Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 27 (6.4.1937)
- Date
- 1937-04-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 27, 6. IV. 1937 JTODISCHE RUNDSCHAU Seife 3 Das Schicksal Europas Um die Sinndeutung unserer Zeit Die Auseinandersetzung über die große Umwälzung, die!n unserer Generation in Europa vor sicli geht und ihre bellen auch über die Grenzen des Erdteils hinaus sendet, hat zu mancherlei Theorien über den Sinn dieses Geschehens geführt. Die einen sehen in den Veränderungen der ökonomischen Struktur das Charakteristikum dieser europäischen Umwälzung, während andere den Nachdruck auf neue politische Formen legen, die das Bild Fluropas bestimmen; manche glauben, in religiösen Wandlungen (Jen Kern der Umwälzung zu erblicken, während wieder andere von dem „neuen L c b e n s g c f ü h I" sprechen, das die Menschen Europas erfaßt hat. Schließlich erscheinen auch noch Ansichten auf dem Plan, die das Eingreifen von Volksschichten in das Geschehen der Welt als die wesentliche Triebfeder der europäischen Revolution betrachten, die in der Vergangenheit gar nicht oder kaum am Weben t!cr Geschichte aktiv mitgewirkt haben. Den Versuch einer Synthese all dieser Ansichten, die dennoch keine mechanische Vereinigung der verschiedenen Meinungen ist, sondern in dem Gewirr der Begriffe und Lebcnscrschcinungen einen eigenen Standpunkt festhält und so Ordnung in die Vorgänge zu bringen sucht, hat der frühere Herausgeber der „Europäischen Revue", Karl Anton Prinz Ronanin einem umfassenden Werk gemacht („S c h i c k s a I s s t u n d e Europas" — Lcykam-Verlag, Graz 1937). Prinz Roheit verleugnet in diesem Buche seine österreichische und christlich-katholische Herkunft nicht. Es ist der Standpunkt eines katholischen Konservativ c n, der in diesem Buch zum Ausdruck kommt und in der Vielfalt der Meinungen und Ereignisse das Gesetz der Entwicklung aufzuspüren sucht. Der Verfasser bejaht im tiefsten Herzen den Umbruch, der sich in vielen Staaten Europas vollzogen hat und sieh in anderen andeutet, er steht auf der Seite der jungert Generation, deren Ausdruck er ist und die sich eine neue Zukunft bahnen will, wobei er glaubt, daß die „nationale Gegenrevolution", die in der Auseinandersetzung mit dem Bolschewismus steht, das Erbgut Europas in die Zukunft hinübcrzureiten bestimmt ist. Dieses E r b g u t, mit dem er sich im ersten Kapitel beschäftigt, sieht er in seinem bestimmten Gottesbegriff, im Primat einer bestimmten sittlichen Einstellung, in der bestimmten Stellung der Persönlichkeit, in der besonderen Liebeshaltung des Europäers, im Dualismus seiner Kulturideale und in den besonderen Eigenarten des europäischen Geist«, nämlich seiner Persönlichkeitsverbimdenheit, seiner revolu ionären Stoßrichtung und seiner Ungeeignetheit zur Zweckkorruption. Das Buch stellt sodann die Frage nach der religiösen Situation unserer Zeit, der der bezeichnende Titel „Zwischen Gottlosigkeit und Gottsuche" gegeben wird. Es geht weiter auf die Fragen von Persönlichkeit und L e b e n s g c s t a 11 u n g ein, in denen sich die ganze Tiefe der Wandlung ausdrückt. Der zweite Teil des Buches ist der Darstellung der politischen Lebensformen unserer Zeit gewidmet, und hier kommt Prinz Rohan zum eigentlichen Thema seiner Untersuchung. Er stellt die Welt des Bürgers und des Antibürgers dar, wobei er u. a. darauf hinweist, daß der Bürger im Gegensatz zum Adel nicht an die Bedeutung der B 1 u ts w a h I glaubt, und daß diese Stimmung zur Grundlage Hir die Assimilationsbestrebt! ngen des Judentums diente. Er schildert sodann die Fragen von Revolution und Gegenrevolution, die Bedeutung des Sozialismus, um im einzelnen die Struktur von Bolschewismus, Faschismus und Nationalsozialismus darzustellen und auch auf eine Reihe anderer Länder in ihrer politischen und sozialen Struktur einen Blick zu werfen. Bei der Darstellung des Nationalsozialismus kommt Prinz Rohan auch auf die Fragen der Judengesetz.gebung und des Rassenproblems zu sprechen, und zwar in Anknüpfung an die Behandlung des Verhältnisses von Nationalsozialismus und Christentum. Wenn er hierbei sagt, man höre von jüdischer Seite, daß infolge allgemeiner Auswanderung in 25 Jahren kein Jude in Deutschland mehr leben werde, so dürfte diese Information allerdings übertrieben sein; so stark der Schrumpfungsprozeß der Jndenheit Deutschlands infolge Gcburfenmangel und Auswanderung auch ist, so verfehlt ist es doch, derartige radikale Prophezeiungen zu machen. Prinz. Rohan sagt weiter, daß es niemand leugnen könne, „daß das deutsche Judenproblein eine der furchtbarsten Tragödien dieser Gegenwart ist". Hunderttausende von Juden, die sich ganz als zum deutschen Kulturkreis zugehörig fühlten, mußten plötzlich einsehen, daß sie wieder zum Wanderstab greifen müßten, „und dies wegen ihres eigentlichen Seins, wegen ihrer wesentlichsten Substanz". Der Ausbruch der Judenfrage in Deutschland gleiche einem „Naturereignis". Eine Lösung der Jude'nfragc auf dem Wege von Verhandlungen vor einem internationalen Forum oder mit der Vertretung der Judenheit Deutschlands selbst sei deshalb nicht möglich gewesen, „weil in diesem modernen Massenzeitalter zu jedem Kampf offenbar die Diskriminierung des Gegners notwendig dazugehört". Wenn die Assimilation nicht so weit fortgeschritten gewesen wäre und sich die Juden als rassische Minderheit im deutschen Staat benommen härten, dann hätten sie die Katastrophe vielleicht vermeiden können. Diesen Fehler (nämlich die Rasseidee für sich selbst abzulehnen) hätten die Juden nur begehen können, „weil viele von ihnen ihre beste jüdische Tradition aufgegeben hatten: den Glauben an ihre Rasse. Denn die Rasseidee ... ist eine spezifisch jüdische". Prinz Rohan ist kein „Antisemit" in dem Sinne, daß er die Juden als minderwertig oder hassenswert ablehnt: gerade darum ist für uns Juden e i n Satz seiner Betrachtung besonders wichtig: „Jeder Arier, auch der Judenfreund, weiß, und zwar mit der gleichen Gewißheit, mit der er weiß, daß er lebt, daß der Jude etwas anderes, etwas Artfremdes ist." Das ist die Tatsache, die so viele Juden vor 1933 nicht wahrhaben wollten. Sie glaubten, nicht nur „Gleichberechtigung" im bürgerlichen Sinn anstreben zu sollen, sondern sich schlechthin als gleichartig gebärden zu müssen; sie verwiesen jede Feststellung der Ungleichartigkeit in den Bereich des „Vorurteils", das durch Argumente überwunden werden könne; sie ließen es daher an jeder Distanz fehlen; sie waren unempfindlich für die Sprache des Instinkts, der wohl oft aus Höflichkeit unterdrückt wurde (das nannte man „Liberalismus"), aber in jedem Arier so wach war wie das Wissen, „daß er lebt". Dieser eine Satz von einem Mann wie Rohan ist aufschlußreicher für das Wesen der Judenfrage als ganze Seiten antisemitischer Literatur. Er zeigt, wie die Juden vor 1933 sich über ihre eigene Situation täuschten; und zugleich, daß es eine wahre Lösung der Judenfragc nur geben kann, wenn die Juden sich ihrer Eigenart und Sonderart b e w u ß t sind, diese b e j a Ii e n und als ein Grundfaktum in jede Konzeption der ehrlichen Gestaltung ihres Verhältnisses zur Umwelt einstellen. Im Schlußteil seines Buches behandelt Prinz Rohan die Zukunft Europas und die Frage der Möglichkeit eines Krieges. Er glaubt, daß die konservativen Elemente auch in diesem Europa eine große Aufgabe haben, nämlich seine Lebensgestaltung im Sinne des europäischen Erbguts. Gewiß befinde sich Europa auf dem Rückzug aus verfeinerter Kultur zu den Urtatsachen des Lebens. Dennoch müsse es auch in der neuen technischen Umwelt seine ewig alten Lebensformen erneut finden. Das Buch Rohans ist ein besonders interessanter Beitrag zur Deutung unseres Weltbildes, und zwar gesehen von einem betont mitteleuropäischen Menschen. Was er über die Judenfrage sagt, ist in diesem Rahmen nur eine Andeutung, aber als Ausdruck der Meinung eines Mannes, der sich bemüht, objektiv zu werten, von erheblichem Interesse, * Einer Spezialfrage, die in diesen Themenkreis hineingehört, nämlich der Lage und Entwicklung in Frankreich widmet sich ein Buch des Führers der „Feuerkreuzler", der jetzigen französischen Sozialpartei, Oberst de la Roeque, das vor einiger Zeit in deutscher Sprache erschienen ist (Lietitnant Col. de la Roeque: „Staatsdienst am Volk" [Service public] Mit einer Einführung von Walter Gruber — Verlag tür Kultur und Wissenschaft G.m.b.H. Berlin VBb). In diesem (bereits Ende 1934 geschriebenen) Buch legt Oberst de la Roeque seine Ansichten über die Entwicklung Frankreichs seit dem Kriege und die Aufgaben der Feuerkreuzbewegung ausführlich dar. Wenn auch gewisse Anklänge au die autoritären Bewegungen in anderen Ländern dabei deutlich werden, so erscheint doch die Eigenart seines Standpunktes stark französisch begründet. Er sieht in erster Linie in einer Umwandlung der Staatsorganisation den eigentlichen Sinn der Bewegung. Dabei betont er stets die moralischen Voraussetzungen einer solchen Umwandlung, von denen aus ihm eine Erneuerung des französischen politischen und gesellschaftlichen Lebens im Geiste der französischen „Mystik" möglich erscheint. Im Rahmen dieser Darlegung behandelt Oberst de la Roeque u. a. auch das völkische Problem. Wie der Herausgeber in einer Anmerkung bemerkt, stehen diese Auffassungen im Widerspruch zu der Anschauung des Nationalsozialismus. Der Autor selbst betont, daß dieses Problem in Frankreich gar nicht vorhanden ist, obwohl „einige ,Erneuerer' darauf herumreiten zu müssen glauben". Die Franzosen bilden nach seiner Ansicht eine Rahmcngeineinschaft. Die französische Rasse sei ein Ganzes, und für irgendwelche geographischen oder religiösen Erwägungen sei kein Platz. Es käme nur „auf die französische Nationaleigenschaft, die andächtige Ergebenheit für Frankreich an". Oberst de la Roeque wendet sich sodann dem Aus- I ä n d c r p r o b I e m zu, dessen Schwierigkeiten für Frankreich er betont. Infolge der Entwicklungen in Deutschland sei Frankreich gezwungen, „jetzt eine wimmelnde, unruhige Masse von Geächteten zu beherbergen, für die keinerlei Bürgschaft übernommen werden kann". Wenn man an diese Gefahr erinnert, so bekenne mau sich damit nicht zum Antisemitismus. Oberst de la Roeque sagt weiter: „Ich kenne viele Israeliten, denen dieser verkappte Einfall nach Frankreich als eine Bedrohung nicht nur dis Landes, sondern auch ihrer in Frankreich Bürgerrechte genießenden Glaubensgenossen erfürther ßergbräu überall beliebt scheint. Ich kenne viele Israeliten, für die dieser Ansturm deutscher Juden die doppelte Gefahr einer antisemitischen Reaktion und Herausforderung darstellt." In dieser Beurteilung zeigt sieh de la Roeque durchaus als Anhänger einer „liberalen" Theorie, da er in den französischen Juden in erster Linie eine religiöse Gruppe sieht und mit denjenigen unter ihnen sympathisiert, die gegen die Zuwanderung der „O s t j u d e n" aus Deuts c h I a n d sind ahnlich u ie sieh manche jüdische Kreise in Deutschland in fruht rer Zeit gegen die aus Polen und aus anderen osteuropäischen l anden! zuwandernden Juden zu distanzieren suchten. Oberst de la Roeque wendet sich, gegen die Rassentheorie, fordert jedoch, daß Frankreichs lovale < iastfreundschaft gegen mißbräuchliches Hineinfluten von Ausländern geschützt werden soll, und verlangt eine entsprechende < i > - e t z g c b u n g. oe. Jüdisches aus Frankreich Unser Pariser K.-Berichterstatter schreibt: Der katholische Politiker Oscar von Fercnzy nahm in einem öffentlichen Vortrag zur Judenfrage und zur Frage lies Antisemitismus Stellung. Er führte u. a. aus: „Wenn die Juden eine ungesunde B. rufsschicbtting haben, so liege das daran, daß ihnen alle anderen Berufe vci sperrt waren. Wenn zahlreiche Juden den linken Parteien beigetreten sind, so ist das zum großen Teil auf den Aini^ein;t,siiuis zurückzuführen, dem die Juden bei zahlreichen Politikern der Rechten begegnen. Wenn es eine antireligiöse Bewegung unter den Juden* gibt, so wendet diese sieh "ebenso gegen die jüdische Religion wie gegen alle anderen Religionen." Fercnzy forderte die Gläubigen aller Religionen auf. sich gegen die zerstörerischen Kräfte, die heute in der Gesellschaft wirksam sind, zusammenzuschließen. Vor der „Union des Femmcs Juives Erancaiscs pour la Palcstine" sprach Roben Anchel über die Geschichte der französischen Juden. Er betonte, daß „die französischen Juden eine der ältesten Zweige der westeuropäischen judenheit sind. Die französischen Juden haben gerade wegen ihrer gesicherten Stellung und ihrer jüdischen Anciennität die Verpflichtung, an allen Manifestationen des judischen Lebens führend teilzunehmen. Insbesondere sollten sie ein größeres Interesse an der zionistischen Bewegung nehmen". Der Vorsitzende von „France-Palestine" und Ehrenpräsident zahlreicher jüdischer Organisationen in Frankreich, Senator Justin Godart, kehrt in diesen Tagen von einer langen Studienreise nach Paris zurück, die er im Auftrag der französischen Regierung in die Kolonien unternommen hatte. Die Aufgabe Senator Godarts war, dort an Ort und Stelle die Arbeitsbedingungen insbesondere der Eingeborenen zu untersuchen und der Regierung geeignete Vorschläge zur Verbesserung der sozialen Lage im französischen Imperium zu machen. Wiener Personalnachrichten In einer am 31. Mär/ abgehaltenen Vollversammlung hat der Vorstand der Wiener Israelitischen Kultusgemeindc den bisher provisorisch mit der Leitung der Amtsgeschaftc betrauten früheren Vi/epi asidenten der Gemeinde, Dr. Joseph L ö w e n h e r /, definitiv zäun Amtsdinktor bestellt. Der langjährige Assistent der Wiener Hals-, Nasen- und OhrenWIinik des Professors Heinrich \ou Neuniann und gleichzeitig sein Privatassistent, Dr. Marlin B u c h b a n d, wurde zum Primarius der Ohren-Abteilung im Rothschild- Spital ernannt. Zum Leiter der neu er richteten Herzstation wurde der frühere Assistent der Kliniken Wenkcbach und Eppinger, Dozent Dr. David Scherl, berufen. Mussolinis Besuch in Tripolis Wie schon berichtet, hat Mussolini während seiner Reise nach Libyen das jüdische Viertel der Stadt Tripolis besucht und wurde dort von Vertretern di% jüdischen Bevölkerung empfangen. Unsere Bilder zeigen links den Duce im Gespräch mit jüdischen Kindern, links hinter ihm Marschall Balbo, rechts die Ansprache des Rabbiners im Namen der jüdischen Bevölkerung an Mussolini. (Aus der Italienisch-Jüdischen Zeitsthriit „Israel"!