Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 20 (12.3.1937)
- Date
- 1937-03-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 20,12. III. 1937 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 5 J jiiutke - ALLIGÄTOR^f f} rt t «in rl n. ii t a 1 o r u/ #i r'**<* "Vfi-- Niveau und Quantität Zu jüdisch-künstlerischen Veranstaltungen Ein erheblicher Teil des jüdischen Lebens besteht in künstlerischen Veranstaltungen (Theateratifführungen, Konzerte, Kleinkunst, Tanzabende usw.) und dient dazu, jüdischen Künstlern die Möglichkeit zu geben, ihr Können vor einem jüdischen Publikum unter Beweis zu stellen. Die Veranstaltungen sollen dieses Publikum selbst unterhalten und auch einen Beitrag zu wirklicher jüdischer Vertiefung bieten. Leider muß man feststellen, daß die Zahl der Veranstaltungen, die besonders in den ürolSgemeinden des Reiches und in Berlin durchgeführt werden, etwas all/u viel des Outen darstellt. Abgesehen davon, daß manche Veranstaltungen dadurch schlechter besucht werden, als sie es verdienten, hat sieh auch ein gewisser Dilettantismus bei uns breit gemacht. Das Bestreben ist gewiß verständlich, möglichst vielen Künstlern bei ihrer Fxistenzsichcrung zu helfen und auch _ ihre künstlerischen Kräfte nicht erlahmen zu lassen. Dabei ist es aber notwendig, die Spreu vom Weizen zu sondern und diejenigen, deren Leistungen kaum das Mittelmaß streifen, aus dem Kunstbetrieb, dessen Basis bei uns eng Zum Tode von Rudolf Otto Die Tageszeitungen melden den Tod des protestantischen Theologen Professor Rudolf Otto, Marburg. Auch wir Juden haben Anla'', dieses Mannes zu gedenken, der in gewisser Weise einen theologischen Wendepunkt darstellt und durch seine entschiedene Auffassung von der Religion als einer über die menschliche Erfahrung hinausgehenden Erscheinung auf die jüngere Thcologcngeneratioii einen nicht geringen Einfluß ausgeübt hat. Sein Buch Das Heilige" erschien zuerst 1017 und dann wieder in zahlreichen Auflagen. In einer ergänzenden Schrift „Das ganz Andere" (Gotha 1()29) sagt er im Vorwort, daß ein junger Jude, Leo Strauß, in einer Besprechung die Absieht des ..Heiligen" am besten verstanden habe, daß ,,nicht mehr Seelenkimile, sondern Gotteskunde, das heißt Theologie" getrieben werden solle. Ein Wendepunkt ist Otto insofern, als er die rationalistische Anschauung von der Religion überwindet und in tiefere Bezirke vorstößt. Religion ist nach seiner Definition „durchaus Erzeugnis von Geschichte, sofern nur Geschichte einerseits die Anlage für die Erkenntnis des I ledigen entwickelt und andererseits selber, in Teilen, Erscheinung des Heiligen ist. .Natürliche Religion', im Gegensatz zu geschichtlicher, gibt es nicht; angeborene Religion noch weniger". Es war wohl die Absicht Ottos aufzuzeigen, daß es ein Gemeinsames für alle Religionen gibt; so sehreibt er: „Das, wovon wir reden und was wir versuchen wollen einigermaßen anzugeben, nämlich zu Ciofühl zu bringen, lebt in allen Religionen als ihr eigentlich Innerstes, und ohne es wären sie gar nicht Religion. Aber mit ausgezeichneter Kräftigkeit lebt es in den semitischen Religionen und ganz vorzüglich hier wieder in der biblischen. Es hat auch hier einen eigenen Namen: nämlich kadosch." Dieses Wort wird weder mit der Ueberseizting „heilig" noch „gut" ausreichend wiedergegeben, deshalb bildet Otto hierfür den Begriff „n u m i n o s" und will damit ausdrücken, daß der Wortinhalt nur erfühlbar und im religiösen „Schauer1' zu erleben ist. In der biblischen Religion sieht er die Inkarnation echter Religion, in der im Gegensatz zum Islam das einseitig Numiliose überwunden wird: „Mit der ehrwürdigen Religion Moses beginnt in immer steigendem Maße der Prozeß der Ethisierung und allgemeinen Rationalisierung des Numinosen und seine Erfüllung zum .Heiligen' im eigentlichen Vollsinne. Er vollendet sich in der Prophetic und im Evangelium. Und hierin liegt der besondere Adel der biblischen Religion, der sie schon auf der Stufe von Zweit-Jesaja mit Recht den Anspruch auf allgemeine Weltreligion erheben läßt." _ I>. N. Der junge jüdische Maler Aronne del Vecchio, der sich in italienischen Kunstkreisen bereits einen angesehenen Namen erworben hat, hat soeben ein Bildnis des italienischen Königs Viktor Emanuel fertiggestellt. Der König hat dem Künstler die Anerkennung für das sehr gelungene Werk ausgesprochen. genug ist, auszuschalten. Es wird auch gewiß niclit verstanden werden, daß bei manchen Veranstaltungen, besonders solchen, die charitativen Zwecken dienen, an Stelle von wirklichen Künstlern Dilettanten auftreten, weil sie zu Kreisen, die im Interesse des wohltätigen Zweckes selbst wichtig sind, besonders enge Beziehungen haben. Eine solche Verc|uickung von Kunst mit anderen Zwecken erscheint unangebracht und liegt insbesondere auch nicht im Sinne der Veranstalter selbst, die ja niit derartigen Unternehmungen auch Künstlern in ihrer wirtschaftlichen Sorge helfen wollen oder es wenigstens sollten. Wenn man bedenkt, daß weit über "i'3011 jüdische Künstler innerhalb des Reichsverbandes der Jüdischen Kulturbünde organisiert sind, von denen etwa 21Ö0 als auftretende Künstler für Veranstaltungen aller Art in t rage kommen, so wird man erkennen können, welche Aufgaben auf diesem Gebiete vor der jüdischen Öffentlichkeit stehen. Die richtige Auswahl und eine gewisse Beschränkung in der Quantität wird für das Niveau und den Besuch der Veranstaltungen, die stattfinden, gewiß von Nutzen sein. Dem Gedächtnis Fritz Lissauers. Tief erschüttert uns die Nachricht von dem Tod Eritz Lissauers. Aus seinem Schaffen jäh herausgerissen, noch angefüllt mit vielen Plänen, mußte er manches Werk, mit dem er uns noch beschert hätte, unvollendet lassen. Einem Zufall verdanke ich es, den Künstler Lissauer in einem seiner Werke kennengelernt zu haben; es war das 1 )-Moll-Streichc|iiartett, uraufgeführt von dem Weil-Quartett in einem Kompositionsabend, der anläßlich seines 60. Geburtstags stattfand, ein Werk, das in seiner komprimierten, dabei elastischen Substanz einen tiefen Eindruck auf mich machte. Seit diesem Augenblick begann ich mich ftir das Schaffen Lissauers zu interessieren und lernte es auch in großen Zügen kennen bis zu seinem letzten Werk, einer Oper „Adrian Brauer" nach dem Text von Stucken, die er mir selbst am Klavier vorführte. So war ich einer der wenigen, der die oft verkannte schöpferische Persönlichkeit Lissauers kennenlernen durfte. Lin Acipiivalcnt zu seinem Sachlichkeit, nüchterne Gedankenarbeit fordernden Beruf eines Rechtsanwalts wirkte in ihm eine dem zartesten Ausdruck zugängliche Künstlerseelc, die in vielen Schöpfungen ihre eigenen wechselvollen Visionen hat. Ein starkes, intuitiv abwägendes Empfinden für den Gehalt literarischer Yor- EnpH *1DD« Dr. S. Mandelkern: Bibelkonkordanz (Veteris Tcstamenti Concordantiae hebraicae atque chaldaicae). Zweite vermehrte und verbesserte Ausgabe, herausgegeben von E. Margolin. 1308 Seiten in grolleni Lexikonformat. In Halbleder gebunden RM. 30,—. Schocken Verlag, Berlin. Die vom Zeitpunkt ihres ersten Erscheinens an als unerreichtes Standardwerk gerühmte Mandelkernsche Konkordanz, enthält den N a c h w eis sämtlicher in der Bibel vorkommenden W o r t s t ä m m e u n d Wörter in allen ihren Formen, einschließlich der Partikeln, Fürwörter und Eigennamen, und zwar nach dem Wortlaut des masoretischen Textes, samt lateinischer Uebcrsetzung und hebräischer Erklärung. Sie beschränkt sich nicht auf die Stellenangaben, sondern notiert -- nach der jüdisch-traditionellen Reihenfolge der biblischen Bücher — alie angezogenen Stellen im Wortlaut. In der vorliegenden zweiten Auflage ist es dem Herausgeber gelungen, auf Grund hinterlassencr Notizen des Verfassers und auf Grund gedruckter oder ihm handschriftlich zur Verfügung gestellter Listen maßgebender Forscher die zahlreichen Irrtümer und Versehen zu berichtigen, die in der ersten Auflage eines so umfangreichen Werkes unvermeidlich waren. Die Verbesserungen betreffen sowohl die Stellenangaben als auch den Wortlaut der Zitate und konnten zum UNSERE VERKAUFS G ES C HAFTE: Berlin, Tntirnt/icnstr.TBr \(> Essen, Am Hnuptt,Minhof 10 Hamburg, jimc-fernslir^ 4:1 Hof hum, Kttrlumsi ti'7 Köln «. Rh., Hohe Straße 115 F r a n k f u r t . M.. Rolimnrkl IS Essen, Lirnbtrkorütrnüe 10 Zentrale: O f f e n h u e h a. M. Wuppirlnl-KISirfi-ld, Hrntosjslrnß.' 36 lagen — Widerklang', der aus di in Blute kommt; sein Bruder — der Dichter Ernst Lissauer — bestimmt ihn zum fruchtbaren Liedkomponisten. In vielen Liedern verbindet er Stoff und musikalische Phantasie in glücklicher Harmonie. Die Wege, die von hier zur Oper fuhren, lagen für ihn offen. In seinem reichen instrumentalen und kamniermusikaüschen Schaffen bildet das D-Moll-Otiarteti einen Höhepunkt, der vielleicht sogar einen neuen Weg andeutet. Er wurzelt in seiner Musik in der heimatlichen Landschaft; freimütig gestand er, daß er den Weg zu neuen Feldern, am Ii zu (fem Jüdischen, nicht finden könne, was manche Beurteiler dazu verführte, ihn als einen Musiker, verlangen in Eklektizismus, hinzustellen. l issaners Tod bedeutet für unser MiiMklelnn einen schweren Verlust; wurde zeitlebens seine Könnerschaft oft angezweifelt, ihm damit viel Bitteres zugefügt, so wollen wir, die wir sein Werk und .-.eine Begabung kennen, das Andenkt n dit'M s makellosen Menschen und hervorragenden jüdischen .Musikers hochhalten. Dr. J a k o b S c h ö n b er g Neues Werk von Ernest Bloch. In Los Angeles (Kahforuu iii fand die Uraufführung einer neuen Komposition des jsidiM he:i k'ompom-U-rt I rnesl Bloch für Cello und Orchester unter 'der Leitung von ( Hto Klcmpcrcr statt. Das Werk fuhrt den Namen „Die Stimme in der Wuste" (jcviia PI). Den U< -lup-irf spielte Alexander Borksof. Die „New York 1 mies" schreibt darüber, daß das Werk /war gleichfalls i.rientaii-chen Charakter habe, aber im Vergleiv Ii mit der vorau-gehemien sin ionist heu Dichtung „Scheloiiiti" mehr asketisch klingt; es sei weniger ekstatisch und weniger hebräisch in seinem Charakter, im übrigen sei die Musik ein typischer Bloch. Die Aufführung des Werkes dauert 2r> Minuten. allergrößten Teil innerhalb des sonst unverändert wiedergegebenen Textes angebracht werden. Ein geringer Teil der Verbesserungen ist zu einem Fehler- und Korrekturverzeichnis vereinigt, das mit einer Liste neu ergänzter Zitate zu etwa 30U Schlagwörtern der Konkordanz den Band beschließt. Es muß ausgesprochen werden, daß es sich hier um eine v e r 1 e g e r i s c h c Tat allerersten Ranges handelt. Dieses großartige Werk ist für die wirkliehe Kenntnis der hebräischen Sprache und ftir das Studium der Bibel ein unvergleichliches Hilfsmittel, und daß es nun in der Form eines tadellos gedruckten, schön gebundenen und ausgestatteten — freilich nicht „handlichen", denn es ist ein Buch für den Studiertisch und kein TaschenlMich — Bandes für einen relativ billigen Preis in viele jüdische Häuser gelangen kann, ist aufrichtig zu begrüßen. Kein Wort des Lobes und Dankes ist zu viel für diese Tat des Srhockcn-V'erlags. Es wäre noch zu überlegen, ob nicht für den Laien-Leser sich noch eine Einführung (in deutscher Sprache) in die Benutzung des Buches empfehlen würde, die zusatzlich herausgebracht werden könnte. Im übrigen wird diese Ausgabe gewiß nicht nur von den Juden Deutschlands, sondern überall, wo Juden wohnen, mit Freude aufgenommen werden. Der in der Nr. 12 besprochene dritte Band der Sammlung: Populärwissenschaftliche Literatur in Palistina „Jedialh-ha- Karka" hat Dr. A. R e i f e n b e r g zum Verfasser. Eine verlegerische Tat Nachdruck verboten Alle (aud? Uebersetzun^s-) Rechte vorbehalten SiM^^sis«^^ vctt&isiyMiE £imj? Eo»nan-fcvilogie wh CHA3I/W SCHWARZ S«K= KIBBUZ 4. Fortsetzung Die Tänzer sind vollständig durchmißt von Schweiß, heiser vom Singen. Aber da immer wieder neue hinzukommen und alte gehen, erhält sich eine gewisse Mitte verhältnismäßig sauberen Gesanges. Das Lied, das sie singen, ist kurz im Text und kurz in der Melodie, so daß die W irkung der Eintönigkeil, des festen Beharrens immer gewaltiger, immer betäubender wird: Volk Israel lebt, Volk Israel lebt. Es ist wie Donner und Blitz, und Bündnisschluß mit Gott. Sic vergessen sieh selbst, ihre menschliche Kleinheit. In der Mitte steht Isi von der Noar Owed, er halt mit verzückter Gebärde eine Mundharmonika am Mund und dreht und wiegt, sich und begleitet, den Tanz, obgleich sein Spiel natürlich nicht durchdringen kann. Mit ähnlichen Gebärden befinden sich neben ihm zwei seiner Genossen, sie feuern von innen her die Tänzer nn, nicht nachzulassen. Plötzlich drängt sich der alte Kazaw durch die zwei Kreise hindurch, rennt zur Mitte, zu Isi und seinen Genossen, und beginnt wie ein Rasender mit einem russischen Solotanz, er legt beide Hände hinter dem Kopf zusammen und schlägt in Hockstellung rhythmisch mit den Beinen aus. Schrecklich, Kaznw ist nicht ganz normal, einige sagen, er gehöre schon lange ins Irrenhaus. Trotzdem entspricht dieses Schauspiel der allgemeinen Stimmung. Jetzt drängen sieb alle Gruppen, auch die, die bisher passiv beiseite gestünden hatten, an den Kreis der Zuschauer heran und wollen Kazaw tanzen sehen. * Ja, Volk Israel lebt, aber esist nicht mein Leben, Massenborrah, aber ich tanze nicht, sie bringen Erfüllung zum Ausdruck, aber bei mir ist keine Erfüllung vorhanden. Ich stehe auf der Seite, so deprimiert wie damals in Aluleh, und weiß nicht den Grund meiner Depression. Damit hatten sie uns auf Hachscharah den Kopf verdreht;, mit der geistigen Auffassung der Chewrah. dereH Höhepunkt die Massenborrah. Sie hatten verlangt Aufgabe da Ichs. An Stelle der Ichgefangensehaft sollte die neue Chcwruhgefsingenschaft treten, angepriesen als große Erfüllung der neuen Zeit. Das llorrahtanzen, die Tänzerwade, die dem Ich bei Musikbegleitung spielerisch den Tritt versetzt, davon sollten wir neue, glückliche Menschen werden. Al>er schon nach zwei Monaten merke ich, daß da etwas nicht stimmt. Die geistige Wirklichkeit, der Chewrah existiert nur in den Gehirnen der Einsiedler, in den Gehirnen krasser Individualisten. Tel Ilamon ist keine geistige Erfüllung, wenigstens im kollektiven Sinne. Die Alten sind keine Wachsgespenster, keine Fleisch gewordenen Ideen, sie sind Fleisch gcbliel>encs Fleisch, kennen Zank, Intriguc, Klatsch, Giftdrüsensekretion. Sie lächeln über die absolutistische Turnerei der Neuen. Sie benehmen sich l>ei allen möglichen Gelegenheiten betont unheroisch. Irgend etwas ist an ihnen, eine Wut auf dieses blutlose, hysterische Chaluzhitli der Neuen, sie bekämpfen das Vakuum, das ihnen entgegen schlägt, mit der Demonstration der Enttäuschung, so, als oI> sie sagen wollten: Außerhalb der Gehirne gibt es keine geistige Wirklichkeit der Chewrah. Das ist ein großer Schlag für mein junges, unreifes Gehirn. Noch wage ich nicht, zu verstehen, was geschieht. Und dann die zweite Seite der Sache. Ich beginne, zu bemerken, daß ich mich nicht wohl fühle, daß ich krank bin, daß ich mich selbst zerstöre mit dieser geistigen Auflassung von der Chewrah. In meinem Gehirn sitzt eine terroristische Zelle und hat vorläufig noch alle Fäden in der Hand und befiehlt: Sehalte dein Ich aus, du hast kein Ich zu haben. Und ich schalte es gehorsam aus und werde krank darüber. Freilich, ich will ein neuer Mensch werden; sich seihst zerstören, das ist auch ein Weg zur Erneuerung. Aber ich ahne plötzlich, daß die Erneuerung durch Zerstören, diese eilige Erneuerung, die keine Zeit hat und mit Resultaten bluffen will, ohne Dauer ist und Gegenzerstörungen, \\ ietlcraufriehtungen des Alten zur Folge hat. Ich zerstöre mich ja selbst. Ich will nichts mehr wissen von Literatur und Philosophie, von Ausbau und Entwicklung einer Weltanschauung. Es ist mir ganz egal, ob ich üInt mein Leben und meine Haltung eine intellektuelle Auskunft geben kann, ich morde den Geist, von Synthese ist längst niclit mehr die Rede. Da plötzlich regt sich in mir die Gegenzerstörung. die die Wandlung zurückwandeln will. Ich empfinde Schmerz, Unhaltbarkeil meiner Lage. Ich bin tiefer deprimiert, habe Sehnsucht nach meinem alten Leben, nach der Erfüllung durch Individualismus. Horrah, Horrah, das können sie, die Bein« werfen, schreien und schwitzen, bei Musikbegleitung, aber auf solche Fragen antworten, das können sie nicht. Wenn die Horrah vorbei ist, verstecken sie alle ihren Kopf und ihr Gewissen in körperlicher Arbeit. Freilich, in diesem Sinne ist die körporli'-he Arbeit eine LCsung, daß man die geistigen Fragen vergiik oder aie zumindest vertagt. » Damals kam in den Kibbnz ein etwa fünfundvierzig Jahre alter Mann, ein sogenannter Kapitalist, und gab vor, mit (h-t und Bewegung in einer W eise \ erkunden zu sein, die Hingabe seiner Person und seines \ ermögens erforderte. Alles interessierte sich für den Fall und begann, auf den Mann zu schauen. Dabei war die Hingabe des Vermögens oder doch wenigstens die Aussieht auf fliese Hingabe unendlich viel interessanter als die der Person. Hirsch brauchte nicht erst tlas Zeltstadium aller Neuen durchzumachen, er bekam sofort ein Zrifzimmcr, bei Lebergabo des Vermögens versprach man ihm sogar Quillierung mit einem Zimmer im Steinhaus. Es war ein kleiner, fettleibiger Mann mit einer plal ingefaßten Brille über der scharf geschwungenen Nase. Da er in Deutschland KolTcrhümller gewesen war, versprach er vielen Feilten LederkolTer, anderen wieder wollte er Schokolade schenken und Bücher, mit ähnlichen Angeboten hielt er sieh die ganze Zeit Freundschaften warm, so besonders die Freundschaft mit Hanni, die er nach knapp acht Tagen als eine seinem Stand entsprechende Frau entdeckte und die nach vierzehn Tagen hoffte, er würde ihr tausend Pfund leihen, damit sie Üiro Eltern aus Deutschland anfordern könnte. Eines Abends komme ich ins Zelt, da ist ein großer Krach zwischen Hanni und Bartel im Gange. Hanni weint. Ich sehe auf unserm kleinen gemeinsamen Zelttisch ein Bündel zerrissener Herrensoeken liegen, die Bartel aufgreift, l>eschnüffelt und mit Entsetzensrufcn auf die Erde schleudert. Dabei fängt er an, in seiner bekannten Weise zu schreien: Er würde sofort Hirsch die. Strümpfe zurückbringen und um die Ohren schlagen, so eine Frechheit sei ihm überhaupt noch nicht passiert, ungewaschene Strümpfe von fremden Leuten stopfen zu lassen, und dann noch dieser Schwindel mit der Anforderung von Hambs Eltern, sage du selbst, Dajan, wer noch alles soll denn Hannis Eltern anfordern, soviel Eltern hat sie ja gar nicht wie es lx-ute gibt, die anfordern wollen, und jetzt gehe ich zu Hirsch und bringe ihm die Strümpfe zurück. Ich bleibe allein mit Hanni, grübele, warum sie weint. Wenn mir irgendein fremder Mensch eine Szene macht, dann weine ich doch nicht, sondern setze mich zur Wehr. Aber es ist eine böse Vorahnung in mir, die mir zuflüstert: Ja. aber diese beiden sind sich niclit mehr fremd, sie sind