Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 20 (12.3.1937)
- Date
- 1937-03-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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■Ii, Seite 4 JÜDISCHE RUNOSCHAO Nr. 20, 12. HL 1937 ~"\ ifif I n IN ALLER KURZE In einer Konferenz von Vertretern der Zentralkomitees aller zionistischen Parteien in Polen gab Jizchak Grünbaum bekannt, daß die nächste Tagung des Zionistischen Aktie) n s -C o tu i t c s am 13. April in Jerusalem eröffnet werden wird. Der XX. Zionistenkongreß soll spätestens nach der ersten Augustwoche stattfinden. Der Tagungsort steht noch nicht fest. Die Exekutive der Zionistischen Organisation hat mit den Vorbereitungen zum XX. Z i o n i s t e n k o n g r c ß begonnen. Die Herren Dr. Franz Kahn und Dr. Fritz UI1ni a n n sind mit der Leitung des Kongreß büros betraut worden. Bei der im Haag tagenden Konferenz der sogenannten „O s I o-Staafcn" Holland, Belgien, Schweden und Norwegen ist der Vorsitz dem Führer der holländischen Abordnung, D. H. M. 11 i r s c Ii v e 1 d, Generaldirektor des holländischen Handels- und Industriedepartments, übertragen worden. Auch das /weite Mitglied der holländischen Delegation, Prof. Dr. J. van Ci e 1 d e r e n, ist, wie Generaldirektor Dr. i lirschvcld, Jude. Bei der Besprechung der sogenannten Rohstoff - Konferenz in Genf hebt die Londoner „Times" hervor, daß die meisten Teilnehmer der Konferenz, obwohl sie formell nicht ihre Länder vertreten, sich in ihren Darlegungen doch meist von dun speziellen Interessen ihres Landes leiten lassen. So habe z. B. der Vertreter Polens, Herr Rose, die nicht ganz zur Sache gehurige Frage der überschüssigen Bevölkerung und Auswanderung zur Debatte gestellt, die das Hauptinteresse Polens bildet. Die Jewish Colonisation Association (1CA) hat den Brüsseler Rechtsanwal! Max Gottschalk in den Verwaltungsrat der Palestine Jewish C.olonisation Association (Pica) entsandt, in dem ein Sit/ durch den Tod von Prof. Dr. Arnold Netter f rcigcwnrdon war. Wie aus Ii;-,;r (i a <] berichtet wird, sind in das neue Parlament im Irak vier jüdische Abgeordnete gewählt word. n. Trotz Markier Propaganda ist es bei den letzten Wahlen zum I om!.cu r Grafschaftsrat iomein ein/igen Kandidaten der von Sir (Kwaid Mosley geführten British Union of Nstists. die unter jinienfeimllichen Losungen zur Eroberung des Londoner (Istens in den Wahlkampf gezogen war, gelungen, ein Mandat /u erlangen. Professor Kelsen, den die tschechische Regierung im Herbst vergnüg, tu-n Jahres au die Deutsche Universität nach Prag herufi u hat, und im kommenden Sejintnersemcster nicht! r hat *ilaut* .in genommen und begibt sich l: S c I et en krafi /linis kzu>!e Schlachtung mit Rel hwedisrhe Justizminister schlug vor, das Indes neuen l'ierschlachtgcsct/es bis zum I. Juli WiS Hin, damit ein sofortiges Verbot der rituellen für Juden vermieden werde, bis die Versuche tiner elektrischen Betäubung, durch die die jüdischen ioiisgc setze imht verletzt würden, durchgeführt sind. In die I xekiitive der Internationalen Handelskammer ist \on <i..r holländischen Zw eigot gauisation dieser Kammer fur das Jahr 1US7 der Amsterdamer jüdische Bankier und Mitglied der dortigen Kammer fur Handel und Gewerbe, Dr. 11. A. Hart o g It, entsandt worden. Der Bund der jüdischen Frontkämpfer Oesterreichs wurde am 2. Mär/, kooperativ in die Staatsmiiiz der Vaterländischen Front eingegliedert. Der anläßlich des 300jährigen Descartes-Jubiläums für den 6. August einberufene neunte Internationale P Ii i I o s o p h c n - K o n g r c ß wird unter dein Vorsitz des französisch-jüdischen Philosophen Henri Bergs on stattfinden. Der Bundespräsident von Oesterreich verlieh dem jüdischen Olympiasieger im Leichtgewicht, Robert Fein, die Grolle Goldene Medaille. - Auf Grund eines einstimmigen Beschlusses der Leitung des griechischen Zionistenverbandcs ist der Ministerpräsident der griechischen Nationalregicrung, General Joannis Metaxas, in das Goldene Buch des Jüdischen Nationalfonds eingetragen worden. Die Jewish < ailonisation Ass<xiation (ICA) hat Rabbiner Dr. William S <■ h 1 e s i n g e r, einen Absolventen des Breslauer jtidi,ch-Tiieo;o:;i.e,!U'i! Seminars, mit einer lnspektion des jüdischen Unterrichts art ihren argentinischen Ko- I o nies c h u i e n betraut. Der dur'Ii seine F..r-cliumren auf dem Gebiet der Strahlentherapie!<> kannte I'i.kessor Dr. Leopold Freund in Wien berichtete in einer Nt/ung ,j,.r \\ lt-ner Acr/te-! ieselUchaft, daß es ihm gea.rg-n «ci, durch eine neue Strahlenart Fremdkörper im ntwssviiiicheii Organismus sichtbar zu machen, die duri.il die Röntgenstrahlen bisher nicht erkennbar gemacht weiden konnten. Der in Rom lebende Geschichtsforscher Prof. Dr. Ermanno l. o e v i ti s o n ist in Anerkennung seiner Verdienste um die Staatsarchiv-Verwaisung an!" Vorschlag des Ministerpräsidenten Mussolini vom König von Italien zum Großoffizier des italienischen Krunenordeiis ernannt worden. Dieser Tage wurde in der Reichsanstait für Mutteriind Säuglingsfursorge in Wien ein Denkmal für den ersten Direktor dieser Anstalt, Hofrat Professor Dr. Leopold Moll, enthüllt. An der Feier nahmen Vertreter des Bundeskanzlers, des Ministeriums fur soziale Verwaltung, des Unterrichtsministeriums, des Bürgermeisters Schmitz, sowie das Präsidium der Israelitischen Kultusgemeinde teil. Auf der in ^osnowice abgehaltenen Kreiskonferenz der Acrzlcvcrciuigungcn der Wojwodschaft K i e I c e, an der sechs Kreisgruppen diu.ii 20 Delegierte vertreten waren, wurde der Arierparagraph angenommen. Der jüdische Friedhof in Ostrowiec (Kreis Warschau) ist durch unbekannte Täter geschändet worden. % Grabsteine wurden zertrümmert. Knapp vor Schließung der Wiener Liebermann-Ausstellung besuchten Frzherzog Anton und seine Gattin Erzherzogin I I e a n a, die Tochter der rumänischen Königin- Witwe, die Ausstellung Dieser Tage verschied in Wien im 72. Lebensjahre Dr. Otto Eckstein, einer der hervorragendsten Juristen Oesterreichs. An den Folgen einer Operation ist in Chicago der jüdische Schriftsteller und Journalist Jona Spi wak gestorben. Elisabeth B e r g n e r wird demnächst zu einem kurzen Aufenthalt in Palästina eintreffen. Otto W a 11 b u r g, der bisher an verschiedenen Wiener Bühnen aufgetreten war, ist die weitere Arbcitsbewiliig ti n g entzog e n worden. Transfer-Abkommen Polen - Palästina Warschau, 4. März. (JTA) Der Leiter des Arbeitsdepartements der Jewish Agency, Jizchak G r ü n b i am 4. März im Namen der Jewish Agency das p o ästin cnsischc Clearing- und T r abkommen, über das monatelang ....."------- worden sind, unterzeichnet. Warschau, 4. März. (JTA.) Der Leiter Jizchak Grün bäum, hat _....... ... __ J i Agency das polnischpalästinensische Clearing- und Transferang Verhandlungen geführt - ... -----, „.....___Für die Kündigung des Abkommens durch beide vertragschließende Parteien ist eine dreimonatliche Frist vorgesehen. Rechtsgleichheit in Jugoslawien Während der Budget-Debatte im jugoslawischen Parlament hielt der antisemitische Abgeordnete Dr. Milan B a n i c eine Rede, in der er behauptete, der jüdische Einfluß wirke sich schädlich auf die jugoslawische Kultur aus. Insbesondere beanstandete es der Abgeordnete, daß eine der bedeutendsten jugoslawischen Vcrlagsanstalten, die die Werke der führenden jugoslawischen Schriftsteller herausgibt, unter jüdischer Leitung steht. Die Angriffe des Abgeordneten wurden von dem Kultusminister Svetkovic in seinem Schlußwort zurückgewiesen. Das 1 lauptfundamcnt, auf dem Jugoslawien stellt: volle Gleichberechtigung für alle anerkannten Religionen und Rassegruppen, dürfe nicht erschüttert werden. Wcltvereinigung Allgemeiner Zionisten Arn 4. März fand in London eine Sitzung der europäischen Exekutive der Welt Vereinigung Allgemeiner 7. i onisten statt, an der Rev. J. K. (iolclbloom (Vorsitzender), Dr. üoldinann, 1. Naiditsch, Rev. M. L. Perlzweig, Paul Goodman, Dr. Martin Rosenblüth und L. Bakstansky teilnahmen; als Gast nahm der Vorsitzende der Palästina-Exekutive der Wcltvereinigung, Kurt Blumcnfeld, teil. Nach einer Aussprache über die politische Lage wurde der Hauptpunkt der Tagesordnung, die Frage der Belebung und Erneuerung der zionistischen Bewegung durch die Ideen und Kräfte des Allgemeinen Zionismus, eingehend erörtert. Es wurde beschlossen, für April eine Konferenz der Wcltvereinigung einzuberufen, an der alle Landesgruppen teilnehmen werden. AlSred Flechtheim In London starb letzten Dienstag der Kunsthändler Alfred Flechth c im, der bis zum Umbruch als einer der führenden Kunstfachleute in Deutschland galt. Er war 1S77 in Münster (YX'estf.) geboren und lenkte durch die Ausstellungen, die er in seinen Galerien veranstaltete, die Aufmerksamkeit auf eine Reihe französischer Maler, wie Matisse, Rousseau, Picasso u. a., die später berühmt wurden. In den letzten zwei Jahren hat Flechtheim in London gelebt. Die Londoner „Times" hebt in ihrem Nachrufe hervor, daß der Verstorbene ein typisch jüdisches Aeußeres hatte. Er sei ein überaus liebenswürdiger Gesellschafter und lebendiger Erzähler gewesen, der aus seiner reichen Lebenserfahrung viel zu berichten wußte. Das Blatt erwähnt auch, daß Flechthcim während des Krieges in einem deutsehen Kavallerie-Regiment gedient hat. In den letzten Jahren habe er mehrmals. bei der Organisierung englischer Kunstausstellungen mitgeholfen. Zum zehnjährigen Todestag Paul Nathans. Am 15. März jährt sich der Todestag Paul Nathans zum zehnten Male. Das Werk Paul Nathans — der Hilfs verein der Juden in Deutschland, der von ihm im Jahre 1001 gegründet wurde —, hat in den Jahren seit 1933 für die Judenhcit Deutschlands besondere Bedeutung gewonnen, da er nicht nur — wie ursprünglich — liilfe für das Ostjudentum gibt, sondern in erster Linie die Auswanderung von Juden aus Deutschland in die überseeischen Länder ordnet. Der Hilfsverein, der durch sein Schulwerk vor dem Kriege auch mit Palästina verbunden war, geriet damals mit den zionistischen Kreisen in den sogenannten „Sprachenstreit", in dem u. a. Acbad Haam in prägnanter und tiefer Weise das Wort ergriff. Trotz dem scharfen Gegensätze, der sich in diesem Zusammenhange zwischen Paul Nathan und dem Jischuvv zeigte, wurde seine Bedeutung als jüdischer Sozialpolitiker auch von seinen sachlichen Gegnern voll anerkannt. Paul Nathan hat auch für Palästina Großes geleistet, das Technikum in Haifa ist ein Denkmal seines Wirkens. Paul Nathan war eine große Figur im Judentum Deutschlands, aus einer Führergeneration, die aus bestimmten historischen Bedingtingen entstand und kaum eine Nachfolge — gerade in dieser neue Anforderungen stellenden Zeit! — gefunden hat. Juden in Portugal. Zu dem in Nr. 15 veröffentlichten JTA-.-Berieht über Ausweisungen aus Portugal erhalten wir von einem Leser in L i s b o a (Lissabon) folgende zusätzliche Informationen: „Die ursprünglichen Maßnahmen wurden nicht wesentlich gemildert. Es wurde lediglich die auf acht Tage lautende Ausweisungsfrist in manchen Fällen bis zu einigen Wochen verlängert. Nur in einem einzigen Falk wurde einem der ausgewiesenen Juden das Verbleiben im Lande gestattet. Keinem derjenigen, die das Land schon verlassen hatten, ist die Aufenthaltsbcwilligung wieder erteilt worden, keiner von ihnen ist wieder zurückgekehrt oder hat Aussicht, wieder zurückkehren zu können. Was die Aufrollung der J u de u frage in Portugal anbelangt, so bleibt festzustellen, daß keiner der ausgewiesenen Juden etwa aus politischen Gründen ausgewiesen worden ist, denn niemand von ihnen hat sich regierungsfeindlich betätigt. Es wird daher schwer, andere als Gründe der Rasse oder Konfession anzunehmen. Jedenfalls ist von weiterem Zuzug nach Portugal abzuraten. Ein Teil der hiesigen jüdischen Immigranten hat beschlossen, sich der Gefahr einer kurzfristigen Ausweisung nicht auszusetzen, sondern freiwillig das Land zu verlassen." Entjudunß des Buchhandels, Auf einer Gautagung des Deutschen Buchhandels in Königsberg i. Pr. sprach gemäß Pressemeldungen der Hauptamtsleitcr des Deutschen Buchhandels, Bauer, über die Organisation des Deutschen Buchhandels, die nun mit dem Einbau der Fachschaft Buchhandel in die Rcichsschrifttumskammer beendet sei. Nach Behandlung verschiedener Einzclfragen ging Hauptamtsleitcr Bauer dann aut die Neuerung des Berufsstandes ein, die ihn absolut frei von jüdischem Einfluß gemacht habe. Nach den Nürnberger Oesetzen seien einige jüdische Buchhandlungen bei jüdischem Bedürfnis möglich, doch müßten diese deutlich als jüdische Buchhandlungen bezeichnet werden. Di« von Nathan Birnbaum in Amsterdam begründete und herausgegebene Zeitschrift „Der Ruf", die einen religiös-traditionellen Standpunkt auf national-jüdischer Basis vertritt, erscheint nunmehr nach längerer Unterbrechung unter Leitung von Hans Goslar. Amsterdam / Von Joachim Prinz Der nachstehende Abschnitt ist einem Kapitel über Amsterdam entnommen, das in dem in kurzer Zeit erscheinenden Buch von Dr. Joachim Prinz: „Das Leben im ühetto — Jüdisches Schicksal in fünf Städten" (Verlag lirwin Löwe, Berlin) enthalten sein wird. Dieses Buch, das auf Grand einer in diesem Winter in der Bialih-Lehrstätte abgehaltenen Vortragsreihe entstanden ist, gibt eine interessante Zusammenschau geschichtlicher Vorgänge vom Blickpunkt jüdischer städtischer Zentren aus. (Red.) Das ist Amsterdam: Der Himmel ist verhangen, die Luft ist diesig, die Sonne dringt selten durch, die Gassen sind tief und lang, die Häuser schmal und hoch mit spitzen Giebeln, die wie Treppen aufsteigen. Die Straße, die im Süden das Leben birgt und nicht nur von Nichtstuern, Tagediehen und solchen, die sonst über genügend freie Zeit zu verfügen scheinen, voll ist, sondern auch von ehrsamen Bürgern, wird hier nur die Verbindung des Hauses mit der Außenwelt. Das wirkliche Leben aber spielt sich in den Häusern ab. Die öffnen ihr Tor rasch ins Innere. Ohne große Ucbcrlegungcn und Umschweife gelangt man in die Gemächer, und dann ist man in einer eigenen Welt. Diese Welt hat ihren künstlerischen Ausdruck im Interieur gefunden und im Stilleben. Ein Blick auf einen solchen gedeckten Tisch, ein Blick auch in eine niederländische Küche, wo Fische und Krebse auf dem Boden liegen, riesige Körbe Gemüse, Obst, Wild, Geflügel und Gewürze in unwahrscheinlichen Mengen bergen, dazu die Frauen, die in wohlgesitteter Behäbigkeit die Kostbarkeiten registrieren und bereiten — das ist diese Welt! Die Zimmer sind durch kleine Butzenscheiben geschützt. Kein Fremder kann hercinblicken. Denn hier wünscht der Bürger in seiner Welt zu leben. Es ist nicht das Schlaraffenland Bieter B r u e g h e 1 s, in dem man sich nur wohlig ausstreckte, und in dem die Tiere mit bereiten Messern berumliefen, und nicht das lustige Rauf- Icbeu der Bauernhochzeiten auf dem Lande, das Leben der Fresser von B r o u w c r und F r a n s Hai s. Aber es ist ein Leben mit heute unvorstellbarer Behaglichkeit und einer Panz renaissancefremden Vorstellung und Wirklichkeit einer amilie. Das Familienbildnis ist ein wichtiger Ausdruck dieses Lebens. Aber zu all dem gehört Fleiß, Nüchternheit, Emsigkeit, Gewerbesinn, Weitblick, das Leben der Kaufherren, der Reeder, der Seefahrer und der Zünfte. Dieses gefestigte Bürgertum schuf einen ungeahnten Reichtum in der Malerei: Der Holländer van Dyk malt in England vornehme höfische Bilder. Die Brueghels, Hals, Rubens, B r o u w e r und der Maler Rcmbrandt H a r - m c n s z van R i j n schufen unvergängliche Denkmäler dieser Zeit. Der geistige Himmel aber wird beherrscht von Kepp- I e r s Erneuerung des kopernikanischen Systems, von Galileis wissenschaftlicher Mechanik, von B a c o n s experimentierender Philosophie, von Descartcs' Grundlegung des Denkens und von Shakespeares tragischem Genie. In die Ströme einer solchen Welt wurde das Leben in der Juden stadt von Amsterdam gebettet, denn eine solche Judenstadt, die joodenstraat, entstand bald. Die Prophezeiung des Uri Halcvi ging sehr schnell in Erfüllung. Haus reihte sich an Haus, und es waren zum Teil sehr respektable und ansehnliche Häuser, die da entstanden, mit schönen Fassaden und holländischen Innenräumen, die zu dem spanischen Leben der Einwohner sehr merkwürdig und farbig kontrastierten. Die Freiheit der Niederlande, die sich nach der Utrechter Union mehr und mehr durchsetzte, macht das Land zu einer wirklichen Heimstätte für die Vertriebenen. Lind wenn man von der Judenstadt in Amsterdam als von einem „neuen Jerusalem" sprach, so meinte man diese Freiheit. Schon 1508 wird die erste Svnagoge errichtet. Wenige Jahre später gibt es zwei andere. Die Unsicherheit der „Juden im Bewußtsein" tastete in den ersten Jahren nach der Hilfe derer, die Jahrtausende, ohne daß die Kette je abgerissen wäre, Juden waren, und so mag es zu erklären sein, daß es zuerst aschkenasische Rabbiner waren, die die Gemeinde führten. Auch später wandte man sich oft an die großen Judenstädte im Osten, etwa nach Wilna, um Entscheidungen zu erhalten. Die Aschkenasim waren ihnen doch die volleren luden, die mit größerer Selbstverständlichkeit ihr Judenleben führten, und die nie in das schnöde und nun bald ver« gessene Gewand des bloßen Traumes und des Bewußtseins hatten fliehen müssen. Aber bald wurden sie sicherer, und es gehen die Briefe zwischen Venedig, Modena, Fez und anderen Städten der sephardischen Juden hin und her. Amsterdam wird bald ein berühmtes Judenzentrum, denn es bedeutete durchaus den Anschluß an eine große Welt. Den Blick herüber nach Pernambuco, wo es eine jüdische Gemeinde gab, nach dem neuen Leben in den Kolonien, nach der Westindischen Kompagnie, an der sich Juden beteiligten, und nach einem Leben im vollen Judentum, in eine Erziehung von hohen Graden. Die Unsicherheit der Amsterdamer Juden, die ständige Furcht, in der sie lebten, ihre Vergangenheit könnte einmal über die Gegenwart siegen, und es könnte plötzlich einmal wieder aus ihnen das herausbrechen, was sie selber oder doch ihre Väter in Spanien und Portugal erlebt hatten, schufen eine Gemeinde von ganz besonderer Strenge. Aus Unsicherheit wurden sie intolerant. Es lebte über dieser Gemeinde der Wille, Generationen eines Marranenlebens auszumerzen. Sie zwängten ihre Kinder in ein Judenleben, das wieder itt ihnen aufspeichern sollte, was ganze Generationen vergessen hatten. Diejenigen, die die Gemeinde schufen und leiteten, taten es mit dem Bewußtsein, daß hier „verlorene Schafe Israels'- lebten. Die Kette war gerissen. Es galt, sie wieder zu "schmieden. Marranen wollten wieder Juden werden. Die Erinnerung aber verfolgte sie. Es galt, sie zu übertönen. In der Joodenstraat in Amsterdam, in der großen Synagoge der Portugiesen, in den Lehrhäusern und in den Schulen regierte dieser Geist mit starker Hand. Die Akkorde, welche angestimmt werden mußten, mußten schon ungeheuer stark und groß und rein sein, so stark, daß man nicht mehr in den Ohren den Gesang der Messe und das Rauschen der Orgel hörte, so stark, daß einige hundert Jahre einfach schwanden, so stark, daß die Narbe nicht mehr aufbrechen konnte. So wurden die Rabbiner die Führer der Gemeinde. Keiner von iiinen ist in Amsterdam geboren. Sie werden von weit her feholt. Denn man sucht Mensehen, die die Wirklichkeit des udentums in sich trugen, und die durch diese fremde Welt sicheren Schrittes gingen. Nur diese Sicherheit konnte leiten und führen. So erstand aus der Sehnsucht, volle Juden zu erziehen und den Anschluß an das wirkliche jüdische Leben zu gewinnen, ein System jüdischer Erziehung, das am liebsten aus jedem jüdischen Jungen einen Gelehrten hätte machen wollen. Der jüdische Stoff als Erziehungsmittel war hier zugleich der Versuch, den in der Marranenzcit erlittenen Verlust an jüdischer Substanz wieder gutzumachen und so die Juden von Amsterdam wieder geschichtsfähig zu machen. Pilmiail MB» 46 Ecke S*b*iUnns*traS« BettfedemÄnünl^^ mm\\>t\atiifotomKM-MtMmM\ tt ßatfwar+nhaus Deutsch/amts- Srüsste Auswahl.