Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 19 (9.3.1937)
- Date
- 1937-03-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 19, 9. Hl. 1937 Wie gestalte ich den Schabbat? Für Schabbat, 13. März Wochenabschnitt: „Wajikra" (III. B. M. Kap. 1-ü) Von den Zeugen Ausgehend von der Stelle in unserem Wochenabschnitt, wo von der Verpflichtung des Zeugen die Rede ist, seine Aussage zu machen und es einem Menschen verboten ist, seine Kenntnis von einer Tat dem Gerichtshof zu verheimlichen, lenkt sich der Blick auf die Gesetze, die mit dem Problem der Zeugen zusammenhängen. Grundsätzlich gilt nur die Aussage zweier Zeugen, Das geht bei Prozessen, bei denen es zu einer Todesstrafe kommen kann, sogar so weit, daß beide Zeugen denselben Tatbestand gleichzeitig gesehen haben sollen. Bei Qcldprozessen jedoch kann man zwei unabhängige Aussagen verschiedener Zeugen, die indirekt denselben Tatbestand beleuchten, zusammenziehen zu einem gültigen Zeugnis. Es ist nicht jeder als Zeuge zugelassen. So sind z. B. Frauen, Kinder, Sklaven, Blinde, Taubstumme nicht zur Aussage zugelassen. Auch Menschen, die das Religionsgcsetz übertreten, können vor dem jüdischen Beth Diu nicht Zeugnis ablegen. Interessant ist, dali auch Zeugen, die ihr Geld auf unreelle Weise verdienen, nicht anerkannt werden. Berufsmäßige Spieler, Menschen, die davon leben, daß sie Wetten abschließen, solche, die Geld gegen Zins ausleihen, ja, sogar Hirten sind nicht zugelassen, da man annimmt, daß sie das Vieh auf fremden Weideplätzen weiden lassen. Alle diese Vorschriften haben den Sinn, die Richtigkeit der Aussage soweit wie möglich zu sichern. Zum Wochenabschnitt Dieser Schab!«nt gehört zu man drei Gesetzesrolleti her man den Wochennb.schnitt vor vom Neumondsopfer, da diese und aus der dritten aus II. Abschnitt erzählt von der In Nissan und von der Vorherr eingehenderen Studium dieser wir auf da;, von B. S. J a c o hin, welches durch die H.mh W50, Augshurger Str. 00, zu den seltenen Fällen, an denen ausnimmt. Aus der ersten liest; aus der zweiten den Abschnitt r Schabbat Rosch Chodesch ist R. M. Kap. 12, 1—2t. Dieser ■hinderen Stellung des Monats itung des Pcßaeh-Opfers. Zum beiden letzten Fragen weisen hson verfaßte Buch „Pcßach" i'Vi d°s Zeire Misrachi, Berlin beziehen ist. I. E. Die Entwicklung der Aggadah (VI.) Aggadlsche Persönlichkeiten Hoschaja oder Uschaja Rabba, der Große oder Aeltere, war ein Schüler Bar Kapparns und R. Chijas und lebte in der Generation nach R. Jehuda ha-Nassi, in der ersten Hälfte des III. nachchristlichen Jahrhunderts. Hoschaja war das Haupt einer Schule zuerst in Galiläa und später in der Residenz des römischen Statthalters, in Casaren und gilt als Urheber von grollen aggadischen Traditionssammlungen (der Midrasch Rereschit galt, allerdings zu Unrecht, als das Werk Hoschajas). In Cäsarea wohnte damals der berühmte Kirchenvater Origines, mit dem Hoschaja zu verkehren pflegte, und vielleicht ist auch manche polemische Spitze, die von ihm überliefert wird, gegen die Bibeldeutung Origines' gewesen. Einer seiner bekanntesten Schüler war der Haiachist R. Jochanan b. Napacha. Lehren und Aussprüche: Taan. 7a wird von R. Hoschaja überliefert: Die Thora ist deshalb den drei Getränken (Wasser, Wein und Milch nach Jes. 55, 1) verglichen, um zu sagen: So wie sich diese Getränke nur in geringwertigen Tongefäßen erhalten können, so erhalten sich die Worte der Lehre nur in jenem Menschen, der wie ein Tongefäß äußerlich unansehnlich ist. ~ Nedarim 32a heißt es von ihm: Wer sich selbst innerlich vervollkommnet (eigentlich „ganz macht" D,öna, man vergleiche hierzu V. B. M. 18, 13 „Ganz sollst du sein mit deinem Ootte"), dem steht auch die Stunde (sein Glück) bei. — Größer ist die Heiligung des göttlichen Namens als die Verhütung seiner Entweihung (Jer. Kid. 65c). Joschua ben Levi zahlt zweifellos zu den hervorragendsten AmoMern der ersten Hälfte des III. Jahrhunderts. Als Vorsteher der Akademie in Lvdda, im Süden Judäas, genoß er hohes Ansehen. Die Aggadah nahm einen großen Platz in seinen Lchrvortragen ein; zahlreiche Aussprüche und Eine peinliche Frage Um die jüdische Mutter Von unserem Berichterstatter J. R. Wien, 7. März Lebhaftes Interesse erweckt die Entscheidung eines Wiener Gerichts in einem grundsätzlich bemerkenswerten Prozeß, über dessen Vorgeschichte wir hier („Jüdische Rundschau" vom 22. Januar) berichtet haben. Es handelte sich um die jüdische Abstammung der Wiener Frauenrechtlerin und Präsidentin der Frauenscnaft, Frau Helene G r a n i t s c h. Im Februar 1936 hatte sich Helene Granitsch an den Wiener Romancier Dr. Kurt Sonnenfeld mit der Bitte gewandt, zu ihrem sechzigsten Geburtstag ihre Biographic zu schreiben. Dr, Sonncnfeld schloß hierauf mit der Freundin von Frau Granitsch, der Sekretärin der Frauenschaft und Herausgeberin der Zeitschrift „Die österreichische Frau", Carola Petzel, einen Vertrag ab, worin er sich zur Abfassung der Biographie der Frau Granitsch bis zu einem bestimmten Termin verpflichtete, was er auch einhielt. Doch bedang sich Dr. Kurt Sonnenfela vertragsmäßig ausdrücklich aus, daß die Biographie nicht von, der Hauptfigur der Lebensdarstellting zensuriert werden dürfe. Frau Helene Granitsch wandte sich an Dr. Sonnenfcld mit der Bitte, die Gestalt ihrer Mutter aus dem Buch völlig zu entfernen. Denn durch die im Manuskript enthaltene Bemerkung, daß die Mutter der Frau Helene Granitsch aus einer Prager Industriellenfamilie stamme, könne man auf die Spur kommen, daß es sich um eine jüdische Familie — die Präger Familie Schick — handle. Frau Granitsch begründete dieses Ansuchen damit, daß sie anläßlich ihres 00. Oeburtstages Auszeichnungen erhoffe und daß e» mit Rücksicht auf diese zu erwartenden Auszeichnungen nicht zweckmäßig sei, wenn ihre jüdische Herkunft mütterlicherseits bekannt würde. Sonnenfcld lehnte diese Zumutung ab und erklärte, Frau Granitsch habe so oft die Liebe zwischen Mutter und Kind in Vorträgen und Zeitungsartikeln verherrlicht, daß ihn die Art, in der sie ihre Mutter verleugnet, sonderbar berühre. Auch dem Verlangen, zwei Distanzicrungsk 1 a u s e I n aus der Schrift zu entfernen, in denen der Biograph erklärte, sich nicht mit Frau Granitsch und ihrem Lebenswerk zu identifizieren, kam Dr. Sonnenfeld nicht nach, worauf Frau Granitsch von der Veröffentlichung des Buches zurücktrat. Dr. Sonnenfcld. der die Arbeit termingerecht fertiggestellt und bei Vertragsabschluß einen Vorschuß von 800 Schilling erhalten hatte, brachte nun wegen des Nichterscheinens des Buches gegen die Herausgeberin der Zeitschrift „Die österreichische Frau", Carola Petzel, eine Klage auf zwei» tausend Schilling Schadenersatz ein. Das Beweisverfahren ergab, daß sich Dr. Sonnenfeld deshalb von Frau Granitsch ausdrücklich distanziert hatte, weil sie wiederholt Proben einer erstaunlichen Anpassungsfähigkeit in Oesinnungsfragen gegeben hatte. Nun hatte dieser Tage das Bezirksgericht Innere Stadt in Wien zu Recht erkannt, daß das Klagebegehren Dr. Kurt Sonnenfelds dem Grunde nach zu Recht besteht. Frau Granitsch erschien kein einziges Mal bei den zahlreichen Verhandlungen, zu denen sie als Zeugin geladen war. Lehren werden von ihm überliefert. Das Volk sah in ihm, wegen seiner Frömmigkeit und Milde, einen geheiligten Mann und verehrte ihn sehr. Es wob um ihn einen herrlichen Kranz, von Legenden. So wird von ihm berichtet, er sei in der Weltstadt Rom dem Messias begegnet, und der Prophet Elia war einer seiner ständigen Gefährten. Auch im Mittelalter nahm sein Ruhm nicht ab. Er galt danr's nls Verfasser einer sehr verbreiteten apokalyptischen Schrift „Maasse de R. Jehoschua b. Levi'', worin erzählt wird, wie joschua einst ins Paradies und dann in die Hölle gelangte und was er da erlebt hat. Lehren und Aussprüche: Zwietracht (Parteiuncen) ist so schwer wie die Sünde des Sintflutgeschlechtes (Her. R. 26). — Komm und siehe, wie groß die Demütigung vor Gott geachtet wird: Solange das Heiligtum bestand, brachte jemand irgendeine Opfergattung dar und war des Lohnes für dieselbe gewärtig; aber wessen Sinn demütig; ist, dem rechnet es die Thora so an (Ps. 51, 10), als hätte er sämtliche Opfertaten dargebracht, und auch sein Gebet wird nicht verschmäht. — Wunderbar ist auch sein Ausspruch über den hohen sittlichen Wert des Friedens für die Welt: „Groß ist der Friede, denn er ist für die Erde das, was der Sauerteig dem Teige. Hätte Gott nicht den Frieden auf die Erde gesetzt, sie würde vom Schwert und vom Wild entvölkert werden (Derech Erez, Kap. Der Friede). J. M. Hebräische Vorbereitungskurse Breslau. Für junge Menschen, die mindestens die mittlere Reife besitzen und Neigung zum Lehrerberuf haben, besteht neben den bekannten Möglichkeiten der Ausbildung an den Lehrerbildungsanstalten noch eine andere weniger bekannte. Seit Ostern 1935 existieren in Breslau in loser Verbindung mit dem Jüdisch-Theologischen Seminar Ausbildungskurse des Hebräischen Sprachvereins, deren Hauptaufgabe es ist, junge Mensenen zum Eintritt in ein palästinensisches Lehrerseminar vorzubereiten. Diese Kurse sind seitens der beiden Lehrerseminare in Jerusalem nicht nur als Ausbildungsstätte, sondern auch als Vorprüfungsämter anerkannt. Junge Menschen, die nicht die Möglichkeit oder die Eignung haben, nach Jerusalem zu gehen, können nach Beendigung dieser Kurse nach zusätzlichem Unterricht eine Prüfung als Sprachlehrer ablegen, welche sie zur Anstellung an einer hebräischen Sprachschule befähigt. Diese Prüfung wird unter gewissen Voraussetzungen in der Weise ergänzt werden können, daß die Absolventen auch an jüdischen Schulen Beschäftigung finden können. Anfragen mit Nachweis der allgemeinen und judaistischen Vorbildung beantwortet die Leitung der Kurse. Anschrift: Dozent Dr. Lcwkowitz, Breslau, WalTstr. 14. (Semesterbegiun 15. April.) Die Gesellschaft „Ort" teilt uns mit: Die Vorbereitungen zur Errichtung der geplanten Jüdischen Lehranstalt für gewerbliche Ausbildung des „Ort" in Berlin sind so weit gediehen, daß mit der Eröffnung Anfang April gerechnet werden kann. Die Lehranstalt bezweckt: a) jüdischen Jugendlichen zur Vorbereitung ihrer Auswanderung durch systematisches praktisches Arbeiten in Lehrwerkstätten und durch ergänzenden theoretischen Unterricht eine gründliche fachliche Ausbildung in verschiedenen Zweigen des Handwerks und des Gewerbes zu geben; b) jüdischen Jugendlichen, die ihre Ausbildung außerhalb dieser Lehranstalt erfahren, die Möglichkeit zur Ergänzung ihrer fachlichen Ausbildung zu geben; c) jüdischen Erwachsenen, die zwecks Auswanderung ihren bisherigen Beruf wechseln wollen, die Möglichkeit zu geben, in Kursen mit abgekürztem Lehrprogramm sich Kenntnisse in Spezialfächern anzueignen. Es sollen zunächst folgende Abteilungen eingerichtet werden: 1. Lehrgänge für männliche Jugendliche: 1. Abteilung für Gas-, Wasser- und sanitäre Anlagen; 2. Abteilung zur Aulbildung von Spczialmechanikern (Büromaschinen, Nähmaschinen, Fahrräder u. a.); 3. Abteilung für Elektrotechnik. Ausbildungszeit für jede Abteilung drei Jahre. II. Lehrgänge für weibliche Jugendliche: 1. Abteilung für Korsettmacnerei; 2. Abteilung für Putzmaeherei (Ausbildungszeit für jede Abteilung zwei bis drei Jahre). III. Kurse für Erwachsene: 1. Kursus für Korscltmacherei (Ausbildungszeit ein Jährt; 2. Kursus für Putzmaeherei (Ausbildungszeit ein Jahr); 3. Kursus für Gas-, Wasser- und sanitäre Anlagen (Ausbildungszeit eineinhalb Jahre); 4. Kursus für elektrische Installationen (Ausbildungszeit eineinhalb Jahre). Die Anzahl der aufzunehmenden Schüler bzw. Kursusteilnehmer ist begrenzt. Anmeldungen müssen bis spätestens 20. März bei der Gesellschaft „Ort", Abt. Deutschland e. V., Berlin W 15, Pariser Str. 11, eingereicht werden, wo auch alle näheren Informationen erteilt werden. Die „Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland" (Philo Verlag, Berlin W15) eröffnete soeben Ihren 7. Jahrgang. Das neue Heft enthält eine anregende Arbeit von Dr. Hans Bach „Der Bibel'sche Orient und sein Verfasser", in der die Frage erörtert wird, ob jene anonyme Schrift von 1821 von dem Chacham Bernays oder von dessen protestantischem Freund v. Kalb stamme. Dr. Selma Stern« Täubler befaßt sich in einer Abhandlung über „Die Bchördenorganisation Friedrich Wilhelms I. und die Juden" mit der Neuordnung der jüdischen Verfassung im damaligen Preußen. Rabbiner Dr. Hcymann Chone beschäftigt sich mit der Person und dem Wirken des im 15. Jahrhundert lebenden Rabbi Joseph von Schlettstadt, der zu der großen Familie Treves gehörte. Eine Miszelle von Oemeinderabbiner _ Dr. Adolf Kober über die Juden in der rheinischen Gemeinde Bornheim und ein Besprechtmgsteil beschließen das Heft. Zahnschmerz. Ii«r\ orroit. H ikki-n.sehmeiv.c-ti von der Arbeit betäubt man. indem man noch heftiger arbeitet und seinem Körper befiehlt: Zerbriclr* Im Akkord ist die Schnelligkeit der vermittelnden Zwiic■henbewegungen, der Transport bowegungen \<m gr<.IVr Wichtigkeit. Ks empfiehlt sich, bei Beendigung eines Baumes zu dem zweiten nur sprungartig überzugehen. So halte ich w enigstens den Abstand von sieben Bäumen Ins zum Schluß der Reihe. Vom siebenten Daum an hin ich so schnell gegangen wie die andern. D,e Alten staunen. Sie machen nach Beendigung ihrer Reihe kehrt und arbeiten mich mit meinen sieben Bäumen heraus. Ich hört", wie Huhlcw, der Packer von neulieh und der neue Direktor des Pardoss, zu einem anderen Alten, der Ben F./.t« heißt und bcine rechte Hand zu sein scheint, etwas \r,n ..N'cschummch'' sagt, diese Chuluzim legten ihre ganze Ncsthummeh in die Arbeit, und so lernten sie arbeiten. Er und Ben F./.evv verschw iiiden nachher, im Laufe des Vormittags, so daß ich allein mit liagescher und Darki arbeite. Wir machen bis zum Mittagessen jeder zweieinhalb Reihen, hundert Baume. Es gelingt mir, jedesmal mit einem Abstand von nur drei Baumen hinter den andern aus dem Wettlauf hervorzugehen. Natürlich sehe ich deutlich, daß Qualität und Genauigkeit meiner Teller weit zurückstehen hinter denen der andern. Von Reihe zu Reihe ruhen wir zehn Minuten, zuletzt sitzen wir ganz vertraulich zusammen, im Schatten der Zypressen, die Turiot zwischen den Beinen, Darki schiebt plötzlieb seinen Kopf in meinen Schoß und legt sich ausgestreckt hin, während ich mit Hagescher, verlegen und gerührt über Darkis Annäherung, ein GesprBch zu führen versuche, dem Darki schweigend zuhört. Wir sprechen über die chaltizische Erziehung. Er versteht mich sehlecht, aus sprachlichen Gründen, und ich verstehe ihn auch nicht besonders, aber es sind Friede und Freundschaft zwischen uns, und ich merke, daß ich ihm gefalle. Das bat zur Folge, daß er mir. gefüllt. Ich bin zwar sehr müde, aber meine geistige Verfassung ist derart, daß ich aufhöre, den Körper zu spüren, daß ich imstande bin. ehrlich zu sagen: es sei gar nicht so schlimm, das Tcllerhacken. * Da öffnet Darki zum erstenmal den Mund und sagt etwas zu mir. Er sagt, er habe die Hoffnung, ich würde im Laufe der Zeit ein guter Arbeiter werden. * Vierzehn Tage wohne ich neben Korrohs. Dann muß ich hinaus, weil die Jugcndalijah in dieses Haus einzieht. Zwei Togo wohne ich anschließend in einer Schilfhiitte, neben Härtel, der eine hämische Freude daran hat, daß ich in seine Nähe zurück muß. Ich hatte Hanni und Bnrtel in der letzten Zeit ganz vergessen, Ich bin so angefüllt mit den Erlebnissen, die ich im Pordess habe, daß ich gar nicht mehr weiß, ob es noch eine neue deutsche Alijah gibt in Tel Ilamon, die an Flachheit leidet. Im Nu ist Bnrtel wieder gut Freund mit. mir. Dm, sagt er und nimmt mich auf die Seite, gestern sind meine Kisten gekommen. Wenn du keinem Menschen hier in Tel Hnmon weiter erzählst, was du siehst, dann will ich dir etwas Schönes zeigen. Um einen schiefstehenden Mast hängen die Fetzen eines ehemaligen Zeltes, da hat Bartel Stricke angebracht, die gestatten, diese Fetzen von außen fest zuzuschließen. Jetzt öffnet er seine Höhle und führt mich hinein in Dämmerung. Ich sehe einige mittelgroße Ilolztruhen stehen, die mit Eisen beschlagen sind, und erlebe, daß Bartel eine Truhe nach der anderen aufschließt und mir funkelnagelneues Tischler« erkzeug ausbreitet, das genügt, um eine Tischlerei für fünf bis sechs Arbeiter einzurichten. Hannis Gesicht guckt durch einen Spalt, sie löehelt und fragt geheimnisvoll: Darf man hereinkommen? An ihrer Geheimnistuerei merke ich, daß sie schon seit langem eingeweiht ist. Ich kann es nicht genau beurteilen, es ist nicht besonders hell hier im Zelt, zumal Bartel sich beeilt, die Klappe nach Hannis Eintritt wieder von innen zu verschließen, aber mir scheint, daß Hanni stolz ist, und obendrein, wie komisch, auf eine Sache, die ihr gar nicht gehört. Und dann kommt der Tag, wo ich mittags im Pariess die Pferde anspanne und sie mit der Peitsche in den peitschenden Regen hinausjage, es ist ein römisches Wagenrennen, ich muß ia meine Sachen retten, die zu Hause in der Schilfhütte dem Hegen preisgegeben sind. Nach zehn Minuten sause ich in dem Mesehek ein, die Peitsche schwingend. Ich habe einen Plan und fahre geradesweg» zur Schlosserei, wo ich rasch mit dem gegenwärtigen Chef die nötigen Verhandlungen abschließe, die mich berechtigen, sechs große Wellbleche aufzuladen, zu meiner Schilfhütte zu fahren und sie dort schützend auf das Dach zu legen. Der Chef der Schlosserei ist ein Deutscher und bittet mich: Aber bringe wirklich die Blech« wieder zurück, wenn du ins Zelt einziehst und sie nicht mehr brauchst. Ich habe sie bis heute nicht zurückgebracht. Noch heut« bedrückt diese Sache mein Gewissen. Fast scheint es wir, als bin ich schuld an dem Defizit, mit dem die Schlosserei aus ihrem Wirtschaftsjahr hervorging. Wie ein Wahnsinniger habe ich die Pferde zu meiner Schilfhültc gepeitscht, die Bleche auf das Dach geworfen, große Steine nachgerolit und bin zurückgesaust in den Pardess, um weiterzuarbeiten. Aber abends standen alle Schil matten und ihre Inhalte, auch meine, tief in Botz. Wieder begann Bartel, mit König herumzuschreien, das alte Theater ging von neuem los. Bis wir alle drei, Bartel, Hanni und ich, in ein Zelt kamen. Den erhöhten Fußboden dieses Zeltes habe ich gemacht, den Spitzbogenmast, der die Mitte des Zeltes frei läßt, und die Möbel hat Bartel gemacht, und Hanni hat aus ihrem Koffer hübsche Tischdecken gespendet, so daß wir nach und nach zu einem gemütlichen Heim gekommen sind, * . An einem der Chnnukknhabende wird eine riesige höl« zerne Menorah, Königs Werk, vor dem Chadar Ochcl auf. gestellt, neben dem großen Eisenring, wo man zu Mahlzeiten und Versammlungen lautet. Bei Einbruch der Dunkelheit klettert er an dem großen Ilolzmast hinauf und zündet die neun Fackeln an. Zwei Mauern einer stummen Masse schauen seiner artistischen Darbietung zu: eine Mauer unten, halb» kreisförmig, und eine Mauer oben auf der Veranda des Chadar Ochels. In dem Augenblick, wo alle neun Fackeln brennen, ertönen Bewunderungsrufe, man beginnt zu singen, unter stimmlicher Führung des Chors. Was für ein Schauspiel: die uralte jüdische Menorah, in Riesenformat in die Nacht gestellt, der Wind peitschte die Fackeln und könnt» sie nicht klein kriegen, ein neunzackiges Flammenschwert der in die Wildnis vordringenden jüdischen Kolonisation. Zwei Kreise eng verflochtener Tänzer drehen sich ineinander. Da ein Tänzer die Schultern des andern umfaßt und den Nachbarn fest umklammert, geschieht es, bei der eich steigernden Wildheit des Tanzes, bei der natürlichen Zentrifugalkraft des sich schleudernden Kreises, daß eine gewisse physikalische Spannung die Glieder der Kette zusammenhält und den schflbigen Bezug dieser Glieder zum Platzen bringt: Blusen, Hemden, Kleider, ein Riß entsteht, wachst plötzlich, laßt weißes Fleisch Vorschauen. Sehr häufig sieht man, daß hier jemand aus dem Kreis herausspringt und dort jemand hinein, der eine ist mfide und will ruhen, der andere hat Lust bekommen, ein paar Runden mitzumachen. Dann fahren die zwei Enden des Kreises explosiv auseinander und flattern eine Weile in der Luft, bis sie sich wieder finden und schließen. (ForUetxung folgt)