Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 23 (23.3.1937)
- Date
- 1937-03-23
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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, Nr. 23, 23. 111.1937 JODISCHE RUNDSCHAU Seife 5 Wie gestalte ich den Schabbat? Vflr Schabbat, 27. März; I.Tag Peßach 1. In der Nacht vom 15. zum 16. Nissan wurde früher 'in Erez Israel das „Omer" dargebracht. Unter großer Beteiligung wurde feierlich das erste Getreide, üerste, geschnitten. Vor diesem Termin durfte in vielen (legenden Erez Israels keinerlei Getreide geschnitten werden. Ebenso war es verboten, das aus vor dem 16. Nissan geschnittenem Getreide hergestellte Brot zu essen. Wir werden versuchen, eine Darstellung dieser Feier zu geben, am besten im Anschluß an die sehr eingehende Schilderung des .Maimonides jn seinem „Mischne Thora" Hilchot T'midin VII. Anschließend unterhalten wir uns dann über die Institution des Omer- Zählens und ihm besonderen Charakter der Sefira-Zcit. •Als Literatur^ benutzen wir: „Zahlet die Tage" (herausgegeben vom KKL), „Das Jahr des Juden" von M. Zobel (Schocken- Vcrlag) und die Stoffsammlung „Peßach" von B. S, Jacobson (Haskalah des Zeire-Misrachi). 'II. Für Jüngere empfehlen wir, die in der Hnggadah vorkommenden P i j u t i m "rf?^?n 'Sna ,n,l/( und DmnX1„ *HDD nat einmal eingehender zu betrachten. In diesen Pijutim werden viele Ereignisse aus der Jüdischen Geschichte aufgezahlt, die nach der Uebcrliefcrung am Peßach sich ereignet haben und die die Vorstellung von der Sedernacht als "D^mv als Nacht der besonderen Obhut Gottes, Ämter Beweis stellen. Man untersuche nun, aus welchen "Anzeichen des biblischen oder nachbiblischcn Textes jeweils geschlossen wird, daß es Peßach gewesen sein muß, als das erwähnte Ereignis eintrat. Zur Vorbereitung verweisen wir auf die im Schocken-Vcrlag erschienene Fiaggadah, herausgegeben von E. D. Goldschmidt. I. E. Die Entwicklung der Aggadah (VIII) Aggadische Persönlichkeiten: 5. R. Schimon b. Lakisch Der von uns bereits erwähnte Gegner-«R. Jochanans •in der Halachah, H. Schimon b. L a k i s c h oder Resch Lakisch, wie er oft genannt wurde, war einer der bedeutendsten Amoräer der zweiten Hälfte des III. Jahrhunderts. Wie es scheint, haben ihn ungünstige wirtschaftliche Verhältnisse schon sehr früh gezwungen, sein Studium aufzugeben und seinen Lebensunterhalt durch harte, oft gefahrvolle Arbeit zu verdienen. Er war eine Zeitlang Gladiator, wobei er an den öffentlichen Zirkuskämpfen teilnahm und nicht selten in Lebensgefahr schwebte. Wegen seiner außerordentlichen Körperkräfte war er weit und breit berühmt, so daß zahlreiche Anekdoten und Legenden darüber überliefert werden. Das führte so weit, daß man ihm später nachsagte, er sei in seiner Jugend ein Räuber oder gar ein Räuberhauptmann gewesen, und daß er erst später dieses tinsaubere Handwerk unter dem Einfluß seines zukünftigen Schwagers, R. Jochanans, aufgab. Wenn auch diese Ucberlieftrung legendäre Züge trägt, ist doch Tatsache, daß er dank der außerordentlichen Förderung R. Jochanans, der ihm Freund und Lehrer wurde, zum Thorastudium zurückkehrte und es bald zur Meisterschaft auf dem Gebiete der Traditionswissenschnft brachte. Als Mitglied der Akademie in T i b e - Tias genoß er hohes Ansehen und war besonders wegen seiner scharfen Dialektik bekannt. Die Späteren sagten ihm nach, daß dem, der R. Schimon b. Lakisch im Lxhihause sieht, es vorkommt, als ob jemand Berge entwurzelt und sie aufeinander zermalmt (Sanh. 21 a). — Auch wegen seiner geistreichen aggaclischen Interprc'ationen war er weit bekannt und wurde daher in die erste Reihe der Aggadisten gestellt. Lehren und Aussprüche: Die Heimsuchungen (Leiden) gleichen dem Salze, von beiden wird der Ausdruck „Bündnis" rv>"13 gebraucht (vgl. III. B. M. 2.13 und V. B. M. 28,60). Dem Sal/e ist es beschieden, das Opfer zum Darbringen tauglieh zu machen, den Leiden, die Sünden zur Sühne geeignet zu machen. Wie das Salz, das Fleisch durchdringt und reinigt, so durchdringen und reinigen die Leiden den Körper des Menschen (Berachot 5 a). — Wenn ein Mensch sich im Zorn fortreißen läßt, weicht, wenn er ein Gelehrter ist, seine Gelehrsamkeit von ihm, wenn er ein Prophet ist, seine Prophetcngabe. Beides illustriert er an Moses, der nach IV. B. M. 31, 14, im Zorn die religionsgesetzliche Entscheidung vergaß, und an Elischa laut 2. Könige 3, 13 (Pes. 66 a). — Wer Verleumdungen ausspricht, häuft das Maß seiner Sünden bis an den Himmel (Erachin 15 b). — Wer gegen Unschuldige Verdächtigungen ausspricht, der cr- 1 T Prof. Mcir Balaban der b ti r t s t a g e s storikers Prof. Das einzige gemeinsame Auftreten von Ychudi und llephzibah Memihin in diesem Jahre war, wie bereits kurz berichtet, ihr Konzert in der Ford-Radioslunde in Detroit am 2$. Februar. Vnser Bild zeigt das jugendliche (bekanntlich in Palästina geborene) Geschwisterpaar, das einen sechswöchigen Urlaub in New York verbrachte, bevor es in die Abgeschlossenheit des Künsllerhauses in Kalifornien zurückkehrt. Auil«n<Moto t iiiiiitiiiiitiiit iiirtiitiiitiiiisiii itiritiiiirit it iiitiitiit)iiiiiiiiuiaiiiiii*iit iittiiiti>iiii!iiiiiiiiiiiititiiiiiitiiiMii!itiiiii(!tttii)ii ti»iMinift leidet am eigenen Körper die Strafe dafür (Sab. 47 a). — Berühmt ist sein Spruch geworden: Schmücke dich selbst, dann schmücke die anderen (gemeint ist: bessere dich selbst, bevor du die anderen zur Besserung ermahnst (B. Mezia 107b; B. Bafra 60 b; Sanhedr. 18a>. Sehr beachtet wurde auch sein Ausspruch: Die Worte der Thora erhalten sich nur bei demjenigen, der um der Lehre willen das größte Opfer (sich zu „töten") zu bringen bereit ist (Ber. 63 b; Sab. 83 h; üittin 57 a). — In beziig auf Israel sagte er: Die Menschen pflegen bloß reiche Verwandte anzuerkennen, arme aber zu verleugnen. Gott aber nennt Israel auch in der tiefsten Erniedrigung: Bruder und Freunde (Jer. Ber. 13). Charakteristisch sind auch seine Aussprüche über die hohe Stellung der Proselvten: Der Piosclyt ist Gott mehr wert als das am Sinai versammelte Israel, denn dieses hätte ohne die Wunder der Offenbarimg das Reich des Himmels (eine im jüdischen Schrifttum sehr häufige Bezeichnung für die Flerrschaft Gottes, die auch in den Evangelien vorkommt und von da aus in alle Kultursprachen überging) nicht angenommen, während aber jener (de- Proselyt), ohne ein einziges Wunder gesehen zu haben, kam unu sich Gott übergab und das Reich des Himmels annahm (Tanchuma zu "]b 6). — Wer das Recht des Proselvten beugt, der handelt, als ob er das Recht Gottes gebeugt hätte (Chag. 5 a). J.M. Lektüre Beim nächsten Oneg Schabbat, dem ersten Tag Peßach, empfehlen wir die P c ß a c h - N u m m e r der ,,J ü - dischen Rundschau" als gemeinsame Lektüre. Sie wird auch mehrere Beiträge über das Fest enthalten, und den für jugendliche Kreise besonders wichtigen Beitrag von Martin Buber „Die Vorurteile der Jugend". — Wir machen ferner auf das große Sanimclhuch „Jüdisches Fest — jüdischer Brauch" (herausg. von Friedrich Thieberger, Jüd. Verlag Berlin) aufmerksam, das einen besonders umfangreichen und reichhaltigen Abschnitt über Peßach enthält. Darin sind auch zahlreiche zur Lektüre geeignete Stücke aus der modernen jüdischen Literatur. Diese können auch am Sederabend nach dem Abschluß der Hnggadah vorgelesen werden. In dem von Thieberger verfaßten einleitenden Aufsatz werden die Peßachbräuche beschrieben und erklärt, und mau findet viel Stoff zu gemeinsamer Besprechung. _ Einen außergewöhnlichen Erfolg holte sich die ISjährige Geigerin Liselotte Marcus, de Lichlingsschü'crin Brorüslaw Huber m ans, mit ihrem ersten Konzert in Wien. Zu seinem 60. Geburtstag Die jüdische wissenschaftliche Welt in Polen stand in letzten Zeit im Zeichen der Feier des ()(). G des bekannten jüdischen Gelehrten und I Dr. Mcir B a 1 a b a n. Balabaus Namen und wissenschaftliche Tätigkeit ist weit über Polens Grenzen hinaus bekannt. Seine auch in deutscher Sprache erschienenen Werke und Studien sind nicht mir eine Bereicherung unserer historischen Literatur, sondern bilden auch einen Markstein in der jüdischen Geschichtswissenschaft. Die jüdische Gcschichtslitcrafur in den letzten hundert Jahren hat wohl eine ungeahnte Entwicklung genommen, sie stand jedoch voru iegeml im Zeichen eines „konservierten" Judentums. Von diesem Aspekte aus schenkte sie der Geschichte des noch aktiven osteuropäischen Judentums viel zu wenig Beachtung. Das russische und gesamtpolnische Judentum waren damit ein völlig unbearbeitetes, ja selbst unbekanntes Gebiet. Erst dank den Vorarbeiten von Simon D u b n o w, Dr. Harkav y, Dr. Mose S c Ii o r r wurden die Voraussetzungen für eine wissenschaftliche Durehfoischling der Geschichte der Juden in Polen geschaffen. B a I a 1» a n begann seine wissenschaftliche Tätigkeit mit eüicr „Bibliographie zur Geschichte der Juden in Polen", in der er eine Zusammenstellung der gesamten Forschungen und Dai Stellungen zur Geschichte der Juden in Polen bis zum Jahre l'K)<) gab. Schon 1006 überrascht Balaban die jüdische wissenschaftliche Welt mit seiner Monographie ober die Juden in L e m Ii e r g. Mit seiner Geschichte der Lctnberger Juden um die Wende des 17. Jahrhunderts wurde Balaban der Schopfer der jüdischen historischen Monographie, die nun seiner historiogiaphisehen Tätigkeit g.word bändige „Geschichte der allen Judciigcmeimle bewegt sich in denselben Bahnen. Ahe übrigen er während seines vierziujälifgeit w s-eiiselrdt i veröffentlichte, bilden nur einen Rahmen, der volle Forschung■•<Tgi bn:->e i tiih.ii! und im-uc I listorh wesentlich bereichert. De Standaiducrke se ner \vis-t liehen Tätigkeit werden wohl sti t< seine /w<-, Mono: über Lemberg und Kiakau bleiben. In dn-e Kati auch seine im „Jüdischen Verlar" ir>iiuYm ne Moni der I. u bl i n e r J u d e n s t n d 1 ein/un dien. Seme über die j ü d i s c h e (i e m e i n d e o r g a n i s a t i Polen haben unbekanntes Material und neue Ucsich ans Tageslicht gefördert. Einen großen Teil seiner Lebensarbeit widmete Balaban der Erforschung der I r a n k i s t c n - B o w e g u n g. Eine ganze Reihe von Skizzen über Rihialmord-J'ruzeNve und K'eligionsdisputationen bildete eigentlich nur Vorstudien zu seiner großen Fraiikisfengeschichtc. in der er im G ersten Historiker A'e»ndir Kraushaar nicht so sehr auf die alliieren, scheinungen konzentrierte. Zu „Geschichte der Juden in da über Bereit Josclewicz", Polen", sein dreibändiges „I. c schichte und Literatur" u.v.a. 1 iaupfgebiet st. Seine zweiin K r a k a u" Arbeiten, die eil Schaffens Seraus wert- >t'>rii >gi aphie wih-ieiisehaft-;raphien oric ist igraphie Studien o n i n snunkte;ensatz zu ihrem m in Augenmerk sondern auf die inneren ITerwähnen sind ferner seine i / i e n", sein „Sammelbuch „I )er S a b b a t a i s m u s in irbtich der jüdischen Oe- Alle diese Bücher sind Forschungsarbeiten, die vorwiegend auf neuen archivalischen Materialien fußen. Zieht man noch die fast in die Hunderte reichenden Aufsätze und Artikel in den verschiedensten Zeitschriften, Tageszeitungen, Sammelbüchern und Enzyklopädien in Erwägung, dann erkennt man, wie mannigfaltig Balabaus Forschungsarbeit ist. Seine Tätigkeit als Lehrer, Vortragender, Rcligionslchrcr und Jugender/icher bildet ebenfalls ein ruhmreiches Kapitel seiner Lebensgeschichte. Es wäre nur zu wünschen, daß Balaban sich jetzt an eine synthetische Darstellung der Geschichte der Juden in Polen wagt, zu der niemand befähigter wäre als er. Dr. N. M. Gelber, Jerusalem Juden und Jüdisdies im Rundfunk Dienstag, 23. Mar?: l'an Cham;'.! f.! s ' j ' I Mittwoch, 24. M irz ■ \\ . i i i:. a. 11 ii > t 11 i M i lalle (2t i 1 s. im Parolen I 1' 1 1 < I tVneri i ° >~ \ 2 1 i! Donnerstag, 2s Mir/: li\ Ii 1 > ' I a \ i\ .' 1 Tic', Kihbtner i . ' i 1r 1 1 1 i mmte Geiger, 'i 1 i i, 1 ' ian. — .( Kr-;-!<r. — PfVtc i 'Ii.-— Monte ur.nl. mg (Keo>, 22.30: Mendelssohn: Freitag, 26. Mär/s fir.i-=<>!, 13: M ihV« K:: der' >tenltc<W. Nachdruck verboten Alle (auch UcberscUunjrs-) Rechte vorbehält« ^Mr-mu^^M. VOLK ISRÄCLi%»£ £in? Uatnatvhviloqie eoit CHA31ZW SCHWARZ Df r T*ilo9L* IZI CQII7 atwtiUcTkll-. Hl DDVfc 7. Fortsetzung Ich höre die Geräusche einer großen Sache und weiß nicht, um was es sich handelt. Ich sehe Mensehen gestikulieren, Menschen das Gesicht verzerren, einer aus Deutschland spricht plötzlich verbittert von Zivilcourage und charakterlosem Umfallen, morgens, mittags und abends sind die Tische in Aufruhr, und die Stichworte brummen durch die Luft wie ein Bienenschwarm auf Wanderung. Dann ist die große Versammlung im Chadar Oehcl, Ben Gurion spricht, der Führer einer bestimmten politischen Gruppe innerkalb der Iiistadruth, von allen Kibbuzim des Emek sind Vertreter erschienen, einer aus Bcth Gimmel sieht und schreit den Namen eines Ermordeten: Arlosoroff. Ich weiß nicht, um was es sieh handelt. In acht Tagen soll eine Abstimmung sein. Es wird mir nicht ganz, klar, wer Wahlberechtigt ist, ob ich auch wahll>ercchtigt bin. Die ganz Alten von der zweiten Alijah scheinen mit „nein" stimmen zu wollen. Die dritte Alijah scheint mit „ja" stimmen zu wollen. Und die ganz. Neuen, die anonyme Alijah aus Deutschland, gebraucht jene großen Worte von Zivilcourage und wird mit „nein" stimmen. Eines Mittags, ich bin mit Bahlew und Ben Ezew allein, nehmen sie mich vor und beginnen, an meinem wehrlosen Geist Wahlpropaganda zu trainieren, wie man an einem wehrlosen Boxball Boxen trainiert. In welchem Sinne ich denn nun eigentlich zu wühlen gedachte in der Sache dieser L'ebereinkunft mit den Revisionisten. Ob Ben Gurion richtig getan hatte, diese Uebcreinkunft ohne Befragung der Partei zu unterschreiben. Wie antwortet ein Boxball? Ein Boxball antwortet, indem Cr sich fallen bißt und zurückfällt. Ich lasse mich zurückfallen und sage, daß ich an und lür sich gegen Kompromisse sei. Sie sehen sich an, nicken mit dem Kopf. Sic sagen: Das ist es, wie schade. IS-en Ez.ew beginnt, auf mich einzureden. Was für ein Unglück, sagt er, daß ihr Neuen in solchen Dingen Wahlberechtigung haht. Ihr seht die Sache ausschließlich vom theoretischen Standpunkt, und ihr müßt sie so sehen, weil ihr die Praxis, das heißt. Palästina, nicht kennt. Uns kann man nicht gefährlich werden, mit keinen Kanonen und keinen BomWn. Denn unsere Kanonen und unsere Bomben, das seid ihr, unsere Chaluz.im. Das war der Vortrag Ben Ez.cws. Ich versprach ihm, von meinem Wahlrecht keinen Gebrauch machen und wenigstens indifferent sein zu wollen, solange ich die Vorgänge nicht verstehe. Nachher, als man mir die Vorgänge erklärte und ich sie zu verstehen begann, habe ich mich trotzdem an den Wühlen nicht beteiligt und mein Wort gehalfen. Wenn ich heute an diese Episode denke, scheint mir, daß die ärgste Phantasie kein krasseres Beispiel für meine innere Unfreiheit ersinnen kann. Ich kämpfe gegen mich selbst, betete meine Tvranncn an. Vielleicht muß es so sein in den Lehrjahren, daß man den Lehrer anbetet, je grausamer und grotesker sein Lehrverfahren ist. Aber mir wenige von diesen Va'.ikim waren berufen, als Lehrer aufzutreten, sich die Pose des Lehrers zu geben. Ich kroch ihnen nach. Ich leckte ihre Sohlen. Ich glaubte, auch das sei ein Weg, um ein neuer Mensch z.u werden, wenn mich winzige menschliche Annäherungen von Vatikim beglückten. Freilich weiß ich, daß in anderen Kibbuzim, wo es keine Vatikim gibt, die Probleme der Jungen in um so schrofferer Form aufeinander prallen, duß die Existenz, der Vatikim in Tel Hamon andere Probleme dämpfte und neutralisierte. Und es lag auch nicht jeder Chnluz so sklavisch und mit heraushängender Zunge um Boden wie ich. Sogar Tisari liebte ich, wenn er mir ausnahmsweise mal keinen Tritt versetzte. * Bartel sagt zu mir eines Tages, mit strahlenden Augen: Du, Dajan, nächste Woelte kriege ich wieder zwei Kisten. Ich staune. Ich sage: Du hast doch nun schon fünf Kisten bekommen, wieviel Kisten willst du denn noch haben? Ja, lieber Freund, antwortet er, neuerdings redet er die ganze Well an mit „lieber Freund", was denkst du dir denn eigentlich, ich hatte einen riesigen Haushall in Frankfurt, der will aufgelöst sein, und für achthundert Mark habe ich mir außerdem neue Sachen gekauft. Neun Kisten, sagt er, und hebt den Zeigefinger, stellen jedem Einwanderer zollfrei zu. Bis jetzt sind es erst sieben Kisten bei mir. Und er rückt näher an mich heran und flüstert: Du, diesmal kann es passieren, daß leh \om Zollamt nicht wieder« zurückkomme, ich habe in einer der Manteltasche« einen funkelnagelneuen Revolver, ein herrliches Ding, hat mich vierzig Mark gekostet, mit XUkel und schwarzem Edelholz; damit du im Bilde bist, wenn ich nicht wieder zurückkomme, dann haben sie mich eingelocht, wegen unerlaubter Waffeneinfuhr. Er kichert mit seinem kreiinoiden Gesicht, kichert, als habe er einen Frankfurter Seher/, gemacht. Nu denn wünsche, ich viel Glück, sage ich und habe heimlich einen kleiner» bösen Teufel von einem bösen Wunsch in mir. Der Mesehek wird sich ja freuen über deinen Revolver, füge ich hinzu. Da wird er plötzlich ernst, sozusagen bittend, und kraucht mir mit dem Kopr in die Ohren. Bitte, Dajan, lieber Freund, behalte die Sache für dich, denn wenn es mir schon gelingt, diesen Revolver einzuschmuggeln, dann habe ich gar keine Lust, ihn abzuliefern, man kann nie wissen, in w«Si für Lagen man hier kommt, und mein Leben ist mir soviel wert wie dir deins. Bei den letzten Worten ist Hanni eingetreten, sie versteht sofort, wovon wir reden, und lächelt eingeweiht. Waffen sind Machtzuwachs. Du bekommst nun einen mächtigen Beschützer, Hanni, denke ich. Und ich bin fast, ohne an Hanni oder dem Revolver besonders interessiert zu sein, wieder in der alten Stimmung, Betrachtungen darüber anzustellen, auf wieviel verschiedene Weisen man die Welt; erobern kann. Neuerdings sehe ich Bartel viel mit Mak Ssuf gehen, der ein wichtiger Mann ist. Ich weiß nicht, was die beiden verbindet, es seheint mir plötzlich wieder, als ob die reale Eroberung der Welt doch ihren Weg nimmt üIkt eine gewisse Flachheit des Geistes. So fest steht es bei mir, daß Bartel Glück haben wird am Zollamt. Solche Leute haben immer Glück. « Ich bin seit etwa dreizehn Jahren verbunden mit dem» Ort, sagt Hirsch lebhaft zu mir. Da staunst du, was? Ja, mein Lieber, als du noch gar nicht an Zionismus dachtest, da stand ich schon in Korrespondenz mit, meinen Freunden in Tel Hamon und kannte genau alle Einzelheiten der Wirtschaftsführung. Auch Geld habe ich genug gegeben. In meiner Stadt nannten sie mich nur: den revolutionären Zionisten. Er hebt lehrhaft den Zeigefinger und wiederholt in gesteigeri i , 5 i * : i i s » t