Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 24-25 (26.3.1937)
- Date
- 1937-03-26
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 JODISCHE RUNDSCHAU Nr. 24/25, 26. «1.1937 Unamunos Auseinandersetzung mit dem Judentum Anläßlich des Todes von Miguel de Unamuno werde. Kulturell und wirtschaftlich, religiös und politisch wird und muß Palastina seine eigenen Wege gehen, unbekümmert um die Erwartungen und Wünsche der „Sender", gehorchend der eigenen Wirklichkeit, der wirtschaftlichen, politischen und geistigen Konstellation in und um Palästina. Viele Klagen, die hier und dort außerhalb Palästinas laut werden, verraten ja gerade die Enttäuschung der „Sender" darüber, daß die „Boten" ihren „Auftrag" nicht richtig ausgeführt haben. Kurz: Diese „Schelichut"-Konzeption ist grundsätzlich eine unmögliche und schädliche Bm 1 .r . ... ming von lebendigen, wirklichen, schöpferischen Beziehungen zwischen Palästina und Diaspora in unserem. Zeitalter und in der Zukunft. Sic gibt keine Grundlage für die Erneuerung unseres Volkes, dessen überwiegende Mehrheit noch sehr lange außerhalb Palästinas leben und notwendigerweise wird schaffen müssen. Das Diaspora-Judentum muH sich selber derVerantw ortung für seine Zukunft bewußt bleiben. Kein Jude kann Jude sein für den anderen. Keine jüdische (i e in e i n s c h a f t kann sich jüdisch „entlasten'1 durch das Judesein einer a n d e r e n G c in e i 11 s c h a f t. Wohl der Jtidcnheit, die aus völliger politischer, wirtschaftlicher und kultureller Souveränität ihr Jude-Sein formen wird. Wehe derjenigen, die bedrängt und eingeengt immer den Wächter wird fragen müssen: wie weit in der Nacht' Die erstere wie die letztere aber hat keinen Ausweg als diesen: jüdisch sein, leben und schaffen. Ob vollkommen oder unvollkommen, ob absolut frei oder mit fremden Einflüssen durchsetzt — jüdisch sein, leben und scharfen. Wohl der Jmlenheit, die einmal am Ziel anlangen wird; wehe derjenigen, die es vielleicht nie erreichen wird. Beide alier müssen denselben Weg gehen, jede muß für sich den ganzen Weg zurücklegen. Weiler die jüdische Religion als solche noch der jüdische Mcssianismus haben je von „Zentrum" und „Peripherie" gi-wuß;. Am letzten Tage, am Ende der Zeiten sollte ganz Krad in einem Hause glücklich und frei versammelt Verden, kein einziges Schäfh-in sollte den Löwen mehr .'ni-^eset/t sein. I s i>t uns nicht vergönnt worden, diese \ imd'i vei wt! klicht zu sehen. Solange etwa sechzehn Millionen Juden noch immer um ihre Existenz, kämpfen müssen — und auch wenn sie eines Tages sogar um die Hälfte reduziert werden sollten! — können und dürfen wir keiner „G.i!-.:thvi rm immg" und keiner „Schelichut "-Konzeption verfallen! Die ,,G a t u t h v e r n e i 11 n n g" k a n n die (1 a- 1 u f h 11 i c h t a h < c h a f f e n, w o h 1 aber die Abschaff u n e im, s c Ii ü p f cri s c Ii c n J u d cnlums in 1! e r Diaspora 1 d c o I o g j s c h rechtfertige n. Weder sieh entlastende „Sender", die die „Schelichtit" aus liei|ui-nilichkeit aufgreifen, um kraft ihrer aller jüdischen Pflichten los zu werden. Noch „Boten", die den Untergang ihrer „Sender" ciw.irtcn, die glauben: „ich werde dich machen zu einem großen Volke" sei auf sie gemünzt worden, Gottes zorniges Wort abei: „lasse mich, da» mein Zorn über sie entbrenne und ich sie vernichte" — auf die Millionen „Senckr". Kusu seihMgcf■dligeii „Boten", selb t >erecht, selbstzufrieden, die sich vorkomnien wie im Hafen der absoluten Sicherheit um! im Paradiese der völligen Vollkommenheit lebend. Ks ine derartigen „Boten", die notwendigerweise jede Proportion zwischen Judentum und Welt, zwischen der Vision und dem Traum der Jahrtausende und zwischen ihrer Wirklichkeit, zwischen den Noten der Millionen „Sender" und ihren eigenen Leistungen aus dem Auge verlieren müssen. Die Judenheit, die Palästina baut und die, die in der Zerstreuung kämpft, sind weder „Schelichim" und Sender, noch „Zentrum" und „Peripherie" im üblichen Sinne des •Wortes — sondern sind unzertrennbare Teile eines Ganzen, eines Yolksganzeu, das um seinen Wiederaufbau und um die Erhaltung seines Bestandes ringt und noch lange zu ringen haben wird. Fs ist ein und dasselbe Volk, das Palästina baut und bauen wird (je nach den gegebenen Bedingtheiten) und das um die schöpferische Erhaltung seines Bestandes überall (je nach den Möglichkeiten der verschiedeiun „Oulujot". wenn auch nie bis zum Grade der idealen Vollkommenheit) kämpft und kämpfen wird. Hier ist nur ein Verhältnis von zwei gleichmäßig vorauf w o r i! i c h e n, v. n z e r t r e n n baren Partner n möglich, eine absolute Kooperation, derart gestaltet, daß sie die g a n z e Verantwortung und alle Pflichten ohne Ausnahme und 1 .-.im■■. hränkung permanent, absolut gleich 111 .1!'• i g i'dem der beiden Partner auferlegt. Keine fTmktiotisti ihing. keine Auiggihcuhalhieniug — beide sind z u s;i m ni e n d:e. ( i.mze, i e d e r h a t das G a n 1. c zu sein u 11 il z ti 1 e b e n, jeder der beiden steht und fällt mit dem Ganzen. (Von diesem Aspekt aus muß — sowohl idc.h gj*cb «I«. am Ii pr:il.'i»ch-politisch — der ganze Fragenkomplex dir iudiM'heu Existenz von neuem durchgearbeitet w«. rdi.u. Weder die I lelshigfor-ischc sogenannte „Gegenwcrisaibeit" im < »sieii noch die mehr oder weniger kultusgebig. l, ne ,.(11 gi> igilepo'gitik" der westlichen Lander, können id.-oingisch wie praktisch-politisch die Grumllage für eine srli<*.p!enscl:e .Wuoi ientierung im Diaspora-Judentum abgeb.g.) Wird rias Diaspora-Judentum che ganze Schwere, das tiugg gi-ure P,>»s!i»c, die uneingeschränkte Verantwortungsnlieiri.diiiie, ilas große Ja-Sagen zum befreienden Joch, die im t.iii-em!,.';hngi!i Credo des Judentums „Ich und nicht der Schau.ich" oiieubar werden, erfassen, — dann erst wird es seine Pflicht dem „Ich" und dem als „Schahach" Bezeichnet! n gi g'-nüher adäquat tun können. Die jüdische Wirklichkeit unserer Tage weist gebieterisch den Vi. de-.: „ich 11 n d der Sehaliach", insofern man geneigt ist, in „scli-licli:it"-K.itegorien zu denken. Hierzu könnte sich das Diaspora-Judentum aber nur erheben durch erneute Vertiefung in die Notwendigkeit der Ablehnung der „Schelichtit", nur wenn es wieder erfaßt, was es hieß: „Ani welo ha-shaliach". Kleine Kunstnadiriditcn Die französische Regierung hat einigen Teilnehmerinnen an der Ausstcllungvon weiblichen Künstlern in dem Jeu de Paume zu Paris einen Beweis der besonderen Anerkennung ihrer Arbeit zum Geschenk gemacht. In der holländischen Abteilung ist diese Auszeichnung der Keramikerin Lea II a I p c r n zuteil geworden. In Rom fand eine Ausstellung der Werke des italienischjüdischen Maiers Ulvl L i e g i statt, eines der hervorragendsten Vertreter des italienischen Impressionismus. Bei einem internationalen Chor-Preisausschreiben in Zürich, an dem sich über 60 Komponisten aus 10 verschiedenen Ländern beteiligten, erhielt Dr. Erich K a t z, Freiburg i. B. den 4. Preis. In einem Konzert der „Associazione dclle donne ebree d'Italia" in Milano sang die Sopranistin Anna Valle- L e v v u. a. zwei jüdische Lieder von Hans Baer mit großem Erfolg. Susanne Locwcnstein, Rita Atlasz, Ruth Lchnberg und Gerhard Rechner, die erfolgreichen Solisten in den „Lustigen Weibern" sind Schüler der Gesangspädagogin Oina Goetz- Ie v y. Miguel de Unamunos Beziehungen zur jüdischen Gedankenwelt waren vielfältig und eigentümlich. Es wäre einseitig und verwirrend, sie lediglich katholisch zu nennen, zumal seine Auffassung des Christentums durchaus nicht landläufig war, und es wäre ungerecht, sie spanisch im Sinne der älteren spanischen Judenpolitik zu finden, zumal auch sein spanischer Nationalismus etwas ungemein Sublimes und ganz und gar eigenständiges Gewächs war. Und doch muß man zugeben, daß Unamuno die Kluft zwischen seiner und unserer Welt in aller Schärfe erkannt, wenn nicht vertieft hat. Da es sich um grundsätzliche Fragen handelt, ist es gleichgültig, nach Unamunos persönlichen Erfahrungen mit jüdischen Zeitgenossen zu forschen, und belanglos, auf Bergson, Scheler, Kafka, Buber zu verweisen, deren Denkweisen sich hier und dort mit seinen berühren; in Spanien hatte er kaum Beziehungen zu Juden, in Paris vielleicht, er wußte von Juden, die enthusiastisch für ihn und sein Werk eintraten, und korrespondierte mit einzelnen, er war niemals Judenfeind und — empfand um so tiefer die Unterschiede. Man darf sagen, daß die Juden als lebende Menschen von heute, als seine Zeitgenossen mit ihren aktuellen Nöten für Unamuno keine Rolle gespielt haben; das Judentum aber spielt , für Unamuno eine große Rolle: es sind biblische Gestalten und Konflikte, die seine erzählende Prosa erfüllen. Der Gedanke der Unsterblichkeit, „Hunger und Durst nach Unsterblichkeit" ist Unamunos Wesenskern. Wo er ihn, mit allen Künsten eines originalen Philosophen, aus dem Zusammenwirken des Juden- und des Hcllcncntums historisch entwickelt, da erkennt er ihn als notwendige Folge des Glaubens an einen persönlichen, lebendigen Gott, „ein Glaube, dessen Entwicklung die ganze geistige Geschichte der Juden ausmacht"; für Unamuno ist somit diese Entwicklung auch stagniert, so daß er jüdische Denker des 19. Jahrhunderts noch als vor dem paulinischen Fortschritt stehengebliebene „Sadduzäer" betrachten kann. Der Weg des jüdischen Gottcsglaubens gehe „vom Monokultismus zu einem Monotheismus", und zwar vornehmlich durch die persönliche, vielleicht eher philosophische als theologische Haltung der Propheten, durch deren Versittlichung erst die Gottheit „zum Individuum" wird, um später, viel später, gedanklich umschrieben und selbst zum Gedanken zu werden, zu einer „bloßen Vorstellung von Gott, etwas Abgestorbenes". An diesem Ende aber kommt der ursprünglich „als ein kriegerischer Gott und als ein sozialer Monarch" und „nicht als metaphysisches Wesen" verehrte, schließlich aber logisierte und zum „höchsten Wesen" rationierte Gott „einer leeren Behauptung gleich". Wie nun innerhalb dieser Entwicklung der Einzelne zur Unsterblichkeit sich verhält, danach richtet sich Unamunos Stellung zu ihm. Unamunos Stellung zu Spinoza etwa, „dem logischsten, folgerichtigsten aller Atheisten — aller, die die unbegrenzte Fortdauer des Einz.clbewußtseins leugnen, und zugleich dem Frömmsten unter allen", ist die des Mitleids, das der Gläubige mit dem Ungläubigen empfindet: „Diese so traurige, so trostlose Stimme Spinozas ist die Stimme der Vernunft selbst, und seine Freiheit, von der er redet, ist die Freiheit des Schreckens." Bezeichnenderweise ähnlich der jüdischen Ablehnung Spinozas durch Hermann GJohpu,, der aber nicht bedauerte, sondern donnerte und blitzte, gebraucht Unamuno gegen Spinozas Glückseligkcitslehre und gegen ihn selbst das letztlich allein mögliche Argument ad hominem und erklärt: Nein, der war „Jüdisdie Welt" Jüdische Erzählungen des Auslandes So lautet der Ober- und Untertitel des neuen Buches der Jüdischen B u c h v e r e i n i g u n g, herausgegeben und übersetzt von Olga S i g a 11, deren gewissenhafte Uebertragungskunst sich auch hier bewährt, wo sie aus dem Englischen und Französischen übersetzt. Zwei Stücke aus dem Jiddischen sind von dem längst verstorbenen Alexander Eliasberg übersetzt, dessen frühe Verdienste um die Verdeutschung jiddischer und russisch-jüdischer Literatur bei dieser Gelegenheit erwähnt zu werden verdienen. Die siebzehn Erzählungen des Buches sind einem größeren englischen Werk „Y i s r o e I, The First Jewish O mnihu s" (John Hcritage Verlag, London) entnommen, dessen Herausgeber Joseph Leftwich ist. Auf diese — mittelbare — Weise ist ein Buch zustande gekommen, das seinen Titel „Jüdische Welt" sehr wohl verdient, wenn ihm natürlich auch der Reiz der freien Wahl und der selbständigen Ausrundung eines Bildes der jüdischen Welt, also der eigene und eigentümliche dokumentarisch-literarische Wert abgeht. Dafür darf man es hinwiederum freudig begrüßen, daß das Buch eine Verbindung mit dem reichen und mancherlei eigene Wege gehenden jüdischen Schrifttum des englischen Sprachbereichs herstellt, das für die Bereicherung der jüdischen Literatur in Deutschland noch manche Anregungen geben könnte. Die in das Buch aufgenommenen Erzählungen entstammen dem Hebräischen (Schniur, Agnon, Frischmann), dem Jiddischen (Seh. Alejchem, Perez), dem Englischen (Zangwill, Gordon, Golding), dem Amerikanischen (Yezierska, Lewisohn), dem Französischen (Fleg, Spire), dem Russischen (Frug, Jabotinsky, Lidin), dem Holländischen (van Brüggen) und dem Tschechischen (Rakous). Das Polnische fehlt! Es hätte neben dem Jiddischen, Englischen und Amerikanischen, wo es allerdings seinen Unterschlupf gefunden hat, eine eigene Repräsentation verdient. Auch ist die Spur aus der ergiebigen Welt der Mittelmeer-Existenz der Juden durch Andre Spires „Der Rabbi und die Sirene" oder Jabotinskys „Edmee" stofflich und psychologisch zu dünn vertreten. Das Biblische vollends kommt in Fdmond Flegs Beiläufigkeit „Die Ehebrecherin" und in David Frischmanns merkwürdig denaturierter Moses-Legende „Sinai" ziemlich fahl zur Geltung. Die literarische Weltkarte vom Jüdischen hat, wie man sieht, einige weiße oder nicht genügend farbige Stellen. Nichtsdestoweniger verdient der erzählerische Reichtum des Buches besondere Beachtung und Anerkennung. Die Reihe der oben angeführten Autoren zeigt ja schon zur Geniige, daß — Mendele ausgenommen — die fast schon klassisch gewordenen Schilderer der jüdischen Welt vertreten sind, und auch, daß der Versuch gemacht ist, die Verbindungen, Befruchtungen und Anlehnungen zwischen der ostjüdischen und westlichen Welt aufzuzeigen. Wozu freilich wiederum anzumerken wäre, daß ein heute erseheinendes Buch „Jüdische Welt" den Namen B i a 1 i k s, wenn dieser auch kein Erzähler im engen und formalen Sinn war, und den einen oder anderen Namen aus der jüngeren palästinensischen Erzählcrgeneration in seinen Kreis hätte einbeziehen müssen. Es ist bezeichnend genug für den jüdischen Geist und das ihm entsprechende Wesen der jüdischen Kunst, daß die weder glücklich noch frei, sondern „der arme, verzweifelte Jude von Amsterdam", „der arme, intellektualistische Jude", und ein andermal spricht er ihn sogar unmittelbar an: „du armer portugiesischer, nach Holland verschlagener Jude...* (In „Das tragische Lebensgefühl".) Noch einmal argumentiert Unamuno (in der „Agonie des Christentums") ad hominem: wie hätte Spinoza zum Unstcrblichkeitsglauhen kommen können, da er doch wie Kant und Pascal — hier ist also nicht das Judesein ausschlaggebend — „ein Mönch" war. Mönch heißt: nicht Vater, aber auch nicht Pater, „denn sie wurden nicht Vater. Allein sie waren auch nicht Mönche in christlichem Sinne". Aber das ist nur ein Argument unter anderen, Unamuno sieht darüber hinaus noch eine gesamtjiidische Stellung zur Unsterblichkeit, nämlich „eine pharisäische, fast fleischliche Hoffnung der Juden" auf Auferstehung und konfrontiert sie mit der platonischen, pneumatischen, psychischen Unsterblichkeit. Dem Hinweis auf eine nichtrationalistische jüdische Autfassung begegnet Unamuno mit seiner Polemik gegen den einzigen jüdischen Denker der Neuzeit, den er öfter zitiert, Leo Schestow. Das alles ist für uns von bitterem Klang, es ist eine Auseinandersetzung mit dem Judentum, das vielleicht nicht für uns existiert, aber doch als Hilfskonstruktion in Unamunos Philosophie eine beträchtliche Rolle spielt. Und dennoch gibt es eine großartige und tiefer als alles Philosophieren menschliche Gemeinsamkeit, um derentwillen uns der Dichter nur um so teurer wird. Präokkupiert noch der Theoretiker in einem eigenen Kapitel der „Agonie." die Geschichte von David und Abisag für eine agonisch katholische Exegese, so verzichtet schon der Erzähler mit seinen biblischen Motiven aut jede Tendenz, die den Ursinn umdeuten konnte. Der Roman „Abel Sanchez" ist bereits der Anfang dieser Gattung von Epik, die zu schaffen eigentlich Juden hätte vorbehalten sein können, besseren, ernsteren, verwurzeiteren Juden, als unsere Romanschriftsteller meist waren: die nicht „belletristische", artistische Erzählung, sondern die erdachte, moralische, exemplarische. „Abel Sanchez" ist eine solche Paraphrase über Kain und Abel in Romanform, der plastischste" und tiefste Kommentar über das Thema. Das Mutterschaftsproblem, die Tragödie der Unfruchtbarkeit, die die Bibel so häufig anrührt, gewinnt in „Tante Tula" eine durchweg biblische Konzeption. Am knappsten, krassesten und ergreifendsten erscheint es in der exemplarischen Novelle „Zwei Mütter". Wir meinen, den Ursprung dieser dramatischen Erzählung in der salomonischen Zwei-Mütter-Geschichte zu finden, wo aber alles legendär und anekdotisch nur auf den Witz, den Geist des Urteils abzielt Unamuno faßt es anders an, schildert als psychologischen Antrieb den Dämon der Unfruchtbaren, die Mutter sein muß, den Mann also zwingt, eine andere Frau zur Mutier zu machen, um dann selbst die Mutter des Kindes z:u werden, zu sein, und da sie es ist, wird kein Salomo mehr so leicht urteilen können, wer eigentlich die Mutter ist. Das geht, darf man einwenden, weit über die Bibel hinaus, und doch, meinen wir, ergreift uns wenig Unbiblisches so zwingend biblisch wie dies so wirkliche, so würgend lebendige Ernstnehmen der Bibel, wenn nämlich die Mutterschaft nicht auf die Toclcsprobe, sondern auf die Lebensprobe gestellt wird, wenn etwa die kinderlose Mutter, die „Tante" Tula dem mutterlosen Kind verzweifelt die milchlose Brust gibt. L. FL mit Abstand besten Stücke des Buches Schilderungen aus dem Familienleben sind. Mit einer solchen von köstlichster Kleinmalerei setzt die Reihe ein: „Die unvergängliche Orange" von Sahnan S c h n e u r. In ihr ist der jüdische Mikrokosmos ohne Rest und auch ohne falsche Zutat enthalten, und dies in einer Form, der man den disziplinierenden Einfluß der hebräischen Sprache, in der das Original geschrieben ist, noch bis in die freilich mustergültige Ucbersetzung aus der zweiten (englischen) Hand anmerkt. Im Amerikanischen erreicht Anzia Yezierska in ihrer ausgezeichneten Satire auf das sich auflösende oder sich überschlagende ostjüdische Familienleben („Ein üppiges Leben") eine ebenfalls bemerkenswerte pralle und gediegene Unmittelbarkeit der Wirkung. Und noch über der letzten, schwankhaft hinerzählten Skizze des Buches „Wie Resi Mazzes buk" von V. R a - kons liegt der Segen und Zauber einer gelebtcn und gestalteten Tradition. Aber der Leser wird noch einige, wirklieh beglückende Schilderungen dieser Art in dem Buch finden. Sie machen den Reichtum des Buches aus, und insofern ist es ein legitimer Spiegel jüdischer Gestaltung. Man soll sich aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß in diesem aus der Tradition hoch gewachsenen, sich — man möchte sagen — schon fast von selbst dichtenden Genre naturgemäß das Gestrige überwiegt, das Gewordene nicht nur, sondern auch das Gewesene. Es ist ein nicht so sehr an das vorliegende Buch, sondern an die lebendige jüdische Kunst überhaupt zu stellender Anspruch, das gestaltungsfähige Bild vom jüdischen Leben über das Familiäre und eng Gemeindliche hinaus zu erstrecken, zeitg credit zu erhöhen. Gewiß, der Brand, der die jüdische Welt von heute und morgen erhitzt, leuchtet auch in die Familie und Gemeinde, auch und erst recht ins Stühl und Stadt! hinein. Aber er schmelzt deren Bestandteile auch um und gießt ein neues Bild von ihnen. Es ist immerhin bemerkenswert, daß von allen Autoren des Buches der einzige, Jabotinsky, einen wenn auch nur aus der Pointe vorschnellenden Griff in die neue oder vielmehr nur neu erkannte jüdische Problematik getan hat. Seine Skizze „Edmee" wirkt daher in dem Buch fast wie ein Fremdkörper, aber um so erfreulicher. Und nicht weniger bezeichnend (allerdings diesmal für die Zusammenstellung des Buches!) ist es, daß nur Ludwig Lewisohn in einer um ein christliches Ehepaar kreisenden, psychologisch sehr feinen Erzählung eine Sicht auf Palästina gewinnt. Die jüdische Welt hat noch viele Tore, und diese Tore haben noch viele Riegel, an denen die jüdische Kunst zu rütteln die Aufgabe hat. Von dem oder jenem Versuch hierzu hätte das Buch Rechenschaft geben und dadurch seine Farbigkeit und ücgenwärfigkeit verstärken können. Auch so, wie es nun einmal ist, gewinnt es, wie gesagt', dem Judentum viele Nuancen ab. Es ist reich an Form und Gestalt. Es füllt einen, wenn auch nicht „den" jüdischen Raum. Es strömt als Ganzes eine Kraft aus, die echt und gut jüdisch ist. hs. In der hebräischen populär-wissenschaftlichen Bibliothek des Verlages Rubin Maß, Jerusalem, die in Nr. 12 besprochen worden ist, sind folgende weitere Bände erschienen: Band 4: Schewa Malachoth (Chemie der Metalle) von J. Kaiugai, vom Technikum Haifa. — Band 5: Gesa Haadam (Rassenforschung und Rassenlehre) von Dr. A. S. Eschkoli, und Band 6: Zoologiah Iaam (populäre Zoologie) von Prof. F. Bodenheimer von der Universität Jerusalem, 1111......it;Mi;iiitiiiiMj:uiitij)ii4iittMiMfiMtiiiitSfirHtiiiiif!iiiitiriiiiriuiiii)!iMii.....riMiMitiiMiriMTMiiiuJiiiiiMiiiiioiiiiiJf.itiiJutifti^ititiiMMigiiiiiiiiititniriiiiitiriiiiMMiiLMniiisrjMiii.....(iiiiitMiMijjMiiiii!;irp(iiitiM*:iii!itiiriiiiiiiU!iiritiiiiii!iin>!Mt!riiriiir!3riiHt*