wieder, daß wir noch sehr lange würden zu lernen haben, um auch nur annähernd diesen Fundus von Kenntnissen und realem Wissen zu sammeln, aus dem die Alten so mühelos schöpften. Diese Alten — das war eigentlich das sonderbare — waren keineswegs alt, Sie waren zum Teil noch jugendlich, zum Teil im besten Mannesalter. Was sie uns alt erscheinen ließ., war die Sicherheit, mit der sie vorgingen, die Härte, zu der sie das schwere Leben im Lande geschmiedet hatte. Wenn uns also Sicherheit und die Unnachgiebigkeit in den Forderungen als Alter erschienen, so war Aronowicz mit einer der seltensten in diesem Kreise. Bei diesem Manne, der aus einem kleinen russischen Dorfe kam, aus einer orthodoxen Umgebung und schon zu Anfang des Jahrhunderts den revolutionären Weg der Palästina-Wanderung und des Uebergangs zur Landarbeit beschritten hatte, schien alles wie aus Holz geschnitzt oder in Kupfer graviert. Da gab es keine Farben, keine versüßende oder lindernde Verwischung von Konturen. Gedanken wurden scharf zu Ende gedacht, Gegenargumente, rücksichtslos zergliedert, seine Sprache im Reden und im Schreiben war knapp und gewichtig, der Humor schien dazu da zu sein, die Dinge in ein noch helleres Licht zu tauchen, als sie der scharfe Geist schon ohnedies über sie ausgoß. Erst wenn man in seltenen Augenblicken in die Schichten hineinsah, die unter diesem scharfen Geist und dem harten Willen lagen, wurde man einer sehr weichen und verletzlichen Seele gewahr, die ihr eigenes Leben führte und der ganz, ganz andere Dinge wichtig waren als Politik und Arbeit für die Öffentlichkeit. Und der Mann der Politik, der spätere Bankdirektor, war und blieb ein Schriftsteller und Historiker. Klarheit, Ehrlichkeit, Unnachgiebigkeit und Absage an alle Schnörkel und Verzierungen — das alles konnte man von Aronowicz lernen. Der Stil seiner Publizistik und seines öffentlichen Auftretens zeigte gleichermaßen diese Kriterien. Für uns, die wir aus dem Westen kamen, eröffnete dieser Ostjude, der im eigentlichen Europa nur wenig zu Hause war, aber im Ueberfluß aus den Quellen schöpfte, die wir uns zugänglich machen wollten, eine neue Welt von Erkenntnissen, einen uns fremden Lebensstil. Wir sind seit jenen Zeiten, als wir von ihm als die „Neuen" betrachtet wurden, mit Palästina und auch mit jener Welt des Ostens verschmolzen, wir haben von dem Lehrmeister gelernt, ihn oft bekämpft, ihn immer geachtet, immer an ihm gehangen. Man pflegt oft beim Tode eines großen Menschen zu sagen, daß nicht nur er dahingegangen ist, sondern seine Epoche mit ihm. Und dieses Mal, bei Aronowicz, ist dieses Gefühl des Abschlusses einer großen Epoche von überwältigender Stärke. Was für Erinnerungen verbinden sich mit dieser Figur! Ein Vierteljahrhundert der Siedlungsarbeit steigt auf, die schweren Kämpfe um den Beginn der Arbeit, die vielen Rückschläge, die Erfolge. In den Massen, die in langen Stunden an diesem Sarg vorüberzogen, spiegelte sich das Palästina von gestern und von heute. Kleine ausgewählte Gruppen waren es gestern, große undurchsichtige Massen sind es hfute. Diese Massen haben wir alle gewollt, aber ein großes Zagen faßt uns an, wenn wir die Männer dieser Elite zu Grabe tragen sehen und uns suchend nach denen umschauen, die die Bürde, die jene getragen haben, weiter tragen sollen. Wir haben vom Tode gelernt, daß niemand unersetzlich ist, aber es ist manchmal übermäßig schwer, neue und immer neue Lücken klaffen zu sehen, die sich für uns, die wir mit diesen Menschen gelebt und gearbeitet haben, kaum schließen werden. Man muß die Härte des Willens und den klaren Geist von Joseph Aronowicz haben, um dem gleichmütigen Tod das kämpfende Leben gegenüberzustellen. Die arabische Delegation Das Oberste Arabische Komitee hat beschlossen, eine aus Dschemal Hussein! und Dr. Izzat Tannous bestehende Abordnung nach London zu entsenden, mit der Aufgabe, dort politische Propaganda zu treiben. Einen weiteren Gegenstand der Beratung bei der Sitzung bildete die Frage der zu ergreifenden Maßnahmen zur Förderung der Tätigkeit im Jaffaer Hafen. Dschemal al Hussein! ist bereits nach London a b - Eereist; Izzat Tannous wird in einigen Tagen folgen, ie Gegner des Mufti protestieren dagegen, daß der Delegation nur Mitglieder der Mufti-Partei angehören. Garnison wird verringert? Jerusalem, März. (JTA.) Der Voranschlag für das kommende Jahr rechnet mit der Erhaltung einer gegenüber der jetzigen bedeutend verringerten Garnison in Palästina. Insgesamt sollen bei allen Waffengattungen nur 2879 Soldaten in Palästina dienen. Es wird somit vorausgesetzt, daß völlig normale Verhältnisse in Palästina wiederhergestellt werden können. Die palästinensische Garnison soll umfassen 2031 Mann Infanterie (3 Bataillone anstatt der jetzigen 8); 5 Offiziere und I2Ö Mann des Royal Anny Service Corps, 2 Offiziere und 12 Mann des Royal Arniy. Medieal Corps und verschiedene Mannschaften sonstiger Abteilungen. Ruhige Feiertage Die letzten P e Ii a c Ii - T a g e verliefen .verhältnismäßig ruhig, abgesehen von vereinzelten Schießereien in G es her, wo es zu einem Kugelwechsel zwischen jüdischen Hilfspolizisten und drei bewaffneten Arabern kam, inwl in Beer J a c o b, wo auf jüdische Wächter geschossen wurde, hin Kugelwechsel zwischen Cihaffirin und bewaffneten Arabern in Sedjcra hatte keine Verletzungen zur Folge. Von der Haifaer Stadtverwaltung Haifa, dessen Bevölkerung so schnell die ersten Hunderttausend überschritten, einen zukunftsreichen Hafen und ein ausgedehntes agrarisches Hinterland hat, hat alle Aussicht, in nicht mehr allzu ferner Zeit eine Bevölkerung von 400 000 bis 500 000 Menschen zu besitzen. Das ist die kürzlich in einem Interview geäußerte Ansicht Schab bat ai Levis, des Haifaer jüdischen Vizcbiirgermeisters. Die Unruhen haben sich in Haifa verhältnismäßig wenig ausgewirkt. Der Haifaer S t a d t -11 a u s h a 11 193b 37 weist auf der Ausgabcnseite 164 000 Pfund auf, von denen allein 110 000 auf Straßenbau und Wasseranlagen entfallen (05 000 Pfund davon trugen der Waad Hadar Hacarmel, die Har- Hacarmel-Vereinigung und die Haifa-Bay für Privatstraßcnban una Wasseranlagen). Das neue Schlachthaus, fiir das 30 000 Pfund ausgeworfen wurden, steht vor seiner Vollendung. Palästinas erste Müllverbrennungsanlage wird in Haifa errichtet. Sie hat eine Kapazität von 00 70 000 cbm jährlich und kostet 4000 Pfund. Für Maschinen zur Straßenreinigung sind dOOO Pfund bestimmt. Zu allen diesen Ausgaben steuert die Regierung 29 700 Pfund bei, und .UP 21 000 stellen den Rest einer bei der Barclays Bank aufgenommenen Anleihe dar. Bei einem Ucberblick über die letzten Leistungen der Stadtverwaltung sind besonders zwei Straßen erwähnenswert, nämlich die soeben dem Verkehr übergebene neue Verbindung vom Har Hacarmel zum Hadar, die bei o m Fahrbahnbreitc eine Totalbrcite von 10 — 15 m einschließlich Gehsteigen aufweist, und die 1200 m lange Straße, die den Westcarniel mit dem Har und der Stadt verbindet. Andere Neuanlagen bilden Straßen, Verkehrsinseln, Verbesserung der Straßenbeleuchtung, Wasserleitungen, Kanalisation, Bäume u. dgl. Die Stadtverwaltung beginnt sich nun in stärkerem Maße mit der Anlage von Stadtparks zu befassen; der erste Schritt auf diesem Wege ist ein kleiner Park auf dem I lar, für den zwei große Grundstücke gekauft werden sollen. An den Ausgaben dafür beteiligt sich die Regierung mit 25 000 l'iuml. Für die Zukunft sind eine Reihe öffentlicher Gebäude und Platze geplant. Das Finanzjahr 1937 iS sieht vor: die Errichtung des neuen Mimi/ipafitätsgebätides im Werte von 50 000 Pfund, de neuen (iemüse- und Milchmarktes (Schuk) für UP 5(HH), Straßenbau tili .UP 20 000, Kanalisation, Landkaufe und Ciarteiianlagen für 25 000 Pfund. Es ist beabsichtigt, zur Ausführung all dieser Arbeiten eine Anleihe aufzunehmen, die bei dem gesunden Stand der Stadtfinanzcn nicht schwer zu erhalten sein wird. Alfred M arku s Haifa Unabhängige Arbeiter-Partei zur Lage in Palästina Glasgow, 30. Mär/. (JTA.) Der Parteitag der Una b h ä n g i e e ii Arbeiter p a r t e i hat anf seiner in Glasgow abgehaltenen Tagung am 30. .Marz die Lage in Palästina erörtert. Auf Antrag der Exekutive wurde eine Resolution angenommen, in der dem Bedauern über den neuerlichen Ausbruch blutiger Unruhen in Palästina Ausdruck gegeben wird. Es wird erklärt, daß das Blutvergießen von Terroristengruppen ausgellt, die von eleu arabischen Feudalherren aufgereizt werden. Die jüdischen und arabischen Arheiter und Bauern werden aufgefordert, allen Versuchen reaktionärer Elemente im jüdischen und im arabischen Volk, Feindschaft zwischen Juden und Arabern zu erregen, sowie den angeblich von Zeit zu Zeit auch von englischen Behörden ausgehenden derartigen Versuchen Widerstand zu leisten. Festlicher Empfang in Jagur Die Ankunft der 60 Jugendlichen in der Ludwig Tietz-Lehrwerkstätte Im Februar kam die erste Jugcnd-Alijah-Gruppc, die eine dreijährige handwerkliche Ausbildung in der Ludwig Tietz- Lehrwerkstätte in Jagur durchmachen wird, in Haifa an. Auf dem Schiff wurden die Jungen von Dr. Kreuzberger und Hans Beyth in Empfang genommen. Jugendgruppe an Bord in Haifa Der arabische Zollbeamte erkundigte sich interessiert, wohin diese Gruppe käme und warum der Empfang diesmal so besonders feierlich sei. Wir baten ihn, am Nachmittag an der Begrüßung und der Einweihungsfeierlichkeit teilzunehmen; er nahm unsere Einladung dankend an und erschien pünktlich nach Schluß seiner Dienstzeit unter den Gästen. Vom Hafen aus fuhren die Jungen in drei Omnibussen, denen ein Lastauto mit Kisten und Koffern folgte, in ihre neue Wohnstätte. Nach dem Essen gingen die Jungen in ihr neues Heim. Die Zimmer liegen an breiten Veranden und sind hell und luftig. Jedes Zimmer, für drei oder vier Bewohner berechnet, ist mit naturholzfarbenen Möbeln ausgestattet. Nicht nur die schöne Proportion des von dem Architekten Erich Mendelsohn und Kempinski ausgeführten Gebäudckompk'xes fällt auf, sondern auch die harmonischen Farben, in denen Türen, Veranden und Eiseugeländer gehalten sind. Der Speisesaal der Siedlung Jagur faßt kaum die Menschen, die an der Begrüßungsfeier teilnehmen wollen. Es ist nicht leicht, die Stimmung zu beschreiben, die jetzt in diesem überfüllten Raum herrscht: Freude und Stolz seitens der Siedlung und der Gäste, die aus Haifa und der Umgebung gekommen sind, und Erwartung und Hoffnung seitens der neuen Einwanderer. Plötzlich w ird es ruhig. Die Ansprachen beginnen. I d eTsöhn begrüßt die Neuankommenden im Namen der Siedlung Jagur. Seine hebräischen Worte übersetzt ein Junge der Jugend-Alijan: „Die Menschen in unserer Siedlung wollten immer jung bleiben. Wenn wir aber sehen, daß heute schon eine andere Generation zu uns kommt, dann spüren wir doch, daß wir nicht mehr zu den ganz Jungen gehören. Wir sehen bei einer solchen Gelegenheit aber auch, was geleistet wurde, wenn es uns heute schon möglich ist, einer neuen Generation den Weg nach Palästina zu bereiten. Hoffentlich werde-t auch ihr, die ihr heute ins Land gekommen seid, einst Wegbereiter für eine neue Generation sein." Nun begrüßt Dr. Georg Landauer von der Jewish Agcncv die jugendlichen, der 11. a. sagt: „Zum erstenmal in Palästina soll liier eine fachmännische handwerkliche Ausbildung erfolgen. Von dem Gelingen des Versuches eurer Gruppe wird es abhängen, ob hier der Grundstock für eine fachlich g:it ausgebildete palästinensische Arbeitergeneration gelegt wird. So wie das jüdische Handwerk nicht auf eine jahrhundertelange Tradition wie etwa das europaische zurückblicken kann, so ist es auch auf vielen anderen Arbeitsgebieten. Hier ist nun eine Gelegenheit, den Anfang für eine Tradition im indischen Handwerk zu schaffen. Von euch, von der jungen Generalion, der Ludwig Tietz, zu dessen Andenken diese Lehrwerkstätte errichtet und benannt worden ist, sein Leben gewidmet bat — von euch erwarten wir, dal) ihr unsere Hoffnungen erfüllen werdet." Hans Beyth, der Vertreter der Jüdischen Jugendhilfe in Jerusalem, verlas einen Brief von Miß Szold und sprach dann selbst zu den Jungen. Zum Schiuli antwortet ein Jugendlicher der neuen Gruppe: Er bedankt sich im Namen seiner Kameraden für die herzliche Aufnahme, die ihnen Jugendgruppc für die Ludwig-TictzSchule in Jagur, Ankunft vor der Siedlung, Foto«: Lo» Und»» zuteil wurde und gibt der Hoffnung Ausdruck, daß die Grupp*e alle Erwartungen erfüllen wird, die man in sie setzt. Nach palästinensischem Brauch endet die Feier mit Tanz und Gesang. Ilse Caro V

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