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Jüdische Rundschau · 1937-04-01 · Heft 26 (1.4.1937) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 26 (1.4.1937)
Date
1937-04-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
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am von An- Nr. 26,1. IV. 1937 JODISCHE RUNDSCHAÜ Seite 5 « Uli Zum Jubiläum einer Sprache Nach einer schönen und auch bei manchen Gelehrten wiederzufindenden Meinung hat es ursprünglich nur eine Sprache gegeben, die wir die Sprache des Paradieses nennen wollen. Dann kam die Vertreibung aus dem Paradies und die Sprachkatastrophe beim Turmbau von Babel, und seitdem kann man sich nicht mehr recht verständigen. Wenn aber erst wieder alle Menschen die gleiche Sprache sprechen werden, dann wird die Erde wieder das Paradies sein. Um nun auch ihren Anteil an der Herbeiführung paradiesischer Zustände zwischen den Menschen zu leisten, haben einige gemeint, eine neue Sprache erfinden zu sollen. Sie hätten allerdings ebenso gut für die Verallgemeinerung einer der schon vorhandenen Sprachen wirken können, aber sie hielten wohl alle existierenden Idiome für ungeeignet, und tatsächlich sind alle natürlichen Sprachen der Menschenvölker landschaftlich, geschichtlich und politisch „vorbelastet", und auch die Unbequemlichkeit, sie zu erlernen, die Wirrnis ihrer Struktur hat etwas vom Fluch jener babylonischen Katastrophe zurückbehalten. Man glaubte also, Sprachen erfinden zu können und zu sollen, in denen die Wortbildungen aller Sprachen in unbedingt regelmäßiger und leicht faßbarer grammatischer Anwendbarkeit wiederkehren, und man verstand unter allen Sprachen nicht gerade auch die chinesische, die Eskimo- und die Kaffernsprache, sondern einige der verbreitetsten europäischen und unter der idealen Spraehwendbarkeit eine mehr oder weniger von Ausnahmen geläuterte und modernisierte lateinische Grammatik. Aber wie man es auch angefangen hätte, um mit einer neuen, besseren Sprache all die zahllosen schlechteren Sprachen zu verdrängen und so zur Vereinigung und Vereinheitlichung der Menschen beizutragen, es scheint doch der Fluch der erfundenen Sprachen zu sein, daß sie das Gegenteil ihrer Bestimmung erreichen, daß sie die babylonische Verwirrung noch vermehren, indem sie die Anzahl der Sprachen vergrößern. Konnte man sich vor Zeiten zu Babel mit dem Turmbaumeistcr nicht verständigen, weil man nur seine eigene Sprache verstand und nicht ahnen konnte, welche von den tausend übrigen Sprachen der andere redete, so ist mittlerweile die Sprachverschiedenheit nicht nur natürlich gewachsen, sondern auch noch künstlich durch Esperanto vermehrt worden. Dieses Kunstprodukt ist jetzt fünfzig Jahre alt. Die Idee einer Einheitssprache ist ein weitig älter, und der Wunsch nach einer „normalen" und uniformen Grammatik war schon den Alien gemäß, die sich veranlaßt fanden, an der Identität von Grammatik und Logik, an der Uebereinstimmiuig von Denkrichtigkeit und Sprachbrauch zu zweifeln. Da die Stoiker Anomalien ihrer Sprache wahrnahmen, könnte ihnen eine Art Esperanto als Ideal vorgeschwebt haben. Unsere lateinische Grammatik ist ein Kompromiß zwischen Anomalisten und Analogisten. Hätten die Anomalisten gesiegt, gäbe es keine Grammatik, hätten die Analogisten gesiegt, gäbe es ein bequemes lateinisches Esperanto. Das wäre für die vielen Generationen von Lateinschulen! gewiß sehr bequem gewesen, für das bessere Einvernehmen zwischen den Völkern aber schwerlich von Bedeutung; das Lateinische war überdies zwar jahrhundertelang Weltsprache, aber nur für europäische Gelehrte und Geistliche. Das Schaffen von Kunstsprachen für alle Menschen kam erst im FJ. Jahrhundert in Mode, und ebenso bezeichnend für den schönen und vielleicht lebensfremden Idealismus wie die Ausarbeitung des Volapük durch Schleyer, der Prälat war, und die Propagierung des Ido durch Ostwald, der Monist war, ist die Tatsache, daß der Erfinder des Esperanto, Ludwig Zaiuenhof, Jude war. Er wurde 1S5(J in Bialystok geboren, sein Vater war Gymnasiallehrer, ein systematischer Kopf, schon ziemlich assimilatorisch und aufklärerisch, die Mutter gläubig, sentimental, phantasievoll; von diesen Eigenschaften beider Eltern scheint Zamenhof das Beste geerbt zu haben, mit dem Resultat, daß er an der Härte und Kompliziertheit seiner Umwelt zu etwas wurde, was man einen Idealisten nennt. Ihn erschütterten Jtigenderlebnisse im Völkergemisch seiner Geburtsstadt, wo Weißrussen, Polen, Litauer, Deutsche und Juden nicht immer friedlich miteinander lebten, und die Schuld der bei Zusammenstößen Leidenden bestand nach Zamenhof „nur darin, daß sie eine andere Sprache redeten oder einer anderen Religion angehörten" als die Angreifer. Woraus zu entnehmen ist, daß er mit den Angegriffenen vornehmlich die Juden meinte. Was die Religion angeht, so war sie für Zamcnhofs Lebensarbeit nicht von Bedeutung, sein Idealismus suchte vielmehr den scheinbar schwächsten Punkt des widerspenstigen Problems, die „andere Sprache", womit er aber insofern fehlging, als bekanntlich Judenverfolgungen auch schon in Ländern vorgekommen waren, wo es zwischen Juden und Kichtjuden keinen Sprachunterschied gegeben hatte, so im arabischen Kulturkreis des Mittelalters. Dennoch war Zamenhof der Meinung, daß derartige Mißverständnisse nur möglich wären, wenn zwischen Nationen die „dicken Mauern" der Sprachverschiedenheit stünden, und so beschloß er früh, der Völkerverständigung mit der Sprache zu dienen, die er dann systematisch geschaffen hat. Er wollte so durchaus nicht nur die Judenfrage lösen, aber da er Jude war und da ein typisches Judenerlebnis seinen Weg offenbar bestimmte, dürfen wir das Esperanto betrachten als einen der zahlreichen Versuche, die Judcnfrage durch Assimilation zu lösen, und zwar die Assimilation nicht nur der Juden, sondern aller Menschen und nicht an einen schon vorhandenen, sondern an einen erst zu erreichenden Zustand. Während diese Art von Weltverbesserung zwar alle Menschen fordert, fordert sie von jedem doch nur eine Kleinigkeit, und vielleicht war sie nur eben zu bequem, um vollzogen zu werden, und zu vernünftig, um wahr zu sein. Zamenhof selbst hat sieh's keineswegs bequem gemacht. Er studierte im Gymnasium zu Warschau mit Feuereifer Griechisch und Latein, plante schon damals die „Weltsprache" nach klassischem Muster, aber „Latein ist zu schwer, die Grammatik zu trocken". Er diskutierte mit Freunden über die zu schaffende „Universalsprache", als er Medizin studierte, Gedichte schrieb, in Moskau endlich mit der Verwirklichung seines Planes begann, wie es eines Idealisten würdig ist: für eine Welt, die es noch nicht gibt, für ein Publikum, das noch völlig ahnungslos ist, übersetzt der Student Heine, Gogol, Nekrassow, Goethe, Schiller und Byron und — die Bibel. Und Esperantisten, die es wissen müssen, versichern, daß die Uebersetzungen meisterhaft sind und besonders die Uebcrsetzung der Bibel sei „schöner als das Original". Wieder in Warschau, nimmt sich Zamenhof dann Shakespeares an. Nun ist sein Bücherschrank voll eigener Arbeiten, da liegt „eine fertige Sprache" und die Doktorarbeit des Fünfundzwanzigjährigen, der nebenbei noch Geld verdienen muß und einen Verleger sucht. 1SS7 heiratet er, der Schwiegervater hilft ihm, das erste Buch herauszugeben, der Autor zeichnet „Dr. Esperanto". Von 1S9S an praktiziert er als bald ungemein populärer, weil menschenfreundlicher Augenarzt in der Straße des Warschauer Judenviertels, die jetzt nach ihm heißt und deren arme Bewohner er „die richtigen Menschen, die richtigen Juden" nennt. Tagsüber ist er der Arzt, abends der Mann der „Sprache der Hoffnung", die eine Sache der Enttäuschungen ist, bis 1005 der erste Esperantistenkongreß zustande kommt, und für deren völkerverbindendes Ziel der Weltkrieg erst recht eine Enttäuschung wird. 1917 stirbt Zamenhof, nach einem Leben also voller Arbeit, Hilfsbereitschaft und edler Ziele, nach einem großen und armen Leben der Hoffnung, einer der vielen jüdischen Don Quichotes, deren Kraft, Geist und Güte dem jüdischen Volke viel hätten helfen können, wenn es sie nicht getrieben hätte, die ganze Welt zu beglücken. Aber das jüdische Volk war auch ihm zu wenig, und zum Zionismus äußerte er sich 1913 mit der für seine Voraussetzungen konsequenten Abneigung gegen Nationalismus überhaupt: er glaube, die Aufgabe für alle Menschen sei, die Harmonie zwischen den Menschen zu schaffen; es sei richtig, daß die Totalität lies Volkes not tue, er glaube indessen, daß er mit seiner Arbeit „meinem unglücklichen Volk mehr Gutes bringen werde als mit den Zielen des Nationalismus". Die Anfrage, auf die Zamenhof so antwortete, war von Hebraisten ausgegangen; wahrscheinlich wurde Zamenhof dadurch bestärkt, an —MAGISTER KIRSCH— Der gute Likör Magister-Likörfabrik, München VII. In Berlin iu bujleh. durch di» Wilngroßhandlung Bernhard Brauer, BurgstraB» 3 / Rul: 5143 40 Stelle des eigentlichen Zusammenhangs von Nation und Sprache einen uneigentiicheii Zusammenhang von Nationalismus und Sprache anzunehmen und anzugreifen. Denn wie etwa ein Hehraist das Esperanto als eine durch nichts als die volklose Vernunft gerechtfertigte und den Menschen erst aufzuredende, also noch tote Sprache ablehnen konnte, so konnte damals auch der Esperantist das Hebräische als eine durch nichts als die völkische Unvernunft gerechtfertigte und den Juden erst aufzuredende, also auch noch tote Sprache ablehnen. Ja, wenn man die Schaffung einer Kunstsprache als Donquichotciie betrachtet, warum nicht auch die gewaltsame Wiederbelebimg einer toten Sprache? Wenn Zamenhof ein Don Ouichote war, weil er sich fein säuberlich eine Sprache konstruierte, warum nicht auch Elieser ben Jeluuia, Zamenhofs Zeit- und Altersgenosse, der so radikal jüdischer Nationalist war wie Zamenhof das < icgeuteil davon und der mit dein gleichen Eifer sein allgemeines hebräisches Wörterbuch schuf wie Zamenhof sein Esperanto? Der Unterschied ist fundamental, er gleicht dem Unterschied zwischen einem lebendigen Menschen und einem I lomunculus. Esperanto ist sicherlich ein Vcrstämljguiigsiiiittcl, nur keine Sprache, und Hebräisch war vielleicht zeitweise kein Verständigimgsmittel, aber immer eine Sprache. Eine Sprache laßt sich zum Verdruß der Grammatiker nicht auf Flaschen was amlerem IcucN eil wußten, is Wort ic to was tot \ Ulli: ziehen, eine Sprache i-t nicht nicht zu „niaihen", sclnm »r genial! zu sagen ist, was Sprache unter drucken ist. Was vo zu sagen, wenn wir nehmen wir sogar d gebrauch für gestorbene In so wirre doch I Idiotisch im irgciiKlun Jude ein Toten.-e es war aber auch sonst in zwar für mausetot gilt — in dem Wort m; ein Fetzen Hebräisch —, aber außer in und in der katholischen .Wesse in zah Windungen em.ipäisilier Sprachen weiter jetzt in Palästina so kräftig aulii. bt, mag it \ ernunft, ist überhaupt übe; lumpt nicht Vernunft« ich Sprache ist, und weil, ni! Sprache auszuache ist, wäre erst ["od ist, aber übernr üblichen Sprachun-vr Ah draktum, v'csetr, solange noch i gesprochen hätte,;cr ais Latein, das usetot lebt übrigens dem Wissenschaften Hosen Worten und elit. Dali Hebräisch kern Beweis Regen s gibt es für sie? ung ausgehen, daß dich und angeboren in; vergessen haben nur e Spi de r eil' Kunstsprachen sein, aber welchen Bewc Der Hehraist wird von der Vor.iUsscS/ ihm seine Sprache seit Urzeiten eigeinur ist, dal! er ihren Gebrauch gcschlcchtci I; mag wie ein Kranker den Gebrauch seiner Gliedmaßen und daß er gesundem! sie zuerst schwer, aber allmählich mit instinktiver Vollkommenheit wieder gebrauchen lernen wird, aber er wurde sieh wie ein Xarr vorkommen, wenn er, nur weil er gerade bettlägerig ist, sich die Beine amputieren und dafür zwei nach allen Regeln der modernsten Prothcsenteehnik exakt konstruierte Holzbeine anschnallen lassen sollte. Leo Hirsch Der Bildhauer und Graphiker Alexander Oppler, der vor einigen Tagen verstorben ist, wurde besonders durch eine Reine von Ponräfbüstcn bekannt. Bei der internationalen Ausstellung in München 1913 erhielt er die Große Goldene Medaille. Nach dem Kriege beschäftigte er sich hauptsachlich mit Graphik und schuf auch hier wieder in der Hauptsache Portiätradieriingen. Alexander Oppler, der aus einer Ktmstlerfamilie stammte, war der Sohn des Architekten Edwin Oppler, der besonders auch als Svnagogenbauineister in Hannover und Fireslau hervorgetreten ist. Er war der Bruder lies Malers und Radierers Ernst Oppler, der 192'! starb. Im Auftrag des Präsidenten der polnischen Republik hat ler polnische Gcsaikltc im Haag eleu Amsterdamer indischen icii die 1: s t i t u t der polni Bankier I). H. van Dam fc ziers des O r (I e ns Pol o n i a Die Auszeichnung van Dario, eines beka erfok-te in Anerkennung, seiner Verdienst der holbindiseh-oolnisi Iren YX'nTobritishe zi Mgnen unes Offit überreichen lassen, nten Philanthropen, um ehe Förderung Illingen. Nae-hdrudc vrrhoten Alle (auch Ucbcnsctzungs-) RecMe vorbehalten £lmji> Ho*i<\n-bvLL)<)ie vok CHADI/V\ SCHWARZ KIBBUZ t>f v TtitoqLC zweiter TV.il; 9. Fortseb.img Ja, sagt; er mir, ich habe schon lange bemerkt, es ist eine sonderbare trockene Chcwrc, die aus Deutschland, sie haben kein Leben, sie sind alle, tot, achtzig Jungen und Mädchen, und kein Lachen ubends und kein Spazierengehen Ann in Arm und keine Romantik mit Buchurolh, in den warmen Nächten der Maschtelali. Sic haben selbst, kein Leben, verlangen von den Alten, daß man ihnen Leben gibt. Ihnen ist nicht zu helfen. Ich erinnere mich, wie dieser Tag im Pardoss mir meine Ruhe wiedergab und wie ich ulKinds zurückkehrt« und fühlte, daß ich eine Wand aufgerichtet hatte zwischen mir und denen aus Deutschland, daß ich innerlich übergegangen war ins Lager der Vatikim. * Mit Hngcseher habe ich komische Erlebnisse. Akschani hat ja meine Aufmerksamkeit auf den berühmten Bruder Hngeschcrs gelenkt. Jetzt laufe ich eines Tages Ilngcseher nach und frage ihn, was er für ein Verhältnis mit seinem Bruder habe. Ein Verhältnis, sagt er. Ich habe ein Verhältnis. Nun ist es so mit Hagescher, daß er als Außenseiter gilt und daß einige Leute schlecht über ihn reden. Neulich habe ich Küchendienst und stehe nm Abwaschbecken, z.u- 1 fi Kämmen mit jenem Vatik vom Gnn J'rakot, an den mich Kaz i empfohlen hat. W ir waschen Geschirr, und ich höre, wie der eine Vatik zum zweiten sagt: Ja, Hageseher, das waren jene großen Zeiten, als es noch Sensation war, wenn Hagescher drei Worte in der Assefa zu sagen geruht«. Und der andere ergänzte zwinkernd: Es ist jene Familie. Ich habe darüber nachgedacht, wie es kommt, daß ein so eioßer Mann, von dem Bücher erscheinen und an dessen ^in :r. eine solche Mvthe hangt, seinen Bruder einen kleinen PM-d«üs«a in Tel Hamon »ein laßt, wahrend er selbst wie ein König durch die Reiche fährt. Ich nehme nn, daß Hagescher irgendwie Meinungsverschiedenheiten hat mit seinem berühmten Bruder, und da ich eine Schwäche habe für die unentdeekten Geschwister der Großen, besonders, wenn über sie am Ort böse geklatscht wird, erscheint mir schon Hagescher in einem Märtyrerlich}, und ich laufe ihm wieder nach und frage ihn: Ob er «ich niiht zankt mit seinem großen Bruder, weil doch alle Geschwister sich miteinander zanken. Warum zanken? sagt er. Nein, wir zanken uns nicht. Ich schäme mich plötzlich, weil mir scheint, daß ich inich blöde benommen habe. Eines Tages sitze ich mit Hagescher morgens im Wagen, und neben uns'sitzt jener Sabbreh, der damals den Pcitschcninjan hatte. Der Sabbreh kann hebräisch und Hagescher kann hebräisch und sie führen ein herrliches hebräisches Gespräch, so daß ich schrecklich eifersüchtig werde. Wieder schäme ich mich, weil ich bemerke, daß Hagescher meine Eifersucht bemerkt. Ein andermal gibt es große Heiterkeit, weil ich Hagescher eine Szene mache. Er hat irgendwelche Worte ausgetauscht mit einem zweiten Vatik, wie das Leben sei, wie im Traum, und ich habe verstanden, man habe gefragt, wie Dajnn sei, und er habe geantwortet: Er arbeite träumend, er schläft. Da stelle ich mich hin, eingedenk der Dinge, die mir seinerzeit Zadek erzählte, und sage zu Hagescher: Höre mal, mein Lieber, bitte sage mir ins Gesicht, wie ich arbeite, ich habe ja kein Maß für Arbeit, ich kann ja meine Arbeit nicht beurteilen, aber im Rücken sollst du nicht schlecht« Dinge über mich reden. Erst staunt er, dann lacht er, da sich das Mißverständnis klärt. Alles lacht. Hagescher verscheucht mich mit Lachen wie eine Fliege von der Nase. Ich schäme mich, bodenlos. Dann wieder sind andere Gespräche im Gange, die ich nicht verstehe, über Hagescher und mich, in Hagesehers Gegenwart. Sie sehen mich von der Seite an und lachen und vergleichen mich mit irgendeinem andern, der mal hier in Tel Hamon gewesen sein und Hagescher nachgestellt haben muß, mit Absichten, die ins Gebiet der Psychotherapie gehören. Und wieder schäme ich mich, ich weiß nicht, was das ist, daß mein Werben um Ilagescbcrs Freundschaft so komisehe, schiefe Situationen produziert. Sarah Kinski hat mir gesagt, daß Hagescher einer der klügsten Leute von ganz Tel Hamon sei. Am Abwaschbecken in der Küche ist er zwar nicht sehr beliebt. Aber alle neuen Einwanderer sagen übereinstimmend, daß ihnen niemand so .sympathisch ist wie er. Später wurden wir die besten Freunde und hatten stundenlange hebräische Diskussionen. * Zu der Arbeit des Kulturwaads, besonders in Herbst, Winter und Frühjahr, gehört die mindestens einmal wöchentlich stall iindende Füllung eines Abends mit Musik oder Vortrag oder '1 heater oder einer .sonstigen Veranstaltung. Diese Dinge erfreuen sich verschiedener Popularität, werden von den verschiedenen Schiebten 'Fe! Hanums \ersehieilen aufgenommen. Die Professoren Jerusalems und anderer Universitäten werden angehimmelt von einer gewissen int ei 1 ektualislischcn Schicht, in der sieh fünf oder sechs wirklich geschulte Leute he linden, während der Best eine Schar ehrgeiziger, phantasiebegabter Dilettanten darstellt, die das Räuspern und Husten der W'issenschalt genau kopieren und bei praktischen Vorkommnissen bombastische Trugschlüsse ziehen, mit der Miene des Unfehlbaren. Der Gang zur Musik ist freudiger und einheitlicher als der Gang zum Professor. Hier treten zwei andere Schichten hervor, Leute, die den Mittelpunkt der Welt als Schuheinlage tragen und den einfachen Arbeiter zum Idealtyp erklären, Neandertaler mit, kurzer Stirn, und jene Mittelschicht zwischen nichts und alles, die Schicht der musikverständigen Don Juans, die der ernste Mann abgekürzt nennt: Trottel. Gerade auf musikalischem Gebiet hat Tel ilnmoii den Ehrgeiz, sieb mit dem Bestich großer berühmter Geiger, Klavierspieler und Sänger zu schmücken. Trotzdem gibt es Leute, gerade zwischen den Allen, die genug Abstand und Kritik haben, um nm nächsten Tag sagen zu können: Er hat mit Technik brilliert, er hat uns etwas leicht genommen. Ueberhaupt wird am nächsten Tag bei der Arbeit noch einmal alles durcherlebt, alles noch einmal durchgesproch.cn. Die InteHcktunlistischcn loben die Sätze der Professoren, die Wundertrottel mit. der Musikbegabung singen noch einmal die schönsten .Stellen, ganz, zu schweigen von dem Tag nach einem Theaterabend, wo die vierte Schicht endlieh zum Vorschein kommt, die Jugend, die mitten in der Arbeit, Turiah und Spitzhacke in der Hand, ganze Szenen zu spielen beginnt. Theaterabende sind Ereignisse besonderer Art, besonderen Urnfanges. Sie wurden wochenlang vorher angekündigt mit großon Plakaten, die man im ( hadar Ochel aufhängt, in der Mnskirut, im Lesezimmer. Jeder Chawer hat das Recht, viermal im Jahr ins Theater zu geben. Manchmal werden Rechnungen gemacht: Ich kann nur noch einmal -? > V .!

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