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Jüdische Rundschau · 1937-04-01 · Heft 26 (1.4.1937) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 26 (1.4.1937)
Date
1937-04-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 JODISCHE RUNDSCHAU Nr. 26, 1. IV. 1937 Eindrücke eines Kalifornien-Einwanderers Los Angeles, im März Reiseberichte und Vcrwandtenbriefe aus dem Ausland bringen Aufschluß über einzelne Zweige des öffentlichen Lebens — Gebrauche und Sitten — Wirtschaftsaussichten — politische Gesellschaften — usw., vermitteln jedoch selten ein Gesamtbild. Man erhalt mosaikartige Bruchstücke und kann sie nicht zu einem harmonischen Ganzen zusammensetzen. Die Folge davon ist, da Ii viele, beinahe alle Einwanderer, in der ersten Zeit der Ucbersiedlung aus den „Enttäuschungen" nicht herauskommen. Dennoch sei hier der Versuch unternommen, ein solches Gesamtbild zu entwerfen. Dabei muß betont werden, daß es sich nur um „erste Eindrücke" handelt, weder sollen sie eine Kritik darstellen, noch eine „Kenntnis" von La ml und Menschen. Amerikanische Stadt Los Angeles lieft ungefähr eine Autostunde vom Hafen San Pedro im Tale, umgeben von mittleren und höheren unhcwaldcten Gebirgszügen. Es hat bekanntlich das „beste Klima" der Welt, und di : 355 Tage Sonne sind sprichwörtlich gewoiden. Wenn es in diesen Tagen etwas trübe und regnerisch ist, so ist das eine — für den Europäer — angenehme Abwechslung. (I ur Kaufleute: Schirme, Regenmäntel, Gummischuhe sind aussichtslose Handelsartikel.) Nur zwei Stadtteile der an Ausdehnung grollten Stadt der Welt haben europäisches' Genräße. Das ist „down town", das Geschäftszentrum und „Hollywood". Man stelle sich diesen Teil, in dem sich die 5 ~o großen Warenhäuser und grollen Geschäfte befinden, wie das Geschäftsviertel Leipziger Platz bis Spittelmarkt in Berlin vor. Nur siuu nicht zwei Hauptstraßen wie doit vorhanden, sondern 8 -<) grolle Querstraßen, deren grollte — wie in New York -- der „Broadway" ist. Ein Teil umfaßt ausschließlich Enjjrosjrcschäfte (Wholesale). Da das Auto das Stralieiibild beherrscht, sind Tankstellen, Parkplätze im StralWiibi'd vorherrschend. Die Häusergruppen sind in Hau und Stil nicht einheitlich; größere neben halbstöckigeu, gepflej-te neben ungepflegten wechseln ab. Dazwischen leere - sogenannte Bauplätze — die für das Parken (Gebühr nach Stunde und Tag 5 5(1 Cent) benutzt werden. Diese Lücken weiden mich von Reifenliäudlern benutzt, und das grolle (ieuerbe der „used car" (gebrauchte Wagen) hat als Geschattslokal diese I lauserlücken. In schmaleren Häuserhicken haben Schuhputzer, Zigarrenständc, Limonaden- und Saiulu ichli.mdler ihren Stand aufgebaut, die letzteren in Buden, wie wir sie vom Jahrmarkt kennen, die ersteren haben hohe Sit/gestelle, auf denen fünf oder mehr Personen Platz nehmen können, um sich (ur 5 oder 10 cent die Schuhe ,,shinen" zu lassen. Der Putzer ist meist ein Farbiger. Bunter und abwechslungsreicher wird das Stadtbild durch die vielen Kinos, Dairv- und Lunclistnnoi. Die Kinos sind hier meist Tageskinos. Auf Außcnrcklame wird dabei ganz verzichtet. Keine künstlerischen Plakate, nur Leuchtbtichstaben verkünden die Titel und die Namen. Der Eintritt kostet im Durchschnitt 20-25 cent. Die Vorstellung dauert 3—4 Stunden. Lunchlokale, in denen es Getränke und Gedecke zu billigen Preisen gibt, sind ein Bedurfiiis, da der Amerikaner fast ausschließlich unterwegs ist. Der Amerikaner ißt viel, d. h. seine Lunch-, Dinner- und Sunper-Mahlzeiten sind immer Gedecke aus Suppe, Fruchten, Fleisch, Kaffee oder Limonade. Um Hollywood nicht zu vergessen: Der Stadtteil hat nur eine europaahnliehc Hauptstraße mit schönen Geschäften und einer Warenhausfiliale. Kinos sind dort wie im Zentrum eingestreut; jedoch die großen Filmateliers — z. T. in anderen Vorstädten — sind äußerlich dem Auge des Passanten nicht wahrnehmbarer als eine Fabrik. Diese beiden geschilderten Stadtteile stelle man sich in einem Netze von Siralienzügen dar, die mehr wie Chausseen ohne Baumreihen und ohne Chausseegraben aussehen denn wie Straßen. An den Krt'uzungsptinkten sind strahlenförmig wieder Geschäfte, „markets", Garagen und Häuser. Man findet also oft meilenweit freie Wiesen und ungepflegte Leerstellen. Man baut — bis auf einige Warenhäuser, Bürohäuser, Amtsgebäude, Hofeis — keine Wolkenkratzer, sondern kleine niedrige Ein-, Zwei- oder Vierfamilienhäuser. Wohl befahren Autobusse diese langen chausseearügeu Straßenz.üge als öffentliches Verkehrsmittel — während im Zentrum die „Elektrische" überwiegt — aber das Privatauto ist dennoch fast völlig unentbehr lich. Seme I Juterhaltung ist wegen der billigen Oelpreise nicht kostspielig;. Vom Wohnen Die I-läusergruppen liegen in den Seitenstraßen der begehrtebenen netzartigen Cliausscenzügc. Man hat weder Keller noch Böden, und Einwanderer sollten sich nicht zu viel mit aufzubewahrenden Koffern und Kisten beschweren. Üas gleiche gilt für Geschirr. Die Küche hat überall Frigidaire, elektrische Plätte und eingebaute schrankartige Nischen, meist eine „dinettc", d. heine Speiseecke in der Küche (zur Wohnung gehöriger Tisch und Bänke), Schränke kennt man nicht. Die Zimmer haben statt dessen „closets", das sind eingebaute Wandschränke, in denen Kleider, Mäntel, Hüte, Wäsche aufbewahrt werden können. Auch eingebaute Betten sinn meist gebräuchlich, doch findet man in einein „double" (2-Zimmer- Wohnung) fast nur eines vor, so daB mehrköpfige Familien hier zukaufen müssen. Die Mieten liegen bei einer 2-Zimnier- Wohnung zwischen $ 15 und 35 monatlich. Licht und Gas erfordern monatlich $ 2—3. Frigidaire ist meist in der Miete einbegriffen. Charakteristisch für die Wohnart und Lebensfewohnheit ist das Wohnen in Apartcmenthäusem, die in —5stöckigen Gebäuden ein Mittekling zwischen Hotel und Privatwohnung darstellen und die sich wohl in letzter Zeit auch in Europa ausbreiten. Man wohnt möbliert abgeschlossen für sich und hat im Oegensatz zum Hotel Küche, Geschirr, Bad usw. dabei. Man hat nirgends Verträge und kann täglich oder wöchentlich umziehen. Der Umzug ist kein Möbelwagentransport. So etwas sieht man hier nicht. Man ist nirgends gebunden, heute wohnt man hier, morgen hat man ein Geschäft, nächste Woche hat man einen „job", d. h. eine Arbeitsstelle. Geschäftsleben Detaillisten müssen beachten, daß sie auf „Passanten" nur in einigen Straßenzügen rechnen dürfen. Weder aus der Nachbarschaft noch aus dem Straßenverkehr setzt sich die Kundschaft zusammen. Wo aber wohnen die Milchhändler, das Zigarrengeschäft, der Friseur, der Fleischer, der Kolonialwarenhändler? Meist weit entfernt in „markets". Das sind markthallenähntichc Lokale — vielfach als „drive in markets'' angelegt. Was hat man in der Nähe und was braucht man? laragen, Tankstellen, Lunchstuben, Diese sind auch an den Straßenkreuzungen angelegt. Oft als „drive in". Man fährt mit dem Wagen heran und wird von Kellnerinnen im schmücken boy-dreß am Wagen bedient. Die Gewerbeerlaubnis erhält man nach Ausfüllung eines Fragebogens und Zahlung einer kleinen Jahresgebühr (S 4) am Schalter — wie die Einzahlung einer Postanweisung. Dadurch wird die Gewerbesteuer hinfällig. Einkommensteuer beginnt erst bei größeren Einkommen. Von der Umsatzsteuer, die hier dem Verbraucher in Anrechnung gebracht wird, sind Lebensmittel befreit. Nur in bestimmten Zweigen ist es komplizierter, z. B. Alkoholverkauf, Friseure und Schönheitspfleger. Für Freuen und Mädchen ist Kosmetik und Haarpflege ein großes Feld. Die Kenntnis der Landessprache ist unerläßlich. Man lernt weder in Kursen zureichend, noch auf dem Schiff, sondern wichtig ist, daß man 6—12 Monate ohne Lebensangst (d. Ii. berufslos) darauf bedacht ist, sich sprachlich einzuleben. Die Abendschule (night scbool) ist völlig kostenfrei, doch nach diesem System allein würde man 2—3 Jahre benötigen. Man hat hier im Leben den Grundsatz: „Take it easy'* (nimm es leicht). Das gibt dem Leben eine beschwingtere, heitere Note. Judisches Leben Neben den allgemeinen Radiostationen gibt es hier auch drei j i d dl s c h e Sender, die speziell jiddische Volksmusik und Synagogenmusik pflegen, im übrigen auch von geschäftlichen Ansagen die „Unterhaltung" bestreiten. Veranstaltungen jüdischer Organisationen gibt es in Fülle. Beinahe täglich finden picknicks und meetings (meist für die europäischen Juden) statt. Es gibt eine englisch-jüdische und eine englisch-jiddische Wochenschrift, ein jüdisches Magazin und jiddische Tageszeitungen aus dem Osten U. S. A. s. Hebräische Zeitungen sieht man nicht. Die jüdischen Blätter des Gesamtatislandes sind nicht käuflich. Nach Mitteilungen länger ansässiger Juden hat das jüdische Leben eine stark geselfschftliche Note, Problemtik, geistige und jüdisch-politische Fragen kommen nicht an die Oberfläche. Los Angeles soll zirka 80O0O Juden haben, wovon 3QO0O in einem bestimmten Stadtteil wohnen. Außerdem gibt es im Norden und Westen der Stadt einige Konzentrationspunkte, bei denen Synagoge, Talmudthoraschule, koschere Fleisch- und Fischwarengeschäfte, Restaurants, Zeifungshändier, Bäckereien dem jüdischen Milieu Ausdruck verleihen. Das ostjüdische Element Ist vorherrschend. Der Zionismus scheint in dieser Stadt keine wesentliche Rolle zu spielen. Die Orthodoxie und die jiddische Sprache ist nur bei den Alten anzutreffen, die auch die Synagogen füllen. Die Jugend scheint areügiös oder antireligiös zu sein. Der Gottesdienst entspricht dem östlichen Minhag. Im Westen der Stadt gibt es zwei Synagogen modernen Stils — Ganz- und Halbreform. Bei letzterer fällt das Aufpflanzen der amerikanischen und blau-weißen Fahne zu beiden Seiten des Vorbetertisches eigentümlich auf. Bekanntlich gibt es in der U. S. A. keine Gemeinden wie in Deutschland, so daß Synagoge und Gemeindeleben Vereinsangelegenheit ist. Als einzige Konzentration fällt die „Federatiou" auf, die Woliltätigkeits- und Arbeitsvermittlungsstelle ist. Der Lebensstandard Die Arbeitslosigkeit ist hier nicht geringer als in Europa, und es ist selbstverständlich, daß Einwanderer gar nicht oder sehr schwer an Arbeitsstätten unterkommen können, in dieser Beziehung kann auch die Stellenvermittlung nichts ausrichten. Wer aus Reiseberichten oder Zeitungen den Eindruck erhält, daß die jüdischen Organisationen Amerikas den „Emigranten" hilfreich aufnehmen und ihm zur Existenz verhelfen, mußte unangenehm enttäuscht werden. Das muß mit aller Deutlichkeit ausgesprochen sein. Ebenso ist die Situation bei den als Verwandten ins Land Gekommenen. Ist man im Lande, so muß man seine Existenz selbst aufbauen. Fast alle Enttäuschungen der Einwanderer haben die gleiche Ursache: das Nichtcinkalkulieren der Andersartigkeit der Menschen und der wirtschaftlichen Struktur. Das Leben selbst ist billig. Uebcr Mieten wurde bereits etwas fesagt. Lebensmittel sind preiswert und mit $ 1 kann eine —4köpfige Familie für tägliche Ernährung auskommen. Daher ist der Lebensstandard des Arbeiters und Angestellten hoch. Der ungelernte Arbeiter (Packer) verdient als Mindestlohn zirka $ W monatlich, eine ausgelernte Verkäuferin zirka $ 80—100 monatlich. Deshalb tritt die soziale Kluft zwischen Arbeitgebern und -nehmern nicht in Erscheinung. Es gibt keine Arbeiterviertel. Der Arbeiter ist weder durch Kleidung noch Umgangsform erkenntlich. Er hat mit seinem Brotgeber das Auto und die Kleidung gemeinsam. Er hat sein Häuschen, seinen Frigidaire, seinen Toaströster und seine Sandwiches. Ebenso ist das Verhältnis an der Arbeitsstätte zwischen Chef, Manager und unterstem Angestellten kluftfrei. Der Arbeiter und Angestellte — sofern er laufend Arbeit hat — kann sparen und sich mit $ 800—1000 Anzahlung sein Häuschen im Werte von S 3000 kaufen. Einwanderer mit $ 2000—3000 (für Anzahlung) können sogar ein kleines Zwei- bis Vierfamilienhäuschen kaufen und haben ein Einkommen von vielleicht $ 30—60 pro Monat außer freier Wohnung. Mit mehr Kapital kann man ein Appartementhaus erwerben, das mit Anzahlung von $ 3000 -5000 ein Einkommen von $ 100-300 abwirft. Isi Hepner Leonid Pasternak 75 Jahre Am 4. April wird der Maler und Graphiker Leonid Pasternak 75 Jahre. Pasternak, der in Odessa geboren ist tina u. a. die Münchener Akademie besucht hat, war ursprünglich nicht Berufskünstler, sondern promovierte in Rußland zum Juristen. Dennoch brach sehr bald sein großes künstlerisches Talent durch, und schon 1880 wurde eines seiner Gemälde, das damals ausgestellt wurde, für das Moskauer Museum angekauft. Auch eine Reihe anderer Galerien schmücken seine Werke, so das Pariser Ltixemboiirg- Muscum, das Petersburger Museum usw. Auch im Berliner Jüdischen Museum und im Tel-Awiwer Museum sind Werke von seiner Hand zu finden. Pasternak lebte später in Moskau, wo er eine Professur an der Malschule bekleidete, und kam nach dem Umsturz in Rußland nach Berlin. Hier wuchs sein Ruf, insbesondere als Porträtist; bekannt sind seine Porträts von Bialik, Sokolovv, Tschernichowsky. Corinth, Harnack und vielen anderen. Im Jahre 1021 unternahm Pasternak eine Reise nach Palästina, auf der er eine große Zahl von Aquarellen und Zeichnungen schuf, die im Jahre 1927 in einer großen Ausstellung in Berlin gezeigt wurden. Auch als Kunsthistoriker ist Pasternak bekannt geworden; w. a. schrieb er in hebräischer und jiddischer Sprache ein Buch über Rembrandt. Leonid Pasternak gehört zu den repräsentativen Gestalten der jüdischen Kunst, da er durch seine Herkunft aus einem zutiefst jüdischen Milieu trotz seiner westlichen Schulung und seinem Eindringen in die Probleme der europäischen Kunst dem innersten Gehalt nach eine zutiefst jüdische Erscheinung darstellt. gehen, und diese Sache kenne ich und finde ich nteht gut, also liehe ich mir meine Karte auf für das nüehstemal. Zwischen Tel Hamon und Midbaria ra«t das hoho pathetische Gerüst einer zukünftigen Freilichtbühne. Vorläufig produzieren sieh noch die versrhiedenen Theatcrgruppcn im Bet Am Kfar Esnuhimi. Das Bet Am ist ein großes Versammhingshnus, mit Partcrrcsit zen, Balkon und Bühne. Eigentlich bestimmt für die vierhundert Siedler Kfar Esrnchims, faßt es doch bis zu zweitausend Menschen. Bei Theatervorführungen fahren am Abend von allen Seiten Wogen und Autos heran, das ganze Emek versammelt sich: Angesehen von den Nachbarn Tnbatim, Ejn Oseh.er, Tel Hamon und Midbaria sieht man das Auto und den ganzen Wagenpark von Beth Gimmel und Kaikalo, ja sogar Mcrchawia und Afuleh schicken Theaterbesucher. Meistens werden für jeden Sicdtungspunkt einige Platzreihen reserviert, der Rest der Gaste muß stehen. In Tel Haman organisiert man die Sache so, daß man mit verkürztem Mittag arbeitet, dafür »bends früher Schluß macht und um halb sechs oder um sechs Uhr ißt, uro die Küche zu entlasten. Trotzdem ist es meistens das letzte Auto um halb neun oder neun, da» die Küche nach Kfar Esrachim holt, zu dem bereits vollständig überfüllten Bet Am, wo man gepfercht in den Gängen steht und gepfercht auf dem Balkon. Die Stimmung an einem Theaternbend in Tel Hamon ist die Stimmung einer theater* besuchenden bürgerlichen Familie. Es herrscht allgemeine Animiertheit, die Frauen putzen sich, sind nervös, kreischen hysterisch, wenn sie die bei Anbruch der Dunkelheit ausfahrenden Autos nicht rechtzeitig erreichen. Dann rennen sie quer durch den ganzen Meschek und geben gellende Schreie von sich: Wartet, wartet, wartet. So' nach innen gewendet das tägliche Leben verlauft, so sehr wendet sich das Leben bei solchen Anlassen nach außen. Die sonderbarsten Garderoben kommen zum Vorschein, aus der Zeit der zweiten Alijah. Aber trotz der großen Aufregung, trotz der großen Eile wird selten im Bet Am vor halb zehn begonnen. Denn die Hausherren, die Siedler von Kfar Esrachim, haben eine bestimmte gemeinsame Zeit, wo sie ihre Kühe melken gehen, neben der Tnuwahstation hängt ein Eisenring für den Milchalnrm. Sie müssen erst zu Ende melken, bis zum letzten Tropfen Milch, und dann das Ergebnis in Kannen zur Milchstntion schleppen, wo es sofort gewogen wird, gebucht und nötigenfalls gegen andere Milchprodukte eingetauscht. Erst wenn dieses Geschäft abgewickelt ist, kann man mit dem Theater beginnen. * Bartel habe ich in Kfar Esrachim nicht gesehen, und Hanni hat gesagt, sie müsse am nächsten Morgen um vier Uhr in die Küche, da sei es ihr nicht genug Schlaf, wenn sie um zwei Uhr nach Hause komme, vom Theater. Da ich um zwei Uhr zurückkehre und mein Zelt betreten will, höre ich sonderbare Geräusche, ich bremse meine Hand, die schon die Schnüre öffnen wollte, und trete einen Schritt zurück. Wieder dieselben Geräusche, Hanni sagt etwas Acngstliches, Bartel flüstert befehlend und böse zurück. Und ich gehe ins Chadar Oehel und lege mich auf eine Holzbank und schlafe bis um halb fünf. Dann erwache ich frierend und mit Zähncklappern, weil jemand neben mir steht. Es ist Hanni, die die Tische zurecht machen will für das Frühstück. Sie sieht mich komisch an. . Du, sagt sie, warum bist du nicht nach Hause gekommen? Jetzt tun dir die Knochen weh, und frieren wirst du auch sicher. Wir haben uns schon solche Sorgen um dich gemacht. Der Tag hat noch nicht angefangen, es ist Dämmerung, Aber den Bergen von Transjordnnien ist ein blaßroter Streifen am Himmel. Ich bin rnüde, die Knochen tun mir wirklich weh, eigentlich schlafe ich noch und neige dazu, alles sonderbar zu finden, sonderbare Dinge zu sprechen. Ihr liebt euch ja, sage ich und wische mir die Augen. Wie kann man hineingehen in ein Zelt, wo ein Liebespaar liegt. Ihr müßt bald ein eigenes Zelt bekommen. Aber ich erschrecke über meine eigenen Worte, auch Hanni erschrickt und setzt sich hin. Sie starrt plötzlieh auf den Boden, kaut an ihrer Faust, das Tischluch, das sie ausbreiten wollte, gleitet ihr Aber den Schoß. Ach, Dajan, sagt sie mit einem Seufzer, er will doch meine Eltern anfordern, sein Cousin hat ein Tnuwahgeschäft in Ilaifa und geht jetzt zur Siedlung, wie ich Bartel kenne, wird er Prozente verlangen von meinen Eltern, wenn er sie da hineinsetzt. Und das alles ist ohne Liebe deinerseits? frage ich, es ist wie Gerichtsstände, Traumstimmung, vor den klaren Symbolen des Traums zerfällt das Versteckspiel des Tages. Hanni schweigt einen Augenblick. Dann plötzlich strömt es aus ihr heraus: Ach, du weißt nicht, was war, du bist der einzige Mensch, der es jetzt wissen soll, bitte, sprich mit niemandem darüber, es ist so schrecklieh. Bartel hat seinerzeit sehr schnell meine ganze Lage erfahren. Eines Abends, es ist schon dunkel, gehe ich die Wäsche abnehmen, die ich zum Trocknen aufgehängt hatte, unten im Schuppen, wo das Holz zerkleinert wird und wo auch da« Faß mit dem Neft steht, du weißt schon. Der Mond scheint, oben im Lager bereitet man sieh zum Abendessen vor. Gleich, wie ich an den Schuppen herankomme, erschrecke ich, weil jemand neben dem Petroleumfaß sitzt. Aber Bartel sagt: Ich bin es. Das sollte mich nun erleichtern, aber es beschwerte mich. Natürlich habe ich meine Wäsche abgenommen, so als ob nichts wäre. Ich fühlte, wie Bartel aufstand und an mich herantrat. Ach, es war schrecklich. Er hat wild um sich geworfen mit sämtlichen Redensarten von Kibbuz und Chewrah und ChaluziutJi, so als ob wir uns alle im gleichen Zuchthaus befinden und voreinander nicht zu schämen brauchen, dann hat er noch von meiner persönlichen Lage gesprochen, die er so scharf erfaßt hatte, und schon geschah das Schreckliche, dabei hat er immer schneller diese blöden Redensarten wiederholt, wie ein Irren gestammelt: Kibbuz, Chewrah, Chnluziuth und so weiten Was nun sein wird, weiß ich nicht. Er klebt wie eine Klette. Du siehst ja, er macht mich zum Partner eines Liebespaares^ auch du sagst schon, wir sind ein Liebespaar. Unten aus der Küche kommt ein zweiter Thoran herauf und will ebenfalls die Tische decken. Hanni fährt zusammen, wie jemand, den man ertappt bat, und vvill aufstehen und zu ihrer Arbeit eilen. Ich weiß nicht, was das ist, ich interessiere mich plötzlich mehr für Bartel als für Hanni, os ist eine Art Grausamkeit, di« mein Mitleid mit Bartel größer macht als mein Mitleid mit Hanni. Das sage ich ihr, der arme Bartel, da bleibt sie erstaunt stehen und sieht mich ganz lange an und schüttelt den Kopf. Dann erst geht sie zu den Tischen. Ich bleibe noch einen Augenblick sitzen, grüble, wunder« mich über meinen Mangel an Eifersucht. Der arme Bartel. Zu solchen Explosionen fuhrt die geistige Auffassung von der Chewrah, daß man sie zynisch umbiegt und mit vollem Bewußtsein einer Frau als Chlormaske aufsetzt, dazn sind diese Waden Redensarten gerade gut genug, und von Piff bi« Dajan Sommer leben wir alle in einer schreckliehen sexuellen Verhinderung, weil wir ja besser sein wollen als die andern, weiße Engel, Wachsfiguren der Reinheit. Langsam verbreitet sich der blaßrote Streifen über den . Bergen Transjordaniens, füllt den ganzen Himmel mit Tag. Ich wasche mir das Gesicht und gehe hinunter in den Pferdestall. * Tisari fragt mich eines Tages nebenbei, wer gestern die Miklachath sauber gemacht hat. Und er lächelt, da ich ihm sage, ich sei es gewesen, und stützt sieh, abhumpelnd, mit ganzem Gewicht auf den Stock und sagt: Daher sei os auch so sauber gewesen. Tisari und ich sind zuständig in der gleichen Miklachath. (Fortsetzung tolgt.) I t

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