Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 22 (19.3.1937)
- Date
- 1937-03-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 JODISCHE RUNDSCHAU Nr. 22, 19. III. 1937 Kurznachrichten aus aller Welt Im „Acrzteblatt für Berlin" wird eine Bekanntmachung des Vorstandes der R e i c h s b a h n b e a m t c n - K r a n k e n - Versorgung wiedergegeben, wonach mit Wirkung vom ,15. Mar/. 1937 die Erstattung der Rechnungen und Verordnungen aller jüdischen Acrzte, Zahnärzte und Dentisten von der „Krankenversorgung" abgelehnt wird. Dieser Ausschluß der Erstattung wird auch auf diejenigen jüdischen Aer/te, Zahnärzte und Dentisten ausgedehnt, die zur Tätigkeit bei den gesetzlichen Krankenkassen oder den Ersatzkassen im Sinne der Reichsversichcrungbordnung zugelassen sind, oder die im Überschlesischcn Abstimmungsgebiet ansässig sind. Zu der in unserer vorigen Ausgabe gemeldeten Ankündigung des „Nationalblatts" in Koblenz, wonach die Koblenzer Zeitungen eine Namensliste von Personen bringen würden, die iiire Beziehungen zu judischen Aerzten nicht abgebrochen haben, teilt das Blatt am 13./M. März, mit, daß aus erzieherischen Gründen vorerst noch einmal darauf verzichtet wird, die Namen iler Oeffentliehkeit zu übergeben. Die bisher im Besitz des Bankgeschäfts A. L. Ansbachcr in Frankfurt a. M. befindliche Beteiligung an der Sektkellerei J. Oppmann A. - (i. in Würzburg ist auf eine dem Bankhaus Merck Huck & Co., München, nahestehende Gruppe übergegangen. Das Aktienkapital der Sektkellerei J. Oppmann A.-(i. befindet sich damit ganz in arischen Händen. Auf einer Bezirkstagung polnischer Chemiker in Posen wurde beschlossen, auf der demnächst stattfindenden l.andestagung des polnischen Chemikerverbandes für die Einfuhrung des Aricrparagraph.cn einzutreten. Laut Meldung des „Berliner Tageblattes" hat die Münchener Bnnkfirma August Lenz Vi Co. die bisher im Besitz des Vorstandsmitgliedes August Kaufmann befindliche Aktienmehrheit der Schuhfabrik Herz, Offenbach am Main, einer der größten Schuhfabriken Deutschlands, erworben. Die Aktienmehrheit ist damit in arische Hände übergegangen. Am 7. April soll eine außerordentliche Hauptversammlung entsprechend dem Mchrheitswechscl Wahlen zum Aufsichtsrat vornehmen. Anläßlich des Besuches Rektor Hugo Bergmanns in Warschau wurde im polnischen Rundfunk die Entstehung und Entwicklung der Hebräischen Universität geschildert. Im Alter von 78 Jahren ist der Vorsitzende des Wiener Bcth Din, Oberrabbiner Mayersohn, gestorben. In Budapest verstarb hochbetaßt die Witwe Dr. Wilhelm Wolf, geb. Irene Her/1, eine Cousine Theodor Herzls, mit der ihn enge freundschaftliche Beziehungen verbanden. Im 84. Lebensjahre verschied der Budapester Architekt Emanuel P o 11 a k. In Budapest hat er mehrere öffentliche Gebäude gebaut, u. a. das erste Kino. In den letzten Jahren beschäftigten ihn die Probleme des Synagogenbaues. An unsern Mitarbeiter, Rabbiner Julius Samuel in Oslo, ist der Ruf ergangen, dem Initiativkomitee für eine große „Freie VerhandTungstagung über die Not der Zeit im Lichte der biblischen Religionen" beizutreten und hei der Tagung eine Reihe von Vorträgen aus dem Problemkrcis des Judentums zu halten. Die Tagung soll im Herbst dieses Jahres unter Teilnahme der namhaftesten Theologen Norwegens stattfinden. Bei der dritten Internationalen Chopin-Konkurrenz in Warschau haben jüdische P i a n i s te n den ersten und zweiten Preis errungen. Die Preisträger sind der 23jährige Jakow Zak und die Injährige Rosa Tamark i n. Auch unter den nachfolgenden fünf Preisträgern befinden sich drei Juden: Jan E k e r, Olga Iliwicka und Tatjana ü o I d f a r b. An dem Wettbewerb beteiligten sich 105 Künstler aus 24 Staaten. —MAGISTER KIRSCH— Der gute Likör Maglstar-Llkörf abrik, München VII, In Barlin zu bnlth. durah dt« WelngroBhandlung Barnhard Brauel-, BurgstraOa 3 / Ruf: 5143 40 der Errichtung des Jüdischen Nationalheims in Palästina verhandelt und berichtet darüber: „Taalat war bereit, mir alles zu versprechen, was ich wollte, wenn Palästina nach dem Kriege türkisch bliebe, aber er wiederholte immer wieder bei jeder Gelegenheit die Worte: Ich will gern Ihnen zu Liebe das Nationalheim der Juden errichten, aber ich sage Ihnen, daß die Araber die Juden totschlagen werden." Anfang November 1017 war Dr. Julius Becker eingetroffen, der auch ein Interview mit Talaat hatte, das damals in der „Jüdischen Rundschau" veröffentlicht war. Bernstorff hat, wie aus verschiedenen Briefen hervorgeht, wegen der Judeufrage in Palästina große Sorgen gehabt und war auch bestrebt, sich jeweils direkte Informationen darüber zu verschaffen. Es dürfte, wie man annehmen kann, auch auf Bcrnstorffs Bericht zurückzuführen sein, daß die deutsche Regierung durch den Unterstaatssekretär von der Busche eine Erklärung zugunsten der jüdischen Palästina-Siedlung abgegeben hat. Die Ereignisse gingen aber schneller; durch die englische Eroberung Südpalästinas und den späteren Vorstoß nach Norden wurde die Frage entschieden. Bernstorff hat jedoch sein Interesse an der jüdischen Siedlung in Palästina, deren Bedeutung er mit staatsmämtischem Blick zu würdigen wußte, auch nachher behalten und betätigt. In dem Buche ist die Rede abgedruckt, die er als Präsident des Deutschen Komitees Pro-Palästina im Jahre 10)0 in Hamburg gehalten hat. Aus der Nachkriegszeit ist u. a. eine Mitteilung von Bernstorff interessant, wonach Rathenau nichts vom Völkerbund hielt und diesen als „Tummelplatz verbrauchter Staatsmänner" betrachtete; er wollte daher lieber direkt mit fremden Regierungen verhandeln, während Bernstorff damals den Weg über den Völkerbund empfahl. Heule ist Bernstorff, der einer früheren Epoche angehört, die nur noch historisch zu werten ist, aus der aktiven Politik ausgeschieden. — Im Vorwort wird ein besonderer Dank des Verfassers an Fräulein Myriam Becker für ihre Mitarbeit ausgesprochen. W. Alexander Granowsky, der, wie bereits kurz gemeldet, in einem Pariser Krankenhaus gestorben isi, war eine der stärksten künstlerischen Persönlichkeiten des östlichen Theaterlebcns überhaupt, und das Moskauer jüdische Staatstheater, mit dessen Ensemble er vor kaum zehn Jahren die erfolgreichen Tourneen durch Europas Hauptstädte unternahm, ist in seinem Stil, in seinem Programm und seiner Arbeitsweise vor allem Granowskys Schöpfung. Er inszenierte dramatisierte Werke der jiddischen Klassiker, darunter vor allem Schülern Alejchems ,,200 000", Mendeles „Benjamin III.", und vielleicht seine schönste Arbeit war die Aufführung von Perez' „Nacht auf dem alten Markt", die wohl niemand, der sie hier gesehen hat, vergessen kann. In „Benjamin der Dritte" schuf Granowsky eine ergreifende Darstellung der ostjüdisch-messiaiiischen Romantik, eine Art jüdisches Don Qnichote-Drama voll feinstem Humor und durchgearbeiteter Charakteristik, das den Intentionen des Dichters ebenbürtig ist. Obwohl auch Granowsky wie alle neueren jiddischen und hebräischen Bühnenkünstler des Ostens von Stanislawsky herkam, war seine Eigenart immer eklatant; von Tairow wie vom Habima-Stil unterschied ihn eine nahezu vollkommene Gelöstheit, bei aller Präzision seines Arbeitens kam nie der Eindruck von Abgezirkeltheit, Marionettenhaftigkeit oder vom übermäßigen Pathos der Idee oder Tendenz auf, im Vordergrund blieb immer der Mensch, die Person, die Spannung zwischen den Figuren, mit der Aufgelockertheit, Fülle und Breite des Oestlichcn, mit den so ganz jüdischen Zwischentönen von Wehmut und Selbstironie. Diese im Verhältnis etwa zur Habinia mindere „Strenge" der Auffassung fand im Westen nicht aor Begeisterung, sie heimelte fast an, und es war kein Wunder, daß der schmiegsame Granowsky nicht mehr nach Moskau zurückkehrte. Zuletzt hat er in Paris seine einfühlungsfähige Art französischen Bühnenversuchen und Filmen dienstbar gemacht, aber es ist, nicht zu verkennen, daß Granowskys rein jüdische Inszenierungen seine geschlossensten und eigentümlichsten Leistungen waren, sei es, weil da die Sprache, die Sujets und das Menschcnmaterial ihm am meisten entsprachen oder weil die westliche Art, Theater und mehr noch Filme zu machen, ihre Finanzierungsweise, Geschmacksrücksichten, Konventionen, Starsystem usw., die vollkommene Entfaltung des rein Künstlerischen beeinträchtigen. H. MiHiiiiiiiiiiiiimiiiiiiimmimimniinmiit iiii.i^^iMtniiMibMiiihiti.....ii.iHiM[ii^>:Mihii>i)iiHiiiif;riiiiii4Mtitiit(tiii»r(tttiiiiitiiiimitiitiii(L«<trmtititiiiiMrM.....iittiiinutiiiiiiitiiittMiiitiiinjiriiiiFriiiitMiMiiMMMiiiiMiiriitMitiiriiiMMiiiniHiiii.....int.....ii Sthabbatliedcr niTDT- Die häuslichen S;.bbatgesänge. Gesammelt und hrraiisi.'ei/ehcn von Arno Nadel. — Schocken Bücherei 73 TS. Berlin 1037. Arno N a d c I, der grolle Kenner und Könner auf dem (kbiete jüdischer Mu>ik,' hat zum ersten Male den Versuch unternommen, zu allen ^einirnt, die im Bereich des deutschpoiniM-heii Ritus heute die Sehabbatfeier im Hause begleiten, Melodien mitzuuih.il. I i stutzte sieh dabei auf sein eigenes iinerschnpfiitiies (n-ilaebtnis, das aus seiner Wünaer Kindheit und seinem Elternhaus manche vor mehr als 50 Jahren vielbesungene Melodien aufbcwahite; nur in wenigen Fällen zog er dci BernsteiiNclu-n ..Musikalischen PinkalS" zu Rate oder die Hilfe musikalischer und kenntnisreicher Freunde. — Und nun ist die ganze, eben mein sagbare, sondern nur singbare ücherstube, Hambgrg, ^sult I Hagadoth — Sämtliche Schulbücher — Füllhalter | Melodik des Sehabbats im jüdischen Hause in diesen Seiten angefangen. Vielleicht, daß einer oder der andere seinen altvertrauten Schir Hamaaloth darin vermißt; Nadel verzichtete bewußt ans Raumgründen darauf, allgemein bekannte und häufig veröffentlichte Melodien festzuhalten. Vielleicht, daß bei dieser ja besonders den aschkenasisch.cn Juden eigi titumliclicn V olkskunst auch die aschkenasLschc Aussprache hatte festgehalten werden sollen. Vielleicht, daß auch mancher gerne bei diesen meist textlich äußerst dunklen Gesängen eine Uebersetztmg bei der Hand gehabt hätte — er findet sie in manchen Fällen, wenn er Zobels schönes Schabbat-Buch (Schocken Bücherei 25 20) nachschlägt, das aber doch nicht jedem in diesem Augenblicke bereit liegt. Nehmt alles in allem: dies Büchlein, das mit doppelt so dick hätte sein können, ist eine herrliche Schabbatgabe. Besonders dankenswert ist es, daß auch über den Kreis der aschkenasischen Schabbatlieder hinaus einigt' besonders eindrucksvolle chass i cl i s c Ii e N i g g n n i m aufgenommen worden sind; wer die Belebung solcher Niggunim durch junge Stimmen in Palästina einmal gehört hat, tler wird auch hier manches froh wiedeierkennen. B. B. St. Erinnerungen eines Diplomaten Erinnerungen und Briefe. Von Graf Johann Heinrich Bernstorff. Polygraphischer Verlag Zürich. 273 Seiten. Der ehemalige Botschafter Graf Bernstorff hat ein Buch „Erinnerungen und Briefe" herausgegeben, die uns einen Einblick in ein diplomatisches Leben einer vergangenen Epoche gewähren. Grat Bernstorff war vor dem Kriege als Botschaftsrat bei verschiedenen deutschen Auslandsmissionen tätig, so z. B. in Petersburg und London, und wurde 1Q08 zum deutschen Botschafter in Washington ernannt, einem Posten, den er bis zum Eintritt der Vereinigten Staaten in den Weltkrieg innehatte. Die Memoiren zeigen uns eine eigenwillige und charakterfeste Persönlichkeit, die oft in Gegensatz zu ihrer Umgebung geriet und sich in schwierigen Verhältnissen behaupten mußte. Vom jüdischen Standpunkt interessiert aus dieser Zeit die Schilderung des Zusammentreffens mit Albert B a 11 i n, von dem Bernstorff sagt, er sei „eine der bedeutendsten, wenn nicht die bedeutendste Persönlichkeit des wilhelminischen Zeitalters" gewesen. Ballin hat auch, ebenso wie Bernstorff selbst, verzweifelte Anstrengungen gemacht, um die Entwicklung zu verhüten, die den Eintritt Amerikas in den Krieg zur Folge hatte. Das für uns vom jüdischen Standpunkt interessanteste Kapitel ist der Bericht über Bernstorffs Tätigkeit in Konstantinopel. Damals ist Bernstorff mit dem Palästina-Problem bekannt geworden und hat sich bemüht, durch eine entsprechende Stellungnahme der Türkei und das mit ihr damals verbündete Deutschland zugunsten der jüdischen Palästina-Siedlung der Balfotir-Deklaration zuvorzukommen. Bernstorff hat mehrmals nach dem Kriege in Reden diese Bemühung geschildert. Unter diesem Gesichtspunkt ist es besonders interessant, seine Darstellung der damaligen Verhältnisse in der Türkei zu lesen. In einem Brief vom 21. Oktober 1917 schreibt Bernstorff aus Konstantinopel an Franz von Papen, der damals als Generalstabsoffizier an der türkischen Front stand (den späteren Reichskanzler): „Ich würde Sie wirklich sehr gern im Laufe des Winters in Jerusalem besuchen, aber wer weiß, ob man hier abkömmlich sein wird? Es wäre mir sehr angenehm, einmal die dortigen Verhältnisse aus der Nähe zu sehen, und besonders auch die Juden frage zu studieren, die uns oft Mühe macht." — Bernstorff hat mit dem allmächtigen türkischen Großvezir Talaat Pascha mehrmals wegen / 1, Ii Ii l ,1 /,' Meinen letzien Tay im Hof nrlxüte ich zusammen mit Ben Ezew. Morgens im Pferdestall frage ich Kaz, wo ich arbeite. Er sauf, «r wisse es n-<«h nicht, ich soll warten. Plötzlich sehe ich, djß Ben Ezew einem braunen Pferd das Geschirr umlegt. Den ganzen Winter habe ich Ben Ezew nicht gesehen. Ich bin daher erfreut über diese Begegnung und begrüße ihn und frage, was er vorhat, wobei er arbeitet. Da legi er den Kopf etwas schräg in seiner koketten Art und IsVhclt sein feines, trauriges Lächeln und sagt: Denke mal an. was mir gediehen ist, ich soll den Mist aus den llühnersiüllen herausfuhren, aber mein Sehutaf ist krank und kommt nicht zur Arbeil, und ich bin ganz allein. Vielleicht willst du mich nehmen? frage ich. Er wird munter, er »eh reit last: Ja, .selbstverständlich, aber was wird Kaz dazu sagen"' Kaz. sagt: Gut, und wir sagen alle: Gut. Das ist mein letzter Tag im Hof, mit Ben Kz.cw zusammen. Auf den Wegen zwischen den Hühnerställen stehen große Blechlüsser, die sind gefüllt bis an den Rand mit Ilühncrmist. Mit dem 1 liiliiiermist, den man nicht zur Masehteln hinüberführt, sondern auf dem allgemeinen Misthaufen auskippt, ist es wie mit der Sehwelle im Rcfet Bcth; Et« iis Tücke des Objekts, etwas Trägheit des Subjekts, und die Schwelle bleibt unrepariert, und der wertvolle Hühnermist endet auf dem großen Misthaufen. Ich frage Ben Ezew: Wie kommt das? Er lächelt. Er sagt, wenn man so fragen wollte, dann würde man in Tel Hamon überhaupt nicht mehr aufhören dürfen, zu fragen. Ich halte an seinen mesehekistischen Komplex gerührt. Den ganzen 'lag kommt er nicht mehr aus der guten Stimmung heraus. Es gibt bei dieser Arbeit zwei Sorten von Fässern, die einen sind mit einem Jcichten, stark strohdurchsetzten Mist gefüllt, so daß man sie ohne weiteres zu zweit auf den Wagen heben kann, die andern haben ein Gewicht, als ob sie Blei enthalten, hier befindet sieh der reine, vollwertige Ilühncrmist, in dem es von Würmern wimmelt. Ich sage zu Ben Ezew, daß wir eine Schippc brauchen, um die schweren FBsscr aufzuteilen, ein Laß ungefähr auf drei Fässer, anders könne man sie nicht auf den W agen heben. Die Festigkeit, mit der ich das fordere, imponiert ihm. Er sieht ein, daß ich recht habe, und geht, eine Schippe zu besorgen. Ich bin heute Chef vom Misttransport, Am nächsten Tag stehen auf der Liste der Ssidur Awoda unter der Rubrik Pardess drei Kamen: Bahlew, Ben Ezew, Dajan Sommer. * Wir fuhren zu dritt hinunter, fanden den Pardess in einem fürchterlichen Zustand. Der sanfte südliche Winter hatte hier nicht weniger Schaden angerichtet als im Norden Eis und Schnee. Abgesehen von dem mannshohen Unkraut, das den Eintritt in gewisse Pardessteile nahezu unmöglich machte, die Bäume überwachsen hatte und zu ersticken drohte, zwischendurch gab es kable Stellen, wo sogar die Unkraulwirrzeln gefault waren, saß an etwa liundert Bäumen Wurzelfäulnis und schien die Bäume zerstören z.u wollen. Für einen großen gemischten Mescliek wie Tel Hamon und seine 350 Dunam Pardess sind solche Schmerzen keine Tragödien. Trotzdem mußte die Sache mit Diplomatie behandelt, tropfenweis veröffentlicht werden, da die höhere Macht in diesem Fall keine alles deckende Erklärung war, es handelte sich ja um ein Gelände, dessen Problematik im Zusammenhang mit dem Regen bekannt war, das in der Tiefe eine uralte, für Archäologen interessante, für Landarbeiter äußerst ärgerliehe .Steinmauer enthielt und dkj Wassermengen wie in einer Regentonne sammelte. Fäne großzügige Entwässerungsanlage hiitle hundert Bäume vor dem Tod bewahrt, war sowieso eines Tages nötig, wenn man diesen Teil des Pardess nicht aufgeben wollte. Die Arbeit der ersten vierzehn Tage bestand darin, eine gewisse Stelle im Pardess, die ein mächtiges, sich halb unterirdisch hinziehendes Felsplateau enthielt, von diesem Felsen zu befreien und zur Bepflanzung und Bearbeitung geeignet zu machen. Man begann an einer Zunge des Blockes und legte sie mit der Turiah frei, ihre Umrisse bis zu jener Tiefe verfolgend, die von der Wirkungstiefe des Maschinenpfluges bestimmt war. Lag so die Form des Felsens einigermaßen klar, dann wählte man den günstigsten Punkt für die Sprengkapsel und begann, an der betreffenden Stelle eine schwere massive Eisenstange senkrecht auf- und abtanzen z.u bissen, bis sich ein Loch herausrieb, leicht mit Wasser befeuchtet und weiter getrieben, schließlich ganze Becher Iiinabglucksenden Wassers bekam und mit einem langen Speziallöffel von dem sieh au« Wasser und Steinmehl bildenden Teig befreit wurde, bis in einer gewissen Tiefe, nach sorgfältiger Trocknung, die Sprengkapsel angelegt werden könnt«, die Ben Ezew kunstvoll arrangierte, mit einer Schnur versah und nach dem nötigen Warnungsruf und der nötigen Flucht von weitem explodieren ließ. Jetzt begann am Sprengungsort die eigentliche Arbeit, mit Spitzhacke und Stemmeisen. Man räumte auf, was sich aufräumen ließ, nutzte entstandene Risse, indem man mit der Spitzhacke hineinschlug und den Riß weiter aufbrach, oftmals legten wir uns alle drei auf das Stemmeisen, einem langen angespitzten Eisenrohr, und wippten auf und nieder, bis der Stein nachgab und sieh zu bewegen begann. Im Laufe der vierzehn Tage wurden etwa vierzig Schüsse abgegeben und dreißig Wagen .Steine gebrochen, die ich nach unten führte und neben dem Sewelhaufen des vorigen Herbstes ablud. Ben Ezew kam eine Zeitlang mit finsterem Gcsichtsausdruck zur Arbeit, er schien eine Last zu schleppen, ging gebückt, seufzte viel, hielt mit abwesendem Gesicht Selbstgespräehe, aus denen ich öfter das Wort „Keren Kajemeth" heraushörte. Einmal erklärte er am Morgen, daß es ihm heute besonders schwer falle, zu arbeiten, da er die Nacht nicht geschlafen habe. Wirf die Gedanken aus dem Kopf, sagte Bahlew und ließ munter die Spitzhacke sausen. Irgend etwas Besonderes ging in Ben Ezew vor. Eines Tages, als ich mit ihm allein war, wurde ich mutig und fragte, was ihm sei, man sähe ihm in der letzten Zeit schlechte Stimmung an. Ben Ezew, erfreut, sieh aussprechen zu können, noch dazu vor einem Neuen, der nicht imstande sein konnte, Widerstand zu leisten, begann, in einem bestimmten charakteristischen Ton sein Geheimnis preiszugeben, in einem feierliehen, langsamen, scharf pointierten Ton, jedes Wort, jeden Satz mit Genuß placierend: Er wolle Ordnung schaffen in Tel Hamon, es war ja die Zeit; des Abschlusses der Jahresbilanz, er wolle Disziplin einführen, hundertprozentige Verantwortlichkeit an jedem Punkt, Neuorganisation der Zweige und ihrer Arbeit, er kämpfe seit Jahren um diese Dinge, ohne angehört zu werden, seine Hoffnung sei die Alijah aus Deutschland und ihr am deutschen Geist geschulter Ordnungssinn. Ich nahm alles so ernst, wie Ben Ezew wollte, und versprach, ihn bei Erlangung des Wahlrechtes zum Maskir vorschlagen und wählen z.u wollen. Ich brachte viele Dinge vor, die Sehwelle im Rcfet Bcth und den llühnermist und die Bäume im Pardess und die Wellbleche von der Schlosserei, und zuletzt fiel mir auch die Geschichte des Chujim Berger aus Deutschland ein, der erster Mnsehincnbauspczialist gewesen und von Tel Hamon nach Ilaifa gegangen war, mit der Erklärung, er könne die Begriffe, die er von Facharbeit habe, in der Schlosserei Tel Hamons nicht durchsetzen. Ben Ezew war entzückt von diesem GesprächsbeHrag, erklärte nachher auch Bahlew, daß er überrascht sei, wie gut ich als Neuer die Sache verslanden habe, besser als mancher Alte. Aber Bahlew liebte gar nicht diese allzu umfassende und allzu abstrakte Kritik Ben Ezews, weshalb er skeptisch mit der linken Hand nach außen gerichtete Sehaufelbewegungen machte und wortlos seine Hacke wieder aufnahm. (Fortsetzung folgt.)