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Jüdische Rundschau · 1937-03-26 · Heft 24-25 (26.3.1937) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 24-25 (26.3.1937)
Date
1937-03-26
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 24/25, 26. III. 1937 JODISCHE RUNDSCHAU Seife 7 Die Vorurteile der Jugend Aus einer Ansprache an die jüdische fugend / Von Martin Buber i; Ja und nein Die Jugend pflegt die Vorur teile als etwas den Alten Eigentümliches zu behandeln, wogegen sie selbst vermeint, unbefangen, unbeschwert von Vorurteilen zu sein. Aber so verhält es sich nicht. Vorurteile sind Urteile, die man bildet, ehe man die Erfahrung gemacht hat, auf der allein das Urteil sich gründen könnte. Man sollte also fast annehmen, die Alten könnten keine Vorurteile haben, da sie doch genügend Erfahrung besitzen. Aber es ist leider so, daß die von den Menschen auf Grund der Erfahrungen ihres Lebens gebildeten Urteile sich zumeist verkrusten und den Menschen hindern, neue, aufrüttelnde Erfahrungen z.u machen und daraus neue rechtschaffene Urteile zu schöpfen. Wie verhält es sich denn mit der Jugend? Eigentlich wehrt sich die Jugend trotz ihres Erfahrungsdurstes gegen das ,,Machen von Erfahrungen". Sic fängt mit einer leidenschaftlichen Stellungnahme an, sie entscheidet sieh aus Leidenschaft, sie erwählt, ergreift etwas und hält es nun fest, nicht wie etwas Verkrustetes, sondern wie eine glühende Materie, die man nicht starr werden lassen will. Aber gerade weil sie glühend bleiben soll, sträubt man sich, die Urteile, mit denen man gleichsam begann, mit neuen andersartigen Erfahrungen zu vergleichen. Man will keine Erfahrungen machen, die dem leidenschaftlich Ergriffenen widersprechen, die es in Frage stellen könnten. Man will nur noch das erfahren, was einem die „Stellungnahme" bestätigt. Vorurteile sind nicht schlechthin vom Uebel. Es gibt welche, die den Menschen stark machen und zugleich aufgeschlossen lassen, so daß er zwar weiß, wie er zur Welt steht, aber nicht von ihr abgeriegelt ist. Es gibt aber auch Vorurteile, die den Menschen von der Welt absperren: Da darf nichts mehr herein, dieser Mensch ist schon „besetzt". Im Gang des Lebens ist mir eins immer klarer geworden: es kommt für den Menschen vor allem darauf an, daß er seine Aufgeschlossenheit nicht verliere. Die rechte Aufgeschlossenheit ist das kostbarste menschliche Gut. Ich sage: die rechte Aufgeschlossenheit. Man kann einen Standort hallen und leidenschaftlich auf ihm beharren, aber man muß dabei der ganzen Welt offen bleiben und sehen, was es zu sehen gibt, und erfahren, was man erfahren kann, und alle Erfahrung einbeziehen in die Ausarbeitung dessen, wofür man sich entschieden hat, so daß dieses eine stete Wandlung erfährt und doch das bleibt, was es ist, nur in immer tieferer, immer wirklichkeitsgercchtercr Einsicht. Beides zusammen tut not, der fest« Standort und daß er einen nicht wie ein Fußeisen gefangen halte. Frei muß man da stehen, wo man steht, und der Welt unbefangen inne werden. Geschichte Wie ein Vorurteil je nachdem gut oder schlimm sein kann, mögt ihr euch zuerst an dem Heispiel des Vorurteils deutlich machen, das die Jugend gewöhnlich und besonders in unserer Zeit gegen die Geschichte hegt. Die Jugend stellt sich gern vor, daß heule, mit ihr die Welt anfange: „Was die Alten gemacht ltal>cn, ist ja doch nur Patzcrci; wir werden alles anders machen." Darin steckt etwas Schönes und Fruchtbares; damit die Jugend etwas zustande bringe, muß sie sich etwas zutrauen. Aber dasselbe Vorurteil wird hinderlich und gefährlich für die Generation, wenn sie sich von ihm her der Einwirkung dessen, was bis auf sie geschehen ist und sie selber hervorgebracht hat, verschließt; wenn der lebendige Strom der Ueberliefcrung keinen Eingang mehr zu ihrer Seele findet. Dann wird sie von den ewigen Werten, die sie in dieser Zeit und in ihrer eigenen Art darstellen und verwirklichen sollte, abgedrängt; ihr Vcrwirklichungsdrang hat mit der Urwirklichkcit des Seins selber keine Verbundenheit mehr. Gewiß, jedes neue Geschlecht ist ein neuer Ring in der großen Kette, und jeder neue Ring muß in der Leidenschaft seines Neu-Dascins durchglüht werden, um den anderen als ein neues Glied angereiht werden zu können. Aber beides gehört eben zusammen: die Leidenschaft des Neubeginus und das Sichcinfügenkönnen. Man muß zuliefst wissen: Die Geschlechter, die mich hervorgebracht haben, trage ich in mir, und was ich an Neuem tue, das erhält erst von da her seinen eigentlichen Sinn. Geist Die Vorurteile, von denen ich zu euch reden will, sind der heutigen Jugend überhaupt gemeinsam. Dennoch hat jedes einzelne davon in unserem Volke sein besonderes Gewicht und seine besondere BedenkÜchkeit. Alles ist bei uns ja doch anders, beladcner, folgenreicher, gefährlicher, und zwar deshalb, weii wir das labilste aller Völker sind. Eben deshalb trifft mich das in unserer gegenwärtigen Jugend so häufige Vorurteil gegen den Geist am schwersten, wie gut ich auch seine Entstehung begreife. Es ist wohl zu verstehen, daß \iele sich heute dagegen wehren, an den Geist zu glauben, ihm zu vertrauen. Denn das Menschengeschlecht hat mit dem Geist im letzten Vicrtcljahrhundcrt im allgemeinen keine guten Erfahrungen gemacht. Er hat in Zeiten, wo es galt, daß er sein Wort in die Geschichte hineinspreche, daß er denen, die Geschichte machten oder zu machen schienen, die Wahrheit über ihr Tun und Unterlassen sage, nicht bloß geschwiegen, sondern auch falsch geredet. Er hat sich vielfach zum Werkzeug hergegeben, wo er berufen gewesen wäre, aus sich selber rügend und richtend zu wirken. Zugleich aber hat er sich immer wieder Ober der Welt im Raum der in sich kreisenden Ideen einen großartig unverbindlichen Bereich eingerichtet. Wo der Geist dies getan hat, hat er das verloren gegel>cn, was ihn, vor allem in den Krisenzeiten, recht eigentlich erst legitimiert, nämlich, daß er jederzeit bereit ist, sich der Wirklichkeit auszusetzen, sich an ihr auszuwirken und auszuweisen. Bedeutet diese Schuld des Geistes an unserer Zeit aber, daß er abdanken solle? Seine Lage erinnert mich an die alte Geschichte von dem König und dem bösen Geist'). Es geschah eines Tags, daß der König von seinem Thron in die Wildnis versetzt wurde, auf dem Thron aber saß ein Dämon, der die Gewandung, das Gesicht, das Gebaren des Königs halte, so daß niemand daran zweifelte, daß dies der König sei. Aber ein Teufel kann, welche Gestalt er auch annehme, nicht aufhören, ein Teufel zu sein, und den Untertanen wurde es immer beschwerlicher und pcinvollcr, anzusehen, was ihr König anstellte. Da empörten sie sich gegen ihn und wollten ihm nicht mehr gehorchen. Keinem von ihnen aber kam in den Sinn, daß dieser, der solches tut, •4 l) Ich gebe hier die Geschichte von Salome und Asmodai «licht in ihrer bekannten aggadisch.cn Fassung wieder, sondern so wie sie mir in meiner Kindheit von meiner Großmutter erzählt worden ist. ja gar nicht der König sein könne, und daß man hinausgehen müßte, den wahren König zu suchen, der indessen in der Wildnis nicht hatte, wo er sein Haupt hinlege. Es ist freilich nicht leicht, in einer solchen Situation auf den richtigen Gedanken zu kommen. So aber eben verhält es sich mit dem Geist. Was dem Geist vorgeworfen wird, hat ein Scheingeist getan, der wie der wahre aussah und viele zu blenden vermochte. Die praktische Folgerung, die daraus zu ziehen ist, ist nicht, dem Geist abzusagen, sondern sich von dem falschen König dem wahren zuzuwenden, und, wenn er nicht anderswo zu finden ist, in die Wildnis hinauszuziehen, um ihn zu suchen. So steht es um das Vorurteil gegen den Geist. Mögen aber andere auch zuweilen ohne den Geist auszukommen suchen und dabei nicht Gefahr laufen, das Leben einzubüßen: wenn wir Juden uns dessen unterfingen, würden wir uns selbst verlieren. Hören wir auf, an die Mächtigkeit des Geistes zu glauben und für sie einzustehen, dann heben wir unser eigenes Dascinsrcchl und unseren eigenen Daseinsgrund auf. Wir haben keine Bestimmung und keine Zukunft mehr. Wahrheit Nah dem Vorurteil gegen den Geist ist das gegen die Wahrheit. Das hängt mit einer Lehre zusammen, die irn letzten Vierteljalirhunderl immer mehr um sich gegriffen hat, der Lehre von der Relativität der Wahrheit. In ihrer praktisch wirksam gewordenen Form besagt diese Lehre, daß es eine wirkliche Wahrheit für den Menschen nicht gehe, sondern für jeden ein Etwas, was er für wahr hält, was aber durch und durch von dem gesellschaftlichen Zusammenhang, in dem er aufwuchs, und von der seelischen Beschaffenheit, die ihm eigen ist, bestimmt sei. Der Mensch stehe eben in einer Vielfältigkeit äußerer und innerer Bedingtheiten, und diese vielfältige Bedingtheit stelle sich auch darin dar, was er für wahr halte und als wahr bezeichne. Diese Lehre ist richtig und falsch zugleich. Gewiß wäre es verkehrt, den Menschen als ein Gcfi'ß anzusehen, das eine hineingeschüttete allgemeine Wahrheit aufzunehmen vermag. Gewiß kann jeder nur von seinem Soscin aus erkennen, denken und sich äußern, gewiß hängen wir darin von der sozialen Schicht, in der wir stecken, und von den psychischen Schichten, die in uns stecken, mannigfach ab. Aber das Merkwürdigste an uns Menschen ist doch dies, daß es in unserem Leben vulkanische Stunden gibt, in denen es drunter und drüber geht und ein Durchbruch geschieht: das Uebermaß der Bedingtheit ist uns unerträglich geworden, wir brechen aus und greifen mit beiden Händen ins Dunkel, nach einer durch all dies nicht bedingten, nach einer unbedingten W ahrheit. Wir werben, wir ringen um sie. Gewiß bekommen wir auch dann die Wahrheit nicht zu fassen, gewiß werden wir die Bedingtheit, die unser Schicksal ist, nicht los, und doch ist etwas anders geworden, doch dringt ein Unbedingtes in unsere Bedingtheit ein, durchdringt sie. Etwas uns vordem Undenkbares ist denkbar und sagbar geworden, und dieses Etwas gehört in die Reihe jener umorsehbaren Dinge, die die Welt erneuern. Dieses Ausbrechen der menschlichen Person in die Begegnung mit der Wahrheit ist das, was jeweils Entscheidung bringt und den Weg wendet. Es ist die Geburt der Seele im Menschen und im Menschentum, immer neu. Unsere Zeit und mit ihr auch ihre Jugend hat sich dieser Grundtatsache unseres Lebens entfremdet. Aus dem Zweifel an dem Berührcnkönncn der Wahrheit gerät die Zeit und ihre Jugend mit ihr immer mehr dahin, den relativierten Begriff der Wahrheit nun auch noch zu verzwecken, so nämlich, daß man nur noch darauf aus ist, etwas als „wahr" zur Geltung zu bringen, was der eigenen „Sache" dient, selber aber gar nicht mehr darauf sinnt, Wahrheit zu suchen, ja eine solche Suche wohl gar als unsinnig verwirft. Man begnügt sich schließlich damit, den alten Aberglauben der Menschen, daß es Wahrheit gebe, auszunützen. Aber wie verhält es sich wirklich? Gibt es für uns eine Wahrheit, können wir eine besitzen? Können wir sie uns aneignen? Gewiß gibt es keine, die man nehmen und in die Tasche stecken kann. Aber es gibt ein redliches, rückhaltloses Verhalten der menschlichen Person zur Wahrheit, es gibt ein rechtmäßiges Verhältnis zu ihr, das der Mensch mit seinem ganzen Leben bewahrt und bewährt. Es gibt dies, daß der Mensch um die Wahrheit dienen kann, sieben Jahre und noch einmal sieben Jahre, und er kriegt sie auch danach nicht, aber sein Verhältnis zu ihr ist immer echter, immer wahrer, immer mehr selber Wahrheit geworden. Dieses Verhältnis zur Wahrheit entsteht aber eben dadurch, daß der Mensch seine Bedingtheiten durchbricht, nicht um sie abzustreifen —■ das wird er nie vermögen —, aber um etwas von der Unbedinglheit zu spüren, etwas von ihr einzuatmen. Dieses Etwas ist es, das hinfort das Verhältnis dieses Menschen zur Wahrheit belebt. Menschliche Wahrheit wird, indem man mit seinem ganzen Leben sein Verhältnis zur Wahrheit zu verwirklichen sucht; und Mitteilung der menschlichen Wahrheit wird, wenn man sich in seiner Mitteilung selber einsetzt und mit seinem Selbst für sie einsteht. Verantwortung Damit habe ich ein weiteres Grundwichtiges berührt: das Lehen in der persönlichen Verantwortung. Aber gerade gegen diese, gegen die Verantwort ung richtet sich ein anderes Vorurteil der Jugend. Auch dieses Vorurteil wirft etwas Richtiges mit etwas Falschem zusammen, die gerechte Kritik an einem Individualismus, der den ein/einen Menschen als Sinn und Ziel des Ganzen ansah, und den verhängnisvoll ungerechten Widerspruch gegen die Einsicht, daß wirkliche Gemeinschaft zwischen Menschen nur aus der Verwirklichung ihrer Verantwortung füreinander entstehen kann, und daß insbesondere eine Gemcinsehaflskrisis wie die gegenwärtige nur so, wenn überhaupt, überwunden werden kann, daß der Einzelne sein Verhältnis zur Situation in allem Ernst als persönliche Verantwortung trägt und austrägt. Vor diesem Standhaltensollen flüchtet der Mensch dieser Zeit und leider auch der junge Mensch in die Zugehörigkeit zu einem „Kollektiv", für das er sich nicht öfter als einmal zu entscheiden braucht, und das ihn hinfort aller Verantwortungssorgen enthebt. Nun vermeint er unbekümmert an der Durchsetzung eines aligemeinen Zwecks mitwirken zu dürfen, ohne jeweils sich selbst ernstlieh befragen zu müssen, ob dieses und jenes Mittel des Zwecks würdig und ihm angemessen ist, Ja ob der durch solche Mittel entheiligte und sodann erreichte Zweck überhaupt noch Wesentliches mit dem gemein hat, auf dessen Erreichung man ausgegangen war. Ich will mit diesem Hinweis nicht sagen, daß unsere Jugend nicht in Kollektivitäten, in Gruppen und für sie zu wirken hätte. Im Gegenteil. Die Zugehörigkeit zu der Gruppe muß ja nicht eine Flucht vor dem immer neuen und immer anderen Verantwort enmüssen sein, sondern sie kann die Stätte der eigentlichen und schwersten Verantwortung und deren stete Erprobung sein, und wenn sie es ist, kann sich der verantwortende Mensch wohl nirgends so tief und so ganz wie hier bewähren. Es gilt dann eben für den einzelnen Mensrhen, auch für den ein/einen jungen Menschen, zugleich seiner Gruppe mit aller leidenschaftlichen und leidenschaftlich tätigen, leidenschaftlich kämpferischen Liebe anzugehören, und aber auch im Inneren der Gruppe, von keines Losungswortes Gewalt eingeschüchtert, für das Rechte einzutreten, für die würdigen und angemessenen Mittel also gegen die unwürdigen und unangemessenen, für die echte Verwirklichung gegen die leere Durchsetzung, und sich wie in dem äußeren Kampf für den gerechten Anspruch der Gruppe, so auch in dem inneren Kampf gegen dessen ungerechte Auslegungen und Anwendungen einzusetzen, mit der ganzen verantwortlichen Person. Unmittelbarkeit Aber nicht bloß Einzelmenschen eine Bereich der Person, liehen Beziehungen, ist i:i Fräse gestellt, all in der Lehens^estaltuiic der Jugend von der Kollektivität aus droht dem Entpersönlichung. Auch der nächste der Wirklichkeitsgehalt ihrer persünh meine das über- Mchtliur werdende Vorurteil gegen die Unmittelbarkeit. W ieder hat es mit einem begründeten Protest ansefangen. mit dem gegen die Ucbcrschützniig der individuellen Gcfühlssphiirc, gegen die Sentimentalisierung des Lebens in ihren modernen Formen. Mit dieser aber hat man zugleich etwas unendlich Wertvolles aufgesehen, die rückhaltlose persönliche Unmittelbarkeit zwischen Mensch und Mensch; eine Ver.saehlichung ist in den zwischcmncnsihlichen Raum getreten, die auch zwischen Gleichgesinnten oft ein eigentümliches Mißtrauen, ein scheinübcrlegenes Abschätzen und Aburteilen, eine Ferne in der Nähe bewirkt. Nur noch selten schließt sich der eine dein anderen unbefangen auf; man hält sich zurib k, man beobachtet, man rechnet und rechtet. Der andere ist nicht mehr eine persönliche Welt wie ich, die ich von meiner eigenen aus mir vergegenwärtige und in der Vergegenwärtigung bejahe, er ist eine .Summe von Eigenschaften, die mir mehr oder weniger verwendbar, ein Bündel von Kräften, die mir mehr oder weniger aktivierbar erscheinen. Und daran ändert siih im letzten Grunde nichts, wenn der Zweck, von dem aus diese Brauchbarkeit festgestellt wird, kein individueller, sondern ein allgemeiner ist. Ja, man muß, wenn es um einen Gemeinsehaftszweck geht, darauf hinweisen, daß durch solch eine Zweckbetrachlung des Gefährten der Fruchtboden der Gemeinschaft, das Geheimnis dires organischen Lebens, zersetzt wird. Es kann nur dann gedeihen, wenn es sich Uberall, also zwischen je einein und je einem Glieds der Schar, ungehemmt entfalten darf. Wenn vollends auch das innerste Gut, die persönliche Liehe selbst, in den Betrieb gezogen und ihm unterworfen wird, muß auch das Innerste absterben. Glaube Alle Vorurteile, auf die. ich euch aufmerksam gemacht habe, hängen in der einen oder anderen Weise mit einem letzten oder vielmehr vorletzten Vorurteil zusammen, mit dem gegen den Glauben. Auch dieses hat seine Begründung und teilweise Rechtfertigung: in der Tatsache, daß die religiösen Ordnungen und Anstalten, die die objektiven Darstellungen der Glaubenswirklichkeit sein sollten, so oft und vielfältig dem echten Glauben und seiner Wahrheit zuwider gehandelt und sich dem Glaubenden entgegengestellt, sieh gegen sein schlichtes Dasein für das jeweils in der Welt Mächtige und Gültige eingesetzt haben. Dieses vordergründige Fehlgeschehcn hat in seinen Wirkungen auf die Seele der in der Krisis heranwachsenden Geschlechter den Glauben mitbetroffen, es hat ihn entwertet. Wieder wird mit dem Falschen das Rechte verlassen. Der wirkliche Glaube meint nicht, daß man in fertigen Formeln bekenne, was man für wahr halte. Er meint vielmehr, daß man dem unbedingten Geheimnis, das uns in unserem Lehen überall antritt und sich in keine Formel fassen läfst, aufgeschlossen bleibt, und daß man von den W urzeln seines Wesens aus allzeit bereit ist, mit diesem Geheimnis wirklich wie ein Wesen mit; einem anderen Wesen zu leben. Der wirkliche Glaube bedeutet eigentlich, daß man das Leben mit dem Geheimnis aushalt. Ich kann nicht, erwarten, daß ihr das, was ich euch jetzt sage, jetzt schon versteht. Aber ihr könnt es im Gedächtnis bewahren für die Stunde, wo Erfahrungen eures eigenen Lebens euch daran erinnern und sich von hier aus deuten lassen werden. Denn die Gestalten, in denen uns das Geheimnis antritt, sind eben die Erfahrungen unsere-, eigenen persönlichen Lebens. In diesen immer neuen, unv orhersehbaren, überraschenden, überstürzenden, überwältigenden Erscheinungen das Leben mit dem Geheimnis auszuhaken, ihm standzuhalten, ist zuweilen sehr schwer. Aber es gibt auch eine Hilfe, es gibt auch Helfer dabei. Das ist die lebendige Ueberliefcrung der Menschen, die wahrhaft mit dem Geheimnis gelebt haben, und vor allem der Menschen unserer Art und unserer Botschaft. Sie helfen uns durch die reine Kraft, mit der sie das Geheimnis erfuhren, ihm gegenübertraten und sich ihm angelobten. Denn Glauben heißt recht eigentlich Sichangeloben. Ich weiß wohl, all (lies Gewesene kommt in einer erstarrten, versteiften Form durch den Religionsapparat zu uns. Aber es kann aufgelockert werden. Dann führt wieder ein Zugang zu jenem aus Gelebtem lebendig Ucbcrliefertcn, bis hin zum Leben unserer Bibel, ja unmittelbar zu ihr. Auch wir können noch aus den schwarzen Lettern hervor die Stimme hören. Gott Aber dies führt uns auf die Frage nach dem letzten und äußersten Vorurteil hin, das sich hinter dem gegen den Glauben birgt, das Vorurteil gegen Gott. Es wird erzählt, daß unter Kaiser Tiberius ein unweit von Epirus kreuzendes Schiff von einer der Inseln her einen klagenden Ruf vernahm, der dem Steuermann befahl, einer anderen Küste zu melden, der große Pan sei gestorben. In allen Zeiten des Menschengeschlechts gab es Göttertode zu melden. Aber erst in unserer Zeit hat ein Philosoph melden zu sollen vermeint, Gott sei tot. Wenn man von einem Gott, sagt, daß er tot sei, meint man, ob man es weiß oder nicht, die Wahrheit, daß die Gotteshilder vergehen, daß also eben jetzt ein Bild, das bislang als Gottesbild gesehen und angebetet wurde, nicht mehr so gesehen, nicht mehr angebetet werden kann. Was man Götter nennt, das ist ja nichts anderes als Gotlesbilder und muß das Schicksal der Gotteshilder erleiden. Aber Nietzsche wölke offenbar etwas anderes sagen, und dieses andere ist in einer unsere Zeit Private Photo-Lehrgänge für Nichtarier von Julius Glücksohn Rudolatadtar Str. 100 ■ III Parnaprachar HOIN Berlin-Wilmersdorf

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