Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 24-25 (26.3.1937)
- Date
- 1937-03-26
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 24/25, 26. III 1937 JODISCHE RUNDSCHAU Seife 9 j Wtö jKadze ALLIGATOR^' d a s vind gute lt d e r w « r »■ r» j „Ich und nicht der Schaliach!" Zur Theorie der Schlltafilt / Von Dr. Simon Raiido wie2, London Vorbemerkung der Redaktion: Der Verfasser des nachstehenden Aufsatzes tritt seit vielen Jahren für - '- ein« Ueberprüfung der Beziehungen des Zionismus zur Diaspora ein. Die Theorie der „Schutafut" („Partnerschaft "), die er propagiert, beruht unter anderem auf der Grundkonzeption vom Diaspora - Judentum als permanentem, gleichmaßig verantwortliehen und schöpferischen Partner und Faktor in der zukünftigen Entwicklung des Judentums. Hieraus ergibt sich für ihn das Postulat einer Umorientierung der zionistischen Ideolo-ie und Kulturpolitik. Seine hierhergehörenden Analysen und Vorschläge, die er der Berliner Gründung*- honferenz des Hebräischen Wellverbandes „Rrilh Iwrith Olamilh" im Jahre 1931 unterbreitet hat, haben sowohl in Palästina ah auch in den Galutli Ländern eine anregende, nach verschiedenen Richtungen gehende, oft sehr scharfe Diskussion 1 insbesondere in den hebräischen Zeitschriften hervorgerufen. Wir geben seinen Ausführungen Raum, ohne zunächst dazu Stellung zu nehmen, da wir zwar die Verpflichtungen des Diaspora-Judentums bejahen, uns aber der großen Schwierigkeilen eines realen jüdischen Lebens in der Diaspora bewußt sind. ...Ich werde durch das Land Aegypten liehen, ich und kein Engel ..., und nn allen Göltern Aegypten; werde ich Strafgerichte vollziehen, ich und kein Hole..." (i iar,;;ad.ili). „Ein Minier sprach einst, zu R. Willi: Es heißt: und zu Mose sprach er: Steiße zum Herrn hinauf; es sollte ja heißen: z.u mir?! Dieser erwiderte: Dies (tagte) Metatron, dessen Name dem Kamen seines Herrn g!ci ht ,.. Demnach sollte man ihn anhelcnl? . ..Uci meiner Treu, wir wollen ihn ni> ht einmal als Faktotum aneikciiiicn, denn es heißt: da sprach er zu nur: W e n n »1 u nicht in l'trion m i t g e h s t Usw. . .." (Synhedrin 38 b). I. „Abermals" — wird im Talmud, im Zusammenhang mit der Konfronticrung der Charaktere der beiden großen Tannaiten Hillel und Schammaj, berichtet — „ereignete es sich, daß ein Nichtjude zu Schammaj trat und zu ihm sprach: Mache mich zum Proselyten unter der Bedingung, daß du mich die ganze Thora lehrst, wahrend ich auf einem Fuße stehe. Da stieß er ihn fort mit der Elle, die er in der Hand hatte. Darauf kam er zu Hillel und dieser machte ihn zum Proselyten und sprach zu ihm: „Was dir nicht lieh ist, das tue aiich deinem Nächsten nicht. Das ist die ganze Thora und alles andere ist nur die Erläuterung; geh und lerne sie," (Schabbat 31 a, übers, üokischmidt.) Hütte sich ein Nichtjude in seinem Suchen nach dem höchsten Ortmdsat/e des Judentums verlaufen und wäre auf mich gestoßen (denn wer bin ich, daß ich die Thora auf eins reduzieren sollte?), und hätte mich gebeten, ihn die ganze Thora „auf einem Fuße" zu lehren, so hätte ich ihm — bei grüßler Abneigung jeder Proselytenmncherei und bei noch größerer Ehrerbietung für Mittel, den großen Babylonier aus Jerusalem — gesagt: „A n i we-lo h a - s c h a 1 i a c h" ich selber und nicht der „S c h a 1 i a c h" (Bote, Geschickte) — das ist einer der höchsten Grundsätze des Judentums, alles andere ist Erläuterung, komm, wir wollen sie lernen. Seitdem das Judentum anfing, sich seiner selbst bewußt zu werden, hat es stets den Gedanken des „Sendens", des „Boten", der „Schclicliut", der int Leben des Menschengeschlechtes so mannigfache Formen angenommen hat, aufs schärfste zurückgewiesen. Ob der Jude Gott „von Angesicht zu Angesicht" gesehen hat oder nicht, stets stand er in einer „von Angesicht zu AngesicliC-Stellimg zu seinem Gott. Der Grad der Direktheit und Unmittelbarkeit, den der Jude zu seinem Gott errungen oder erstrebt hat, gehört wohl zu den exzeptionellsten Phänomenen innerhalb der Gott-Mensch-Sphäre. Nicht der Fürst der Propheten allein hat die Thora von Gott empfangen, ganz Israel war dabei; wenn auch am Fuße des Berges Sinai, so haben sie doch alle — wie die Thora berichtet — den „Donner", die „Flammen" usw. wahrgenommen. (Darauf, daß es keine bloße „Sendung", sondern ein kollektiver Empfang war, basieren die besten unter den jüdischen mittelalterlichen Reiigionsphilosophen die Absolutheit und ewige Geltung der Thora und des jüdischen Glaubensbegriffes.) Und nicht allein jene Generation der aus Aegypten Ausziehenden, sondern sämtliche Seelen Israels, die bis zum letzten Tage dieser Welt in die Welt des Körperlichen herabsteigen mögen, waren — der Uebcrlieferung gemäß — bei dem großen Akte am Berge Sinai zugegen. Die Seelen der späteren unzähligen jüdischen Jahrhunderte, unseres und die der Jahrtausende, die noch kommen mögen, wollten und konnten durch keinen „Unten" vertreten sein, kein „Sehatiach" — Bevollmächtigter — sollte für sie die Thora in Empfang nehmen. Sie mußten selbst anwesend sein, selber und direkt den Bund mit Goit und seinem Gesetz schließen, selber und direkt von der höchsten göttlichen Instanz verpflichtet werden. Wo man „Schelichut" im Judentum antrifft, ist sie völlig konkret, umrissen, auf etwas Bestimmtes abgestellt. Die Engel werden fiir eine gewisse Stunde und zwecks eines bestimmten Bedürfnisses geschaffen, kein Engel kann mehr als eine „Sendung" ausführen. Ebenso ist jede „Sendung", die Gott dem Menschen auferlegt, z.u verstehen; konkret, abgestimmt und abgestellt auf Zeitraum. Und Zweck. (Von hier aus soll die „Engel"-Problematik im älteren jüdischen Denken verstanden werden.) Auch der größte aller Propheten Israels hatte in Aegypten eine ganz bestimmte Sendung, zeitlich und inhaltlich: Er war der Mann der Erlösungsbotschaft für die Sklaven von Pithom und Haamses, der Unterhändler mit Pharao. Als die Entscheidungsnacht kam, die Ausziigsnaeht aus Aegypten — da gab es keinen „Schaliach". Gott selber tritt in Aktion. „Ich werde durch das Land Aegypten ziehen" ..., „ich werde Strafgerichte vollziehen" ... „Ich und kein Engel ... ich und kein Seraph ... ich und kein Bote ..." Das J(lch" wird hier höchst wörtlich genommen. Und als daher zur Zeit des zweiten Tempels eine Sekte oder ein Kreis von Juden anfing, sich dem Gedanken der „Schelichut" zu nähern, als sie versuchten, den prophetischen „Knecht Gottes" in Gottes ewigen „Boten", „Schaliach", Gottessohn zu verwandeln — mußte das Judentum sie von sich abscheiden. „Ich und nicht der Schaliach" ~ dies war die Antwort des Judentums dem Christentum gegenül>cr. „Ich und nicht der Schaliach" ist für das Judentum Grundsatz und Symbol in allen Sphären des Seins utKl des Lebens geworden. Der Ich-Gott ward zum Vorbild dem Ich-Menschen: Du, Mensch, du allein entscheidest. In deiner Hand ist es, ob gen Himmel oder in den Abgrund. Dein Weg zu Gott liegt offen vor dir, du allein gehst ihn. Du verfällst der Sünde und strauchelst, und hast selber zu büßen. Selber mußt du alle Tiefen der Hölle durchwandern, bis zur äußersten Grenze. Ob Paradies oder Hölle, du entscheidest. Liebe oder Haft — deine Sache. Selber stehst du, und direkt, dem Sein und Nicht-Sein gegenüber. Du hast dich selber zu behaupten dem Bösen und den Trieben gegenüber, du nutfit durch alles Selber hindurchgehen — du, und kein Engel wird es für dich tun, kein Seraph, kein Bote. Leben und Tod liegen in deiner Hand. „Das Leben und den Tod habe ich vor dich hingegeben, den Segen und den Fluch. Wähle das Leben ..." Niemand kann niemanden „vertreten". Hier liegt das Geheimnis der ununterbrochenen und permanenten Selbst- Verantwortung des Individuums. Der Mensch — lehrt unsere Halacliah ~~} im Gegensatz zum Tiere, bedarf keiner Warnung in der Schüdcnsphäre. •> ,.. s.ets ein Gewarnter, „ob wach oder schlafend". Weder im Seelischen noch im Geistigen, weder in der existentiellen Sphäre des Einzelnen noch in der Gemeinschaft, kann es irgendwelche Art von „Schelichut" geben. Unsere Halacliah lehrt ferner, man könne keinen „Schaliach" für Verbotenes und Sündhaftes einsetzen (der „Schaliach" trägt doch selber die Verantwortung), in Wirklichkeit kann es keine „Schclicliut" geben auch in der Sphäre des Erlaubten, Erwünschten und Idealen. „Schelichut" ist ein Unglück für beide: für den Sender und füi den Boten. Unter die, die beim Darbringen der Erstlinge ihrer Früchte nicht den dazugehörigen Thora- Abschnitt lesen dürfet), zählt die Mischnah — neben anderen rechtlich nicht vollwertigen Personen — auch den Schaliach", denn er könne nicht sagen: „das du, o Herr, mir verliehen hast". H Es gab Zeiten im Judentum, in denen diejenigen, die das Judentum vor Gedankengängen der „Schelichut" bewahren sollten, unterlagen, und nicht mehr in der Lage waren, von außen eindringenden „SchelichuF'-Elementcn den erwünschten Widerstand zu leisten. Im letzten Jahrhundert hat man bei uns bedauerlicherweise angefangen, sich mit dem Gedanken der „Schelidmt" in der einen oder anderen Form abzufinden. Dies hat mannigfache Entwicklungen auf den verschiedensten Gebieten angenommen. Hier soll ein Beispiel geniigen, und zwar aus einem Gebiete, das den Juden in Deutschland verhältnismäßig am „familiärsten'' ist, aus dem Gottesdienst: Man vergleiche nämlich die Stellung des „Seheliach Zibbur" (Vorbeter) im östlichen und westlichen Gottesdienst. — Die östliche Judeuheit, in mehr oder weniger geschlossenen Massensiedhmgen lebend, fern von Emanzipation und Assimilation (wobei mir nichts ferner liegt, als die Emanzipation selbst wegen der sie oft begleitenden Assimilation abzulehnen), auch fern von Gedankengängen der „Schelichut", hat das Jüdische als j e d e r m a n n s - S a e h e aufgefaßt. „Sender" und „Boten" gab es und gibt es dort nicht. Dies fand und findet noch immer seinen Ausdruck in der Sphäre des Betens im „Beth Hamidrasch". Der „Seheliach Zibbur" des östlichen „Beth Hamidrasch" hat weder die Absicht, noch die Aufgabe, geschweige die Macht, „für" die Gemeinde zu beten, d. h. anstatt der Gemeinde zu beten, das Beten der Gemeinde zu töten, die Gemeinde zu „entlasten". Die Gemeinde, die ihn „sendet", wälzt nie auf ihn ihre Pflicht oder ihr Bedürfnis zum Beten ab. Der „Seheliach Zibbur" betet, und die Gemeinde betet. Er wiederholt iIir Gebet, sie nimmt Anteil an dem seinigen. Er ist da, nicht um das Gebet zu „vereinfachen", beschleunigen oder zu koordinieren. Im Gegenteil, es ist gewissermaßen ein steter Kampf zwischen ihm und der Gemeinde, die ihr Gebet nicht unterbrechen will. Der „Schamascii" hat es oft sehr, sehr schwer, dem „Seheliach Zibbur" das nötige Gehör zu verschaffen, er kann schwer „zu Worte" kommen. Alle beten, keiner ^anstatt" des anderen, jeder — für sich und für ganz Israel. „Seheliach Zibbur" und Gemeinde sind eins, wie die Einzelnen sich immer mehr und intensiver zur lebendigen Gemeinschaft zusammenschließen. Hier wird offenbar, wie ein lebendiges Judentum auf einem gewissen Gebiete „Schelichut" jüdischschöpferisch transformiert. Dagegen — „Seheliach Zibbur" und Gemeinde in der modernisierten westlichen Synagoge, die Einflüssen von außen nicht verschlossen blieb. Hier — keine wirklich „betende Gemeinde". Es betet für sie der „Seheliach Zibbur", die Gemeinde schweigt mehr oder weniger, „hört zu". Keine flehenden Stimmen, kein Zusammenschluß von Gemeinde und dem „Boten". Viel „Andacht", die „andächtige Gemeinde" stört nicht den „Vorbeter"; oft „stört" auch er sie nicht. Die Kälte, der Mangel von wirklicher Gemeinschaft, die mich vor etwa zwei Jahrzehnten bei meinem ersten Besuch in einem derart „organisierten" Gottesdienst erschüttert haben, werde ich nie vergessen. Da betet der „Schaliach" f ü r die Gemeinde, auch an ihrer Stelle. Da fühlt, denkt oder predigt der Rabbiner Judentum — wieder als „Schaliach" — für die „andächtige Gemeinde", die zum großen Teil dieses Judentum weder fühlt noch lebt, weder denkt noch will. Aber alles geht so weiter in ihrem „Namen" und in ihrem „Auftrage". Jenes verheerende Wort: Ich kann nicht oder will nicht jüdisch oder religiös leben, unsere Rabbiner, Vorbeter, Kultusbeamle sollen für die Erhaltung des Judentums sorgen; ich als „Privatmann" bin dazu nicht verpflichtet, aber unsere „Schliche! Zibbur", Boten ... — wird im Munde geführt von Tausenden von Juden, die selber das „Joch des Judentums" nicht traget» wollen, ob sie es klar und offen proklamieren oder auf verschiedene Weisen indirekt zu verstehen geben. Sind denn jene Gcmcindehätipter, die es sehr streng mit der Religiosität ihrer Kultusbeamtcn nehmen, die sich berufen fühlen, ihre Gedanken und Taten zu kontrollic- UNSERE VERKAUFSGESCHÄFTE: Berlin, Tiumtiitr.tlriB« 16 Essen, Am HnuptbalinhoMO Ha mbur», Junjffet-nslieg 43 Bachum, Koriumstmße 6? Köln a.Rh., Holif,Str»e« 115 Fr »nkf u H »M., RoBmarkt 15 Knen, LimbwltM«!r«Be 10 Z*ntr<l«: Offenblieb ». M. Wuppartll-F. Ibrrleld, HeraofttruBo 36 ren, während sie s e 1 b e r in ihrem eigenen Leben den ktzten Rest ihres Judentums nach dem Berge Sinaj zurückgeschickt haben, erfundene odr* legendäre Wesen? Aus einer anderen Sphäre: Wie oft hören wir jüdische Palastina-Touristen, Juden, die auf den letzten Rest jüdischer Pflichten in ihrem eigenen Leben verzichtet haben,, die mit ihrem „Biisines8"-Matcrialismus, Indiffcrentismus allem' Jüdischen gegenüber, oder mit assimilatorischem Zynismus! jeden Versuch irgendwelcher Besserung oder Hebung detj national-geistigen Niveaus der Diaspora-Judenheit unmöglich« machen, wie oft hören wir sie ausrufen: Wir wollen nichts mit Palästina zu tun haben, Palästina ist eine Hochburg von Gottlosigkeit und Unglauben, Mißachtung der Gebote usw. Ja, wir und unsere Kinder „halten nichts", m Berlin, London, New York ja, — aber in Palästina?! ... Als ob Koscher, Schabbat und das gesamte System der religiösen Gebote nur fiir Ejn Charod und Tcl-Joseph verkündet worden wäre, nicht aber für jene „entrüsteten" rntjudelen Juden selbst! liier offenbart eich wieder jenes gefährliche Grundphänomen: das Abschieben auf den „Schaliach"! Er, der „Schaliach", muß jenes Leben fuhren, das wir für uns völlig ablehnen, er muß dasjenige tun, was weder wir noch unsere Kinder tun wollen, er muß Wette pflegen, die uns in unserem eigenen Leben praktisch nichts bedeuten, Werte, für die wir weder unsere Existenz, noch auch die geringste Bequemlichkeit aufzugeben bereit sind. Und wenn diese Geisteshaltuug sich so verheerend auswirkt in diesen Sphären, um wieviel besorgniserregender ist es, wenn man ihr auch in dem ganzen System von Relationen zwischen Palästina und der jüdischen Diaspora begegnet. III. Der Aufbau des N a t i o n a I b e i m s in Palästina^ Traum von Jahrhunderten und Wirklichkeit unserer Zeit» das größte Konkrcttim und Positivum unserer Generation, auch er droht, der gefährlichen „Schelichut"- Konzeption zu verfalle n. Es mehren sich in den letzten Jahrzehnten die Stimmen derer, die da sagen: Iiier das Diaspora-Judentum als das Judentum der „Sender", dort Palästina als das Land der „Schelichim", Boten. ( Ich betrachte diese „Schelichut"-üedaiikengäiige als die gefährlichsten für den Bestand des Judentums hüben und drüben. Sic sind kein Segen für das „Land der Boten",, und eine große Gefahr für die Zukunft der „Sender". Diese Konzeption unterstützt und begünstigt jenen Prozeß der unerfreulichen „Entlastung" und f.Joch-Abschüttciung" von allem Jüdischen, der immer mehr im Diaspora-Judentum an Boden gewinnt. Sie löst eine derartig paralysierende Wirkung auf das Diaspora-Judentum aus, daß man an ihr unter keinen Umständen vorübergehen darf. Es ist hier nicht die Rede von Jenen großen Teilen des jüdischen Volkes, die noch immer außerhalb jedes aktiv-positiven Judentums stehen. Nein, wir meinen gerade jenen Sektor im Judentum, der am Palästina-Aufbau mitarbeitet, also jenes „sendende" Judentum. Es scheint oft, als ob auch sie in ihrer eigensten Lebens- und Wirklichkeifssphäre jede Pflicht zu wirklich jüdischem Leben und Schaffen weit von sich weisen, und zwar mit Hinweis darauf, daß in Palästina alles Jüdische bereits getan und geschaffen werde und das Diaspora» Judciittini nichts mehr zu „tun" habe, auch wenn es gekonnt hätte, — und hat man uns denn nicht jahrzehntelang! eingehämmert, das Diaspora-Judentum könne auch nichts mehr Jüdisches schaffen? ... Also, sollen die „Boten" lt> Palästina ein neues jüdisches Leben, eine neue hebräische Kultur schaffen — sollen sie schaff«; „für uns", d. h. statt unser. Sind schon die äußeren Und inneren Verhältnisse itn Diaspora-Judentum ungemein erschwerend fiir die echte Entfaltung der dem Judentum — wie jeder Gemeinschaft, auch der ärmsten und leidendsten — innewohnenden schöpferischen Kräfte, so kommt noch jene Ideologie der „Schelichut" hinzu, begleitet von der unfruchtbaren und auf ihre Weise destruktiven Theorie der „Verneinung der Diaspora", und steigert all die Paralysieruiigstendenzeti im sozialen und geistigen Leben des Diaspora-Judentums ins Ungeheuere. Diese Ideologie ist sehr opportun, bequem für ein sich entlastendes, es sich leiclitmacheniles Judentum. Sic kommt so sehr jenem jüdischen Opportunismus entgegen, dem kein Surrogat zu schlecht ist, kein Verzicht zu schwer fällt. Nahezu zwei Jahrtausende kämpft das Judentum unter dem Banner; ich und nicht der „Schaliach". Im zwanzigsten Jahrhundert aber fangen große Teile des Diaspora-Judentums, und gerade die besten und bewußtesten, an, zu verkünden : D e r „S c Ii a 1 i a c h" und nicht ich! Diese „Schcliehuf'-ldeologie, die soviel Uebcl angerichtet hat und immer weiter anrichtet, die gewisse „Abschiebe"- Prozesse im Diaspora-Judentum so stark begünstigt hat, — Ist auch von größter Gefahr für das Land der „Boten", für Palästina selber. Gerade wir wissen leider zu sehr, wie tragisch es ist, immer ein Sünden-Bock zu sein, ein Bock, auf den aller Fluch abgeschoben und aufgeladen wird. Nicht weniger tragisch ist es aber, ein „Segens-Bock" zu sein, wenn ich so sagen darf; eine Ablagerungsstelle für allen Segen, alles Gute. Die Hölle zu ertragen ist unmöglich, nicht weniger unmöglich ist es aber für den Menschen, das Bewußtsein zu haben, im Paradies zu leben. Vieles was über die Erziehung von großen Teilen der palästinensischen Jugend geklagt wird, und in Palästina selber, gehört gerade zu den ersten sich schon jetzt bemerkbar machenden Folgen jenes Glaubens des im-Paradies-Lebcns, der Vollkommenheit, des. völligen „Erlöstseins", der unrichtigen Konfrontation mit demj Diaspora-Judentum, die offen oder implizite der Erziehung in Palästina zugrunde liegen. Von hier aus müßte manches in der palästinensischen Wirklichkeit neu gesehen werden. Andererseits irren sich viele der „Sender", die glauben und denken berechtigt zu sein, vom Lande der „Boten" zu erwarten, daß es stets den Willen der „Sender-' tun, Stets den von den „Sendern" erwarteten Weg einschlagen DAMENMÄNTEL sBSä KOSTÜME KOMPLETS Fritz TodtmaiMl, Berlin O 27, Alexanders«. 451 KKÄSS Ruf 6739 39 ,