Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 19 (9.3.1937)
- Date
- 1937-03-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 19, 9. I1I.193> JODISCHE RUNDSCHAU Seite 5 Warum keine hebräischen Bücher? Es wird häufig darüber Klage geführt, daß die wichtigsten Erscheinungen des hebräischen Büchermarktes, insbesondere aus Palästina, in manchen Ländern Europas nur sehr schwer erhältlich sind. Eine Zuschrift, die wir in unserer Briefrubrik veröffentlichen, beschuldigt den jüdischen Buchhandel. Es ist aber allgemein bekannt, daß auch Schwierigkeiten anderer Art entgegenstehen, die sich zum Teil aus den Außenhandels- und Devisenvorschriften der europäischen Länder ergeben. Eine wirkliche jüdische Bildungsgemeinschaft und Anschluß an den hebräisch sprechenden Kern des jüdischen Volkes ist aber nur möglich bei einer entsprechenden Anteilnahme an den hebräischen Publikationen. Was Deutschland betrifft, so sind die hiesigen Juden, die sich um Aneignung des hebräischen Kulturgutes bemühen, besonders stark auf solche Bücher angewiesen. Die Juden Deutschlands haben durch mehr als ein Jahrhundert literarisch ausschließlich in der deutschen Welt gelebt und die deutsche Literatur als ihre geistige Heimat empfunden. Sic sind jetzt auf das jüdische Gebiet verwiesen, und wenn sie auch an der europäischen Welt und ihrer Literatur nach wie vor das stärkste geistige Interesse nehmen, so wäre es doch in dieser Situation sonderbar, wenn sie von der immer wichtiger werdenden hebräischen Literatur abgeschnitten wären. Die staatliche Kulturpolitik in Deutschland fördert eine Zuwendung der Juden zum Jüdischen. Es müßte also u. E. ein Weg gefunden werden, um den palästinensischen Büchern einen Zugang zum jüdischen Leser in Deutschland zu öffnen. Dies um so mehr, als, wie sich aus einer kürzlich (in Nr. 4 der „J. R.") von uns veröffentlichten Statistik ergibt, Deutschland im Büchcrimport nach Palästina an erster Stelle unter allen importierenden Ländern steht, während erst an zweiter Stelle England und an dritter Stelle Polen kommt (das kaum ein Drittel Deutschlands erreicht). Daraus ergibt sich, daß auch bei einem Austausch von Büchern, der den relativ kleinen Bedarf der Juden in Deutschland an hebräischer Literatur berücksichtigt, noch immer ein großer Exportüberschuß zugunsten von Deutschland verbleibt. Die Möglichkeiten solcher Transaktionen im einzelnen zu prüfen, ist nicht unsere Sache. Wir würden es aber begrüßen, wenn zuständige Stellen, etwa das Bildungsressort der Reichs Vertretung, den Versuch machte, in dieser wichtigen Einzelfragc Abhilfe zu schaffen. Briefe an die Redaktion Agudah und Zionismus IN ALLER KURZE In einem Aufsatz, über die Arbeit der Reichsstelle für Sippenforschung, der im „Iserlohner Kreisanzeiger" veröffentlicht wird, wird mitgeteilt, daß innerhalb der Reichsstelle eine Kartei eingerichtet worden ist, bei der auf die Erfassung sämtlicher fremdblütiger Einschläge im deutschen Volk besonderer Wert gelegt wird. In der Kartei sind bisher etwa 300000 Juden und jüdische Mischlinge enthalten. Ferner bestehen einige kleinere Sonderkarteien u. a. über Faniilicnanzcigcn aus jüdischen Zeitungen. Zu dem Pavillon, in dem" auf der Pariser Welt- Ausstellung das Berufsschulwesen der Oesellschaft ORT zur Förderung der Landwirtschaft und des Handwerks unter den Juden gezeigt werden soll, ist am 3. März feierlich der Grundstein gelegt worden. Ansprachen hielten der französische Unterrichtsminister Jean Z a y, der Handelsminister Paul Bastid und der Ausstellungskommissar der französischen Regierung L' A b e y. Der Präger Stadtrat benannte eine Straße der Hauptstadt nach dem amerikanischen Oberrichter Louis D. Brand eis im Gedenken der Dienste, die er Präsident Masaryk bei seiner politischen Tätigkeit während des Weltkrieges in den Vereinigten Staaten erwiesen hat. Aus Anlaß dieser Ehrung würdigten viele hiesige Blätter die Persönlichkeit Brandeis', dessen Vater Mitte des vorigen Jahrhunderts aus Prag nach Amerika ausgewandert ist. Die in Pittsburgh tagende XIX. Jahreskonferenz der Frauenliga der United Synagogue of America hat beschlossen, an die Regierung von Großbritannien eine Petition zu richten, in der gebeten wird, den Grundsatz der wirtschaftlichen Aufnahmefähigkeit Palästinas, der für die Regelung der jüdischen Einwanderung in das Land Maßgebend ist, großzügiger als bisher zu interpretieren. In Warschau hat der Verband der Beamten der Militärverwaltung beschlossen, alle jüdischen Mitglieder auszuschließen. Einem ncugewähltcn Vorstand wurde empfohlen, sämtliche Beziehungen zu jüdischen Firmen abzubrechen. In Lörrach wurde von Her Stadtverwaltung und dem Reichsnährstand ein judenfreier Pferdemarkt abgehalten. In Kassel wurde die Judengassc umbenannt. Der „J e w i s h T e rn p o r a r y S h e 11 e r" in London feiert in diesen Tagen das 50jährige Bestehen unter Leitung seines Präsidenten, Otto Schiff. Im Laufe seiner Tätigkeit hat die Institution mehr als 1 180000 Auswanderern Hilfe geleistet. Das Speisezimmer Theodor Herzls ist von einem Herzl- Verehrer aus Polen, N. A. Guttmann, erworben worden. Herr Guttmann beabsichtigt, diese Einrichtungsgegenstände dem in Jerusalem zu errichtenden Herzl-Institut zu widmen. In Casablanca hat eine Konferenz der marokkanischen Zionistcn stattgefunden, an der zahlreiche Delegierte aus fast allen jüdischen Gemeinden Marokkos teilnahmen. Postschlüsse nach Uebersee Vom 9. März bis 16. März (Abkürzungen: PA. =» Postamt; BPA. Bahnpostamt; Flh. Flughafen) Palästina. Schiff: Q. März Frankfurt a. M. (BPA. 10) 19 Uhr; 10. März München (BPA. 1) 0 Uhr; 12. März Hamburg (PA. 1) 15 Uhr; 16. März München (BPA. 1) 9 Uhr; 16. März Frankfurt a. M. (BPA. 10) 19 Uhr; 17. März München (BPA. 1) 9 Uhr. — Bahn: 11., 13., 15. Mär/. München (BPA. 1) 9 Uhr (Leitvermerk: „via Belgrad— Alcppo"). — Luft: 10., 13., 17. März Berlin (PA. C 2) 6 Uhr; 10., 13., 17. März München (BPA. 1) 10 Uhr. Vereinigte Staaten von Nordamerika. Schiff: 10. März Hamburg (PA. 1) 10 Uhr; 11. März Berlin (PA. C 2) 8 Uhr zu fürther ßergbräu überall beliebt „Europa" 12. März Chcrbourg. — 15. März Hamburg (PA. 1) 19 Uhr; 16. März Berlin (PA. C 2) 8 Uhr zu „Queen Mary" 17. März Chcrbourg. — Luft: Fahrten des Luftschiffes „Hindenburg" und Nachbringeflüge von Köln zum Dampfer finden bis auf weiterges nicht statt. Südamerika. Schiff: 11. März Berlin (PA. C 2) 17 Uhr; 11. März Frankfurt a. M. (BPA. 19) 19 Uhr; 12. März München (BPA. 1) 9 Uhr zu „Occania" 13. März Neapel. — 15. März Berlin (PA. C 2) 17 Uhr; 15. März Köln (BPA. 10) 21 Uhr; 16. Mär? Frankfurt a. M. (BPA. 19) 8 Uhr zu „Massilia" 18. März Bordeaux. — Luft: 10. März Berlin (PA. C 2) 21 Uhr; 10. März Frankfurt a. M. (BPA. 19 oder Flh.) 24 Uhr Deutsche Lufthansa. — 13. März Berlin (PA. C 2) 9 Uhr; 13. März Frankfurt a. M. ^BPA. 19 oder Flh.) 13 Uhr Air France. Südafrika. Schiff: 10. März Berlin (PA. C 2) 18 Uhr; 10. März Köln (BPA. 10) 21 Uhr zu „Balmoral Castle" 12. März Southampton nach Kapstadt, Johannesburg und Pretoria. — Luft: 9., 12., 16. Marz Berlin (PA. C 2) 20 Uhr; 9., 12., 16. März München (BPA. 1) 24 Uhr. Juden und Jüdisches im Rundfunk Dienstag, 9. März: Brüssel (322), 18: Schallplattm: AI Jolson singt zwei Lieder; S. Tin ker singt" „Jiddische Mamnic". Mittwoch, 10. MSrii UnWl (franz.). 21: Möhlers 3. Sinfonie. Donnerstag, lt. März: BnU'-el (franz.). 19.30: Oberkantor Richard Cohn: lle-braixlie Glinge. — Midland-Rrgional (296). 20.30: Kluis, Oratorium von MendeUsohn. — Nizza (253), 21.30: Hoff, manns Erzählungen, Oper von Oflr-nbach. — Monte Ccneri: ,,lbe Revohi-liorislax'lucit", mit Rose Sander in der weiblichen Hauptrolle. Halberstadt, den 7. Miiiz 1937 A:i die Redaktion der „Jüdischen Rundschau" Ich lese das "Interview, welches f)r. Isaac Breuer dein Wiener Berichterstatter der ,, Judithen Rundschau" erteil', hat. Ohne die Motive diccr *tm,tcl>-t theoretischen Inisk'Ihuig der, biihier-, der Agudah zum Zicni-nuis untersuchen zu wollen und ohne die nicht gel ade gluckli>h gewählte (icgciiubt u -tc'Iuiig in diesem Zusammenhange ..der Met :ifih\sil; zur Phvsih" analysieren zu wollen, witd sich jeder /.ioniat inil mir zu-.immcn sehr uher dicken Antaug zur endlichen Kindcht freuen, dali wii eui Volk sind, in ihm ,.\cischiedenc Antius-uiigen und Ideologien^ vcitrei.n sin!, die, venu sie au< h, n c h An-ich' des Hein: Dr. Breuer, „eine klare Abgrenzung . iiahien niu-.- sen", so doch gerade de «vgl t,, weit sie dann .,eiu>- -i< it'ir ( o - wahr tu-- die kc .; >■ :.' a r':'ir d Kuck-ichtnahrne" gccen-iuuM ictOll W( iden. UillC' Ii de:;' mcin-aiiicu Aibcu :ui den Amliau Kiez 1-lacls im! bc'u L c :,. tlgou 'Uni. A'i. h ':!'■! : e ■;. 1 ni' hl unle: -in in n. sh die /. a - ni -t is, he tilg oi:.-.,' eui in .lau ( igelicii Rrüiui keine i c -a"!,' >,■":■ gexUze a mir l hib«!"C! aufweia, die allem in d-i I.,..;.;■'. zumal sie duicb un-a;e eu nc si-ingiolir Hea c-ung dal .:; ie ine-u.i I Is brbii uh 11 'a 11 d. d'U Auto: :ta' zu vci - Icitii n. Ich aber nieine. ob es nicht an der Zeit wäre, gerade in den Hochburgen der Agudah in der (kdulh, die heute genau so wie früher, als Herr Dr. Himer noch an.ine Theorien entwickelte und vei breit etc. hinter ihm stellen dürften, dahin zu wuken, dat. dorr dlc-e neuen, begiuberiswertcn An-ichbn lit nur eine Vertiefung eiluhn n, sondern, wauin auch langsam, e:uer Realisierung zugrtuai! werdi in In dic-.ru], tclb nur li.idile .Heilen Hochburgen der Agud.di im Rei. he (traditionellti dc.'.vrgi n, weil sie zahl, ntn.ii.'ug gctiati wie in i laiber.-dudt uberhaupt in bt mehr beteiam), hall: man es im Jahre 1937 aus leinen maiencilen Ciundci; Mir zwrs-kniabig, mit Hille der Hegne: des Puhl-t Ina-Aufbaues und de 7 : ml Ulli! -. zi"lli-l i -i be Aiitbaicitbrit in der tkduth zu bcrlnti.c htlgcii. jeden zioniui- -. |,eii bintlub in 'Jen (lenieinilcn mit Hille ibc-,cr liuiides- Wci.a Hr. Bremu meint, da3 .esi.i .ik i i be / u -um uieiiai beif: bell :l /V. .. ie-U d. 1' Agudah II'.1(1 Le b «eh Arm v ]k o-ht. .,r> I'. die ■r da- K.u 1 S;> i n d e 1 Hebräisdi im Leben le 2. Ab.rz li'37 -Sehr geehrte Kebikiiou! Zu Ihrem I'>c1i iu libei ,,I 1 rhral-cb un 1 ei reu" au - I < I Au : .v sei mir erlaub: zu bemcikcu, dab man v icl mehr hc! ua i . hc l'ueher hier verkaufen konnte und Itsen wurde, wenn man de nur Ii e k a ni e. I be S.„ he i -t nun einmal so, dali hier ein hebräisches Buch gar nicht zu haben ist. Man ist einfach in Verlegenheit!, wenn man z. B. ein hebräisches Buch zum C.eschenk kauten will. Dir- Schuld liegt meiner Meinung nach an der Organisation des Buchhandels. Wenn hier an Ort und Siebe lim her zur A u s wa h 1 \, a ha: ■ Irl) w a i e:„ o nun len ssd'l ä.l. ii die Abnehmer in gar nn ht g. i •!.g, i b h nn me, der iiel ua. i a hc Buchhandel inu '.de «l.iiitr -argen, dal.', die Snrt irnentsi-i Ire Bücher lubreu sollen, wie sie eher: a;„ iet;u ue!.ige Bücher am hager halten, und zu den gleichen Bedingungen. In vorzüglicher Hochachtung I >r. S c Ii we i g *#* Teihvebe durfte;!er auch in Deiitx hlancl Millibare Mangel au! die l)n i - e n g r s e t i: e der europäischen Lander zurückzuführen -ein. (Red.) Unruhen in Tunis. Unser Pariser K-Berichterstatter schreibt uns: In dein tunesischen Minenbezirk ist es zu schweren Zusammenstoßen /wischen Streikenden und der Gendarmerie gekommen. Das Wiederaufleben der Unruhen unter den Eingeborenen in Tunis hat auch in jüdischen Kreisen Besorgnisse hervorgerufen. Bereits vor einigen "Tagen kam es in der Stadt Tunis selbst zu heftigen Zusammenstößen anläßlich eines Vortrages .gegen den Antisemitismus. Als es /.wischen Anhängern der Linksparteien und Rechts« radikalen zu Schlägereien kam, bildete sich ein Demonstrations/ug, der unter antijiidisehen Schinährufen das ( n schattsviertcl von Tunis durchzog-, in tile herbeigerufenen Gendarmen und Polizei gelang es, die Manifestation aufzulösen, wobei es Verletzte gab. Nachdruck verboten Alle (such Uebersetzungs-) Rechte vorbehalten Eins HoMtayvtrviloqit arot«. CHA3MA SCHWARZ 5ir.T?e^e kibbuz 3. Fortsetzunj- Damals ahnte ich noch nichts, fuhr fort, in dieses Madchen verliebt zu sein. Einige Abende danaeh, unten am Stall, die Sonne ging unter und tauchte alles in Rot, stand sie plötzlich allein an einer bestimmten Fx-ke, so, als habe sie auf mich gewartet, denn ich hatte inzwischen gelernt, Pferde ein- und auszuspannen und mußte jeden Abend erst die Pferde im Stall anbinden, bevor ich nach Hause gehen konnte. Ich (lachte, sie habe auf mich gewartet, und sah sie wohl etwas komisch an. Da kam plötzlich von der anderen Seite jener bleiche, schüchterne Knabe gegangen und veranlaßte sie, mit ihm zu gehen, er trieb sie vor sich her und spielte kummervoll mit seinen 1 (finden. Dann wieder, in derselben Stunde, an derselben Stelle, traf ich die beiden eng umschlungen, sie spazierten in den Abend hinaus, in die rote, warme Luft. Ilanni sagt, es ist ein Liebespaar. Sie heißen Ester und Josef. # Nun habe ich vier Wochen in dem Steinhaus gewohnt, mit einem Skorpion zusammen, ich habe ihn nicht zertreten und er hat mich nicht gestochen, aber es scheint, daß wir uns trennen müssen. Eines Tages sind die Zigaretten aus meiner Schachtel ausgeräumt, und auf das Innere des Deckels ist geschrieben: Vielen Dank, die Maurer. Es wird nun täglich, wflhrend ich unten im Pardess bin, in meinem Zimmer gemauert, schließlieh rückt der Tischler an und setzt Fenster und Türen ein, so daß ich außer den Kalkspritzern jetzt auch noch Holzspäne zu beseitigen habe. Bis schließlich eines Abends König kommt, in Begleitung eines Alten, und uns erklärt, daß wir morgen hier herausimüssen, Rartcl, llunnä und ich. Bartel schreit sofort, benimmt sich wie ein Wahnsinniger. Kommt gar nicht in Frage, mein Lieber, sagt er zu König. Das erlaube ich nicht. Vielleicht soll ich draußen auf dem Feld übernachten und mir Reißen holen? Und wenn ich bis zur Maskiruth gehen muß: Bevor ihr mir nicht eine andere Wohnung nachweist, gehe ich hier nicht heraus. König lächelt erst. Dann bewegt sich plötzlich in seinem Gesicht ein bestimmter Muskel, läßt den Ausdruck gefrieren, den Haaransatz um den Affektmillimetcr nach oben wandern, und er sagt mit großem Ernst: Wenn du zur Maskiruth gehst deshalb, dann wirst du erleben, daß man dich hinauswirft, Du erwartest doch wohl nicht, daß man dich sofort in ein Steinhaus setzt, weil du Bartel bist. Es gibt hier Leute, die seit zehn Jahren auf ein Zimmer im Steinhaus warten. Aber Bartel greift nur das Wort auf von dem Hinauswerfen. Er kräht häßlich zurück: Bitte schön, dann werft mich doch hinaus, auf dem Feld übernachten kann ich überall, da brauche ich nicht nach Tel Hamon zu gehen. Wer spricht denn vom Feld Übernachten? fragt König. Ich ahnte nicht, daß Bartel ein ganzes Jahr lang mit diesem Gedanken spielen würde: Zur Maskiruth gehen, Krach schlagen, sich hinauswerfen lassen. Er hat es niemals ausgeführt. Aber er hat immer häßliche Stimmungen gemacht mit diesen Worten. Und von dem Reißen, das er erst erwerben zu wollen behauptete, erklärte er später, daß es bei ihm chronisch sei und ihm verbiete, sich in bestimmte Situationen zu begeben. Zwei Möglichkeiten gibt es jetzt: In eine Schilfhütte zu ziehen oder in die Veranda eines Steinhauses, die zufällig vorübergehend frei ist. Das Los entscheidet. Ich ziehe das Zettelchen für die Veranda im Steinhaus. Jetzt beweise deine Anständigkeit und gebe Hanni den Zettel, denke ich. Ein Mädchen muß geschützt schlafen, im Steinhaus. Aber der Geiz siegt. Eines Morgens werden etwa zehn Hackspaten auf den Wagen geladen, Geräte wie Schippen, nur daß das Eisen nicht in der Ebene des Stieles liegt, sondern senkrecht zu ihr steht, weil man eben mit diesem Gerät mehr hackt als schaufelt. Ich denke sofort: Turia, heute kommt dein großer Tag, heute mußt du dies« Speise kosten, unten im Pardess ziehe ich mit den andern, die Turia geschultert, hinaus in den Kampf. In meinem Rücken murmelt Bartel, tlitß er mal gern so verrückt sein mochte wie ich, freiwillig die Turin zu nehmen, wo mich keiner darum gebeten hat. Die Alten selten mich komisch an. Ich lache. L nd nun stehen wir mit unseren Turioth w ie beim Start in einer Reihe. Jeder hat vor sich eine Linie, die er entlanglaufen muß und deren Bäume sich perspekli\isvh verkürzen bis hinüber zur Zypresscnallee. lau kleiner Gedrungener von den Alten, später erfahre ich, daß er Daiki heilst, sagt zu einem etwas Größeren, Hagescher: Zeige ihm. Hageselicr ist etwas verlegen, aber er überwindet sich und sagt mir ein paar lapidare Dinge, in gebrochenem Deutsch, wobei mir klar wird, daß er zwei Dinge fürchtet: erstens mich zu verwirren durch unnötigen Ballast Theorie und zweitens von mir für herrschsüchtig gehalten zu werden. Habe keine Angst, sagt er. Was soll ich dir viel erklären. Du wirst es schon lernen. Inzwischen starten die andern, werfen herrliche exakte Teller auf, rund um die Bäume, laufen davon, während ich stehe und an dem ersten Baum hcrumkratze. Nun hal>e ich plötzlich doch Angst, weil er sagte, ich soll keine Angst haben, ich umfasse mit beiden Händen die Turia am St ielanfang, da, wo die Legende das Gegengewicht angebracht hat, hebe sie hoch und lasse sie wieder hinuntersausen. Die Erde spritzt, ein .Stein splittert, ich wiederhole diese sinnlose Bewegung einigemal und fange an zuscbwitz.cn. Aber Hagescher erbarmt sich meiner und kommt zurückgelaufen. Warum ich die Turia so krampfhaft mit beiden Händen festhalte, fragt er. Die eine Hand müsse am Stiel auf- und abgleiten, die andere müsse am Schwerpunkt der Turia sitzen, so daß die ganze Sache Gleichgewicht hat, und er macht es mir vor, und die Turia fliegt, und es sieht so aus, als ob er fidelt und elegant, ein Liedchen spielt, in die Erde hinein. Ich will es nun nachmachen, aber es geht nicht. Die andern haben zehn Bäume geschafft, während bei mir der dritte wacklige und häßliche Teller noch nicht fertig ist. Ich schaue auf, taxiere die Reihe ab. vierzig Bäume. Das kann ja gut werden. In dem Augenblick, wo ich Wut bekomme auf meinen steifen Körper, bekommt meine Arbeit plötzlich Richtung und Sinn, einen Gegner sozusagen. Ich schlage um mich, zwinge mit dem Gehirn meinen Körper zu heftigen Bewegungen. Zahnschmerzen l>ctüubt man, indem man die Zähne fest zusammenpreßt und einen noch größeren