Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 21 (16.3.1937)
- Date
- 1937-03-16
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 21, 16. III. 193? JODISCHE RUNDSCHAU Seite 11 UMSCHAU Soziale Fürsorge / M.Turnowsky-Pinner Die Konferenz für soziale Arbeit Nicht ohne Bedenken lasen die Teilnehmer der diesmaligen Jahreskonferenz für soziale Arbeit vom 8. bis 10. Februar in Jerusalem das Programm der Tagung. In den ersten drei Sitzungen sollten fünfzehn Referate gehalten werden (die Zahl reduzierte sich infolge der Verhinderung einiger Redner auf elf), und nur die letzten zwei Sitzungen waren für die Aussprache reserviert. Wer weiß, von wie schweren und vielfachen Problemen die Fürsorgerinnen in ihrer praktischen Tagesarbeit bedrängt werden und wie sie auf eine Aussprache und Klärung in der Konferenz hofften, der fürchtete diese Ucberfülle von Referaten. Um so mehr, als diese kurz sein sollten, vielfach von Außenstehenden gehalten wurden und oft eher den Charakter der an ein weiteres Publikum gerichteten Propaganda-Rede als den einer ernsthaften Auseinandersetzung tragen mußten. Es schien auch schwierig, die Wahl der Themen zu begreifen, die nur vereinzelt innere Fragen der Arbeit, in ihrer Mehrheit die Berührung zwischen der Sozialarbeit und den übrigen Gebieten der öffentlichen Arbeit betrafen. Aber entgegen all diesen Bedenken gelang die Konferenz. Die meisten Referate gaben wichtiges Material: Tatsachen, Kritik, Anregungen. Die Diskussion war intensiv und von Niveau. Die dem Plenum in einer Abschlußsitzling vom Permanenzausschuß vorgelegten Resolutionen faßten die Hauptforderungen der Spreeher in ernsthafter und geschickter Art so zusammen, daß Einflußnahme und praktischer Erfolg von ihnen zu erhoffen ist. Die Zusammenstellung der Vortragsthemen verlor durch die richtunggebenden Anfangs- und Schlußworte von Miß Szold das Willkürliche und gewann eine politische Bedeutung. Auf der vierten Konferenz hatte ein Redner Frau Szold im Scherz vorgeworfen, sie greife von dem kleinen Gebiet ihrer sozialen Arbeit auf fast sämtliche Kreise des palästinensischen Lebens über. Frau Szold hatte diesen Satz damals wiederholt und ins Positive gewendet. Sie nahm ihn auch jetzt auf und zeigte d i e Berührungspunkte zwischen der Sozialarbcit und den sonstigen Teilen des Aufbauwerks. Unlösbar ist die Bindung an das Gesundheitswesen auf der einen, und an das Schulwesen auf der anderen Seite; aber auch die Fragen der Wirtschafts-, der Bau-, der Einwanderungspolitik verknüpfen sich vielfältig mit Problemen der sozialen Arbeit. Je mehr dies klar wird, desto mehr wird die Öffentlichkeit verantwortlich an dem .Werk teilnehmen. Indem man Redner aus ,. diesen verschiedenen Gebietcii veranlaßte zu sprechen, hob man die weitreichende Bedeutung der sozialen Arbeit in das Bewußtsein der O Öffentlichkeit. Dies bedeutet einen starken Vorstoß, nachdem man noch vor ganz wenigen Jahren um die Existenzberechtigung von sozialen Aemtern kämpfen mußte, und einen Wall von Vorurteilen wegzuräumen hatte, der diese „philanthropische" Arbeit entschieden von der „produktiven Aufbauarbeit" trennen wollte. Die Referate Prof. Rabb. Assaf sprach über das Hilfswerk unter den Juden in den verschiedenen Perioden. Von diesem rein darstellenden Referat ging eine starke propagandistische Wirkung aus, indem es den Gedanken unbedingter Verpflichtung jedes Einzelnen für den andenen im Judentum geschichtlich aufwies. Das Referat von Dr. Katzenelson über den zionistischen Wert der sozialen Arbeit bedeutete die uneingeschränkte Anerkennung der Sozialarbeit als Teil des Aufbauwerks. Dr. R u p p i n stellte den Tozereth-Haarctz- Gedankcn in den Vordergrund und ging dann zu einem entscheidend wichtigen Grenzgebiet der sozialen Arbeit, dem Wohnungswesen, über. Frau W i I e n s k i schilderte eindringlich die Leistung für das Kind, aber mehr noch den Mangel an einem ausreichend entwickelten Schulwerk und den notwendigen Hilfsinstitutionen. Dr. Walter Preuß erhob heftige Angriffe gegen die Vernachlässigung der Einwandererfürsorge durch die Agency. Ada Fischmann sprach von der Bedeutung einer Fachausbildung für die eingewanderte Frau und von der geleisteten und zu fordernden Fürsorge für die alleinstehende Einwanderin. Dr. R o k a c h schilderte eingehend und eindringlich die gegenseitige Abhängigkeit einer wertvollen Gesundheitsfürsorge und einer produktiven sozialen Arbeit. Daneben standen die aus der engeren Arbeit berichtenden Vorträge von Frau Rachel K a g e n (Fünt Jahre soziale Arbeit in Palästina), von Herrn J c p h e t (Die Geldmittel zugunsten des Hilfswerks) und von Herrn S e e w i (Übereinstimmung in der sozialen Arbeit in der Zukunft). Einleitung und Abschluß der Tagung bildeten die wichtigen Referate von Frau Szold, die nach einem kurzen Rückblick auf die Entwicklung der letzten Jahre das Wesen der Arbeit darstellte: es ist das Werk der Public W e I f a r e, der Oeffcntlichen Wohlfahrt, sozialer Pflege, sozialer Arbeit innerhalb des ganzen Volkes, nicht nur der Augenblickshilfe für den notleidenden Einzelnen. Hieraus begründete sich auch der oben ausgeführte Gedanke seiner Verknüpfung mit den übrigen Zweigen des Aufbauwerks. Im Mittelpunkt der Diskussion standen wieder die zwei Probleme, die den speziellen Gegenstand der beiden vorangegangenen Tagungen gebildet hatten: die Kinder- und Jugendarbeit und die Einwandererfürsorge. Charakterlstischerweise wurde die große soziale Leistung des vergangenen Jahres, die Flüchtlingsfürsorge, nur ganz beiläufig als Beweis für die Mobiiisicrbarkeit weiter freiwilliger Kräfte erwähnt. Man war nicht rückwärts, sondern ganz auf die Zukunft hin orientiert, und es war eine der wesentlichsten Stellen in den Reden der Frau Szold, als sie davon sprach, wie sie vom Beginn ihrer Arbeit im Lande an bis zum jetzigen Augenblick ihre Kraft immer auf das Zukunfttragcnde (die Jugend und den Neueinwanderer) und auf das Volksganze richtete. Jugendfürsorge Innerhalb der Jugendarbeit stand die Schulfrage im Vordergrund: das fehlende Schulgesetz, das Fehlen der unentgeltlichen Volksschule, die unzureichende Fassungskraft der Schulen, der Mangel an Vorbereitungsklassen für Einwanderer- und bisher vernachlässigte Kinder, die verfrühte Kinderarbeit, die Verbreitung der Missions- und sonstigen christlichen Schulen, die Notwendigkeit der Einfügung eines erweiterten Netzes von Kindergärten in das öffentliche Schulnetz, die Forderung nach Fach- und Fortbildungsschulen für die Jugend, nach Tagesheimen und Schulklubs für die Kinder arbeitender Mütter, nach einer Schulspeisung usw. Aus der Aufzählung geht hervor, wie sich hier jugcndpflegerische, hygienische, wirtschaftliche und kulturelle Bestrebungen trelfen. Besonderes Interesse weckte daneben die Frage des vernachlässigten Kindes und besonders des jugendlichen Straffälligen; wieder wurde die Einrichtung geeigneter Erziehungsstätten, die Abschaffung der Prügelstrafe, die psychologisch vorsichtige Behandlung durch Polizei und Gerichte gefordert. Dabei war auffallend, daß sich diesmal die Resolutionen im wesentlichen nach innen, an die eigenen Kräfte, wandten; während die vorige Konferenz mit einer Ucberfülle von Beschlüssen und Forderungen an die Regierung herangetreten war, die darauf höflich unverbindlich geantwortet hatte. Diesmal war das, was der Regierung zu sagen war, wesentlich in den Aussagen an die Königliche Kommission niedergelegt worden, und die Konzentrierung auf die eigenen Kräfte gab das Gefühl verantwortlichen Willens. Flüchtlings- und Einwanderertürsorge In den Fragen der Flüchtlingsfürsorge stand an erster Stelle das Wohnungswesen (bessere und zu längerer Aufnahme bereite Einwanderungsheime, Beschaffung billiger Wohnungen). Fast den gleichen Raum nahmen Fragen des Gesundheitswesens ein; die Forderung nach hygienisch sorgfältiger Auswahl der Einwanderer, langfristiger Familienversicherung vor der Einwanderung, gesundheitlicher Beratung. Kaum begreiflich erscheint das Fehlen der von der Agency neu geforderten, seit lange geplanten allgemeinen Einwandererberat ungsstelle. Finanzprobleme Der dritte, alle übrigen Kreise überschneidende Fragenkreis der Konferenz war der finanzielle: wie sind die Geldmittel zu beschaffen, die die nötige Grundlage jeder Arbeit bilden? Es handelt sich einmal um die stärkere Heranziehung der Einzelnen, ferner um die Teilnahme der Gemeinden. Es ist bekannt, daß die Gemeinden nur einen winzigen Bruchteil ihres Budgets für soziale Hilfszwecke reservieren. Die Erhöhung dieses Prozentsatzes muß durchgesetzt werden. Noch entscheidender ist die Frage, wie die Gesamtsteuereinnalimen der Gemeinden zu vergrößern, der Kreis der Steuerzahler zu erweitern, die Bcrechnungsart zu verbessern sind. Gesetzliche Bindungen wirken hier hemmend, und die Konferenz zweifelte, inwieweit sie mit Forderungen eingreifen könnte, die eine Gcsctzesänderung voraussetzen, zu Unrecht; denn keine Stelle ist mehr berufen, gegen ein ungerechtes Steuersystem zu protestieren, als die soziale Konferenz. Aber es sprach für die Ernsthaftigkeit der Arbeit, daß man sich diesmal vor jeder leeren Demonstration scheute und Wege suchte, die zu einem Ziel führen können. Heftig waren die Angriffe gegen die Agency, die in der Einwandererfürsorge ihre Kongreßversprechungen nur sehr unvollkommen eingelöst hat. Allgemein angenommen wurde der Vorschlag, durch einen zentralen Fonds die kleinen Gemeinden in ihrer Hilfsarbeit zu unterstützen. Ebenso stimmten alle dem Plan zu, die Geldsammlungen für die einzelnen Zwecke zentral zu ordnen. Zentralstelle für Jugendarbeit Nachdem am Nachmittag des dritten Tages die eigentliche Konferenz nach einer abschließenden, mahnenden, kritischen, aber auch bejahenden und vveiterweisenden Rede von Frau Szold zu Ende gegangen war, versammelte sich ein engerer Kreis am Abend zu einer speziellen Aussprache. (Die Konferenz war, und schon das bewies die erweiterte Anerkennung der Arbeit, dauernd von 300—400 Menschen besucht.) Das Thema dieser Abendaussprache war das folgende: Frau Szold hatte in einer sorgfältig vorbereiteten Broschüre, -- die einleitend ein Gesamtbild der Situation und der Arbeit in der palästinensischen Jugend gibt, — der Konferenz den Plan vorgelegt, eine Zentralstelle für die Jugendarbeit im Lande zu schaffen. Diese dem Waad-Leumi beigeordnete Stelle soll „alle Kräfte zusammenfassen, die in der Frage der Jugend mit all ihren Zweigen tätig sind". Der Zweck des aus Vertretern aller interessierten Organisationen gebildeten und von Fachleuten unter' stützten Ausschusses soll ein vielfacher sein: öffentliche Aufsicht über die verschiedenen Einrichtungen zugunsten des Kindes und der fugend und Anregung von Neugründungen; Bildung einer verantwortlichen Zentralstelle gegenüber der jüdischen Oeffentlichkeit und der Regierung in allen das Kind und die Jugend betreffenden Fragen; Uebcrwachung von Sammlungen der angeschlossenen, autonom bleibenden Organisationen; Verwaltung eines zentralen Fonds durch Vertrauensleute. Den Grundstock dieses durch jährliche palästinensische Haussammlungen und Einzelspenden anzureichernden Fonds sollen die 4000 Pfund bilden, die im Vorjahr vom Waad-Leumi zu Ehren des fünfundsiebzigstcn Geburtstags von Frau Szold gesammelt, und dieser zur beliebigen Verwendung für einen sozialen Zweck übergeben wurden. Die Zinsen dieses Fonds sollen für administrative Zwecke und für die erste Finanzierung resp. Stützung von Institutionen verwendet werden, die der Ausschuß als zentral wichtig bezeichnet. Die in ihrer Schrift vorgeschlagene und von Frau Szold zu Anfang der Sitzung begründete Zentralisation kann einen so entscheidenden Schritt in der Arbeit an der palästinensischen Jugend bilden, daß es keinen unter den Versammelten gab, der nicht bereit war, sich in den Dienst dieses Plans zu stellen. Die folgende Aussprache ging ausschließlich um Fragen der praktischen Verwirklichung. Hierzu lagen wichtige Vorschläge von Frau W r o n s k y vor, die sich von Beginn an für die Idee mit eingesetzt hatte. An Stelle eines alle interessierten Kreise umfassenden Jugendausschusses empfiehlt diese zunächst die Zusammenfassung der fünt wichtigsten Organisationen, die im Lande an der sozialen Jugendarbeit beteiligt sind; des Waad- Leumi, der Stadt Tel-Awiw, der Hadassah, der Vereinigung zionistischer Frauen, der allgemeinen Arbeitervereinigung. Zur Ingangbringung der Arbeit soll von dem Ausschuß ein Plan ausgearbeitet werden, dessen Verwirklichung in den folgenden fünf Jahren durch die einzelnen Organisationen erfolgt. Die Oeldaufbringung soll nicht nur im Lande (und hier wesentlich durch die Heranziehung großer Spender), sondern auch im Auslande geschehen. Es war selbstverständlich, daß der große, vor neue Probleme gestellte Kreis der Konferenz nicht über die Einz.elfragen entscheiden konnte, sondern diese einem vorbereitenden Ausschuß überlassen mußte. Auch lagen noch keinerlei verantwortliche Erklärungen der übrigen Organisationen vor, die die Verwirklichungsmöglichkeit greifbarer machten. So konnte der Abend nicht zu eigentlichen Resultaten führen. Sein Sinn lag in der einstimmigen Bejahung des Gedankens einer Zentralisation der sozialen Arbeit unter den Kindern und der Jugend. Aut dieser Grundlage werden jetzt die weiteren Verhandlungen und Entscheidungen erfolgen. _ Arabische Welt / Michael Assaf Eine neue Epoche Ende 1936 wurde eine arabische Epoche zum Abschlüsse gebracht: die Epoche des Durchbruches zur Selbständigkeit. Sie war eine überaus glückliche, denn auch das stärkste und am meisten opferbereite Volk hätte nicht ein solches Maß von nationaler Freiheit erlangen können, wie es die Araber erreichten — ohne eigene Opfer, nur dank mannigfaltiger internationaler Konstellationen. Im Dezember, als die Türkei mit ihren Ansprüchen auf das syrische Alexandrette hervortrat, begann ein neuer Abschnitt: die Epoche des selbständigen Lebens und der Konfrontation mit der realen Welt. Die politische Auferstehung der Araber ist ein künstliches Produkt des europäischen Imperialismus. Pläne von abenteucrischen Visionären der Art von Sykes, Lawrence, Gertrude Bell u. ä. hatten sich mit Kalkulationen von Politikern und Kaufleuten vereinigt, und so kam es zur Entstehung der modernen arabischen Politik. Doch für die Selbständigkeit als Ziel ist es ohne Belang, ob die Mittel zu ihrer Erlangung künstliche oder natürliche waren, denn im Augenblicke, da der Staat aufgehört hat, mit einer beschränkten arabischen Gemeinschaft identisch zu sein, hat er in gewissem Sinne auch das Naturhafte verloren. Wenn aber dieser Unterschied in bezug auf das Ziel belanglos ist, so ist er doch bedeutsam, wenn es auf die Wirklichkeit ankommt, die nach Erreichung des Ziels beginnt! So sahen wir, daß schon im Dezember 1036 die junge arabische Selbständigkeit vor eine schwere Prüfung seitens der im Orient wirkenden realen Kräfte gestellt wurde. Die Haltung der Türkei Noch vor einigen Jahren warnte Emir Schakib Arslan die arabischen Staaten vor der latenten türkischen Gefahr, Doch die Araber, trunken vom Streben zur Unabhängigkeit, sahen darin nur ein Manöver eines Menschen, der einmal im Lager der Feinde von Mustafa Kemal (Atta-Turk) gestanden hatte. Sie rechneten auf England, das mit Hilfe von Italien nicht zulassen würde, daß die Türkei wieder ein imperialistischer Staat werde. Die Araber wendeten der kemalistischcn Türkei gegenüber, die England zum Trotze immer mächtiger wurde, Methoden der Besänftigung und der Unterwürfigkeit an. Sie verziehen Atta-Turk alle Umwälzungen in den Gebräuchen des Islam (der erste moslemische Staat, der eine Trennung zwischen Staat und Religion, und zwar in radikalster Form durchführte), sowie alle Angriffe auf die arabischen Grundlagen der moslemischen Religion und der türkischen Kultur. Die arabischen Führer, welche mit allen Kräften den Islam als einen politischreligiösen Faktor wiedererwecken wollten, verziehen Kemal alles, weil sie mit dem stärkeren Nachbar in Frieden leben wollten. Während der Demonstrationen gegen Frankreich und England in Syrien un<f Palästina wurden türkische Fahnen getragen, die Klubs wurden mit Bildern von Kemal Atta-Turk geschmückt. Während der letzten Unruhen in Erez Israel erzählten arabische Zeitungen, daß die Streikposten die türkische Fahne zu küssen pflegten, wenn durch sie ein die türkische Fahne führendes Auto zum Stehen gebracht wurde. Doch kaum war der Vertrag zwischen Syrien und Frankreich unterfertigt, war die Idylle zu Ende. Der Präsident der Türkei sandte dem Nachbarstaatc, der jahrelang die Stellung der Türkei in ihrem Kampfe mit dem europäischen Imperialismus mit Sympathie verfolgte, kein Begrüßungstelegramm, vielmehr einen energischen Protest gegen den Vertrag — an Frankreich und an den Völkerbund. Die syrischen Nationalisten fügten sich der Forderung der Libanesen und Franzosen, den Libanon Syrien nicht anzuschließen. Sonst war die Regierung Blum den syrischen Nationalisten behilflich, Syrien andere Teile anzugliedern, deren Angliederung auf recht großen Widerstand seitens verschiedener religiöser und ethnischer Elemente gestoßen war. Und plötzlich trat die Türkei mit der Forderung auf, innerhalb der Grenzen Syriens einen neuen Staat zu schaffen: den Kreis v on Alexandrette und Antiochien, in dem das türkische Element entscheidend sein soll. Und die Forderung nahm reale Gestalt an: eine energische journalistische Hetze, Studentendemonstrationen in Konstantinopel, Gerüchte über Konzentration türkischen Militärs an der Grenze und ein Wink an Frankreich, daß die türkisch-französische Freundschaft in Gefahr schwebe. Das war ein Stofl in das Herz des feiernden Syrien. In Damaskus und Paris hatten die syrischen Nationalisten gegen die Forderung der französischen Heereskreise, in Syrien eine möglichst große französische Heeresmaeht zurückzulassen, gekämpft und nun kam der gefürchtetc Nachbar und nützte für sich die Nachgiebigkeit Frankreichs gegenüber dem nationalen Syrien aus! In einem Augenblicke wurde Syrien und mit ihm alle Araber gewahr, daß die Grundlage dieses arabischen Staates künstlich und nicht real ist, da er nicht imstande sei, seine ihm erteilte Unabhängigkeit zu verteidigen. Aber nicht nur das jagte den Arabern einen großen Schrecken ein. Es kam noch ein zweites Ereignis hinzu: Frankreich wurde gezwungen, sich in bedeutendem Maße den Forderungen der Türkei zu fügen und England gehörte zu den Kräften, die auf Fr a nk r e i c h einen Druck ausübten, der Türkei Zugeständnisse zu machen. Verschiebungen des Gleichgewichts Was geschah? Die Politik Englands, nur eine gebrochene und kleine Türkei bestehen zu lassen, war gescheitert. Das geschah vor allem aus dem Grunde, weil die effektive Kraft des vereinigten Arabertums sich — nur als Dichtung zeigte. Diese Kraft, insofern sie besteht, kann die Erstarkung der Türkei nicht verhindern. Andererseits hörte Italien auf, ein Wächter des Gleichgewichtes im Mittelmeer im Interesse Englands zu sein. Im Gegenteil: England sah sich plötzlich vor einer dringenden Notwendigkeit, zur Erstarkung der Türkei — bis zur Erneuerung ihrer Bedeutung als Seemacht — beizutragen! Ein bedeutender Scluitt in der Richtung war die Konferenz von Montreux (die Dardancllenkonfercnz), die dank der tätigen Unterstützung Englands zustande kam. Das Prinzip des Gleichgewichtes im Mittellandischen Meere macht jetzt den Bestand eines zweiten starken Staates notwendig, und zwar eines Staates, dessen Interessen (bei all seinen politischen Umwälzungen) im Widerspruche zu den Interessen Italiens stehen. Das ist jetzt der hervorstechende Zug der Politik Englands. Und so kam die Türkei zurück auf den Schauplatz des imperialistischen Ringens im Mittleren Orient. Zur selben Zeit ereignete sich der Umsturz im I r a k, dem eine Spur von Feindschaft gegenüber England innewohnte. Ware es zu diesem Umstürze in früheren Jahren gekommen, hätte England die Sache sehr ernst genommen. Nichts davon heute. Denn im Augenblicke, da England ein Bundesgenosse der Türkei ist, macht ihm der Umsturz im Irak keine Sorgen mehr. Im Gegenteil: durch einen kleinen diplomatischen Fingerdruck kann es Irak einen solchen Schlag versetzen, daß seine Umstürzler gezwungen sein würden, England um Hilfe zu bitten. Und es hat den Anschein, daß eine Warnung wegen der Möglichkeit eines solchen Schlages an Irak bereits gerichtet wurde. Unter Vermittlung Englands wurden im vorigen Jahre Verhandlungen wegen eines Bündnisses auf Grundlage der Verpflichtung, sich gegenseitig nicht anzugreifen, zwischen Iran, Afghanistan, Türkei und Irak geführt. Das letztere hat an diesem Bündnisse das größte Interesse, denn Iran und die Türkei haben an das schwache Irak irredentistische Ansprüche. Die Verhandlungen, welche die vorige, pro-englischc Regierung Iraks führte, waren einem Abschlüsse nahe. Jetzt lehnen Iran und die Türkei aus irgendeinem Grunde die Unterfertigung des Bündnisvertrages ab. Dabei versetzt der Erfolg der Türkei in bezug aut Alexandrette die derzeitigen Politiker von Irak in Furcht. Kein Zweifel, daß die Wiedererstehung einer großen Türkei in der arabisch-englischen und arabisch-französischen Politik einen neuen Abschnitt eröffnet. Es bedeutet das Auftreten eines alt-neuen Faktors, bei dem nicht abzusehen ist, wo seine Machtbestrebu'ngen eine Grenze finden werden. Keinesfalls ist anzunehmen, daß seine Interessen das Entstehen einer vereinten und geschlossenen arabischen Macht an seinen Grenzen erfordern oder zumindest nur ermöglichen. Und da liegt die Quelle der großen Furcht, die jetzt alle arabischen Länder ergriffen hat und die sie aufs neue in die Arme der westlichen Mächte zurückstößt. (Schluß des Palästina-Teil»)