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Jüdische Rundschau · 1937-03-26 · Heft 24-25 (26.3.1937) · page 12

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 24-25 (26.3.1937)
Date
1937-03-26
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seffe 12 JODISCHE RUNDSCHAU Nr. 24/25, 26. III. 1937 Über hebräische Poesie / Von Alexander von Humboldt Aus dem aweiten Bande des „Kosmos" (1845) Die Versenkung in die Schätze der hebräischen Literatur ist eines der wichtigsten Elemente des jüdischen Lebens. Viele Juden haben leider keine Ahnung davon, welche Werfe in dem geistigen Erbe ihres eigenen Volkes aufgespeichert sind und in jeder jüdischen Generation ihrer Erweckung harren. Besonders heute, in der Zeit einer Riiekwcndung zum Judentum, ist die Herstellung einer echten Beziehung zu diesem Geistesgut eine Lebensfrage für uns. Ein Ansporn zu dieser mühevollen Tätigkeit der Erlernung der hebräischen Sprache und des Verlrautwerdens mit der hebräischen Literatur kann für viele darin liegen, daß sie sich erinnern, wie sehr diese Literatur auch von bedeutenden Nichtjuden geschätzt wurde. Unter diesem Gesichtspunkt ist die Wiederaufjrischung der nachfolgenden Aeußerung, die uns ein Leser übersendet, als eine Mahnung an die Juden zu verstehen. Viele Juden werden beschämt sein, wenn sie sich überlegen, daß jüdische Poesie von Nichtjuden besser gekannt und mehr geschätzt wird als von Tausenden Juden' unserer Zeit. Wenn mancher Leser dadurch nachdenklich wird und sich entschließt, selbst an die Fundgrube des hebräischen Schrifttums heranzugehen, so wird dieser Hinweis einen nützlichen Zweck erfüllt haben. (Red.) -MAGISTER KIRSCH—i Der gute Likör Msglttar-Likoi-Iabrlk, Manchen VII. In Berlin zu bazleh. durch dl« WnlngroBhandlung Bernhard Brauar, Burg»trafia 3 / Ruf: Sl 43 40 Bei der Betrachtung dessen, was in der Lebendigkeit dos Naturgefühls und der Form seiner Aeußerungen von der Verschiedenheit der Rassen, von dem eigentümlichen Einflüsse der Gestaltung des Bodens, von der Staatsverfassung und der religiösen Stimmung abzuhängen scheint: bleibt uns übrig, einen Blick auf die Völker Asiens zu werfen, welche mit den arischen oder indogermanischen Stämmen, den Indern oder Persern, um meisten kontrastieren. Die semitischen oder aramäischen Nationen zeigen uns in den ältesten und ehrwürdigsten Denkmälern ihrer dichterischen Gemütsart und Schaffenden Phantasie Beweise eines tiefen Naturgefühls. Der Ausdruck desselben offenbart sich großartig und belebend in Hirtensagen, in Tempel- und Chorgesängen, in dem Gesang der lyrischen Poesie unter David, in der Scher- und Prophetenschule: deren hohe Begeisterung, der Vergangenheit fast entfremdet, ahndungsvoll auf die Zukunft gerichtet ist. Die hcbrüis« he Dichtungsw«ise bietet den Bewohnern des Abendlandes bei ihrer inneren, erhabenen Größe noch den besonderen Hui/,, daß sie mit den lokalen Glaubcnserinnerungen der Anhänger von drei weitverbreiteten Religionen: der mosaischen, christlichen und mohammedanischen, vielfach vcrwtlil ist. Durch Missionen, welche der Handelsgeist und die fcrobcrunsH.su« ht sehil fahrender Nationen begünstigen, sind geographische Namen und Naturschildcrungen des Morgenlandes, wie sie die Schriften des alten Bundes uns aufbewahrt, tief in die Wühler der neuen Welt und in di« Inseln der Südsce eingedrungen. Es ist ein charakteristisches Kennzeichen der Naturpoesic der Hebräer, daß sie, als Reflex des Monotheismus, stets das Ganze lies Wellalls in seiner Einheit umfaßt: sowohl das Erdenlcben als die leuchtenden Himmelsräumc. Sie weilt seltener bei dem Ein/.elnen der Erscheinung, sondern erfreut si< h der Anschauung großer Massen. Die Natur wird nicht geschildert als ein für sich Bestehendes, durch eigeno Schönheil Verherrlichtes; dem hebräischen Sänger erscheint sie immer in Beziehung auf eine höher waltende geistige Macht. Die Natur ist ihm ein Geschaffenes, Abgeordnetes, der icWndige Ausdruck der Allgegenwart Gottes in den Werken der Sinnenwelt. Deshalb ist die lyrische Dichtung der Hebräer schon ihrem Inhalte nach großartig und von feierlichem Ernst; sie ist trül>e und sehnsuchtsvoll, wenn 6ic die irdischen Zustände der Menschheit berührt. Bemerkenswert ist au« h noch, daß diese Poesie trotz ihrer Grüße, selbst im Schwünge der höchsten, durch den Zauber der Musik hervorgerufenen Begeisterung fast nie maßlos wie die indische Dichtung wird. Der reinen Anschauung des Göttlichen hingegeben, sinnbildlich in der Sprache, aber klar und einfach in dem Gedanken: gefällt sie sich in Gleichnissen, die fast rhythmisch, immer dieselben, wiederkehren. Als Naturbeschreibungen sind die Schriften des alten Bundes eine treue Abspiegelung der Beschaffenheit des Landes, in welchem das Volk sich bewegte: der Abwechslung von Oedc, Fruchtbarkeit und libanotischer Waldbedeckung, die der Boden von Palästina darbietet. Sie schildern die Verhältnisse des Klimas in geregelter Zeitfolge, die Sitten der Hirtenvölker und deren angestammte Abneigung gegen den Feldbau. Die epischen oder historischen Darstellungen sind von naiver Einfachheit, fast noch schmuckloser als Herodot, nalurwahr: wie, bei so geringer Umwandlung der Sitten und aller Verhältnisse des Nomadenlebens, die neueren Reisenden einstimmig es l>ezeugen. Geschmückter aber und ein reiches N.iturlebcu entfaltend ist die Lyrik «1er Hebräer. Man möchte sagen, daß in dem einzigen 104. Psalm das Bild des ganzen Kosmos dargelegt ist: „Der Herr, mit Licht umhüllet, hat den Himmel wie einen Teppich ausgespannt. Er hat den Erdhall auf sich selbst gegründet, daß er in Ewigkeit nicht wanke. Die Gewässer quellen von den Bergen herab in die Taler, zu den Orten, die ihnen beschieden: daß sie nie übersehreiten die ihnen gesetzten Grenzen, aber tränken alles Wild des Feldes. Der Lüfte Vögel singen unter dem Laube hervor. Saftvoll stehen des Ewigen Bäume; Libanons Zedern, die der Herr selbst gepflanzt: daß sich das Federwild dort niste, und uuf Tannen sein Gchttus der Habicht baue." Es wird beschrieben „das Weltmeer, in dem es wimmelt von Lehen ohne Zahl. Da wandeln die Schiffe, und es regt sich das Ungeheuer, das Du schufest darin zu scherzen". Es wird „die Saat der Felder, durch Menschenarbeit bestellt, der fröhliche Weinbau und die Pflege der Oelgärtcn" geschildert. Die Hiinmelskör|>er gel>en diesem Naturbilde seine Vollendung. „Der Herr schuf den Mond, die Zeiten einzuteilen; die Sonne, die das Ziel kennt ihrer Bahn. Es wird Nacht: da schwärmt Gewild umher. Nach Raube brüllen junge Löwen und verlangen Speise von Gott. Erscheint die Sonne, so heben sie sich davon und lagern sich in ihre Höhlen; dann geht der Mensch zu seiner Arbeit, zu seinem Tagewerk bis Abend." Man erstaunt, in einer lyrischen Dichtung von so geringem Umfange, mit wenigen großen Zügen, das Universum, Himmel und Erde, geschildert zu sehen. Dem bewegten Elementarleben der Natur ist hier des Menschen stilles, mühevolles Treiben vom Aufgang der Sonne bis zum Schluß des Tagewerks am Abend entgegengestellt. Dieser Kontrast, diese Allgemeinheit der Auffassung in der Wechselwirkung der Erscheinungen, dieser Rückblick auf die allgegenwärtige unsichtbare Macht, welche „die Erde verjüngen" oder in Staub zertrümmern kann, begründen das Feierliche einer minder lebenswarmen und gemütlichen als erhaben poetischen Dichtung. Aehnliche Ansichten des Kosmos kehren mehrmals wieder (Psalm «5,7—14, und 74,15—17): am vollendetsten vielleicht in dem 37. Kapitel des alten, wenn auch nicht vormosaischen Buches H i o b. Die meteorologischen Prozesse, welche in der Wolkendecke vorgehen: die Formbildung und Auflösung der Dünste bei verschiedener Windrichtung, ihr Farbenspiel, die Erzeugung des Ilagels und des rollenden Donners, werden mit individueller Anschaulichkeit besehrieben; auch viele Fragen vorgelegt, die unsere heutige Physik in wissenschaftlicheren Ausdrücken zu formulieren, aber nicht befriedigend zu lösen vermag.: Da« Buch Iliob wird allgemein für die vollendetste Dichtung gehalten, welche die hebräische Poesie hervorgebracht hat. Es ist so malerisch in der Darstellung einzelner Erscheinungen als kunstreich in der Anlage der ganzen didaktischen Komposition. In allen modernen Sprachen, in welche das Buch Iliob übertragen worden ist, lassen seine Naturbildcr des Orients einen tiefen Eindruck. „Der Herr wandelt auf des Meeres Höhen, auf dem Rücken der vom Sturm aufgetürmten Wellen. —• Die Morgenröte erfaßt der Erde Säumen und gestaltet mannigfach die Wolkenhülle, wie des Menschen Hand den bildsamen Ton." — Es werden die Sitten der Tiere geschildert: des Waldesels und der Rosse, des Büffels, des Nilpferdes und der Krokodile, des Adlers und des Straußen. — Wir sehen „den reinen Aether in der Schwüle des Südwindes wie einen gegossenen Spiegel über die dürstende Wüste hingodehnt," Wo die Natur kürglich ihre Gaben spendet, schärft sie den Sinn des Menschen: daß er auf jeden Wechsel im l>ewegtcn Luftkreise wie in den Wolkenschichten lauscht, daß er in der Einsamkeit der < starren Wüste wie in der dos wellenschlagcnden Ozeans jedem Wechsel der Erscheinungen bis zu seinen Vorboten nachspürt. Das Klima ist besonders in dem dürren und felsigen Teile von Palästina geeignet, solche Beobachtungen anzuregen. Auch an Mannigfaltigkeit der Form fehlt es der dichterischen Literatur der Hebräer nicht. Während von Josua bis Samuel die Poesie eine kriegerische Begeisterung atmet, bietet das kleine Buch der ülircnlescndcn Ruth ein Naturgemälde dar von der naivesten Einfachheit und von unaussprechlichem Reize. Goethe in der Epoche seines Enthusiasmus für das Morgenland nennt es ,,das lieblichste, das uns episch und idyllisch überliefert worden ist". (Mitgeteilt von Dr. Waller K. Fränkcl) Das Urbild des Daniel Deronda. Lipman Rosen tal (Buenos Aires) hat kürzlich in jiddischer Sprache Erinnerungen veröffentlicht, die einiges Interessante über das Urbild der berühmten Romanfigur George Eliots enthalten. Nach dem Bialystoker Pogrom erhielt er den ihm von Baron Günzbtirg avisierten Besuch von Frau Carmcl G o 1 d s m i d, einer Tochter des berühmten Obersten in der englischen Armee Albert Edward Goldsmid, die sich für die Pogromopfer verwenden wollte. Den Obersten hatte Rosental bereits bei den ersten Zionistenkongresseti kennengelernt. Sie erzählte vor allem von ihrem Vater, von Hcrzls erstem Besuch in Cardiff, wo der Oberst damals in Garnison lag, und von George Eliots Besuchen, als die Dichterin das Material für ihren „Daniel Deronda" sammelte. „Sie wissen doch sicherlich, daß Daniel Deronda — mein Vater ist?" Und dann erzählte sie: „Bis zu seinem 20. Lebensjahr wußte mein Vater überhaupt nicht, daß er Jude ist. Er war von seiner Mutter als Christ erzogen worden. Als er plötzlich erfuhr, daß er von Juden stammt, begann eine radikale Wendung in seinem Leben. Er trennte sich von seiner Mutter und der gesamten Familie, und seine Frau, das heißt meine getaufte Mutter, kehrte zum Judentum zurück. Meine Schwester und ich sind bereits als Jüdinnen zur Welt fckommen. Unser Haus wurde streng orthodox, und im immer meines Vaters war immer ein auf Pergament geschriebenes Sefer Thora." Die orthodox erzogene Tochter scheute sich zunächst, bei den für weniger fromm geltenden, russischen Zionisten Fleisch zu essen, und besuchte an den Feiertagen eine Bialystoker Synagoge erst, nachdem man ihr versicherte, daß in ihr Rabbi Mohilewcr seine Predigten gehalten hatte. Auf die Angaben über Daniel Deronda hatte Rosental wenig Wert gelegt, später erinnerte ihn aber Frau Goldsmid an eine Szene aus eiern Jahre 1900: „Nach dem vierten (Londoner) Kongreß war ich mit ihrem Vater und ihr bei Sir Prcntice Monlefiorc zum Abendessen in einer kleinen Gesellschaft, der auch llerzl beiwohnte, und ich erzählte von Chibhat Zion und Rabbi Mohilewcr. Da wendete sich ihr Vater lächelnd an mich und nieinte: Härte ich das alles Anfang der siebziger Jahre gewußt, als George Eliot zu mir kam, so hätte ich ihr mehr Material für ihren Roman ,Daniel Deronda' geben können." — Damals, erinnerte sie Rosental, sahen alle ihn an und Montefiore erklärte ihm, „daß Oberst Goldsmid der Held von ,Daniel Deronda' ist ... „dieses Buch", schloß Goldsmids Tochter, „galt meinem Vater wie ein uraltes Sefer und lag immer auf seinem Tisch." Eine neue englische Monatsschrift „The Human Society" erscheint jetzt in New York. Sie ist insofern ein Unikum im Rahmen des englisch-sprachigen Zeitschriftenwesens, als sie auf keine bestimmte wissenschaftliche oder weltanschauliche Richtung eingestellt ist und im Geiste Spinozas einen gewissen Universalismus pflegen will, indem darin Autoren von Niveau aller Richtungen zu Wort kommen sollen. In der ersten Nummer ist auch ein jüdisches Thema behandelt, „Wie man jüdische Kunst zu verstehen und aufzunehmen hat" von P. R a s k i n. Andere Aufsätze des ersten Heftes sind: „Das Studium der universalen Philosophie" von Harry Waton, „Im Kampf gegen Philosophie" von A. Almi und „Die menschliche Gesellschaft" von Dr. J. C. Muraskin, dein Redakteur der Zeitschrift. ■ Sarah Kinski sag! mir: Bagatellisiere nicht diese Sache, davor mußt du dich hüten, das Ganze ist ja Ausdruck einer vorhandenen Unzufriedenheit, Aber ich frage mich: Was ist das, Unzufriedenheit? Manche sind unzufrieden aus Not und manche aus Uebernmt. Es wird Frühling. Die großen Führer des Kibbuz reisen in die Städte, zu Versammlungen, reisen ins Ausland, um zu wirken, zu organisieren, Beden zu halten. Und Uli sehe neuerdings Sarah Kinski viel mit den ("hawenri aus Deutschland sitzen, sie lächelt und spottet, au in Sei/.er verzieht den Mund ironisch, plötzlich ist die Panik da. Erst die zweite Assofah, die den Zweck hatte, auf di« be\ni stehende Klärtingsassclah mit Medinahi vorzubereiten, besuchte ich. Ich fand die angeblich in Panikstimmung Begriffenen bei bester Laune. Das Gefühl, endlich beachtet zu weiden, wenn auch aus dem Anlaß angeblich schlechter Gemütsverfassung, heb diese Gemütsverfassung entschieden, Sie gangen erst mal kräftig und mit Gefühl ihre chalu/ischen Lieder, wobei jeder soviel Seele hineinlegte, wie seinen persönlichen, mit der bevorstehenden Annäherung des sonst so fernen Medinahi verbundenen Hoffnungen entsprach. Nach Beendigung «1er Singerei sollte nun noch einmal zusammengefaßt, noch einmal Parole aufgestellt werden. Aber als habe jemand eine lose Sandböschung mit einem Stock berührt, so begannen plötzlieh von einem gewissen Punkt aus herzhafte Witze zu rieseln und eine halbe Stunde munter durch olle Formationen hindurchzuplätschern. Man mußt* sich bescheiden und abwarten, bis die Prominenten aus Deutschland endlieh zur Sache vorstießen, um neun Uhr. Bis um halb zehn diskutierte man, ob diese Versammlung stattfinden sollte oder nicht. Um halb zehn spaltete man eich, verließ eine Gruppe, die sieh bisher durch Randalieren ausgezeichnet und offenbar schon vorher geeinigt hatte, untern Führung von Kunitz das Vcrsammlungszimmcr. Der dick« Karsan erhob sieh endlich und begann mit einer umfangreichen Rede. Als geistiger Mann versuchte er naturgemäß, eich auf den geistigsten, das heißt höchsten Punkt zu stellen, und da er sich schon am Tage vorher bei dem Diskussionsleiter gemeldet hatte, war er der erste auf dem Gipfel. Er verzichtete, auf Einzelheiten der zukünftigen Aussprache mit Medinahi einzugehen, verlangte aber als Grundhaltung Aufrichtigkeit und Mut zu Wiederholung der Dinge, die man in der ersten Assetah gesagt halte. Nach ihm produzierte sich Wippke, der Systematiker, und machte langsam und umständlich, mit Pausen und eingelegtem Räuspern, mit spitz gehaltenem Mund und unbegründeten Lachstaccatos die feine Unterscheidung zwischen einem individuellen, planlosen Auftreten der Redner und zwischen dem Auftreten des einzigen, offiziellen, alles zusammenfassenden, womöglich nach einem Manuskript vorgehenden Redners. Er hoffte auf einen Posten. Aber die Sache fiel durch. So geharnischt wollte man denn doch nicht den Alten gegenübertreten. Als Dritter redete Feinstein, ebenfalls einer von den älteren, das heißt Zweijährigen aus Deutschland, und stotterte ein fürchterliches pathetisches Zeug zusammen, die Faust hoehwerfend, die Forderung erhebend nach einem zweiten, dem ersten beigeordneten Maskir, dessen Tätigkeit in einer Art Sympathieausstrahlung auf neue Einwände-« rer, verbunden mit der Gewährung von allerhand materiellen, Vorteilen, bestehen sollte. Auch diese Sache wurde mit Skepsis aufgenommen. Gottlieb, ein sehr vernünftiger Junge, ebenfalls zur prominenten Schicht gehörend, setzte auseinander, daß er das Problem der Verwurzelung mit dem Mcschek für ein Problem der Verwurzelung mit einem festen Arbeitsplatz halte. Es war die erste Sache, die Hand und Fuß hatte. .'Anschließend redete Schneider, ein Freund des abwesenden König, und stellte die Beschwerden der Chaluzim aus Deutschland zusammen, die Stellen, wo es drückte: Mangel an menschlicher Beziehung zu den Alten, daher Vernachlässigung und Zurückstellung materieller Wünsche wie Urlaub, Urlaubsgeld, Geld für die Unterstützung Verwandter und schließlich auch jener Anordnung an einem festen Arbeitsplatz. Als Wippke das hörte, erinnerte er sich mit Schrecken, daß er ja auch Beschwerden hatte zusammenstellen wollen und daß er wegen des Abschweifens in gelehrten Formulierungen vorhin die Hälfte vergessen hatte. Er meldete sich hastig zum Wort und begann jetzt, den mageren Stoff zu einer zweiten vollständigen Rede auswalzend, über Kcrachski herzuziehen, über Korroh, über die Gefühle, zu denen die Haltung dieser Männer zwänge, wenn man etwas von ihnen brauche. Dann floß er, selig, wieder reden zu können, entschlossen, die Gelegenheit nicht, so schnell wieder loszulassen, gründlich in die Breite, beginnend mit einem unheilverkündenden: Ueberhaupt. Ueberhaupt, sagte er mit einem Seufzer, sei ihm das Herz übervoll. Zwei Jahre 'Fei Hamon, und noch keine Verwurzelung, wenn er ehrlich sein soll. Wie ginge er und wie ginge man überhaupt zur Assefa Klalit? Es sei nicht die Sprache, die man sich schon etwas erobert habe. Es seien diese Fragen, die man nicht verstände, diese Traktoren und Porzcllantellcr, diese Etatberatungen und Geldgeschäfte. Natürlich, man ahne ja etwas, man sei ja immerhin zwei Jahre am Platze. Aber richtig inmitten der Angelegenheiten befände man sich nicht. Das mache die Assefa Klalit fremd. Das entferne auch von den Alten. Hier sei etwas faul im Staate Dänemark, Er wiese sich keinen Rat. Inzwischen war es zwölf Uhr geworden. Die Versammlung, die vorher von zwei Petroleumlampen erhellt gewesen war, bekam jetzt nur noch Licht von einer Petroleumlampe, weil einer der Versammlungsteilnehmer, die inzwischen schlafen gegangen waren, seine Lampe mitgenommen hatte. Audi das kleine Häuflein der Zurückbleibenden war müde. Die Prominenten hatten, wie immer, breit und langweilig geredet, und König war nicht da, der gewöhnlich etwas Sturm in die Bude zu bringen pflegte. Die Neuen, soweit sie gewagt hatten, sich an der Diskussion zu beteiligen, waren alle beleidigt von der Art, in der man ihre Meinungen bagatellisiert, ihre Einwände überschrien halte. Eine der üblichen Versammlungen war ereignislos zu Ende gegangen, ereignislos, deprimierend, ohne irgendwelche Werte, irgendwelche menschlichen Begegnungen geschaffen zu haben. Spät in der Nacht, da ich das Zelt betrete, sagt Barlel zu mir: Lieber Freund, jetzt wird hier aufgeräumt in Tel Hamon, höchste Zeit war es. Ich erinnere mich, daß ich am nächsten Tag in den Pardess ging, wie man sich flüchtet in «ine reinere Luft. Ich war müde, deprimiert, mit mir selbst uneins, im Gegensatz zu Kunitz, den, wie alle Chaluzim aus Deutschland, die Wogen der Gefühlsbewegung mächtig hochrissen. Die Alten wußten, daß gestern die Versammlung gewesen war. Sie brauchten uns, die Geschichte hatte sie darüber belehrt, daß solche breit organisierten Stimmungen zu. Massenauswanderungen führen können. Daher beobachtete man uns, Kunitz und mich, Kunitz war wie immer aufgeweckt und scharfsinnig, nur ich schlief, starrte vor mich hin, war verhangen und vergrübelt. Henriette, mit einem Blick auf michj fing an, zu lachen und zu schreien. Seht ihn an, sagte sie, sie haben ihm gestern Stimmung gemacht. Bahlew fragte mich sofort, was geredet worden sei. Dummheiten, antwortete ich auf hebräisch. Ben Ezcw sagte: Laß dir nicht den Kopf verdrehen. Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns. Sie haben zu essen und zu trinken und ihre Arbeit, wenn ihnen das nicht genügt, dann sollen sie gehen. Heimlich dachte ich auch so, aber ich wagte es nicht zu sagen, weil Kunitz dabei war. Kunitz fing sofort an, zu erklären, wie kompliziert und wie ernst diese Sache sei. Den ganzen Tag sprach ich mit Darki Ober diese Frage. Hanni hat mir gesagt, daß Darki zweiundzwanzig Jahre alt ist, seit zwei Jahren in Tel Hamon. Er hat vollkommen Haltung und Benehmen eines Vatik. Nur seine Gedanken sind manchmal etwas jugendlich. (Fortsetzung folgt.)

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